Bücherwurmloch

Mary Miller: Always happy hour

Die Schönheit des entzauberten Alltags

„Auf jeden Mann, der Selbstmord begeht, kommt wahrscheinlich ein Dutzend Frauen, die sich einreden, sie allein hätten ihn retten können, hätten sie nur nicht versagt.“

Mary Miller erzählt aus der Sicht von Frauen, und die sind einigermaßen orientierungslos. Sie haben guten Sex und schlechten Sex, wollen den Männern gefallen und lassen sich scheiden, sie studieren wahllos irgendwelche Fächer, haben wenig Freunde und wenig Perspektiven. Gemeinsam ist ihnen ein seltsames Grundgefühl der Enttäuschung, eine allumfassende Antriebslosigkeit. Sie fahren herum, sie schlafen, sie essen, sie machen keine allzu spannenden großen Dinge im Leben, sie vertreiben sich einfach die Zeit.

Bei Kurzgeschichten tritt immer ein eigenartiges Phänomen auf: Ich lese sie und vergesse quasi sofort, was in ihnen geschehen ist. Ich könnte, überspitzt gesagt, von der Story hochblicken und sie schon nicht mehr nacherzählen. Was aber bleibt, ist ein Gefühl. In diesem Fall ein schwer definierbares Gefühl von Langeweile und Verdruss, aber auch von Verbundenheit und Verständnis. Viele Gedankengänge konnte ich absolut nachvollziehen, viele Emotionen auch. Generell fand ich die Figuren weird, allerdings nicht weird genug. Ich hätte mir gewünscht, sie wären verrückter, eigensinniger, spannender – auch wenn mir klar ist, dass genau das der Punkt ist: aus dem Alltag herausgegriffen zu erzählen, das Banale aufzublättern und zu durchleuchten.

Schönster Satz:

„Ich hab ihn nach Hause geschickt, weil mir schon da klar war, dass ich ihn liebe und dass es die Art von Liebe ist, bei der man solche Angst hat, der andere könnte gehen, dass man ihm gar keine andere Wahl lässt.“

Always happy hour von Mary Miller ist erschienen bei Hanser Berlin.

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