Bücherwurmloch

Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen

„Zaza vermochte sich nicht einzufügen, ihre Einzigartigkeit wurde zermahlen. Darin bestand das Verbrechen, der Mord.“
Das erklärt Sylvie Le Bon de Beauvoir im Vorwort zu diesem Buch, in dem sie die Geschichte des bisher unveröffentlichten Manuskripts erzählt. Mehrmals hatte Simone de Beauvoir versucht, zu Papier zu bringen, was mit ihrer Freundin Zaza geschehen war, erst jetzt wurde ihr Bericht gedruckt – zusammen mit Briefen und Bildern. Sie hat die Namen und Umstände verfremdet, aber es ist die Rede von ihr selbst und Zaza, die sie an der Schule kennengelernt und zur besten Freundin erkoren hat. Ohne das Vorwort und die Einordnung von Simone de Beauvoirs Adoptivtochter wäre es mir nicht gelungen, dieses Buch zu verstehen – man braucht dazu den Kontext. Es geht um eine schwesterliche Liebe zwischen zwei Mädchen, die sich über ihre gesamte Freundschaft hinweg gesiezt haben, es geht um die Heuchelei des katholischen Glaubens, um Heiratszwang und das Unglück einer Tochter, die einen großen Freiheitsdrang hat. Wobei: So groß ist der gar nicht, denn Zaza will genau das, was sie zu wollen hat, heiraten, Ehefrau sein – nur mit einem Mann, der ihrer Mutter nicht ins Bild passt.

Dies ist ein seltsamer, nachdenklich stimmender Roman. Einerseits emotional überwältigend, weil Simone de Beauvoir von einer großen Liebe erzählt, die ihr das Herz gebrochen hat. Andererseits feministisch traurig, weil er zeigt, wie fest die Mädchen ihrer Zeit in das patriarchale Korsett gepresst wurden. Da liegen kindliche Leichtigkeit, Melancholie, Trauer, Wehmut im Ton. Gleichzeitig wäre er aber, nur für sich genommen, eine fast schon unbedeutend wirkende Geschichte, verglichen mit der Wucht der anderen Arbeiten von Simone de Beauvoir. Allerdings ist dies die zugrundeliegende Ursprungserzählung und der Verlust von Zaza der Auslöser für eine innere Entwicklung von Simone, die ihr letztlich ermöglicht hat, aus den vorgefertigten Zwängen – denen Zaza zum Opfer fiel – zu entkommen.

„Ich habe keine Lust, mich umzubringen“, sagte ich.

Die Unzertrennlichen von Simone de Beauvoir ist erschienen bei Rowohlt.

2 Comments

  1. Wie liest sich de Beauvoir als Romanschriftstellerin denn sprachlich, formal usw.? Unsre Bibliothek hat noch einen 1000-Seiter von ihr, der mich interessiert, aber wenn Romane ihr vor allem Vehikel wären, Philosophie zu transportieren würde ich es wahrscheinlich eher lassen, dafür gibt es ja ihr politisch-philosophisches Werk.
    Allerdings scheint rein Zahlenmäßig de Beauvoir ja sogar vordringlich Romanschriftstellerin zu sein & auch den Prix Goncourt hat sie als solche erhalten. Interessant, wie sehr das in der Rezeption (zumindest wie ich sie kenne, also aus deutschen universitären Kreisen) in den Hintergrund gerückt ist.

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