Bücherwurmloch

FullSizeRenderAm Anfang war Arundhati
Als ich fünfzehn Jahre alt war, musste ich für den Schulunterricht zum ersten Mal ein komplettes Buch auf Englisch lesen und darüber ein Referat halten. Und zwar – wie meine Lehrerin immer sagte, wenn im Unterricht jemand Deutsch sprach: „In English, please!“ Meine Wahl fiel auf The God of Small Things von Arundhati Roy, und ich wusste nicht, was ich mit dieser Entscheidung auslöste. Denn das Buch hat mich aufgewühlt wie nichts zuvor. Es wurde eines der wichtigsten Bücher meines Lebens. Man muss bedenken: Bis dahin hatte ich vor allem VIEL gelesen und reichlich wahllos, Hanni und Nanni und Die fünf Freunde, Astrid Lindgren und Michael Ende, später alles von Wolfgang Hohlbein und Steven King, außerdem hatte ich mit dreizehn eine große Vorliebe für Biografien. Aber „echte“ Literatur? Das war mein erstes Mal. Ich habe mir seitenweise Sätze aus diesem Buch aufgeschrieben, ich hab mir sogar von meinem spärlichen Taschengeld die deutsche Ausgabe gekauft, um alles, wirklich alles zu verstehen. Und habe dabei gemerkt, wie Übersetzer arbeiten, wie sie einen Roman in einer anderen Sprache neu zusammensetzen, wie sie manche Dinge perfekt transportieren und andere verlieren. Damals hab ich mir geschworen: Wann ich immer ich kann, werde ich Bücher im englischen Original lesen.

Daran hab ich mich besonders in meinen Zwanzigern gehalten, oft habe ich nur auf Englisch und – weil ich das an der Uni studiert habe – Italienisch gelesen. Ich hatte zudem wenig Geld, und fast immer war das Taschenbuch des englischen Originals, das es zum Erscheinen eines deutschen Hardcovers bereits gab, günstiger. In letzter Zeit mehren sich die deutschen Bücher in meiner Umgebung, was vor allem am Bloggen und den Rezensionsexemplaren liegt, die ich bekomme. Nach wie vor liebe ich jedoch english books und lese sie heute vor allem deshalb, um die Sprache nicht gänzlich zu verlernen und nur noch als Denglisch zu gebrauchen. Also habe ich den Blick durch mein Regal schweifen lassen, um euch die coolsten englischen Bücher, die ich heute noch besitze, vorzustellen. Da ich im Gegensatz zu den meisten Bloggern nicht über eine gigantische Bibliothek verfüge, sondern nur 300 Bücher habe, war das gut möglich. The God of Small Things gehört zu den wenigen Romanen, die ich von damals behalten habe.

Ladies and Gentlemen: Here we go!

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Mit Angela’s Ashes ging es sozusagen weiter: Als ich sechzehn war, verbrachten wir mit der Schule zehn Tage in Cambridge, wo ich mir das berühmte Buch von Frank McCourt gekauft hab. Ich hab aufgrund des irischen Einschlags sehr damit gekämpft, aber es hat mich auch wahnsinnig berührt. Ebenfalls unglaublich gut: The Book Thief von Markus Zusak. Und Micheal Cunningham? Sollte man gelesen haben.
Manche von euch kennen vielleicht den Film mit Brad Pitt als Benjamin Button. Er beruht auf einem Roman mit dem Titel The confessions of Max Tivoli von Andrew Sean Greer. Mit Sicherheit weniger bekannt: The language of flowers von Vanessa Diffenbaugh, das viel besser ist, als das Cover erahnen lässt, und The obscure logic of the heart von Priya Basil. Ausgezeichnet dagegen ist Olive Kitteridge von Elizabeth Strout, ein sagenhaft guter Roman, für den sie den Pulitzer Preis bekommen hat.

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Eine Weile war ich ein Riesenfan von Eliot Pattison und habe JEDEN seiner fantastischen Tibet-Thriller verschlungen. Ebenfalls absolut lesenswert: Ann Packer und Siri Hustvedt. Ein besonderes Vergnügen ist der bitterböse, herrlich sarkastische Roman Where’d you go, Bernadette von Maria Semple. A good read ist auch Water for elephants von Sara Gruen, das 2011 mit Reese Witherspoon, Robert Pattison und Christopher Waltz verfilmt wurde.

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Ein Must Read: Extremely loud and incredibly close von Jonathan Safran Foer, viel besser im Original. Ein wenig freaky ist The Age of Miracles von Karen Thompson Walker, in dessen Mittelpunkt ein Katastrophenszenario steht: Die Erde dreht sich immer langsamer. Ebenso ungewöhnlich ist A Lady Cyclist’s Guide to Kashgar von Suzanne Johnson.

Oh! Ein weiteres Lieblingsbuch: Life of Pi von Yann Martel. Ein RomIMG_2497an, von dem ich sagen kann: Ich war nicht mehr dieselbe, nachdem ich ihn gelesen hatte. Fast schon ein Klassiker: The Upright Piano Player von David Abbott. Sehr poetisch und wunderschön ist White Ghost Girls von Alice Greenway.

Jetzt komme ich ins Schwärmen, ich sag’s euch gleich. Lovely Bones von Alice Sebold, uralt, aber ein Hammer von einem Buch, Mister Pip von Lloyd Jones, so beeindruckend lebensklug, The White Tiger von Aravind Adiga, besser als jede Geschichtsstunde, Cleaver von Tim Parks, scharfzüngig und böse, The Long Song von Andrea Levy, so grausam und traurig, und Five Bells von Gail Jones, träumerisch und melodisch.

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Weiter geht’s mit der illustren Runde: Im Jahr 2010 war Little Bee von Chris Cleave das beste Buch, das ich gelesen habe. Und bei The Kite Runner von Khaleid Hosseini hab ich geweint. Schaurig und intensiv ist The Burial Rites von Hannah Kent, und mitten ins Herz schneidet We are all completely beside ourselves von Karen Thompson Walker.

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JOHN IRVING! Es geht nicht anders, ich muss seinen Namen groß schreiben. Ich hab ihn so geliebt, viele Jahre lang. Als ich etwa siebzehn war, hab ich seine Romane verschlungen und mit ihnen eine neue literarische Welt entdeckt, voller Feinsinn und Witz. A Prayer for Owen Meany gehört für mich zu seinen besten Büchern, aber da gibt es natürlich zahlreiche. The Gathering von Anne Enright ist rasend gut geschrieben, genau wie The History of Love von Nicole Krauss. Aufwühlend und brutal ist The Narrow Road to the Deep North von Richard Flanagan.

Zum Schluss die Klassiker oder das, wasIMG_2501 ihnen am nächsten kommt. Die kennt ihr mit Sicherheit alle: The old man and the seaBrideshead RevisitedDead Poets Society, Forrest Gump, 1984, Brave New World und The Great Gatsby. Es gäbe natürlich noch Tausende mehr (und einige davon hab ich auch gelesen), aber nun ja: There’s no room for all of them. In diesem Sinne: Vielleicht ist ja bei meinem Best of was dabei, das euer Interesse geweckt habt (und vermutlich gibt es davon auch eine deutsche Übersetzung, falls euch die lieber ist). Have fun and keep on reading!

 

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IMG_2928Die Blogbuster-Shortlist steht fest …
… und meine Favoritin Heike Duken ist mit Rabenkinder leider nicht drauf. Das find ich unheimlich schade (um nicht zu sagen: inakzeptabel!), aber ich bin noch lange nicht gewillt, zu glauben, dass dieser Roman nicht erscheinen wird. Deshalb werde ich mich weiterhin dafür einsetzen und ihn an jene Stellen manövrieren, zu denen ich Zugang habe. Wer weiß: Vielleicht könnt ihr schon bald unabhängig vom Blogbuster die Rabenkinder kennenlernen, und zwar, indem euer Buchhändler sie euch vorstellt. Ich hoffe zumindest darauf!

IMG_2930Ich hab über die Blogbuster-Sache auch jemanden kennengelernt: Heike Duken persönlich. Sie war letzte Woche unterwegs zu einer Fortbildung und hat einen dreistündigen Zwischenstopp in meiner Heimatstadt gemacht. Nach vielen Mails und regem Austausch über ihr Manuskript war es, als würden wir uns nicht zum ersten Mal gegenüberstehen, sondern als hätten wir uns schon oft getroffen. Sie hatte ein wenig Angst, wegen meiner Angewohnheit, einfach über die Straße zu rennen, überfahren zu werden, ist mir aber trotzdem gefolgt. Zuerst durch die Linzergasse und zu jenem Friedhof, auf dem Constanze IMG_2931sowie Leopold Mozart begraben sind, danach auf einen Burger ins Ludwig. Anschließend hab ich sie einmal quer durch die Stadt geschleift, zum Rosenhügel im Mirabellgarten mit Postkarten-Kitsch-Blick auf Salzburg, wo sie geübt hat, wie eine Japanerin zu posen, und ich mich dem Posen verweigert hab, vorbei an Mozarts Wohn- und Geburtshaus inklusive Mozartkugelverzehr (wenn schon, denn schon), durch die Getreidegasse und am Ende zurück zum Ausgangspunkt mit einem Melange-Abstecher über das Café Fingerlos, das die dekadentesten kleinen Törtchen Salzburgs macht. Mehr Touri geht nicht in drei Stunden! Schön war’s, wie wir dabei geplaudert haben über unsere Manuskripte und unsere Kinder.IMG_2932

Der Blogbuster hat mich tatsächlich bereichert. Ich habe viel mehr und viel bessere Manuskripte bekommen als erwartet, ich hatte Spaß am Lesen und Auswählen, die ganze Besserwisserkritik am Preis an sich hab ich, wie auch sonst alles, das mich nicht interessiert, gekonnt ignoriert, und ich bin stolz, Teil dieser ersten Runde gewesen zu sein. Es war ein Experiment, das von uns allen Zeit und Mut gefordert hat. Wir haben gezeigt, was wir zeigen wollten: dass es dort draußen viele interessante Manuskripte gibt, die von den üblichen Auswahlkanälen der Verlage gefiltert werden. Und dass wir Blogger, die man gern als unwissende Laienrezensenten hinstellt, sehr wohl einen guten Riecher haben. Ich wünsche den drei verbliebenen Kandidaten Chrizzi Heinen, Torsten Seifert und Kai Wieland viel Erfolg und freu mich auf Blogbuster Runde zwei!

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Interview mit Heike Duken

Dein Roman „Rabenkinder“ lässt viele unterschiedliche Figuren zu Wort kommen. Warum sind es so viele, und wer ist eigentlich der Protagonist?
Ja, es gibt nicht diesen einen Helden, der seine Reise macht und sich mit einem Antagonisten herumschlägt. Der wahre Protagonist der Geschichte ist wohl diese Familie. Der Schwarm. Ein Ameisenvolk, doch jedes einzelne Tier hat das Recht auf eine eigene Stimme. Es wird immer nur ein Fragment erzählt, ein Ausschnitt, eine Szene, die so viel zeigt wie nötig und wirklich kein bisschen mehr. Nötig, um etwas von dem zu zeigen, was Gewalt anrichtet, was Sprachlosigkeit bedeutet und was Menschen in der Not helfen kann: Mitgefühl, offene Worte und keine Feigheit vor dem Freund.

Du hast die Fragmente und einzelnen Ausschnitte angesprochen. Wie kam es zu dieser Zersplitterung?
Erst einmal habe ich einfach nur Kurzgeschichten geschrieben. Ich mag eben die Reduktion. Das Aus- und Abschweifende liegt mir nicht. Und dann habe ich gemerkt, all die Geschichten haben eine Verbindung. Diese Menschen kennen sich und agieren bezogen aufeinander. Das Ende der einen Geschichte ist der Beginn einer anderen. Die Gegenwart der einen Figur ist zugleich Vergangenheit einer anderen und so weiter. Ein Kosmos tat sich auf. Es war faszinierend. Mein Unbewusstes hatte ganze Arbeit geleistet. Später dachte ich mir, ist das nicht die moderne Welt, sind das nicht moderne Lebensläufe und Familien, ist das nicht der moderne Mensch sogar: zersplittert?

Gibt es trotz allem einen Kern, eine Hauptgeschichte?
Absolut. Letztendlich geht es um drei Geschwister, die Geschichte ihrer Eltern und ihrer Kinder. Also ein klassischer Familienroman! Naja …

Dein Roman ist wahnsinnig intensiv. Es geht um die Beziehung zwischenKindern und ihren Eltern, um unterdrückte Gefühle, um Gewalt — auchsexueller Natur. War das für dich schwer zu schreiben?
Ich finde ich es viel schwieriger, über Glück zu schreiben. Über Liebe und Versöhnung. Schon die Worte gehen mir schwer von der Hand. Sie sind seltsam. Oder nicht? Ich habe versucht, mich den Figuren so weit wie möglich anzunähern. Mit ihnen wahrzunehmen, zu denken, zu fühlen. Manchmal war das schwer, weil ich wirklich traurig wurde. Sehr traurig. Geholfen hat mir die Kürze der einzelnen Szenen. Nach einem Abend intensiven Schreibens konnte ich gut wieder auftauchen und am nächsten Tag recht kühl überarbeiten. Die Szene war ja fertig geschrieben, abgeschlossen. Ich konnte an ganz anderer Stelle neu beginnen. Ich habe den Roman nicht chronologisch verfasst, sondern einzelne Kapitel geschrieben und diese immer wieder neu sortiert. Mein Arbeitszimmer lag voll mit gelben Karten, auf denen die Überschriften, das Jahr und die jeweilige Perspektive standen.

Hast du zu einer Figur eine besondere Verbindung?
Ja, zu Nele, dem kleinen Mädchen. Kinder haben eine eigene Welt in ihren Köpfen, und sie teilen nur einen Bruchteil davon mit, glaube ich. Mit Nele habe ich versucht, in diese Welt hineinzublicken, natürlich kam ich dabei in Kontakt mit dem Kind, das ich einmal war. Und dann Max. Dieser komische, schwierige Junge. Wie er sich entwickelt. Wie er nachdenkt und beobachtet. Oft mit einer gewissen Kälte. Seine Perspektive ist mir enorm wichtig geworden während des Schreibens. Aber eigentlich mag ich sie alle. Ich war an meinem Schreibtisch lange mit diesen Menschen zusammen, und ihr Kampf, ihr Streben, auch ihr Unvermögen und ihre Fehler, teils ihre Schuld, das nimmt mich alles sehr für sie ein.

Denkst du, das alles kann man den Lesern zumuten?
Ja! Leserinnen und auch Leser werden oft unterschätzt. Die „Rabenkinder“ sollen berühren, ja schmerzen. Es kann tröstlich sein, etwas vom eigenen Schmerz in der Literatur wiederzufinden. Zumindest habe ich das selbst schon oft so erlebt. Doch ich hoffe, auch die zarten Momente der Hoffnung, die ich geschaffen habe, tun ihre Wirkung, und man klappt das Buch am Ende mit einem guten Gefühl zu.

Wie bist du auf den Titel gekommen?
Jeder kennt den Begriff der Rabenmutter (vor allem Frauen, die selbst Mütter sind, kommen um den Begriff ja gar nicht herum und müssen jeden Tag beweisen, dass er nicht auf sie zutrifft). Und tatsächlich, schlechte Mütter und Väter, es gibt sie zuhauf. Wir lesen über sie in der Zeitung oder auch in der Literatur, mir wird in den Therapien von ihnen erzählt. Schrecklich. Leid wird über Generationen weitertransportiert, weil Eltern es nicht hinbekommen. Sogar gute Eltern können gar nicht anders, als hin und wieder Rabeneltern zu sein. Aber was ist mit den Kindern? Sind sie wirklich kleine Engel, ein einziger Quell der Freude, ein immerwährendes Geschenk, „der größte Reichtum“, wie ich neulich in der Anzeige einer Kinderwunschklinik gelesen habe? Wird da den Eltern nicht etwas vorgegaukelt? Kinder geben häufig Anlass zur Sorge. Man kann sie nicht vor jedem Kummer bewahren. Sie machen Eltern durch ihr eigenes Unglück mit unglücklich. Das verstehe ich unter „Rabenkindern“. Und das soll keine Anklage sein, um Himmels willen. Niemand kommt in meinem Roman auf die Anklagebank. Alle dürfen einfach so sein wie sie sind, mit ihrem Bemühen, ihrem Scheitern und mit ihrer Stärke, Unglück auch zu überwinden.

Warum hast du genau dieses Buch geschrieben und kein anderes?
Diese Geschichten mussten raus. Meine Gefühle dazu. RAUS. Ich bin eher ein lebensfroher, fröhlicher Mensch, aber das kann ich wahrscheinlich nur sein, weil das Traurige, das Grauenhafte und Hoffnungslose diesen Weg nach draußen findet. Sonst würde es irgendwie drinbleiben und mich verzweifeln lassen. Es gäbe genug Grund dazu, manchmal in mir selbst, oder wenn ich nur meine Arbeit mache, mir die Nachrichten anschaue oder mich in der U-Bahn umsehe. Gestern war ich Zeugin in einem Vergewaltigungsprozess. Gegen solche Eindrücke muss ich meine Lebensfreude verteidigen. Das Schreiben hilft mir dabei, gerade auch das Erzählen ausgedachter Geschichten, das mir die Macht über die Welt zurückgibt (ähm, hatte ich sie denn je?). Wer weiß, was als Nächstes raus muss, ich habe ein paar Ideen im Kopf, ein paar Kurzgeschichten geschrieben …

Wie viel von deiner persönlichen Erfahrung durch deine Arbeit alsPsychotherapeutin ist in das Buch geflossen?
Psychotherapie, so wie ich sie betreibe, ist vor allem das Bemühen darum, etwas zu verstehen. Manchmal gelingt mir das. Und das hilft mir beim Hineinfühlen in meine Figuren ungemein. Natürlich verwende ich keine Geschichten meiner Patienten, die sind bei mir sicher und gut aufgehoben.

Was wünschst du dir für die Rabenkinder?
Ich bin dabei, sie auszuwildern, und sie sollen in dem Dschungel da draußen eine Bleibe finden. Einen Verlag. Sie sollen in Buchhandlungen liegen, gekauft und gelesen werden. Eigentlich ganz einfach! Als Autorin wünsche ich mir noch etwas mehr: ein literarisches Zuhause.

Du hast viele Schreibwerkstätten besucht und bist ganz gut vernetzt als Autorin. Was bringt dir der Austausch mit anderen Schreibenden?
Ich habe so lange einsam vor mich hingeschrieben und nie ein Feedback bekommen, weder Kritik noch Ermutigung. Dann habe ich es gewagt, ein Schreibseminar bei Georg Klein zu besuchen. Ich bin fast gestorben, wirklich. Ich war fast als Letzte dran. Und ich werde nie vergessen, wie er gesagt hat: „Ich möchte eine Lanze für diesen Text brechen.“ Er hat das dann sehr ausführlich begründet, das war ein wunderbarer Moment. Ich habe mein Schreiben in den Werkstätten tatsächlich verbessern und professionalisieren können. Diese Textbesprechungen schärfen den Blick auf das eigene Werk und legen den Finger genau in die Wunde, für die man selbst blind ist. Ich war bei Josef Haslinger und Thomas Hettche, großartige Schriftsteller. Ein Privileg, von ihnen und all den anderen Schreibenden zu lernen. Dann habe ich mich den 42erAutoren angeschlossen, auch dort nutze ich die Möglichkeit, Feedback zu Texten zu bekommen. Die 42er kennen so einige Kapitel aus den Rabenkindern und haben daran herumkritisiert. Es gibt auch einen regen Informationsaustausch zu allen Themen, die mit dem Schreiben zu tun haben. Ganz aktuell bin ich zu den BücherFrauen gestoßen, das hat mit dieser Rolle rückwärts zu tun, die ich in der Welt im Umgang mit Frauen und Mädchen wahrnehme. Da habe ich mich auf die gute feministische Tugend besonnen, sich zusammenzurotten, um sich etwas stärker zu fühlen und nicht zu verzweifeln.

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Hier findet ihr eine Leseprobe aus Heike Dukens Roman, und hier könnt ihr zusehen, wie sie daraus liest, und ihren schönen Hut bewundern.

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„Es fühlte sich an wie für die Ewigkeit“
Menschen, Orte, Gefühle: Rabenkinder ist ein Mosaik, es besteht aus vielen Splittern und verschiedenen Perspektiven. Gemeinsam ist ihnen der Kampf mit alten Verletzungen, die Hoffnung auf etwas Besseres und der Mut, danach zu suchen. (Hier findet ihr übrigens eine Leseprobe.) Einen dieser Splitter stellt euch die Autorin Heike Duken persönlich vor, und zwar das Kapitel „Pablomas“. Sie liest für euch in einer tollen Location, mit professioneller Unterstützung und mit einem grandiosen Hut. Vorhang auf für Rabenkinder, Longlist-Kandidat für den Blogbuster 2017:

Pablomas from Hartmut Knipp on Vimeo.

 

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Foto VerlagInterview und Leseprobe
Ich hab euch ja schon verraten, dass „Rabenkinder“ richtig gut ist. Das Manuskript von Heike Duken ist mein Favorit für den Blogbuster 2017 und steht nun auf der Longlist. Was ihr aber noch nicht wisst, ist, dass Heike Duken auch überaus sympathisch ist. Davon könnt ihr euch im folgenden kurzen Interview überzeugen. (Ich musste natürlich über die Sache mit den Österreichern sehr lachen.) Sie hat die Fragen beantwortet, die allen Longlist-Autoren gestellt werden (die anderen findet ihr hier). Und wer weit genug runterscrollt, wird mit dem Link zur Leseprobe von „Rabenkinder“ belohnt – damit ihr selbst seht, dass das Buch es verdient hat, ganz vorn mit dabei zu sein.

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet?
Nein. Aber ich hatte so ein Gefühl: Das ist eine Chance. Vor allem, als ich gelesen hatte, was die Bloggerin vom Bücherwurmloch sich von den Texten erwartet. Ich dachte, das könnte tatsächlich klappen. Aber ich wusste natürlich nicht, wie gut die anderen Manuskripte sind, und habe pausenlos meine Mails gecheckt. Ich freue mich riesig. Danke, Mareike Fallwickl!

Warum hast Du Dich gerade bei dem Blog „Bücherwurmloch“ beworben?
Erst einmal ist die Bloggerin Österreicherin. Österreicherinnen ist literarisch alles zuzutrauen, wirklich. Meine Vorurteile haben sich immer wieder bestätigt. Und dann ihre Vorstellung bei Blogbuster: Von guter Literatur erwarte ich: dass sie mich rausreißt, mich wach macht, im Idealfall richtiggehend aufschneidet, mir ins Gesicht schlägt. Da wusste ich, diese Bloggerin hält was aus. Das war wichtig. Ich habe dann sehr gehofft, mein Roman könnte sie tatsächlich herausreißen und berühren, und das hat er geschafft.

 Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen?
Hier wird nicht zuerst die Marktfähigkeit geprüft, die Blogger gehen anders an die Texte heran, denke ich. Mein Roman hat keinen Protagonisten im herkömmlichen Sinne, wechselt die Perspektiven wie ansonsten Helden ihre Hemden, nimmt Abkürzungen und lässt Leerstellen. Mich hat gereizt, damit erst einmal diese eine kompetente Leserin einzufangen und nicht gleich einen ganzen Betrieb, der auch betriebswirtschaftlich denken muss. Der Preis an sich ist außerdem so etwas wie ein Sechser im Lotto und die Jury der Hammer.

14523272_1342675139083457_197248595740756655_nDie erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen?
Keine Ahnung! Ich schwanke zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex, aber die meiste Zeit denke ich: das wäre ja ZU SCHÖN. Mein Roman wird vielleicht polarisieren. Die Fachjury möge einfach eine weise Entscheidung treffen.

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden?
Ich habe etwa zwei Jahre an diesem kurzen Roman geschrieben, teils mit Unterbrechungen, teils sehr intensiv. Mir ist jedes Wort wichtig. Und was ich schon unternommen habe? Viel. Wirklich. Nächste Frage, bitte. 

Was wirst Du zusammen mit Deinem Blogger noch unternehmen, um Dich und Dein Manuskript zu promoten?
Es wird ein Video geben, in dem ich eine Passage lese. Oder wir machen aus mir die Kandidatin mit Schicksal? Die gibt es in jeder Casting-Show, gerne Drogen, Mobbing oder schwere Kindheit. Nein, das war ein Scherz. Gemacht von der schwarzen Seite meiner Seele.

Wie versprochen, könnt ihr hier nun mehr von meinem Favoriten lesen. Ich bin sicher: Ihr werdet das auch als Nicht-Österreicher gut finden!

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Bildschirmfoto 2017-02-20 um 09.55.24„Sie sagt, du brauchst keine Angst zu haben. Du hast nur geträumt. Aber das stimmt nicht“
Charly ist gestorben. Die Schildkröte, die 1976 zu Nele, Karen und Hannes ins Haus kam, ist vierzig Jahre alt geworden – die drei Geschwister sind lange schon fort. Die Eltern, Mutter Frieda und Stiefvater Heinrich, wollen Charly beerdigen und laden dazu die ganze Familie ein. Doch das ist nicht einfach irgendein Familientreffen, denn dies ist keine Familie, die jeden Sonntag beim Braten zusammensitzt. Sie ist vielmehr eine zufällige Ansammlung von Menschen, die alle auf ihre Art zerbrochen sind. Heinrich, der aus seiner Kindheit voller Gewalt heraus dagegen angekämpft hat, selbst zu verletzen, was ihm nicht gelungen ist. Alexander, Heinrichs Sohn aus erster Ehe, den er verlassen, aber nie vergessen hat. Nele, die nach mehreren Fehlgeburten ein beeinträchtigtes Kind in China adoptiert hat, Max, der keinen Vater hat und so viel Wut in sich. Karen, die riskiert, dass ihr drogensüchtiger Sohn Tim vor ihrer eigenen Haustür erfriert. Hannes, der viel fühlt und wenig spricht, dessen Sohn Jan verzweifelt ist, weil seine Freundin Meytab vergewaltigt wurde. Sie alle tragen schwer an ihren Geschichten, an ihren seelischen Wunden. Sie alle kommen, um sich von Charly zu verabschieden. Und als sie einander sehen, blicken sie in ihre eigenen Abgründe. Aber so ist es in allen Familien: Erst muss etwas aufbrechen, um dann vielleicht endlich heilen zu können.

Rabenkinder von Heike Duken hat für mich von Anfang an geleuchtet. Angefunkelt hat es mich, schon nach der ersten Seite, nach dem Prolog, ich war sofort angefixt. Von allen 26 Leseproben war dies die eine, die mich ganz innen drin getroffen hat. Ich wusste schon da, dass das gut sein würde. Ich wusste, dass das mein Buch war. Ich wollte es unbedingt lesen, und nach zwei atemlosen Stunden am Bildschirm mit hektischem Scrollen war mir klar, dass ich mein Siegermanuskript gefunden hatte. Als wir mit dem Blogbuster begonnen haben, habe ich geschrieben: Ich langweile mich schnell, und von guter Literatur erwarte ich genau das Gegenteil: dass sie mich rausreißt, mich wach macht, im Idealfall richtiggehend aufschneidet, mir ins Gesicht schlägt. Etwas in mir anrührt, Empfindungen auslöst – die gar nicht nur positiv sein müssen. Und genau das hat Rabenkinder geschafft. Es hat mich traurig gemacht und nachdenklich, es hat mich verzweifeln lassen, aber auch zum Lächeln gebracht.

Bildschirmfoto 2017-02-20 um 09.55.46Was mich an Heike Duken so fasziniert, ist nicht nur, dass sie schreiben kann. Sondern dass sie sich traut, mit dem Schreiben aufzuhören. Sie hat den Mut, zu schweigen. Nicht alles auszuerzählen. Den Leser selbst hineinfühlen zu lassen. Sie glaubt an ihn und daran, dass er die leisen Zwischentöne hören kann. An vielen Kapitelenden hängen starke Sätze in der Luft, die lange nachklingen, die gar nicht wuchtig sind und doch wie Wurfsterne wirken, wie Schläge. Das ist großartig und macht Rabenkinder zu einem harten, intensiven Buch, das man aushalten muss. Der Roman setzt sich zusammen aus lauter Splittern, aus der Vergangenheit und Gegenwart, in verschiedenen Perspektiven, wie ein Mosaik. Und erst einmal macht nichts daran Sinn, man braucht Geduld. Aber wenn man sie aufbringt, dann lohnt es sich – sogar sehr.

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Foto von Alexander Blanke

„Ich glaube nämlich, dass wir einander nicht kennen und vieles nicht voneinander wissen, gerade in Familien. Eine Ausbilderin sagte einmal: Kinder kennen ihre Eltern überhaupt nicht. Sie sehen sie nur als Mutter und Vater und auf sich selbst bezogen“,

sagt Heike Duken, die an Schreibwerkstätten mit Josef Haslinger und Thomas Hettche teilgenommen und mit einem Auszug aus diesem Manuskript das Stipendium des Deutschen Literaturfonds erhalten hat.

„Und was mich immer wieder beschäftigte, waren diese Geschichten von Kindern, die ihre Eltern nicht glücklich machen. Frauen, die zwischen anderen Müttern sitzen und wissen, dass sie anders sind, gezeichnet, weil ihre Kinder sich verweigern und ihren Weg und ihr Glück nicht finden.“

Das ist ein Aspekt von Rabenkinder, der auch im Titel steckt. Und doch ist da noch mehr:

„Es ist auch eine Geschichte über das, was ich beruflich so in mich hineinnehme, und was dann wieder heraus muss“,

erklärt Heike Duken, die als Psychotherapeutin mit eigener Praxis arbeitet.

„Ich hatte eine Zeit lang viele vergewaltigte Frauen bei mir in Therapie. Es war grauenhaft. Die Taten zerstörten so viel im Leben dieser Frauen, und ich habe ihren Überlebenswillen versucht zu unterstützen, und sie waren so stark. Ich wollte etwas über die Dissoziationen schreiben und über das Überleben. Über das wahrhaft Zerstörerische von Gewalt in jeder Hinsicht. Ohne mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, sondern um das Geschlagene und Zerbrochene zu verstehen und zu beschreiben.“

Das ist ihr gelungen. Und doch zeigt Heike Duken auf gerade mal 233 Seiten nicht nur Gewalt und ihre Folgen, sondern auch Positives. Ein bisschen Hoffnung. Das Bemühen jedes Einzelnen, etwas Gutes einzubringen, etwas zu verändern, selbst wenn es nur sehr kleine Dinge sind. Im letzten Teil des Romans folgt keine kitschige Hollywood-Versöhnung, sie wäre völlig fehl am Platze, und doch gibt es mancherorts ein Gespräch, wo vorher Schweigen war, oder Hilfe, wo vorher Unverständnis war. Es gibt die Aussicht, dass die Kinder es besser machen werden als ihre Eltern, eine Chance, die jede Generation aufs Neue bekommt. Nichts davon spricht Heike Duken aus, aber das muss sie auch nicht. Man kann es sehr deutlich spüren.

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Zitat„In uns gibt es etwas, das keinen Namen hat, das ist das, was wir sind.“
José Saramago: Die Stadt der Blinden

„All of us are better when we’re loved.“
Alistar MacLeod: No Great Mischief

„Die Sehnsucht erschafft sich Kindheitserinnerungen. Manchmal erschafft sie alle Arten von Erinnerungen.“
Kerstin Ekman: Stadt aus Licht

„Ich denke zuviel, und neunundneunzig Komma neun Prozent aller Männer wollen mit denkenden Frauen nichts zu tun haben.“
Wei Hui: Shanghai Baby

„Happiness comes in moments, and then it’s gone until the next time. Could be years. But sadness – sadness settles in.“
Dennis Lehane: Mystic River

„Nicht die Notwendigkeit, sondern der Zufall ist voller Zauber. Soll eine Liebe unvergeßlich sein, so müssen sich vom ersten Augenblick an Zufälle auf ihr niederlassen wie die Vögel auf den Schultern des Franz von Assisi.“
Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

„Frauen achten mehr aufs Herz und weniger auf Dummheiten. Darum leben sie länger.“
Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes

„Wenn man weint, ist man schon nicht mehr ehrlich. Da hat man die Sache schon hinter sich. Ich glaube den Tränen nicht. Schmerz hat weder Tränen noch Worte.“
Sándor Márai: Wandlungen einer Ehe

„Irgendwann fragte Bonpland, ob sie noch am Leben seien. Wisse er auch nicht, sagte Humboldt, aber so oder so, was könne man tun als weitergehen?“
Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

„I hope the whole world goes to hell, to be honest.“
Gary Shteyngart: Absurdistan

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IMG_1906Im Zuge meiner (nicht sehr tiefgehenden) literarischen Selbstanalyse über mein Faible für Bücher aus dem Norden hab ich über noch was nachgedacht: über meine Angst vor dicken Schwarten. Definieren wir zuerst einmal DICK: Bis 700 Seiten ist alles noch halbwegs okay. Ab 600 wird es zwar grenzwertig, aber es geht noch, mehr als 800 machen mir schon schwer zu schaffen und bei 1000 gerate ich endgültig ins Schwitzen. Woher kommt das? Es war nicht immer so. Ganz im Gegenteil: Früher konnte ein Buch für mich gar nicht genug Seiten haben. Ich habe es GELIEBT, in einem fetten Schmöker zu versinken, als ich zehn war, zwölf, dreizehn, ich war ein großer Fan von Wolfgang Hohlbein und seinen Fantasy-Wälzern, habe wuchtige Biografien über Mozart, die russischen Zaren und Kronprinz Rudolf verschlungen. Am liebsten habe ich mich in den Weihnachtsferien mit den neuen Büchern, die unterm Christbaum gelegen waren, vergraben, und später, während des Studiums, hatte ich einen Job, bei dem man, wenn nicht viel los war, wunderbar lernen und lesen konnte, ich habe dicke Romane immer noch gemocht, sie praktisch inhaliert. Ich habe fieberhaft gelesen, aufgeregt, begeistert, ich wollte Geschichten, die sich vor mir ausbreiteten, die weitläufig waren und viele Figuren enthielten. Genau das ist mir heute ein Graus. Was ist der Unterschied? Damals hatte ich Zeit. Viel Zeit. Unfassbar viel Zeit. Heute ist Zeit so ungefähr das Einzige, was mir fehlt.

Ich lese immer noch gern, aber ich zwacke mir die Minuten dafür ab von allem, was meine Tage ausfüllt, Kinder versorgen, arbeiten, einkaufen, kochen, waschen, putzen, Kinder bespaßen, arbeiten, schreiben, bloggen und so weiter, und wir reden wirklich von Minuten, nicht von Stunden. In das Ausufernde finde ich nicht mehr hinein, ich habe keine Muße, ich hab keinen Bock mehr, mich lange mit einer Story zu beschäftigen. Nicht die Bücher haben sich verändert. Sondern ich. Und auch wenn ich immer noch für gute Geschichten brenne, müssen sie doch schneller auf den Punkt kommen. Denn da ich keine Zeit habe, will ich sie nicht verschwenden. Und über die Jahre (mit vielen, vielen Büchern) ist bei mir der Eindruck entstanden, dass zahlreiche Romane mit mehr als 600 Seiten sich so einige davon hätten sparen können. Dass sie Längen haben und mich stellenweise langweilen. Ich frage mich dann: Ist das viele Papier wirklich berechtigt? Warum hat der Autor es nicht geschafft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, Überflüssiges wegzulassen, den Kern seiner Geschichte herauszuschälen? Das ist anmaßend, ich weiß das, und wer ein Freund der Klassiker à la Krieg und Frieden ist, möge bitte keinen Stein in meine Richtung werfen.

IMG_2019Ich arbeite daran. Ich versuche oft, wenn ich einen gewissen Spleen an mir bemerke, dagegen anzukämpfen. Ich finde es zudem schade, dass mir wegen meiner merkwürdigen, mit den Lebensumständen gewachsenen Phobie viele Bücher entgehen. Bezeichnend ist, dass in meinem Regenbogenregal kein einziges Buch mit mehr als 850 Seiten steht, die wenigen dicken Schwarten, die ihr hier auf den Bildern seht, habe ich alle geschenkt oder geschickt bekommen, und ich hab sie vor allem noch nicht gelesen. Besonders schlimm war das Gefühl, etwas zu verpassen, in den letzten Jahren bei Brilka. Das achte Leben von Nino Haratischwili, das ich so gern lesen würde. Wenn es halt nicht 1000 Seiten hätte. Also hab ich letztes Jahr beschlossen, jedes Jahr einen Tausender zu bewältigen. Wenigstens einen! Und bin gleich grandios an diesem Vorhaben gescheitert. Ich hab mit Die Gestirne von Eleanor Cotton begonnen, angeblich ein sehr gutes Buch, und ich hab auch fast bis zur Hälfte durchgehalten. Auf Seite 450 hab ich dann allerdings entnervt aufgegeben. Ich hatte den langen Atem nicht, fand alles lahm und fad, die Geduld ging mir aus. Aber: neues Jahr, neuer Versuch! Diesmal wage ich mich an City on Fire von Garth Risk Hallberg. Bisher hab ich 240 Seiten gelesen (und bin sehr stolz auf mich), und ich merke schon: Da lässt sich einer Zeit beim Erzählen. Da werde auch ich mir Zeit nehmen müssen, irgendwie.

IMG_2021Dicke Bücher machen mich müde. Wenn ich sie nur ansehe, bin ich schon erschöpft. Sie rauben mir, wie bereits festgehalten, Zeit, aber auch Kraft. Allein das Gewicht! Und die vielen Charaktere und Nebenstränge und all das Blabla! Uff. Ich lese und lese und komme nicht weiter, mache keinen Fortschritt, keinen erkennbaren. Dicke Bücher setzen mich unter Druck, ich sehe dann all die Seiten, die noch vor mir liegen, als seien sie die Kilometer eines Marathons, und ich frage mich: Wann soll ich die alle lesen, wann, das schaffe ich nie, was wollt ihr von mir! Ich denke an all die luftigen, schmalen Bücher, die ich in derselben Zeit lesen könnte, die vielen verschiedenen Geschichten. Wäre das nicht besser, sinnvoller, erkenntnisreicher, abwechslungsreicher? Aber gleichzeitig frage ich mich: Ist Lesen an sich etwas, das man bewusst effizienter gestalten soll und darf? Entscheide ich mich bei mehr Quantität automatisch gegen die Qualität? Ist es nicht vielleicht gar der verrückte Zeitgeist der Hektik, der da durchschimmert und dem ich eigentlich nicht folgen will? Oder wird sich meine Abneigung wieder legen, wenn meine Kinder aus dem Haus sind und die Zeit zu mir zurückkommt?

Bücherwurmloch

Nord1Es gibt eine Frage, die mich beschäftigt: Woher stammen eigentlich die Autoren der Romane, die ich mag? Und in welchen Ländern spielen diese Bücher? Besteht da überhaupt einen Zusammenhang, lässt sich eine Vorliebe feststellen? Ich sag’s gleich vorweg: Ich hab das nicht fachfrauisch statistisch ausgewertet. Aufgefallen ist mir zuerst eher, was mir NICHT zusagt: Bücher aus Afrika zum Beispiel. Ich hab’s oft genug mit ihnen versucht, um sagen zu können: Ich mach einen Bogen um Literatur aus Afrika (einen Bogen, der mal größer und mal kleiner ist). Hin und wieder versuche ich, diese Abneigung aufzubrechen, und manchmal klappt das, aber meistens stelle ich erneut fest, dass ich nichts anfangen kann mit dem Afrikanischen. Es ist mir (Achtung, Pauschalisierung!) zu ausufernd und schwafelig, zu aufgeblasen und bedeutungsschwanger, zu sehr mit Symbolen und Mystischem beladen. Aus diesem Grund lese ich auch fast nichts (mehr) aus Südamerika: Ich mag den magischen Realismus nicht, das Paranormale, Verschnörkelte. (Ausnahmen bestätigen die Regel, ich finde Carla Guelfenbein gut, habe auch meine Allende und meinen Márquez gelesen.)

Ich hab’s offenbar gern klar. Und kühl. Und kurz angebunden. Ich hab definitiv ein Faible für Bücher aus dem Norden. Freilich nicht für alle, nein, nur weil ein Roman von „dort oben“ kommt, bedeutet das noch nicht, dass ich davon angetan bin. Die Wahrscheinlichkeit ist aber höher als bei anderen Romanen, zumindest lässt sich das an meinem Regal erkennen. Darin stehen ja, wie ihr inzwischen wisst, nur sehr wenige Bücher, knapp 300, mehr besitze ich nicht. Auch anhand meines Interesses an Neuerscheinungen merke ich: Ich tendiere zu Finnland, Schweden, Norwegen, Island, Norddeutschland und den Niederlanden.

Nord2Ich bin beispielsweise ein großer Fan von Per Pettersson, dessen Roman Pferde stehlen zu den besten gehört, die ich jemals gelesen habe. Hätte ich einen Lieblingsschriftsteller, es wäre Per. Ich mag Roy Jacobsen und Jan Christophersen, Jón Kalman Stefansson, Majgull Axelsson, Leo Ǻgren, Niels Fredrik Dahl, Anna Enquist und Kerstin Ekman. Mit 17 hab ich Peter Høeg verschlungen, ich liebe Oben ist es still von Gerbrand Bakker und Wie keiner sonst von Jonas T. Bengtsson. Katja Kettus Wildauge steht auf meiner Liste der beeindruckensten Bücher ever. Ich finde Angerichtet von Herman Koch genial, genau wie Fegefeuer von Sofi Oksanen, Altes Land von Dörte Hansen und Wahr von Riikka Pulkkinen. Fasziniert haben mich auch Dorte Nors, Arto Paasilinna, Kjell Westö, Per Olov Enquist, Philip Teir, Leena Parkkinen, Toine Heijmans, Matthias Jügler, Mikael Niemi und Hannah Kent.

Nord3Das sind nur Schriftsteller und Titel, die mir spontan einfallen bzw. die noch „übrig“ sind, denn seit einigen Jahren behalte ich ja kaum noch Bücher. Woher diese Vorliebe kommt? Keine Ahnung. Vielleicht von einer durch Astrid Lindgren geprägten Kindheit? Okay, kleiner Scherz. Aber ich habe das Gefühl: Das Nordische, Kühle, wenig Verschwurbelte zieht mich an, die Geschichten sind oft sehr schlicht, nah an der Essenz des Menschlichen. Ein Patentrezept für das, was mir gefällt, gibt es dabei nicht, allein die oben genannten Beispiele sind in ihrer Handlung und Thematik sehr unterschiedlich. Sicher ist auf jeden Fall: Sie sind niemals kitschig.

Nord4Weitere literarisch-geografische Überlegungen habe ich vorerst nicht angestellt. Ich muss genauer erforschen, welche Länder sich noch in meinem Regenbogenregal finden. Ich habe früher sehr viel über Tibet gelesen, ich mag Bücher aus und über Japan, Italien, Frankreich, natürlich Deutschland, Österreich, Schweiz, das ist naheliegend, Spanien, Portugal, England, das ehemalige Jugoslawien, mit den Great American Novels hab ich so meine Probleme, und ich weiß: Ich vernachlässige ungefähr die halbe Welt. Das hier soll nun aber keine Selbst-Challenge werden, in der ich mich zwinge, jeden Monat ein Buch aus einem anderen Erdteil zu lesen. Interessant ist das jedoch durchaus: Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, aus welchen Ländern eure Lieblingsautoren stammen? Über welche Orte lest ihr gerne? Und noch viel wichtiger: Könnt ihr mir gute Schriftsteller aus dem Norden empfehlen?

Bücherwurmloch

14523272_1342675139083457_197248595740756655_nPhase zwei: Das Lesen der ausgewählten Manuskripte
So viele! So gute! So mutige Leute! Ich bin ehrlich erstaunt. Wir haben wesentlich mehr Einsendungen bekommen, als ich gedacht habe, und sie waren wesentlich besser, als ich befürchtet habe. 252 Schreibende haben sich getraut, beim Blogbuster mitzumachen und ihre Werke, die sie mit ihrem Herzblut geschrieben haben, unseren kritischen Augen auszusetzen. Das muss man erst einmal wagen, und davor habe ich viel Respekt. Ich weiß selbst, wie hart es ist, kritisiert zu werden. Vielen Dank an die 26 Autoren in spe, die mir ihre Manuskripte haben zukommen lassen.

Ich hab alle Leseproben sorgfältig durchgesehen, mich durch so manches wirre Exposé gekämpft (ein solches zu schreiben, ist aber auch wirklich schwierig) und bin letzten Endes bei der Entscheidung geblieben, die ich schon nach dem ersten Schwung getroffen hatte: Zu den drei Manuskripten, die ich damals ausgewählt hatte, sind zwei weitere gekommen. Alle fünf Autoren haben mir bereits ihre Manuskripte zugeschickt, die ich nun bis Ende Februar lesen werde. Ich habe selbst noch keine Ahnung, welches ich letztlich ins Rennen für den Blogbuster-Preis schicken werde und bin schon sehr gespannt. Mit von der Partie sind, und ich nenne sie hier bewusst, weil sie große Leistung erbracht haben und ihre Namen nicht untergehen sollen: Elisa Helm mit Stadtleuchten, Stella Stejskal mit Im Mezzanin, Corinna Laude mit Weg sehen, Olaf Lahayne mit Kaiserwasser und Heike Duken mit Rabenkinder. Merkt euch diese Schriftsteller, ich halte es für möglich, dass ihr noch von ihnen hören werdet!

Leider musste ich einige Manuskripte aussortieren, weil sie nicht den Kriterien entsprachen (unter anderen auch eine Sammlung mit Erzählungen, die mir wahnsinnig gut gefallen hätte). Da aber noch viele gute Leseproben dabei sind, die eine weitere Chance verdient haben, haben wir einen Pool eröffnet, in den jeder von uns Bloggern Manuskripte schieben kann. Das bedeutet: Zehn der Manuskripte, die ich bekommen habe, habe ich für meine Mit-Blogger freigegeben, damit sie hineinlesen können. Dadurch bekommt womöglich ein Teilnehmer doch noch einen Platz auf der Longlist, nur eben mit einem anderen Blogger. Es wäre einfach zu schade um die vielen schönen Ideen!

Hier könnt ihr übrigens lesen, wie es meinen Kollegen Sophie, Sandro und Sarah derweil ergangen ist.