Bücherwurmloch

Katja Kettu: Die Unbezwingbare

„Du hast zwei Seiten, eine indianische und eine finnische, und diese Seiten vermischen sich in deinem Blut zu einem starken Strudel, stoßen sich aber auch gegenseitig ab“

Die Sache ist: Ich liebe Wildauge, es gehört zu den einzigartigsten, heftigsten Büchern, die ich je gelesen habe. Und weil ich es so liebe, hätte ich mich wohl nie wieder an ein Werk von Katja Kettu gewagt. Aber dann kam der neue ecco Verlag, der nur Bücher von Autorinnen verlegt, und mit ihm kam Die Unbezwingbare. Allein das Vorwort verspricht eine höchst ungewöhnliche Geschichte: Die finnische Schriftstellerin hat viel Zeit in Indianerreservaten verbracht und dort recherchiert, weil zahlreiche Finnen in die USA ausgewandert sind und sich in den Reservaten angesiedelt haben, man könnte auch sagen: den Native Americans noch mehr Land weggenommen haben.

„Ach, die Finnen, das sind doch bleiche Indianer. Genau solche Waldmenschen und Wilden wie wir.“

Lempi, eigentlich Kleine Tatze, Protagonistin des Romans, ist die Tochter einer Indianerin und eines Finnen, ihre Mutter ist vor 45 Jahren verschwunden. Sie hatte sich dafür eingesetzt, dass nach den indianischen Mädchen gesucht wird, die plötzlich – und das ist ja elendigerweise tatsächlich so, auch heute noch – nicht mehr nachhause kommen. Niemanden kümmert das, auch das Verschwinden von Rose selbst wurde nie aufgeklärt. Nun kehrt Lempi ins Reservat zurück, nun schreibt sie Briefe an Jim Graupelz, den sie in ihrer Jugend geliebt hat, nun erinnert sich ihr Vater Ettu – und alles kommt ans Licht.

Sprachmächtig, blumig und sehr bildreich erzählt Katja Kettu von Orten, die wir nicht kennen. Von Menschen, von deren Existenz wir nie gehört haben. Die Verflechtung der Finnen und Native Americans finde ich wahnsinnig interessant, freilich auch irre problematisch, denn die Indianer sind ein dermaßen gebeuteltes, von den Weißen zerstörtes Volk, dass ich mich jedes Mal vor Trauer übergeben möchte, wenn ich über sie lese. Viel habe ich bereits bei Louise Erdrich erfahren, die zu meinen Lieblingsautorinnen gehört, und Katja Kettu ist es gut gelungen, das Identitätslose, das Unzugehörige einzufangen, das Lempi belastet.

„… sodass mir zuletzt das Blut die Beine hinablief und mein Geist loderte wie ein Scheiterhaufen, denn ich erkannte, dass man uns herumkommandiert, uns, die wir nicht verstehen, dass wir Sklaven sind und unfähig, uns zu wehren.“

Es geht um Gewalt und Missbrauch in diesem intensiven Roman, den man mit großer Aufmerksamkeit lesen muss, um Femizid und Völkermord, um den Zusammenprall zweier Kulturen und die Kinder, die daraus entstanden sind. Stellenweise ist das Ausgeschmückte, Verschnörkelte verwirrend und anstrengend, aber der Sog, den das Buch entwickelt, wiegt das auf. Man kann sich hineinlegen in diese Sprache, sich von ihr umwickeln lassen, sie ist sanft und rau zugleich. Ein wichtiger, sehr aufwühlender Roman, der eine jener weiblichen Stimmen zum Leben erweckt, denen schon seit Jahrhunderten kein Gehör geschenkt wird.

„Wir hier im Reservat sind so daran gewöhnt, dass uns genommen wird, dass uns das gar nicht verwundert.“

Die Unbezwingbare von Katja Kettu ist erschienen bei ecco.

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