Bücherwurmloch

Victor Jestin: Hitze

„Der Campingplatz hatte seine eigenen Gesetze. Zwei Wochen Ferien, das war ein ganzes Leben“

„Ich schlug die Augen auf und war bereits wütend. Ab acht Uhr morgens wurde die Hitze im Zelt unerträglich. Die Sonne knallte auf den Stoff, um uns zu zwingen, herauszukommen, damit sie uns noch besser treffen konnte.“

Okay, es ist heiß, und man kann sich als Siebzehnjähriger ja wirklich Schöneres vorstellen, als mit seinen Eltern und kleinen Geschwistern Campingurlaub zu machen. Léonard hat es aber fast geschafft: Heute ist der letzte Tag, morgen fahren sie nachhause. Er will so schnell wie möglich weg, nicht nur wegen der Ereignislosigkeit all der verschwitzten Stunden, sondern weil er etwas Schreckliches gesehen und getan hat: Oscar, ein gleichaltriger Junge, hat sich langsam erdrosselt, und Léonard hat einfach nur zugesehen. Mit diesem Wissen, mit dieser Schuld läuft er also durch die Hitze, über den Campingplatz, versucht sich abzulenken und kann doch an nichts anderes denken. Was, wenn jemand die Leiche entdeckt? Was, wenn er sich rechtfertigen muss? Er ist (natürlich) ein Außenseiter, ein einsamer Voyeur. Zwischen erstem Sex, grenzenloser Langeweile und massiver Panik bewegt sich Léonard diesen einen Tag lang, von dem Victor Jestin auf 150 recht kleinen Seiten erzählt.

Hitze ist mehr Kurzgeschichte als Roman, man hat es in kurzer Zeit durch. Das liegt auch an dem Sog, den es erzeugt, an der ungewöhnlichen Ausgangssituation, in die der junge französische Autor seinen Protagonisten wirft: Er lässt ihn einen Selbstmord vertuschen, lässt ihn bewegungslos bleiben, wo er agieren müsste. Und richtet dann ein kleines Schlachtfeld moralischer Fragen in ihm an, die ihn beschäftigen, ohne dass er sie beantworten kann. Was war falsch an seinem Verhalten, und gibt es eine Möglichkeit, es wiedergutzumachen? Ermattet von der Hitze und aufgewühlt von seinem pubertären Begehren, quält Léonard sich durch diese 24 Stunden – zu einem überraschenden Ende. Ein kleines, gut lesbares, sehr eigenwilliges Buch in einer klaren Sprache, das ruhig noch weiter ausgearbeitet hätte sein dürfen, weil das – wirklich gut gewählte – Thema mehr Tiefe hergegeben hätte.

Hitze von Victor Jestin ist erschienen bei Kein & Aber.

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