Bücherwurmloch

Nadja Spiegelman: Was nie geschehen ist

„Sie war in der Lage, das gesamte Universum in Flammen aufgehen zu lassen, aber der Brennstoff war sie selbst. Irgendwo in ihr drin war verbrannte Erde“

„Meine Mutter war nicht perfekt. Meine Mutter war heftig.“

Nadja Spiegelman ist die Tochter von Françoise Mouly, Art Direktorin des New Yorker, und Art Spiegelman, der für Maus den Pulitzer-Preis bekam. In diesem Buch erzählt sie ihre eigene Geschichte genau wie die ihrer Mutter und ihrer Großmutter – auf ungewöhnliche Weise. Denn obwohl das eine Autobiografie sein mag, ein Generationenroman, ein Ausflug in die Vergangenheit, in die Zeit der Frauen, die vor ihr kamen, ist Nadja zu jedem Moment bewusst, dass keine Version die endgültige Wahrheit ist. Das thematisiert sie auch. Und das macht diesen Roman so gut.

„Wenn wir an einer Erinnerung aus unserem Langzeitgedächtnis rühren, bleibt sie Neurowissenschaftlern zufolge für ein Zeitfenster von etwa drei Stunden in unserem Bewusstsein präsent. In diesem Zeitraum ist die Erinnerung formbar. Die Gegenwart dringt in die Vergangenheit ein. Das Gehirn codiert und speichert die Erinnerung neu. Und überschreibt dabei die vorige Version.“

Wenn Nadja über ihre Kindheit spricht, stellt sie die Dinge anders dar als ihre Mutter. Sie erinnert sich anders, sie hat sie anders erlebt. Dasselbe Spiel zeigt sich wiederum bei den Erinnerungen von Françoise und ihrer Mutter Josée. Wer von ihnen hat Recht? Wer hat mehr gelitten, wer hat Schmerz zugefügt, wer hat ihn erduldet? Alle empfinden es auf unterschiedliche Art und Weise. Alle Versionen sind wahr. Sogar dann, wenn sie einander völlig widersprechen.

„Mit ihrer Mutter zu streiten, war etwas ganz anderes. Der Schmerz war unerträglich. Er wuchs in ihr wie ein Ding, etwas Greifbares, er dehnte sich in ihrer Brust aus, und er durchbrach ihren Brustkorb.“

Es geht um das Aufwachsen in diesem Buch, um die Wunden, die Eltern ihren Kindern zufügen, und um diesen Tanz, den alle Familien aufführen, bei dem sie nicht auf die Scherben treten wollen, die herumliegen, während sie sich doch immer und immer wieder absichtlich damit schneiden. Nadja Spiegelman geht ganz tief hinein, sie hat viele Jahre lang mit ihrer Mutter über deren Kindheit gesprochen – und ist dann nach Paris gezogen, um ihrer Großmutter näher zu sein und auch deren Geschichte zu erfahren. Unendlich schmerzvolle Begebenheiten hat sie unter dem Teppich hervorgezogen, einen Kreislauf aus Leid und Schuldzuweisungen, stets getragen von dem verzweifelten Bemühen um Liebe.

„Das sind die Kollateralschäden des Menschseins.“

Dieses Buch ist so großartig, weil es ehrlich ist. Weil es nicht behauptet: So ist es gewesen, sondern zeigt: So ist es für mich gewesen. Und so für dich. Weil es wegen der Dinge, die geschehen sind, und der Dinge, die nie geschehen sind, so wehtut. Es ist der perfekte Roman für Mütter und für Töchter. Und für alle, die etwas fühlen wollen beim Lesen.

„Ich sah über die Generationen hinweg ein Muster entstehen, es verbreitete sich wie Kreise, die ein übers Wasser geworfener Stein auf der Wasseroberfläche hinterlässt: all die Enkelinnen und Großmütter, die sich liebten, all die Mütter, die dabei auf der Strecke blieben.“

Was nie geschehen ist von Nadja Spiegelman ist erschienen bei Aufbau (ISBN 978-3-351-03705-5, 394 Seiten, 22 Euro).

2 Comments

  1. Hallo Mareike!

    Gerade habe ich dein Intro bei Facebook gelesen: „Dies ist der perfekte Roman für Mütter und für Töchter. Und für alle, die etwas fühlen wollen beim Lesen.“

    Man nimm ja nicht nur Familiengeschichte unterschiedlich wahr, auch Bücher: Spiegelmans Buch kam bei mir gar nicht so gut weg wie bei dir. Es war „interessant“, wie man so schön sagt. Die Ausführungen darüber, wie unterschiedlich wir uns erinnern, das war OK.
    „Weil es nicht behauptet: So ist es gewesen, sondern zeigt: So ist es für mich gewesen.“ Ja, Mütter sind diejenigen, die einen am härtesten eine reinwürgen und damit echt Schaden anrichten können. Dafür brauche ich das Buch allerdings nicht 😉

    Die Familiengeschichte selbst hat mich eher gelangweilt. Drei Frauen, die mich eigentlich nie so richtig für sich einnehmen konnten. Vermutlich lag das daran, dass sich keine Geschichte daran entlang hangelte, sondern es die ganze Zeit um das Erinnern persönlicher Szenen ging. Um so was spannend zu finden, müsste ich die Menschen wahrscheinlich persönlich kennen.

    Viele Grüße
    Betttina

    Reply
    1. Mariki Author

      Das kann ich verstehen! Mich hat es vermutlich auch deshalb so angesprochen, weil ich vieles gefühlsmäßig nachvollziehen konnte, ich finde die Beziehung zu meiner Mutter wahnsinnig schwierig. Außerdem fand ich die Dinge, die in dieser Familie passiert sind, schon krass.

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