Bücherwurmloch

Monika Held: Der Schrecken verliert sich vor Ort

„Jeder weiß, dass er sterben muss und vergisst es wieder und vertrödelt seine Zeit auf der Erde“
Ein Buch über den Holocaust, ein Buch über Auschwitz. Ein Buch über Gräuel, so gewaltig, dass man sie sich nicht vorstellen kann, dass das tatsächlich geschehen ist, weil es den Verstand übersteigt und das Herz sowieso. „In diesem Buch sind Taten beschrieben, zu denen ein Mensch nicht fähig sein sollte“, sagt Margarete Mitscherlich im Nachwort, „der Roman beschreibt Menschen, die mit makabrem Witz, Humor, Zynismus, Verdrängung, zwanghaftem Erzählen-Müssen und nicht abzustellenden Assoziationen – Rampe, Gas, Schornstein, Stacheldraht – versuchen, das Leben nach Auschwitz zu meistern.“ Das trifft es sehr gut, und das IST auch sehr gut. Monika Held hat einen Weg gefunden, von einem Leben zu erzählen, das nur noch ein halbes ist, ein Viertel vielleicht, einem Leben, das sein Ende hätte finden sollen, aber nicht tat. Wie kann man, wenn man dem größtmöglichen Elend dieser Welt in die Seele geschaut hat, noch einmal lieben? Wie kann man glauben, wie kann man lachen?

„Er wollte ein glaubwürdiger Zeuge sein, dafür war er am Leben geblieben.“

Heiner wird nach Auschwitz gebracht, weil er Kommunist ist, und als er später aussagt beim Prozess gegen die Nazis, trifft er auf Lena.

„Liebe kann man nicht erklären.
Versuch es.
Liebe, sagte Lena, ist wie Luft. Du siehst sie nicht, aber du atmest sie ein. Du kannst sie greifen und hast nichts in der Hand.“

Sie verlieben sich, und Lena zweifelt. Nicht an der Liebe zweifelt sie, sondern an ihrer eigenen Fähigkeit, mit Heiner zu leben. Weil er zutiefst zerstört ist, von innen nach außen gekehrt, eine Erinnerung von einem Mann. „Schau, Lena“, sagt er wieder und wieder und wieder, und dann führt er sie in Dunkelheiten, aus denen sie nicht entkommt. Er kann nicht arbeiten, nicht schlafen, er isst mit einer Getriebenheit, die erbarmt, er wird und soll und darf nicht schweigen über das, was er gesehen und erlebt hat. Und doch. Wie hört man zu, zehn, zwanzig, dreißig Jahre lang? Wie erträgt man das Dunkle, den Schmerz, das Grauen?

„Heiner, flüsterte Lena, wo in euch ist das Archiv, in dem ihr die Erinnerungen aufbewahrt? Ihr verändert die Geschichte, ihr schreibt sie um, ihr erzählt sie jedes Mal anders, merkt ihr das? Wenn ich einen Text, der mich zum Weinen bringt, zehn mal lese, kommen keine Tränen mehr – ist das der Grund, warum ihr die Geschichten verändert? Macht ihr es nicht für die anderen, sondern für euch? Wollt ihr eure Trauer retten?“

Ich bin lange um dieses Buch herumgeschlichen, denn ich wusste – natürlich –, dass es mir wehtun würde. Ja, ich habe geweint. Ja, es gab Momente, in denen ich dachte, ich müsste mich gleich übergeben. Ich habe viel gelesen über den Holocaust, ich werde es auch weiterhin tun, eine Abstumpfung stellt sich nicht ein. Zum Glück, denn das ist das Letzte, was passieren darf – dass wir abstumpfen gegenüber der Vergangenheit, die uns immer noch in den Knochen sitzt.

„Als wäre die Strecke eine Einbahnstraße, fuhr immer nur Lena nach Wien, nie Heiner nach Frankfurt. Mein Schatz, schrieb er, in Dein Land zu kommen und durch Deine Stadt zu laufen, ist wie Geisterbahn fahren. Ich weiß nie, aus welcher Ecke mich der Teufel anspringt.“

Mit vierzehn war ich in Mauthausen, ich bin die Todesstiege hinuntergegangen und wieder hinauf, ich habe Baracken gesehen und Bilder und Stofffetzen und Lampen mit Menschenhaut. Ich war danach nicht mehr dieselbe, und ich werde es nie mehr sein. Und das, obwohl ich nur Erinnerungen betrachtet habe, nur Spuren. Wie muss es gewesen sein, dort zu (über)leben? Zuzusehen, wie Menschen erschlagen, gefoltert, verhöhnt und zerprügelt werden? Wie kann man noch Mensch sein danach, wie kann man noch zur selben Spezies gehören wie diese Ungeheuer? Wie kann man noch lieben – und Liebe annehmen?

„Liebster Schatz, schrieb Lena, wir haben zwei Karten für die Geisterbahn gelöst, vergiss das nicht.
Mein Schatz, schrieb Heiner, die Frage ist dumm, ich frage trotzdem: Wie kannst Du einen wie mich lieben?
Lena ging mit der Sprache strenger um als Heiner. Ich liebe nicht einen wie Dich, ich liebe Dich.“

Ich weiß es nicht. Ich werde nicht sagen, dass Liebe stärker ist. Und Monika Held sagt das auch nicht. Sie zeigt, wie schwer es ist, unmöglich fast. Sie zeigt, wie weh es tut, immer noch, jeden Tag, durch all die Jahre. Und trotzdem.

„Das Paar war in der Nacht von Stille und Frieden umgeben. Wenn man Liebe sehen könnte, läge sie in diesem Bett.“

Es geht um die absolute Entwürdigung. Um das Ende. Und gleichzeitig um die absolute Liebe. Um einen neuen Anfang. Es geht um den Tod von Millionen Menschen. Und um die Pflicht von uns allen, wider das Vergessen zu kämpfen.

„Immer dieses verfluchte Auf Wiedersehen, sagte Heiner. Wo denn, mein Freund, in welchem Land, an welchem Grab?“

Der Schrecken verliert sich vor Ort von Monika Held ist erschienen bei Eichborn/Bastei Lübbe (ISBN 978-3-404-17626-7, 271 Seiten, als Taschenbuch 11 Euro).

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