Bücherwurmloch

Chris Kraus: Sommerfrauen Winterfrauen

„Du weißt, dass ich eine zu kleine Seele habe“
Im Sommer 1996 fliegt Jonas nach New York. Er soll alles vorbereiten für seine Studienkollegen, die anreisen werden, um einen Film zu drehen, soll ihnen eine Unterkunft besorgen, Locations checken, eine Idee finden. Der Film muss von Sex handeln, das ist die Forderung ihres Professors. Jonas hat eine Freundin, die Vietnamesin Mah, die zuhause in Deutschland bleibt. Sie ist ihrer eigenen Definition zufolge eine Winterfrau, und in New York trifft Jonas eine Sommerfrau: die eigensinnige Nele. Aber nicht nur die Begegnungen mit ihr sind verwirrend, denn eigentlich läuft nichts so, wie Jonas sich das vorgestellt hat. Er wohnt in einer versifften Bude in einer gefährlichen Gegend, muss durch das Mienenfeld der Gefühle seiner Freundin hüpfen, bekommt überall nur Absagen, denkt darüber nach, Ohrläppchen zu filmen, und drückt sich vor allem vor der Auseinandersetzung mit seiner Familiengeschichte: In New York lebt eine alte Dame, die ihm etwas erzählen möchte. Jonas will nichts zu tun haben mit der „Nazischeiße“ und kann letztlich doch nicht länger davor davonlaufen.

Was für ein Buch! Es ist wild und weird und böse und witzig. Chris Kraus hat mich richtig überrascht. Zwischendrin dachte ich: was für eine merkwürdige, merkwürdige Geschichte, und dennoch habe ich sie geliebt. Weil sie anders ist und originell. Weil es um Sex geht, ohne dass es awkward wird, weil so viel Sarkasmus und Menschenhass drinsteckt. Und sehr viele richtig kluge Gedanken.

Gewinnende Eigenschaften habe ich wenige, dazu sind mir Menschen entweder zu egal oder zu unheimlich. Im Allgemeinen wird mir von den üblichen geselligen Talenten höchstens Humor nachgesagt, ein viel strapaziertes Wort. Auf der Stufe der Nicht-vollkommen-Behämmerten, auf der ich mich einordne, entspringt mein Lachen aber absolut nicht dem Wunsch, zu heiterem Lebensgenuss beizutragen oder etwa die Welt lustig zu finden. Ich finde die Welt nicht lustig.

Die Leute wollen nicht, dass man zu viel Vergnügen hat. Sie glauben, das sei schlecht für einen, vor allem, wenn man das Gegenteil erdulden musste. Sie wollen auch dieses Gegenteil nicht, dass der Mensch also zu viel Leid erfährt, das will niemand. Beunruhigend ist sowohl das grenzenlose Verlangen als auch das grenzenlose Leid. Das Grenzenlose macht uns Angst.

Natürlich ist dieses Buch mit dem (Entschuldigung) reichlich uninspirierten Titel Sommerfrauen Winterfrauen eine Coming-of-age-Story, allerdings keine klassische. Keine Angst also vor einem 08/15-Setting! Euch erwartet alles andere als das. Wir folgen einem jungen Mann, der sich dem Beängstigendsten stellen muss, das es gibt: der Vergangenheit – und der Zukunft. Woher kommt er, was hat es mit der Nazivergangenheit seiner Familie auf sich? Muss er sich wirklich anhören, was sein Großvater getan hat, oder darf er im Ungewissen bleiben? Und welche ist die richtige Frau für ihn, was möchte er erreichen, wo könnte sein Weg an der Filmhochschule hinführen, soll er Vater werden oder nicht? Chris Kraus, der selbst Filmregisseur und Drehbuchautor ist, schreibt sehr szenenstark, sehr bildlich, mit guten Schnitten und Dialogen, die sitzen. Das ist ein herrlich lesenswerter Schlagabtausch, eine Suche, ein Sommerrausch – inklusive Wendungen, mit denen man nicht rechnet. Am Ende ist eigentlich nichts so, wie man es sich am Anfang ausgemalt hat, und das ist, abgesehen von vielen guten Sätzen, vielleicht das Beste.

Sommerfrauen Winterfrauen von Chris Kraus ist erschienen bei Diogenes (ISBN 978-3-257-07040-8, 416 Seiten, 24 Euro).

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