Bücherwurmloch

Bildschirmfoto 2017-02-20 um 09.55.24„Sie sagt, du brauchst keine Angst zu haben. Du hast nur geträumt. Aber das stimmt nicht“
Charly ist gestorben. Die Schildkröte, die 1976 zu Nele, Karen und Hannes ins Haus kam, ist vierzig Jahre alt geworden – die drei Geschwister sind lange schon fort. Die Eltern, Mutter Frieda und Stiefvater Heinrich, wollen Charly beerdigen und laden dazu die ganze Familie ein. Doch das ist nicht einfach irgendein Familientreffen, denn dies ist keine Familie, die jeden Sonntag beim Braten zusammensitzt. Sie ist vielmehr eine zufällige Ansammlung von Menschen, die alle auf ihre Art zerbrochen sind. Heinrich, der aus seiner Kindheit voller Gewalt heraus dagegen angekämpft hat, selbst zu verletzen, was ihm nicht gelungen ist. Alexander, Heinrichs Sohn aus erster Ehe, den er verlassen, aber nie vergessen hat. Nele, die nach mehreren Fehlgeburten ein beeinträchtigtes Kind in China adoptiert hat, Max, der keinen Vater hat und so viel Wut in sich. Karen, die riskiert, dass ihr drogensüchtiger Sohn Tim vor ihrer eigenen Haustür erfriert. Hannes, der viel fühlt und wenig spricht, dessen Sohn Jan verzweifelt ist, weil seine Freundin Meytab vergewaltigt wurde. Sie alle tragen schwer an ihren Geschichten, an ihren seelischen Wunden. Sie alle kommen, um sich von Charly zu verabschieden. Und als sie einander sehen, blicken sie in ihre eigenen Abgründe. Aber so ist es in allen Familien: Erst muss etwas aufbrechen, um dann vielleicht endlich heilen zu können.

Rabenkinder von Heike Duken hat für mich von Anfang an geleuchtet. Angefunkelt hat es mich, schon nach der ersten Seite, nach dem Prolog, ich war sofort angefixt. Von allen 26 Leseproben war dies die eine, die mich ganz innen drin getroffen hat. Ich wusste schon da, dass das gut sein würde. Ich wusste, dass das mein Buch war. Ich wollte es unbedingt lesen, und nach zwei atemlosen Stunden am Bildschirm mit hektischem Scrollen war mir klar, dass ich mein Siegermanuskript gefunden hatte. Als wir mit dem Blogbuster begonnen haben, habe ich geschrieben: Ich langweile mich schnell, und von guter Literatur erwarte ich genau das Gegenteil: dass sie mich rausreißt, mich wach macht, im Idealfall richtiggehend aufschneidet, mir ins Gesicht schlägt. Etwas in mir anrührt, Empfindungen auslöst – die gar nicht nur positiv sein müssen. Und genau das hat Rabenkinder geschafft. Es hat mich traurig gemacht und nachdenklich, es hat mich verzweifeln lassen, aber auch zum Lächeln gebracht.

Bildschirmfoto 2017-02-20 um 09.55.46Was mich an Heike Duken so fasziniert, ist nicht nur, dass sie schreiben kann. Sondern dass sie sich traut, mit dem Schreiben aufzuhören. Sie hat den Mut, zu schweigen. Nicht alles auszuerzählen. Den Leser selbst hineinfühlen zu lassen. Sie glaubt an ihn und daran, dass er die leisen Zwischentöne hören kann. An vielen Kapitelenden hängen starke Sätze in der Luft, die lange nachklingen, die gar nicht wuchtig sind und doch wie Wurfsterne wirken, wie Schläge. Das ist großartig und macht Rabenkinder zu einem harten, intensiven Buch, das man aushalten muss. Der Roman setzt sich zusammen aus lauter Splittern, aus der Vergangenheit und Gegenwart, in verschiedenen Perspektiven, wie ein Mosaik. Und erst einmal macht nichts daran Sinn, man braucht Geduld. Aber wenn man sie aufbringt, dann lohnt es sich – sogar sehr.

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Foto von Alexander Blanke

„Ich glaube nämlich, dass wir einander nicht kennen und vieles nicht voneinander wissen, gerade in Familien. Eine Ausbilderin sagte einmal: Kinder kennen ihre Eltern überhaupt nicht. Sie sehen sie nur als Mutter und Vater und auf sich selbst bezogen“,

sagt Heike Duken, die an Schreibwerkstätten mit Josef Haslinger und Thomas Hettche teilgenommen und mit einem Auszug aus diesem Manuskript das Stipendium des Deutschen Literaturfonds erhalten hat.

„Und was mich immer wieder beschäftigte, waren diese Geschichten von Kindern, die ihre Eltern nicht glücklich machen. Frauen, die zwischen anderen Müttern sitzen und wissen, dass sie anders sind, gezeichnet, weil ihre Kinder sich verweigern und ihren Weg und ihr Glück nicht finden.“

Das ist ein Aspekt von Rabenkinder, der auch im Titel steckt. Und doch ist da noch mehr:

„Es ist auch eine Geschichte über das, was ich beruflich so in mich hineinnehme, und was dann wieder heraus muss“,

erklärt Heike Duken, die als Psychotherapeutin mit eigener Praxis arbeitet.

„Ich hatte eine Zeit lang viele vergewaltigte Frauen bei mir in Therapie. Es war grauenhaft. Die Taten zerstörten so viel im Leben dieser Frauen, und ich habe ihren Überlebenswillen versucht zu unterstützen, und sie waren so stark. Ich wollte etwas über die Dissoziationen schreiben und über das Überleben. Über das wahrhaft Zerstörerische von Gewalt in jeder Hinsicht. Ohne mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, sondern um das Geschlagene und Zerbrochene zu verstehen und zu beschreiben.“

Das ist ihr gelungen. Und doch zeigt Heike Duken auf gerade mal 233 Seiten nicht nur Gewalt und ihre Folgen, sondern auch Positives. Ein bisschen Hoffnung. Das Bemühen jedes Einzelnen, etwas Gutes einzubringen, etwas zu verändern, selbst wenn es nur sehr kleine Dinge sind. Im letzten Teil des Romans folgt keine kitschige Hollywood-Versöhnung, sie wäre völlig fehl am Platze, und doch gibt es mancherorts ein Gespräch, wo vorher Schweigen war, oder Hilfe, wo vorher Unverständnis war. Es gibt die Aussicht, dass die Kinder es besser machen werden als ihre Eltern, eine Chance, die jede Generation aufs Neue bekommt. Nichts davon spricht Heike Duken aus, aber das muss sie auch nicht. Man kann es sehr deutlich spüren.

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Zitat„In uns gibt es etwas, das keinen Namen hat, das ist das, was wir sind.“
José Saramago: Die Stadt der Blinden

„All of us are better when we’re loved.“
Alistar MacLeod: No Great Mischief

„Die Sehnsucht erschafft sich Kindheitserinnerungen. Manchmal erschafft sie alle Arten von Erinnerungen.“
Kerstin Ekman: Stadt aus Licht

„Ich denke zuviel, und neunundneunzig Komma neun Prozent aller Männer wollen mit denkenden Frauen nichts zu tun haben.“
Wei Hui: Shanghai Baby

„Happiness comes in moments, and then it’s gone until the next time. Could be years. But sadness – sadness settles in.“
Dennis Lehane: Mystic River

„Nicht die Notwendigkeit, sondern der Zufall ist voller Zauber. Soll eine Liebe unvergeßlich sein, so müssen sich vom ersten Augenblick an Zufälle auf ihr niederlassen wie die Vögel auf den Schultern des Franz von Assisi.“
Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

„Frauen achten mehr aufs Herz und weniger auf Dummheiten. Darum leben sie länger.“
Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes

„Wenn man weint, ist man schon nicht mehr ehrlich. Da hat man die Sache schon hinter sich. Ich glaube den Tränen nicht. Schmerz hat weder Tränen noch Worte.“
Sándor Márai: Wandlungen einer Ehe

„Irgendwann fragte Bonpland, ob sie noch am Leben seien. Wisse er auch nicht, sagte Humboldt, aber so oder so, was könne man tun als weitergehen?“
Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

„I hope the whole world goes to hell, to be honest.“
Gary Shteyngart: Absurdistan

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IMG_1906Im Zuge meiner (nicht sehr tiefgehenden) literarischen Selbstanalyse über mein Faible für Bücher aus dem Norden hab ich über noch was nachgedacht: über meine Angst vor dicken Schwarten. Definieren wir zuerst einmal DICK: Bis 700 Seiten ist alles noch halbwegs okay. Ab 600 wird es zwar grenzwertig, aber es geht noch, mehr als 800 machen mir schon schwer zu schaffen und bei 1000 gerate ich endgültig ins Schwitzen. Woher kommt das? Es war nicht immer so. Ganz im Gegenteil: Früher konnte ein Buch für mich gar nicht genug Seiten haben. Ich habe es GELIEBT, in einem fetten Schmöker zu versinken, als ich zehn war, zwölf, dreizehn, ich war ein großer Fan von Wolfgang Hohlbein und seinen Fantasy-Wälzern, habe wuchtige Biografien über Mozart, die russischen Zaren und Kronprinz Rudolf verschlungen. Am liebsten habe ich mich in den Weihnachtsferien mit den neuen Büchern, die unterm Christbaum gelegen waren, vergraben, und später, während des Studiums, hatte ich einen Job, bei dem man, wenn nicht viel los war, wunderbar lernen und lesen konnte, ich habe dicke Romane immer noch gemocht, sie praktisch inhaliert. Ich habe fieberhaft gelesen, aufgeregt, begeistert, ich wollte Geschichten, die sich vor mir ausbreiteten, die weitläufig waren und viele Figuren enthielten. Genau das ist mir heute ein Graus. Was ist der Unterschied? Damals hatte ich Zeit. Viel Zeit. Unfassbar viel Zeit. Heute ist Zeit so ungefähr das Einzige, was mir fehlt.

Ich lese immer noch gern, aber ich zwacke mir die Minuten dafür ab von allem, was meine Tage ausfüllt, Kinder versorgen, arbeiten, einkaufen, kochen, waschen, putzen, Kinder bespaßen, arbeiten, schreiben, bloggen und so weiter, und wir reden wirklich von Minuten, nicht von Stunden. In das Ausufernde finde ich nicht mehr hinein, ich habe keine Muße, ich hab keinen Bock mehr, mich lange mit einer Story zu beschäftigen. Nicht die Bücher haben sich verändert. Sondern ich. Und auch wenn ich immer noch für gute Geschichten brenne, müssen sie doch schneller auf den Punkt kommen. Denn da ich keine Zeit habe, will ich sie nicht verschwenden. Und über die Jahre (mit vielen, vielen Büchern) ist bei mir der Eindruck entstanden, dass zahlreiche Romane mit mehr als 600 Seiten sich so einige davon hätten sparen können. Dass sie Längen haben und mich stellenweise langweilen. Ich frage mich dann: Ist das viele Papier wirklich berechtigt? Warum hat der Autor es nicht geschafft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, Überflüssiges wegzulassen, den Kern seiner Geschichte herauszuschälen? Das ist anmaßend, ich weiß das, und wer ein Freund der Klassiker à la Krieg und Frieden ist, möge bitte keinen Stein in meine Richtung werfen.

IMG_2019Ich arbeite daran. Ich versuche oft, wenn ich einen gewissen Spleen an mir bemerke, dagegen anzukämpfen. Ich finde es zudem schade, dass mir wegen meiner merkwürdigen, mit den Lebensumständen gewachsenen Phobie viele Bücher entgehen. Bezeichnend ist, dass in meinem Regenbogenregal kein einziges Buch mit mehr als 850 Seiten steht, die wenigen dicken Schwarten, die ihr hier auf den Bildern seht, habe ich alle geschenkt oder geschickt bekommen, und ich hab sie vor allem noch nicht gelesen. Besonders schlimm war das Gefühl, etwas zu verpassen, in den letzten Jahren bei Brilka. Das achte Leben von Nino Haratischwili, das ich so gern lesen würde. Wenn es halt nicht 1000 Seiten hätte. Also hab ich letztes Jahr beschlossen, jedes Jahr einen Tausender zu bewältigen. Wenigstens einen! Und bin gleich grandios an diesem Vorhaben gescheitert. Ich hab mit Die Gestirne von Eleanor Cotton begonnen, angeblich ein sehr gutes Buch, und ich hab auch fast bis zur Hälfte durchgehalten. Auf Seite 450 hab ich dann allerdings entnervt aufgegeben. Ich hatte den langen Atem nicht, fand alles lahm und fad, die Geduld ging mir aus. Aber: neues Jahr, neuer Versuch! Diesmal wage ich mich an City on Fire von Garth Risk Hallberg. Bisher hab ich 240 Seiten gelesen (und bin sehr stolz auf mich), und ich merke schon: Da lässt sich einer Zeit beim Erzählen. Da werde auch ich mir Zeit nehmen müssen, irgendwie.

IMG_2021Dicke Bücher machen mich müde. Wenn ich sie nur ansehe, bin ich schon erschöpft. Sie rauben mir, wie bereits festgehalten, Zeit, aber auch Kraft. Allein das Gewicht! Und die vielen Charaktere und Nebenstränge und all das Blabla! Uff. Ich lese und lese und komme nicht weiter, mache keinen Fortschritt, keinen erkennbaren. Dicke Bücher setzen mich unter Druck, ich sehe dann all die Seiten, die noch vor mir liegen, als seien sie die Kilometer eines Marathons, und ich frage mich: Wann soll ich die alle lesen, wann, das schaffe ich nie, was wollt ihr von mir! Ich denke an all die luftigen, schmalen Bücher, die ich in derselben Zeit lesen könnte, die vielen verschiedenen Geschichten. Wäre das nicht besser, sinnvoller, erkenntnisreicher, abwechslungsreicher? Aber gleichzeitig frage ich mich: Ist Lesen an sich etwas, das man bewusst effizienter gestalten soll und darf? Entscheide ich mich bei mehr Quantität automatisch gegen die Qualität? Ist es nicht vielleicht gar der verrückte Zeitgeist der Hektik, der da durchschimmert und dem ich eigentlich nicht folgen will? Oder wird sich meine Abneigung wieder legen, wenn meine Kinder aus dem Haus sind und die Zeit zu mir zurückkommt?

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Nord1Es gibt eine Frage, die mich beschäftigt: Woher stammen eigentlich die Autoren der Romane, die ich mag? Und in welchen Ländern spielen diese Bücher? Besteht da überhaupt einen Zusammenhang, lässt sich eine Vorliebe feststellen? Ich sag’s gleich vorweg: Ich hab das nicht fachfrauisch statistisch ausgewertet. Aufgefallen ist mir zuerst eher, was mir NICHT zusagt: Bücher aus Afrika zum Beispiel. Ich hab’s oft genug mit ihnen versucht, um sagen zu können: Ich mach einen Bogen um Literatur aus Afrika (einen Bogen, der mal größer und mal kleiner ist). Hin und wieder versuche ich, diese Abneigung aufzubrechen, und manchmal klappt das, aber meistens stelle ich erneut fest, dass ich nichts anfangen kann mit dem Afrikanischen. Es ist mir (Achtung, Pauschalisierung!) zu ausufernd und schwafelig, zu aufgeblasen und bedeutungsschwanger, zu sehr mit Symbolen und Mystischem beladen. Aus diesem Grund lese ich auch fast nichts (mehr) aus Südamerika: Ich mag den magischen Realismus nicht, das Paranormale, Verschnörkelte. (Ausnahmen bestätigen die Regel, ich finde Carla Guelfenbein gut, habe auch meine Allende und meinen Márquez gelesen.)

Ich hab’s offenbar gern klar. Und kühl. Und kurz angebunden. Ich hab definitiv ein Faible für Bücher aus dem Norden. Freilich nicht für alle, nein, nur weil ein Roman von „dort oben“ kommt, bedeutet das noch nicht, dass ich davon angetan bin. Die Wahrscheinlichkeit ist aber höher als bei anderen Romanen, zumindest lässt sich das an meinem Regal erkennen. Darin stehen ja, wie ihr inzwischen wisst, nur sehr wenige Bücher, knapp 300, mehr besitze ich nicht. Auch anhand meines Interesses an Neuerscheinungen merke ich: Ich tendiere zu Finnland, Schweden, Norwegen, Island, Norddeutschland und den Niederlanden.

Nord2Ich bin beispielsweise ein großer Fan von Per Pettersson, dessen Roman Pferde stehlen zu den besten gehört, die ich jemals gelesen habe. Hätte ich einen Lieblingsschriftsteller, es wäre Per. Ich mag Roy Jacobsen und Jan Christophersen, Jón Kalman Stefansson, Majgull Axelsson, Leo Ǻgren, Niels Fredrik Dahl, Anna Enquist und Kerstin Ekman. Mit 17 hab ich Peter Høeg verschlungen, ich liebe Oben ist es still von Gerbrand Bakker und Wie keiner sonst von Jonas T. Bengtsson. Katja Kettus Wildauge steht auf meiner Liste der beeindruckensten Bücher ever. Ich finde Angerichtet von Herman Koch genial, genau wie Fegefeuer von Sofi Oksanen, Altes Land von Dörte Hansen und Wahr von Riikka Pulkkinen. Fasziniert haben mich auch Dorte Nors, Arto Paasilinna, Kjell Westö, Per Olov Enquist, Philip Teir, Leena Parkkinen, Toine Heijmans, Matthias Jügler, Mikael Niemi und Hannah Kent.

Nord3Das sind nur Schriftsteller und Titel, die mir spontan einfallen bzw. die noch „übrig“ sind, denn seit einigen Jahren behalte ich ja kaum noch Bücher. Woher diese Vorliebe kommt? Keine Ahnung. Vielleicht von einer durch Astrid Lindgren geprägten Kindheit? Okay, kleiner Scherz. Aber ich habe das Gefühl: Das Nordische, Kühle, wenig Verschwurbelte zieht mich an, die Geschichten sind oft sehr schlicht, nah an der Essenz des Menschlichen. Ein Patentrezept für das, was mir gefällt, gibt es dabei nicht, allein die oben genannten Beispiele sind in ihrer Handlung und Thematik sehr unterschiedlich. Sicher ist auf jeden Fall: Sie sind niemals kitschig.

Nord4Weitere literarisch-geografische Überlegungen habe ich vorerst nicht angestellt. Ich muss genauer erforschen, welche Länder sich noch in meinem Regenbogenregal finden. Ich habe früher sehr viel über Tibet gelesen, ich mag Bücher aus und über Japan, Italien, Frankreich, natürlich Deutschland, Österreich, Schweiz, das ist naheliegend, Spanien, Portugal, England, das ehemalige Jugoslawien, mit den Great American Novels hab ich so meine Probleme, und ich weiß: Ich vernachlässige ungefähr die halbe Welt. Das hier soll nun aber keine Selbst-Challenge werden, in der ich mich zwinge, jeden Monat ein Buch aus einem anderen Erdteil zu lesen. Interessant ist das jedoch durchaus: Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, aus welchen Ländern eure Lieblingsautoren stammen? Über welche Orte lest ihr gerne? Und noch viel wichtiger: Könnt ihr mir gute Schriftsteller aus dem Norden empfehlen?

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14523272_1342675139083457_197248595740756655_nPhase zwei: Das Lesen der ausgewählten Manuskripte
So viele! So gute! So mutige Leute! Ich bin ehrlich erstaunt. Wir haben wesentlich mehr Einsendungen bekommen, als ich gedacht habe, und sie waren wesentlich besser, als ich befürchtet habe. 252 Schreibende haben sich getraut, beim Blogbuster mitzumachen und ihre Werke, die sie mit ihrem Herzblut geschrieben haben, unseren kritischen Augen auszusetzen. Das muss man erst einmal wagen, und davor habe ich viel Respekt. Ich weiß selbst, wie hart es ist, kritisiert zu werden. Vielen Dank an die 26 Autoren in spe, die mir ihre Manuskripte haben zukommen lassen.

Ich hab alle Leseproben sorgfältig durchgesehen, mich durch so manches wirre Exposé gekämpft (ein solches zu schreiben, ist aber auch wirklich schwierig) und bin letzten Endes bei der Entscheidung geblieben, die ich schon nach dem ersten Schwung getroffen hatte: Zu den drei Manuskripten, die ich damals ausgewählt hatte, sind zwei weitere gekommen. Alle fünf Autoren haben mir bereits ihre Manuskripte zugeschickt, die ich nun bis Ende Februar lesen werde. Ich habe selbst noch keine Ahnung, welches ich letztlich ins Rennen für den Blogbuster-Preis schicken werde und bin schon sehr gespannt. Mit von der Partie sind, und ich nenne sie hier bewusst, weil sie große Leistung erbracht haben und ihre Namen nicht untergehen sollen: Elisa Helm mit Stadtleuchten, Stella Stejskal mit Im Mezzanin, Corinna Laude mit Weg sehen, Olaf Lahayne mit Kaiserwasser und Heike Duken mit Rabenkinder. Merkt euch diese Schriftsteller, ich halte es für möglich, dass ihr noch von ihnen hören werdet!

Leider musste ich einige Manuskripte aussortieren, weil sie nicht den Kriterien entsprachen (unter anderen auch eine Sammlung mit Erzählungen, die mir wahnsinnig gut gefallen hätte). Da aber noch viele gute Leseproben dabei sind, die eine weitere Chance verdient haben, haben wir einen Pool eröffnet, in den jeder von uns Bloggern Manuskripte schieben kann. Das bedeutet: Zehn der Manuskripte, die ich bekommen habe, habe ich für meine Mit-Blogger freigegeben, damit sie hineinlesen können. Dadurch bekommt womöglich ein Teilnehmer doch noch einen Platz auf der Longlist, nur eben mit einem anderen Blogger. Es wäre einfach zu schade um die vielen schönen Ideen!

Hier könnt ihr übrigens lesen, wie es meinen Kollegen Sophie, Sandro und Sarah derweil ergangen ist.

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bergmann-kopie-2Ein letzter Blick zurück
Ich will heute nicht jammern über dieses Jahr, das uns alle in Atem gehalten hat. Ein Jahr, das mit traurigem weltpolitischem Geschehen, vielen Abschieden und schockierenden Ereignissen in die Geschichte eingehen wird. Auch in literarischer Hinsicht war es für mich eine Katastrophe. Ich hab niemals zuvor in meinem Leben derart viele Bücher abgebrochen, sogar in eine kleine Lesesinnkrise bin ich gerutscht. Nur 91 Titel habe ich zu Ende gelesen. Da ich jedoch schon genug über die schlechten Romane in diesem Lesejahr gemotzt habe, möchte ich nochmal jene ins Gedächtnis rufen, die mich 2016 tatsächlich beeindruckt haben. Um das Jahr mit dem zu beenden, was gut war. Und nicht mehr nur an das Schlechte zu denken.

Zu den besten Büchern (5/5), die ich in diesem Jahr gelesen habe, gehören:

LGerkesen als Medizin. Die heilsame Wirkung der Literatur von Andrea Gerk

Der Trick von Emanuel Bergmann

Asche von Sven Heuchert

A tale for the time being von Ruth Ozeki

RosenfeldAdams Erbe von Astrid Rosenfeld

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Ein ganzes Leben von Robert Seethaler

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Und dann kam da kurz vor knapp noch dieses Buch daher, zu dem ich euch noch nichts verlinken kann, weil ich es gerade an Weihnachten erst gelesen habe, aber was ich sagen kann, ist: WOW! Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod von Gerhard Jäger hat mich umgehauen. Es ist grandios und herausragend gut und hat mir am Ende des Jahres gezeigt: Ja! Es gibt sie noch, die Bücher, für die sich das Lesen lohnt. Mehr dazu Anfang 2017, versprochen.

Zu den sehr guten Büchern (4/5), die ich in diesem Jahr gelesen habe, gehören:

FlorescuKaltes Wasser von Jakob Hein

Der Mann, der das Glück bringt von Catalin Dorian Florescu

Die Halbwertszeit der Liebe von Corinna T. Sievers

Am Rand von Hans Platzgumer

KingWas ich euch nicht erzählte von Celeste Ng

Eva schläft
von Francesca Melandri

Am Ende bleiben die Zedern von Pierre Jarawan

Euphoria von Lily King

saucierWeißes Meer von Roy Jacobsen

Ein Leben mehr von Jocelyne Saucier

Aquarium von David Vann

Die Ballade vom traurigen Café von Carson McCullers

Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war 
von Joachim Meyerhoff

dexterPaperboy von Pete Dexter

Familie der geflügelten Tiger von Paula Fürstenberg

Und wie ist es euch 2016 ergangen, ihr lieben Bücherwürmer? Welche Bücher haben euch begeistert?

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fullsizerenderNoch einen unveröffentlichten Roman in der Schublade? Schickt ihn uns und macht mit beim Blogbuster: Hier findet ihr alle Informationen über die Teilnahme und könnt euer Manuskript einreichen. Einsendeschluss ist nämlich der 31. Dezember, deshalb heißt es hiermit: Last call für alle, die Bock auf einen Buchvertrag haben! Ich freu mich auf eure Manuskripte.

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Bücher verschenken? Sowieso! Nur: welche? Als kleine Orientierungshilfe hab ich euch fünf Titel, die ich 2016 gelesen habe, zusammengesucht. Die liegen ziemlich sicher nicht auf den weihnachtlichen Wühltischen, aber ihr könnt sie bestimmt in eurer lokalen Buchhandlung bestellen.

baumannManfred Baumann: Salbei, Dill und Totengrün
Bekannt wurde Manfred Baumann mit seinen Salzburg-Krimis rund um den Ermittler Merana, von denen einer, nämlich Drachenjungfrau, kürzlich vom ORF verfilmt wurde (anschauen am 15. Dezember!). In diesem Buch versammelt er Kurzkrimis verschiedenster Couleur, die ein verbindendes Element haben: Kräuter. Vor jeder spannenden Geschichte ist das jeweilige Kraut abgebildet und es gibt ein paar Infos zu seiner Wirkung. Was folgt, ist Rätselraten vom Feinsten: Wer hat beim Kräuterseminar im Kloster einen der Teilnehmer erdrosselt, und warum ausgerechnet im Salbeistrauch? Wieso hält eine erstochene Tote, die auf dem Friedhof gefunden wird, eine Alraune in der Hand? Und weshalb dekoriert ein Serienmörder alle seine Opfer mit Engelwurz? Sehr schmackhafte Bissen, diese Kräuterkrimis!
Für: Krimifans, Gourmets, Kräutergartenbesitzer, Freunde niveauvoller Spannung
Salbei, Dill und Totengrün ist erschienen im Gmeiner Verlag (ISBN 978-3-8392-1927-0, 283 Seiten, 12,99 Euro).

GerkAndrea Gerk: Lesen als Medizin. Die heilsame Wirkung der Literatur
Warum lesen wir Menschen eigentlich? Was ist das für eine merkwürdige Fähigkeit, die wir uns da angeeignet haben? Andrea Gerk beschäftigt sich in diesem überaus interessanten Sachbuch mit diesem Thema und bietet eine historische, wissenschaftliche und auch überraschend poetische Übersicht. „Bücher können Trost schenken, Mut machen, Spiegel vorhalten, Zuflucht sein, Erfahrungen vermitteln, Perspektiven ändern, Sinn stiften. Bücher amüsieren und berühren. Und sie können ablenken – nicht zuletzt von uns selbst“, heißt es darin, und: „Prosa und Gedichte sind wie Medikamente. Sie heilen den Riss, den die Wirklichkeit in die Vorstellungskraft schneidet.“ Der große Themenreichtum – von Neurowissenschaft über misshandelte Kinder bis zu Lesen in Klöstern und Gefängnissen – ist fantastisch.
Für: ein absolutes Muss für alle Bibliophilen! Wenn ihr jemanden kennt, der gern liest und dem ihr euch keinen Roman zu schenken traut, weil ihr nicht danebenhauen wollt, schenkt ihm dieses Buch.
Lesen als Medizin. Die heilsame Wirkung der Literatur von Andrea Gerk ist erschienen bei Rogner & Bernhard (ISBN 978-3-95403-084-2, 324 Seiten, 22,95 Euro).

bergmann-kopie-2Emanuel Bergmann: Der Trick
Ein Wunderwerk ist Der Trick von Emanuel Bergmann, ein Zauberding, ein Buch voll doppelter Böden und Überraschungen. Der Autor, der jahrelang für Filmproduktionen in LA tätig war, hat eine wunderbare Geschichte mit Tiefgang geschrieben, die sich trotzdem leicht liest. Zwei Handlungsstränge gibt es, einen vergangenen und einen gegenwärtigen, sowie zwei Buben, deren Leben verschiedener nicht sein könnte: Der eine ist ein Jude in höchster Gefahr, der andere ein verwöhntes Einzelkind. Als sie aufeinandertreffen, ist der eine ein alter Mann, kratzbürstig, egoistisch und versoffen, der andere ein kleiner Junge, der unbedingt einen Liebeszauber braucht, damit sein Vater wieder zurückkommt. Dieses Buch hat mich so begeistert, ich wünschte, ich könnte es nochmal neu lesen. Es ist vielschichtig und originell, raffiniert und gewitzt.
Für: alle, die gern Romane lesen und sich dabei auf hohem Level gut unterhalten lassen wollen. Von der Schwester über den Cousin bis zur Oma, mit diesem Buch könnt ihr nichts falsch machen.
Der Trick von Emanuel Bergmann ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN
978-3-257-06955-6, 400 Seiten, 22 Euro).

heuchertSven Heuchert: Asche
Sven Heuchert bildet in seinen Debütstorys eine Gesellschaftsschicht ab, die Arbeiterschicht, greift sich eine Handvoll Figuren aus der Masse der Hunderttausenden und zeigt, wie sie leben. Das tut er auf ebenso eindringliche wie authentische Weise: So knallhart und verdichtet ist seine Sprache, dass sie wirkt, als käme sie direkt aus den Mündern dieser Menschen. Wie Ohrfeigen sind die Worte, wie Schläge in den Magen, und wuchtiger noch sind ihre Inhalte: Von Einsamkeit erzählen sie und von Schmerz, von Alkoholismus und Brutalität. Hackler heißen diese Arbeiter auf Österreichisch, doch egal, wie man sie nennt: Ihr Leben ist hart. Ihre Hände sind rau und vernarbt, ihre Herzen sind es auch. Nochmal Kurzgeschichten? Ja, aber welche mit Wucht. Die klingen länger nach als so mancher Roman.
Für: alle Mutigen, Short-Story-Freunde, Abseits-vom-Mainstream-Leser, Indiebuch-Fans, Männer.
Asche von Sven Heuchert ist erschienen im Bernstein Verlag (ISBN 978-3-945426-13-5, 184 Seiten, 12,80 Euro).

OzekiRuth Ozeki: A tale of the time being
Dies ist ein herausragend gute Buch mit der Ich-Stimme eines sechzehnjährigen japanischen Mädchens, das seine Geschichte aufschreibt. Aufgewachsen ist Nao in Sunnydale in den USA, doch als ihr Vater seinen Job verlor, musste sie zurück nach Tokyo. Sie spricht die Sprache, aber mehr auch nicht, und so wird Nao schnell zum Ziel grausamster Mobbingattacken. Der Vater schämt sich wegen des Gesichtsverlusts und versucht mehrfach, sich umzubringen. Das Familienleben besteht nur noch aus Schande und brodelndem Schweigen. Ein Lichtblick in Naos Leben ist ihre Urgroßmutter Jiko, buddhistische Nonne und 104 Jahre alt, die ihr zeigt, wie unwichtig vieles von dem ist, was Nao sich so zu Herzen nimmt. Das Buch, dem Nao sich anvertraut, behält wirft sie ins Meer. Und im Zuge des wirbelnden Tsunami landet es an einem weit entfernten Strand, wo die Schriftstellerin Ruth es findet,  im kleinen Ort Whaletown. Sie ist fasziniert von Naos Geschichte, recherchiert und sucht und sorgt sich: Ist Nao noch am Leben?
Für: alle, die auf Englisch lesen können (das Buch gibt es allerdings auch auf Deutsch!), Hobby-Philosophen, Japan-Interessierte, Buddhisten und solche, die gern Buddhisten wären, alle, die Herausforderungen zu bewältigen haben, und alle, die was spüren wollen, wenn sie ein Buch lesen.
Auf Deutsch ist A tale for the time being unter dem Titel Geschichte für einen Augenblick bei den S. Fischer Verlagen erschienen.

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img_12872016 hab ich in Sachen Bücher wirklich oft ins Klo gegriffen. So oft, dass ich in eine regelrechte Lesedeprimiertheit gerutscht bin. Alles hat mich nur noch angeödet. Das Langsame, das Melancholische, das ich sonst so mag, das Bittere und das Tiefe. Schrecklich. Ich habe ein Buch nach dem anderen abgebrochen und war schon kurz davor, nur noch zu netflixen. Und was tut man, wenn man keine Lust mehr auf seine Lieblingsspeise hat? Richtig: Man isst mal was anderes. Ich hab mir deshalb einen sehr bekannten Thriller zu Gemüte geführt, noch dazu auf Englisch, beides nicht business as usual. Mit Thrillern hab ich so meine Probleme, aber Before I go to sleep von S. J. Watson, ein Bestseller, der 2014 mit Nicole Kidman und Colin Firth verfilmt wurde, ist tatsächlich ganz gut. Es geht darin um eine Frau, die ihr Gedächtnis verloren hat. Jeden Tag erarbeitet sie sich ihre Geschichte neu, und sobald sie einschläft, vergisst sie alles. Sie kann niemandem trauen und weiß nie, ob das, was ihr jemand erzählt, wahr ist, sie sieht diese Leute immer zum ersten Mal. An den logischen Problemen vorbei, die eine solche Situation mit sich bringt, erzeugt S. J. Watson viel Spannung. Gut geschrieben ist das nicht unbedingt, aber das Triviale war sehr entspannend, und mir hat der Blick über den Tellerrand gezeigt: Das, was ich sonst so esse, schmeckt ja womöglich doch nicht so schlecht.

Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Ich. Darf. Nicht. Schlafen im Scherz Verlag erschienen.

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bildschirmfoto-2016-11-21-um-12-10-0933 Tage Blogbuster: Was bisher geschah
Ich habe eine ziemlich gute Quote. Bisher wurden mir für den Blogbuster 2017 sieben Leseproben zugeschubst, und von drei Autorinnen habe ich das Gesamtmanuskript angefordert. Das klingt vielleicht nicht viel, aber hej, es ist immerhin fast die Hälfte! Wer sich nun fragt: Blogbuster, what the fuck?, der werfe einen Blick auf die Website, wo erklärt wird, was wir denn da machen und warum. Und wer sich denkt: Manuskript, ja, so eins hab ich auch, der schicke es doch bitte ein!

Schwierig ist für mich, das hab ich schon festgestellt, einfach nur Leser zu bleiben. Ich arbeite ja als Lektorin und Texterin, und der Impuls, Feedback zu geben, in das Manuskript reinzuredigieren, Kommentare dazuzuschreiben, ist übermächtig. Nur ist das bei diesem Projekt nicht meine Aufgabe, und ich halte mich brav zurück. Schließlich muss ich einen Kandidaten finden, dessen Roman so feingeschliffen ist, dass er im besten Fall sogar gewinnen kann. Ein Manuskript, das noch viel Überarbeitung braucht, wird es wohl nicht aufs Siegertreppchen schaffen, wenn wir realistisch bleiben.

Bekommen hab ich allerlei Abstruses, auch Experimentelles, Wirres, schwer Lesbares wie zum Beispiel einen tragisch-satirischen Entwicklungs- wie auch romantisch-ironischen Reiseroman mit „Determinantengedrängel“, das der Schreibintention durchaus entspricht und sie durch Überbestimmtheit zugleich konterkariert: teils werden Erzählweise und Sprachverdichtung zur Farce, teils erscheinen Handlungen irrational, teils werden Handlungsmotivationen verunklärt. Ja, nun, ich bitte vielmals um Entschuldigung, so klingt das auch. 

Ein anderes Manuskript mit dem verkünstelten Titel eltkulturWerbe. hat einen ganz wunderbaren ersten Satz: Die Nachricht meines Todes erreichte mich am Flughafen Stuttgart. Den fand ich stark, der hat mich begeistert. Diese Begeisterung hat beim Weiterlesen allerdings nachgelassen: zu unausgegoren, abgehackt, mit interessanten Ideen, aber insgesamt fast ein wenig klamaukig, der verbindende Faden, der aus den Einzelstücken ein solides Gewebe macht, fehlt mir.

Ein weiterer Kandidat, dessen Manuskript auf dem Planeten Marduk in einem extragalaktischen Kommunikationssystem spielt, hat hoffentlich bei einem Verlag mit Sci-Fi-Background Erfolg, vom Blogbuster ist dieses Genre ausgeschlossen.

Dann gab es da noch die Leseprobe einer Autorin, die mich mit ihren ersten Seiten sofort gefesselt hat: Es geht um eine wilde, aus dem Gleichgewicht gebrachte junge Frau, die sich mit Absicht in Schwierigkeiten bringt, die stiehlt und aufreizend angezogen nachts durch die Straßen läuft, um Männer herauszufordern. Sehr gut geschrieben, originell, spannend! Aber dann hab ich mir das Exposé angeschaut und erkannt, dass es im Buch um einen Geschwisterinzest geht, also darum, dass zwei verliebt sind und nicht wissen, dass sie Bruder und Schwester sind, und das, das geht einfach nicht. Das ist so Gute Zeiten, schlechte Zeiten, das ist so Soap und Effektheischerei, unglaubwürdig, tausendmal aufs Papier gebracht in irgendwelchen Schmonzetterln, abgelutscht, das hab ich schon dem Jonathan Evison in All about Lulu nicht verziehen. Und ich dachte: NAAAIN, wie kann sie nur! Schade, sehr schade, denn ich fand die Leseprobe wirklich gut.

bildschirmfoto-2016-11-21-um-12-10-34Doch zum Glück kamen auch drei Frauen des Weges, deren völlig unterschiedliche Manuskripte ich nun (voraussichtlich) zur Gänze lesen werde. In einem spricht der Tod, er ist der Erzähler, und diese Idee mag ich sehr gern. Stephan Trauth ist mir das erste Mal als kleines Kind begegnet. Heute erinnere ich mich wieder gut daran: Der kleine Junge und die dick eingecremten, mullbindenumwickelten Hände in der Nacht, sein stiller Ekel und die Wut, heißt es darin, und ich finde allein die Perspektive schon sehr originell, auch wenn sie natürlich andernorts bereits genutzt wurde.

Das zweite handelt von einer Frau, die eine Affäre beginnt und herauszufinden versucht, was sie eigentlich will und wen. Das ist die Geschichte von Anna und Ettore, von Fabian und Anna, von Lebensgier und Heimat, von Liebe und Verlust. Es ist auch die Geschichte von dem, was wir zu wissen glauben, dem, was wirklich ist, und dem, was sich dazwischen befindet. bildschirmfoto-2016-11-21-um-12-09-46Das klingt doch interessant.

Das dritte Manuskript hab ich noch nicht ganz durchschaut, aber schon der erste Absatz hat mich neugierig gemacht: Irgendwo in dieser Nacht habe ich mich verlaufen. Morgens habe ich dann auch wieder zurückgefunden, muss ich ja, denn jetzt bin ich ja hier, wieder bei Anne, dieser Frau, die immer wach zu sein scheint, und erinnere mich an nichts. Es handelt wohl von zwei jungen Menschen, die in einer Medienagentur aufeinandertreffen. Mehr weiß ich noch nicht …

Vielleicht wird ja einer dieser drei Favoriten der Titel, mit dem ich ins Rennen gehe. Ich bin gespannt, und ihr hoffentlich auch!

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Hier könnt ihr übrigens lesen, wie es Sophie, Sandro und Katharina bisher mit dem Blogbuster ergangen ist.