Bücherwurmloch

Andrea Sawatzki: Brunnenstraße

„Ich wurde zu einem Mädchen, das niemand lieb haben konnte“
Andrea Sawatzki lebt acht Jahre lang mit ihrer Mutter allein in einem kleinen Ort, und obwohl – oder vielleicht gerade weil – es keinen Vater gibt, sind die beiden glücklich. Die Mutter arbeitet viel, um sie über Wasser zu halten, Andrea ist unterdessen bei der Nachbarin, wo es Ohrfeigen hagelt, was sie aber nie von ihren Abenteuern abhält. Doch dann nimmt sich die Frau von jenem Mann das Leben, mit dem Andreas Mutter eine Affäre hatte: Günther Sawatzki. Jetzt ist er bereit, Andreas Mutter zu heiraten und die beiden zu sich ins Haus zu holen. Andrea ist zuerst aufgeregt und beobachtet die Begeisterung der Mutter, die sich ausmalt, nun eine heile Familie zu haben und nicht mehr arbeiten zu müssen. Doch recht schnell nach der Hochzeit stellt sich heraus, dass der Vater, der Andrea völlig fremd ist, schon lange keine Aufträge mehr hat, hoch verschuldet ist – und noch dazu krank. Was nun beginnt, ist von außen betrachtet eine Kindheit, in Wahrheit jedoch ein absoluter Alptraum.

Ich muss gestehen: Autobiografische Bücher finde ich oft schwierig. Nicht so dieses, denn Andrea Sawatzki hat mich schon nach wenigen Seiten richtig neugierig gemacht und in ihre Geschichte gezogen. In kurzen Kapiteln mit ungewöhnlich scharfem Blick auf das eigene frühere Ich erzählt sie von Aufopferung und Verzweiflung, von Gewalt und dem Gefühl der Verpflichtung. Oft sagt man ja über jemanden, er oder sie habe früh erwachsen werden müssen, und nach der Lektüre dieses Buchs ist klar, dass das auf Andrea Sawatzki zutrifft. Besonders schmerzhaft fand ich den Bruch zwischen ihr und ihrer Mutter, die zuvor so eine verschworene Einheit waren, aber auch die Beschreibung der kindlichen Wut, die komplett unterdrückt wird bzw. werden muss. All das ist in den Siebzigern geschehen, und auch wenn Hoffnung besteht, dass die Situation für ein Kind in einem solchen Fall heute anders wäre, fürchte ich, sie wäre genau gleich, denn in erster Linie wird weggeschaut. Ich hätte wahnsinnig gern erfahren, wie Andreas Jugend verlaufen ist, wie sie Schauspielerin geworden ist – vielleicht schreibt sie ja auch darüber irgendwann, ich würde es lesen.

Brunnenstraße von Andrea Sawatzki ist erschienen bei Piper.

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