Bücherwurmloch

Gudrun Seidenauer: Was wir einander nicht erzählten

„Mella hatte ein Schicksal, und wer in ihrer Nähe war, bekam auch eines: Besser konnte es Marie nicht erklären“

Es ist das Wie. Der Tonfall, das Dazwischen. Wenn du genau hinhörst, spürst du das Ungesagte.

Und Ungesagtes gibt es viel zwischen Mella und Marie. Weil so viele Jahre vergangen sind, seit sie Kinder waren. Seit sie befreundet waren. Einst war alles zwischen ihnen leicht, obwohl die Umstände schwer waren, obwohl Mellas Mutter erst nur abwesend war, nur verrückt war, nur in einer Klinik war – dann aber tot. Obwohl Marie Mellas Vater immer schon interessant fand, ein bisschen zu interessant. Obwohl sie Außenseiter waren in der Schule, jede auf ihre Art. Zwischen Mella und Marie gab es dieses Band, das vor allem Marie enger und enger knüpfte, weil sie fasziniert war von der Freundin und deren angeschlagener Familie. Jetzt, so viele Jahre später, begegnen sie einander wieder, sind gemeinsam beruflich unterwegs in Japan. Und da spüren sie es, das Ungesagte. Da sorgen sie dann doch dafür, dass es nicht länger ungesagt bleibt.

Es ist seltsam, aber wahr: Ich konnte dieses Buch nicht losgelöst von meinem eigenen lesen. Ein Roman über eine enge Freundschaft, die einen Bruch erleidet, von dem man als Leser erst nicht weiß, was ihn ausgelöst hat. Ein Roman über zwei Menschen, die sich wiedersehen nach Jahrzehnten, die sich einmal kannten und nun doch nicht mehr, zwischen denen so viel simmert. Es ist dasselbe Konstrukt, dieselbe Ausgangssituation. Und ich war sehr neugierig. Denn oft wurde ich bei all meinen Lesungen gefragt: Hätten Moritz und Raffael auch zwei Mädchen sein können? Ich habe immer geantwortet: Ja, natürlich – aber dann hätten sie einander andere Dinge angetan. Gudrun Seidenauer – die ich wegen ihres großartigen Buchs Aufgetrennte Tage kenne, das ich sehr liebe und euch ans Herz legen möchte – hat mir bewiesen, dass das stimmt. Die Story funktioniert. Die Ausgangssituation ermöglicht viele Wege. Wir sind beide am selben Punkt losgegangen – und woanders angekommen. Aber: Der Grundton ist der gleiche. Die Wehmut, die man spürt, wenn man einer Freundschaft hinterhertrauert. Die Verletzungen, die nur wahre Freunde uns auf diese Art zufügen können. Und das Loslassen, das manchmal gelingt – manchmal nicht.

Gudrun Seidenauer hat ein feines Ohr für die Zwischentöne. Und ein gutes Händchen, sie einzufangen, sie niederzuschreiben. So vieles gerät in eine Schieflage zwischen Marie und Mella, als Leser sieht man besorgt zu und weiß genau – gut ausgehen wird das nicht, das kann es nicht. Ich habe diesmal anders gelesen als sonst, mit einem tieferen Blick für die Konstruktion, für die Schichten, aus denen der Roman besteht. Ich war sehr gespannt darauf, wie sie ihre Figuren entlassen wird, mit welchen Schlussworten sie sie gehen lässt. Weil ich mich nun selbst sehr lange Zeit mit einer ganz bestimmten fiktiven toxischen Freundschaft beschäftigt habe. Weil ich viel diskutiert habe über das Ende meines Buchs. Und ich verrate euch den letzten Satz von Was wir einander nicht erzählten natürlich nicht, aber so viel kann ich euch sagen: Es ist ein guter letzter Satz.

Was wir einander nicht erzählten von Gudrun Seidenauer ist erschienen bei Milena (ISBN 978-3-903184-24-4, 264 Seiten, 24 Euro).

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