Für Gourmets: 5 Sterne

Karen Köhler: Miroloi

„Unser Dorf hat tausend Augen, die sehen alles, alles, alles“

„Unser Dorf hat Nasen, die riechen sich bis in deine Seele, schnuppern das letzte Geheimnis aus dir heraus. Und was die Augen nicht sehen und die Nasen nicht riechen, das hören die Ohren.“

Und deshalb wissen sie alles von ihr, der Namenlosen, der Eselshure, der Ausgesetzten, deren Schritte verfolgt werden mit Spott und Spucke und Tritten – sie wohnt beim Bethaus-Vater, der sie aufgenommen hat als Baby, und ein Entkommen gibt es nicht, denn das Dorf ist auf einer Insel. Wohin könnte sie gehen überhaupt, sie, die nicht lesen kann, die nichts weiß vom Leben, weil das Lernen den Männern vorbehalten ist, die die Gesetze machen und über alles bestimmen, alles, sie, die nicht einmal weiß, woher sie kommt? Ihr Leben ist beschwerlich, schöne Momente gibt es kaum.

„Es gibt keinen Augenblick am Tag, der nicht ausgefüllt ist, keinen Augenblick, der nicht der Arbeit und der Angst vor dem Hunger gewidmet ist. Schmerz und Dreck schreiben sich mit jedem Lebensjahr tiefer in unsere Körper, so dass man uns leicht lesen kann. Wir belohnen uns mit unserem Glauben, unseren Festen und dem Wissen um die Erlösung nach dem Tod.“

Bis sie Yael kennenlernt. Bis sie Fragen stellt und Antworten sucht. Langsam wächst etwas in ihr. Wächst ein Zweifel und ein Wille und eine Wut. Weil man, wenn man immer nur unterdrückt wird, resigniert, und aus dieser Resignation entsteht Zorn, der zum Handeln zwingt. Weil man sich als Frau in einer männerregierten Welt nur nach einem sehnt: Freiheit.

„Ich möchte auch nur mir selbst gehören. Wenn du dir nicht selbst gehörst, bist du nicht frei.“

Karen Köhler hat ein Buch geschrieben, das wehtut. Sie hat so klare, dichte, schöne Worte gefunden für einen Freiheitskampf, für eine Emanzipation, dass ich viele Sätze zweimal, dreimal lese, einfach, weil sie perfekt austariert sind. Ich kann sehen, wie sie es gemacht hat, ich kann all die Mechanismen sehen, und ich ziehe meinen Hut vor ihr. Das ist ein Roman, er ist fiktiv und gleichzeitig nicht, eine Religion hat sie erfunden und ein Dorf und eine Frau, und gleichzeitig nicht: Alles davon ist wahr, ist so geschehen tausendfach auf dieser Welt. Es ist ein Buch, das Männer nie auf dieselbe Art lesen werden wie wir Frauen, nie auf dieselbe Art verstehen werden. Es rührt an einen tiefen, alten Urschmerz, den wir von unseren Müttern erben und in jeder Gesellschaft sehen und am eigenen Leib spüren. Es ist nur logisch, dass die alten weißen Männer sich jetzt ereifern, dass sie wettern und toben, denn Karen Köhler hat ihnen ihr geliebtes Patriarchat angezündet, und das macht ihnen Angst. Weil es ihnen zeigt, was noch kommen wird.

Miroloi von Karen Köhler ist erschienen bei Hanser (ISBN 978-3-446-26171-6, 464 Seiten, 24 Euro).

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