Bücherwurmloch

Dominik Barta: Vom Land

„Ist es nicht herrlich, ein Prolet zu sein?“
Theresa ist krank, sie übergibt sich, hat keine Kraft mehr. Dabei war die sechzigjährige Bäuerin immer stark. Ihr Mann Erich ist erst ratlos, dann verzweifelt. Wie soll er allein den Hof bewirtschaften? Wieso kann Theresa sich nicht zusammenreißen? Und warum spricht sie nicht mit ihm? Von den Kindern will niemand etwas von der Landwirtschaft wissen, sie sind der Enge des bäuerlichen Lebens längst entflohen. Familienzusammenhalt gibt es kaum, jeder ist sich selbst der Nächste.

„Selbst die Krankheit unserer Mutter hatte keinen vereinigenden Effekt, sondern trieb die Bruchstellen nur stärker zutage.“

Und so fällt alles zusammen wie ein Kartenhaus, dem der tragende Untergrund entzogen wird.

„Auch meine Mutter litt unter den Umständen. Auch sie hatte eine Seele, so wie ich und alle anderen Menschen. Sie sehnte sich nach diesem und jenem, und sie empfand, fühlte und verzweifelte bisweilen, wie wir alle. Doch weil mir mein eigenes Leid näher war, ließ ich sie liegen und fuhr davon.“

Dominik Barta füllt sein schmales Buch mit vielen Themen: Überforderung und Einsamkeit, Ausländerfeindlichkeit, Ehebruch, Familienzwist und Egoismus. Er skizziert ein österreichisches Dorf, wie es klassischer nicht sein könnte, die Stammtischmentalität, die Tristesse des einfachen Lebens. Es ist ein genialer Kniff, dass er seine Protagonistin Theresa ausbremst, sie aus dem Rennen nimmt, sie nicht mehr funktionieren lässt. Dadurch kommt das Getriebe, das so viele Jahrzehnte lang einwandfrei gelaufen ist, zum Stillstand. Überall knirscht es. Keiner will wahrhaben, welche Rolle er an Theresas Zustand spielt. Sie ist die Frau, die Mutter, sie darf nicht krank sein, nicht an sich denken. Die Geschichte schildert der junge österreichische Autor aus verschiedenen Perspektiven, und dadurch wird sie so gut. Weil jeder zu Wort kommt, denn auch das ist in der Realität so, dass keiner das Maul halten kann. Und dass bei allem Gerede am Ende niemand hilft. Ein Roman, der eindrücklicher ist, als das etwas öde Cover vermuten lässt, und der, da trau ich mich zu wetten, ein heißer Kandidat für eine Nominierung zum Österreichischen Buchpreis ist.

Vom Land von Dominik Barta ist erschienen bei Zsolnay.

 

 

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