Gut und sättigend: 3 Sterne

stradalEine höchst ungewöhnliche Menüabfolge
Da gibt es Eva Thorwald, und um sie dreht sich alles. Sie ist die Hauptfigur dieses Buchs – obwohl sie darin nur in einem einzigen Kapitel selbst zu Wort kommt. Aber Moment. Alles von Anfang an. Und der sieht für Eva nicht gut aus: Ihre Mutter merkt nämlich, kaum dass Eva da ist, dass sie gar keine Mutter sein will, und sucht das Weite. Der Vater will sehr wohl Vater sein, kann aber nicht, weil er **beep** und leider **beep** (aufgrund von Spoilergefahr wurden manche Teile dieses Satzes unkenntlich gemacht). Eva ist noch zu klein, um davon was mitzubekommen, und wächst fortan durchaus behütet auf. Als sie elf ist, sind selbstgezüchtete Chilis ihre größte Leidenschaft, und als Erwachsene gehören ihre Restaurant-Events zu den angesagtesten der Welt. Es gibt lange Wartelisten dafür, voll mit Leuten, die wahnsinnig viel Geld zahlen, um einmal bei einem dieser sagenumwobenen Geschmackshappenings dabei zu sein. Und auf eine solche Liste hat sich Evas Mutter setzen lassen …

In diesem Roman geht es um jemanden namens Eva und eigentlich auch nicht. J. Ryan Stradal erzählt seine Geschichte nämlich auf höchst unorthodoxe Weise: In jedem Kapitel kommt eine andere Figur vor, die mal mehr, mal weniger mit Eva zu tun hat. Das kann beispielsweise ihre Cousine sein, ein Typ, der mal auf der Highschool in sie verknallt war, oder dessen spätere Stiefmutter. Dazwischen liegen meistens mehrere Jahre. Über Eva erfährt man manchmal nur ein bisschen was in zwei, drei Nebensätzen. Auf diese Raffinesse weist der Klappentext nicht hin, und somit war ich sehr überrascht – ich musste mich mit Stradals Erzählweise erst einmal anfreunden. Nachdem mir das gelungen war, fand ich durchaus Vergnügen daran, weil ich Interlinking Short Stories sehr mag – und die einzelnen Kapitel in Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens eigentlich nichts anderes sind. Jedes für sich erzählt die Story einer Figur, und Eva ist die Schnur, die alle miteinander verknüpft. Irgendwo am Rande taucht immer mal wieder einer auf, den ich schon kenne, und dann freue ich mich, ihn wiederzusehen und zu erfahren, wie es ihm in der Zwischenzeit ergangen ist.

J. Ryan Stradals Debüt hat mir gut getan. Ich hab’s ja normalerweise gern schwermütig und melancholisch, aber im Sommer sehne ich mich nach etwas Leichtem, das zur strahlenden Freibadstimmung passt. Dann stehe ich ratlos vor meinem Zu-lesen-Regal und finde nichts. Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens kam mir da gerade recht: Es hat mich wunderbar unterhalten, war niemals langweilig, und ich konnte mit jedem Kapitel ein Bruchstück von diesem Kosmos rund um gutes Essen, eine merkwürdige Familie und eine geheimnisvolle Frau einfangen. Das passte perfekt zu meinem Zeitbudget, das in den Ferien der Kinder ebenfalls bruchstückhaft ist, denn eigentlich muss ich im Freibad ja in erster Linie im #teamtanga die Wasserrutsche runtersausen, aufpassen, dass keiner absäuft, und Pommes spendieren. Dieser Roman ist heiter und schlau, amüsant und fantasievoll. Das perfekte Sommerbuch, so gesehen, aber ich bin sicher, es wird euch auch im Herbst gefallen. Und im Winter und …

Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens von J. Ryan Stradal ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-06975-4, 432 Seiten, 24 Euro).

Allgemein

Cline„Mein Schweigen hielt mich im Reich des Unsichtbaren“
Im Kalifornien des Jahres 1969 ist Evie Boyd 14 Jahre alt und weiß noch nicht so recht, wo ihr eigenes Ich aufhört und die Welt beginnt. Sie sucht nach ihren Konturen und glaubt, sie nur durch Blicke anderer bekommen zu können. Sie hungert nach Aufmerksamkeit. Doch ihre Mutter ist nach ihrer Scheidung mit sich selbst beschäftigt, die beste Freundin serviert Evie ab. Da kommen ihr diese langhaarigen, entrückt wirkenden Mädchen gerade recht, die in einer Art Kommune rund um den Aussteiger Russell leben. Hier gehört niemand niemandem und jeder jedem, es gibt wenig Lebensmittel, aber umso mehr Marihuana. Besonders fasziniert ist Evie von der unnahbaren, gleichgültigen Suzanne, der sie wie ein Hündchen folgt. Sie lässt sich von ihr und Russell zu Sexpraktiken überreden, die sie eigentlich gar nicht will, sie ist leicht zu manipulieren, keine eigenständige Persönlichkeit und viel zu jung, um zu verstehen. Sie kann sich nicht vorstellen, dass ihre neue Ersatzfamilie Böses im Sinn hat. Doch genau das ist der Fall.

Wie ihr sicher mitbekommen habt, ist dies ein Buch, das einen Hype hat. Die Verlage battelten sich angeblich mit Millionenbeträgen um das Manuskript, auch hierzulande gab es bereits zahlreiche hymnische Besprechungen. Das Buch soll verfilmt werden, und allerorts gibt es ein großes Huch wegen der angedeuteten inhaltlichen Verbindungen zu Charles Manson. Ich hinke wie immer der großen Welle der Aufmerksamkeit hinterher, aber das macht ja nichts, so gehe ich wenigstens nicht darin unter. In solchen Fällen stellt sich ja dann immer die Frage: Ist der Hype berechtigt? Ich sage: Nein. Das sollte ich jetzt freilich begründen. Here we go.

Grund 1: The Girls beruht auf einer spannenden Idee, hat aber einen beschissenen Aufbau. Die Rahmenhandlung, in der Evie mittelalt ist, ist völlig unnötig und abartig langweilig. Da das Buch damit beginnt, hätte ich beinahe schon aufgehört zu lesen vor Fadesse. Irgendwann habe ich diese Kapitel nur noch überflogen, sie hatten ohnehin nur eine einzige wichtige Aussage, und dafür hätten auch zwei Sätze gereicht. Ich habe zudem Schwierigkeiten mit Romanen, die schon zu Beginn ihre gesamte Handlung offenbaren und sich immer wieder selbst kommentieren: „Ich hätte schon damals merken müssen, dass …“, heißt es dann, und: „Später, als ich alles wusste, dachte ich …“ Da bekomme ich den Eindruck, dass eh schon alles gelaufen ist – und zwar ohne mich. Das nimmt der Story jegliche Dynamik.

Grund 2: Emma Cline übertreibt es. Sie hat die Sache mit dem Schönschreiben zu ernst genommen und jeden einzelnen Satz herausgeputzt wie einen König. Voller Glanz und Prunk und Mäntelchen, geschmückt mit Adjektiven. Schon auf den ersten Seiten fühle ich mich erschlagen von all den bedeutungsschwangeren Ausdrücken. Es gibt kaum Ruhepausen, wenig Informationspolster, deshalb können gute Sätze kaum herausstechen, nicht leuchten. Wüchsen Adjektive auf einer Wiese, Emma Cline hätte sie vollständig abgegrast, und die anderen Autoren müssten jetzt warten, bis neue nachkommen. Diese verschwurbelte, überladene, metaphernbelastete Art des Schreibens hat mich furchtbar genervt. Damit ihr euch selbst ein Bild machen könnt, hier ein paar Beispiele:

„Kultivierte eine vornehme Unsichtbarkeit in geschlechtslosen Kleidern, mein Gesicht verschleiert vom anmutigen, vieldeutigen Ausdruck einer Gartendekoration.“

„Wie unpersönlich und habgierig unsere Liebe war, wie sie das Universum absuchte und auf einen Wirt hoffte, der unseren Wünschen Form geben würde.“

„Seine Atemzüge wie Perlen eines Rosenkranzes, jedes Ein und Aus ein Trost.“

„Ich war wie ein Kind, das nur verkürzte Gefühle rechtfertigte.“

„Der Tod kam mir vor wie die Eingangshalle eines Hotels.“

„Ein altes Holzhaus, das einer durchweichten Hochzeitstorte glich.“

 

Gleichzeitig muss ich aber sagen: Diese absolute Gefühlsgenauigkeit ist beeindruckend. Ich war ja selbst irgendwann ein vierzehnjähriges Mädchen, und an einigen Stellen im Buch dachte ich: Oh, wow, ja, ganz genau so hat sich das angefühlt. Das ist ein Aspekt, der mir an The Girls ausnehmend gut gefallen hat. Andererseits ist diese Nabelschau einer Vierzehnjährigen, die derart eng um sich selbst kreist und dabei so schrecklich dumm und verblendet ist, wie Teenager eben sind, über 350 Seiten auch recht anstrengend und flach. Selbst die alte Evie in der Rahmenhandlung erzählt von nichts anderem als ihrem eigenen Empfinden. Das war übrigens Grund 3. Von dem angekündigten Charles-Manson-Drama ist wenig zu lesen, Sektenführer Russell ist eine Nebenfigur, die nur eine Funktion hat und keinen ausgeprägten eigenen Charakter. Zu guter Letzt: die Atmosphäre. Es gelingt Emma Cline ausgezeichnet, das Bedrohliche, Unangenehme einzuweben. Das ist wohl nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sie schon zu Beginn verrät, dass alles grausam endet. Dennoch ist es eine Kunst, diese drückende Unabwendbarkeit der Gefahr über so viele Seiten hinweg spürbar zu machen. Ich kann also durchaus verstehen, warum so viele Leser von The Girls begeistert sind. Nur teilen kann ich die Begeisterung nicht.

The Girls von Emma Cline ist erschienen bei den Hanser Literaturverlagen (ISBN 978-3-446-25404-6, 352 Seiten, 22 Euro). Es gibt ausschließlich positive Meldungen zu diesem Buch, zum Beispiel bei Herzpotenzial, der Buchbloggerin und der Klappentexterin sowie natürlich in allen großen und kleinen Feuilletons.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

VannVon der Liebe zu den Fischen und dem Hass auf die Familie
Caitlin verbringt viel Zeit im großen Aquarium, weil sie dort jeden Tag nach der Schule auf ihre alleinerziehende Mutter wartet. Die reißt sich den Arsch auf, weil sie keine gute Bildung hat, weil sie Geld braucht, sie arbeitet hart und viel. Caitlin ist auf sich gestellt, doch dann trifft sie im Aquarium einen älteren Mann, der sich für die vielen Fische interessiert – und für sie. Das Mädchen blüht unter der Aufmerksamkeit des Fremden auf und hat doch keine Ahnung, wer das ist. Als Caitlin es erfährt, gerät ihre kleine Welt völlig aus den Fugen – und ihre Mutter offenbart ihr wahres Gesicht, das alles andere ist als liebevoll.

David Vann ist einer, der mit aller Kraft zuschlägt. Er hat es nicht so mit Zurückhaltung. Wenn er was sagen will, dann haut er mitten in die Fresse, um den heißen Brei redet er nicht herum. Wo andere wegschauen würden, da greift er voll hinein. Das ist sehr mutig. Das ist auch sehr gewöhnungsbedürftig. Als ich seinen Roman Dreck gelesen habe, war ich vorübergehend regelrecht verstört. Er hat mich aus der Balance geworfen, mich erschreckt und abgestoßen. Deshalb wusste ich einerseits vor der Lektüre von Aquarium in etwa, was auf mich zukommen würde – und hatte zugleich Angst davor. Das Buch im Regal stehen zu sehen, war ein bisschen so, wie im Wartezimmer beim Zahnarzt zu sitzen. Eins aber vorweg: Aquarium ist nicht so schlimm wie Dreck. Und ich finde es viel besser.

David Vann geht brutal mit seinen Figuren um – aber das bedeutet nicht, dass er kein Herz für sie hätte. Er wirft sie hinein in ihr Leid, lässt sie dort jedoch nicht allein. Mit seiner zwölfjährigen Protagonistin hat er ein Mädchen erdacht, das für sein geringes Alter vieles erdulden und verstehen muss – und dabei doch so gern einfach nur ein behütetes Kind wäre. Diese tiefe Sehnsucht nach einem intakten Zuhause, die in uns allen schlummert, ist der eigentliche Kern des Romans. Was tut eine Mutter, wenn sie ein solches Zuhause nicht bieten kann? Wenn die eigenen Erwartungen an das Leben nicht einmal ansatzweise erfüllt wurden? Wie weit geht ein Kind, um sich diesen Wunsch vom familiären Zusammenhalt auch gegen jeden Widerstand zu erfüllen? Die Geschichte, die David Vann erzählt, ist hart und grenzwertig, schmerzhaft und unerträglich realistisch. Er setzt sich mit dem Konstrukt Familie auseinander, mit der Frage nach Schuld und Sühne, mit der Verantwortung, die wir für jene haben, die wir lieben. Auf diese Fragen findet er ungewöhnliche Antworten – die garantiert jeden Leser aufwühlen. Wenn ihr etwas lesen wollt, das euch herausreißt aus eurem Trott, das euch angreift und rüttelt und zum Nachdenken bringt, dann ist David Vann euer Mann (der Reim, Verzeihung, ist nicht beabsichtigt) und Aquarium euer Buch. Ich kann es absolut empfehlen, es nimmt den Schleier von unseren Augen und von unseren Herzen.

Aquarium von David Vann ist erschienen im Suhrkamp Verlag (ISBN 978-3-518-42536-7, 282 Seiten, 22,95 Euro). Besprechungen dazu findet ihr bei Literaturen, Masuko13, literaturleuchtet und Buchrevier.

Gut und sättigend: 3 Sterne

RammstedtWährend er schrieb …
… veröffentlichte er schon: Tilman Rammstedts Roman Morgen mehr ist ein Experiment und ein Wagnis. Der Autor, der ungefähr die coolste Socke der Welt sein muss, hat sich getraut, dieses Buch während des Schreibprozesses sukzessive über ein Online-Abo an seine Leser zu verfüttern. Bei diesem Peu-à-peu-Lesen hab ich nicht mitgemacht, aber was aus Tilman Rammstedts mutiger Aktion letztlich geworden ist, das wollte ich dann doch wissen. Und das Buch ist erstaunlich. Dass der Autor – der übrigens schon so einiges veröffentlicht hat, wovon ich nur Der Kaiser von China aus dem Jahr 2008 kannte und sehr mochte – einfach so und ohne Konzept drauflosgeschrieben hat, das kauf ich ihm nicht ganz ab. Zumindest die Rahmenhandlung und ein ungefähres Storyboard wird er schon im Kopf gehabt haben. Generell aber hat er sich für eine geniale Strategie entschieden: mit offenen Karten zu spielen. Da sitzt also einer und muss jeden Tag weitergeben, was er geschrieben hat, kann nicht ändern, umschreiben, löschen, und denkt sich: Ich weiß nicht, wie das gehen soll. Deswegen erschafft er einen Protagonisten, der in der gleichen Lage ist: Er will was erreichen und hat keine Ahnung, wie. Dann beginnt die Reise, von der keiner sagen kann, wo sie enden wird.

Der Ich-Erzähler hat nämlich das Problem, dass er noch gar nicht geboren ist. Würde er aber gern. Um seine Eltern zusammenzubringen und zu seiner Zeugung zu animieren, dazu hat er jedoch nur noch einen einzigen Tag Zeit. Zu allem Übel ahnen die beiden nichts von der Existenz des jeweils anderen, der potenzielle Vater wird gerade im Main versenkt, die potenzielle Mutter hat Sex mit einem Franzosen. Das sind nicht unbedingt die idealen Voraussetzungen für ein spontanes Zusammentreffen der beiden. Aber erstens kommt es ja immer anders und zweitens als man denkt – und das Schicksal hat in diesem Sommer 1972 noch so einiges vor mit diesen Figuren, die erst einmal quer durch Europa fahren, eine frische Ehe sabotieren, vor Ganoven flüchten, den Eiffelturm erklettern und dabei allerlei Überraschungen erleben.

Morgen mehr ist ein Buch, das in großer Eile geschrieben wurde – und mit großer Fabulierkunst. Es hat mich gut unterhalten, war mir aber, das muss ich gestehen, stellenweise viel zu klamaukig. Die Slapstickszenen haben zwar Drive, treffen aber leider nicht meinen Humor. Es liegt in der Natur der Sache, dass das Buch sich rasant und hektisch liest, Atemlosigkeit, Ungeduld und Chaos quellen aus jeder Seite. Darauf muss man sich einstellen und das muss man mögen, um mit Morgen mehr – das optisch ja wohl das schönste Buch des Jahres sein dürfte – seinen Spaß zu haben. Dass Tilman Rammstedt so oft wiederholt, was geschehen ist und was noch nicht, hatte wahrscheinlich den Zweck, den häppchenweise gefütterten Leser nicht zu verlieren, mich hat das ein bisschen genervt. Aber: Chapeau! Der Mann hat Nerven. Außerdem viel Witz, Fantasie und Talent. Von Tilman Rammstedt hören wir sicher bald noch mehr.

Morgen mehr von Tilman Rammstedt ist erschienen bei den Hanser Literaturverlagen (ISBN 978-3-446-25096-3, 224 Seiten, 20 Euro). Eine Besprechung dazu könnt ihr bei Leseschatz und ein Interview mit dem Autor bei Literaturen lesen.

High Five

wigaWenn ich eine Figur aus einem Roman wäre, dann … hätte ich sehr überraschend die Seiten gewechselt.

Ich ordne meine Bücher … nach dem organischen Prinzip des Möglichen, dort, wo noch Platz ist. Ich bin ein großer Freund des Auftürmens und wilden Stapelns, auf dem Boden, in der Toilette, am Balkon, begrabe gerne ganze Sitzmöbelstücke mit Büchern, und auch das Bücherregal ist ein Ort, wo in Whiskygläsern Kakteen neben Faust anwurzeln, Polaroidkameras auf alten Zeitschriften wohnen, Gedichtbände neben furchtbar vielen Reiseführern durcheinander stehen.

Das Cover meines aktuellen Buchs … beherbergt alles, was ich mag: Menschen- und Dinosaurierskelette.

Viel zu selten verwendet wird das Wort … tachinieren, Wienerisch für faulenzen.

Das Buch meines Lebens … ist wohl stets das, an dem ich schreibe.

FritschValerie Fritsch ist 1989 in Graz geboren und hat an der Akademie für angewandte Photographie studiert. Sie arbeitet als Schriftstellerin und Photokünstlerin und hat seit ihrem 2011 erschienenen Debütroman Die VerkörperungEN einen Gedichtband und den Roman Winters Garten veröffentlicht. Foto von Jasmin Schuller.

Gut und sättigend: 3 Sterne

IMG_9370Spionage im England der Siebziger
Serena ist jung, blond, überaus hübsch und ein bisschen langweilig – aber nur nach außen hin. In Wahrheit arbeitet sie nach einem Mathematikstudium, das sie mit Ach und Krach geschafft hat, beim britischen Geheimdienst MI15. Dorthin gebracht hat sie ein älterer Mann – ihr Professor und Geliebter, der selbst ein Spion war. In den Siebzigern ist es durchaus spannend, Mitglied des Geheimdienstes zu sein – allerdings nur als Mann. Serena ist dort ein kleines Mäuschen, das im Archiv Akten sortiert, schlecht bezahlt wird und absolut keine Wichtigkeit hat. Umso mehr freut sie sich, als sie für die Mission „Honig“ ausgewählt wird: Sie soll einen jungen Autor umgarnen und finanzieren. Es dauert nicht lange, und Serena verliebt sich in den Autor. Das doppelte Spiel, das sie spielt, wird ihr zum Verhängnis – aber auf völlig unerwartete Weise …

Ian McEwan ist einer der Großen. Zahlreiche Weltbestseller gehen auf sein Konto, einer davon, Abbitte, wurde mit Keira Knightley verfilmt. Er ist, so heißt es, ein Garant für gute Unterhaltung. Aus diesem Grund habe ich zu diesem Roman, der schon eine Weile in meinem Regal stand, gegriffen, denn Ian McEwan musste mich retten. Sehr, sehr dringend wollte ich gerettet werde, nachdem ich ELF schlechte Bücher gelesen hatte, über die ich mich hier, hier und hier echauffiert habe. Dann also Honig, und er hat es geschafft: Ian McEwan wurde seiner Aufgabe gerecht und riss mich aus meiner Leselethargie. Dieses Buch war dafür genau das richtige: leicht, aber nicht seicht.

Spannend ist Honig nicht unbedingt, zwischendurch auch ein wenig langweilig, aber das macht das kann man ja überblättern, und das grandiose Finale macht es wieder wett. Tatsächlich muss ich das Ende am meisten an diesem Roman loben, weil es ganz einfach das Beste daran ist. Honig bietet eine originelle, gut recherchierte und perfekt aufgeblätterte Story. Ian McEwan vermittelt mir das Gefühl, ein routinierter Schreiberling zu sein, der solche Geschichten aus dem Ärmel schüttelt, mich dann an der Hand nimmt und hindurch führt. Spaß macht es außerdem, in die Siebzigerjahre einzutauchen, und es war ein kluger Schachzug des Autors, als Protagonistin eine junge Frau zu wählen, die in einer geheimnisumwitterten Männerdomäne unterwegs ist: Das gibt dem Buch einen ganz eigenen, interessanten Drive, denn aus dieser Ecke hat man den MI16 noch nie gesehen. Falls also jemand von euch auch gerade eine Leseflaute erlebt und einen Rettungsring braucht oder sich einfach nur gut unterhalten lassen möchte: Nehmt einen Löffel Honig.

Honig von Ian McEwan ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-06874-0, 464 Seiten, 22,90 Euro).

Bücherwurmloch

IMG_9488Aller guten Dinge sind drei, und dann ist auch mal wieder Schluss: Hier folgt der dritte und letzte (g)rantige Draufdrescher auf folgende Bücher, die mir das Leben schwergemacht haben.

Ulla-Lena Lundberg: Eis
Wenn ihr dieses Buch irgendwo seht, macht einen großen Bogen drumherum! Verlasst die Buchhandlung, am besten die Straße, die Stadt! Legt vorher noch andere Bücher drauf, damit bloß niemand es sieht und kauft. Was hab ich mich damit gequält. Ich hab ein großes Faible für das Nördliche und war sehr gespannt auf diesen vielgepriesenen Romane, der auf einer kleinen Inselgruppe zwischen Finnland und Schweden spielt. Ein Pfarrer kommt in die dortige abgelegene Gemeinde, mit Frau und Tochter. Das war’s eigentlich auch schon, Handlung gibt es auf den 500 Seiten so gut wie keine. Dafür aber viel Blabla. In einem ausufernden, aufgeblasenen und überkandidelten Stil erzählt Ulla-Lena Lundberg von jeder noch so kleinen Gefühlsregung ihrer Figuren, von jedem Rülpser, jedem Gedanken, jedem Pups, und vor allem vom Arbeitseifer, der so groß ist, dass er auf jeder Seite, wirklich jeder einzelnen Seite erwähnt werden muss, von den Kirchenpredigten und tausend anderen uninteressanten Sachen. Es ist so, so, so langweilig. Wie eine besserwisserische Lehrerin präsentiert die Autorin die kleinen menschlichen Fehler ihrer Charaktere, tätschelt ihnen den Kopf, schreibt pathetisch und ohne jeden Pfiff. Sie verwendet viel zu viele Worte, um am Ende überhaupt nichts zu erzählen. Ich habe selten so ein schlechtes Buch gelesen.

Riikka Pulkkinen: Die Ruhelose
Auch mit der Finnin Riikka Pulkkinen hatte ich dieses Mal kein Glück. Die Autorin, die von den meisten Buchstaben ihres Namens gleich zwei hat, weiß sich auch stilistisch nicht zurückzuhalten. Mit Sicherheit kennt ihr das, wenn über ein Buch gesagt wird: „Da ist kein Wort zu viel.“ Nun, in diesem hier sind allerhand Wörter zu viel. Schon auf den ersten Seiten finde ich die Wucht der Bilder zu heftig, zu dicht, zu viel, zu überladen. Pulkkinen lässt überhaupt keinen Raum für meine eigene Fantasie. Das wundert mich, denn ihren Roman Wahr fand ich 2012 herausragend, es war sogar das beste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe. Ähnlich hohe Qualität hab ich mir von Die Ruhelose erhofft, ihrem Debüt, aber nun ja, sie scheint erst später gut geworden zu sein. Hier schreibt sie über eine Frau, die ihren Mann an die Demenz verliert, sowie über deren Nichte, die sich in ihren Lehrer verliebt. Der Teenager, der sich ritzt, der Ehemann, der geil auf eine Minderjährige ist – das ist einem ja auch alles irgendwo schon mehrfach in der Literatur begegnet. Und war dort vermutlich besser beschrieben.

Ben Dolnick: At the bottom of everything
Adam und Thomas waren einst beste Freunde, bis sie in jugendlichem Leichtsinn einen Unfall verschuldet haben. Seither laborieren sie am schlechten Gewissen und haben längst keinen Kontakt mehr, als Thomas’ Eltern Adam anflehen, ihren Sohn zu suchen. Der wandert irgendwo in Indien herum, und Adam ist das scheißegal, aber er fühlt sich verpflichtet. Joah, so geht’s mir auch irgendwie, weshalb ich dieses Buch bis zum Ende (quer)lese, obwohl es fad, unglaubwürdig und überraschend sinnbefreit ist. Bei der New York Times, wo Ben Dolnick recht gehypet wird, scheint man eine Vorliebe für Wirres und Undurchdachtes zu haben – wie als Metapher für das ach so komplizierte Leben. Bullshit zwischen Buchdeckeln.

Bücherwurmloch

FullSizeRenderLetzte Woche hab ich euch ja schon mein Leid geklagt: Insgesamt ELF (!) schlechte Bücher sind mir nacheinander vors Auge gelaufen, wobei ich eins davon schon nach wenigen Seiten abgebrochen und in die Ecke gepfeffert habe. Wer nun Part I dieses Rants gelesen hat und außerdem herausragend gut rechnen kann, der weiß: Da fehlt ja noch was. In der Tat. Und deswegen geht’s heute weiter mit Marikis Motzparade.

Claire Messud: The Woman Upstairs
Mit der titelgebenden Frau ist eine spinnerte, einsame Alte gemeint, die ein Dutzend Katzen hat und kannenweise Tee trinkt, die unverheiratet ist und allein, in deren Leben es keine große Liebe gab. Protagonistin Nora ist auf dem besten Weg, eine solche Frau zu werden. Sie unterreichtet Kinder, hat aber selbst keine. Sie wollte Künstlerin werden, bastelt aber nur in ihrer Wohnung an kleinen Boxen, die niemand je zu Gesicht bekommt. Und sie ist so, so wütend. Als sie die Shahids kennenlernt – Sirena und Skandar und Reza –, stürzt sie sich mit der Verzweiflung der Alleinstehenden in eine Beziehung zu jedem Einzelnen von ihnen. Die Story ist so originell, wie sie klingt – aber auch nicht mehr. Die Idee versandet komplett, das Buch hat null Drive und ist eine einzige Selbstbespiegelung der Hauptfigur. Lähmende Langeweile macht sich schnell in mir breit, und während Nora auf eine große Enttäuschung zusteuert, geht es mir genauso. Letztlich bleibt der Roman fad und bedeutungslos. Könnte man einer Woman Upstairs zum Lesen geben, deren Leben ist eh eintönig!

Claire Vaye Watkins: Geister, Cowboys
Kennt ihr das, wenn ihr bei der Lektüre eines Buchs denkt: Das loben jetzt auch nur alle, weil es keiner versteht? Unverständlichkeit ist jedoch – gemäß Reich-Ranicki – noch kein Beweis für tiefe Gedanken und auch kein Zeichen für literarische Qualität. Sie liegt mit Sicherheit auch im Auge des Lesers. Mein Auge sagte bei diesem Buch jedenfalls recht oft: Hä? Und dann: DAS NERVT. So viel hab ich mir erwartet von Claire Vaye Watkins, die als „eine der aufregendsten neuen Stimmen der US-Literatur“ bezeichnet wird, und nichts davon hab ich bekommen. Als Tochter eines der Mitverrückten von Charles Manson hätte sie die spektakulären Ereignisse um ihren Vater gar nicht langweiliger literarisch verarbeiten können. Die Geschichten sind nicht wirklich verknappt, eher künstlich beschnitten, als habe die Autorin sich überlegt, was sie alles wegnehmen könnte, um die Storys bestmöglich zu verunstalten und nur die sinnlosen Teile stehen zu lassen. Vielleicht hat sie gedacht, das wirke besonders intellektuell und klug. Und sie muss zu dem Schluss gekommen sein, dass es ein möglichst abruptes, unerklärliches Ende geben muss. Da hab ich mir gedacht: Das kann ich auch. Und hab abrupt aufgehört zu lesen.

Lauren Groff: Arcadia
Das hätte ein richtig gutes Buch sein können! Wie traurig, wenn man all die glänzenden Möglichkeiten sieht und nur ein Häufchen Asche in den Händen hält. Wie bei Claire Vaye Watkins gab’s auch hier viel Lob, Übersetzungen auf Deutsch, zweite Romane, die heuer erscheinen, und dann DAS. Gnaaah. Erneut klingt die Idee an sich interessant: Bit wächst in den 1970er-Jahren in einer Art Hippie-Kommune auf, in einem verfallenen Haus namens Arcadia, in dem sich bisweilen Hunderte Anhänger um Guru Handy scharen, er und seine Eltern gehören zur Stammgruppe. Eine unkonventionelle Kindheit, ein recht flüssiger Schreibstil – aber blasse Figuren, elendslanges Gelaber, klaffende Lücken in der Stringenz, alles in allem ein einziger Graus. Bit verliebt sich später in Handys Tochter Helle, eine tragische Figur, deren Tragik überhaupt nicht ausgearbeitet und dadurch auch nicht verständlich wird, und das Ende des Buchs ist – ohne zu spoilern – wohl mysteriös gemeint, im Endeffekt aber einfach nur unausgegoren und feige. Die großen Zeitsprünge machen das Ganze auch nicht besser. Trotz der wilden Aussteigerkulisse und der eigenartig bedrohlichen Atmosphäre ein flacher, verflucht blöder Roman.

Bücherwurmloch

Rant1Ich hatte da einen Lauf. Und zwar im negativen Sinne: In letzter Zeit hab ich sehr viele schlechte Bücher gelesen, viele davon direkt hintereinander, was noch schlimmer ist, denn da sinkt meine literarische Laune auf den Nullpunkt, und ich werde richtig grantig. Diesen Grant, meine Damen und Herren, merkt man auch meinen Bemerkungen über die folgenden Bücher an:

Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt
Es gibt ein Patentrezept in der deutschen Literatur: Wandere nach Deutschland ein – am besten aus einem Land, in dem Krieg herrscht –, lerne die Sprache, schreibe einen Roman in dieser neuen Sprache über Traumata und Verlorensein und Integration, und sie werden dich lieben. Das Feuilleton wird dich abschlecken vor Begeisterung, man wird dich mit Preisen überhäufen. Absolviere zusätzlich das Literaturinstitut Leipzig, und du hast den Jackpot geknackt. Sie werden dich nicht ignorieren können. Nicht mal, wenn dein Buch total scheiße ist. Olga Grjasnowa hat sich an dieses Erfolgsrezept gehalten. Migrationshintergrund: Check. Sogar in Aserbaidschan geboren, Pluspunkt, weil selten. Trauma: Check. Sprache spät gelernt: Check. Literaturinstitut: Check. Haufenweise Preise: Check. Beschissenes Buch: Check. Worum geht es darin? Um das Zelebrieren der Verlorenheit. Damit Protagonistin Mascha so verloren wie möglich ist, muss ihr Freund weg, und der stirbt einen so lächerlich dummen Tod, dass es fast wehtut. Mascha also allein, fremd, traurig, sehr orientierungslos, sehr verloren. Mäandert im eigenen Leben herum, findet keinen Halt, jongliert mit Sprachen, weil entwurzelt, geht nach Israel, weil Konfliktpotenzial für den Roman. Der ist insgesamt so flach und sinnlos, blutleer und verkrampft, dass ihm in meinen Augen auch das vermeintliche Patentrezept nicht mehr hilft.

Charlie Lovett: Das Buch der Fälscher
Wer war William Shakespeare wirklich? Darüber streiten die Experten seit Jahrhunderten. Der Antiquar und Buchbinder Peter Byerly könnte einen echten Beweis gefunden haben: ein Buch mit Randnotizen in Shakespeares Handschrift. Die Frage ist nur: Ist es echt oder gefälscht? Die Suche nach der Antwort lenkt Peter immerhin von seinem großen Kummer ab, denn seine Frau Amanda ist gestorben. So weit, so gut – doch das Buch ist leider schlecht. Weil Charlie Lovett so aufregend schreibt, wie ein Nachrichtensprecher die Wettervorhersagen verliest. Der Roman ist lahmarschig, stinklangweilig und unfassbar uninteressant – und das, obwohl die historischen Ereignisse rund um Shakespare, ein grausamer Mord und die Spurensuche in einer Gruft durchaus Stoff für eine spannende Story geben würden. Allein: Man muss verstehen, sie auch gut zu erzählen. Bei dieser Ödnis von einem Buch ist das leider nicht geglückt, nicht mal im Ansatz.

Fiona McFarlane: Nachts, wenn der Tiger kommt
Dieses Buch ist wie eine unruhige Nacht: Ich bin immer wieder eingedöst, kann mich an nichts Zusammenhängendes erinnern und hatte am Ende einen schalen Geschmack im Mund. Der kam von der Enttäuschung. Dabei hat es bei seinem Erscheinen 2014 für Aufsehen gesorgt und versprach eine fesselnde Geschichte: Die alte Ruth bekommt eine vom Staat geschickte Helferin namens Fiona ins Haus, die sie nach und nach entmündigt. Ruth kann bald nicht mehr zwischen Wahrheit und Einbildung unterscheiden und verliert zusehends die Kontrolle. Aber das geschieht nur im Kleinen, und Leute, es dauert eeewig. Es dauert doppelt so lange wie euer schlimmster Zahnarztbesuch ever. Der Roman ist so fad, dass ich beim Anblick all der Seiten, die noch vor mir liegen, regelmäßig in Verzweiflung gerate. Ich lese ihn deshalb nur quer – und finde es am Ende schrecklich, dass der Grund für Fionas Verhalten genau der ist, den man gleich zu Beginn vermutet. Nicht ein Funken Originalität in der Auflösung – erst auf den letzten zwei Seiten, die dafür so merkwürdig sind, dass ich sie nicht verstehe. Muss man erst mal schaffen, einen guten Plot so zu verkacken! Ein grausam schlechtes Buch, das niemandem wertvolle Lebenszeit stehlen sollte.

Bettina Balàka: Kassiopaia
Das soll ein Liebesgeschichterl sein, ein Frauenroman, aber auch eine Satire, eine Gesellschaftsstudie. Es ist alles zugleich und nix davon gescheit. Hauptperson Judit, Anfang 40, reich, diätbesessen, gelangweilt und furchtbar nervig, schreibt dumme Listen, hat dumme Freundinnen und verhält sich auch noch dumm: Sie jagt den Autor Markus Bachgraben, den sie in Venedig vermutet. Die zwei hatten eine Nacht, aber Judit will sich damit nicht zufriedengeben. Nun ja, sie arbeitet nicht, sie muss sich irgendwie beschäftigen und hat zudem ein Rad ab: Da kann man schon mal auf die Idee kommen, einen Kerl zu stalken, der nix von einem wissen will. Jetzt wäre die Story von Judit und Markus schnell erzählt, und deswegen ist das Buch vollgestopft mit kurzen Geschichten über völlig uninteressante Nebenfiguren, die jeweils nur einmal vorkommen. Das ist eh alles nett und österreichisch und mit Schmäh, aber wirklich nicht lesenswert. Am Ende gibt’s eine Du-bist-adoptiert-Auflösung wie in einer billigen Soap, und dass das Christkind nicht existiert, wird als größtes Trauma überhaupt festgelegt. Das zeigt, auf welchem Niveau dieses Buch sich bewegt.

High Five

Bildschirmfoto 2016-08-02 um 11.17.20Wenn ich eine Figur aus einem Roman wäre, dann hoffentlich aus keinem meiner Lieblingsromane. Ich mag es, wenn Autoren ihre Figuren leiden, an sich selbst und ihren Lebensentwürfen scheitern lassen. Da stecke ich im Zweifelsfall lieber in einem Groschenroman mit Happy End und vielen freundlichen Adjektiven.

Ich ordne meine Bücher in jeder Borte anders. Ich trenne grob nach deutscher, amerikanischer und sonstiger Gegenwartsliteratur, auch Klassiker sortiere ich einigermaßen nach Nationalität. Auf Augenhöhe findet man Lieblings- und Angeberbücher, bei der Bückware eher mittelmäßige Kraut- und Rübenromane, oben dann die verstaubten Klassiker. Und verstaubt meine ich wörtlich.

Das Cover meines aktuellen Buchs zeigt ein Foto, das ich auf einer Fähre in Thailand geschossen habe. Ein Glückstreffer: Obwohl es nur ein Schnappschuss war, finden sich im Bild gleich mehrere wiederkehrende Motive aus dem Roman wieder. Es war schon beim Schreiben mein Wunschcover für Dezemberfieber, entsprechend froh war ich, dass ich meinen Verlag duotincta nicht lange davon überzeugen musste.

Viel zu selten verwendet wird das Wort umzu. Ich musste erst nach Süddeutschland ziehen, um herauszufinden, dass der Ausdruck umzu als Synonym für Umgebung tatsächlich nur in meiner Heimatregion und umzu verwendet wird.

Das Buch meines Lebens ist in jeder Lebensphase ein anderes gewesen. Literarisch sozialisiert wurde ich eher mit leichter Kost: Als Kind liebte ich Roald Dahl – besonders die Schokoladenfabrik -, als Heranwachsender Douglas Adams und Nick Hornby. Die richtigen literarischen Erweckungserlebnisse hatte ich später dann mit Jonathan Franzens Die Korrekturen, Zeiten des Aufruhrs von Richard Yates und Unendlicher Spaß von David Foster Wallace. Seit der Lektüre dieser Bücher lese und schreibe ich anders – sie haben für mich ganz einfach die Messlatte von guter Literatur gesprengt.

RudkoffskyFrank O. Rudkoffsky, geboren 1980 in Nordenham, lebt in Stuttgart und ist Mitherausgeber der Literatur- und Kunstzeitschrift ]trash[pool. 2015 veröffentlichte er seinen Debütroman Dezemberfieber im Verlag duotincta und als Mitherausgeber die Anthologie Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge bei Mikrotext. Hier bloggt er über Literatur und sein eigenes Schreiben.