Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

„Gott liebtIMG_9130 die Menschen an der Küste nicht so sehr wie die in Binnenland und Städten“
„Sie waren inmitten der Jahreszeit, in der alles Lebendige stirbt, in der sich Tiere und Menschen in sich selbst verkriechen und noch kleiner werden, als sie es ohnehin schon sind, in der die Natur stumm ist, bist auf das Rauschen des Meeres, und kein Gebet auch nur das Mindeste aufzuhellen vermag.“ So ist es auf Barrøy, als Ingrid zurückkommt, als Einzige. Dies ist die Insel ihrer Kindheit, nur einen Kilometer lang und einen halben Kilometer breit, aber niemand ist hier, der Krieg hat sie verstreut, verschwinden lassen, getötet. Norwegen ist im Jahr 1944 stumm und kalt und gefährlich. Ingrid ist allein, bis das Meer die Leichen ausspuckt, einen Berg an Leichen, überall auf der Insel, nur eine lebt noch, gerade so. Ingrid kümmert sich, sie pflegt und füttert und wäscht, und tatsächlich kommt das Bündel Mensch zurück ins Leben. Er ist Russe, ein Kriegsgefangener vermutlich, sie haben keine gemeinsame Sprache und brauchen doch keine. Ihre Körper können einander wärmen, sie können zeigen und benennen und lachen. Nur rücken die Schergen näher, wie eine unaufhaltsame Welle rollt die Gefahr heran. Als Ingrid im Krankenhaus erwacht, ist die Erinnerung an das, was geschehen ist, fort – genau wie der Mann.

Ich mag Roy Jacbsen. Ich mochte schon Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte, und Weißes Meer hat mich tief beeindruckt. Das Buch ist wie seine Protagonistin: schweigsam, stark und ungezähmt. Die Naturgewalten beherrschen das Leben auf Barrøy und diesen Roman: der Wind, das Meer, der Winter. So eindringlich schildert der bekannte norwegische Autor den Alltag von Ingrid, dass ich fast meine, den Salzfisch zu riechen, die kratzige Wolle zu spüren und die Angst vor der Flut zu fühlen. „Barrøy ist das Land des Schweigens, wo die Erwachsenen den Kindern nicht erklären, was sie zu tun haben, sie zeigen es ihnen, und die Kinder ahmen nach.“ Niemand ist geschwätzig, und dieses Buch ist es auch nicht. Die Menschen packen an, ringen dem Land ihr eigenes Überleben ab – Tag für Tag. Wortkarg sind sie, ruppig und unzugänglich.

Und dann: die Liebe. Aber mit keinem Satz lässt Roy Jacobsen das Klischee teilhaben an dem, was geschieht, nicht einmal reinschauen darf das Klischee in das Buch. Die Liebe ist für Ingrid wie ein üppiges Essen: etwas, das man zu schätzen weiß, weil es wertvoll ist, an dem man sich mit Hast und ohne Zurückhaltung bedient, um Kraft zu haben für die schrecklich kalten Zeiten, die kommen werden. Mit überaus bewundernswertem Einfühlvermögen hat ein Mann die Gesch, und die doch so gern weich wäre. Weißes Meer ist kraftvoll, hochinteressant, intensiv und klug. Ein sehr, sehr gutes Buch, das viele Leser und viel Aufmerksamkeit verdient hat.

Lieblingszitat: „Niemand weiß, wo er gewesen ist, aber er gehört dermaßen hierher, dass auch niemand fragt, er sieht so alt aus, dass nur seine Stimme noch von ihm übrig ist.“

Weißes Meer von Roy Jacobsen ist erschienen im Osburg Verlag (ISBN 9783955101053, 250 Seiten, 20 Euro). Eine begeisterte Besprechung findet ihr auch bei Leseschatz.

Netter Versuch: 2 Sterne

Russo„Ich bin vielleicht alt, aber ein Arschloch erkenne ich, wenn ich einem begegne“
Miles Roby arbeitet schon seit 20 Jahren im Diner von Empire Falls. Eines Tages, so die Hoffnung, könnte es ihm gehören. Fragt sich nur, ob er es dann überhaupt noch will, denn Empire Falls ist ein trauriges, halbverfallenes Kaff, das seine besten Zeiten längst hinter sich hat. Beteiligt an diesen besten Zeiten waren die Whitings, denen die großen Fabriken der Stadt gehörten und auch sonst ungefähr alles. Von ihnen ist nur noch eine alte Witwe übrig, die Miles Jahr für Jahr vertröstet. Das eben hat es mittelgut mit ihm gemeint: Er ist geschieden, seine Exfrau heiratet bald einen Fitnessguru, der jeden Tag bei ihm im Diner rumhängt, die gemeinsame Tochter quält sich durch die Highschool. Dort begegnet sie einem jener Teenies, bei denen eine Sicherung wackelt und die knapp vorm Ausrasten sind. Richtig glücklich ist Miles nicht, die großen Wünsche haben sich nicht erfüllt, und klar ist eigentlich nur: Er wird noch viel unglücklicher werden.

2002 hat Richard Russo, der an Universitäten lehrte, für dieses Buch den Pulitzer Preis bekommen. Es wurde mit Paul Newman und Philip Seymour Hoffman verfilmt. Diese gottverdammten Träume ist das Porträt eines Mannes und zugleich das Porträt einer amerikanischen Kleinstadt in einem klassischen Neuengland-Setting. Beide haben ihre Glanzzeiten hinter sich, beide hätten vielleicht Größeres erreichen können – doch der Zug ist abgefahren. Jetzt betreiben sie Tag für Tag Schadensbegrenzung, schlagen sich so durch. Sie tragen ihre Geschichte mit sich, ihr Päckchen, ihre Wunden. Eigentlich geht’s ihnen nicht so richtig schlecht, so richtig gut aber auch nicht. Das ist der Grundtenor des Buchs, das sich dem Alltäglichen widmet, dem Kleinen, dem Unauffälligen. Die Zeit ist ein rücksichtsloser Hund, sie vergeht und lässt dich alt werden, ehe du deine Jugend voll ausgekostet hast.

Richard Russo nimmt sich Zeit für dieses Buch. Und Seiten. Sehr viel Zeit und sehr viele Seiten. Ich gestehe: Für mich hätte es die Hälfte auch getan. Er aber ist akribisch, dreht jeden Stein in Empire Falls um, analysiert jede Gefühlsregung, schreibt detailliert und ausführlich und wahnsinnig langatmig. „Für Burgerbrater Miles fließt das Leben so zäh dahin wie der schmutzige Fluss durch seine einstige Textilindustriestadt“, schreibt der Spiegel, und ich finde auch das ganze Buch sehr zäh. Über weite Strecken verliere ich die Geduld mit diesem Roman, in dessen Zentrum eine Stadt steht, in der nie etwas passiert – und genau das ist mein Problem. Die Träume waren nicht sehr groß, die Enttäuschungen sind es auch nicht, genauso wenig wie die Gefühle. Alles ist Mittelmaß. Man arrangiert sich halt. Als dann doch mal was geschieht, was sehr Schlimmes sogar, sind wir schon fast auf Seite 700, und zwischendurch hab ich viel gegähnt. Man merkt, dass der Autor seinen Protagonisten sehr mag, dass er viel Gefühl aufbringt für das Scheitern im Kleinen. Ich jedoch hätte mir doch noch mehr Großes, Bewegendes, Aufrührendes gewünscht.

Diese gottverdammten Träume von Richard Russo ist erschienen im Dumont Buchverlag (ISBN 978-3-8321-9824-4, 752 Seiten, 24,99 Euro).

 

 

 

Bücherwurmloch

 

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  1. Ich kann die Frage, #warumichlese – die in den letzten Wochen durch viele Blogs gegeistert ist – nicht beantworten. Ich lese. Punkt. Ich könnte was schwafeln von anderen Welten und Horizont erweitern, aber Fakt ist: Ich weiß nicht, warum ich lese. Ich denke nicht darüber nach. Es ist so, es war schon immer so, und es wird auch immer so sein. Mein Leben gibt es nicht ohne das Lesen.
  2. Ich besitze mehr Bücher als Schuhe.
  3. Ich besitze mehr Bücher als Klamotten.
  4. Ich besitze mehr Bücher als Make-up-Produkte.
  5. Wenn ich länger als einen Tag keine Zeit habe, um in meinem aktuellen Buch zu lesen, werde ich seltsam grantig und unrund. Wie ein Junkie, dem der Stoff fehlt. Bei mehr als drei Tagen werde ich schlicht unerträglich.
  6. Ich misstraue Menschen, die keine Bücher haben.
  7. Selbst wenn ich einen wahnsinnig anstrengenden Tag hatte, meine Augen brennen, mein Hirn voll ist und meine Batterien leer sind, greife ich noch zu einem Buch. Wenigstens für ein paar Minuten lesen. Das geschieht ganz automatisch.
  8. Eigentlich greife ich in jeder freien Minute zu einem Buch.
  9. Manchmal denke ich über ein Buch, das ich gerade lese, so intensiv nach, als seien die Figuren und Ereignisse real.
  10. Manchmal träume ich sogar von so einem Buch.
  11. Leute, die Astrid Lindgren, Otfried Preußler und John Irving nicht kennen, kann ich nicht ernstnehmen.
  12. Ich drehe meinen Kindern den Fernseher ab, um ihnen was vorzulesen.
  13. Wenn meine Kinder später mal zu Nichtlesern würden, müsste ich sie leider enterben.
  14. Ich denke manchmal, wenn meine Kinder später Bitte und Danke sagen und sich an Ronja Räubertochter erinnern können, dann hab ich wenigstens nicht alles falsch gemacht.
  15. Ja. Ich rieche an Büchern. Selten, aber doch. Die riechen aber eigentlich nicht so geil. Nach Papier halt, seien wir ehrlich.
  16. Ich hasse es, Bücher zu verleihen. Ich tue alles, um es zu vermeiden. Ich lüge sogar.
  17. Ich brauche Bücher. Ich will von Büchern umgeben sein.
  18. Wenn mein Mann Bücher aus dem Regal nimmt und achtlos auf den Boden legt, weil er sein Netzkabel einstecken will, sinniere ich über nicht nachweisbare Todesarten nach.
  19. Ich betreibe einen Literaturblog.
  20. Manchmal trifft mich ein Buch so sehr, als würde sein Autor meinen Brustkorb aufschneiden und direkt hineingreifen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es Menschen gibt, die dieses Gefühl nicht kennen. Ich bin süchtig danach.
  21. Mit dem Geld, das ich in meinem Leben bereits in Bücher investiert habe, hätte ich sicher schon ein halbes Haus kaufen können.

Und wie ist das bei euch? Was macht euch zum Booknerd, welche eurer Eigenschaften können andere Menschen überhaupt nicht verstehen? Ich bin gespannt!

 

Bücherwurmloch

IMG_8771Vor einer Weile war ich im Vorsommerurlaub, und es war einfach herrlich: Strand, Sonne, Meer und Gelatooo. Gelesen hab ich auch, und zwar fünf Bücher, die in ihrer Taschenbuchausgabe schon lang auf meinem SuB darauf gewartet hatten, endlich ausgewählt zu werden. Einige kennt ihr vielleicht. Und ich warne euch gleich: Das wird jetzt eine ziemliche Motzerei, denn bis auf einen mochte ich eigentlich keinen der folgenden Romane.

Paula Hawkins: The girl on the train
Um dieses Buch gab’s ja einen ziemlichen Hype. Ganz ehrlich? Kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Da war ja Gone Girl noch besser! Die ersten 100 Seiten haben mich furchtbar gelangweilt und ich habe nur weitergelesen, weil ich a) im Urlaub war und nicht so viele Bücher mithatte und b) wissen wollte, was denn nun dran ist an dem Hype. Die trantütige Alkoholikerin Rachel ging mir wahnsinnig auf den Sack, sie ist selbstmitleidig und doof. In einer Nacht ist etwas geschehen, eine Frau ist verschwunden, aber sie war zu betrunken, um sich zu erinnern. Jö. Wie sie versucht, an Infos zu kommen, ist ebenso dämlich wie unglaubwürdig. Und keine Sekunde lang spannend. Ich seh’s mal wieder ein: Ich bin einfach nicht der Typ für Thriller.

Jan-Philipp Sendker: Das Herzenhören
Oh, wie herrlich kitschig! Das ist ein wunderbares Buch – und absolut perfekt für den Urlaub. Julia Win aus New York reist darin an einen völlig abgelegenen und fremden Ort: ein kleines Dorf in Burma. Sie sucht ihren Vater, der vor einigen Jahren verschwunden ist. „Was wissen wir von unseren Eltern, und was wissen sie von uns?“ Die rationale Julia bekommt eine berührende, zu Herzen gehende Geschichte erzählt, die sie nicht glauben kann und will und bei der sie doch spürt: Sie ist wahr. Einen Blinden und eine Lahme zusammenzutun, das klingt wie eine fast schon lächerlich einfache Parabel, ist aber so viel mehr: schlicht, ergreifend und klug. Zwar enthält das Buch Klischeesätze wie „Es gibt nur eine Kraft, die stärker ist als die Angst. Die Liebe.“ und „Muss man die Welt gesehen haben? Alle Gefühle, zu denen wir Menschen fähig sind, die Liebe und den Hass, die Angst und die Eifersucht, den Neid und die Freude, finden Sie in jedem Haus, in jeder Hütte.“ Schön ist es trotzdem und genau deswegen.

einzlkind: Gretchen
Das einzlkind geistert seit einer Weile herum, kam mir immer wieder unter, und während der Lektüre dieses Buchs dachte ich oft: „Was’n das?“ Ich weiß es nicht so genau. In Ansätzen witzig, aber in den Ausformulierungen hohl: So kommt Gretchen daher. Ich hab den Roman nur überflogen, konnte mich weder mit dem Stil noch mit der Geschichte anfreunden. Eine großkotzige Protagonistin, deren Überheblichkeit den Humorrahmen des Buchs ausmachen soll, Dialoge, die sich hochschwingen, aber sofort wieder abstürzen, und ein letztes Drittel, bei dem mir die Füße einschlafen. Die Autorenvita ist zudem die schlechteste, die ich je gelesen habe: Der Autor lebt. Sein Vorname ist vielleicht betamax. Obwohl er ja dann ein Videorekorder wäre. So viel aber kann verraten werden: Ein Videorekorder ist er nicht. Ansonsten gibt es kaum Neues zu berichten. Das zeigt schon, wie unlustig dieses Buch ist.

Cornelia Travnicek: Chucks
„Eine starke neue Stimme“ wurde die 1987 geborene Österreicherin genannt, als ihr Erstling 2012 erschien. Ich hab mir so einiges erwartet von ihr – und war reichlich enttäuscht. Da gibt’s eine, Mae heißt sie, die trägt die roten Chucks ihres Bruders, der tot ist, und verliebt sich in einen, der Aids hat. Das ist tragischer Stoff, der sich einem ins Herz bohren könnte. Stattdessen kommt der lahme, schmale Roman betont blasiert, versifft und uninteressiert daher. Als hätte er mit all dem, was in ihm steckt, nichts zu tun. Die faden, teilweise erstaunlich schlecht formulierten Sätze schaben nur an der Oberfläche, echtes Gefühl kommt keines zustande. Absolut zu vernachlässigen.

Judith W. Tischler: Roman ohne U
Halleluja! So viel Gutes hatte ich gehört von diesem Buch. Am Strand hab ich es endlich gelesen – und hätte schreien mögen. Vor Wut! Spannende Geschichte, durchaus, aber aufs Papier gebracht in einem derart schludrigen, sauschlechten Stil, dass es ein Graus ist. Wegen der vielen Schnitzer, abgeschmackten Formulierungen und Holprigkeiten war der Roman für mich beinahe unlesbar. Dabei hätte ich mich sehr wohl begeistern können für die Story über einen, der wegen eines dummen Streichs in ein sibirisches Lager geschickt wird, dort seine große Liebe trifft und mit ihr ums Überleben kämpft. Die furchtbar blöde Rahmenhandlung um ein Ehepaar mit vier Kindern, das sich nie geliebt hat, hat das zur Gänze kaputtgemacht. Am schlimmsten fand ich die Angaben über Alter, Lieblingsspeise und Zukunftspläne bei jeder Figur – das liest sich wie eine Charakterstudie zur Vorbereitung eines Romans, nicht wie ein eigentlicher Roman. Grauenhaft!

High Five

emanuel bergmann / foto:philipp rohner

Wenn ich eine Figur aus einem Roman wäre, dann würde ich daran zweifeln, ob hinter dem Ganzen ein intelligenter Schöpfer steckt.

Ich ordne meine Bücher nach Farbe im Regal an! Funktioniert jedes Mal!

Das Cover meines aktuellen Buchs hat mein Verleger Philipp Keel ausgesucht. Es ist ein Werbeposter für einen Zauberkünstler aus dem frühen 20. Jahrhundert, und es gefällt mir ausnehmend gut.

Viel zu selten verwendet wird das Wort „derweil“. Warum eigentlich? Ich finde es schön. Ebenso wie „Triebtäter“. Was ist aus dem guten, alten „Triebtäter“ geworden?

Das Buch meines Lebens ist ein Notizbuch voller verführerisch leerer Seiten.
thumb_IMG_9177_1024Emanuel Bergmann hat in Los Angeles Film und Journalismus studiert und war viele Jahre lang für verschiedene Filmstudios, Produktionsfirmen und Verlage in den USA und Deutschland tätig. Heute unterrichtet er Deutsch, übersetzt Bücher und schreibt Artikel. Sein erster Roman Der Trick ist im Diogenes Verlag erschienen. Foto von Philipp Rohner/Diogenes Verlag.
Bücherwurmloch

IMG_8788Blog goes Print
Seit Ende Mai habe ich eine eigene Kolumne im Salzburger Fenster und schreibe unter dem Namen Zuckergoscherl über das Leben mit Kindern, die Stadt Salzburg, das Frausein an sich und über alles, was mir so unterkommt. Das ist aber nicht das Einzige, was in diesem neuen Stadtmagazin mit einer Auflage von mehr als 160.000 Stück von mir zu lesen ist: Ab und zu erscheinen auch gekürzte Buchtipps mit dem Hinweis auf meine Domain, die ich mir ja, vielleicht erinnert ihr euch, extra deswegen endlich eingerichtet habe. Ich wähle dafür Romane aus, die mich über die Maßen beeindruckt haben und von denen ich denke, dass die breite Masse sie nicht kennt. Im besten Fall bekommen diese Bücher mehr Leser! Und mein Blog natürlich auch, hihi.

Gut und sättigend: 3 Sterne

Mackintosh„Wenn man lange genug über eine Sache redet, kommt irgendwann der Zeitpunkt, wo man sie tatsächlich will“
Gretchen ist ganz schön am Arsch. Sie trinkt zu viel, hat Narben vom Ritzen, kann keinen ihrer Freunde behalten und hat versucht, sich umzubringen. Sie hat Borderline, zumindest denkt das ihr Freund. Oder Ex-Freund. Oder einer der vielen Männer eben. Woher das kommt, dass Gretchen so am Arsch ist, das ist irgendwie unklar, denn ihre Kindheit – in der ja immer die Wurzeln für sämtliches gestörtes Verhalten liegen – war eigentlich sehr schön. Sie hat mit ihren Eltern und ihrer Schwester am Ende von England gelebt, mit Schafen und vielen wissenschaftlichen Vorträgen des schrulligen Vaters. Die Eltern haben einander geliebt und sie haben ihre Kinder geliebt, aber jetzt hat Gretchens Schwester noch viel öfter versucht, sich umzubringen, als Gretchen selbst, und der Vater ist tot. Die Leere in Gretchens Inneren lässt sich nicht füllen, nicht mit Sex, nicht mit Alkohol, also schreit Gretchen auf einer Theaterbühne verzweifelt und schreibt tragisch-traurige Geschichten.

Wenn in einem Buch viel gesoffen und gefickt wird, sind alle immer gleich so: Ohooo und Ach du meine Güte und Oh Gott. Das erklärt zu einem Teil den Hype um Anneliese Mackintosh und ihren rotzigen Stil. Da kotzt eine aufs Papier. Sie durchtränkt ihr Buch mit Tränen, Sperma, Schweiß und billigem Whisky. Die Ich-Erzählerin Gretchen ist ein Mädchen, das eigentlich alles hat und dennoch vor Unglück fast umkommt. Hat sie wirklich das Borderline-Syndrom? Woher kommt all der Selbsthass in ihr? Sind das einfach nur fette First World Problems? Sie sucht die Schuld bei den Eltern, bei den Männern, bei sich selbst, schiebt die Schuld von einem zum anderen, nirgends bleibt sie haften. Die Autorin, die wie ihre Protagonistin in Nottingham studiert hat, hat einen Master in Creative Writing, und bei manchen Sätzen merkt man das. Generell soll die Sprache aber ganz klar nicht schön sein, sondern knallig, hart, direkt und verroht. Das gelingt streckenweise gut, dann wieder weniger. Der jammernde Ton klingt manchmal auch einfach wie das Tagebuch einer Fünfzehnjährigen. In der Pubertät hasst man ja auch alle, einschließlich sich selbst.

So bin ich nicht ist kein Roman im eigentlichen Sinn. Es ist ein Sammelsurium aus Einzelstücken, fast kolumnenartig, ein Mix mit Ansichten über die Welt ohne erkennbare Reihenfolge. In Gretas Storys – wie der Untertitel sagt – geht es um Sex und Alkohol, um den Versuch, die Liebe zu finden, um den Tod eines Vaters und um Weihnachten, um das Vermissen, um Wut und ums Lesbischsein. Irgendwie geht’s halt um alles, was einer jungen Frau mal so einfallen kann. Der Klappentext schubst den Leser ein wenig in die falsche Richtung, weil er vermuten lässt, das Buch sei auf freche Art witzig. „Greta will nur Liebe, Glück, Mittag essen mit Margaret Atwood und endlich einen richtigen Orgasmus.“ Hört sich an wie heitere, leichte Ach-wir-Frauen-wieder-Unterhaltung. Aber So bin ich nicht ist nicht witzig. Nicht einmal ein bisschen. Von leichter Kost ist Anneliese Mackintosh so weit entfernt wie ich von der Victoria’s-Secret-Modelfigur, und glaubt mir, das ist weit. Dieses Buch ist fies und übel und es stinkt. Es ist Kotze und Pisse und Gehirnwichserei, und zwar so viel davon, dass ich zwischendrin manchmal entnervt dachte: Ist ja schon gut, ey, ich hab’s verstanden! Das ist vielleicht nicht sehr feinfühlig von mir, aber nun ja – so bin ich nicht.

So bin ich nicht von Anneliese Mackintosh ist erschienen im Aufbau Verlag (ISBN 978-3-351-03628-7, 256 Seiten, 19,95 Euro).

Netter Versuch: 2 Sterne

Sasa„Es geht in Unterhaltungen nicht unbedingt darum, einander zu verstehen, sondern es miteinander auszuhalten“
Mo ist immer sehr schnell verliebt, und wenn Mo verliebt ist, dann gibt er alles. Dann schwimmt er zum Beispiel zum Floß von christlichen Menschenrechtsaktivisten, um seinem Schwarm Rebekka nahe zu sein. Ihretwegen fliegt er auch nach Stockholm, wo er das Gemälde einer syrischen Surrealistin stiehlt, das leider sehr hässlich ist. Auf der Romanija steht eine Fabrik, die von Hirten bewacht wird und vielleicht Jahreszeiten produziert. Die Hirten essen am liebsten Mars, und der kleinste Hirte hat, wenn er singt, die Stimme einer alten Frau. Georg Horwath fliegt nach Brasilien und steigt in das Auto von Ali, dem falschen Chauffeur auf dem Weg zum falschen Ort, was sich für Georg Horwath absolut richtig anfühlt. Und dann ist da noch die Uckermark, wo man sich an den Schriftsteller erinnert, der mal da war, und wo alle noch anzutreffen sind: Lada, der jetzt selbst schreibt, Zieschke und Ulli. Neu dazugekommen ist der Fallensteller, der angeblich alles fangen kann, Mäuse und Menschen, und der nur in Reimen spricht. Er ist geheimnisvoll, titelgebend und unergründlich – wie alle Geschichten in diesem Band.

Die Geschichte von Saša Stanišić und mir geht so: Vor acht Jahren las ich seinen hochgelobten Erstling Wie der Soldat das Grammofon repariert und den mochte ich so, dass ich beschloss, dass Saša Stanišić jetzt mein Freund ist. Es ist halt eher eine einseitige Freundschaft, von der er nichts weiß. Darauf folgte Vor dem Fest, ein Buch, das so anders war und wirr und verrückt, irgendwie manisch, aber Saša Stanišić da schon mein Freund war, hab ich ganz genau hingeschaut und hingespürt und hab mich reinfallen lassen in die Verschwurbeltheit. Und wie das so ist mit Freunden, manchmal siehst du sie nach Jahren wieder, und wenn sie den Mund aufmachen und reden, verstehst du nichts. Dann schaust du hin und spürst du hin und lächelst freundlich, aber innerlich denkst du dir: What the fuck? So ging’s mir nun mit dem Fallensteller. Während der Lektüre hab ich mich gefragt, ob das noch Genie ist oder schon Wahnsinn. Ich würde sagen: beides. Da sind Storys drin, die sind grandios und märchenhaft und tief. Es sind aber auch Storys drin, die sind einfach nur blöd, und welche, die klingen wie arabischer Singsang, unverständlich, einschläfernd, fremdartig.

Wenn ich mich als kleine Bloggerin nun negativ äußere über ein Buch, das gerade einen Staffellauf durch das Feuilleton macht, gelte ich, das hatten wir ja alles schon, als unwissend und unverständig. Eventuell bringt dann die Zeit wieder einen Artikel über die stumpfsinnigen Blogger, die keine Ahnung haben von Literaturkritik und nur Feenstaub verspritzen, und zitiert mich. Möglich. Und unerheblich. Denn auch wenn mir manche Metapher imponiert hat und manche Geschichte sehr poetisch war: Insgesamt ist der Fallensteller ein bisschen wie Porridge. Kann man mögen. Ist jetzt angeblich DER Trend. Schmeckt aber halt einfach nicht. Der Zauber, den alle dem Buch zusprechen, hat mich nicht mit Knistern überzogen, ganz nüchtern war ich, befremdet, abgestoßen. Viele Sätze sehen aus, als hätten sie sich einfach nur herausgeputzt mit schmucken Wörtern, ohne Gefühl. Vielleicht lag es an mir, denn bei allen anderen kam die Botschaft ja offenbar an. Vielleicht ist das aber auch nur eine Phase in der Freundschaft von Saša Stanišić und mir, und ich bin, wenn ich mich erst einmal für jemanden entschieden habe, eine sehr treue Freundin, mit der man solche Phasen durchaus überstehen kann. Vielleicht ist es auch so wie in dem Zitat, das ich für den Titel gewählt habe: Wir müssen uns nicht immer verstehen und halten das auch aus.

Fallensteller von Saša Stanišić ist erschienen im Luchterhand Literaturverlag (ISBN 978-3-630-87471-5, 288 Seiten, 19,99 Euro). Nicht ganz so begeistert wie alle anderen ist übrigens die Besprechung von Zeilensprünge, nur so am Rande.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

King„Schon damals glaubte sie fest daran, dass es irgendwo auf der Erde eine bessere Art zu leben gab und dass sie sie finden würde“
Die Amerikanerin Nell Stone ist Ethnologin. Anfang der 1930er-Jahre erforscht sie gemeinsam mit ihrem Mann Fen verschiedene Stämme in Neuguinea. Die Arbeit ist gefährlich, die Eingeborenen sind den Weißen selten wohlgesonnen, Kannibalismus ist keine Seltenheit und die Malaria sucht sie mit Fieberschüben heim, von denen jeder der tödliche sein könnte. Aber Nell liebt das, was sie tut, es ist ihre Leidenschaft, ihr ganzes Leben. Sie freundet sich mit den Kindern an, baut Beziehungen zu den Frauen auf, lernt die Sprache.

„Im Grunde behindert die Sprache die Kommunikation, merke ich immer wieder, sie steht im Weg wie ein zu dominanter Sinn. Man achtet viel stärker auf alles Übrige, wenn man keine Worte versteht. Sobald das Verstehen einsetzt, fällt so viel anderes weg. Man beginnt sich ganz auf die Worte zu verlassen, aber Worte sind nur bedingt verlässlich.“

Nell ist hart im Nehmen, frei von Vorurteilen und wahnsinnig interessiert. Es ist jedoch nicht einfach, zu beurteilen, ob das, was die Frauen und Kinder ihr erzählen, auch tatsächlich die Wahrheit ist.

„Ich glaube, mehr als alles andere ist es die Freiheit, nach der ich in meiner Arbeit suche, in all diesen entlegenen Gegenden der Welt – nach einer Gruppe von Menschen, die einander den Raum geben, so zu sein, wie es den Bedürfnissen eines jeden entspricht.“

Schwieriger als der Umgang mit den Stammesangehörigen ist Nells Beziehung zu Fen. Er neidet ihr den Erfolg, sabotiert ihre Arbeit, gibt ihr allein die Schuld an ihrer Kinderlosigkeit. Er ist besitzergreifend und aggressiv. Fen will die „Wilden“ nicht erforschen, er will einer von ihnen sein.

„Nichts in der primitiven Welt schockiert mich“, sagt er, „Ich hatte schon immer einen Blick für die Barbarei unter dem Firnis der Zivilisiertheit. Sie liegt gar nicht tief unter der Oberfläche, egal, wo du hinkommst.“

Und dann begegnen sie Andrew Bankson. Der junge Forscher ist vor Einsamkeit derart ausgehungert, dass er Nell und Fen braucht wie ein Stück Brot. Aber auch sie brauchen ihn, als Gegengewicht, als Inspiration. Tief im malariaverseuchten Urwald entspinnt sich eine Dreiecksgeschichte, die letztlich gefährlicher ist als alles andere.

Ich mag, ganz platt gesagt, Bücher, bei denen ich etwas lerne. Die mir nicht nur Unterhaltung bieten, sondern auch ein Plus an Wissen. Darin kann ich mich so richtig verlieren, ein Aha-Effekt tritt ein, Information und Fiktion vermengen sich und sorgen für den perfekten Kitzel im Hirn. So ist Euphoria von Lily King. Inspiriert wurde das Buch von den wahren Ereignissen rund um die weltberühmte Ethnologin Margaret Mead. Die New York Times hat es 2014 unter die besten fünf literarischen Bücher des Jahres gewählt, und obwohl ich lange gebraucht habe, um in die Geschichte hineinzufinden, kann ich sagen: absolut zu Recht! Euphoria ist wild, ungezähmt, fantastisch und sehr ungewöhnlich. Die merkwürdigen, wechselnden Erzählperspektiven haben es mir anfangs schwer gemacht, dann aber wusste ich ihre originelle Aufstellung zu schätzen. Der Reigen aus Liebe und Neid, Gefahr, Fremdheit und Betrug ist wie ein wirbelnder Sturm, der mich mitgerissen hat, und er ist ebenso lehrreich wie unterhaltsam. Über Neuguinea der 1930er-Jahre wusste ich nichts, über die Feldarbeit der damals lebenden Ethnologen wenig. Ihnen standen nicht im Geringsten die heutigen Mittel zur Verfügung, und sie waren, natürlich, nicht frei von menschlicher Gier. Etwas abrupt kommt in meinen Augen der Schluss daher, was ich schade fand – denn kaum waren meine Anfangsschwierigkeiten überwunden, wollte ich gar nicht mehr, dass der Roman zu Ende geht. Euphoria ist spannend und sinnlich, faszinierend und fantasievoll. Ein Buch über Begierde, Macht, die Unterschiede zwischen den Kulturen und den Tod. Ihr solltet es unbedingt lesen.

Euphoria von Lily King ist erschienen bei C. H. Beck (ISBN 978-3-406-68203-2, 262 Seiten, 19,95 Euro). Eine begeisterte Besprechung findet ihr auch bei Mara.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

MelandriZwei stolze Frauen und ein umkämpftes Land
„Auch hier in den Bergen machten die Menschen, wenn die Emotionen überhandnahmen, den Mund fest zu, während der Blick offen blieb, so, als flehe man darum, vom Schweigen erlöst zu werden.“ Genau wie zuhause in Südtirol. Das fällt Gerda auf, als sie mit 16 Jahren in den Norden geschickt wird, um in einem Hotel zu arbeiten. Mädchen wie sie werden gemeinhin „Matratze“ genannt, doch Gerda ist keine Matratze. Sie ist von solcher Schönheit, dass niemand im Hotel es wagt, sie anzurühren. Schwanger wird Gerda aber trotzdem, von einem von zuhaus, einem Reichen, der nichts zu tun haben will mit ihr. Das Kind nennt Gerda Eva, und in ihrer Verzweiflung bringt sie es heim nach Südtirol, lässt es dort bei Verwandten zurück, die sie kaum kennt, um ihre Arbeit nicht zu verlieren. Heute ist Eva vierzig Jahre alt, und sie erinnert sich. Sie macht sich auf den Weg zu einem Mann, der ihr Vater hätte sein können vor all den Jahren, einem Mann, der im Sterben liegt und sie gebeten hat zu kommen. Auf ihrer Fahrt durch ganz Italien reist Eva zurück in die Vergangenheit: in ihre Kindheit, in der sie immer gewartet hat auf den Bus, der die Mama bringt, zu ihrem besten Freund Uli, der ihr so sehr fehlt, in die Zeit, in der sie eine Familie hätten sein können, sowie in die Geschichte Südtirols, dieses ebenso stolzen wie gepeinigten Landes, in dem die Menschen von Freund zu Feind zu Freund wurden und dabei aufs Glücklichsein vergaßen.

Ich kenne Francesca Melandri durch ihr großartiges Buch Über Meereshöhe. Als mir irgendwann in einer Buchhandlung ihr Erstling unterkam, hab ich trotz der Nur-ein-Buch-pro-Autor-Beklemmung, unter der ich leide, zugegriffen. Eva schläft ist ein Roman über Südtirol. Er enthält sehr viele Informationen und Hintergrundwissen, er erläutert und setzt in Bezug, ohne dabei je langweilig und belehrend zu werden. Ganz im Gegenteil. Vieles weiß ich noch aus der Schule und von der Uni, doch Francesca Melandri – die selbst lange in Südtirol gelebt hat – füllt die harten Fakten mit dem weichen Zauber der Fantasie, sie lässt Historie und Fiktion verschmelzen. Das ist sehr interessant und wirklich gelungen. Das Verhalten ihrer Figuren erklärt sich durch die Umstände, durch Krieg, Zwangsumsiedelung und Verrat. Die Menschen sind hart, schweigsam und zum Großteil sehr arm. Viele wollen etwas verändern, viele haben Angst.

Eva schläft ist zudem ein Buch über zwei Frauen: Eva selbst, eine abgeklärte, emotional stabile Frau Anfang vierzig, und Gerda, ihre Mutter, die ihr Leben lang schwer gearbeitet hat und immer allein geblieben ist – trotz ihrer überwältigenden Schönheit. Eva weiß viel über ihre Mutter, aber sie weiß eben nicht alles. Und das, was sie nicht weiß, betrifft auch sie selbst, hätte ihr Leben verändern können vor langer Zeit. Manche Entscheidungen haben so weitreichende Konsequenzen, dass auch Generationen nach uns sie spüren. Francesca Melandri ist eine grandiose Erzählerin. Die beiden Romane, die ich nun von ihr kenne, unterscheiden sich sehr stark. Beide sind auf ihre Weise über die Maßen lesenswert, beide kann ich euch absolut empfehlen. Ich würde mir sogar ein drittes Buch von dieser Autorin kaufen, und wer mich ein bisschen kennt, der weiß: Das heißt was!

Eva schläft von Francesca Melandri ist als Taschenbuch erschienen im Heyne Verlag (ISBN 978-3-453-40936-1, 448 Seiten, 9,99 Euro).