Bücherwurmloch

  1. IMG_5684Es kommen Berge darin vor.
  2. Ironie ist kein Stilelement, nichts, das effektheischend eingesetzt wird. Ironie ist ein selbstverständliches Grundrauschen.
  3. Das Buch hat einen Schmäh. Keine pointierten, affigen Gags, sondern eine gewitzte, humorvolle Einstellung zur Welt, zum Leben, zu allem, was so geschieht.
  4. Es kommt Skifahren darin vor.
  5. Der Blick auf die Deutschen ist liebevoll-spöttisch.
  6. Der Blick auf die Österreicher ist liebevoll-spöttisch.
  7. Die Sprache ist melodiös, ein Singsang, durchzogen von Sarkasmus und einer Spur Fatalismus. Das kann man eh alles nicht ändern, schwingt da mit, das kann uns eh alles wurscht sein.
  8. Überhaupt: das Wurschtigkeitsgefühl. Ohne ein bisserl Wurschtigkeitsgefühl ist es kein echter Österreicher. Ein bisserl who cares, aber auf Deutsch. Ein bisserl passt schon und ja mei und wird scho‘ werd’n.
  9. Es kommen Berge darin vor, auf denen man Skifahren kann.
  10. Die Handlung ist vielleicht irgendwie absurd, manches nicht so recht erklärbar, und niemanden scheint das zu stören.
  11. Das Buch ist makaber.
  12. Es geht darin um alles Mögliche, aber sicher nicht um die DDR.
  13. Es wird gestorben, weil, ja mei, so ist das halt.
  14. Über allem liegt eine leise Melancholie.
  15. In der Beziehung zu den Eltern gibt’s Probleme. In der Ehe gibt’s auch Probleme. Das Leben an sich ist ein problembehaftetes. Niemand hüpft fröhlich und unbeschwert durchs Bild.
  16. Es kommen Almhütten darin vor, die auf Bergen stehen, auf denen man Skifahren kann.
  17. Österreich selbst ist kein Sehnsuchtsort. Es ist ein Land, in dem man es halt aushalten muss, an dem man viel auszusetzen hat, die Politik, die Geschichte, die Leut, die Dummheit, aber naja, eigentlich ist es eh nicht so schlecht, eigentlich ist es eh ganz schön, aber woanders, da wär’s halt vielleicht doch noch schöner.
  18. Die Figuren haben nicht gestanden und haben nicht gesessen, sie sind gestanden und sind gesessen. Sie laufen auch sehr wenig,  sie gehen stattdessen. Sie gucken nicht, sie schauen. Sie essen keine Berliner, sondern Krapfen, in denen Marmelade ist und niemals Konfitüre. Sie tragen Sackerln, keine Tüten (schon gar nicht Jutebeutel).
  19. Es herrscht eine leichte Grundunzufriedenheit, ein Basisgrant.
  20. Der Autor/Die Autorin sieht sehr gut aus.
Bücherwurmloch

19225838_10158890121235578_729124526951754862_n„Wir kennen die Identität des Opfers nicht, aber vielleicht können wir die Identität des Schweins herausfinden“

Worum geht’s?
Um die EU und die Krise, in der sie steckt. Dies ist ein Gesellschaftsroman, der seine Zeit aufgreift und vielschichtig wiedergibt: Von Brüssel über Griechenland bist zurück nach Auschwitz reichen die Fühler, die er ausstreckt. Mit viel Ironie und Pointen, die nur Galgenhumor schafft, erzählt Robert Menasse von einer Institution, die ein Imageproblem hat, von Nationalismus und Bürokratie, von Globalisierung und dem, woran die EU wirklich krankt: dass sie von Menschen gemacht ist, und Menschen machen Fehler. Außerdem läuft ein Schwein durch Brüssel.

MenasseWer ist Robert Menasse?
Man könnte meinen, der Österreicher sei ein EU-Kritiker, einer derer, die dagegen sind, doch das Gegenteil ist der Fall: Robert Menasse, der mit Die Hauptstadt die erste EU-Satire liefert, ist ein Verfechter dieser Institution und hat sich in Essays, Sachbüchern und Reden mit ihr sowie seinen jüdischen Vorfahren beschäftigt. Viel Zeit hat er in Brüssel verbracht, und man merkt es am Roman: Er kennt sich aus. Nicht nur in dieser Stadt, sondern in der gesamten EU.

Ist Die Hauptstadt massetauglich und gefällig?
Ja. Es ist sehr gut geschrieben und konstruiert, leicht lesbar, mit einem Reigen an Figuren, deren Lebensgeschichten man folgen kann. Sie bestehen nebeneinander, paradoxerweise verbunden durch ein Schwein. Das auch noch sehr schnell zum Medienstar wird.

Ist es langweilig?
Nein! Sehr unterhaltsam. An manchen Stellen zieht es sich vielleicht ein wenig, aber generell hat es ein flottes Tempo.

Geht es darin um die DDR?
Nein! Sondern um die EU. Und das ist viel besser. Weil sorry, aber die DDR ist sooo 1989.

Ist es ein „großer deutscher Roman“?
Es ist der erste große und wichtige EU-Roman. Hochaktuell, um nicht zu sagen brisant, ein schlaues und fein ausbalanciertes Werk.

Ist es „tief bewegend“, „politisch akut“ oder „ein geniales Sprachkunstwerk“? (Jury-Zitate aus den Gewinnerbegründungen der letzten Jahre)
Nein, das nicht unbedingt. Aber thematisch am Puls der Zeit.

Wie hoch stehen die Chancen, den Buchpreis zu gewinnen?
Sehr hoch!

Die Hauptstadt von Robert Menasse ist erschienen bei Suhrkamp (ISBN 978-3-518-42758-3, 459 Seiten, 24 Euro).

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19225838_10158890121235578_729124526951754862_n„Wenn du ohne Geld durch unsere Republik reisen und dich satt essen kannst und alle freundlich zu dir sind, dann hat der Kommunismus gesiegt“

Worum geht’s?
Um Peter Holtz, naiv, jung, irgendwie entzückend, der an die Idee glaubt, an die Revolution. Er ist ein Waisenkind, das den Sozialismus sehr ernst nimmt, trotz der eigenen inneren Zweifel. Er ist ein liebenswerter Tölpel, der von der einen merkwürdigen Situation in die nächste tappt, ohne viel Einfluss darauf zu haben, wie es in einem typischen Schelmenroman der Fall ist. Dieses Buch ist eine Posse, voller Pathos und Dramatik, voller Rufzeichen und Kalauer. Das mag einerseits witzig sein, andererseits nervt es auch. Ein bisschen weniger Übertreibung hätte dem Ganzen nicht geschadet, aber ich verstehe, dass das der Sinn der Sache war. Über 600 Seiten strapaziert das den Geduldsfaden aber arg, vor allem, weil Peter Holtz naiv bleiben muss, um nicht aus seiner Rolle zu fallen. Als Leser wünscht man sich mehr Innenleben, mehr Reflexion, bleibt aber hilfloser Zuseher. Fast schon wie Peter in seinem Leben.

FullSizeRender 4Wer ist Ingo Schulze?
Ein sehr erfolgreicher Autor, Zeitungsredakteur und Schauspieldramaturg, dessen Simple Storys sogar Schullektüre sind. Seine Essays und Erzählungen wurden mit zahlreichen Preisen bedacht.

Ist Peter Holtz massetauglich und gefällig?
Ja. Es ist heiter, leicht, in einer simplen Sprache, die dem simplen Geist des Protagonisten geschuldet ist.

Ist es langweilig?
Von der Handlung her nicht, ich habe mich aus anderen Gründen gelangweilt: Es war mir zu eindimensional, zu eintönig, zu gleichklingend. Ein Schelmenroman ohne Tiefen. Ab der Hälfte habe ich nur noch quergelesen.

Geht es darin um die DDR?
Ja!

Ist es ein „großer deutscher Roman“?
Er ist deutsch, und er ist dick, aber … nein.

Ist es „tief bewegend“, „politisch akut“ oder „ein geniales Sprachkunstwerk“? (Jury-Zitate aus den Gewinnerbegründungen der letzten Jahre)
Nein. Eher sentimental. Und sprachlich zum Teil ein bisschen platt, was, siehe oben, natürlich Absicht ist.

Wie hoch stehen die Chancen, den Buchpreis zu gewinnen?
Inzwischen bei 0 Prozent, der Titel ist nicht auf der Shortlist gelandet.

Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst von Ingo Schulze ist erschienen bei S. Fischer (ISBN 978-3-10-397204-7, 576 Seiten, 22 Euro).

Bücherwurmloch

IMG_5442Zwei Frauen, zwei Meinungen: Sarah und ich haben uns über Schau mich an, wenn ich mit dir rede! von Monika Helfer unterhalten
Wir konnten uns nicht anschauen, als wir miteinander redeten, aber zum Glück gibt es das Internet: Sarah und ich haben uns ein paar Fragen zu Monika Helfers Roman gestellt, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht, und sie sehr unterschiedlich beantwortet, denn während ihr das Buch gut gefallen hat, fand ich es eher mau. Als ich unsere Antworten gerade nochmal durchgelesen habe, dachte ich: Wie nett Sarah ist! Und ich klinge wie ein alter Grantler. Aber ihr seid es ja schon gewöhnt, dass Mariki mal wieder motzt.

Weshalb wolltest Du diesen Longlist-Titel lesen?
Sarah: Mich hat die Kurzbeschreibung angesprochen. Oftmals spielen sich in den Alltäglichkeiten von Familien die wirklichen Dramen ab, das ist eine Thematik, die mich in der Literatur oft anspricht. Ich wurde beim Lesen auch nicht enttäuscht – dieser genaue Blick auf das Alltägliche und das Ringen um die eigenen Bedürfnisse gefiel mir. Und gerade die Anfangsszene war für mich ein kleiner Paukenschlag.

Mareike: Weil er von einer Frau geschrieben wurde.

Ein Buch für …?
Sarah: Alle, deren Leben anders verläuft, als sie es mal geplant hatten.

Mareike: Intellektuelle und alle, die sich gern an Fiktion erhöhen, um denken zu können: Ich lebe nicht so. Ich hab es besser.

Würdest du das Buch verschenken?
Sarah: Es ist kein leichter Titel zum Verschenken, nichts zum Weglesen oder mit großem Spannungsbogen. Daher sicherlich nur an einen relativ ausgesuchten Personenkreis.

Mareike: Nein. Zum einen liegt mir nichts an diesem Roman, zum anderen bin ich ja nur von Menschen umgeben, die nicht lesen. Und schon gar nicht ein Buch von diesem Kaliber.

Was hat Dich nicht überzeugt?
Sarah: Eine Figur im Buch fast „zu gut, um wahr zu sein“ und wirkte dabei häufig wie eine Karikatur. Aber irgendwie bekam er doch meist die Kurve.

Mareike: Wenn man in einem Roman den Alltag abbildet, muss es, damit er für mich lesenswert wird, etwas Einzigartiges geben, und sei es nur etwas Kleines: die Sprache, zum Beispiel. Oder ein kurioses Detail, das ebendiesen Alltag interessant macht. Es braucht etwas, das mich dazu bringt, mir die Mühe zu machen. Das hat mir gefehlt. Ich dachte: Aha, ja, mei, so ist es halt. Manche leben so. Why the fuck should I care? Das begann schon mit dieser seltsamen Distanz am Anfang, der Fiktion in der Fiktion: Ich hab da diese Leute gesehen, was könnten die für eine Geschichte haben? Dadurch wirkte alles auf mich so ausgedacht, ohne Fleisch und Blut. Ich konnte keine Beziehung zu den Figuren aufbauen, nicht einmal zu Vev, die ja als Scheidungskind etwas in mir hätte anrühren können. Der Ton hätte außerdem rotziger sein dürfen, österreichischer, sarkastischer und pointierter.

Wie würdest Du den Roman in einem Satz beschreiben?
Sarah: Ein Roman über den Clash verschiedener Lebensentwürfe und den Versuchen, Familie und Liebe zu leben, wenn alle Parteien ihre ganz eigenen Vorstellungen über das Zusammenleben, Erziehung und Beziehungen versuchen durchzusetzen.

Mareike: Ein erstaunlich humorloses Buch über den Alltag einer Patchwork-Familie mit einer drogenabhängigen Mutter in Wien.

Wie stehen die Chancen für die Shortlist?
Sarah: Mittelmäßig. Für mich sticht Helfer positiv heraus, ein gut lesbarer Roman, der mich angesprochen hat, in seiner klaren Einfachheit. Kann er sich mit den anderen messen? Die Chance besteht.

Mareike: In meinen Augen nicht gut, ich sehe an dem Buch nichts Herausragendes.

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Bücherwurmloch

19225838_10158890121235578_729124526951754862_n„Deine Mama, ich sag dir nur eines … merk dir das … deine Mama … da fehlen einem die Worte!“

Worum geht’s?
Um eine Handvoll Figuren, die das Leben zusammengebracht hat und die nun miteinander zu tun haben, ob sie wollen oder nicht: Vev und ihre Mutter Sonja, die von Vevs Vater Milan geschieden hat, dessen neue Partnerin Natalie und ihre beiden Töchter sowie um The Dude, Sonjas neuen Freund. Sie sind, was man heute eine Patchwork-Familie nennt, und im Buch werden die verschiedenen Probleme des Zusammenlebens in diesen neuen Konstellationen durchleuchtet. Sonja ist drogenabhängig und arbeitet nicht, die Leute, mit denen sie sich umgibt, sind Junkies und Obdachlose und demnach keine gute Gesellschaft für ein Kind. Am besten bringt es die Aussage des Verlags über das Buch auf den Punkt: „So möchte man nicht leben. Aber so wird gelebt.“

IMG_5442Wer ist Monika Helfer?
Eine österreichische Schriftstellerin, die bereits zahlreiche Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht hat, für die sie mit einigen Preisen ausgezeichnet wurde.

Ist Schau mich an, wenn ich mit dir rede massetauglich und gefällig?
Jein. Es ist kein schlechtes, aber auch kein sonderlich interessantes Buch. Als sperrig kann man es aber auch nicht bezeichnen, im Gegenteil. Es bildet den Alltag einer fiktiven Familie ab, erhebt sich nicht darüber hinaus, weder moralisch oder bewertend noch in sprachlicher Hinsicht. Es ist halt so wie das Leben, von dem es erzählt: simpel, mit kleinen Höhen und größeren Tiefen.

Ist es langweilig?
Nur ein bisschen. Die Geschichte beginnt mit einer Begegnung in der U-Bahn, eine Mutter herrscht ihr Kind an, versucht, es zu manipulieren, jemand – es könnte die Autorin sein – beobachtet die Szene und denkt sich dann, so scheint es, einen Hintergrund dazu aus. Wer könnte diese Mutter sein, wie könnte das Kind heißen? Das wirkt wie doppelte Fiktion und sorgt für eine seltsame Distanz, die bis zum Ende des Romans aufrecht bleibt.

Geht es darin um die DDR?
Nein, es spielt in Österreich.

Ist es ein „großer deutscher Roman“?
Ganz sicher nicht.

Ist es „tief bewegend“, „politisch akut“ oder „ein geniales Sprachkunstwerk“? (Jury-Zitate aus den Gewinnerbegründungen der letzten Jahre)
Nichts davon.

Wie hoch stehen die Chancen, den Buchpreis zu gewinnen?
Bei 20 Prozent.

Schau mich an, wenn ich mit dir rede von Monika Helfer ist erschienen bei Jung und Jung (ISBN 978-3-99027-094-3, 182 Seiten, 20 Euro).

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19225838_10158890121235578_729124526951754862_n„Sie waren alle vier verzweifelt, jeder auf seine Weise“

Worum geht’s?
Um vier Menschen, die einander liebten und über Kreuz liebten: Inger, Floriane, Raimund und Moritz. Anfangs waren Floriane und Moritz ein Paar, dann hat Inger Moritz an sich gezogen, aber eigentlich war Raimund immer in Inger verliebt, und jetzt ist er verheiratet mit Floriane. Ein Schelm, wer dabei an die Wahlverwandtschaften denkt: Goethe im Jahr 2017 – das Motiv an sich hat natürlich nicht an Gültigkeit verloren und wird wieder und wieder erzählt werden. Liebschaften sind oft ein Karussell, jeder fasst jeden an den Händen und wird weitergereicht zum Nächsten. In der Gegenwart sind die vier längst erwachsen und Eltern, die Geheimnisse von damals brechen auf, und dann gerät alles auf eine sehr merkwürdige und nicht nachvollziehbare Weise außer Kontrolle.

Aus der Zeit, als er noch ein Junge gewesen war, kannte er ein Licht, das fand er später für sehr lange Zeit nur in der Bahnsteighalle seiner Stadt wieder, und auch nur an bestimmten Tagen.

Das ist der erste Satz aus Lichter als der Tag, und es ist einer der schönsten ersten Sätze, die ich je gelesen habe. Leider ist er aber auch das Beste am gesamten Buch.

FullSizeRender 3Wer ist Mirko Bonné?
In der deutschen Literaturszene kein Unbekannter: Er schreibt Romane, Gedichte, Aufsätze, arbeitet als Übersetzer und wurde vielfach ausgezeichnet. Nie mehr Nacht stand 2013 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, er ist also ein Wiederholungstäter.

Ist Lichter als der Tag massetauglich und gefällig?
Jein. Das Buch hat gefällige, sogar unterhaltsame Passagen, das muss man ihm lassen. Die Deutschen mögen auch das Mäandernde, Jammerige gern. Die Sprache ist stellenweise poetisch, melodisch, trägt sehr gut, flacht dann aber wieder ab, wird banal. Insgesamt ist das Buch zu schwerfällig, zu verwirrend, zu ausufernd, um den gemeinen Leser zu befriedigen. Und das Ende ist eine Enttäuschung für sich, in jeder Hinsicht. Es wirkt, als hätte der Autor gedacht: Ey, und jetzt lass ich ihn einfach was total Verrücktes machen, das gar keinen Sinn ergibt.

Ist es langweilig?
Anfangs nicht, später enttäuschenderweise doch. Protagonist Raimund verliert sich in seinem Gedankenmonolog, in seinem Gehedder mit den eigenen Gefühlen. Man sieht ihm dabei hundert Seiten lang geduldig zu, verliert die Geduld dann langsam und wird am Ende fast schon zornig, weil er so ein Jammerlappen ist, ein Suderant, wie wir in Österreich sagen, der stets den anderen die Schuld daran gibt, dass sein Leben nicht so ist, wie es idealerweise hätte sein können, in seiner Vorstellung. Das ist ermüdend.

Geht es darin um die DDR?
Nein.

Ist es ein „großer deutscher Roman“?
Nein.

Ist es „tief bewegend“, „politisch akut“ oder „ein geniales Sprachkunstwerk“? (Jury-Zitate aus den Gewinnerbegründungen der letzten Jahre)
Nein, nein und nein.

Wie hoch stehen die Chancen, den Buchpreis zu gewinnen?
Bei 40 Prozent.

Lichter als der Tag von Mirko Bonné ist erschienen bei Schöffling & Co. (ISBN  978-3-89561-408-8, 336 Seiten, 22 Euro).

Bücherwurmloch

19225838_10158890121235578_729124526951754862_n„Ein Mann muss trinken, damit er zur Besinnung kommt, nicht, um diese zu verlieren“

Worum geht’s?
Um einen vierzigjährigen Mann namens Matuschek, der noch bei der Mutter wohnt, bis sie ihm wegstirbt, und Tauben züchtet. Er hätte gern eine Frau, findet aber keine, und die einzige, die er kennenlernt, bleibt ihm nicht. So ergeht es ihm auch mit den Nachbarn, die man, wenn man ein sehr positiv denkender Mensch ist, Freunde nennen könnte: Sie bleiben nicht. Es ist ein kleines, beschauliches Leben, das Matuschek führt, die Arbeit bleibt ihm auch nicht, nur die Einsamkeit, die ist ihm treu.

FullSizeRender 2Wer ist Kerstin Preiwuß?
Absolventin des Leipziger Literaturinstituts und Lyrikerin, die mit Gedichten sowie dem Romandebüt Restwärme für Aufsehen gesorgt hat. Ein Buch, über das ich geschrieben habe: „Missbrauch, Traurigkeit und Schweigen sind vorherrschend. Das muss man aushalten können, und wenn man es kann, wird man mit einem feinen, klugen, ausgezeichnet geschriebenen Roman belohnt, der sich gut liest und eine erschütternde Wirkung hat. Er macht Gänsehaut im Kopf.“

Ist Nach Onkalo massetauglich und gefällig?
Nein. Das an sich gäbe dem Roman Chancen, buchpreistauglich zu sein. Ich halte diese Chance dennoch für gering. Er ist andererseits auch zu wenig sperrig, zu nichtssagend. Und bei Weitem nicht so gut und berührend wie Restwärme.

Ist es langweilig?
Ja. Das liegt daran, dass es nur um Matuschek geht, und Matuschek hat ein langweiliges Leben. Das Abbilden des Alltags, der Tristesse, der Fadesse ist etwas, das den Leipziger Absolventen sehr am Herzen zu liegen scheint. Das klingt dann so:

Die Tage ziehen dahin, das Wetter wird unbeständig. Gewitter kommen nicht mehr über den See, dafür Schauer. Die Luft ist frisch geworden, sie kühlt mehr, als dass sie wärmt. Das Schwalbennest klebt verlassen an der Dachecke.

Eh gut formuliert. Es ist das, was man gemeinhin lakonisch nennt. Und das ist ja manchmal nur ein anderes Wort für langweilig.

Geht es darin um die DDR?
Nein.

Ist es ein „großer deutscher Roman“?
Nein. Eher ganz bewusst ein kleiner deutscher Roman. Über das Leben im Kleinen, seine Vergänglichkeit, seine Bedeutungslosigkeit.

Ist es „tief bewegend“, „politisch akut“ oder „ein geniales Sprachkunstwerk“? (Jury-Zitate aus den Gewinnerbegründungen der letzten Jahre)
Nein, nein und nein.

Wie hoch stehen die Chancen, den Buchpreis zu gewinnen?
Bei 20 Prozent.

Nach Onkalo von Kerstin Preiwuß ist erschienen im Berlin Verlag (ISBN 978-3-8270-1314-9, 240 Seiten, 20 Euro).

 

Bücherwurmloch

Zitat„Aber im Rückblick ist es billig, Vorboten zu sehen. In der Fülle dessen, was man miteinander macht, gibt es für alles, was später kommt, Vorboten – und auch für alles, was später nicht kommt.“
Lloyd Jones: Mister Pip

„Erinnerung ist ein tröstlicher Phantomschmerz des Lebens, eine Art höherer Nachgeburt. Erst wenn die Erinnerung ganz vertrocknet ist, tritt der Tod vollständig ein.“
Dimitri Verhulst: Die Beschissenheit der Dinge

„Noch zuckende Bücher, aus denen die Sätze schossen wie frisches Blut.“
Pierre Péju: Die kleine Kartäuserin

„Dann trat Stille ein, so durchsichtig, daß über dem Tumult der Vögel und den Silben des Wassers auf dem Stein der trostlose Atem des Meeres zu vernehmen war.“
Gabriel García Márquez: Die Liebe in den Zeiten der Cholera

„Die Lebensgeschichte eines Menschen ist gleich dem, was er erreicht hat, plus das, was er noch erreichen möchte, minus das, was er bereit ist, dafür zu opfern.“
Craig Clevenger: Der geniale Mister Fletcher

„Und die Sehnsucht ist eine traurige Sache, aber ein wenig Freude ist auch dabei.“
Milena Agus: Die Frau im Mond

„Als ob es auf der Welt einen Gott gäbe! Gott ist ein Wahn, geboren aus der Einsamkeit der Menschen.“
Hitonari Tsuji: Warten auf die Sonne

„For some, the most difficult thing in life is knowing what they are surviving for.“
Eliot Pattison: Prayer of the Dragon

„Zuletzt öffnete er die Wohnungstür und fand sein Wohnzimmer im proportionalen Verhältnis zu seiner Lebenslust zu klein.“
David Foenkinos: Nathalie küsst

„Konjunktiv ist die schönere Welt. Das weiß in Österreich jeder.“
Verena Roßbacher: Schwätzen und schlachten

Bücherwurmloch

  1. 19225838_10158890121235578_729124526951754862_n
    Endlich bin ich dabei! Natürlich hab ich jedes Jahr auf die Buchpreisblogger geschielt, ihre Beiträge gelesen und die Diskussionen verfolgt. Umso grandioser finde ich es, dass ich 2017 mit von der Partie sein darf. Und hoffe freilich, dass auch irgendjemand dann zu mir rüberschielt.
  2. Ich werde die Buchpreis-Bücher lesen! Alle Jahre wieder werden Longlist und Shortlist mit Spannung erwartet, die nominierten Titel wirbeln die Literaturbranche und den Buchhandel auf, und ich bin wahnsinnig gespannt, welche Romane das 2017 sein werden.
  3. Bisher hab ich den Buchpreis eher aus der Ferne betrachtet, als große Aktion, die im Spätsommer über die Literaturbühne geht, mich aber wenig betrifft. Dieses Mal werde ich mittendrin und live dabei sein. Das große Lesen beginnt am 15. August, verliehen wird der Preis am 9. Oktober.
  4. Diskussionen, die Sinn machen und gleichzeitig auch noch friedvoll ablaufen, sind ja im Internet nicht unbedingt häufig zu finden. Ich stelle mir vor, dass wir Buchpreisblogger das in diesem Fall hinbekommen. Ich bin neugierig auf die Meinung der anderen und freu mich auf die Möglichkeit, mich mit Gleichgesinnten über Bücher auszutauschen, denn in meinem Umfeld gibt es kaum Lesende, und somit hab ich zu sowas selten die Gelegenheit.
  5. Die, mit denen ich diskutieren werde, sind auch ein Grund zur Freude: meine werten Kollegen! Fünf sind es an der Zahl, und ich schätze sie alle sehr: Sandro Abbate novelero, Isabella Caldart novellieren, Sarah Reul Pinkfisch, Frank Rudkoffsky Frank O. Rudkoffsky, Ilke Sayan (Booktuberin) BuchGeschichten.
  6. Letztes Jahr hat mit Bodo Kirchhoff ein Autor der FVA den Buchpreis gewonnen, wo auch mein Roman im Frühjahr 2018 erscheinen wird. Das tut eigentlich nichts zur Sache, verstärkt meine Freude aber trotzdem noch zusätzlich.

Der Hashtag zum Buchpreisspaß lautet #dbp17, das ist der neue Blog des Deutschen Buchpreises, und hier findet ihr alles auf Facebook. Das Logo ist von Jochen Kienbaum.

Bücherwurmloch

Klass1Es ist nicht so, wie es aussieht. Das möchte ich nur mal sagen. Es sieht nämlich bisweilen so aus, als seien wir Blogger ausschließlich trivial unterwegs. Das Feuilleton stellt uns gern in die Chicklit-Vampire-Ecke, spricht uns jegliche Literaturkompetenz ab. Inwieweit das zutrifft und wo genau die Grenze verläuft zwischen Hobbyrezensenten und Literaturkritikern, vermag ich nicht zu entscheiden und soll auch nicht Inhalt dieses Beitrags sein. Darüber wurde schon viel geschrieben, darüber wird noch viel diskutiert werden, und ich bin es schon lange leid. Wir Menschen müssen einander immer kritisieren, statt friedlich zu koexistieren.

Klass2Ich möchte kein Literaturkritiker sein und würde mir nie anmaßen, so viel zu wissen wie die Experten. Ich halte mich auch nicht für derart belesen. Aber: Ich bin auch nicht, wie wir in Österreich sagen, auf der Nudelsuppe dahergeschwommen. Ich hab die großen Namen gelesen, die großen Titel, die großen Klassiker. Allein: Im Bücherwurmloch merkt man davon reichlich wenig. Warum? Es gibt diesen Blog zwar seit über acht Jahren, die Klassiker habe ich mir aber lange davor einverleibt, und geschrieben habe ich über sie nie.

Klass3Wie ich bereits erzählt habe, behalte ich kaum Bücher. In meinem Regenbogenregal stehen insgesamt nur 300. Und heute habe ich gezählt: 56 davon sind Klassiker oder das, was man im weitesten Sinne als solche bezeichnen könnte. Diejenigen unter euch, die von langen Buchreihen umgeben sind, bekommen bei dieser mickrigen Zahl bestimmt Schnappatmung. Und mir ist klar, dass nicht alle Titel, die ich dazugezählt habe, dieser Kategorisierung entsprechen, aber das ist ja das Schöne am Bloggen: Ich kann hier tun, was ich will.

Klass4Da sind sie also: Goethe und Schiller, Nestroy und Shakespeare, Jandl und Kundera, Horváth und Hemingway. Vielleicht denkt ihr euch beim Anblick der Bilder: Da fehlen aber viele. Ich konnte aus meiner Kindheit und Jugend leider nur wenige Bücher retten, denn während ich einst zu Ausbildungzwecken in München war, sind sie aus meinem Elternhaus … verschwunden, sagen wir es so. Hier seht ihr die, die ich noch besitze, und somit die klassischsten Bücher in meinem Regal. Eine riesige Bücherwand, wie sie viele meiner Bloggerkollegen haben, mit klingenden Namen und prächtigen Bänden, besitze ich nicht. Das stört mich nicht weiter, vielleicht bekomme ich eine solche noch, wenn die Kinder mal aus dem Haus sind, oder die Klassiker bleiben eben weiterhin da, wo sie jetzt sind: in meinem Kopf. Das ist nicht so wichtig. Die Kunst ist lang, und kurz ist unser Leben!

Klass5Zu den Verbliebenen habe ich eine besondere Beziehung. Als ich etwa fünfzehn war, war ich vernarrt in die Gedichte von Heine und Jandl, so unterschiedlich sie auch sind. The old man and the sea ist eines der ersten Bücher, die ich auf Englisch gelesen habe, und weil ich es noch nicht so gut konnte, habe ich ständig in der deutschen Ausgabe nachgeschaut, was die Wörter bedeuten. Später an der Uni war ich stolz, Lampedusa und Calvino im Original lesen zu können. Imre Kertész und Peter Handke haben mich sehr berührt, Thomas Bernhard und Ingeborg Bachmann, Marlen Haushofer, Javier Marias und Bertold Brecht. Auf sie alle vergesse ich manchmal, wenn die Flut der Neuerscheinungen über mich hinwegrollt, das gebe ich zu. Aber sie sind immer da, behalten ihre Plätze in meinem schmalen Regal, gehören zu den wenigen Büchern, die ich niemals weggeben werde. Und dass diese Sammlung im Endeffekt für manche vielleicht genau das bestätigt, was das Feuilleton behauptet, weil sie so klein ist, ist mir ganz einfach wurscht. Vielleicht, wenn ich alt bin und reich, kaufe ich alle Klassiker nach. Vielleicht auch nicht. Die Dinge bekommen ihren Wert nicht dadurch, dass man sie besitzt.