Bücherwurmloch

Wie ihr alle wisst, besitze ich nur ein einziges Bücherregal. Und behalte ausschließlich Bücher, die so besonders sind, dass ihnen ein Platz in diesem Regal gebührt. Aber welche sind das eigentlich? Seht selbst.

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Bücherwurmloch

Heike, du hast 2017 beim Blogbuster mitgemacht. Was hat dich dazu bewogen?

Das neue Konzept, dass Literaturblogger Manuskripte entdecken, das fand ich schon toll. Da steckt zum einen viel Fachkunde und Leseerfahrung dahinter, zum anderen sind Blogger aber auch ganz normale Leser, die erst einmal nicht den Markt und die Verwertbarkeit von Texten im Sinn haben. Da dachte ich mir, vielleicht hat mein etwas sperriges Romankonzept eine Chance, wenn ich die richtige Bloggerin erwische. Und das warst dann du, grins.

Wie hast du den Wettbewerb empfunden?

Es war eine sehr spannende Sache für mich. Erst einmal hast du das Gesamtmanuskript haben wollen, dann unser erster Mailkontakt, deine Nachfragen, damals war ich in Brasilien auf Reisen, habe immer wieder eine Internetverbindung gesucht und deiner Entscheidung entgegengefiebert. 170305_heike (166 von 243)Als die gute Nachricht kam, dass du mit den Rabenkindern ins Rennen gehst, hab ich so gejubelt! Das war wirklich einen Caipirinha wert. Wir haben es ja leider nicht auf die Shortlist geschafft, und das war schon arg. Ich war furchtbar enttäuscht. Ich dachte, das war’s dann, ich bin eben doch nur eine mittelmäßige Schreiberin. AutorInnenseelen sind einfach wahnsinnig sensibel, schlimm.

Was hat sich durch den Blogbuster für dich verändert?

Viel. Erst einmal sind wir beide uns begegnet. Das allein war es schon wert. Unser Treffen in Salzburg, unsere Mails und dass wir in Kontakt geblieben sind. Also ich möchte das nicht mehr missen. Außerdem bin ich mit meinem Manuskript wahrgenommen worden, habe viel Zuspruch bekommen, und eine tolle Tür hat sich für mich geöffnet.

Wie ist es den Rabenkindern seither auf ihrer Reise ergangen?

Ich habe nach dem Wettbewerb einen Wink bekommen, dass ich mich bei Elisabeth Ruge melden darf, dass Interesse von der Agentur an den Rabenkindern besteht. Und wir sind zusammengekommen! Wir haben am Manuskript gearbeitet, ich habe viel geschrieben und mich mit Unterstützung der Agentur noch einmal professionalisiert. Herausgekommen ist ein wunderbarer Vertrag mit einem wunderbaren Verlag. Was will ich mehr? Ich bin einfach nur glücklich über die Entwicklung.

Ich freu mich schon wahnsinnig darauf, die Rabenkinder in der
Buchhandlung zu sehen. Weißt du schon, wann es soweit sein wird?

170305_heike (124 von 243)Im Frühjahr 2019. Es dauert also noch. Der Buchmarkt ist so langsam! Zum Glück gehört Geduld zu meinen absoluten Stärken, haha.

Was rätst du denjenigen, die überlegen, 2017 beim Blogbuster mitzumachen?

Einfach probieren. Was kann schon schiefgehen? Na gut, Enttäuschung, Tränen und Selbstzweifel, wenn es nicht klappt, aber gehört das nicht zum Schreiben dazu, wenn man es ernst meint? Und ich kann nur sagen, insgesamt war der Umgang sehr wertschätzend und wohlwollend, niemand muss Angst haben, beschämt zu werden. Allerdings sollte man genau schauen, was die einzelnen BloggerInnen wollen und wo das Manuskript gut hin passt, das erhöht die Chancen.

Schreibst du an einem neuen Roman?

Noch nicht. Ich denke noch. Ich gehe mit meinem Hund spazieren und lasse Ideen, Figuren und Geschichten in meinem Kopf entstehen. Erst wenn ich noch etwas weiter bin damit, fange ich an zu schreiben. Vielleicht schon sehr bald.

Bis 3Bildschirmfoto 2017-10-22 um 14.03.571. Dezember habt ihr noch Zeit, eure Manuskripte einzureichen! Mehr Infos findet ihr hier. Ich bin schon sehr gespannt …

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IMG_6552Vor ein paar Tagen hab ich darüber geschrieben, dass in meinen Augen ein Buch keine falschen Gefühle auslösen kann. Und dass meine Devise lautet: Je heftiger, desto besser. Dann stand ich vor meinem (einzigen) Regal und sah mir die Titel an. Sie alle haben eine Bedeutung für mich. Haben etwas bei mir ausgelöst, mich berührt, mich beschäftigt. Ich aber wollte jene Romane finden, die grenzwertig waren und die ihr vielleicht noch nicht kennt. Die mir nach dem Lesen nicht mehr aus dem Sinn gingen, weil sie tiefe Spuren hinterlassen haben.

IMG_6551Neben We need to talk about Kevin und Mr. Lamb, die ich beide nicht mehr bei mir habe, trifft das auf Die Glasfresser zu, eines der abartigsten, tiefgründigsten, verstörendsten Bücher, die ich JEMALS gelesen habe. In diese Reihe gehört auch Anima. Noch heute muss ich, wenn ich an bestimmte Szenen denke, fast kotzen. Das sind Bücher, die mich an meine Grenzen gebracht umd mich massiv herausgefordert haben. Die sogar mir fast ZU intensiv waren, zu schrecklich, zu aufwühlend. Romane, bei denen man nicht einmal mehr weinen kann, weil man innerlich vor Schock zu Eis gefroren ist. Und ich rede nicht von Thrillern oder Suspense. Sondern von der Unmenschlichkeit der Menschen, in Literatur gegossen.

Das gilt auch für Lovely Bones, ein (schon recht altes) Buch, in dem ein vergewaltigtes und ermordetes Mädchen aus seiner Sicht erzählt, und The narrow road to the deep North, das in einem Gulag spielt. Room ist ein Roman, der mich wahnsinnig beeindruckt hat: die Geschichte einer Frau, die jahrelang gefangengehalten und missbraucht wird, bis es ihrem Sohn, den sie in diesem Folterkeller bekommen hat, gelingt, zu fliehen. Ob Krieg und Konzentrationslager, Freude am Töten, Vergewaltigung und Unterdrückung, Vernachlässigung und Lieblosigkeit, Sklaverei oder Foltern: Es gibt nichts, wovor Menschen zurückschrecken. Es sollte deshalb auch nichts geben, wovor Literatur zurückschreckt.

IMG_6550Ich liebe Little Bee, trotz und vor allem weil es mich emotional sehr aufgewühlt hat. Das gilt auch für Gebete für dieVermissten, ein Buch über verschwundene Mädchen und mexikanische Drogenbosse, für das man starke Nerven braucht, dafür aber auf jeden Fall belohnt wird. Erschütternd und grandios sind auch Aquarium, das eine Kindheit erzählt, die alles andere ist als behütet, The Long Song, in dem die Grausamkeit der Sklaverei in unfassbar passende Worte gekleidet wird, und Winters Knochen, pure Einsamkeit zwischen zwei Buchdeckeln. Lauter Romane, die einem das Herz rausreißen. Jedes auf seine Art. Wenn man sie lässt.

IMG_6564Sehr besonders ist für mich Wildauge. Ein Buch, das mich vollkommen überwältigt hat. Mit einer Sprache, die anders ist und wild und rau, mit einer Protagonistin, die einer Naturgewalt gleichkommt, mit einer Geschichte über einen Krieg, von dem man alles zu wissen glaubt und der dann doch wieder eine neue grausame Facette zeigt. Dieser Roman bringt für mich persönlich auf den Punkt,
was ich mir von Literatur wünsche: weggespült zu werden. Etwas zu erfahren, das ich noch nicht wusste. So ein Ziehen im Herz zu spüren. Der Traurigkeit ins Gesicht zu schauen. Und eine Axt in der Hand zu halten für Kafkas gefrorenes Meer.

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IMG_6550Vor einer Weile hat jemand bei mir im Blog einen Kommentar hinterlassen, der lautete: „Solche Bücher lösen finde ich die falschen Gefühle beim Lesen aus. Ein Buch sollte Spaß machen und Freude verbreiten!“ Seither ist mir diese Formulierung nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich frage mich: Kann ein Buch denn falsche Gefühle auslösen? Falsche Gefühle, gibt es die beim Lesen überhaupt? Was sollte denn richtig sein und was falsch – und wer bestimmt das?

Sicher, jeder wünscht sich von einer Lektüre etwas anderes. Es gibt Zeiten, da möchte selbst ich mich ein bisschen unterhalten lassen, möchte es leicht haben mit einem Buch, aber: Die sind sehr selten. Und sie haben viel zu tun mit Sonne, Sommer und Freibad. Wobei auch das keine Regel ist, denn letztes Jahr habe ich Alles Licht, das wir nicht sehen gelesen, ein wahnsinnig intensives, trauriges Buch über den Zweiten Weltkrieg – und zwar am Strand, umgeben von lachenden Kindern, sanften Wellen und Leuten, die Kokosnüsse verkauften. Tatsache ist jedoch, dass ich sie natürlich kenne, die Sehnsucht nach ein bisschen Leichtigkeit in der Literatur. Das beantwortet aber nicht die Frage, denn auch leichter Lesestoff kann ja Gefühle bei uns auslösen.

Wahrscheinlich muss jeder für sich selbst klären, WARUM er eigentlich liest. Um in fremde Welten zu reisen. Um Neues kennenzulernen, um Fantastisches zu sehen. Um bei der Suche nach einer Liebe mitzufiebern, Ablenkung vom Alltag zu finden, zum Lachen gebracht zu werden. Oder auch, um zum Weinen gebracht zu werden. Um in Sprache einzutauchen, poetische Sätze zu lesen, staunend zuzuschauen, wie Wörter sich zu melodiösen Formulierungen zusammentun. Um zu leiden, nachzudenken, sich zutiefst gefordert zu fühlen. Das Letzte trifft auf mich zu.

Ein Buch muss nicht sanft zu mir sein. Ich will, dass es mich schlägt. Ich will, dass es mich aufwühlt, mich aufrüttelt, mich aufschneidet. Nichts ist mir mehr zuwider als jene Romane, die – ob nun richtig oder falsch – GAR KEINE Gefühle bei mir auslösen. Die, die man liest, ohne etwas dabei zu empfinden. Die einem völlig gleichgültig bleiben. Auf die bin ich so richtig sauer. Weil sie meine Lebenszeit verschwenden. Dann schon lieber Wut, weil ein Buch furchtbar schlecht ist, Abscheu, Genervtheit. Irgendwas! Wo ich mich aufregen und so richtig motzen kann. Aus Gründen, natürlich.

Da ich nur ein einziges Regal für Bücher zur Verfügung habe, gebe ich alle weg – bis auf jene, die ich unbedingt behalten will. Deshalb findet man in meinem schmalen Regal keine Titel, die mir gleichgültig sind. Sondern nur solche, die sich einen Weg in mein Herz gebahnt, gefressen oder geschlagen haben. Ich habe keine Zeit für Gleichgültigkeit und keine Geduld für Mittelmaß. Was mich nicht berührt, fliegt raus.

Denn am liebsten ist es mir, wenn ein Roman mich direkt an der Wurzel des Menschseins packt. Wenn er mich traurig macht und nachdenklich. Wenn er mich dazu bringt, von seiner Geschichte zu träumen, weil sie mich nicht einmal nachts loslässt. Wenn ich Hass empfinde und Ekel, Abscheu, Zorn, Wehmut, Sehnsucht, Traurigkeit. Das kann manchmal sogar überraschend heilsam sein. Die wichtigsten Bücher meines Lebens sind jene, die mir die Knochen gebrochen haben. Ich erinnere mich an sie wie an Erlebnisse, die mich verändert haben. Ich weiß oft sogar noch, wo ich war, als ich sie gelesen habe. Die Gefühle, die sie in mir ausgelöst haben, haben sich eingebrannt in meinem Inneren – und kein einziges davon war falsch.

Eines der krassesten Bücher meines Lebens war We need to talk about Kevin. Dieser Roman hat mich, als ich Anfang zwanzig war, sprichwörtlich fertiggemacht. Ich konnte tagelang an nichts anderes denken. Ich war verstört. Ich hatte Angst, mir war übel. Und trotzdem bereue ich keinen Moment lang, es gelesen zu haben. Es ist ein wichtiges und herausragend gutes Buch. Zwei weitere Romane, die mir sofort einfallen, wenn es um die heftigsten Bücher, die ich je gelesen habe, geht, sind Mr. Lambund Die Glasfresser. Alle drei sind in Worte gepackter Wahnsinn. Und wenn das keine Gefühle auslöst, dann weiß ich auch nicht. Die Bücher, die ich lese, muss man aushalten können. Und viele davon halte ich selbst nicht aus. Oder nur sehr schwer. Aber das ist dann die Suppe, die ich mir eingebrockt habe. Da denke ich manchmal selbst: Ein bisschen mehr Leichtigkeit wär mal wieder gut.

Freilich gibt es Grenzen. Auch für mich. Seit ich Mutter bin, kann ich beispielsweise nichts mehr lesen, wo Kinder sterben oder ermordet werden. Das ist eine Hürde, die ich nicht mehr bewältigen kann und will. Passiert es unerwartet in einem Roman, heule ich garantiert. Aber es ist ja völlig okay, dass ich das nicht möchte. Denn: Unser Leseverhalten und vor allem die Gefühle, die wir beim Lesen haben, sind subjektiv. Ein Buch, das mich kalt lässt, ist für jemand anderen vielleicht die Erleuchtung. Und umgekehrt.

Es ist auch in Ordnung, wenn jemand sich von Büchern wünscht, dass sie ausschließlich Spaß und Freude verbreiten. Spaß und Freude sind super! Wir brauchen mehr davon. In meinem Regal sind sie allerdings nicht zu finden. Da reiht sich Wehmut an Schwermut und Trauer an Krieg, enttäuschte Liebe an Sehnsucht und Fremdenhass an Einsamkeit. Das Gute daran ist, dass sich niemand von mir Bücher ausleihen will. Und das zweite Gute ist, dass mir egal ist, was andere denken. In dieser Welt, in der ohnehin alles und jeder bewertet wird, sollten wir einander wenigstens bei der Wahl der Lektüre die Freiheit lassen – ohne zu urteilen. Hauptsache, jeder fühlt sich wohl mit dem, was er dabei empfindet. Denn ein Richtig oder Falsch gibt es beim Lesen nicht.

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Bildschirmfoto 2017-10-22 um 14.03.57Erinnert ihr euch noch an Heike Duken und die Rabenkinder? Das war mein Gewinnermanuskript für 2017, das ich so sehr mochte, dass ich mich dafür eingesetzt habe, und: Heike Duken hat mittlerweile einen Agenturvertrag, das Buch könnt ihr mit Sicherheit demnächst lesen, sobald ein Verlag dafür gefunden wurde. Damit ist Heike, obwohl sie den Blogbuster nicht gewonnen hat, in bester Gesellschaft: Von den 14 ausgewählten Autoren sind die Hälfte bei einer Agentur oder einem Verlag untergekommen. Das Siegerbuch ist soeben bei Klett-Cotta erschienen. Das ist eine wahnsinnig gute Bilanz, die auch zeigt: Wir Blogger haben durchaus Ahnung von dem, was wir tun. Und es gibt irre viele gute Manuskripte da draußen. Die brauchen wir!

Warum ich euch das erzähle? Weil der Blogbuster in die zweite Runde geht — und ihr mitmachen könnt. Reicht bis 31. Dezember euer fertiges Manuskript ein, wählt einen der 15 Blogger aus, von dem ihr denkt, dass er euch am besten vertreten könnte, und reiht euch ein in den Reigen derer, die über dieses Format Erfolge feiern konnten. Das Gewinnerbuch erscheint bei Kein & Aber, einem meiner liebsten Verlage. Ich freue mich auf eure Romane, die Teilnahmebedingungen findet ihr hier!

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  1. IMG_5684Es kommen Berge darin vor.
  2. Ironie ist kein Stilelement, nichts, das effektheischend eingesetzt wird. Ironie ist ein selbstverständliches Grundrauschen.
  3. Das Buch hat einen Schmäh. Keine pointierten, affigen Gags, sondern eine gewitzte, humorvolle Einstellung zur Welt, zum Leben, zu allem, was so geschieht.
  4. Es kommt Skifahren darin vor.
  5. Der Blick auf die Deutschen ist liebevoll-spöttisch.
  6. Der Blick auf die Österreicher ist liebevoll-spöttisch.
  7. Die Sprache ist melodiös, ein Singsang, durchzogen von Sarkasmus und einer Spur Fatalismus. Das kann man eh alles nicht ändern, schwingt da mit, das kann uns eh alles wurscht sein.
  8. Überhaupt: das Wurschtigkeitsgefühl. Ohne ein bisserl Wurschtigkeitsgefühl ist es kein echter Österreicher. Ein bisserl who cares, aber auf Deutsch. Ein bisserl passt schon und ja mei und wird scho‘ werd’n.
  9. Es kommen Berge darin vor, auf denen man Skifahren kann.
  10. Die Handlung ist vielleicht irgendwie absurd, manches nicht so recht erklärbar, und niemanden scheint das zu stören.
  11. Das Buch ist makaber.
  12. Es geht darin um alles Mögliche, aber sicher nicht um die DDR.
  13. Es wird gestorben, weil, ja mei, so ist das halt.
  14. Über allem liegt eine leise Melancholie.
  15. In der Beziehung zu den Eltern gibt’s Probleme. In der Ehe gibt’s auch Probleme. Das Leben an sich ist ein problembehaftetes. Niemand hüpft fröhlich und unbeschwert durchs Bild.
  16. Es kommen Almhütten darin vor, die auf Bergen stehen, auf denen man Skifahren kann.
  17. Österreich selbst ist kein Sehnsuchtsort. Es ist ein Land, in dem man es halt aushalten muss, an dem man viel auszusetzen hat, die Politik, die Geschichte, die Leut, die Dummheit, aber naja, eigentlich ist es eh nicht so schlecht, eigentlich ist es eh ganz schön, aber woanders, da wär’s halt vielleicht doch noch schöner.
  18. Die Figuren haben nicht gestanden und haben nicht gesessen, sie sind gestanden und sind gesessen. Sie laufen auch sehr wenig,  sie gehen stattdessen. Sie gucken nicht, sie schauen. Sie essen keine Berliner, sondern Krapfen, in denen Marmelade ist und niemals Konfitüre. Sie tragen Sackerln, keine Tüten (schon gar nicht Jutebeutel).
  19. Es herrscht eine leichte Grundunzufriedenheit, ein Basisgrant.
  20. Der Autor/Die Autorin sieht sehr gut aus.
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19225838_10158890121235578_729124526951754862_n„Wir kennen die Identität des Opfers nicht, aber vielleicht können wir die Identität des Schweins herausfinden“

Worum geht’s?
Um die EU und die Krise, in der sie steckt. Dies ist ein Gesellschaftsroman, der seine Zeit aufgreift und vielschichtig wiedergibt: Von Brüssel über Griechenland bist zurück nach Auschwitz reichen die Fühler, die er ausstreckt. Mit viel Ironie und Pointen, die nur Galgenhumor schafft, erzählt Robert Menasse von einer Institution, die ein Imageproblem hat, von Nationalismus und Bürokratie, von Globalisierung und dem, woran die EU wirklich krankt: dass sie von Menschen gemacht ist, und Menschen machen Fehler. Außerdem läuft ein Schwein durch Brüssel.

MenasseWer ist Robert Menasse?
Man könnte meinen, der Österreicher sei ein EU-Kritiker, einer derer, die dagegen sind, doch das Gegenteil ist der Fall: Robert Menasse, der mit Die Hauptstadt die erste EU-Satire liefert, ist ein Verfechter dieser Institution und hat sich in Essays, Sachbüchern und Reden mit ihr sowie seinen jüdischen Vorfahren beschäftigt. Viel Zeit hat er in Brüssel verbracht, und man merkt es am Roman: Er kennt sich aus. Nicht nur in dieser Stadt, sondern in der gesamten EU.

Ist Die Hauptstadt massetauglich und gefällig?
Ja. Es ist sehr gut geschrieben und konstruiert, leicht lesbar, mit einem Reigen an Figuren, deren Lebensgeschichten man folgen kann. Sie bestehen nebeneinander, paradoxerweise verbunden durch ein Schwein. Das auch noch sehr schnell zum Medienstar wird.

Ist es langweilig?
Nein! Sehr unterhaltsam. An manchen Stellen zieht es sich vielleicht ein wenig, aber generell hat es ein flottes Tempo.

Geht es darin um die DDR?
Nein! Sondern um die EU. Und das ist viel besser. Weil sorry, aber die DDR ist sooo 1989.

Ist es ein „großer deutscher Roman“?
Es ist der erste große und wichtige EU-Roman. Hochaktuell, um nicht zu sagen brisant, ein schlaues und fein ausbalanciertes Werk.

Ist es „tief bewegend“, „politisch akut“ oder „ein geniales Sprachkunstwerk“? (Jury-Zitate aus den Gewinnerbegründungen der letzten Jahre)
Nein, das nicht unbedingt. Aber thematisch am Puls der Zeit.

Wie hoch stehen die Chancen, den Buchpreis zu gewinnen?
Sehr hoch!

Die Hauptstadt von Robert Menasse ist erschienen bei Suhrkamp (ISBN 978-3-518-42758-3, 459 Seiten, 24 Euro).

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19225838_10158890121235578_729124526951754862_n„Wenn du ohne Geld durch unsere Republik reisen und dich satt essen kannst und alle freundlich zu dir sind, dann hat der Kommunismus gesiegt“

Worum geht’s?
Um Peter Holtz, naiv, jung, irgendwie entzückend, der an die Idee glaubt, an die Revolution. Er ist ein Waisenkind, das den Sozialismus sehr ernst nimmt, trotz der eigenen inneren Zweifel. Er ist ein liebenswerter Tölpel, der von der einen merkwürdigen Situation in die nächste tappt, ohne viel Einfluss darauf zu haben, wie es in einem typischen Schelmenroman der Fall ist. Dieses Buch ist eine Posse, voller Pathos und Dramatik, voller Rufzeichen und Kalauer. Das mag einerseits witzig sein, andererseits nervt es auch. Ein bisschen weniger Übertreibung hätte dem Ganzen nicht geschadet, aber ich verstehe, dass das der Sinn der Sache war. Über 600 Seiten strapaziert das den Geduldsfaden aber arg, vor allem, weil Peter Holtz naiv bleiben muss, um nicht aus seiner Rolle zu fallen. Als Leser wünscht man sich mehr Innenleben, mehr Reflexion, bleibt aber hilfloser Zuseher. Fast schon wie Peter in seinem Leben.

FullSizeRender 4Wer ist Ingo Schulze?
Ein sehr erfolgreicher Autor, Zeitungsredakteur und Schauspieldramaturg, dessen Simple Storys sogar Schullektüre sind. Seine Essays und Erzählungen wurden mit zahlreichen Preisen bedacht.

Ist Peter Holtz massetauglich und gefällig?
Ja. Es ist heiter, leicht, in einer simplen Sprache, die dem simplen Geist des Protagonisten geschuldet ist.

Ist es langweilig?
Von der Handlung her nicht, ich habe mich aus anderen Gründen gelangweilt: Es war mir zu eindimensional, zu eintönig, zu gleichklingend. Ein Schelmenroman ohne Tiefen. Ab der Hälfte habe ich nur noch quergelesen.

Geht es darin um die DDR?
Ja!

Ist es ein „großer deutscher Roman“?
Er ist deutsch, und er ist dick, aber … nein.

Ist es „tief bewegend“, „politisch akut“ oder „ein geniales Sprachkunstwerk“? (Jury-Zitate aus den Gewinnerbegründungen der letzten Jahre)
Nein. Eher sentimental. Und sprachlich zum Teil ein bisschen platt, was, siehe oben, natürlich Absicht ist.

Wie hoch stehen die Chancen, den Buchpreis zu gewinnen?
Inzwischen bei 0 Prozent, der Titel ist nicht auf der Shortlist gelandet.

Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst von Ingo Schulze ist erschienen bei S. Fischer (ISBN 978-3-10-397204-7, 576 Seiten, 22 Euro).

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IMG_5442Zwei Frauen, zwei Meinungen: Sarah und ich haben uns über Schau mich an, wenn ich mit dir rede! von Monika Helfer unterhalten
Wir konnten uns nicht anschauen, als wir miteinander redeten, aber zum Glück gibt es das Internet: Sarah und ich haben uns ein paar Fragen zu Monika Helfers Roman gestellt, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht, und sie sehr unterschiedlich beantwortet, denn während ihr das Buch gut gefallen hat, fand ich es eher mau. Als ich unsere Antworten gerade nochmal durchgelesen habe, dachte ich: Wie nett Sarah ist! Und ich klinge wie ein alter Grantler. Aber ihr seid es ja schon gewöhnt, dass Mariki mal wieder motzt.

Weshalb wolltest Du diesen Longlist-Titel lesen?
Sarah: Mich hat die Kurzbeschreibung angesprochen. Oftmals spielen sich in den Alltäglichkeiten von Familien die wirklichen Dramen ab, das ist eine Thematik, die mich in der Literatur oft anspricht. Ich wurde beim Lesen auch nicht enttäuscht – dieser genaue Blick auf das Alltägliche und das Ringen um die eigenen Bedürfnisse gefiel mir. Und gerade die Anfangsszene war für mich ein kleiner Paukenschlag.

Mareike: Weil er von einer Frau geschrieben wurde.

Ein Buch für …?
Sarah: Alle, deren Leben anders verläuft, als sie es mal geplant hatten.

Mareike: Intellektuelle und alle, die sich gern an Fiktion erhöhen, um denken zu können: Ich lebe nicht so. Ich hab es besser.

Würdest du das Buch verschenken?
Sarah: Es ist kein leichter Titel zum Verschenken, nichts zum Weglesen oder mit großem Spannungsbogen. Daher sicherlich nur an einen relativ ausgesuchten Personenkreis.

Mareike: Nein. Zum einen liegt mir nichts an diesem Roman, zum anderen bin ich ja nur von Menschen umgeben, die nicht lesen. Und schon gar nicht ein Buch von diesem Kaliber.

Was hat Dich nicht überzeugt?
Sarah: Eine Figur im Buch fast „zu gut, um wahr zu sein“ und wirkte dabei häufig wie eine Karikatur. Aber irgendwie bekam er doch meist die Kurve.

Mareike: Wenn man in einem Roman den Alltag abbildet, muss es, damit er für mich lesenswert wird, etwas Einzigartiges geben, und sei es nur etwas Kleines: die Sprache, zum Beispiel. Oder ein kurioses Detail, das ebendiesen Alltag interessant macht. Es braucht etwas, das mich dazu bringt, mir die Mühe zu machen. Das hat mir gefehlt. Ich dachte: Aha, ja, mei, so ist es halt. Manche leben so. Why the fuck should I care? Das begann schon mit dieser seltsamen Distanz am Anfang, der Fiktion in der Fiktion: Ich hab da diese Leute gesehen, was könnten die für eine Geschichte haben? Dadurch wirkte alles auf mich so ausgedacht, ohne Fleisch und Blut. Ich konnte keine Beziehung zu den Figuren aufbauen, nicht einmal zu Vev, die ja als Scheidungskind etwas in mir hätte anrühren können. Der Ton hätte außerdem rotziger sein dürfen, österreichischer, sarkastischer und pointierter.

Wie würdest Du den Roman in einem Satz beschreiben?
Sarah: Ein Roman über den Clash verschiedener Lebensentwürfe und den Versuchen, Familie und Liebe zu leben, wenn alle Parteien ihre ganz eigenen Vorstellungen über das Zusammenleben, Erziehung und Beziehungen versuchen durchzusetzen.

Mareike: Ein erstaunlich humorloses Buch über den Alltag einer Patchwork-Familie mit einer drogenabhängigen Mutter in Wien.

Wie stehen die Chancen für die Shortlist?
Sarah: Mittelmäßig. Für mich sticht Helfer positiv heraus, ein gut lesbarer Roman, der mich angesprochen hat, in seiner klaren Einfachheit. Kann er sich mit den anderen messen? Die Chance besteht.

Mareike: In meinen Augen nicht gut, ich sehe an dem Buch nichts Herausragendes.

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19225838_10158890121235578_729124526951754862_n„Deine Mama, ich sag dir nur eines … merk dir das … deine Mama … da fehlen einem die Worte!“

Worum geht’s?
Um eine Handvoll Figuren, die das Leben zusammengebracht hat und die nun miteinander zu tun haben, ob sie wollen oder nicht: Vev und ihre Mutter Sonja, die von Vevs Vater Milan geschieden hat, dessen neue Partnerin Natalie und ihre beiden Töchter sowie um The Dude, Sonjas neuen Freund. Sie sind, was man heute eine Patchwork-Familie nennt, und im Buch werden die verschiedenen Probleme des Zusammenlebens in diesen neuen Konstellationen durchleuchtet. Sonja ist drogenabhängig und arbeitet nicht, die Leute, mit denen sie sich umgibt, sind Junkies und Obdachlose und demnach keine gute Gesellschaft für ein Kind. Am besten bringt es die Aussage des Verlags über das Buch auf den Punkt: „So möchte man nicht leben. Aber so wird gelebt.“

IMG_5442Wer ist Monika Helfer?
Eine österreichische Schriftstellerin, die bereits zahlreiche Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht hat, für die sie mit einigen Preisen ausgezeichnet wurde.

Ist Schau mich an, wenn ich mit dir rede massetauglich und gefällig?
Jein. Es ist kein schlechtes, aber auch kein sonderlich interessantes Buch. Als sperrig kann man es aber auch nicht bezeichnen, im Gegenteil. Es bildet den Alltag einer fiktiven Familie ab, erhebt sich nicht darüber hinaus, weder moralisch oder bewertend noch in sprachlicher Hinsicht. Es ist halt so wie das Leben, von dem es erzählt: simpel, mit kleinen Höhen und größeren Tiefen.

Ist es langweilig?
Nur ein bisschen. Die Geschichte beginnt mit einer Begegnung in der U-Bahn, eine Mutter herrscht ihr Kind an, versucht, es zu manipulieren, jemand – es könnte die Autorin sein – beobachtet die Szene und denkt sich dann, so scheint es, einen Hintergrund dazu aus. Wer könnte diese Mutter sein, wie könnte das Kind heißen? Das wirkt wie doppelte Fiktion und sorgt für eine seltsame Distanz, die bis zum Ende des Romans aufrecht bleibt.

Geht es darin um die DDR?
Nein, es spielt in Österreich.

Ist es ein „großer deutscher Roman“?
Ganz sicher nicht.

Ist es „tief bewegend“, „politisch akut“ oder „ein geniales Sprachkunstwerk“? (Jury-Zitate aus den Gewinnerbegründungen der letzten Jahre)
Nichts davon.

Wie hoch stehen die Chancen, den Buchpreis zu gewinnen?
Bei 20 Prozent.

Schau mich an, wenn ich mit dir rede von Monika Helfer ist erschienen bei Jung und Jung (ISBN 978-3-99027-094-3, 182 Seiten, 20 Euro).