Bücherwurmloch

Lina Wolff: Die polyglotten Liebhaber

„Eigentlich ist es überhaupt nicht seltsam, dass die Menschen sich umbringen. Viel seltsamer ist doch, wenn sie es nicht tun“
Ellinor ist eine jener Frauen, die gerade verschroben genug sind, um noch als interessant zu gelten: Von ihrem ersten Freund hat sie sich beibringen lassen, wie man sich prügelt. Über eine Dating-Seite lernt sie Calisto kennen, der wirklich dick ist – und wirklich besessen von Houellebecq. Obwohl sie nichts füreinander empfinden, obwohl der Sex schlecht ist und sie einander nicht mal mögen, bleibt sie in seinem Haus – wo sich auch das Manuskript von Max Lamas befindet, „Die polyglotten Liebhaber“. Er hat es in Italien geschrieben, als er sich einquartiert hat bei Lucrezia und ihrer Familie. Einst reiche Adelige, bröckelt inzwischen der Putz von ihren Wänden – und was da zwischen Max Lamas und Lucrezias Großmutter gelaufen ist, ist mehr als rätselhaft.

Es geht um Sex in diesem Buch, um Macht und Erniedrigung, um Ekel, Neid und Geld. Es ist ein wilder Ritt, auf den die schwedische Autorin Lina Wolff den Leser mitnimmt. Auf den ersten 30 Seiten denkt man mehr als einmal: What the fuck?, und wenn man weiterliest, hört das nicht auf. Die Figuren sind fertig mit der Welt, mit dem Leben, mit sich selbst. Sie sind kaputt und irgendwie unangenehm. Lina Wolff erzählt absolut unbarmherzig. Sie stülpt das Innere ihrer Charaktere nach außen, und man hat fast das Gefühl: Sie macht sich lustig über sie, lacht sie aus wie eine fiese Mutter, die ihnen danach doch wieder über die Wange streicht. Weirder Vergleich? Ich sag’s euch, das Buch ist noch viel weirder.

Manche Szenen sind ziemlich bizarr. Mancher Handlungsstrang ebenfalls. Drei große Teile hat der Roman, sie hängen eher lose zusammen. Verbunden werden sie vom schwarzen Humor, von der bitteren, melancholischen und zugleich resignierten Sichtweise auf die Welt. Wie ein Kabinett der Kuriositäten präsentieren sich die Figuren, sie tanzen auf der Bühne, tanzen nach der Pfeife von Lina Wolff, die gekonnt die Fäden zieht – und nie das tut, was man erwartet. Ich bin nur so durchgerauscht durch dieses Buch, habe es im Zug innerhalb von zwei, drei Stunden inhaliert – und mich dabei ebenso gegraust wie diebisch gefreut. Über so manche Wendung, über so manche großartige Formulierung. Und vor allem: über so viel schonungslose Bosheit.

Sie sagen, dass Sie Liebeskummer haben. Ich dagegen bin ja nicht mal verliebt. Schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Mein Herz hat die Fähigkeit verloren, es ist zu schlau, um sich zu verlieben. Es durchschaut alles sofort, und dann denkt es sich: Warum soll ich aus meinem sicheren Schlupfwinkel hervorkriechen, nur um mich plagen zu lassen?

Die polyglotten Liebhaber von Lina Wolff ist erschienen bei Hoffmann und Campe (ISBN 978-3-455-00143-3, 288 Seiten, 22 Euro).

 

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