Bücherwurmloch

Lily King: Writers & Lovers

„Mit jemandem die Liebe zu einem Buch zu teilen, stiftet eine ganz eigene, beglückende Art der Verbundenheit“
Ich bin ein großer Fan von Lily King. Sie hat mich mit Euphoria begeistert und diese Begeisterung mit Vater des Regens gefestigt. Umso gespannter war ich auf ihr neues Werk, das sie, wie sie sagt, explizit aus einem Grund geschrieben hat: weil es so viele Bücher gibt über den Schaffensprozess männlicher Schriftsteller, aber kaum welche über schreibende Frauen. Ein solcher Roman hätte ihr als junger Frau geholfen, und deshalb hat sie nun beschlossen, ihn selbst zu verfassen. Ich konnte das spüren. Writers & Lovers richtet sich an schreibende Frauen, und während der Lektüre habe ich mich gefragt, wie man das wohl als Nichtschreibender liest. Mich hat dieser Roman – fast schon notgedrungen – angesprochen. Aber geärgert hat er mich auch.

Casey hat ihre Mutter verloren und den Mann, in den sie verliebt war. Sie hat horrende Schulden wegen ihres Studienkredits, den sie abzustottern versucht, indem sie kellnert. Und sie schreibt jeden Morgen, seit sechs Jahren, an ihrem ersten Roman. Wie Casey sich mit Kellnerschichten, Schreibblockaden und Dates herumschlägt, wie sie zweifelt und kämpft und hofft, wie sie trauert und sich neu verliebt, ist großartig geschrieben.

Als ich vor ein paar Jahren bei ihr war, nahm sie mich in den Arm und sagte: „Wenn du morgen abfährst, dann werde ich hier am Fenster stehen und mir sagen: Gestern war sie noch hier, ganz nah bei mir.“ Und jetzt ist sie tot, und ich sage mir das immerfort, ganz gleich, wo ich stehe.

Der Ton ist sehr eingängig, und vieles, was Casey erlebt, denkt, fühlt, konnte ich gut nachvollziehen. Es ist wichtig, dass Lily King dieses Buch dem kreativen Prozess einer schreibenden Frau gewidmet hat. Das Problem ist nur: All das, was Casey erlebt und denkt und fühlt, ist an Männern ausgerichtet. Die Bücher, die sie zitiert, sind von Männern geschrieben. Nur eine einzige Nebenfigur im Roman ist weiblich. Ansonsten geht es ausschließlich um Kerle, um ihren Blick auf Casey, um ihr Urteil, ihre Zuneigung. Und da würde ich Lily King gern fragen, warum sie ihre Idee nicht konsequent umgesetzt hat. Wieso nicht endlich den Fokus WIRKLICH auf das Weibliche legen? Ist unsere Misogynie dermaßen internalisiert, dass weder die Autorin noch jemand im Verlag das gemerkt hat? Wieso feiern alle dieses Buch, ohne das Ungleichgewicht zu spüren? Außer bei Kulturgeschwätz, die das sehr verständlich aufgezeigt und kritisiert hat, habe ich allerorts nur Lobeshymnen gelesen.

Der andere Grund, warum ich leicht genervt war, ist wesentlich persönlicher. Es ist ja gut und schön, dass es endlich einen Roman über eine Schreibende gibt, aber ich will mehr. Mehr Realität vor allem. Ich will ein Buch über eine Schreibende, die sich nicht jeden Morgen stundenlang in Ruhe an ihr Manuskript setzen kann, weil sie permanent von Kindern unterbrochen wird, weil sie sich kümmern muss um andere, weil nie Zeit für sie und ihre Gedanken bleibt. Ich wünsche mir eine schreibende Protagonistin, deren Kinder sie nicht schlafen lassen, die all die Hausarbeit machen muss, mit ihrem Partner über Care-Arbeit und Mental Load und Gleichberechtigung streitet, die ständig versucht, den Kopf oben zu behalten und irgendwie vielleicht doch noch den einen Moment zu erwischen, in dem sich ein paar Sätze zu Papier bringen lassen – sollten die Idee und die Inspiration nicht längst vom Familienalltag erstickt worden sein. Ich wünsche mir echte Bücher über Frauen, in denen dann nicht wieder nur die Männer im Vordergrund stehen. Aber vielleicht ist es wie bei Lily King: Vielleicht muss ich das einfach eines Tages selbst schreiben.

Writers & Lovers von Lily King ist erschienen bei C. H. Beck.

 

 

2 Comments

  1. Yvonne

    Ja, auf so ein Buch warte ich auch. Im Übrigen bin ich auch ein Buch-Nerd. Und leider auch eine Büchersammlerin. Buch-Kauf-Sucht. An jeder leeren Wand steht ein Büchergestell bis an die Decke, nebst Bücherwänden, voll mit Büchern. Unheimlich. Ich darf gar nicht daran denken, wer dann ausräumen muss, wenn ich mal sterbe. Und noch schlimmer, dass sie alle eines Tages in einem Abfallcontainer enden könnten. Lesen ist die einzige Leidenschaft, die kein Leiden schafft, sondern drüber hinweg hilft. Bücher und Lesen hilft immer. Balanciert aus, beruhigt und hilft aus dem Gedankenkreisel auszusteigen und sich zu distanzieren. Ich finde Lesen gesund.
    Bin trotzdem froh, dass ich nicht die einzige (Komische) bin, die noch an Büchern festhält.

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