Bücherwurmloch

Doris Knecht: Die Nachricht

„Es war einer dieser Abende, die mich nachdenken ließen, ob es nicht besser wäre, wieder mit mir selbst zu sein“
Ruth hat vor vier Jahren ihren Mann verloren und herausgefunden, dass er eine Affäre hatte. Der Möglichkeit beraubt, ihn mit diesem Wissen zu konfrontieren, musste sie sich allein ihrer Wut und ihrer Trauer stellen. Ihr größerer Sohn ist aus dem Haus, der jüngere wird es bald sein, Ruth arbeitet als Drehbuchautorin, hat manchmal Dates und hat sich im Großen und Ganzen arrangiert. Doch dann kommen anonyme Nachrichten bei ihr an, die sie beschimpfen und verspotten, wer auch immer sie schreibt, kennt beängstigend viele Details aus Ruths Leben und schickt die vulgären Verleumdungen auch an alle Menschen in Ruths Umfeld: ihre Freundinnen, ihre Arbeitgeber, ihren Sohn. Am Anfang versucht sie, die Messages zu ignorieren, dann ist sie davon überzeugt, die Geliebte ihres verstorbenen Mannes müsse dahinterstecken. Doch als die Nachrichten immer bedrohlicher werden und Ruths Freundeskreis immer verständnisloser reagiert, wird klar, dass verbale Gewalt eben genau das ist: Gewalt.

Doris Knecht hat einen beklemmenden, fesselnden, sehr klugen Roman geschrieben, der daherkommt wie ein literarischer Thriller, in seinem Kern aber zutiefst feministisch ist. So gut wie jeden Tag sehe ich im Internet Screenshots von Chats, in denen Männer Frauen beleidigen, sie herabwürdigen, sie aufs Übelste beschimpfen – es geschieht so oft, es wirkt fast schon normal. Das macht es aber nicht weniger gewalttätig, das macht es nur umso schlimmer, denn diese misogyne Hatespeech zieht sich durch alle digitalen Bereiche – und Männer sind Verfasser solcher Nachrichten, niemals Empfänger. Was aber, wenn der betroffenen Frau nicht geglaubt wird? Wenn sie die Erfahrung macht, dass alle denken, sie sei selbst schuld? Hätte sie nicht dies oder jenes getan! Victim Shaming gibt es nicht nur bei körperlicher Gewalt, und Doris Knecht erzählt diese Geschichte so intelligent und überlegt, so raffiniert, ich konnte nicht aufhören zu lesen und habe das Buch an einem Abend bis in die Nacht hinein inhaliert. Ich finde es gut und wichtig, dass sie sich diesem Thema gewidmet hat, dass sie es aufbereitet und durchleuchtet und gezeigt hat: Das kann jede treffen, keine ist davor gefeit. Und keine ist selbst schuld. Es ist das System, das uns nicht schützt, es ist das System, das uns zu Freiwild macht, zum Abschuss freigibt – wer auch immer auf uns schießen will, kann das ungestraft tun. Und das muss sich dringend ändern. Ein absolut lesenswertes, richtig gutes Buch aus österreichischer Feder!

Die Nachricht von Doris Knecht ist erschienen bei Hanser Berlin.

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