Bücherwurmloch

Didier Decoin: Das Ministerium der Gärten und Teiche

„Zwischen morgens und abends kann jemandem, den man liebt, so viel passieren“
Katsuro ist ertrunken. Er war der beste Karpfenfischer im Dorf Shimae, und deshalb durften seine Karpfen sogar an den Kaiserlichen Hof in Heian-kyo: Das war nicht nur eine große Ehre, sondern auch finanziell wichtig für alle Dorfbewohner. Doch am meisten trifft Katsuros Tod seine Frau Miyuki, die ihn sehr geliebt hat. Sie mochte seinen Geruch, seine Haut, sein Geschlecht, sie hat gern für ihn gekocht und gesorgt, und dass er fort ist, reißt ein gewaltiges Loch in ihr Leben. Die letzten Karpfen, die Katsuro dem Fluss gestohlen hat, soll sie nach Heian-kyo bringen – in der Hoffnung, dass der Kaiser ihr noch einmal genug Geld für das Dorf gibt. Und so macht Miyuki sich mit zwei Reusen auf ihren Schultern auf einen ebenso weiten wie beschwerlichen und vor allem gefährlichen Weg, auf dem Stürme und Wegelagerer, Piraten und Wassermangel sie jederzeit das Leben kosten können.

Zwölf Jahre hat Didier Decoin an diesem Buch geschrieben, zwölf Jahre hat er recherchiert und gearbeitet und gesucht. Das merkt man dem Roman an, er ist akribisch und detailliert und lässt eine Epoche Japans aufleben, die fremd und faszinierend zugleich ist: ein ungezähmtes, ungestümes Land, gebeutelt von Überschwemmungen und Erdbeben, voller räuberischer Banden und zeremonieller Rituale. Der französische Autor bleibt dicht an seiner Protagonistin Miyuki, erkundet ihren Körper, ihre Gefühle, ihre Liebe und ihren Geruch, den ganz besonders – selten habe ich ein Buch gelesen, in dem Düfte derart stark thematisiert werden. Das ist interessant bis ekelerregend, und so wartet Das Ministerium der Gärten und Teiche auch mit höchst kuriosen Sexszenen auf, die mir, ich gebe es zu, regelrecht Übelkeit verursacht haben. Am meisten mochte ich an diesem Roman, dass er mich in eine Zeit katapultiert hat, in der ich eine geradezu obsessive Liebe zu allem Japanischen gehegt habe: An der Uni habe ich versucht, Japanisch zu lernen, ich hab mich in Kalligraphie geübt und viel über dieses Land und seine Kultur gelesen, auch belletristische Werke, die mich in ihren Bann gezogen haben. Mit Decoins Buch ist das zum ersten Mal wieder geschehen und ich habe mich an dieses besondere Gefühl erinnert, wenn man so begeistert von etwas ist. Wer sich also für Japan im Mittelalter interessiert und einmal eine wahrhaft ungewöhnliche Geschichte lesen will, ist hiermit sehr gut beraten!

Das Ministerium der Gärten und Teiche von Didier Decoin ist erschienen bei Klett-Cotta (ISBN 978-3-608-96237-6, 348 Seiten, 22 Euro).

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