Für Gourmets: 5 Sterne

img_1289Ich mag den Seethaler. Ich mag den sogar sehr. Bisher hab ich allerdings nur zwei eher unbekannte Romane von ihm gelesen, Die weiteren Aussichten sowie Die Biene und der Kurt. Als ich nach Idee 1 und 2 nur noch so halb im Lesetief steckte, dachte ich: Nimm den Seethaler, der zieht dich da raus. Der kann das, der ist gut, wirklich jeder fand das Buch toll. Und was soll ich sagen, Schritt 3 hat mich endgültig gerettet. Das war eine sichere Nummer, da wusste ich, damit kann ich einfach nicht falsch liegen. Weil Ein ganzes Leben so unaufgeregt ist und leise, aber überhaupt nicht flach. Mich verbindet natürlich auch viel mit dem Österreichischen, ich bin selbst auf einem Berg aufgewachsen, ich verstehe die Sprache und alles, was nicht gesagt wird. Ein ganzes Leben ist ein großartiges Buch, und es war gut, dass ich dem Seethaler vertraut habe: Nach diesem Roman war die Leseflaute vorbei. Ich hatte sie übertaucht.

Es ist eine Sauerei mit dem Sterben. Man wird einfach weniger mit der Zeit.

So schreibt der da, und das find ich schon gut, es wird allerdings beständig noch besser.

Wenn man schon zur Hölle fuhr, müsse man mit den Teufeln lachen.

Das passt irgendwie, kommt mir vor. Galgenhumor. Ein bisserl Tiefsinnigkeit. Was Melancholisches. Ja, denke ich da, davon will ich mehr. Ich will wieder lesen. Ich bin zurück!

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

img_1288Das Einzige, was dabei hilft, das Leben zu ertragen, ist, es nicht so ernst zu nehmen. Und wie das in Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war von Joachim Meyerhoff klingt, sieht er das genauso. Sein Buch hab ich auf dem Frankfurter Flughafen gekauft, und allein das ist schon ein bisschen witzig: Ich bin mit Handgepäck zur Messe gereist und konnte deshalb von dort kein einziges Buch mitnehmen. Aber dann hatte ich, angeregt durch die vielen tollen Messeerlebnisse, zum ersten Mal wieder Lust, Bücher zu kaufen, und musste diesem Impuls einfach folgen: Deshalb hab ich kurz vor dem Boarding noch vier neue Bücher in meinen Rucksack gestopft. Darunter: der Meyerhoff. Ich weiß, dass das der zweite Teil ist, und ich werde weder den ersten noch den dritten lesen, ehrlich gesagt mochte ich von diesem hier einfach den Titel am liebsten. Und das mit dem Irrenhaus hat mich interessiert. Zudem dachte ich: Lies mal was Lockeres, Leichtes, lass dich ein wenig aufheitern, vielleicht hilft auch das. Und ja, das hat es. Joachim Meyerhoff schreibt wirklich, wie allerorts von der Kritik festgestellt, sehr warmherzig und humorvoll, sogar von Dingen, die gar nicht lustig sind. Das ist große Kunst. Literarischer Oberflieger ist das Buch keiner, aber das passt so. Alles ist richtig an diesem Buch, alles ist gut. Und es war für mich das perfekte Mittel, aus meiner Lesedeprimiertheit herauszufinden. Oder anders gesagt: Immerhin eine Irre wurde dadurch geheilt.

Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war von Joachim Meyerhoff ist erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Bücherwurmloch

img_12872016 hab ich in Sachen Bücher wirklich oft ins Klo gegriffen. So oft, dass ich in eine regelrechte Lesedeprimiertheit gerutscht bin. Alles hat mich nur noch angeödet. Das Langsame, das Melancholische, das ich sonst so mag, das Bittere und das Tiefe. Schrecklich. Ich habe ein Buch nach dem anderen abgebrochen und war schon kurz davor, nur noch zu netflixen. Und was tut man, wenn man keine Lust mehr auf seine Lieblingsspeise hat? Richtig: Man isst mal was anderes. Ich hab mir deshalb einen sehr bekannten Thriller zu Gemüte geführt, noch dazu auf Englisch, beides nicht business as usual. Mit Thrillern hab ich so meine Probleme, aber Before I go to sleep von S. J. Watson, ein Bestseller, der 2014 mit Nicole Kidman und Colin Firth verfilmt wurde, ist tatsächlich ganz gut. Es geht darin um eine Frau, die ihr Gedächtnis verloren hat. Jeden Tag erarbeitet sie sich ihre Geschichte neu, und sobald sie einschläft, vergisst sie alles. Sie kann niemandem trauen und weiß nie, ob das, was ihr jemand erzählt, wahr ist, sie sieht diese Leute immer zum ersten Mal. An den logischen Problemen vorbei, die eine solche Situation mit sich bringt, erzeugt S. J. Watson viel Spannung. Gut geschrieben ist das nicht unbedingt, aber das Triviale war sehr entspannend, und mir hat der Blick über den Tellerrand gezeigt: Das, was ich sonst so esse, schmeckt ja womöglich doch nicht so schlecht.

Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Ich. Darf. Nicht. Schlafen im Scherz Verlag erschienen.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

14690982_1552281121454165_6272082350950412329_nCarson, Frankfurt und ich
So ein kleines Buch. So eine kleine Geschichte! Mit einer dennoch so großen Wucht. Eingepackt hab ich den schmalen Diogenes-Band, als ich zur Frankfurter Buchmesse geflogen bin, weil er so leicht ist und ich nur Handgepäck mitnehmen konnte. Dann war es in meiner Tasche an meinem ersten Tag in der Stadt, wo ich mir für ein paar Stunden eine Auszeit genommen habe, die – ich will euch nicht mit den Gründen dafür langweilen – ich dringend nötig hatte. Ich saß in einem Café in Sachsenhausen – wo sonst könnte man dieses Buch lesen, wenn nicht in einem Café – und niemand zerrte an mir, keiner musste aufs Klo, keiner aß mir den Apfelkuchen weg, kinderfreie Zeit, es war herrlich. Und dazu Carson McCullers schräge, eigenartige Story über eine starke Frau in einer kleinen Stadt, die auf höchst merkwürdige Weise ins Verderben gestürzt wird – zu einer Zeit, die so anders war als die heutige. Die Autorin, 1917 geboren, ging mit 18 Jahren nach New York und galt mit 23 als literarisches Wunderkind. In ihrem Haus ging die New Yorker Bohème ein und aus. Sie starb 1967, ihre Bücher gelten als Meisterwerke. Sie schreibt schnörkellos und direkt, ohne das Bemühen, möglichst schön klingende Worte zu finden, dafür mit Herz und einer Botschaft, so, wie heutzutage niemand mehr zu schreiben scheint. Und damit ihr euch ein bisschen mehr darunter vorstellen könnt, lasse ich euch hier ein paar ihrer eigenen Worte lesen. Ein wunderbar verrücktes, schmerzhaftes und in seiner Verschrobenheit poetisches Büchlein, das mich in einem besonderen Moment begleitet hat.

„Manche Menschen haben etwas an sich, das sie von den anderen, gewöhnlichen Leuten unterscheidet. Sie besitzen einen Instinkt, den man meistens nur bei Kindern antrifft, ein natürliches Gefühl dafür, zwischen sich und der übrigen Welt einen unmittelbaren und lebendigen Kontakt herzustellen.“

„Die merkwürdigsten Leute können Liebe auslösen. Ein Mann kann ein zittriger Urgroßvater sein und noch immer ein fremdes Mädchen lieben, das er eines Nachmittags vor zwanzig Jahren in den Straßen von Cheehaw sah. Der Prediger kann eine Gefallene lieben. Der Geliebte kann treulos sein, kann fettiges Haar haben oder schlechte Gewohnheiten, ja, und der Liebende mag das alles so deutlich wie alle anderen Menschen erkennen, doch das berührt das Wachstum der Liebe nicht im geringsten.“

„Doch das Herz kleiner Kinder ist ein empfindliches Organ. Ein grausamer Lebensbeginn kann es zu merkwürdigen Formen verkrüppeln. Das Herz eines verwundeten Kindes kann so verkümmern, dass es auf immer und ewig so hart und vernarbt wird wie ein Pfirsichkern.“

„Sie hatten so lange zusammengelebt, die beiden Alten, dass sie sich wie Zwillinge glichen. Sie waren braun und verhutzelt, zwei umherwandelnde Erdnüsse.“

„Das Leben wird oft zu einer einzigen langen, trübseligen Plackerei, um nur die zum nackten Leben notwendigsten Dinge zusammenzuscharren. Verwirrend ist nur, dass alle brauchbaren Dinge ihren Preis haben und nur mit Geld erworben werden können, denn so ist der Lauf der Welt. Ohne zu überlegen weiß man, wieviel ein Ballen Baumwolle oder ein Liter Sirup kostet. Doch das menschliche Leben hat keinen Geldwert, es wird uns umsonst gegeben, und es wird uns genommen, ohne dass wir dafür bezahlen. Wieviel ist es wert? Wenn man um sich blickt, könnte man meinen, dass es wenig oder gar nichts wert ist.“

Die Ballade vom traurigen Café von Carson McCullers (Erstveröffentlichung 1951) ist 1988 erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-20142-0, 128 Seiten, 8,90 Euro).

Bücherwurmloch

bildschirmfoto-2016-11-21-um-12-10-0933 Tage Blogbuster: Was bisher geschah
Ich habe eine ziemlich gute Quote. Bisher wurden mir für den Blogbuster 2017 sieben Leseproben zugeschubst, und von drei Autorinnen habe ich das Gesamtmanuskript angefordert. Das klingt vielleicht nicht viel, aber hej, es ist immerhin fast die Hälfte! Wer sich nun fragt: Blogbuster, what the fuck?, der werfe einen Blick auf die Website, wo erklärt wird, was wir denn da machen und warum. Und wer sich denkt: Manuskript, ja, so eins hab ich auch, der schicke es doch bitte ein!

Schwierig ist für mich, das hab ich schon festgestellt, einfach nur Leser zu bleiben. Ich arbeite ja als Lektorin und Texterin, und der Impuls, Feedback zu geben, in das Manuskript reinzuredigieren, Kommentare dazuzuschreiben, ist übermächtig. Nur ist das bei diesem Projekt nicht meine Aufgabe, und ich halte mich brav zurück. Schließlich muss ich einen Kandidaten finden, dessen Roman so feingeschliffen ist, dass er im besten Fall sogar gewinnen kann. Ein Manuskript, das noch viel Überarbeitung braucht, wird es wohl nicht aufs Siegertreppchen schaffen, wenn wir realistisch bleiben.

Bekommen hab ich allerlei Abstruses, auch Experimentelles, Wirres, schwer Lesbares wie zum Beispiel einen tragisch-satirischen Entwicklungs- wie auch romantisch-ironischen Reiseroman mit „Determinantengedrängel“, das der Schreibintention durchaus entspricht und sie durch Überbestimmtheit zugleich konterkariert: teils werden Erzählweise und Sprachverdichtung zur Farce, teils erscheinen Handlungen irrational, teils werden Handlungsmotivationen verunklärt. Ja, nun, ich bitte vielmals um Entschuldigung, so klingt das auch. 

Ein anderes Manuskript mit dem verkünstelten Titel eltkulturWerbe. hat einen ganz wunderbaren ersten Satz: Die Nachricht meines Todes erreichte mich am Flughafen Stuttgart. Den fand ich stark, der hat mich begeistert. Diese Begeisterung hat beim Weiterlesen allerdings nachgelassen: zu unausgegoren, abgehackt, mit interessanten Ideen, aber insgesamt fast ein wenig klamaukig, der verbindende Faden, der aus den Einzelstücken ein solides Gewebe macht, fehlt mir.

Ein weiterer Kandidat, dessen Manuskript auf dem Planeten Marduk in einem extragalaktischen Kommunikationssystem spielt, hat hoffentlich bei einem Verlag mit Sci-Fi-Background Erfolg, vom Blogbuster ist dieses Genre ausgeschlossen.

Dann gab es da noch die Leseprobe einer Autorin, die mich mit ihren ersten Seiten sofort gefesselt hat: Es geht um eine wilde, aus dem Gleichgewicht gebrachte junge Frau, die sich mit Absicht in Schwierigkeiten bringt, die stiehlt und aufreizend angezogen nachts durch die Straßen läuft, um Männer herauszufordern. Sehr gut geschrieben, originell, spannend! Aber dann hab ich mir das Exposé angeschaut und erkannt, dass es im Buch um einen Geschwisterinzest geht, also darum, dass zwei verliebt sind und nicht wissen, dass sie Bruder und Schwester sind, und das, das geht einfach nicht. Das ist so Gute Zeiten, schlechte Zeiten, das ist so Soap und Effektheischerei, unglaubwürdig, tausendmal aufs Papier gebracht in irgendwelchen Schmonzetterln, abgelutscht, das hab ich schon dem Jonathan Evison in All about Lulu nicht verziehen. Und ich dachte: NAAAIN, wie kann sie nur! Schade, sehr schade, denn ich fand die Leseprobe wirklich gut.

bildschirmfoto-2016-11-21-um-12-10-34Doch zum Glück kamen auch drei Frauen des Weges, deren völlig unterschiedliche Manuskripte ich nun (voraussichtlich) zur Gänze lesen werde. In einem spricht der Tod, er ist der Erzähler, und diese Idee mag ich sehr gern. Stephan Trauth ist mir das erste Mal als kleines Kind begegnet. Heute erinnere ich mich wieder gut daran: Der kleine Junge und die dick eingecremten, mullbindenumwickelten Hände in der Nacht, sein stiller Ekel und die Wut, heißt es darin, und ich finde allein die Perspektive schon sehr originell, auch wenn sie natürlich andernorts bereits genutzt wurde.

Das zweite handelt von einer Frau, die eine Affäre beginnt und herauszufinden versucht, was sie eigentlich will und wen. Das ist die Geschichte von Anna und Ettore, von Fabian und Anna, von Lebensgier und Heimat, von Liebe und Verlust. Es ist auch die Geschichte von dem, was wir zu wissen glauben, dem, was wirklich ist, und dem, was sich dazwischen befindet. bildschirmfoto-2016-11-21-um-12-09-46Das klingt doch interessant.

Das dritte Manuskript hab ich noch nicht ganz durchschaut, aber schon der erste Absatz hat mich neugierig gemacht: Irgendwo in dieser Nacht habe ich mich verlaufen. Morgens habe ich dann auch wieder zurückgefunden, muss ich ja, denn jetzt bin ich ja hier, wieder bei Anne, dieser Frau, die immer wach zu sein scheint, und erinnere mich an nichts. Es handelt wohl von zwei jungen Menschen, die in einer Medienagentur aufeinandertreffen. Mehr weiß ich noch nicht …

Vielleicht wird ja einer dieser drei Favoriten der Titel, mit dem ich ins Rennen gehe. Ich bin gespannt, und ihr hoffentlich auch!

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Hier könnt ihr übrigens lesen, wie es Sophie, Sandro und Katharina bisher mit dem Blogbuster ergangen ist.

Gut und sättigend: 3 Sterne

img_0851„Wahnsinn ist ein Land, zu dem nicht jeder Zutritt hat“
1952. In Deutschland sind die Kriegsfeuer ausgebrannt, im Nahen Osten – im neuen Staat Israel – werden sie gerade erst entzündet. Rosa Silbermann kennt sich aus mit beiden, sie konnte den Nazis entfliehen, lebt mit ihrem Sohn und vielen Verbündeten auf einem Fleckchen israelischem Land, dem sie jeden Tag genug zum Leben abringen. Dann wird Rosa als Agentin in das Nobelhotel Bühlerhöhle geschickt, weil sie Orts- und Sprachkenntnis hat. Gemeinsam mit einem männlichen Agenten namens Ariel soll sie den Kanzler Adenauer vor einem Anschlag schützen. Besagter Ariel taucht aber nicht auf, Rosa macht einen Fehler nach dem anderen und stößt mit Sophie Reisacher auf eine ausgefuchste Gegenspielerin, die das Hotel fest im Griff und ihre Nase in allen Angelegenheiten hat. Und schon bald stürzt das Auto des Kanzlers in eine Schlucht …

Bühlerhöhle ist kein Krimi. Brigitte Glaser schreibt aber welche. Und dass sie das kann, merkt man ihrem Roman aus dem Schwarzwald deutlich an: Er ist sehr spannend konstruiert und wartet mit einem Ende auf, das eines James-Bond-Streifens würdig wäre. Zwar treten Rosa und „die Reisacher“, wie sie das ganze Buch über genannt wird, als Gegnerinnen auf, geprägt und bestimmt wird die Geschichte aber eigentlich von drei Frauen. Da gibt es nämlich noch die junge Agnes, die am benachbarten Hundseck arbeitet – wobei der Begriff Nachbarschaft weit gefasst ist, denn das sind gut 45 Minuten zu Fuß. Die Neunzehnjährige gerät in große Gefahr, weil sie einen arabischen Hotelgast von früher erkennt, als jemanden, der ihr etwas angetan hat. Helfen kann ihr da nur ihre bärenstarke Schwester Walburga, die im Wald lebt. Wer was mit wem zu tun hat, das verwebt und klärt Brigitte Glaser auf gar meisterliche und sehr lesenswerte Weise. Wie ein alter Schwarz-Weiß-Film ist das Buch, ein Schelmenstück, ein Verwirrspiel mit fulminantem Schlussakt.

Mir persönlich war der Roman stellenweise sprachlich zu gewöhnlich und lieb, die Figuren waren mir – obwohl ich sie gern mochte – gar zu sehr dem Klischee verfallen: das ängstliche Mädel, das kaum bis drei zählen kann, die vermeintlich mutigen, unabhängigen Frauen, die sich dann doch nur ganz erhitzt dem erstbesten Mann an die Brust werfen, natürlich ohne zu merken, dass er ein Schwindler ist. Insgesamt aber ein gut recherchiertes, originelles und mitreißendes Lesevergnügen, das ich euch auf jeden Fall empfehlen kann.

Bühlerhöhle von Brigitte Glaser ist erschienen im List Verlag (ISBN 13 9783471351260, 448 Seiten, 20 Euro).

Nicht mein Geschmack

selasiTaiye Selasi: Ghana must go
Welt-Bestseller! Was wurde nicht schon alles über dieses Buch geschrieben. Weil: Afrika. Weil: Migration. Weil: amerikanischer Traum und so. Mich hat es völlig erdrückt und angestrengt. Diese Traurigkeit. Diese unglaubliche, wahnsinnige, alles zerfressende Traurigkeit. Eine Welle der Traurigkeit, die hin und her schwappt, über mir zusammenschlägt, mein Gott, ich, die melancholische Bücher liebt, ich konnte nicht mehr atmen.

… as if for a moment she’d ceased to exist: some new odd sort of sadness, part grief, part compassion, a helium sadness, too airless to bear.

Der Roman handelt von einer sechsköpfigen Familie, im ersten Teil stirbt der Vater Kweku Sai. Sehr lange stirbt er vor sich hin, dann ist er tot, und die anderen kommen zur Beerdigung, kommen nach Ghana, wo die Kinder (bis auf eine Ausnahme) noch nie waren: Olu, Taiwo, Kehinde, Sadie und Ex-Frau Fola. Keiner von ihnen hat überwunden, was geschehen ist, als Kweku die Familie verlassen hat. Jeder von ihnen kreist um sich selbst, um seine eigene Trauer, um die Gründe, aus denen die Beziehung zu den Geschwistern nicht funktioniert. Sie sind alle zerbrochen, die Familie als Ganzes und jeder als Einzelner. Das Buch ist eine Innenlebenstudie mal sechs, mit einer fast schon perversen Gefühlsgenauigkeit. Allen sechs Figuren geht es schlecht, sie haben einander und haben sich doch nicht, sie lieben ins Leere, alles schmerzt und nichts verheilt, es ist überaus deprimierend. Mir war das schlicht und ergreifend too much sadness.

tessaNicola Karlsson: Tessa
Tessa hat ein Problem: Sie trinkt. Sie nimmt außerdem Kokain und lässt sich, weil sie sich im Rausch nicht wehren kann, fast schon regelmäßig vergewaltigen. Eigentlich hat Tessa einen Freund namens Niki, aber die Beziehung ist krank und verzerrt, was an Tessas extremen Selbstzweifeln und ihrem irrationalen Verhalten liegt. Sie treibt Niki in den Wahnsinn, will seine Anerkennung, stößt ihn fort, sucht seine Nähe, schreit ihn an, schmeißt ihn raus, nur um ihm dann wieder nachzuweinen … Tessas einziger Lebensinhalt ist sie selbst, sie hat kein Geld und keine Jobs, sie rutscht immer weiter ab, verrennt sich in irgendeinen Scheiß. Ich aber frage mich: Woher kommt das? Was ist passiert? Von einer schlimmen Kindheit ist keine Rede, von anderen Traumata auch nicht, von gar keinem möglichen Grund. Die Autorin bietet mir keine Erklärung für den Hieb ihrer Protagonistin. Whatever happend? Und wohin soll das führen? Einen Weg, einen Konflikthöhepunkt, eine Lösung gibt es ebenfalls nicht. Das gesamte Buch läuft nach Schema F ab: Tessa wacht auf, hat einen schlimmen Kater, ihr ist schwarz vor Augen, der Geschmack in ihrem Mund ist pelzig (wie sonst), sie schwört sich, nie wieder zu saufen, dann treibt sie es zum Beispiel mit einem verheirateten Kerl, der nicht sofort nach dem Sex seine Frau verlässt, deshalb muss sie leider ausflippen und wieder trinken, und alles beginnt von vorn. Joah. Hätte nach dreimal schon gereicht, geht aber permanent weiter. Dieses Porträt zeigt eine erschreckende Abwärtsschleife, es kann als Warnung dienen, die Story an sich ist völlig sinnlos.

Nicht mein Geschmack

Wer hier mitliest, weiß: Ich bin in diesem Jahr ein bisserl ungustelig. Ich hab einen extrem schlechten Lauf und motze deswegen mehr rum als normalerweise, aber in Anlehnung an den klassischen Schlussmachsatz sei gesagt: Es liegt NICHT an mir! Sondern an den Büchern. Die find ich einfach nicht gut, und ein bisserl hab ich auch das Blümchenbloggerische Bücherliebhaben satt, dieses In-den-Himmel-Loben von Lieblingstiteln und Unter-den-Tisch-fallen-Lassen von allem, was nicht ach so toll war. Heute trifft’s erneut zwei hochgelobte Titel, die allerhand gute Kritiken eingeheimst haben und die ihr vielleicht auch kennt.

stroutElizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe
Ach, Elizabeth! Es hat so gut mit uns angefangen. Ich hab dein Buch Olive Kitteridge gelesen, und es war wunderbar. Aber dein jetziger Roman, was soll das sein? Der weinerliche Monolog einer langweiligen Frau, die monatelang im Krankenhaus liegt und nichts zu tun hat, im Ernst? Lucy erinnert sich an ihre Kindheit, weil ihre Mutter an ihrem Krankenbett sitzt, und schön war diese Kindheit nicht. Seltsam vage, verschwommen und distanziert sind diese Erinnerungen, und aus der Gegenwart will die Kranke nicht viel verraten. Wozu redet sie dann überhaupt mit mir? Das Buch ist der Bericht einer Fremden, kein Einblick in das Innerste einer Figur, eine Studie, als wäre es noch kein fertiger Roman. Ich hab es nur gelesen, weil ich im Flugzeug saß und sich die anderen Bücher im Koffer befanden. Im Lagerraum. Es hat mir die Zeit vertrieben, sonst jedoch nichts. Obwohl es ausschließlich von Emotionen handelt, legt es sie derart unbeteiligt auf den Tisch, dass keine von ihnen zur Geltung kommen kann. Elizabeth, was ist passiert? Was ist das für eine schmale Abhandlung, so leblos, fad und ohne einen einzigen golden glänzenden Satz? Ach, und dabei hat es so gut angefangen mit uns.

obrehtTéa Obreht: Die Tigerfrau
Ein Buch, das um die Welt ging – und überall wohlwollend aufgenommen wurde. Es geht darin um den Krieg im damaligen Jugoslawien, um eine junge Frau, die ihren Großvater betrauert, und um einen Tiger. Nun ist euch ja von vornherein klar, dass ich den Roman nicht sonderlich mochte, weil ich ihn hier eingereiht habe, aber die Frage ist natürlich: Warum nicht? Zum einen: Mir fehlte der Zauber. Der Krieg, der hatte nicht den geringsten Zauber, natürlich nicht, aber die Erinnerungen an den Großvater hätten ihn haben können. Seit ich Wie der Soldat das Grammofon repariert von Saša Stanišic gelesen habe, vergleiche ich alle Bücher über diesen Krieg damit, und sie verlieren, eins nach dem anderen. Das ist nicht fair, aber er hat vorgemacht, wie’s geht, und bisher hat es ihm keiner nachmachen können. Bei Téa Obreht bekomme ich irgendwann den Eindruck: Die Aufmerksamkeit hat sie auch nur deshalb auf sich gezogen, weil sie als Einwandererkind den tabuisierten Jugoslawienkrieg thematisiert und weil sie was Mystisches reinspritzt, was Altes, Unheimliches, das irgendwie gewichtig wirkt. Aber die Geschichte mit dem Tiger – sie hat für mich keine Botschaft. Sie ist gut und lesbar, einen Zusammenhang zu den Teilen in der Gegenwart hat sie nicht. Überhaupt: die Zeitebenen. Téa Obreht mischt und springt wild hin und her, bricht alles auf, wechselt von einem Kapitel zum anderen Zeit und Perspektive ohne Marker, an denen ich mich orientieren könnte. Erst nach der Hälfte des Buchs hab ich beispielsweise kapiert, dass „mein Großvater“, wie er immer heißt, in manchen Kapiteln erst elf Jahre alt ist. Vielleicht denkt ihr jetzt, ich sei eben nicht schlau genug, aber im Ernst: Soll das ein Buch interessanter machen, wenn der Leser sich nicht auskennt? Es verwirrt und langweilt mich einfach nur. Zu guter Letzt hat mich auch die Gefühllosigkeit der Protagonistin gestört. Ihr Opa ist tot, und sie reagiert mit: Aha, who cares. Vielleicht will sie sich vor dem Schmerz schützen. Aber Téa Obreht hätte ihn trotzdem spürbar machen können, darauf habe ich den ganzen Roman über gewartet. Er ist da, er sitzt zwischen den Zeilen, und doch scheint sie ihn zu ignorieren. Hätte ich mit diesem Buch auch machen sollen.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

dexter„Möglicherweise muss man verletzt werden, ehe man überhaupt etwas begreift“

„Niemand, der sich für die Frage interessiert, wo Journalisten ihre Storys herhaben, sollte glauben, dass die Kompassnadel jedes Mal neu ausgerichtet wird. Was sie fasziniert, das ändert sich nicht, nur der Ort, an dem sie es aufspüren.“

Für die Journalisten Yardley und Ward ist dieser Ort im Jahr 1965 eine Kleinstadt in Meat County, Florida, zufällig die Heimat von Ward. Hingelockt hat sie Charlotte Bess, die sich in den inhaftierten Mörder Hillary Van Wetter verliebt hat und seine Freilassung erwirken will. Er soll den Sheriff ermordet und ausgeweidet haben, den Sheriff, der in Ausübung seines Amtes zahlreiche Schwarze umgebracht hat. Yardley und Ward finden schnell heraus, dass Van Wetter ohne haltbare Beweise verurteilt wurde. Sie schreiben ihre Story. Doch das ist noch lange nicht das Ende der Geschichte …

Pete Dexter war selbst 15 Jahre lang Zeitungsreporter und hat sich mit Paperboy an den alten Grundsatz gehalten, über das zu schreiben, was man kennt. Sein Ich-Erzähler ist der Bruder von Journalist Ward und der Sohn eines Zeitungsinhabers. Er hat allerlei Probleme: Seit er von der Uni geflogen ist, kriegt er sein Leben nicht auf die Reihe – und spielt vorerst den Fahrer für Yardley und Ward, die betrunken am Steuer erwischt wurden. Deshalb ist er bei allen Recherchen live dabei – und die liefen in den 60er-Jahren noch sehr viel persönlicher ab als heute. Ohne Google, ohne Mails. Die Beziehung der Brüder zum Vater ist nicht gut, Mutter gibt es keine, aber immerhin nähern die beiden sich durch die Zeit, die sie zusammen verbringen, wieder an. Für den Ich-Erzähler geht es um das eigene sexuelle Erwachen, um das Nachahmen des Erwachsenenlebens, um das Sich-selbst-Finden. Für alle anderen geht es um eine gute Story, aber irgendwie auch um Leben und Tod.

Paperboy ist wild und rau und ungnädig. Sehr geil ist das Ambiente der 60er, es wird geraucht, gesoffen, geflucht, die Arbeit der Journalisten ist seltsam unstrukturiert und frei, sie sonnen sich noch im Glanz ihres Berufsstands, und so mancher, der sich einen Namen gemacht hat, tut einfach, was er will. Frauen sind Magneten, von denen die Männer angezogen, aber auch abgestoßen werden, alle spielen miteinander, umkreisen sich, treffen falsche Entscheidungen. Auch Homosexualität, damals noch stärker tabuisiert als heute, spielt eine entscheidende Rolle. Pete Dexter erzählt in einem coolen Matter-of-fact-Ton, der insofern typisch männlich wirkt, als dass er möglichst distanziert sein will und gerade dadurch etwas sehr Emotionales bekommt. Die Gefühle, über die keiner spricht, schimmern stets durch. Ein düsteres, dunkles, beklemmendes, sehr lesenswertes Buch aus einer Zeit, die erst 50 Jahre her ist – und doch längst vergangen.

Paperboy von Pete Dexter ist erschienen bei Liebeskind (ISBN 978-3-95438-008-4, 320 Seiten, 19,80 Euro). Das Buch wurde mit John Cusack, Matthew McMcConaughey und Nicole Kidman verfilmt.

Für Gourmets: 5 Sterne

doerr„Manchmal ist das Auge des Sturms der sicherste Ort“

„Kennst du die größte Lehre der Geschichte? Sie lautet, dass die Geschichte am Ende das ist, was die Sieger sagen.“

Und dem jungen Werner wird eingebläut, dass es nur einen Sieger geben kann: das Deutsche Reich. Der blonde Bub, der in einem Waisenhaus aufgewachsen ist, hat eine große Leidenschaft für Radios und alles Technische. Die bringt ihn an die Akademie, wo er eine Chance auf eine gute Ausbildung erhält – denn im Krieg werden Burschen wie er gebraucht. Werner macht mit, reiht sich ein in den Gleichschritt und versucht, die Zweifel, die tief in ihm drin gären, zu ignorieren. Als er gegen Kriegsende in einem kleinen französischen Städtchen stationiert ist, deckt er ein Geheimnis auf, an dem sich zeigen wird: Ist Werner, wenn es drauf ankommt, ein guter Mensch? Denn dort trifft er Marie-Laure, die allein ausharrt in einer völlig zerbombten Stadt. Sie ist blind. Und was sie tut, könnte sie das Leben kosten …

Im September war ich im Urlaub: die erste Flugreise mit den Kindern. Der Platz im Koffer war beschränkt, ich hatte schon einige leichte Taschenbücher eingepackt, da ich ja keinen E-Reader besitze. Am Abend vor dem Abflug hab ich noch in diesen Roman reingelesen, nicht viel, vielleicht fünfzehn Seiten. Das war ein Fehler. Denn dann musste ich ihn mitnehmen. Ich MUSSTE. Ich stopfte ihn noch zu den Badesachen, und dann saß ich da, am Strand, die Kinder in Sichtweite, strahlender Sonnenschein, die Füße im Sand – und mit dem Kopf mitten im Zweiten Weltkrieg, im Bombenhagel. Mehr als einmal tropften meine Tränen in den Sand, holy moly, das klingt so rührselig, aber was soll ich tun, es ist wahr.

Anthony Doerr hat 2015 für dieses Buch, um das ein großer Hype herrschte, den Pulitzer-Preis bekommen. In Amerika hat ihm das einen sensationellen Erfolg beschert, das deutsche Feuilleton hat sein Werk abfällig behandelt und belächelt. Ich bin wie immer spät dran, aber who cares: Gute Bücher werden nicht schlecht. Und dieses hier schon gar nicht. Deshalb solltet ihr alle, die die Geschichte von Marie-Laure und Werner noch nicht gelesen haben, das unbedingt nachholen: Sie ist großartig. Sehr ergreifend, hart, spannend, tieftraurig und ein weiteres Mahnmal –, auch wenn es viele geben mag, die glauben, davon brauche es nicht noch mehr – dessen, was geschehen ist, was nicht vergessen werden darf. An den vielen Details merkt man, wie gut der amerikanische Autor recherchiert hat – die Arbeit muss Jahre gedauert haben. Die Kapitel sind sehr kurz, die Schnitte sind schnell, was tatsächlich einen Film im Kopf ablaufen lässt, einen Film voll einprägsamer Bilder und mit gelungener Dramaturgie. Anthony Doerr hat viel Liebe in dieses Buch gesteckt, hat sich hineingefühlt in seine zwei Jugendlichen, in diesen Krieg, in diese Ideologie. In Deutschland war es nicht erfolgreich, wofür die Kritiker diverse Gründe gefunden haben, unter anderen die Übersetzung. Ich war allerdings absolut angetan, für mich gehört Alles Licht, das wir nicht sehen zu den besten Büchern, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Den dicken, schweren Wälzer in den Urlaub und an den Strand zu schleppen – das war’s wert.

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr ist erschienen bei C. H. Beck (ISBN 978-3-406-66751-0, 528 Seiten, das HC ist vergriffen und wird nicht nachgedruckt, bei btb ist eine Taschenbuchausgabe erschienen).