Bücherwurmloch

Judith Hermann: Aller Liebe Anfang

„Die Reue macht die Dinge schwer, gleichzeitig einzigartig“
Stella hadert mit ihrem Leben, nicht viel, nur ein bisschen, gerade genug, dass das große Glück außer Reichweite scheint. Jason hat sie im Flugzeug kennengelernt, er hat ihre Hand gehalten und nun sind sie zusammen, sie haben ein nettes Haus, die gemeinsame Tochter Ava ist süß. Stella arbeitet als Altenpflegerin und ist nicht zufriedener oder unzufriedener als andere. Jason ist oft beruflich unterwegs, und dann haben die beiden Mädels ihre Routine. Die jäh unterbrochen wird: Vor der Tür steht ein Mann mit dem unglaublich dämlichen Namen Mister Pfister. Er wolle mit Stella reden, sagt er, und sie verweigert es ihm. Von da an kommt er jeden Tag, klingelt, legt einen Brief oder eine Karte in den Postkasten und geht wieder. Es bedeutet vielleicht nichts und ist dennoch beunruhigend, es wirft Stella aus der Bahn. Sie erzählt Jason davon, der typisch männlich-aggressiv reagiert. Es beginnt mit einem Finger auf einem Klingelknopf – und es eskaliert.

Judith Hermann ist bekannt für ihre klare, kräftige Sprache, die leise und vorsichtig daherkommt und dabei langsam Fahrt aufnimmt. In diesem schmalen Band sammelt sie Holz für ein Feuer, sammelt Worte für ein fulminantes Ende, sammelt Gefühle für ein Überkochen. Die Erzählung ist seltsam verstörend, nicht spannend, nicht thrillermäßig, sie hat keinen Drive und keine Krimi-Elemente, aber man folgt ihr trotzdem aufgeregt und nervös. Es ist klar: Da wird etwas geschehen. Da ist etwas nicht in der Norm, und das kann nicht gutgehen. Nicht alles, was die Protagonisten tun und empfinden, ist für mich nachvollziehbar, und irgendwie wirkt das Buch auf mich wie eine Studie: Wenn ich einen Mann erfinde, der täglich zum Haus einer Frau geht und ihr eine Botschaft hinterlässt, wann knallt es – und in welcher Form? Als wären Mister Pfisters Briefe die Tropfen der chinesischen Wasserfolter. Und Stella, ja, die ist doch sowieso nicht ganz zurechnungsfähig, die ist doch eh nicht im Gleichgewicht, das war sie nie, bisschen frustrierte Hausfrau, bisschen unglückliche Mutter – die perfekte Kombination, um eine kleine Vorstadtbombe zu zünden. Missverständlich ist allein der Titel: Eine Liebe ist das letzte, was hier anfängt.

Aller Liebe Anfang von Judith Hermann ist als Taschenbuch erschienen bei S. Fischer (ISBN 978-3-596-19641-8, 224 Seiten, 9,99 Euro).

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