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Colum McCann: Der Himmel unter der Stadt

Der Geschmack der Enttäuschung ist herb
Im Jahr 1916 arbeitet der dunkelhäutige Nathan Walker gemeinsam mit seinen Kumpel unter Manhattan: Sie graben ein Tunnelsystem für die U-Bahn. Viele Jahre später, die Tunnel sind längst stillgelegt, lebt dort der obdachlose Treefrog, versteckt sich vor der Kälte und den Menschen. Nathan Walker heiratet die Tochter seines verstorbenen Kollegen Con, eine Weiße – das ist im Amerika jener Zeit ein Skandal, das Ehepaar und die Kinder sehen sich nicht nur ständigen Anfeindungen, sondern auch echter Lebensgefahr ausgesetzt. Sie sind arme, traurige Gestalten – genau wie Treefrog und die anderen Heimatlosen, die unter der Stadt hausen.

Das Leben hat mich gelehrt, dass es oft, sehr oft keine gute Idee ist, von einem Autor, von dem man einen Roman toll fand, ein zweites Buch zu lesen. Doch obwohl ich das weiß, habe ich Der Himmel unter der Stadt vom Remittendentisch für wenig Geld mitgenommen. Und wer nicht hören will, muss fühlen: Ich habe es bitter bereut. Während Zoli von Colum McCann eines der besten Bücher war, die ich 2010 gelesen habe, ist Der Himmel unter der Stadt eine herbe Enttäuschung. Ich vermisse die Magie und Poesie von Zoli schmerzlich und kann gar nicht glauben, dass beide Bücher vom selben Autor sein sollen. Zwar klingt die Geschichte von Nathan Walker und Treefrog durchaus ansprechend, in der Umsetzung ist sie jedoch fad und ohne Höhepunkte. Es gibt viel Darstellung und Beobachtung, aber keine Bewegung. Zoli war sprachlich grandios, Der Himmel unter der Stadt ist allenfalls okay. Die Handlung geht ins Nichts, der Zusammenhang zwischen den Figuren ist mir so dermaßen lange nicht klar, dass es dann schon fast absurd wirkt, als ich es endlich begreife. Schade, schade – die Zweitbuchregel zu brechen, war in diesem Fall wirklich ein böser Fehler.

0 Comments

  1. Ich glaube uns gefallen die gleichen Bücher nicht. 😉 Ich hatte letztes Jahr von Colum McCann „Die große Welt“ gelesen (gibt es jetzt auch als Taschenbuch) und war absolut begeistert. Da es auch eines meiner Jahreshighlights war, dachte ich probiere noch eins aus. „Der Himmel unter der Stadt“ hat mich genauso enttäuscht. Vielleicht liegt es auch daran, dass es schon einen Tag älter ist und Herr McCann noch ein wenig an seiner Sprache arbeiten musste.^^
    „Die große Welt“ kann ich dir aber nur ans Herz legen!

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  2. Ich kann mich Kaja nur anschließen. Ich habe von McCann „Die große Welt“ geliebt und möchte dir das Buch sehr ans Herz legen, ebenso wie „Der Tänzer“. Letzteres war meine erste Begegnung mit dem Autor, die ich eindrucksvoll in Erinnerung habe. Vielleicht gibst du dem Zweitbuch eines Tages noch einmal eine Chance? Falls ja, dann denke an die beiden Bücher.

    Liebe Grüße

    Klappentexterin

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  3. Ich weiß nicht, ich glaube, eine dritte Chance gebe ich ihm nicht … „Zoli“ war richtig schön! Und es gibt ja noch so viele andere Autoren, denen ich meine Zeit widmen muss 😉

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  4. Mir geht’s ähnlich wie der Klappentexterin: Der Tänzer war mein erstes Buch von McCann und hat mir sehr gut gefallen, auch wenn die Personenvielfalt etwas verwirrend sein kann, wenn man mal kurz nicht aufpasst.
    Danach habe ich mir Zoli ertauscht, aber noch nicht gelesen (steht dieses Jahr noch ganz oben auf dem Plan).
    Und dann habe ich „Die große Welt“ zur Rezension bekommen und war davon ebenfalls positiv angetan.
    Also zwei Glücksgriffe vom selben Autor und einer, der deiner Meinung nach Gutes verspricht.
    Ich glaub, Der Himmel unter der Stadt scheint hier eine Ausnahme zu sein.
    Sobald ich Zoli gelesen habe, komme ich noch mal bei dir vorbei und sage dir, ob ich glaube, dass du noch eines der anderen beiden Bücher unbedingt lesen solltest 😉

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