Bücherwurmloch

10 gute Bücher aus meinem Regal, die ihr ziemlich sicher nicht kennt

Es hat sich so ergeben. Schon seit einer Weile stelle ich immer wieder Lieblingsbücher aus meinem sehr schmalen Regal vor, die alt sind, keine Neuerscheinungen, sondern Backlist-Titel, und nach Möglichkeit nicht so bekannt. Dabei hat sich herausgestellt, dass ihr das anscheinend mögt, dass ihr gern Romane entdeckt, die nicht mit dem Mainstream mitgeschwommen sind, und das freut mich natürlich, denn: Es handelt sich dabei ja stets um Herzensbücher meinerseits, sonst würden sie gar nicht im Regal stehen, sondern wären längst weitergereist. Deshalb hab ich mir überlegt, ich mache heute eine Art Special: 10 Bücher, die gut sind. 10 Bücher, die nicht die Aufmerksamkeit bekommen haben, die sie verdient hätten. 10 Bücher, bei denen ich davon ausgehe, dass ihr sie nicht gelesen habt.

Molly Antopol: Die Unamerikanischen
Amerika ist der rote Faden, von dem die unamerikanischen Figuren in Molly Antopols Geschichten zusammengebunden werden. Da ist der israelische Soldat, dem ein Bein abgenommen wird und dessen Freundin die geplante USA-Reise mit seinem Bruder antreten will, da ist der alternde Mann mit weißrussischen Wurzeln, der eine jüngere Frau heiratet und auf der Hochzeitsreise nach Kiew verliert, und da ist der nachlässige Vater, der mit Frau und Kind aus Prag geflohen ist und Jahre später Angst vor dem hat, was die Tochter in einem Theaterstück über ihn auf die Bühne bringen wird. Das ist übrigens meine Lieblingsgeschichte. Oder doch die Story von Talia und Tomer, die sich zum falschen Zeitpunkt ineinander verlieben? Oder die Geschichte von Alexi, der nach einem Jahr Gefängnis seinen Sohn zum ersten Mal wiedersieht … Ich kann es nicht sagen, ich mochte sie alle, jede Story, jede Seite, jeden Satz – ein ganzes Lieblingsbuch ist das, von vorn bis hinten. Molly Antopols Kurzgeschichtensammlung ist großartig, schön, wehmütig, intelligent und einzigartig.

Die Unamerikanischen von Molly Antopol ist erschienen bei Hanser Berlin (ISBN 978-3-446-24771-0, 320 Seiten, 20,50 Euro).

Dorthe Nors: Handkantenschlag
Einer, der vorher im Außenministerium war, wird zum Buddhisten und zum Chef der Hilfsorganisation Informationen von Volk zu Volk. Nur ein guter Mensch wird er leider nicht. Ein Kind, dessen Eltern sich getrennt haben, zieht von der Mutter zum Vater, dessen neue Freundin auch einen Sohn hat. Eine Putzfrau öffnet dem Lieferanten die Tür, der eine viel zu große Tomate wieder abholen soll – und verbringt mit ihm den Rest des Tages. Ein Mann sitzt abends vor dem Computer und beschäftigt sich mit weiblichen Mörderinnen, während seine Freundin schläft. Und einer Frau, deren Mann sie verlassen hat, bleibt nichts außer den Plänen, die sie nie umsetzen wird. Dorthe Nors‘ Kurzgeschichtensammlung trägt den Titel Handkantenschlag. Und das passt. Denn die dänische Autorin, die in den USA Erfolge feiert, teilt mit ihren sprachlich präzisen Miniaturen tatsächlich Schläge aus. Sie haut dem Leben ins Gesicht, sie spuckt Kirschkerne, lächelt sardonisch und hat es faustdick hinter den Ohren. Das merkt man aber nur, wenn man genau hineinliest in diese Short Short Storys, die ultrakurz sind. Am Ende jeder Geschichte bin ich verblüfft darüber, dass sie schon aus ist. Ich sitze sprachlos da und lasse das Gelesene nachwirken. Nicht immer verstehe ich es. In diesen kleinen Momentaufnahmen gibt es keine Pointen. Auch ist das Inhaltliche nicht unbedingt eine gewichtige, wertvolle Botschaft. Vielmehr geht es um Alltagsbeobachtungen, winzige Ausschnitte, die man weiterdenken kann und muss.

Handkantenschlag von Dorthe Nors ist erschienen im Osburg Verlag (ISBN 9783955100704, 170 Seiten, 17,99 Euro). #indie

Greg Ames: Der bisher beste Tag meines Lebens
„Was für ein Leben erwartet einen, der seine Mutter getötet hat?“ Das fragt sich der 28-jährige James, der darüber nachdenkt, seine demenzkranke Mutter von ihrem Leid zu erlösen. Der Standpunkt der Krankenschwester war stets klar: Sie wollte lieber sterben als vor sich hin zu vegetieren. Jetzt ist sie 56, lebt im Heim und hat vergessen, wie das geht: sprechen, eine Toilette benutzen, leben. Und James fühlt sich schuldig, weil er sie vom Gedanken, Selbstmord zu begehen, abgebracht hat. Kann er, muss er seine Mutter nun töten? Er fliegt von New York, wo er als Grußkartentexter arbeitet, in seine Heimatstadt Buffalo und versucht einen klaren Entschluss zu fassen in Bezug auf Euthanasie. Mit Der bisher beste Tag meines Lebens hat Greg Ames einen lebensklugen, witzigen und überzeugenden Roman geschrieben, der geprägt ist vom Gefühl des Verlusts. Protagonist James hat es seiner Mutter nicht leicht gemacht, hat getrunken und rebelliert, ihren Rat ignoriert. Jetzt, wo er sich seiner Liebe für sie erinnert, ist es zu spät – sie weiß nicht mehr, wer er ist. Und James steht vor der Frage, ob ein Mord aus Liebe dennoch ein Mord ist. In starken und einprägsamen Bildern beschreibt Greg Ames das Leben eines Demenzkranken, macht es durch Worte erlebbar: „Ohne Gedächtnis hätte ich nichts. Ich wüsste nicht, wie ich von diesem Stuhl aufstehen sollte. Ich könnte keine Zusammenhänge erkennen. Wie bin ich hierher gekommen? Warum bin ich hier? Wie funktionieren meine Hände und mein Mund?“ Dies ist ein Roman über Würde, Menschlichkeit und Loslassen, über Erinnerungen und den quälenden Schmerz derer, die diese Erinnerungen bewahren. Trotz dieser schwergewichtigen Themen drückt das Buch nicht auf die Tränendrüse, im Gegenteil, es punktet mit einer trotzigen Heiterkeit.

Der bisher beste Tag meines Lebens ist erschienen im Steidl Verlag (ISBN 978-3-86930-178-5, 18 Euro). #indie

Giuliano Musio: Scheinwerfen
Die Weingarts haben eine sehr spezielle Gabe: Wenn sie jemanden berühren, können sie seine verdrängten Erinnerungen sehen. Jeder aus der Familie, der seine Initiation hatte, spürt dadurch jene Erlebnisse auf, an die die Menschen selbst nicht mehr herankommen. Die Brüder Julius und Toni haben dieses Talent von ihrem Vater geerbt, ihre Mutter hat daraus ein florierendes Geschäft gemacht: Die Kunden geben sich die Klinke in die Hand, um mithilfe der Weingarts verlorene Schlüssel, den Namen eines Vergewaltigers oder ein Gefühl aus der Kindheit wiederzufinden. Was für ein Debüt! Was für eine Story! Was für ein Vergnügen! Der Schweizer Autor Giuliano Musio erzählt in Scheinwerfen eine abstruse, spannende und gefühlvolle Geschichte, die völlig unglaubwürdig ist und dabei doch absolut realistisch erscheint. Vier Menschen stehen im Mittelpunkt und tragen ihre jeweilige Perspektive zur Geschichte bei: Julius, Sonja, Res und Toni. Einer von ihnen liebt den falschen Mann. Einer kann überhaupt nicht scheinwerfen, sondern tut nur so. Und alle verbindet nicht nur dasselbe Erbmaterial, sondern auch ein schreckliches Geschehnis in der Vergangenheit, an das sie sich selbst nicht mehr erinnern können. Behutsam löst Giuliano Musio Schicht um Schicht das Vergessen und hantiert dabei gekonnt mit den Fäden eines fesselnden Verwirrspiels: Was ist damals wirklich passiert? Wer sagt die Wahrheit? Und was weiß ein jeder wirklich über die Menschen, die er liebt?

Scheinwerfen von Giuliano Musio ist erschienen im Luftschacht Verlag (ISBN 978-3-902844-51-4, 404 Seiten, 25,20 Euro). #indie

Edward Carey: Alva & Irva
Alva und Irva sind Zwillinge, die einander gleichen innen und außen. Sie sind so eng miteinander verbunden, dass sie sich nicht trennen können, nicht einmal für einen Augenblick, und dass sie keinen Zugang finden zu den anderen Menschen. Als sie heranwachsen, stellt sich allerdings heraus, dass das Bedürfnis, am Geschehen in der Außenwelt teilzunehmen, ungleich zwischen den Zwillingsschwestern verteilt ist: Die extrovertierte Alva hat alles abbekommen, die introvertierte Irva nichts. Als sie beginnen, die Stadt Entralla, in der sie leben, aus Plastilin nachzubauen, ist das von Vorteil: Alva erkundet die Stadt, Irva bildet sie zu Hause ab. „Alvairvalla ist eine Stadt aus Plastilin und daher sehr geduldig.“ Doch um sich von Irva zu unterscheiden, greift Alva zu radikalen Methoden. Und die Risse zwischen den beiden gehen einher mit noch viel größeren Rissen in der Stadt … Als Leser wandert man durch dieses Buch wie ein Tourist durch eine Stadt. Zu jedem Kapitelanfang gibt es eine Einführung mit Foto zu einem Gebäude von Entralla, Hinweise auf Öffnungszeiten und Rabatte vervollständigen den Eindruck eines Reiseführers. Dann folgt die Erzählung aus Alvas Sicht. Alva & Irva ist ein ungewöhnliches, ein böses, witziges, unterhaltsames und völlig absurdes Buch. Wenn es sich irgendwo auftreiben lässt, unbedingt zugreifen!

Alva & Irva von Edward Carey ist erschienen bei liebeskind (ISBN 978-3935890168, 252 Seiten), die englische Ausgabe ist noch lieferbar.

Brittani Sonnenberg: Heimflug
Eine Familie: Elise, Chris, Leah und Sophie. Elise, die der Erinnerung an die sexuellen Übergriffe ihres Großvaters entkommen will und sich einen Mann aussucht, der die ganze Welt bereist, um so weit wie möglich wegzukommen. Chris, der Schulsportler, der beruflich erfolgreich ist, ein stolzer, zurückhaltender Mann. Leah, die in Deutschland geboren wird, in London, Amerika, China und Singapur aufwächst, voller Neid auf die kleine Schwester davor und voll unendlicher Trauer danach. Denn Sophie stirbt im Alter von 13 Jahren überraschend. Die anderen drei Familienmitglieder versuchen in Folge, mit ihrem Fehlen zurechtzukommen – an verschiedenen Orten, mit einer Therapie, mit all ihrer Kraft. Doch auch nach vielen Jahren ist ihnen klar, dass es ihnen niemals gelingen wird. Brittani Sonnenberg hat wie ihre Figuren in Asien, Europa und den USA gelebt, vermutlich kennt sie sich deshalb so gut aus mit dem Gefühl der Heimatlosigkeit und dem Vagabundendasein. Gleich zu Beginn fesselt sie mich mit ihrer trittsicheren, stimmigen Sprache und der einzigartigen Perspektive: Im ersten Kapitel erzählt ein Haus. Die Perspektiven wechseln oft, von Ich-Einblicken über fast theaterstückartige Szenen bis hin zu klassisch auktorialen Teilen, und das macht den Roman sehr facettenreich, wenn auch ein wenig unrund. Heimflug ist ein Buch, das funkelt. Es ist liebevoll, zärtlich, brutal und abgeklärt, es duftet nach exotischen Pflanzen, schwitzt vor Hitze, fühlt sich manchmal fremd und manchmal vertraut an. Hier ist eine Autorin am Werk, die es glänzend versteht, das Fremde einzufangen und zu beschreiben, und die genau weiß, was sie mit ihrer Geschichte sagen will. Es geht um die Suche nach der Möglichkeit, sich heimisch zu fühlen, wenn man keine Heimat hat, und um die Frage, was einen auffangen kann, wenn es keinen Boden unter den Füßen gibt.

Heimflug von Brittani Sonnenberg ist erschienen im Arche Verlag (ISBN 978-3-7160-2709-7, 336 Seiten, 19,95 Euro).

Blandine le Callet: Die Ballade der Lila K
Ein Mädchen, das sich später Lila K nennen wird, findet sich in nicht allzu ferner Zukunft in einer Art Waisenhaus wieder. Es hat keinen Vater und wurde der Mutter weggenommen, an die es unablässig denkt und von der es nicht einmal den Namen erfährt. Lila ist klug und seltsam, erträgt keine Berührungen und kein Licht, wäre am liebsten allein, muss sich aber sozial zeigen und integrieren, um wieder frei sein zu dürfen. Der Mensch in dieser nicht näher bestimmten Zukunft ist überaus gläsern, er wird ununterbrochen von Kameras beobachtet, seine Fäkalien werden von der Kloschüssel analysiert, und ob er Kinder bekommen darf, entscheidet er nicht selbst. Nicht so streng sind die Regeln draußen in der „Zone“, wo Gewalt, Armut und Zügellosigkeit herrschen, wo es noch echte Bücher gibt und keine Videoaufzeichnung. Dort, so findet Lila nach jahrelanger, vorsichtiger, geheimer Recherche heraus, kommt sie her, dort muss ihre Mutter sein. Doch um sie zu finden, braucht Lila Hilfe – von Milo, einem undurchsichtigen, faszinierenden Mann, in den Lila sich, so sehr sie es zu verhindern versucht, verliebt. Dieses Buch und ich, wir haben eine Hassliebe. Denn  die Geschichte von Kindesmisshandlung, absoluter Kontrolle durch den Staat und purer Einsamkeit in einer reglementierten Gesellschaft ist so eindringlich erzählt, dass einem beim Lesen manchmal schlecht wird. Blandine le Callet schildert behutsam und klar ein fiktives Schicksal, das trotz der merkwürdigen, wie Sci-Fi anmutenden Umstände erschreckend real wirkt. Spannend, klug, bewegend und extrem verstörend. Ein Buch, das einen noch lange verfolgt.

Die Ballade der Lila K von Blandine le Callet ist erschienen bei Ullstein (ISBN 978-3550088711, 368 Seiten).

Riikka Pulkkinen: Wahr
Ich habe mich nicht auf den ersten Blick in Wahr von Riikka Pulkkinen verliebt. Vielmehr habe ich nach der digitalen Leseprobe entschieden, das Buch nicht zu lesen. Dann aber hat es mir ein aufmerksamer Mensch geschenkt, und wir haben einander über das Regalbrett hinweg immer wieder angeschaut. Eines Tages habe ich ihm spontan doch eine Chance gegeben – und es war um mich geschehen. Plötzlich hat die junge finnische Autorin ihre sperrige, hölzerne und doch so klare Sprache um mich gelegt wie Arme und hat mich so festgehalten, dass ich nicht mehr gehen wollte. Die Geschichte ist denkbar klischeehaft: Eine Frau liegt im Sterben, sie hat eine Karriere gehabt und eine Familie, und ihr Mann hat sie einst betrogen, er war verliebt in eine andere. Aber es ist ebendiese ausgezeichnete, kluge Sprache, die mal hart werden und dann wieder weich sein kann, die dafür sorgt, dass ich mich trotzdem für diese Geschichte interessiere. Alle Sätze sind eingebettet in ein großes Gewebe, das in seiner Gesamtheit funktioniert und keine einzige Lücke aufweist. Eevas Geschichte ist die Geschichte jeder Frau, die einmal unverhältnismäßig geliebt hat: „Aber sie ist der Überzeugung, dass niemand es sich leisten kann, die Liebe vorbeiziehen zu lassen. So reich kann niemand sein. Und deshalb macht sie ihm die Tür auf.“ Wahr ist kraftvoll und zynisch, elegant und melodisch, ein Buch voller Sätze, mit denen ich mich zudecken möchte, um zu schlafen darin.

Wahr von Riikka Pulkkinen ist erschienen bei List (ISBN 978-3548611624, 457 Seiten), als Taschenbuch erhältlich.

Priya Basil: The obscure logic of the heart
„You’re always making plans“, sagt Lina zu Anil. „Because plans are how you tame the future“, antwortet er. Lina und Anil, deren Namen gegengleich sind wie ihre Seelen, lernen sich kennen, als sie beide Studenten in London sind und jung. Anil stammt aus einer reichen kenianischen Familie und will Architekt werden, Linas Eltern leben bescheiden, sie selbst steht unter der Obhut ihrer Tante und studiert Jura im letzten Jahr. Während Anil in Liebe auf den ersten Blick entbrennt, gibt Lina sich zurückhaltend – kann seinem Charme aber nicht allzu lange widerstehen. Und so entspinnt sich nicht nur eine sinnliche, wahnwitzige Liebesgeschichte, sondern auch ein dichtes Lügengespinst, in dem die beiden Verliebten sich immer mehr verfangen. The obscure logic of the heart ist eine moderne Romeo-und-Julia-Geschichte mit religiösem Hintergrund. Die Autorin, die in Kenia aufgewachsen ist, lässt abwechselnd Lina und Anil erzählen, gibt ihren Zweifeln und seiner Verzweiflung eine authentische Stimme. Sie porträtiert eine Liebe, die wie eine zarte Pflanze durch die Ritzen im Beton wächst, die sich nicht niedertrampeln lässt, die mühsam gehegt wird, während andere, die sie als Unkraut betrachten, sie auszurupfen suchen. Freilich ist eine Liebesgeschichte umso romantischer, je mehr die Liebenden gegen Widerstände kämpfen müssen und je größer die Zahl ihrer Feinde ist. Priya Basil zeigt aber auch, dass – getreu nach Shakespeare’schem Vorbild, wenn auch weniger tragisch – die Liebe gegen so viel Feindseligkeit oft nicht bestehen kann, dass die Pflanze manchmal schlussendlich verdorrt. Ein Wunderwerk sind die Briefe, die im Roman auftauchen und von denen ich zuerst nicht weiß, wer sie an wen geschrieben hat. Als es mir schlussendlich klar wird, bin ich regelrecht erschüttert. Diese feinsinnigen, klugen, traurigen Briefe sind das Seil, das mich in dieses Buch zieht und mich an die vielen einzelnen Sätzen bindet, die unendlich schön sind: „If it was your intention to vanish without a trace, you neglected to consider the most incriminating article: me.”

Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Die Logik des Herzens erschienen.

Irene Ruttmann: Adèle
„Immer habe ich gedacht, es kann nicht so schnell gehen zwischen Mann und Frau. Es braucht Zeit und Übereinstimmung und Abwägen und auch Mut.“ Aber als der junge Soldat Max im Dezember 1916 auf die schöne Adèle trifft, braucht es davon gar nichts – und es geht sehr schnell. Der 23-jährige Deutsche, der zuhaus als Drogist arbeitet, ist „Krankenträger des 177. Sächsischen Infanterieregiments in einer kurzen Ruhepause von der Hölle in der Etappe“ in einem besetzten Gebiet in Frankreich. In dieser Funktion sucht er nach Salbei für seine erkrankten Kameraden und sieht Adèle auf einer Holzbank sitzen in einer leuchtend roten Jacke. Es ist sofort um ihn geschehen. Sie hilft ihm, lacht ihn an, und obwohl sie sich kaum verständigen können, herrscht gleich ein tiefes Einverständnis zwischen ihnen. Irene Ruttmann hat sich mit Kinder- und Jugendbüchern einen Namen gemacht. In ihrem zweiten Roman Adèle beschwört sie den Ersten Weltkrieg herauf, und zwar durch das Tagebuch eines jungen deutschen Soldaten, das nach seinem Tod gefunden wird und Aufschluss gibt über seine Liebe zu einer Französin. Ungestüm ist er und naiv, überwältigt von all diesen Empfindungen, die er zum ersten Mal spürt. In Adèle geht es um einen Moment. Um eine Begegnung, einen Kuss, eine rote Jacke, um die Erinnerung und die Wehmut, um das Was wäre gewesen, wenn. Sehr schön.

Adèle von Irene Ruttmann ist erschienen bei Zsolnay (ISBN 978-3-552-05738-8, 160 Seiten, 18,40 Euro).

4 Comments

  1. Eseob

    Muss an der Stelle mal ein Dankeschön loswerden. Ich habe dank dem kleinen Bücher Regal so einige Bücher entdeckt, die mich sehr bewegt haben!

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