Bücherwurmloch

Dara Horn: Eternal life

„Here we are, at the very beginning“
Rachel ist Urgroßmutter und als solche recht alt. Das denken zumindest ihre Kinder und Enkel. In Wahrheit ist Rachel nicht einfach nur alt. Sie lebt seit zweitausend Jahren. Sie ist unsterblich, und sie ist müde. Sie hat unzählige Kinder geboren, sie hat unzählige Enkel bekommen – und sie hat sie alle überlebt. Manche von ihnen hat sie sterben sehen, bei den anderen weiß sie nicht, was aus ihnen geworden ist. Ihr erstes, eigentliches Leben begann zu jener Zeit, als die Römer Jerusalem belagerten, damals hat die achtzehnjährige Rachel sich in Elazar verliebt. Und weil die beiden – aus Liebe zu ihrem Sohn – etwas getan haben, das ihnen nicht ernst erschien, das ihnen unmöglich erschien, können sie nicht sterben. Sie verbringen ihre Leben nicht gemeinsam, sie heiraten immer wieder jemand anderen, werden erneut Mutter oder Vater – und sind doch durch einen Verrat und ihre Liebe aneinander gebunden. Sie finden sich auch in der Jetztzeit, in der Rachel eine Enkelin namens Hannah hat, die in der Genforschung arbeitet. Hannah möchte herausfinden, wie man die DNA verändern muss, damit die Menschen ewig leben – und als sie an eine DNA-Probe von Rachel gelangt, nehmen die Ereignisse ihren Lauf …

Im Jahr 2008, also vor einer ganzen Weile, hat Dara Horn mich mit „Die kommende Welt“ beeindruckt. Und mit diesem Roman, 2018 auf Englisch erschienen, hat sie mich überwältigt. Was für eine großartige, originelle und eindrucksvolle Geschichte: Ich habe dieses Buch inhaliert. In Fantasy- und Vampire-Romanen sind Menschen ja gern mal unsterblich, in der restlichen Literatur kommt das seltener vor. Eternal life ist ein jüdisches, mit historischen Fakten untermauertes Buch, das vom Leben in Jerusalem vor zweitausend Jahren erzählt – und begreifbar macht, wie essenziell unsere Sterblichkeit ist. Dara Horn, die jüdische Literatur und israelische Geschichte in Harvard unterrichtet, zeigt an ihrer Protagonistin Rachel die Ambivalenz auf zwischen dem Wunsch nach ewigem Leben und der Bedeutungslosigkeit von Ereignissen, die sich endlos wiederholen. Wenn nichts zu Ende geht, wenn alles beliebig reproduzierbar ist, welche Rolle spielt es dann? Es ist ihr hervorragend gelungen, nie in Kitsch abzudriften, und sie beschäftigt sich auf interessante Weise mit Erinnerung. Kann man sich zweitausend Jahre lang alles einprägen, was man erlebt? Ab wann sind die Kinder, die man zur Welt bringt, nur noch Abbilder der Kinder, die man Hunderte Jahre zuvor geboren hat? Ich bin mit Rachel und Elazar durch die Seiten gejagt zu einem fulminanten Ende, das mir eine Ganzkörpergänsehaut beschert hat. Sehr, sehr lesenswert, schon jetzt ein Jahreshighlight für mich.

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