Bücherwurmloch

Meine Top 5 von 2020

Oh, was habe ich in diesem Jahr wieder viele Bücher gelesen! Ende Dezember fühle ich mich immer wie jemand, der sagen kann: Ich hatte sie alle. Gute waren dabei und schlechte, spannende, intensive, emotionale und lustige. Da fällt es schwer, zu entscheiden, welche denn „am besten“ waren, überhaupt finde ich Wertungen unnötig, sie sind sowieso immer ausschließlich subjektiv, und sofort, nachdem ich das behauptet habe, gebe ich eine ab. Weil es eben doch welche gibt, bei denen man am meisten gefühlt hat. Die am meisten ausgelöst haben, beeindruckt, zum Nachdenken gebracht, sich eingeprägt haben. Und da sind sie, meine fünf Bücher aus dem Jahr 2020. Es ist, wie mir aufgefallen ist, kein einziges deutschsprachiges dabei. Dafür aber – die größte Überraschung – ein Mann.

Apeirogon ist ein Wahnsinn von einem Buch. Es ist messerscharf und bitter, traurig, verstörend, überfordernd, poetisch, schmerzhaft und großartig. Colum McCann hat 1000 Mini-Kapitel geschrieben, er zählt bis 500 und dann wieder bis 1. Manche bestehen nur aus einem Satz, einem wiederkehrenden Gedanken, einer Beobachtung, andere sind gefüllt mit historischen Fakten oder Informationen über das Bauen von Bomben, Vögel, Seiltänzer, die Vergangenheit, den Krieg. Es fühlt sich an, als steckten tausend Bücher in diesem einen. Selten hat mich ein Roman in seiner unbestechlich klugen Machart derart fasziniert.

Charlotte McConaghy hat den wohl berührendsten Roman dieses Bücherherbsts geschrieben: Ich habe geweint. Und zwar nicht nur ein bisschen. Am Ende der Lektüre war ich tränenüberströmt. Nicht nur wegen der traurigen Ereignisse im Leben der Protagonistin, sondern auch wegen der schrecklich trostlosen Lage der Tiere, die in diesem Buch bereits Realität ist – und es auch bald wirklich sein könnte. Es geht um Umweltschutz in Zugvögel, um die Schönheit der Natur und die Grausamkeit der Menschen, es geht um eine mutige, sture Frau und ihre Weigerung, so zu sein wie alle anderen, es geht um Zusammenhalt innerhalb einer Crew und vor allem geht es um die Liebe.

Ich habe bei This is how you lose the time war dermaßen mitgefiebert, dass ich manchmal den Eindruck hatte, ich vergesse gleich zu atmen. Wann immer ich nicht weiterlesen konnte, habe ich an diesen Roman gedacht. Ich wollte ewig weiterlesen – und doch gleichzeitig wissen, wie eine so ungewöhnliche Geschichte enden könnte. Es ist das Buch, das mich 2020 am meisten überrascht hat.

In Everything I know about love macht Dolly Alderton einen aufreibenden, gefühlsintensiven Weg der Selbstfindung durch und teilt ihre Erkenntnisse mit uns – aber nicht belehrend oder im Ratgeberton, sondern selbstironisch, nachvollziehbar und klug. In sehr persönlichen kurzen Essays erzählt die Journalistin und Kolumnistin von ihrer Jugend und ihrem Erwachsenwerden – in Bezug auf Dating, Männer, Freundschaften und Liebe. Das ist ehrlich, witzig, gänsehautmachend und ebenso traurig wie schön. Jede Frau meiner Generation wird diesem Buch etwas abgewinnen, da bin ich mir sicher.

Women don’t owe you pretty, liebe Leute, ist so großartig. Es ist augenöffnend, wahr und tröstlich, es zeigt auf, dass die größte Revolution, die wir anzetteln können, darin liegt, uns selbst zu lieben – so, wie wir sind. In der Akzeptanz des eigenen Körpers liegt eine überraschend große Kraft. Lassen wir uns nicht mehr kategorisieren, in Schubladen pressen, unterdrücken und gleichmachen. Feiern wir die Vielfalt, das Natürliche, das Schöne an uns allen. Ich hab nämlich keine Lust mehr, und ich glaube, viele von euch auch nicht. Wir sind Frauen, aber wir werden über den Blick der Männer definiert – unattraktiv zu sein, bringt uns Nachteile, doch sobald wir zu sexy sind, sind wir in Gefahr. Let’s stop that. Time is up.

 

 

2 Comments

  1. Hab vielen Dank für deine Top Five. Witzig, zumindest für mich, ich habe gestern die erste und letzte Staffel von ‚High Fidelity‘ – dem Roman von Nick Hornby, den ich damals so liebte, dessen Film ich genoss – geschaut und Rob liebt es auch, Listen zu erstellen. Wie auch immer. Danke, dass du mich auf ‚Apeirogon‘ aufmerksam gemacht hast, das es einen neuen Roman von Colum McCann gibt, ist gänzlich an mir vorüber gegangen, ganz unabsichtlich. Ich liebte ‚Transatlantik‘ als auch ‚Der Tänzer‘ sehr, freue mich nun auf ‚Apeirogon‘ – sobald er eintrifft.

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