Bücherwurmloch

Gerda Blees: Wir sind das Licht

„Und deshalb ist es nicht ihre Entscheidung gewesen, nichts mehr zu essen, sondern die Entscheidung der Menschen um sie herum“
Elisabeth ist tot, sie ist verhungert. Umgeben von ihrer Schwester Melodie, Petrus und Muriel, mit denen sie in einer Wohngemeinschaft gelebt hat, ist Elisabeth gestorben, und wegen ihres unterernährten Zustands interessiert sich nun die Polizei für den Vorfall: Melodie, Petrus und Muriel werden in Gewahrsam genommen. Was ist geschehen? Warum haben diese vier Menschen aufgehört, Nahrung zu sich zu nehmen? Tragen sie Schuld am Tod von Elisabeth, kann man überhaupt von Fremdeinwirkung sprechen, wenn ein erwachsener Mensch das Essen verweigert? Auf diese Fragen findet dieses Buch mögliche Antworten – erzählt aus der Sicht derer, die nahe dran waren: der Entsafter zum Beispiel oder der Rechtsbeistand, die harten Fakten, der Zweifel, am Ende auch: das Licht.

Gerda Blees hat einen unfassbar eindrücklichen Roman geschrieben, zu dem ein wahrer Fall sie inspiriert hat. Sie greift die Sprache der Menschen, die in der Esoterik den Sinn des Lebens gefunden haben und sich von Licht ernähren möchten, gekonnt auf, zeigt, wie tückisch sie ist, aber auch wie wohlwollend, einlullend, fast schon einschläfernd. Melodie hat als gescheiterte Cellistin und verlassene Frau selbst einen Leidensweg hinter sich, als ihre Schwester sowie die beiden anderen bei ihr einziehen, und vielleicht – ja, vielleicht – hat sie es wirklich gut gemeint, wollte sie ihnen tatsächlich helfen. Aber wie weit darf man dabei gehen? Wann hätten sie einschreiten, den Tod der Mitbewohnerin verhindern müssen? Um Verantwortung und Schuld geht es in „Wir sind das Licht“, um ein Abdriften, ein Lossagen von der Gesellschaft, gleichzeitig aber auch – in der Konsequenz – vom Leben selbst. Es tut dem Menschen weh, dass er abhängig ist von banalen Dingen wie Essen, Trinken und Schlafen, weil er sich gern als höheres Wesen sieht, als erleuchtet, fern dem Irdischen. Wunderbar ungewöhnlich sind die Erzählperspektiven, die Gerda Blees gewählt hat, sie machen diesen sehr besonderen Roman wirklich eindrucksvoll. Chapeau!

Wir sind das Licht von Gerda Blees ist erschienen bei Zsolnay.

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