Bücherwurmloch

Mikita Franko: Die Lüge

„Dass dich ein nahestehender Mensch verrät und ein Fremder rettet“
Es ist so: Als Mikitas alleinerziehende Mutter stirbt, nimmt ihr Bruder, sein Onkel Slawa, ihn bei sich auf, damit er nicht zur Großmutter muss. Slawa lebt mit Lew zusammen, und der ist alles andere als begeistert. So wächst Mikita in einer Art Ersatzfamilie auf, in der sich niemand ausgesucht hat, mit den anderen zusammenzuleben, und als ihm im Grundschulalter langsam dämmert, dass keiner aus seiner Klasse zwei Papas hat, beginnt ein abgrundtiefer, schwelender Hass in ihm zu wuchern. Der sollte sich eigentlich gegen das System richten, gegen die russische Gesellschaft, in der eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft keine Option ist, stattdessen richtet er sich gegen Slawa und Lew sowie gegen Mikita selbst.

Die Lüge von Mikita Franko hat ein aufsehenerregendes Setting: ein schwules Paar mit einem Kind im homophoben Russland. Das ist aber das einzig Aufsehenerregende daran. Wie Mikita in der Schule kämpft, wie seine eigenen Vorurteile ihn drangsalieren, wie er blind vor Wut durchs Leben stürmt, zieht sich über viele, viele Seiten, auf denen der Roman auf der Stelle tritt und nicht vom Fleck kommt. Auch wenn ich absolut nicht der Meinung bin, dass man die Figuren eines Romans mögen können muss, ist es auf Dauer anstrengend, ausschließlich aus der Sicht eines so wahnsinnig unsympathischen Jungen zu lesen: Mikita ist ein Arschlochkind mit schwulen Eltern. That’s it. Er tritt jene, die ihn lieben, und ja, natürlich kann man sich küchenpsychologisch zusammenreimen, warum er das tut – aber er selbst kommt erst sehr spät (ich habe eher das Gefühl: nie) zu der Erkenntnis. Und jenen Verteidigungsmechanismus, dass Kinder sich nun mal scheiße verhalten, wenn sie zuhause Probleme haben, finde ich generell schwierig: Das ist ein Grund, aber keine Entschuldigung. Mikita Franko hat die Stimme erhoben und ein wichtiges Buch geschrieben über Anfeindungen, Angst und den Schmerz, nicht so leben zu dürfen, wie man leben möchte. Das finde ich extrem gut und deshalb freut mich der Erfolg des Romans, auch wenn mir die Umsetzung nicht gefallen hat.

Die Lüge von Mikita Franko ist erschienen bei Hoffmann und Campe.

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