Bücherwurmloch

Lea Singer: Der Klavierschüler

„Unsere Angst ist weniger die Angst vor dem Tod als die Angst, nicht richtig zu leben“

„Siebenundvierzigeinhalb Jahre waren vergangen, und nun durchlebte Kaufman alles noch einmal.“

Das fasst diesen Roman am besten zusammen, denn Kaufmann erzählt. Von einer Zeit, die beinahe fünfzig Jahre zurückliegt und die ihn geprägt hat. Es war die Zeit, in der er der Schüler des großen Pianisten Horowitz war – und sein Geliebter. Über sich selbst sagt er:

„Alles war mir leicht gefallen und zugefallen, die Sympathien, die Liebhaber, die Liebhaberinnen und genügend Talent, um hübsch zu komponieren und Klavier zu spielen. Gekämpft hatte ich nie, um nichts und niemanden hatte ich gekämpft, nicht um den Klang eines Akkords, nicht um den Schmerz einer Melodie, nicht um einen Geliebten. An mir war nichts groß. Aber ich hatte durch Horowitz erlebt, was Größe ist.“

Nun muss man wissen, diese Geschichte ist real, das Buch ist fiktiv. Die Autorin Lea Singer hat Briefe des Jahrhundertmusikers Horowitz an den jungen Schweizer Nico Kaufman gefunden – und einen Roman daraus gemacht. Sie kennt also die Liebesgeschichte der beiden, die von mehreren Hindernissen umgeben war: Zum einen war Horowitz als Jude in den Jahren 1937 bis 1939, in denen die Affäre sich abspielte, in größter Bedrängnis, zum anderen war er verheiratet mit Toscaninis Tochter Wanda. Er hatte mit ihr ein Kind, und doch war es eine Scheinehe, denn Homosexualität war als Krankheit gebrandmarkt. Er konnte sich nicht outen, er konnte seine Orientierung nicht leben und seine Liebe zu Nico genauso wenig. Man weiß, dass Horowitz zeit seines Lebens an Depressionen litt – Lea Singer hat herausgearbeitet, dass das vermutlich damit zusammenhing. Weil alles, was er wollte, außer Reichweite für ihn lag. Nico Kaufman hatte mehr Mut, aber auch weniger zu verlieren, er war später in der Schwulenbewegung der Schweiz aktiv.

Etwas schwierig wird der Roman durch seine Rahmenhandlung: Kaufman erzählt einem Fremden namens Donati, dem er nie zuvor begegnet ist, von dieser heimlichen Liebe, die eben beinahe fünfzig Jahre her ist. Das ist leicht verkrampft und unglaubwürdig, wer würde das tun? Man merkt den Dialogen in ihrer Steifheit an, dass die Männer einander nicht kennen, man weiß auch nicht genau, ob dem einen unangenehm ist, was er vom anderen hört, und letztlich ist das alles freilich nur ein Alibi, um in Rückblenden erzählen zu können. Das finde ich bemüht und ein wenig schade, denn in seiner Essenz ist dies ein sehr gefühlvoller, durchdachter, behutsamer Roman, der sich einer ebenso talentierten wie letztlich tragischen Figur annimmt – und mit Fingerspitzengefühl eine bestimmte Zeit in ihrem Leben abbildet, die anhand der Briefe gut dokumentiert ist. Wozu wäre ein solches Genie fähig gewesen, hätte man es nicht gegängelt und erdrückt? Wie hätten diese Männer leben können, wären sie frei gewesen in ihren Entscheidungen? Der Klavierschüler ist ein nachdenklich stimmendes Buch, ein wichtiges, interessantes, klangvolles Buch.

„Ich frage mich, ob ich ein anderer geworden wäre, wenn ich ein Instrument gelernt hätte. Da kann einem die Welt nie so eng werden, dass der einzige Ausweg tödlich ist. Durch die Musik leuchten doch immer Möglichkeiten.“

Der Klavierschüler von Lea Singer ist erschienen im Kampa Verlag (ISBN 978-3311100096, 224 Seiten, 22 Euro).

 

 

 

2 Comments

  1. Liebe Mariki,

    der Roman klingt wirklich gut. Bücher, deren Handlungen mit Musik und Geschichte verbunden sind, lese ich sehr gern, deshalb wandert es schon einmal auf meine Leseliste. Gerade wegen der Rahmenhandlung erinnert mich das Buch irgendwie sehr an „Lea“ von Pascal Mercier. Darin erzählt ein Vater auch einem Fremden von seiner Tochter, die Violinistin ist. Das hat mir damals in der Umsetzung allerdings sehr gefallen!

    Liebste Grüße
    Cora

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