Bücherwurmloch

Sofia Rönnow Pessah: Die Männer in meinem Leben

„Nein sagen zu können, ist eine Einbildung. Sex immer nur dann freiwillig, solange er die Freiwilligkeit zulässt.“
Sex ist schwierig, kompliziert, manchmal gefährlich, Sex ist heftig und Mittel zum Zweck, um Nähe zu schaffen, etwas zu erzwingen, ob Befriedigung oder Selbstbestätigung, Sex ist nie einfach nur Sex. Am deutlichsten zeigt das dieses Buch auf: Sofia Rönnow Pessah erzählt darin von den Männern ihres oder eines Lebens. Ob es sich hierbei um Autofiktion handelt – darauf deutet hin, dass die Protagonistin denselben Vornamen trägt – oder nicht, sei dahingestellt, Tatsache aber ist: Das passiert so. Jeden Tag, jede Nacht erleben Frauen, was Sonia erlebt: diese unklare Grenze, ab wann eine sexuelle Handlung unfreiwillig wird. Tief geprägt vom Patriarchat, sind wir geschult darin, unsere sexuellen Reize einzusetzen. Wir glauben, unser Selbstwert spiegle sich im Begehren der anderen, und die anderen, das sind (in diesem Fall, da es fast ausschließlich um heterosexuelle Begegnungen geht) die Männer. Sofia sucht fast jeden Abend den einen, der mit ihr nachhause geht, der sie mit zu sich nimmt, der sie ficken will. Der ihr beweist: Du bist nicht zu fett. Du bist interessant. Du bist gut genug. Du bist, was ich will. Darum geht es: gewollt zu werden.

„Sein steifer Schwanz widert mich an, er widert mich an. Aber am meisten widere ich mich selbst an.“

Dieses Buch ist krass. Ich habe es mit weit aufgerissenen Augen gelesen, ohne Witz, mit großem Verständnis und bitterer Verzweiflung zugleich. Am liebsten wäre ich hineingestiegen, zu Sonia auf die Tanzfläche, hätte den Arm um sie gelegt und gesagt: Komm weg da. Ihr zu folgen, dorthin, wo sie hingeht, tut wahnsinnig weh. Und legt Wunden in jeder Leserin frei, die schon vorher da waren, da bin ich mir ganz sicher. Keine Frau kann das lesen, ohne zu nicken, ohne dunkle Gedanken, die wir niemals nie jemandem erzählen würden, aufgegriffen zu sehen. So offen und schonungslos bekommen wir selten gezeigt, wie Sex(sucht) sich äußert, sich anfühlt, sich ausbreitet und überhandnimmt. Ich bewundere die Autorin zutiefst für ihren Mut und bin – bei allem Entsetzen, das der Roman in mir ausgelöst hat – unendlich froh, dass es nun endlich solche Bücher gibt. Sie können Augen öffnen. Und zeigen: Von gesundem, stolzem weiblichem Begehren sind wir noch Lichtjahre entfernt.

„Ich wünschte, dass meine Antriebskraft nicht die Selbstbetäubung wäre, und ich weiß, dass das hier nicht lange halten wird, aber nun steht er da, ich erzähle ihm, wo ich wohne, und frage, ob er mitkommen will.“

Die Männer in meinem Leben von Sofia Rönnow Pessah ist erschienen bei Ullstein.

One Comment

  1. Liebe Mareike

    Danke für diese berührende Empfehlung. Das Buch ist nun vorgemerkt und ich hoffe, dass ich es bald lesen kann ohne zu viele Wunden aufzureissen.

    Alles Liebe
    Livia

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