Bücherwurmloch

Hallie Rubenhold: The Five. The untold lives of the women killed by Jack the Ripper

„It is only by bringing these women back to life that we can silence the Ripper and what he represents“
Was für eine Arbeit das gewesen sein muss, was für eine Mammutaufgabe: sich durch die Archive zu wühlen, die Bilder und Namensregister, die Polizeiberichte und alten Zeitungen. Um herauszufinden, was der Wahrheit entsprach – und was nur wegen der Sensationslust geschrieben wurde. Hallie Rubenhold hat das getan. Akribisch hat sie sich den Leben von fünf Frauen gewidmet, von denen jeder von uns bereits gehört hat – und von denen doch kaum jemand die Namen kennt. Weil immer nur die Rede von dem Mann ist, der diese Frauen aufgeschlitzt und ausgeweidet hat, weil Dutzende Filme, Bücher und Horrorgeschichten auf seiner Figur basieren, ihm Raum geben, ihm geradezu huldigen. Wer seine Opfer waren, danach hat nie jemand gefragt, dafür hat sich kaum jemand interessiert – bis Hallie Rubenhold kam. Und verblüffende Tatsachen ausgegraben hat.

„The cards were stacked against Polly, Annie, Elizabeth, Kate and Mary Jane from the day of their births. They began their lives in deficit. Not only were most of them born into working-class families, but they were born female.“

Dieses Buch ist unglaublich gut. Es ist wichtig und schlau und wahnsinnig informativ. Ich habe sehr lange daran gelesen, man muss diesen Frauen Zeit und Aufmerksamkeit widmen. Die Autorin hat nicht nur die Geburt, das Aufwachsen, die Ehen und das Mutterdasein der fünf nachverfolgt und aufgeschrieben, sie liefert auch ein sehr detailreiches, eindrückliches Bild jener Zeit. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war – nicht nur in England, wo Polly, Annie, Elizabeth, Kate und Mary Jane gelebt haben – geprägt von Armut, Schinderei, Krankheit, Seuchen, Leid und Tod. Es mag dramatisch klingen, aber: Auch wenn ein unbekannter Mörder die fünf Frauen getötet hat, waren sie eigentlich schon bei ihrer Geburt verdammt. Sie waren in dem Moment, in dem sie als Frauen zur Welt kamen, so gut wie tot. Zwar sind sie nicht der extrem hohen Kindersterblichkeit zum Opfer gefallen, auch die Geburten ihrer eigenen Kinder haben sie überlebt, aber nicht die eisige Kälte der Gesellschaft, die ihnen jede Möglichkeit genommen hat, allein, unabhängig von einem Mann, zu überleben. Sie wurden verprügelt und vergewaltigt, unfassbar schlecht für ihre Schufterei bezahlt, sie wurden auf die Straße geworfen, der Armut überlassen. Sie waren Mütter, Ehefrauen, Trinkerinnen, sie waren krank und ausgestoßen, aber eines waren sie – obwohl das seit 130 Jahren behauptet wird – mit einer Ausnahme nicht: Prostituierte. Oft war der einzige Weg, der Frauen noch blieb, ihren Körper zu verkaufen, dennoch haben vier von ihnen es nicht getan. Ihnen wurde, weil man sie auf der Straße fand, dieser Stempel aufgedrückt. Und der Umgang mit ihnen zeigt, dass Sexarbeiterinnen als „ohnehin wertlos“ galten – es herrschte die Meinung: Im Endeffekt waren diese Frauen doch fast schon selber schuld.

„Today there is only one reason why we would continue to embrace the belief that Jack the Ripper was a killer of prostitutes: because it supports an industry that has grown in part out of this mythology.“

Hallie Rubenhold räumt damit auf. Sie erzählt die Wahrheit und vor allem legt sie zum ersten Mal den Fokus nicht auf den Täter – sondern auf die Opfer. Auf die Frauen. Auf ihre Geschichte.

3 Comments

  1. Hallo!
    Mit diesem Buch habe ich zuletzt auch schon geliebäugelt, deine positive Meinung dazu bestärkt mich nur in meinem Wunsch, The Five selbst zu lesen. Danke dir für diesen wunderbaren Einblick in ein so spannendes und informatives Buch!

    Alles Liebe!
    Gabriela

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