Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Jerewan„Wenn eine Zeder sprechen könnte, würde sie uns Geschichten erzählen, die wir niemals vergessen“
„Ich glaube, alle Söhne lieben ihre Väter. Aber ich habe meinen verehrt. Weil er mich so oft teilhaben ließ an seinen beflügelnden Gedanken. Weil er mich mitnahm in Wunderwelten, die er in seinem Kopf erschuf. Weil er mich berauschte mit seinen Worten.“ Die Beziehung zwischen Samir und seinem Vater ist sehr eng, hier im fremden Deutschland, wohin die Eltern vor dem Krieg aus dem Libanon geflohen sind. Der Vater ist liebevoll und klug, stets gut gelaunt, beliebt bei allen Menschen. Er feiert spontane Feste, hat sich schnell integriert, immer lacht er, und er erzählt wunderbare Geschichten. Samir, so scheint es, ist für ihn das Wichtigste auf der Welt. Umso unverständlicher ist es, dass der Vater eines Tages spurlos verschwindet. Er geht und kommt nicht zurück. Der Schmerz ist so groß, dass Samir erstarrt. Er verliert alles, den Vater, die Mutter, die Schwester, die engste Vertraute, den Lebenswillen. Statt sich etwas aufzubauen, wühlt er in dem Trauerschlamm, der ihn umgibt, lässt sich erdrücken von den Schuldgefühlen und findet keinen Ausweg. Bis er zwanzig Jahre später erkennt: Er wird erst frei sein können, wenn er erfährt, was damals geschehen ist – und dazu muss er in den Libanon reisen, ein Land, das er nicht kennt, das immer noch zerrissen ist vom Bürgerkrieg der 1980er-Jahre. Im Gepäck hat er nichts weiter als das Tagebuch seines Vaters – und Hoffnung.

Ich sag es euch gleich rundheraus: Am Ende bleiben die Zedern ist ein wahnsinnig kitschiges Buch. Das könnt ihr euch wahrscheinlich wegen des Titels schon irgendwie denken. Lesen solltet ihr es trotzdem, denn wahnsinnig gut ist es auch. Der Autor, selbst Sohn eines Libanesen, geboren in Jordanien und aufgewachsen in Deutschland, war schon mal Internationaler Deutschsprachiger Meister im Poetry Slam. Das hat, ich geb es zu, in mir die Erwartung geweckt, dass mir sein erster Roman mit einer flotten, modernen, slammigen Sprache gegenübertreten würde. Weit gefehlt. Pierre Jarawan greift tief hinein ins Pathos und schöpft aus dem Vollen. Mit jedem zweiten Satz kitzelt er die Tränendrüse, mit voller Absicht. Er traut sich, kitschig zu sein, und nachdem ich meinen anfänglichen Schock überwunden habe, finde ich das gut. Da liebt ein Junge seinen Vater, vergöttert ihn, himmelt ihn an, mit einer Hingabe, die mir zu Beginn völlig übertrieben vorkommt. Dann lasse ich mich darauf ein. Auf die überschwängliche, gefühlvolle Sprache, auf die Sehnsucht nach einer unbekannten Heimat, auf die traurige Geschichte.

Jetzt sag ich euch noch was: Mit dem Ende des Romans, mit der Erklärung, bin ich wahrlich nicht einverstanden. Da hätte ich gern die Nummer des Autors gehabt, um ihn anzurufen und zu fragen: Was soll DAS denn, bitte? Das kann ich euch jetzt aber nicht näher erläutern, ohne zu spoilern, deshalb konzentrieren wir uns lieber darauf, dass Pierre Jarawan ein fantastischer Erzähler ist. Er gibt seiner Figur und ihren Emotionen viel Raum. Er schwelgt in den Gefühlen, den schönen wie den schrecklichen, kostet sie aus – ganz in der Tradition eines orientalischen Geschichtenerzählers. Er berichtet mir vom Libanon, vom Krieg zwischen Christen, Drusen und Muslimen, von Angst und Flucht und von einer Entscheidung, die so viele Leben für immer verändert hat. Nicht jede Metapher ist stimmig, und manchmal ist mir der Überschwang zu viel, aber ich hab das Buch trotzdem inhaliert und aufgesaugt. Es ist wundervoll, herzergreifend, betörend, intensiv. Hat man sich erst einmal in die Geschichte hineingewagt, entkommt man ihr nicht mehr so schnell. Und meine Tränendrüse? Die hat dem Reiz auch irgendwann nicht mehr standgehalten.

Am Ende bleiben die Zedern von Pierre Jarawan ist erschienen im Berlin Verlag (ISBN 978-3-8270-1302-6, 448 Seiten, 22 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Ng„Wie schwer es ist, die Träume der Eltern zu erben“
Als Lydias Familie eines Morgens das Verschwinden der Sechzehnjährigen bemerkt, weiß noch niemand, dass Lydia tot ist. Sie, die nicht schwimmen konnte, liegt ertrunken am Ufer des Sees. Die Tragödie erschüttert jedes einzelne Familienmitglied auf eigene Weise: Die Mutter, eine Amerikanerin, muss sich fragen, ob ihr Lieblingskind tatsächlich so glücklich war wie gedacht. Sie selbst wollte stets Medizin studieren,  bekam stattdessen Kinder und übertrug den unerfüllten Traum auf Lydia. Der Vater, der chinesischer Abstammung ist und sein Leben lang ausgegrenzt wurde, erstickt fast an den Details des Obduktionsberichts und an seinen Schuldgefühlen. Ihm war am wichtigsten, dass seine Kinder so sind wie alle anderen, dass ihr Aussehen sie nicht zu Außenseitern macht. Lydias großer Bruder verdächtigt den gleichaltrigen Jack, mit dem sie viel Zeit verbracht und der sie als Letzter gesehen hat. Ihre kleine Schwester, die wenig beachtet wird und gerade deshalb stets alles sieht und hört, ist ein Geheimnisgrab. Was ist geschehen? War es Mord? Oder Selbstmord? Und wie können die Übriggebliebenen ohne Lydia weiterleben?

Manche Bücher sind wie ein Botanischer Garten. Da blüht es und wurlt, alles wächst, ist ineinander verschlungen – und hat irgendwo einen gemeinsamen Ursprung. So ist auch Was ich euch nicht erzählte von Celeste Ng. Es ist ein komplexes und vielschichtiges Buch, verschlungen und düster – und irgendwo liegt die Wurzel, die alles begründet und alles zusammenhält. Die amerikanische Autorin mit chinesischen Vorfahren, die in Harvard studiert hat, hat mit ihrem ersten Roman einen großen Clou gelandet, der in 20 Sprachen übersetzt und verfilmt wird. Zu Recht, kann ich da nur sagen, denn ihr Debüt ist großartig: klug, melancholisch, berührend und unendlich traurig.

Ein Roman über die Geheimnisse einer Familie und über die ätzende Säure, die Unausgesprochenes verspritzt, ist nicht ungewöhnlich. Was ich euch nicht erzählte ist es aber doch. Weil die Geheimnisse an sich ungewöhnlich sind, scharfkantig und fremd. Nahm der Tod von Lydia seinen Anfang, als eine Amerikanerin und ein Chinese heirateten, als sie Kinder zeugten, die nicht aussahen wie ihre Klassenkameraden? Oder liegt sein Ursprung in den Träumen, die sich für die Eltern nicht erfüllt haben? Wo beginnt Schuld? Wer ist verantwortlich für die lähmenden Erwartungen, die Eltern an ihre Kinder haben – und umgekehrt? Die Antwort, die Celeste Ng auf alle diese Fragen gibt, ist auf stille und eindringliche Weise niederschmetternd. Manchmal wird aus bedingungsloser Liebe eine Liebe voller Forderungen. Niemand wollte, was geschehen ist, und doch hat jeder dazu beigetragen. Ein elegant geschriebenes, überaus beeindruckendes Buch.

Was ich euch nicht erzählte von Celeste Ng ist erschienen bei dtv (ISBN 978-3-423-28075-4, 288 Seiten, 19,90 Euro). Eine Besprechung dazu findet ihr auch bei Literaturen.

Für Gourmets: 5 Sterne

OzekiDas Leben ist eine Welle, du kannst nicht dagegen ankämpfen
„Hi! My name is Nao, and I am a time being. Do you know what a time being is? Well, if you give me a moment, I will tell you. A time being is someine who lives in time, and that means you, and me, and every one who is, or was, or ever will be.“ So beginnt dieses herausragend gute Buch mit der Ich-Stimme eines sechzehnjährigen japanischen Mädchens, das seine Geschichte aufschreibt – in ein leeres Notizbuch mit dem Umschlag von À la recherche du temps perdu. Und was für eine Geschichte das ist! Aufgewachsen ist Nao in Sunnydale in den USA, doch als ihr Vater seinen Job verlor, musste sie zurück nach Tokyo – ohne Geld, ohne Zuflucht, ohne Perspektive und vor allem ohne das Rüstzeug, um an einer japanischen Schule zu bestehen. Sie spricht die Sprache, aber mehr auch nicht, und so wird Nao schnell zum Ziel grausamster Mobbingattacken. Niemandem erzählt sie davon. Der Vater schämt sich wegen des Gesichtsverlusts zu Tode und versucht mehrfach, sich umzubringen. Das Familienleben besteht nur noch aus Schande und brodelndem Schweigen:

„The important thing was that we were being polite and not saying all the things that were making us unhappy, which was the only way we knew how to love each other.“

Ein Lichtblick in Naos Leben ist ihre Urgroßmutter Jiko, buddhistische Nonne und 104 Jahre alt, die ihr zeigt, wie unwichtig vieles von dem ist, was Nao sich so zu Herzen nimmt. Das Buch, dem Nao sich anvertraut, behält sie nicht. Sie wirft es ins Meer. Und im Zuge des wirbelnden Tsunami landet es an einem weit entfernten Strand, wo die Schriftstellerin Ruth es findet, auf einer abgelegenen Insel, im kleinen Ort Whaletown. Sie ist fasziniert von Naos Geschichte, recherchiert und sucht und sorgt sich: Ist Nao noch am Leben? Was ist mit ihr geschehen? Ist von ihr nur noch die Erinnerung geblieben?

„Memories are time beings, too, like cherry blossoms or gingko leaves, for a while they are beautiful, and then they fade and die.“

Schon von den ersten Seiten an war ich ganz verrückt nach diesem Buch. Es hat mich sofort umwickelt, umgarnt, an sich gezogen und mitgenommen auf eine Reise an einen Sehnsuchtsort: Japan. Seit ich vor vielen Jahren an der Uni versucht habe, Japanisch zu lernen, übt dieses Land eine große Faszination auf mich aus. Ruth Ozeki hat selbst eine japanische Mutter – und sie hat sich auch selbst in dieses Buch eingebracht, zumindest vermute ich das. Ob die Kapitel aus Sicht von Ruth authentisch und autobiografisch sind, kann ich nicht beurteilen, aber die Parallelen und Ähnlichkeiten sind groß. Ihr Stil, mit dem sie die Nöte und Ängste des Teenagermädchens Nao einfängt, ist sicher und elegant. Keinen Augenblick lang habe ich das Gefühl, dass hier nicht tatsächlich eine Sechzehnjährige mit mir spricht. Nao ist ehrlich und direkt, sie sehnt sich und leidet und sucht. Was sie erlebt, zeigt erneut, was für ein Scheißhaufen diese Welt ist. Welchen Sinn gibt es für sie? Wie kann sie ihren Vater retten? Und wie wird man so gelassen wie eine 104-jährige buddhistische Nonne? A tale for the time being ist ein trauriges Buch und dennoch überraschend heiter. Es zieht mich nicht runter, es ist lebensklug und gewitzt und voller wunderschöner Botschaften. Sie treffen mich, überall im Buch, ich schreibe sie mir auf, möchte sie nicht vergessen. Genau wie diesen ganz besonderen Roman.

Auf Deutsch ist A tale for the time being unter dem Titel Geschichte für einen Augenblick bei den S. Fischer Verlagen erschienen.

Gut und sättigend: 3 Sterne

GreenwayÜber einen, der erstarrt ist unter der Kruste der Vergangenheit
Jim Kennoway ist alt. Er lebt zurückgezogen auf einer Insel vor Maine, einer Insel, die er schon als Junge geliebt hat. Jetzt will Jim seine Ruhe haben, er will trinken und sich selbst leidtun. En Bein musste ihm amputiert werden, was ihm große Schwierigkeiten bereitet. Da reißt ihn plötzlich ein junges Mädchen aus seiner Lethargie: Sie hat schwarze Haut, heißt Cadillac Baketi und ist die Tochter von Tosca. 1943, dreißig Jahre zuvor, hat Jim im Pazifikkrieg mit Tosca zusammen japanische Schiffe ausgespäht. Sie haben gekämpft. Sie haben getötet. Und all das will Jim, der später als Ornithologe sehr erfolgreich war, einfach nur vergessen. Doch die Anwesenheit der jungen Salomonerin, die bald in Yale Medizin studieren soll, bewirkt das genaue Gegenteil: Jahrzehntelang verschüttete Erinnerungen schwappen hoch. Vielleicht ist es ja an der Zeit, endlich mit ihnen abzuschließen.

Vor einigen Jahren – genauer gesagt 2009 – fand ich Alice Greenways Roman White Ghost Girls grandios. Für ihren Zweitling hat sie sich ein Weilchen Zeit gelassen. Die war bestimmt auch für die Recherche nötig, denn Schmale Pfade führt mich an einen ungewöhnlichen Ort – eine Insel, von der ich nie zuvor gehört habe – und in einen Krieg, über den ich nichts weiß. Dieses Setting finde ich ausgesprochen interessant, genauso wie die Lebensumstände der Inselbewohner, die historischen Zusammenhänge und die vielen Beschreibungen diverser Vogelarten. Auch damit muss Alice Greenway sich ausführlich beschäftigt haben.

Trotz des großen Interesses meinerseits werde ich mit Schmale Pfade nicht so richtig warm – und ich kann die Gründe dafür nicht wirklich fassen. Liegt es daran, dass der Protagonist ein unsympathischer Grantler ist? Das stört mich für gewöhnlich nicht, es amüsiert mich meistens eher. Oder daran, dass Cadillac einfach nur anwesend ist, ohne dass ihre Persönlichkeit ausgeleuchtet wird? Das finde ich in der Tat schade. Sie ist der Auslöser für alles, bleibt aber dennoch verschwommen, nicht greifbar, als genüge ihre Funktion allein. Ich bekomme Infos über sie – aber kein Gefühl für sie. Das Buch liest sich gut, doch der emotionale Zugang bleibt mir auch insgesamt verwehrt. Keiner der Figuren gelingt es, mich zu erweichen. Das ist nicht weiter schlimm, bei manchen Büchern zündet es, bei anderen eben nicht. Und es bedeutet nicht, dass ich euch von diesem Roman abraten möchte, im Gegenteil: Bildet euch am besten selbst ein Urteil. Denn schreiben kann Alice Greenway tatsächlich sehr gut, mit einer Tiefe und zugleich einer Leichtigkeit, die verblüfft. Und meine leichte Enttäuschung ist auf jeden Fall subjektiv: Die Klappentexterin, Herzpotenzial sowie Leseschatz fanden das Buch beispielsweise wunderbar. Ich dagegen bin immer noch verliebt in die White Ghost Girls.

Schmale Pfade von Alice Greenway ist erschienen im mare Verlag (ISBN 978-3-86648-232-6, 368 Seiten, 22 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Schilke„Und das Gute an der Vergangenheit ist, dass es einem völlig freisteht, sich nicht mehr an sie zu erinnern“
„Ich bin siebenunddreißig Jahre alt, und Dehnungsstreifen unterschiedlichster Ausprägung zieren meinen Körper.“ Aus diesem Grund hat eine Frau eine Selbsthilfegruppe namens Anonyme Cutilis Waldesreuth gegründet, zu der Gleichgesinnte kommen, um über die verschiedenartigen Narben und Streifen auf ihrer Haut zu sprechen. Ein sehr körperliches Problem hat auch der junge Thom: Er hat kein Gesicht mehr. Nach einem dummen Unfall auf dem Fußballplatz ist es vollständig zerstört, und trotz bester ärztlicher Hilfe ist für seine Freundin klar, dass er nie wieder derselbe sein wird. Schwierigkeiten ganz anderer Art hat dagegen Gudrun in ihrer Beziehung: Ihr Mann Tankred ist Soldat und nie da, sie ist mit dem Baby immer allein. Das hat sie sich irgendwie anders vorgestellt, damals mit 18, als sie mit ihrer Schulfreundin beim Elefantentreffen war, jung, betrunken, voller Träume und gierig nach einem richtig guten Rausch.

Vom Leben auf dem Land erzählt Kristina Schilke, von den Irrungen und Wirrungen der Menschen in einer beschaulichen Stadt, von körperlichen Verletzungen und Gebrechen, von der Liebe und ihrem Ende. Die junge Autorin, die 1986 in Russland geboren wurde und das Deutsche Literaturinstitut Leipzig absolviert hat, hat sich ein kleines, feines Universum erdacht für ihre dreizehn Kurzgeschichten, das tatsächlich auf diese Art existieren könnte. Bei Short Stories, die ich nun seit einer Weile erkunde, fällt es mir stets schwer, sie inhaltlich zu beschreiben. Zu winzig ist der Kosmos, in dem sie sich bewegen, zu minimal die Tiefe der Charaktere. Aber: Neuerdings mag ich Kurzgeschichten, und die von Kristina Schilke mochte ich sehr. Warum? Weil sie Alltägliches und Ungewöhnliches perfekt kombinieren, in einer glaubwürdigen, originellen, lesenswerten Mixtur.

Normale Situationen und Zwischenfälle, die wir alle kennen, sind Kern dieser Storys, und doch ist da noch mehr: etwas Einzigartiges. Das, was ein Leben von all den anderen unterscheidet. Der eine Splitter, der das Licht reflektiert und bricht, sodass ein Miniaturregenbogen entsteht. Dieses Funkeln fängt die Autorin ein, kleidet es in Worte, legt es auf die Seiten, lässt es immer wieder durchblitzen im 08/15-Dasein ihrer Protagonisten. Manche ihrer Geschichten sind interlinking, und Figuren, die ich schon kenne, begegnen mir wieder. Das freut mich, ich zwinkere ihnen zu, schaue, wie es ihnen geht und was ihnen in der Zwischenzeit so alles passiert ist. Wer gern Kurzgeschichten liest, ist mit Elefantentreffen gut beraten.

Elefantentreffen von Kristina Schilke ist erschienen im Piper Verlag (ISBN 978-3-492-05753-0, 224 Seiten, 18 Euro). Hier findet ihr eine kurze Besprechung von Deutschlandradio Kultur.

Gut und sättigend: 3 Sterne

Popp„Man muss einfach den Weg nehmen, den der Sand einem lässt“
„Wer sich auf meinen Bruder einlässt, weiß nie, woran er ist. Etwas mit ihm zu unternehmen, hat schon immer geheißen, keine Ahnung zu haben, was als nächstes passiert.“ So ergeht es einem jungen Sänger, als er nur aufgrund einer SMS seines Bruders nach Marokko reist – ohne zu wissen, wo der sich genau aufhält. Er packt einen Koffer, lässt seine Freundin zurück und macht sich auf ins Ungewisse. Im fremden Land folgt er den Spuren seines Bruders wie bei einer Schnitzeljagd, er ist ihm dicht auf den Fersen – nur um ihn immer wieder um Haaresbreite zu verpassen. Ihn packt die Abenteuerlust, merkwürdige Dinge geschehen ihm, er schließt sich einem alten Hippie-Paar an und wagt sich in die Wüste. Stets stand er im Schatten des kleinen Bruders, dem alles mit Leichtigkeit zuflog und der ihn stets übertraf, weshalb sie in den letzten Jahren kaum Kontakt hatten. Auf der wilden, mystischen, geisterhaften Reise durch die Wüste erfährt er viel über ihn, was er nicht wusste – und über sich selbst.

Der österreichische Autor Wolfgang Popp hat eine Reise komprimiert und zwischen zwei Buchdeckel gepackt. „Eine Roadnovel vom Ende der Straße“ ist Wüste Welt laut dem Klappentext, „eine Geistergeschichte ohne Geister“ und „ein Wüstentagebuch“. Alles davon trifft zu auf diesen schmalen Band mit einem sympathischen Ich-Erzähler. Die Sprache gleicht der Art, auf die der Musiker reist: Sie ist geduldig und ruhig, nicht gehetzt, auch nicht kapriziös, einfach nur angenehm. Wolfgang Popp gibt Einblick in ein fernes Land und seine Sitten, in das Leben in einer so extremen Gegend wie der Wüste sowie in eine eher ungewöhnliche Geschwisterbeziehung, bei dem der Jüngere das Tempo vorgibt, dem der Ältere nicht folgen kann.

Für mich sind Geschwister etwas ganz Besonderes, und ich finde es sehr traurig, wenn jemand keinen Kontakt zu seinen Brüdern oder Schwestern hat – wie auch immer die Umstände im jeweiligen Fall sein mögen. In Wüste Welt geht es im Innersten um eine Geschwisterbeziehung, die nicht funktioniert und deshalb begraben wurde. Dennoch ist da ein einzigartiges, verbindendes Gefühl, das bewirkt, dass der eine Bruder dem anderen folgt – hinein ins Dunkle, ins Unklare, um aufzuspüren, was ihnen verloren ging. Das ist interessant, gut geschrieben, gut gemacht und lesenswert.

Wüste Welt von Wolfgang Popp ist erschienen bei Edition Atelier (ISBN 978-3-903005-14-3, 160 Seiten, 18,50 Euro). Eine Besprechung findet ihr bei Sophie von Literaturen.

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High Five

13000523_10153437614866316_589520450_oWenn ich eine Figur aus einem Roman wäre, dann ein moralisch fragwürdiger Antiheld oder der würdevolle Verlierer (der aber natürlich trotzdem das Mädchen bekommt) aus einem klassischen Roman noir.

Ich ordne meine Bücher … Nein, das tue ich nicht. Sie sind einfach überall; neu, gelesen, angelesen.

Das Cover meines aktuellen Buchs …Was ich aktuell lese: Ein billig und schäbig aussehender Swimming-Pool vor einem noch billiger und schäbiger aussehendem Motel, natürlich nachts und mit Neonlicht illuminiert. (Frederick Barthelme – Moon de luxe, Erstausgabe von 1983) Mein eigenes aktuelles Buch: Das Photo hat der großartige Niels Parthey gemacht, ich weiß nicht so genau, was es tatsächlich ist, glaube aber, es hat was mit Rauch und Tesafilm zu tun, eine eher abstrakte Photographie. Es passt sehr zum Titel (Asche).

Viel zu selten verwendet wird das Wort sardonisch. Menschen sollten viel öfter sardonisch lächeln.

Das Buch meines Lebens … Es gibt nicht das eine Buch. Es gibt mehrere Werke von verschiedenen Autoren, die ich aus ganz unterschiedlichen Gründen mag und die mich bis jetzt begleitet haben. Es sind schon einige, deswegen hier mal eine kleine Auswahl. Würdest du bitte endlich still sein, bitte von Raymond Carver, 11 Arten der Einsamkeit von Richard Yates, City of Boys von Beth Nugent.

thumb_IMG_9179_1024Sven Heuchert lebt in Siegburg und schreibt schon Geschichten, seit er zur Schule ging. Seinen ersten Erzählband Asche hat er 2015 im Bernstein Verlag veröffentlicht, das eBook erschien bei edel & electric. Sven Heuchert arbeitet an seinem ersten Roman. Foto von Niels Parthey.

Gut und sättigend: 3 Sterne

PiukEine perfide Persiflage auf die „Generation GNTM“
„Ich ändere meinen Namen auf Facebook von Linda auf Lucy. Und meinen Wohnort von Floridsdorf auf Hollywood. Ich weiß, dass ich noch nicht in Hollywood war, aber es geht ja um die Zielvisualisierung und wenn du jeden Tag Floridsdorf liest, dann bleibst du in Floridsdorf, aber wenn du jeden Tag Hollywood liest, dann fliegen dir die Möglichkeiten, nach Hollywood zu kommen, nur so zu.“ Und nach Hollywood will Lucy unbedingt, also uuunbedingt, wirklich, wirklich, so sehr, dass sie alles dafür tut. Das Mädchen aus dem Wiener Plattenbau ist überzeugt davon, dass es eine große Schauspielerin werden wird, und übt schon als Kind die Oscarrede. Das echte Leben ist fad und ohne Perspektiven, aber Lucy lässt sich nicht unterkriegen: Sie glaubt an sich, sie kellnert und spart, sie schläft mit vermeintlichen Regisseuren und zieht sich aus, um an Rollen zu kommen. Sie sieht nichts anderes vor Augen als Hollywood – und sei es noch so weit weg. Sie lässt sich von nichts abhalten: nicht von den Neidern und Klatschweibern, nicht von den vielen Peinlichkeiten und Hindernissen, nicht von fehlendem Talent oder Geld, nicht von der Liebe und nicht von einer Schwangerschaft …

Lucy fliegt von Petra Piuk ist eine Persiflage. Auf ebenso kluge wie eindringliche Weise thematisiert sie den Wahn, dem junge Menschen ihm Zuge von DSDS, GNTM und Konsorten verfallen, immer den schnellen Ruhm vor Augen, der durch die Medien und Fernsehformate so erreichbar und greifbar erscheint. Jeder kann heutzutage berühmt werden, und Protagonistin Lucy ist entschlossen, die Chance – die es nicht gibt – zu nutzen. In einem atemlosen, gehetzten Monolog voll unfertiger Sätze und Ich-red-mir-ein-dass-alles-gut-ist-Mantras erzählt die österreichische Autorin, die im Doku-Soap-Bereich gearbeitet hat und sich somit bestens auskennt, in ihrem ersten Roman von einer Seifenblasenwelt und von Träumen, die zerplatzen. Herrlich ist dabei ihr sarkastischer Ton, der das ganze Buch durchtränkt und die Bitterkeit von Lucys Leben spürbar macht. Das Mädchen geht mit sich selbst hart ins Gericht, doch zwischen all den Durchhalteparolen wallt Verzweiflung auf. Lucy ist völlig blind für die Mechanismen, denen sie sich freiwillig unterwirft: Schon früh setzt sie auf Sex, um beliebt zu sein, und merkt nicht, wie sie sich verschenkt, verheizt, verbrennt. Die, die über sie reden, sind doch nur neidisch, tröstet sie sich. Und springt von einer Falle, die das Leben ihr stellt, in die nächste.

„Die Mama sagt: Und die Gitti, die sich die Brüste fürs Fernsehen machen hat lassen, spricht auch jeder drauf an. Die nennen sie Titti-Gitti, sage ich. Die Mama sagt: Die meinen das ja lieb.“

So klingt Lucy fliegt, und es ist ein böses Buch. Jede Wendung ist schlimmer als die davor, und obwohl die Monolog-Erzählvariante zum Teil wahnsinnig anstrengend ist, ist sie auch genial: Petra Piuk lässt Lucy selbst berichten, was geschehen ist, und schafft es dennoch, die verurteilende Außenwelt sichtbar zu machen. Das ist spannender als ein schlicht chronologisches Erzählen. Alle lachen Lucy aus. Während sie fest an ihren Traum glaubt, nimmt in Wahrheit niemand sie ernst.

„Ich gehe nach Hollywood und hole mir den Oscar, ihr werdet schon noch alle sehen. Du und dein Oscar, sagt die Mama, einen Oscar kannst du höchstens als Freund haben.“

Lucy will entkommen, will dem tristen Leben im Wiener Problembezirk entfliehen, doch sie hat sich ein Ziel gesetzt, das nicht zu erreichen ist. Sie kämpft, sie hält den Kopf über Wasser, sie will nicht untergehen. Ich finde ihre Naivität und Skrupellosigkeit unerträglich und leide zugleich mit ihr. Dass wir eine Jugend heranzüchten, die sich verrennt in den Glauben, Glamour, Schönheit und Ruhm mache glücklich, ist beängstigend. Lucy ist eine fiktive Figur und könnte trotzdem nicht realer sein. Das alles zu lesen, ist amüsant, doch das Lachen bleibt mir im Hals stecken, und am Ende des Buchs bin ich bekümmert. Petra Piuk hat nicht nur ein Mädchen, sondern eine halbe Generation porträtiert, die nach Bekanntheit und Beifall giert – um jeden Preis. Denn das Leben, das sie führt, bedeutet ihr gar nichts.

Lucy fliegt von Petra Piuk ist erschienen im Verlag Kremayr & Scheriau (ISBN 978-3-218-01026-9, 192 Seiten, 19,90 Euro).

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Netter Versuch: 2 Sterne

LuiselliVerrückt, verrückter, Luiselli
„Ich bin der beste Auktionator der Welt. Das weiß aber keiner, denn ich bin ein zurückhaltender Mensch. Ich heiße Gustavo Sánchez Sánchez, und man nennt mich, liebevoll, wie ich meine, Carretera.“ So stellt er sich vor, und dann erzählt er seine Geschichte: Von seinem Plan, Auktionator zu werden, berichtet er, von dem Weg dorthin, von seiner Besessenheit, sein eigenes Gebiss durch ein wesentlich besseres zu ersetzen. Doch er will nicht irgendwelche Zähne, sondern die von Marilyn Monroe. Auch eine Frau findet Carretera, nicht nur eine, sondern eine nach der anderen, er lässt sich stets aufs Neue scheiden. Seinen Sohn Ratzinger – benannt nach dem Papst, bevor der ein Papst war – darf er nicht sehen. Und genau dieser Sohn wird ihm viele Jahre später zum Verhängnis …

Valeria Luiselli hat dieses Buch als modernen Fortsetzungsroman geschrieben für die Arbeiter einer Saftfabrik in Jumex. Er ist entstanden im Rahmen eines Kunstprojekts, und er ist auch als solches zu lesen: Kunst. Manches daran ist amüsant und anregend, manches schwer verständlich und sinnentleert. Mir persönlich sagt der Beginn des Buchs am meisten zu: die Geschichte, wie Carretera zu Marilyn Monroes Zähnen kommt, ist in sich geschlossen und wäre eine wunderbar unterhaltsame Short Story. Was danach folgt, verwirrt mich zusehends, ich verliere ein wenig den Faden und die Geduld. Es geht um das Versteigern von Objekten, die je nachdem, welche Geschichte über sie verbreitet wird, mehr oder weniger wert sind, um Kunst, die zur Ware wird, um das Verzerren der Wahrheit. Valeria Luiselli bietet eine Art Collage, keine stringente Erzählung. Als am Ende viele Fotos in Kombination mit fiktiven Zitaten auftauchen, bin ich längst ratlos: Mit den zehn parabolischen Stücken kann ich wenig anfangen, genauso wie mit den Verwicklungen rund um den ominösen Ratzinger. Der abrupte Perspektivenwechsel am Ende, der noch eine völlig neue Figur zu Wort kommen lässt, erklärt zumindest so einiges und löst manches Rätsel. Trotzdem lässt das Buch mich unbefriedigt und nachdenklich zurück. Da könnte man jetzt auch sagen: So ist das eben mit Kunst. Sie muss und will nicht verstanden werden.

Die Geschichte meiner Zähne von Valeria Luiselli ist erschienen im Verlag Antje Kunstmann (ISBN ISBN 978-3-95614-092-1, 192 Seiten, 18,95 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

IMG_7678„Die Schönheit der Kröte erschließt sich nicht jedem“
„Aber alles, was unsägliche Schmerzen bereitet, wie eine unerfüllte Fixierung, hatte einmal verlockenden Glanz, bot Lust und Freude, selbst die dunkelste Sucht beginnt im Funkelnden, auch wenn dies nicht von Dauer ist.“ So geht es all den Männern, die im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts dem Charme von Alma Mahler verfallen: darunter der Maler Oskar Kokoschka sowie Paul Kammerer, Vater der Epigenetik. Alma ist die Tochter des Malers Schindler, Witwe des Komponisten Mahler, „ein Fixstern in dieser sich immer an der Kippe zum Irrsinn, zum Exzess drehenden und dennoch gleichzeitig so abgeschotteten gutbürgerlichen Künstlerszene“. Bereits als Kind, an der Schwelle zum Erwachsenwerden, wird sie begehrt, der Erste in der langen Reihe ihrer Verehrer ist Gustav Klimt.

„Sie aber zappelt niemals an der Angel, sie ahnt jetzt schon, was für eine Macht sie haben wird, wenn sie sich nur so verhält wie das Meer: zurückweichend und heranbrausend, gefährlich, schön und ruhig, geheimnisvoll und nutzbar.“

Sie ist Muse und Femme fatale, sie ist Mutter und Ehebrecherin. Sie zieht die Männer an, lässt sich umschwärmen und mit Heiratsanträgen überschütten, nur um sie wieder von sich zu stoßen in einem ewigen Spiel aus Macht und Ohnmacht. Und während Kokoschka und Kammerer an Alma Mahler verzweifeln, stürzt Europa in den Zweiten Weltkrieg, versinkt in Schutt und Asche.

Alle Figuren, die Julya Rabinowich in Krötenliebe tanzen lässt, haben tatsächlich gelebt, Alma, Oskar und Peter hat es wirklich gegeben, sie haben einander begehrt und verstoßen, sie haben gemalt, getrunken, sich verzehrt und gekämpft. Die österreichische Autorin, die in St. Petersburg geboren ist, hat aus historischem Stoff und dem Faden der Fiktion einen faszinierenden Roman gewebt. Sie wechselt in der Perspektive zwischen den drei Protagonisten, verbindet Passagen im historischen Präsens mit der Macht der Fantasie. Ihr Buch baut auf belegten Fakten auf und ist dennoch ein schwungvoller, poetischer Reigen aus wirbelnden Sprachbildern, versunkenen Gefühlen und wertfreien Mutmaßungen. Ist es so gewesen? Haben sie das gesagt, haben sie so empfunden? Wir wissen es nicht, aber es ist möglich. Kein Wort davon ist wahr, und jedes Wort davon ist wahr.

Das Einzige, was ich an Krötenliebe auszusetzen habe, ist bei genauerer Betrachtung eigentlich ein Kompliment: Es war mir zu wenig. Gern hätte ich doppelt so viel gelesen von Alma, Kammerer und Kokoschka, vielleicht sogar das Dreifache. Es dürstete mich derart nach Informationen, dass ich während der Lektüre angefangen habe zu googeln. Wer waren diese Menschen, wie waren sie? Wie ging alles zu Ende, wie starben sie? Ich war angefixt, und die Neugier ist ein Hund. Deswegen reichten die knapp 180 Seiten für mich kaum aus, ich wollte mehr wissen, und die Lücken, die Julya Rabinowich offen lässt, machten mich ganz unruhig. Welche anderen Männer betörte sie noch? Warum heiratete sie weder Kammerer noch Kokoschka, plötzlich aber Franz Werfel? Und was ist mit ihrem dritten Kind geschehen? Fragen über Fragen. Nichtsdestotrotz mochte ich Krötenliebe richtig gern, es hat mich mitgenommen auf eine Zeitreise ins aufgewühlte, erhitzte Kriegs-Wien, in Paul Kammerers Krötenlabor, in Oskar Kokoschkas Atelier, wo er eine lebensgroße Puppe anbetet, in Alma Mahlers Bett.

Krötenliebe von Julya Rabinowich ist erschienen bei Deuticke (ISBN 978-3-552-06311-2, 192 Seiten, 19,90 Euro).