Gut und sättigend: 3 Sterne

Sujic„E-Mail ist die Geißel unserer Zeit. E-Mail und Krebs“

„Wie erklärt man, wie Verliebtheit beginnt? Es ist ein Zustand, der einen bis ins Letzte durchdringt, sodass man sich fast nicht mehr erinnern kann, wie es sich anfühlt, ohne ihn zu leben. Alles, was ihm vorausging, wird zu einem Weg, der nur dorthin führte.“

Die 23-jährige Alice ist auf der Suche, sie hat eine Leerstelle in sich, eine große Leerstelle, die dort ist, wo eigentlich Familienzusammenhalt sein sollte, Liebe, die eigene Identität. Bei Alice ist da nichts. Sie wurde adoptiert, der Adoptivvater ist unter mysteriösen Umständen gestorben, und nach dem Studium kommt sie zu ihrer Großmutter nach New York, wo sie nichts mit sich anzufangen weiß.

„Mein Gesicht fühlt sich gummiartig an. Entweder ist meine Haut dicker geworden, oder meine Fingerspitzen sind taub. Tief unter meiner Haut, wie ein schmaler unterirdischer Bachlauf, verbirgt sich irgendwo Blut, da bin ich mir sicher. Aber ich fühle mich nicht zu hundert Prozent lebendig.“

Ziellos geht sie durch die Stadt, geht und geht und macht Bilder, und als sie online auf die neun Jahre ältere Schriftstellerin Mizuko stößt, fällt sie hinein in eine ziehende, sich ausweitende, alles übergreifende Obsession. Es gelingt ihr, sich Mizuko im realen Leben zu nähern, und sie hat Glück: Mizuko und ihr Freund, den Alice zufällig kennt, haben sich gerade getrennt, Mizuko braucht Ablenkung, das gefügige, sie anhimmelnde Mädchen kommt ihr gerade recht. Alice macht sich keine Illusionen:

„Sie war meine erste Liebe, doch ich war nicht ihre.“

Ein Großteil des Lebens dieser beiden Frauen spielt sich online ab. Sie haben das Smartphone permanent in der Hand, posten und liken, folgen einander, schnüffeln den virtuellen Spuren der anderen nach, und all das wird noch intensiver, als Alice mit Dwight zusammenkommt, der als Innovationconsultant arbeitet und dessen gesamter Alltag aus Apps besteht. Die Beziehung zwischen Alice und Mizuko ist schwierig, nicht eindeutig sexuell, sehr ungleich, eine Achterbahnfahrt aus Zuneigung, Vertrauen, Missgunst und Hass. Die identitätslose Alice will zu sehr in Mizukos Nähe sein, mehr noch, sie will Mizuko sein. Natürlich ist klar, dass das nicht gut ausgehen kann. Natürlich ist klar, dass es am Ende sehr wehtun wird. Aber sie nimmt das in Kauf für jede Minute, die sie mit Mizuko verbringen kann.

„Meine niedergeschriebenen Gedanken ergeben eine Liebesgeschichte, die zum Großteil ausgedacht ist und aus Erinnerungen besteht, die zum Großteil falsch sind, und die zwischen zwei Menschen stattfand, die fast nie da waren.“

Es gibt im Deutschen den Ausdruck „das Objekt der Begierde“, und auf diese Geschichte passt er: Für Ich-Erzählerin Alice wird Mizuko zum Objekt. Sie möchte sie besitzen, mit ihr verschmelzen. Dazu musste ihr die britische Autorin Olivia Sudjic, die 1988 geboren wurde und als Journalistin unter anderem für die Times schreibt, jegliche Persönlichkeit absprechen, sie zu einer Hülle machen, zu einer Suchenden, Getriebenen. Das finde ich reichlich konstruiert, die Familiengeschichte wirkt eher mühsam, sehr gewollt, Alice ist als Figur leer. Davon abgesehen ist Sympathie – dessen deutscher Titel mir Rätsel aufgibt, bedeutet das englische Sympathy ja Mitleid, was wesentlich passender ist – ein durchaus glaubwürdiges Buch über eine ungesunde Freundschaft, die aus den falschen Gründen eingegangen wird. Sie basiert auf Lügen und Neid, auf dem Wunsch, sich an einem anderen Menschen festzusaugen, sich durch ihn zu verändern, sich an ihm zu erhöhen. Wir sprechen hier allerdings nicht von einer klar definierten erotischen Liebesbeziehung, vielmehr befinden wir uns im schwammigen Bereich zwischen freundschaftlichen und sexuellen Gefühlen, Besitzdenken, Eifersucht, gegenseitiger Manipulation.

Der Guardian hat dieses Buch als „den besten Roman über den Einfluss des Internets auf unser Inneres“ bezeichnet, und das stimmt soweit, weil es solche Romane bisher kaum gibt. Ich finde, das Internet muss hinein in die Literatur. Die Literatur vernachlässigt die virtuelle Welt bisher schändlich, dabei spielt sich unser halbes Leben online ab. In Sympathie hat Instagram eine wichtige Rolle, genau wie der Zugang zum Leben anderer über die Bilder, die sie davon posten, Followeranzahlen, die virtuellen Beziehungen, die Offenherzigkeit, die manchen zum Verhängnis wird. Und wenn wir ehrlich sind: Das ist die Realität. Olivia Sudjic hat nichts davon erfunden, sie hat sich nur als eine der Ersten getraut, davon zu erzählen. Ansonsten scheinen Autoren verschämt zu denken, sie dürften das Internet nur am Rande erwähnen, weil ihre Romane sonst nicht real seien, nicht ernstgenommen würden – abgesehen von Jarett Kobek, aber dessen Buch ist ein ganz anderes Kaliber. Mir persönlich war Sympathie zu verworren, es ist anstrengend, dass die Zeitebenen vermischt sind, dass viel hin und her gesprungen wird, dass die Protagonistin so wahnsinnig passiv ist und sich das Buch zwischendrin mit ereignislosen Passagen sehr zieht – es hat fast 500 Seiten und hätte davon gut einige einsparen können. Dennoch ist dies ein überaus scharfsinniger, wichtiger, intelligenter Roman, der zeigt: Um einander wehzutun, brauchen die Menschen das Internet nicht. Es ist jedoch sehr gut dafür geeignet, jedes menschliche Gefühl noch zu verstärken.

Sympathie von Olivia Sudjic ist erschienen bei Kein & Aber (ISBN 978-3-0369-5757-9, 496 Seiten, 24,70 Euro).

 

Für Gourmets: 5 Sterne

Leo„Was für ein herrlicher Tag! Wir haben ein Abenteuer aufgetan!“

„Ich habe mich entschlossen, mich umzubringen, Simmons.“ Ich habe es bereits seit einigen Monaten erwogen, aber immer wieder vertagt, da das Wetter so schön war. Jetzt ist es schlecht, und ich kann immer noch nicht schreiben, es ist also Zeit, zu tun, was getan werden muss.

Der junge Mann, der sich das Leben nehmen will, ist Lionel Savage. 22 Jahre alt, seines Zeichens Dichter, jedoch: von der Muse ungeküsst, seit er verheiratet ist. Sechs Ehemonate haben dazu geführt, dass er keine Gedichte mehr schreiben kann. Er ist untröstlich, hält es nicht aus im Haus seiner zwar ansehnlichen, aber leider langweiligen Gattin, die er nicht liebt:

„Ich umwarb eine Göttin und heiratete nur eine Frau.“

Warum er es dann getan hat? Nun, ihm ging das Geld aus. Jetzt hat er angeheiratetes Geld, aber keine Inspiration mehr – und dadurch auch keinen Lebenswillen. Der anstehende Selbstmord wird allerdings von niemand Geringerem als dem Teufel verhindert. Mit ihm führt Savage ein nettes Gespräch, danach stellt sich heraus: Die lästige Ehefrau ist verschwunden. Hat der Teufel sie etwa mitgenommen? Eigentlich könnte Savage ja froh sein. Bloß ist er es nicht, denn jetzt, da sie verschwunden ist, vermisst er seine Frau gar fürchterlich. Er braucht sie zurück! Wie gut, dass er in seiner Schwester Lizzie und seinem Schwager Lancaster zwei Abenteurer findet, die ihm bei der Suche helfen wollen. Nur: Wie kommt man in die Hölle?

Der Gentleman von Forrest Leo ist ein herrlicher Spaß! Das amüsante, gewitzte, völlig verkorkste Buch bietet Unterhaltung auf hohem Niveau – und zeigt, wie schillernd die altertümliche Fabulierkunst sein konnte. Der 1990 in Alaska geborene Schriftsteller, der sich in New York zum Schauspieler ausbilden ließ, hat einen fantastischen, brillanten und originellen Roman geschrieben, in dem die Hauptrolle der Fantasie zuteil wird. Und das ist schön, weil: Viel zu selten ist das in der Literatur der Fall. Dass ein Roman verrückt sein darf, närrisch, lustig, eine Gaukelei, mit viel Schalk im Nacken. Man muss sich einlassen auf dieses Buch und seine Eigenheiten (nur die Fußnoten, die hätte ich nicht gebraucht), es ist schräg, absurd, bringt einen zum Kopfschütteln genauso wie zum Schmunzeln.

„Wir suchen alle Bücher zusammen, die Wissen über die Hölle, den Teufel, übernatürliche Entführungen und verschwundene Ehefrauen enthalten könnten. Wir legen sie auf drei Stapel und durchsuchen sie, bis wir etwas gefunden haben. Ich bin verliebt und habe die beste Privatbibliothek Großbritanniens. Ich habe noch nie erlebt, dass die Liebe oder die Bücher versagt hätten, und wüsste nicht, warum sie das jetzt sollten.“

Savages Vertrauen in die Macht des geschriebenen Worts in Ehren, aber: Keine Sorge, ein wenig actionreicher als das wird es auf jeden Fall! Euch erwarten Schießereien und erste, wacklige Flugzeugkonstruktionen, eine schlagfertige Frauenfigur, ein rauschendes Kostümfest, gute und schlechte Gedichte, verletzte Ehre und deshalb angetragene Duelle, ausgezeichnete Dialoge, ein bisschen Liebe und der Teufel himself. In diesem Buch mit dem farbenfrohsten Cover der Saison steckt genau das, was drauf ist: ein bunter Reigen, eine Collage an Absurditäten, die sich am Ende zu einem großen Lesevergnügen zusammenfügen.

Der Gentleman von Forrest Leo ist erschienen im Aufbau Verlag (ISBN 978-3-351-03673-7, 296 Seiten, 20 Euro).

Netter Versuch: 2 Sterne

Eggers„Manchmal fordert ein Ort dich auf, zu bleiben, nirgendwohin zu hasten“
Josie ist Zahnärztin, hat aber nach einer Klage keine Praxis mehr. Josie ist Mutter, hat aber nach ihrer Scheidung keinen Mann mehr. Und weil sie plötzlich Panik bekommt, ihr Ex könnte ihr die Kinder wegnehmen, packt sie diese kurzerhand ein und flieht mit ihnen nach Alaska – das ist der einzige Ort, der ihr einfällt, der weit weg ist und für den sie keine Pässe brauchen. Also gurken Josie und ihre Kinder mit einem ranzigen Wohnmobil durch Alaska, ohne Plan, ohne konkretes Ziel, mit wenig Geld und wenig Geduld. Es kommt nicht so schlimm, wie es kommen könnte, aber richtig gut ist das alles auch nicht.

Bis an die Grenze von Dave Eggers ist ein selten dämliches Buch. Ich kann gar nicht glauben, dass der Autor, der für Romane wie The Circle und Hologramm für den König international mit Lob und Preisen überhäuft wurde, einen so schlechten Roman geschrieben hat. Wie ist das möglich? Hab ich mir einfach nur von all seinen bisherigen Werken das falsche ausgesucht? Dabei klingt das eigentlich interessant: Eine Mutter, die mit ihren Kindern auf der Flucht ist – die neu anfangen, sich neu sortieren muss, die sich wegen der Kinder nicht so von ihrem alten Leben lösen kann, wie sie es gern tun würde, die in der Weite Alaskas zu sich selbst findet. Bloß ist es das nicht. Protagonistin Josie ist eine wahnsinnig unglaubwürdige Figur, bei der ich mir eine Frage stelle, die für mich beim Lesen sonst nie eine Rolle spielt: Liegt es daran, dass Dave Eggers ein Mann ist? Kann er sich deshalb nicht in seine weibliche Mutterfigur hineinversetzen? Sie bleibt hölzern, unzugänglich, ist als Identifikationsfigur nicht mal ansatzweise geeignet. Es liegt nicht nur daran, dass Josie sich höchst merkwürdig verhält – es gibt schließlich keinen Standard für das Muttersein, es gibt eben Mütter, die machen es gut, und andere, die sind überfordert, all das ist menschlich, all das ist verständlich, all das ist nachvollziehbar. Allein: An Josies Handlungen ist überhaupt nichts nachvollziehbar. Dave Eggers stellt sie dar als eine Frau, die ihr Leben im Griff hat, da gab es die Praxis, die sie unverschuldet verloren hat, da gibt es ein Haus, Geld, Perspektiven, gesunde Kinder, keine Drogen, kein Alkohol (wobei Josie im Wohnwagen natürlich öfters Wein trinken muss, man hält das ja sonst nicht aus als alleinerziehende Mutter, grüß dich, Klischee, schön, dass du auch wieder da bist). Wir reden nicht von einer Familie, die völlig aus dem Lot gerät, nicht im Geringsten. Das Problem mit dem Vater der Kinder war, dass er ständig auf dem Klo saß. Kein Scherz. Wenn Josie an ihn denkt, sieht sie ihn auf dem Klo beim Pinkeln und Kacken. Das wird oft erwähnt, darauf reitet sie herum, und das macht die Vaterfigur einerseits lächerlich und nimmt andererseits jeglichem Konflikt den möglichen Tiefgang. Der Vater mit der schwachen Blase interessiert sich nicht für seine Kinder, sieht sie nie, ruft sie nie an. Aber wir sollen glauben, dass er Josie die Kinder wegnehmen will? Wir sollen es für realistisch halten, dass sie mit ihnen quer durch die Fremde fährt, sich und die Kinder in Gefahr bringt – ohne Grund? Das ist wirklich lahm.

Um Josies Verrücktheiten irgendwie zu erklären, zaubert der Autor plötzlich eine Kindheit aus dem Ärmel, die nicht ganz geglückt war, und das finde ich noch viel furchtbarer, weil: noch mehr Klischee. Zudem frage ich mich, ob er selbst Kinder hat bzw. die aufwachsen sieht, denn Ana und Paul – die Kinder im Buch – machen permanent unverhältnismäßige Sachen, die überhaupt nicht zu ihrem Alter passen. Es wirkt, als hätte ein kinderloser Mann sich gedacht: Ah, ich schreib mal über eine Mutter und ihre zwei Kinder, lasse alles einfließen, was ich über Mütter und Kinder so gehört habe, was soll schiefgehen? Alles!

„Anas niemals schwankendes Vertrauen in sich selbst, darin, wie ihre Gliedmaßen funktionieren würden, verriet, dass sie immer alles so machen würde, wie sie es für richtig hielt, und sich niemals fragen würde, ob es so richtig war – was bedeutete, dass sie Präsidentin werden könnte und garantiert immer glücklich sein würde.“

Ach nein! Vertrauen in meine Gliedmaßen bedeutet also, dass ich a) Präsidentin werden kann und b) immer glücklich sein werde? Eine Schlussfolgerung, die mir, gelinde gesagt, nicht unbedingt logisch vorkommt. Und so, meine Damen und Herren, klingt alles in Josies wirrem Hirn.

Am schrecklichsten aber finde ich, dass Dave Eggers derart langweilig schreibt, dass ich fast eingehe. So ein Roadtrip durch Alaska könnte spannend sein, inspirierend, aufregend, bei ihm ist er aber nur fad. Andauernd muss ich banalste Alltagsbeschreibungen lesen, die von Tanken über Autofahren bis hin zum Essen reichen:

„Ana hatte Hunger, also machte Josie sich auf die Suche. Sie fand Joghurt, und sie aßen zusammen einen Becher. Sie fanden Trauben und Cracker und aßen sie. Sie fanden Eier, und Josie machte Omeletts. Während Ana ihre zweite Portion aß, bemerkte sie das Schaukelgerüst im Garten und lief hin. Paul schlief noch, deshalb ging Josie wieder zum Kühlschrank, fand Schokoküsse und aß sechs von acht.“

Da schreit eine Stimme in mir schon: WEN INTERESSIERT DAS! Und: Weil Paul noch schläft, geht Josie wieder zum Kühlschrank? Konsekutivsätze, in denen das eine die Folge des anderen ist, sind anscheinend nicht so Dave Eggers’ Ding. Das gesamte Buch strotzt vor sprachlichen Schludrigkeiten. Das Feuilleton gibt daran zum Teil den Übersetzern die Schuld, was ich nicht fair finde: Wo waren denn das orginal und später das deutsche Lektorat?

Abschätzig und missbilligend hat der Autor seine Protagonistin gemacht, eine Frau, die aus unerfindlichen Gründen über jeden schlecht denkt. Die sich mit wildfremden Leuten anlegt, an Tankstellen, in Restaurants, in Supermärkten, die über jeden herzieht und ein Urteil fällt.

„Robert war garantiert ein schlechter Mann. Irgendwas an ihm, alles an ihm, war unsympathisch, unglaubwürdig, lüstern und frivol. Sein Hemd stand offen bis zu der Falte, wo die Trichterbrust auf den prallen Bauch traf.“

Ja, ja, die Intelligenzler rufen jetzt: Das muss so sein, das ist wichtig, der Autor repräsentiert dadurch die weiße amerikanische Mittelschicht. Dass Josie voller Vorurteile ist und nicht über den Tellerrand schauen kann, ist gesellschaftskritisch. Nun, wenn ihr meint, Aaber: Das macht das Buch auch nicht besser. Lückenhaft, unrealistisch, verkitscht, viel zu banal und letzten Endes ohne einen einzigen klugen Gedanken: Bis an die Grenze geht an die Grenze dessen, was ein Leser ertragen kann.

Bis an die Grenze von Dave Eggers ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (ISBN 978-3-462-04946-6, 496 Seiten, 23 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Arjouni„Die Menschen sind nun mal Schweine, das war schon immer so, das wird auch immer so bleiben“

„Chens Einfallsreichtum, wenn es darum ging, jemanden vor den Kopf zu stoßen, war grenzenlos.“

Aus diesem Grund kommt sein Partner Max Schwarzwald auch nicht gut mit ihm klar. Die beiden Ashcroft-Männer sind offiziell ein Team, in Wahrheit aber verfeindet. Wir schreiben das Jahr 2064, und die Aufgabe von Max und Chen ist es, Verbrechen aufzudecken, bevor sie geschehen. Das bedeutet: Sie sind Spione. Sozusagen Spione des Zukünftigen. Wer plant, einen Mord zu begehen, etwas zu stehlen oder mit Drogen zu handeln, wird verhaftet und eingesperrt – noch ehe er die Tat überhaupt verüben kann. Zur Tarnung betreibt Max das Restaurant „Chez Max“, und im Moment hat er Gewissensbisse, weil er den Maler Leon verpfiffen hat. Obwohl er der Meinung ist, im Recht zu sein, und obwohl er seinen Job als moralisch richtig empfindet, ist es im bis ins Mark gefahren, bei der Verhaftung Leons zusehen zu müssen. Doch bald wird er abgelenkt von einem neuen Verdacht: Ist Chen vielleicht in Wahrheit ein Verräter? Spielt er nur vor, auf der Seite der Guten zu stehen? Max will es herausfinden. Und mit allen Mitteln verhindern, dass Chen ein Verbrechen begeht …

Halleluja, war Jakob Arjouni ein schlauer Mensch! Ich bin von diesem schmalen Roman, den der leider bereits verstorbene deutsche Autor 2006 geschrieben hat, tief beeindruckt. Er ist nicht dick, er ist nicht ausführlich, und doch: Er ist durchdacht. Er ist verblüffend, raffiniert und überaus intelligent konstruiert. Jakob Arjouni nimmt den Leser mit auf eine Reise in die Zukunft, ohne jedoch eine umfassende, komplizierte Welt bzw. Gesellschaft zu entwerfen, nein, er nimmt sich ein Detail heraus, die Verbrechensbekämpfung, kreiert zwei Figuren, und mehr braucht er nicht, um eine spannende, kluge Geschichte zu erzählen – die auf raffinierte Weise zu einer self-fulfilling prophecy wird. Freilich liegt der Gedanke an George Orwells 1984 nahe, wenn es um einen Überwachungsstaat geht, wobei Arjounis Dystopie weitaus humorvoller ist, und freilich ist Chez Max aus genau diesem Grund ein hochaktueller, brisanter, wichtiger Roman. Hinter dem für Diogenes typischen schlichten Cover verbirgt sich eine Story, die sich selbst auf wunderbare Art ad absurdum führt – und dabei gleichzeitig ihre eigene Hypothese beweist. Das muss man erst einmal schaffen, und dafür gebührt Jakob Arjouni, der auch bekannte Krimis sowie Theaterstücke schrieb, großes Lob. Und ihr solltet Chez Max auf jeden Fall lesen: Das ist ein Buch, das schmunzeln, aufhorchen und nachdenken lässt.

Chez Max von Jakob Arjouni ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-23651-4, 224 Seiten, Taschenbuch, 9,90 Euro).

 

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

KobekDer Roman der Stunde
Jarett Kobek hat I hate the internet im Selbstverlag bei Amazon eingestellt – und etwas geschafft, das von diesen Selbstverlagautoren so gut wie keiner schafft: Sein Buch wurde von einem Verlag aufgegriffen und publiziert, in diverse Sprachen übersetzt, ein Superseller. Dass dieser Roman im Internet seinen Anfang nimmt, das passt, denn das Internet hat er auch zum Inhalt. Nichts als das Internet. Um es einmal klar zu sagen: Dies ist ein wirklich schlechtes Buch. Eigentlich. Das betont der Autor selbst auch immer wieder, er macht daraus kein Geheimnis. Vielmehr spielt er damit, stellt sich selbst dadurch einen Freibrief aus. Dies ist ein mieser Roman, schreibt er, und deswegen kann er darin tun, was er will. I hate the internet ist ein wahnsinnig sarkastisches, fieses, böses, lustiges, grausiges Buch mit vielen Gedanken, die wir alle wohl schon hatten, und ohne Handlung. Ich hab gelacht mit diesem Roman, ich hab genickt, mich gegruselt, mich abgeholt gefühlt – und dass er schlecht ist, war mir vollkommen egal.

Irgendwie, am Rande, geht es um eine Frauenfigur namens Adeline, Comiczeichnerin und Internet-Unwissende, die einen Vortrag hält und dabei Meinungen äußert, die ihr einen gepflegten Shitstorm einbringen. Der Autor bleibt aber nicht bei seiner Figur, sondern mäandert ziellos herum, kommt von einem zum anderen, springt, spottet und witzelt – stets mit ernstem Hintergrund. Sein Buch zu lesen, ist, als würde man im Internet surfen: Man klickt sich durch, kommt von einem Wikipedia-Eintrag zu einem anderen zu einem Youtube-Video zu einer Band-Website zu Facebook und dann hat man längst vergessen, was man ursprünglich gesucht hat.

I hate the internet löst ein Lachen aus, das einem im Hals stecken bleibt. Silicon Valley, Hipster, Google, Gentrifizierung, Rants und Grids und Likes, geistiges Eigentum und dessen Diebstahl, Geld, Banken, Lug und Trug, Hatespeech: Das ist unsere Welt. Jarett Kobek analysiert sie nicht, er bildet sie ab, und das ist wahrlich schlimm, denn: Alles, was er schreibt, ist wahr. Und damit ihr euch besser vorstellen könnt, wie sich I hate the internet liest, soll das Buch hier selbst zu Wort kommen:

The internet was a wonderful invention. It was a computer network which people used to remind other people that they were awful pieces of shit.

Some of her other mistakes: She was a woman in a culture that hated women. She’d become kind of famous. She’s expressed unpopular opinions.

The One True God was an idea that took many forms and shapes. The One True God was a potent weapon used by sexually repressed members of society to inflict misery on everyone else.

Automobiles were mechanized vehicles which transported human beings from one point to another while destroying the atmosphere and the planet.

The formalized systems in which grown men threw around balls were called sports. Sports were big money for men who threw around balls, and even bigger money for the men who paid other men to throw around balls. Typically the men who paid other men to throw around balls would find their employees among the poor and ill-educated, as the poor and ill-educated were more likely to sign bad contracts.

It was the twenty-first century. It was the internet. Fame was everything. There was nothing left to buy. Fame was everything because traditional money had failed. Fame was everything because fame was the world’s last valid currency.

Adeline’s real error was critizising both Beyoncé and Rihanna and their fans’ relationship to their achievements. Beyoncé and Rihanna were pop stars. Pop stars were musical performers whose celebrity had exploded tot he point where they could be identified by single words. You could say BEYONCÉ or RIHANNA to almost anyone anywhere in the industrialized world and it would conjure a vague neurological image of either Beyoncé or Rihanna. Their songs were about the same six subjects of all songs by all pop stars: love, celebrity, fucking, heatbreak, money and buying ugly shit.

All the while, Google was making money.

Sometimes it feels like there are only eleven people in the world and that the rest are paste.

Weirdly, anywhere in America, gay people could marry other gay people of the opposite gender. This tended to defeat the purpose of marriage, a social tradition by which sex is legitimized through shared bank accounts.

The illusion of the internet was the idea that the opinion of powerless people, freely offered, had some impact on the world. This was, of course, total bullshit and a crzy idea of who ran the world. The world was not run by its governments. The world was not run by its celebrities. The world was run by its bankers. The history of human destiny was money, the men who controlled it, and nothing more.

I hate the internet von Jarett Kobek ist auf Deutsch unter dem Titel Ich hasse dieses Internet bei S. Fischer erschienen.

 

 

Bücherwurmloch

Zitat„Aber im Rückblick ist es billig, Vorboten zu sehen. In der Fülle dessen, was man miteinander macht, gibt es für alles, was später kommt, Vorboten – und auch für alles, was später nicht kommt.“
Lloyd Jones: Mister Pip

„Erinnerung ist ein tröstlicher Phantomschmerz des Lebens, eine Art höherer Nachgeburt. Erst wenn die Erinnerung ganz vertrocknet ist, tritt der Tod vollständig ein.“
Dimitri Verhulst: Die Beschissenheit der Dinge

„Noch zuckende Bücher, aus denen die Sätze schossen wie frisches Blut.“
Pierre Péju: Die kleine Kartäuserin

„Dann trat Stille ein, so durchsichtig, daß über dem Tumult der Vögel und den Silben des Wassers auf dem Stein der trostlose Atem des Meeres zu vernehmen war.“
Gabriel García Márquez: Die Liebe in den Zeiten der Cholera

„Die Lebensgeschichte eines Menschen ist gleich dem, was er erreicht hat, plus das, was er noch erreichen möchte, minus das, was er bereit ist, dafür zu opfern.“
Craig Clevenger: Der geniale Mister Fletcher

„Und die Sehnsucht ist eine traurige Sache, aber ein wenig Freude ist auch dabei.“
Milena Agus: Die Frau im Mond

„Als ob es auf der Welt einen Gott gäbe! Gott ist ein Wahn, geboren aus der Einsamkeit der Menschen.“
Hitonari Tsuji: Warten auf die Sonne

„For some, the most difficult thing in life is knowing what they are surviving for.“
Eliot Pattison: Prayer of the Dragon

„Zuletzt öffnete er die Wohnungstür und fand sein Wohnzimmer im proportionalen Verhältnis zu seiner Lebenslust zu klein.“
David Foenkinos: Nathalie küsst

„Konjunktiv ist die schönere Welt. Das weiß in Österreich jeder.“
Verena Roßbacher: Schwätzen und schlachten

Für Gourmets: 5 Sterne

Janosch„Ich habe die Kinderwelt nie verlassen und die Erwachsenenwelt nie erreicht“

„Ich weiß so gut wie nichts, Bildung: null. Allgemein gutes Benehmen, Essen mit Besteck, die Hauptstadt von Estland – alles null. Ich fiel bisher durch jede Prüfung, das ist echt wahr, heiliger Schwur.“

Umgekehrt weiß aber jedes Kind, wer Janosch ist. Im gesamten deutschsprachigen Raum ist er bekannt für seine wunderbaren Bücher, für den kleinen Tiger und den kleinen Bären. Aber was ist das eigentlich für ein Mann, der diese fantasievollen, stets leicht schrägen Geschichten erdacht hat? Was ist seine eigene Geschichte, wie war sein Leben? Janosch wurde 1931 als Horst Eckert in jenem Zwischengebiet geboren, in dem Polnisch, Deutsch und Schlesisch zu hören war, und der Vater, der zum Zeitpunkt der Geburt im Gefängnis saß, suchte einen möglichst NSDAP-tauglichen Namen aus, denn eine polnische Herkunft war zu jener Zeit schon nicht mehr ratsam. Janosch litt unter diesem Namen und schuf ihn selbst ab, benannte sich um, als er es konnte. Er litt auch an seinen Eltern, an diesen zwei Menschen, die ihn schlugen, traten, beschimpften und bespuckten, die ihn drangsalierten und quälten. Stellt euch eine schlimme Kindheit vor, und dann noch schlimmer, dann wisst ihr, wie es Janosch erging, aber ihr wisst es nur theoretisch – es erlebt zu haben, muss die Hölle gewesen sein. Der Vater soff wie ein Loch, die Mutter wahrte den schönen Schein, verprügelte ihren Sohn jedoch so sehr, dass er mehrmals im Krankenhaus landete und auch Jahrzehnte später noch Probleme mit dem Herzen und der Lunge hatte. Allen erging es damals so, von den Eltern geschlagen zu werden, das war normal. Kein Wunder also, dass Janosch bei der ersten Gelegenheit nach dem Krieg die Flucht ergriff. Er wollte Maler werden, „hauptsächlich, um Mädels zu kriegen“, aber er scheiterte an den Kunstakademien und Galerien. Was später sein Markenzeichen werden sollte – die Ungenauigkeit, der zittrige Strich, – wurde ihm erst einmal zum Verhängnis. Aber er gab nicht auf, arbeitete wie ein Wilder, verdiente sich sein Geld durch das Entwerfen grafischer Muster, wanderte sehr früh nach Ibiza aus, als die Insel noch rau war und untouristisch, als niemand sich dafür interessierte. Er wollte sich nicht binden, das Wichtigste war ihm seine Freiheit, „schon Blumen gießen zu müssen, ist mir zu viel Zwang“. Seine traumatische Kindheit arbeitete er in Büchern auf, trank sich fast zu Tode in der Zeit, in der er sie schrieb. Die Romane wurden veröffentlicht, doch es sollte noch dauern, bis der Name Janosch ein Begriff für jedes Kind wurde:

„Mit dem fulminanten Erfolg des Bestsellers „Oh, wie schön ist Panama“ schaffte Janosch 1978 seinen endgültigen Durchbruch – zwanzig Jahre nach Erscheinen seines ersten Buches. Bevor Janosch diese Geschichte schrieb, war Panama kaum jemandem ein Begriff. Er selbst kam drauf, als er im Radio eine Reportage über Manuel Noriega hörte, den berüchtigten südamerikanischen Machthaber und Drogenboss. Das Land, das von Noriega aufgrund gefälschter Wahlen regiert wurde, schien Janosch ein Symbol für absolute Anarchie – sein Panama als Traumland hat jedoch mit dem realen Staat nicht das Geringste zu tun.“

Und dann? Janosch zeichnete, schrieb, dachte, dichtete, lag in der Hängematte. Er trieb die Schrecken der Kindheit aus sich hinaus, aber noch heute träumt er nachts davon, erstickt beinahe daran. Über 80 Jahre ist er alt, er hat eine Frau gefunden und auch mit Schlesien seinen Frieden geschlossen. Reich geworden ist er trotz der Tigerente nicht, weil er über den Tisch gezogen wurde, weil er zu weich war für den Streit rund um Lizenzen und Rechte. Aber das Gute ist: Glücklich ist er trotzdem. Weil er, wie er sagt, fast nichts braucht, und deswegen alles hat.

Ich bin kein Janosch-Kind. Theoretisch wäre ich, geboren in den Achtzigern, im richtigen Alter, aber an meiner Kindheit ging die Tigerente vorbei. Entdeckt habe ich Oh, wie schön ist Panama erst, als mein Sohn es von einer meiner besten Freundinnen geschenkt bekam. Freilich wusste ich, dass es Janosch und seine Geschichten gab, nur gelesen hatte ich sie nicht. Dadurch konnte ich sie gemeinsam mit meinen Kindern entdecken – und war tief beeindruckt von der schelmischen, direkten Art, von den aneckenden, liebenswerten Figuren und davon, dass Janosch Kindern etwas zutraut, sie nicht durch verschleiernde Märchen beschützt vor der Welt. Als ich seine Biografie in der Bücherei stehen sah, hab ich zugegriffen, aus Interesse an dem Menschen hinter der Tigerente. Mit dreizehn hatte ich ein großes Faible für Biografien, hab sie reihenweise gelesen – und mit dem Buch über Janosch hab ich mich wieder erinnert, warum: Gewisse Persönlichkeiten üben eine große Faszination aus, und es macht Spaß, einzutauchen in die einzige Geschichte, die nicht erfunden ist – jene ihres Lebens. Angela Bajorek, die sich ursprünglich an der Universität mit Janoschs Werken beschäftigt hat, hat über viele Jahre hinweg langsam Zugang zu dem Eigenbrötler gefunden und erreicht, dass er sich ihr geöffnet hat. Man merkt ihrem Buch eine große Zuneigung zu Janosch an, viel Einfühlungsvermögen und den Willen, ihn in all seinen Facetten zu zeigen – den guten wie den schlechten. Das ist ihr gelungen. Dies ist ein ausgezeichnetes Porträt eines lebensklugen Mannes.

Wer fast nichts braucht, hat alles. Janosch, die Biographie von Angela Bajorek ist erschienen im Ullstein Verlag (ISBN 9783550081255, 320 Seiten, 22 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

IMG_3384„Es ist nicht immer klar, wann man die Menschen trifft, die einem am meisten schaden“

„Vermeintlich unbelebte Dinge haben mehr Macht, als die meisten Menschen zugeben wollen. Sie können einen verzehren oder einen befreien. Sie können einen für den Rest des Lebens herabziehen oder, wenn man es zulässt, einem die Bürde des Erinnerns abnehmen.“

Solche Dinge sammelt Cathy, und zwar schon seit ihrer Kindheit: Spielzeugsoldaten, Federn von seltenen Vögeln, Tierskelette. Alles, was eine Bedeutung hat für Cathy, befindet sich in dieser Sammlung, und es passt zu ihr, dass sie in einem Museum arbeitet. Sie ist Konservatorin und soll bei der 200-Jahr-Feier des Museums für Naturkunde in Berlin für ihre Forschung ausgezeichnet werden. Im selben Museum arbeitet auch ihr Verlobter Tom, mit dem sie nicht nur das Berufliche teilt, die beiden sind in enger Liebe verbunden. Doch dann bekommt Cathy ein Päckchen mit einer in Bernstein eingeschlossenen Raubwanze. Das wäre ein schönes Stück für ihre Sammlung, doch Cathy weiß auch ohne Absender, wer ihr die Wanze geschickt hat – und wer sie somit gefunden hat. Jemand aus ihrer Vergangenheit, den sie endlich hinter sich lassen möchte. Jemand, der ihr einst sehr wichtig war und dem viele der unbelebten Dinge in ihrer Sammlung zugeordnet sind. Und der eine Gefahr für sie ist.

Museum der Erinnerung von Anna Stothard, die in Los Angeles Drehbuch studiert hat, hat mich ziemlich überrascht. Es ist nämlich das, was man gemeinhin ein „Frauenbuch“ nennt, und das hatte ich nicht erwartet. Das Cover sieht nicht so aus, und ich kenne Diogenes viel tiefsinniger und literarischer. Damit will ich dieses Debüt nicht schlechtmachen, denn es ist durchaus gut geschrieben. Wer das Seichte, Leichte mag, für den ist dieser Roman sicher ein ganz besonderes Zuckerl. Es ist alles da, was man haben will: Liebe und gebrochene Herzen, eine verrückte Kindheit, intensive Gefühle und spannende Jetzt-tut-er-ihr-gleich-was-Szenen. Gekrönt wird das von einer süßen Dosis Kitsch, die das Zuckerl abrundet wie der Schlagobers den Eisbecher. Die Sache ist die: Hätte ich gewusst, dass dies ein Unterhaltungsbuch ist, das man am ehesten in den Urlaub mitnimmt, hätte ich es nicht gelesen. Aber: Zufälligerweise habe ich das Buch in den Urlaub mitgenommen, und deswegen war es genau das Richtige.

Museum der Erinnerung von Anna Stothard ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-30048-2, 304 Seiten, 16 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

IMG_3381„Es war unmöglich, eine Auszeit von sich selbst zu nehmen“

„Die Klinik war ein Schutzraum, in dem jeder nach und nach begann, sein zugeschüttetes Wesen freizuscharren. Ein gebrochenes Bein oder eine Platzwunde war leichter zu verstehen. Acht Wochen Gips, Pflaster drauf, alles war sichtbar. Die Ursache, die Symptome, auch die Heilung. Psychische Störungen dagegen waren unsichtbar.“

In einen solchen Schutzraum, eine Klinik, begibt sich die junge Juli. Sie hat lange auf den Therapieplatz gewartet und ist fest entschlossen, ihn zu nutzen. Jeden Morgen steht sie pünktlich auf, macht sich auf den Weg zur Klinik, nimmt an den Gruppensitzungen und Aktivitäten teil. Sie trifft dort den attraktiven Philipp, der schizophren sein soll, und die quirlige Sophie, bei der eine bipolare Störung diagnostiziert wurde. Sie alle haben ihr Päckchen zu tragen, jeder für sich, doch dann schweißt ein gemeinsames Erlebnis die drei zusammen, und es wird klar: Das Wochenende, das vor ihnen liegt, das müssen sie einfach zusammen verbringen. Juli, die eine bestimmte Form von Autismus hat, passt das nicht, sie will nachhause, in die Sicherheit ihrer vier Wände, und doch kann sie sich der seltsamen Dynamik, die zwischen ihr, Philipp und Sophie entsteht, nicht entziehen. Nicht einmal, als es gefährlich wird.

Wie verrückt ist verrückt genug? Das ist die zentrale Fragen von Niah Finniks erstem Roman Fuchsteufelsstill. Wer ist noch normal, wer ist es nicht mehr? Und wo genau verläuft die Grenze? Klar wird eigentlich nur, dass das völlig unklar ist. Ist das, was wir Therapie nennen, wirklich hilfreich? Medikamente, die den gesamten Geist auf Standby setzen, Stuhlkreise, Töpfern? Die Autorin, die im neuen Imprint Ullstein fünf debütiert hat, ist noch keine 30 Jahre alt und hat das Asperger-Syndrom. Anders gesagt: Schreib über das, was du kennst – und mit Autismus kennt Niah sich demzufolge aus. Ich war deshalb sehr gespannt auf ihr Buch. Wie würde jemand von Autismus erzählen, der nicht von außen draufsieht? Was für Einblicke würde sie mir geben können, welche neuen Erkenntnisse?

Wenn die Frage lautet, wie verrückt ist verrückt genug, muss ich gestehen, und es ist mir fast ein bisschen peinlich, dass mir Fuchsteufelsstill (wunderbarer Titel übrigens und sehr schönes, von der Autorin selbst designtes Cover) nicht verrückt genug war. Protagonistin Juli hat gewisse Spleens, eine Vorliebe für die Farbe Blau, für Zahlen und für Quantentheorie, sie steckt nicht gern in Menschenmassen, zählt mit, wie weit sie sich von ihrer Wohnung entfernt befindet, und hat Angst vor Nähe. Ist man damit schon nicht mehr normal, ist man damit schon krank? Ich kann das nicht beurteilen, nur denke ich während der Lektüre ständig: Das hab ich so alles schon gelesen. Solche Figuren sind mir bereits oft begegnet. Die leicht Beschädigten. Die, mit denen was nicht ganz stimmt. Die einsam sind und schrullig, die Stimmen hören oder keinen Grund mehr sehen, zu leben. Die überdrehte Sophie entspricht dem Stereotyp einer manischen Patientin, und dann taucht auch ein eiskalter Businesstyp auf, der sich, von Langeweile geplagt, gestörter verhält als unsere drei Klinikhasen zusammen. Klischee, ja, natürlich, und genau das hat mich sehr überrascht, weil ich erwartet hatte, dass eine Autorin, die eigene Erfahrungen einbringt, mit diesen Klischees aufräumen würde. Aber Niah Finnik kann auf jeden Fall sehr gut schreiben. Das ist es auch, was diesen Roman lesenswert macht – das und die Art, auf die er einen nachdenklich stimmt. Am Ende zeigt sich: Wir suchen doch alle eigentlich nur nach der Liebe. Und das ist wahrlich sehr verrückt.

Fuchsteufelsstill von Niah Finnik ist erschienen bei Ullstein (ISBN 9783961010035, 304 Seiten, 14,99 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

IMG_3822„Lasst uns auf unsere Freunde trinken und mögen wir alle mehr Freunde haben als Blätter an einem Apfelbaum“

Fünfzig Jahre ist es her, dass die kleine Rike gestorben ist. Dass sie aus dem Kirschbaum gefallen und Blut aus ihrem Ohr geflossen ist. Martina kann das nicht vergessen, und ihre Mutter Elena kann es auch nicht. Jetzt wird Elena 88 Jahre alt, ein rauschendes Fest gibt man ihretwegen, die Polka wird getanzt, der Honigschnaps wird getrunken, aber für Elena ist der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit schon fließend. Für Elena gäbe es noch viel zu sagen, nur hat sie nicht mehr viel Zeit. Aber jetzt, wenn man ehrlich ist, würde sie es wahrscheinlich auch nicht mehr aussprechen, fünfzig Jahre später. Wo doch jeder nur geschwiegen hat über alles, was wichtig war. Tochter Martina über das, was wirklich geschehen ist und was sie über Rike gedacht hat. Enkelsohn Daniel über seine komplizierten Gefühle seiner Freundin Sasha gegenüber. Sasha über das, was sie erlebt hat auf ihren wilden, gefährlichen Reisen in Kriegsgebiete und Ecken der Welt, die gut und gern das Ende sein könnten. Und Anja über das, was sie tatsächlich sucht, wenn sie ihrer kleinen Tochter Schlaftropfen in die Milch gibt, um sie nachts allein zu lassen.

Es ist nicht einfach, den Inhalt von Tina Pruschmanns Debüt wiederzugeben. Das liegt daran, dass es kaum möglich ist, das Buch nachzuerzählen, zu kurz sind die Erzählstränge, zu verwickelt das Gesamtbild. Die Kapitel sind episodenhaft, nicht chronologisch aneinandergereiht, sie hängen zwar zusammen, ja, sie haben teilweise dasselbe Figureninventar, und doch wirken sie mehr wie Interlinking Short Stories denn wie ein Roman. Die Autorin, die Soziale Verhaltenswissenschaft und Soziologie studiert hat, lässt die Handvoll Charaktere, die sie entworfen hat, Banales und Schreckliches erleben, lässt sie sich verlieben, sich trennen, lässt sie lachen, leiden und sterben. Es geht um ihre Schicksalsmomente, um jene Augenblicke, die etwas verändern, sofort oder erst, vielleicht unbemerkt, später. Kurze Einblicke bekommt der Leser in diesem langen Reigen von Mosaiksteinchen aus einer ungefähren Zeitspanne zwischen 2002 und 2015, mit Ausnahmen, die weiter zurückreichen, die Kapitel sind datiert, aber um wen es geht, das muss man herausfinden, indem man liest, sich wundert, grübelt, irgendwann draufkommt. Das ist gut, es ist herausfordernd, anstrengend ist es auch.

Im Klappentext steht „Mit großer Leichtigkeit erzählt Tina Pruschmann von diesen besonderen Momenten, den Lostagen im Leben“ – nein. Leicht ist an diesem Buch gar nichts. Mit bleierner Schwere, müsste es eher heißen, denn Lostage ist unfassbar deprimierend. Obwohl ich das Melancholische liebe, hat dieses Buch mich derart niedergedrückt, dass ich oft tagelang nicht weiterlesen konnte. In seiner Art, eine Familie darzustellen und zu beleuchten, durch das Gesplitterte, Vereinzelte, hat es mich sehr stark an Rabenkinder von Heike Duken erinnert, meinen Favorit für den Blogbuster-Preis. Die Romane ähneln sich sehr, zum Teil im Inhalt, aber mehr noch in der Aufmachung, dem Stil, der Idee, eine Familie nicht über ihren Zusammenhalt zu charakterisieren, sondern über die Erkenntnis, dass jeder für sich bleibt, dass jeder einsam ist, dass die Blutsverwandtschaft nichts weiter ist als ein locker geknüpftes Band, das der Zufall gewebt hat. Tina Pruschmann kann ohne Zweifel herausragend gut schreiben. Sie tanzt mit den Wörtern, sie gibt ihnen Befehle, denen die Wörter widerstandslos folgen. In seiner Gesamtheit ist Lostage komprimierte, elendige, bodenlose Traurigkeit. Es ist ein Buch, das man, um es lesen zu können, in erster Linie aushalten muss.

Lostage von Tina Pruschmann ist erschienen im Residenz Verlag (ISBN 9783701716807, 224 Seiten, 22 Euro).