Bücherwurmloch

Helene Bukowski: Milchzähne

„Ich glaubte nicht mehr daran, dass es noch weitere Veränderungen geben würde. Dann fand ich das Kind“
Skalde lebt mit ihrer Mutter Edith in einem Haus, nur die beiden, weitgehend abgeschnitten von der Gemeinschaft. Und eine seltsame Gemeinschaft ist das, eine, die so sehr für sich sein will, dass sie vor Jahren beschlossen hat, die Brücke – die der einzige Weg war, wie man den Ort erreichen konnte – zu zerstören. Niemand kann hinein. Niemand kann hinaus. Edith war die Letzte, die hierherkam, und man will sie heute noch nicht hierhaben. Skalde ist ein einsames Kind und später eine verschrobene Frau, die beiden haben sich eingerichtet in ihrem Zusammenleben, gehen einander großteils aus dem Weg. Edith trägt jahraus, jahrein einen viel zu warmen Kaninchenfellmantel, liegt tagelang in der Badewanne und scheint nie zu essen. Skalde kümmert sich um den Garten und versucht, Vorräte anzulegen – denn die Nahrungsmittel werden immer knapper. Und dann taucht das Kind auf: Die rothaarige Meisis scheint aus dem Nirgendwo zu kommen. Skalde nimmt sie auf, obwohl sie sich damit jede Menge Ärger einhandelt.

„Es kommt mir vor, als wären die Mauern des Hauses aus Papier, die Wände viel zu fragil, als ließe es sich nur in wenigen Handgriffen zusammenfalten, niederbrennen, in Schutt und Asche legen.“

Helene Bukowski hat ein Buch geschrieben über die Grausamkeit und die Dummheit der Menschen. Das sieht vielleicht auf den ersten Blick nicht so aus, es geht vermeintlich um Mutter und Tochter, um Beziehungen und Familie, doch in Wahrheit hat sie einen Blick geworfen auf die Seelenlosigkeit derer, die andere ausgrenzen, verachten, wegschicken wollen und sie, wenn das mit dem Wegschicken nicht funktioniert, wenn das nicht genügt, töten. Das Fremde. Das Andere. Jemand, der in Not ist, jemand, der Hilfe braucht, kann sicher sein, dass er sie nicht bekommen wird. In diesem Buch nicht, in der Realität nicht. Das ist ebenso wahr wie trostlos, und beides trifft auch auf diesen Roman zu. Es wird immer heißer darin, die Lebensmittel gehen zur Neige – eine Dystopie? Natürlich nicht. Auch das ist Wirklichkeit an so vielen Orten dieser Welt. Der Gedanke an Flucht steht im Raum, er ist in seiner Naivität süß: Wir werden nicht fliehen können. Wir werden nirgends Zuflucht finden. Sie, die niemanden aufnehmen, werden auch andernorts nicht aufgenommen werden. Wir Menschen werden niemals Menschlichkeit erlernen, und deshalb bleibt uns nur der kollektive Untergang. Das hat Helene Bukowski nicht geschrieben, das hat sie vielleicht nicht einmal gemeint – und doch ist es das unausgesprochene Ende ihres Debüts, das unausgesprochene Ende von uns allen. Milchzähne ist ein gutes Buch, irgendwie zäh, ein wenig anstrengend, klar und unverklärt, genau wie das, worum es geht: Angst.

Milchzähne von Helene Bukowski ist erschienen bei Blumenbar (ISBN 978-3-351-05068-9, 256 Seiten, 20 Euro).

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