Gut und sättigend: 3 Sterne

Der Tod ist tot!
Die Salzburger Festspiele gehen in die nächste Runde – und zwar mit einem handfesten Skandal: Auf der Jedermann-Bühne vor dem wuchtigen Dom liegt ein erdolchter Toter. Es ist niemand anderes als der Tod selbst, gespielt von Hans Dieter Hackner. Kommissar Martin Merana macht fortan nicht nur die sommerliche Hitze zu schaffen, die schwül über Salzburg liegt, sondern auch die Heimlichtuerei der Schauspieler und PR-Menschen, die Sensationsgeilheit der Medien und das Rätsel um diesen theatralischen Mord. Gemeinsam mit seinen Kollegen wühlt er sich hinein in die Hintergründe der Festspiele und in so manches private Drama hinter den Kulissen.

Herrlich böse und sarkastisch geht der Salzburger ORF-Journalist Manfred Baumann mit seiner Stadt ins Gericht: „An Toten haben die Salzburger Aasgeier wenig Interesse. Tote geben nichts her. Kaufen keine Souvenirs. Essen keine Pommes frites. Zahlen keinen Eintritt. Tote interessieren die Salzburger Aasgeier nur, wenn sie so berühmt sind, dass man ihr Bild auf Marzipankugeln und Likörflaschen kleben kann.“ Und aus genau diesem Grund amüsiere ich mich mit diesem Krimi, obwohl ich sonst einen großen Bogen um Krimis mache: Selbst Salzburgerin, macht es mir Spaß, ein Buch zu lesen, das dort spielt, wo ich mich auskenne, wo ich lebe und mir meine Meinung bilde. Aber auch für Nicht-Österreicher dürfte dieser spannende Roman mit der würzigen Prise Lokalkolorit interessant sein, schließlich sind die Festspiele ein international bekanntes Spektakel.

Die Ausgangsidee, ausgerechnet den Tod tot auf die Jedermann-Bühne zu legen, finde ich genial. Jedermanntod ist ein klassischer Whodunnit in alter Agatha-Christie-Manier: Jede Menge Verdächtige, jede Menge Motive, aber nur einer war’s. Der Lösung kann man auf die Schliche kommen, sie ist aber nicht allzu offensichtlich – die perfekte Mixtur. Auch die österreichische Sprache gibt dem Buch eine interessante und originelle Färbung. Mit Kommissar Merana hat Manfred Baumann einen sympathischen Schnüffler geschaffen, der sich mit Sicherheit noch durch einen Fortsetzungen rätseln wird. Dieser Roman ist wie ein Tatort zum Lesen: spannend, unterhaltsam und mit einem schlüssigen Ende – genau wie ein Krimi sein muss. Außerdem, das muss ich noch hinzufügen, ist das Cover sehr gelungen.

Gut und sättigend: 3 Sterne

Solide Spannung und schräge Ideen
Sebastian und Oskar sind kluge Köpfe und seit dem Studium beste Freunde. Als Physiker bewegen sie sich in Gefilden, in die ihnen kein normalsterbliches Gehirn folgen kann. Während Sebastian geheiratet und Sohn Liam bekommen hat, strebt Oskar nach „Höherem“ in der Physik. Dieser Punkt ist ein ständiger Zankapfel zwischen den beiden. Als Liam entführt und Sebastian zu einem Mord gezwungen wird, um seinen Sohn zu retten, kommt Kommissar Schilf ins Spiel. Er ist schlau, kauzig und eigentlich schon fertig mit dem Leben. Seine junge Kollegin Rita dagegen wird vom Ehrgeiz gesteuert. Ihr Ziel aber ist dasselbe: den Fall zu lösen.

Es gibt einen großen Hype um Juli Zeh. Schilf ist das erste Buch, das ich von ihr gelesen habe – es kam durch eine Empfehlung zu mir. Dementsprechend hoch waren meine Erwartungen, was es einem Buch niemals leicht macht. Originell finde ich die Kapitelüberschriften, die lang sind und amüsant. Weniger originell dagegen ist meiner Meinung nach die Figurenzeichnung: Wer viele Krimis gelesen hat, kennt sie alle, die abgebrühten, allwissenden Kommissare. Ein solcher ist auch Schilf. Polizistin Rita entspricht ebenfalls in den meisten Eigenschaften der Vorstellung von einer Frau, die sich durchbeißen muss in einer Männerwelt. Von dieser Seite ist also nichts Neues zu holen. Inhaltlich gesehen brilliert Juli Zeh mit einer ungewöhnlichen Idee, einer ebenso grausamen wie banalen Geschichte und einem grandiosen, grotesken Ende. Was dieses Ende angeht, so leidet dieser Roman an einem Virus, der alle Krimis befällt: Will die Auflösung glaubwürdig sein, so muss der Leser den Täter bereits kennen, die Verbindungen müssen bestehen. Das tun sie auch in diesem Buch. Und so ist die Wahrheit hinter den Ereignissen stets nur einen Moment Nachdenken entfernt. Was bedeutet: So schlau wie Kommissar Schilf bin ich auch. Das ist aber in Ordnung, ein bisschen Vorhersehbarkeit darf und muss sein – und die Genialität des Einfalls ist dennoch groß.

Während Juli Zeh einige geradlinige und herausragende Formulierungen findet, sind andere Stellen stilistisch gesehen halbgar. Ich mag die ironischen Einschübe und die verqueren Gedankengänge. Die Mischung aus Abgehobenheit – etwa wenn es um das physikalische Phänomen der Zeit geht – und klassischem What-happened-Krimi ist der Autorin gut gelungen. Abschließend lässt sich sagen, dass mir Schilf dafür, dass ich an Krimis übersättigt bin und sie nicht mehr mag, unerwartet gut gefallen hat. Vermutlich aber war es nicht das richtige Buch für mich aus Juli Zehs bisheriger Sammlung. Wer sich aber für spannende Literatur, intelligente Storykonstruktionen und abgelebte Kommissare erwärmen kann, ist hiermit jedoch bestens beraten.