Gut und sättigend: 3 Sterne

IMG_9415„Denn manchmal sind Worte Brot, Wasser, Fleisch“
Ada Maria lebt in einem Dorf im Appenin, gemeinsam mit ihrem Bruder und ihren Eltern, es geschieht nicht viel in diesem Dorf, und Ada Maria hat keine Möglichkeit, der Enge zu entkommen. Nach dem Tod der Mutter rückt der Vater von ihnen ab und zieht bei seiner Geliebten ein, Ada Maria bildet mit ihrem Bruder ein verschworenes Zweiergespann. Er arbeitet auf dem Friedhof, sie kümmert sich um den Haushalt. Bis sie eines Tages feststellt, dass da jemand im Wald ist, ein Soldat vielleicht, mehr als zehn Jahre nach dem Krieg, dass da jemand in einer Höhle lebt, der ihr Angst macht – und sie zugleich fasziniert. Tag für Tag geht Ada Maria nun in den Wald, bringt Nahrungsmittel und Kleidung hin, nähert sich diesem Geheimnis an, das ihr Leben verändern wird.

Auf den ersten Seiten bin ich von Magnifica völlig überrumpelt, es ist ein derart sprachgewaltiges Buch. Mit seltsamen Metaphern und einer von Anfang an düsteren Stimmung zieht es mich in seinen Bann. Wie das klingt? Zum Beispiel so:

Magnifica sammelt die Sätze der Mutter, bindet sie sich um wie einen Schal, trinkt sie wie Wasser, lauscht ihnen als Schuldnerin und versucht, während sie sich in die Vergangenheit stürzt, sich nicht heillos darin zu verfangen.

Ihre Haut war jetzt wie diese Waben, ein Gebiet voller Sechsecke, mit neuen geometrischen Formen, Zellen voller Klang. Mit der Zungenspitzt kostete sie vorsichtig. Honig.

Zwischen ihnen war jetzt nur noch – fest und unzertrennlich – eine Girlande mit Schmetterlingen.

Nun ist es so, dass ich derart originelle, poetische Sprachbilder sehr mag, und so bin ich mit dem ersten Drittel des Romans mehr als zufrieden. Doch dann geschehen zwei Dinge, die das ändern: Zum einen gerät die Handlung aus dem Tritt, zieht und zieht sich, die Sequenzen, in denen Ada Maria wieder und wieder in den Wald geht, sich aber nicht viel bewegt, sind mir zu lang. Zum anderen geschieht etwas, das ich euch nicht verraten kann, ohne zu spoilern, es sei nur so viel gesagt: Dieses Ereignis entzieht in meinen Augen der Geschichte jegliche Seriosität, macht sie schrecklich banal, wie einen Sat1-Film, und das kann ich ihr nicht vergeben. Ab diesem Moment sehe ich den Roman an wie jemanden, der mich schwer enttäuscht hat.

Zu guter Letzt lässt mich der Aufbau des Buchs ratlos zurück. Die Rahmengeschichte handelt von Magnifica, selbst schon recht alt, die von ihrem Sohn Andrea einen Stift bekommt, mit dem sie ihre Geschichte aufschreibt. Allein: Es ist gar nicht ihre Geschichte, sondern die ihrer Großmutter bzw. ihrer Mutter Ada Maria. Das wäre ja völlig in Ordnung, wenn Magnifica selbst dann auch noch ihren Anteil bekäme oder das zumindest von Anfang an klar wäre. Das ist jedoch nicht der Fall. Nachdem Maria Rosaria Valentini sich sehr, sehr viel Zeit für Ada Maria genommen hat, behandelt sie Magnifica quasi stiefmütterlich: Ihr gesamtes Leben wird in wenigen Sätzen abgehandelt. Das liest sich, als habe sie einfach keine Lust mehr gehabt, weiterzuschreiben, und bremst den gesamten Roman am Ende unangenehm aus. Was wegen der schönen Sprache und der tollen Bilder ein umso größerer Verlust ist.

Magnifica von Maria Rosaria Valentini ist erschienen bei Dumont (ISBN 978-3-8321-9874-9, 304 Seiten, 22 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

IMG_9103 2„Ich möchte Geschichten schreiben und Geschichten erleben, nicht immer nur Anekdoten“

„So wurde der Penis zum Spog. Spog steht für Sportgerät. Prispog steht für primäres Sportgerät. Man durfte nicht mehr ficken oder vögeln sagen, es hieß koitieren bis Ende des Jahres, nächste Saison soll ein neues Verb kommen: interkursieren.“

Leon ist ein Sportstar, und sein Sport ist Sex. Er nimmt als professioneller Vögler – oder besser gesagt: Interkursierer? – an der elften Sex-Weltmeisterschaft teil, die in Kopenhagen stattfindet. Wir schreiben das Jahr 2028, kein anderes Land wollte diese Weltmeisterschaft austragen, und auch im vermeintlich noch liberalen Dänemark geht sie nicht ohne Proteste, Polizeischutz und Gefahr über die Bühne. Leon hadert mit seinem Dasein, und es ist ein Hadern auf hohem Niveau: Er ist berühmt, er ist reich, er hat Neider, er hat Sex – alles davon ohne Ende. Täglich trainiert er mit den Frauen im Team, von denen Sally seine bevorzugte Partnerin ist, weil er sich einbildet, verliebt in sie zu sein. Dabei kennt er sie, obwohl er bereits jede Stelle ihres Körpers tausendmal berührt hat, kaum, weil die Teammitglieder nicht privat miteinander verkehren. Immer mehr steigert er sich in gewisse Fantasien hinein – während sich auch die politische Lage zuspitzt. Auf dem Weg zum möglichen Weltmeistertitel stellen sich mehr und mehr Hindernisse in Leons Weg, und am Ende sieht er nur eine Lösung, die gelinde gesagt überraschend ist.

Helmut Krausser ist eine geile Sau. Das weiß jeder, der schon ein Buch von ihm gelesen hat – und mit seinem neuen Werk beweist er es einmal mehr. Während der Lektüre hatte ich ständig den sexistischen Gedanken im Kopf: Was, wenn eine Frau so etwas geschrieben hätte? Was, wenn eine Frau vom Ficken und Blasen und Morden erzählen würde, in einer so vulgären und dabei gleichzeitig unaufgeregten Sprache? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kritiker das so wohlwollend aufnehmen würden, wie sie es bei Krausser tun. Doch spielt eine derart müßige Überlegung keine Rolle: So oder so ist Geschehnisse während der Weltmeisterschaft ein hochgradig originelles, kurioses, unterhaltsames Buch, das ich vor allem aus dem Grund geliebt habe, weil es sich nicht um gängige Regeln schert. Endlich mal was Neues, endlich mal Fantasie und Utopie und Gestörtheit! Das ist großartig.

Die Geschichte an sich erzählt auf überzeichnete und überdrehte Weise von etwas, das wir auch heute schon kennen: Leistungsdruck bis ins Extreme, eine Perfektion der Körperlichkeit, wie sie nicht existieren kann, eine Bewertung mit Jurypunkten von etwas, das „natürlich“ sein sollte und nicht an die Möglichkeit gekoppelt, überhaupt bewertet zu werden. Sex als satirisches Mittel für eine solche Gesellschaftskritik zu verwenden, ist freilich nicht neu und trotzdem genial. Helmut Krausser schreibt in seinem neuesten Roman über das Zusammenspiel und die Getrenntheit von Sex und Liebe, über eine Obsession, die außer Kontrolle gerät, über die Politik der Zukunft und die Rückkehr zu intoleranten Weltanschauungen. Er tut das auf souveräne und konsequente Weise, führt uns zu dem offenbar einzig möglichen Ende, das ich dennoch nicht habe kommen sehen. Gutes Buch.

Geschehnisse während der Weltmeisterschaft von Helmut Krausser ist erschienen im Berlin Verlag (ISBN 78-3-8270-1203-6, 240 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

  1. 102570701_d87263a591Es wird nicht mehr besser.
  2. Du verschwendest deine Lebenszeit.
  3. Du wirst dich am Ende ärgern, weil du deine Lebenszeit verschwendet hast.
  4. Halte es mit Elsa aus dem beliebten Disney-Film Frozen: Let it go. Manchmal muss man sich verabschieden und loslassen können. Einen Menschen, einen Traum oder eben die Vorstellung, dass das ein gutes Buch sein könnte.
  5. So many books, so little time! Wende dich lieber dem Nächsten zu. Das ist wie auf Tinder: angustieren, aussortieren, weitermachen.
  6. Ein schlechtes Buch quält. Es liegt herum und schaut vorwurfsvoll, wenn man vorbeigeht. Man weiß, man sollte weiterlesen, aber man will eigentlich nicht, und deswegen kriegt man schlechte Laune. Wie viel schöner wäre die Welt, wenn das vorwurfsvolle, schlechte Buch nicht mehr da wäre! Eben.
  7. Die Erfahrung hat Recht. Und die Erfahrung sagt: Wenn wir nichts miteinander anfangen können, das Buch und ich, dann ändert sich das nicht, auch wenn ich mehr und mehr Seiten lese. Das Bauchgefühl bleibt, und manchmal ist es halt einfach kein gutes.
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  8. Ein Gericht, das dir nicht schmeckt, würdest du ja auch nicht aufessen.
  9. Es ist kein Scheitern und kein Versagen deinerseits, wenn du ein Buch abbrichst. Es ist vielmehr das Buch, das gescheitert ist. Und wer will schon einen Loser im Haus haben?
  10. Du verpasst nichts. Dir entgeht nichts. Es ist nicht schlimm, wenn du nicht weißt, was sonst noch in diesem Buch geschieht. Vermutlich nichts, das ist ja das Problem.
  11. Schlechte Bücher kann man viel leichter loswerden als schlechte Menschen.
  12. Das ist wie beim Radio: Wenn ein Lied kommt, das du nicht magst, wechselst du ja auch den Sender.
  13. Jemand anderer findet das schlechte Buch vielleicht gut. Gib diesen beiden die Chance, zusammenzukommen, indem du dich von dem Buch trennst und es verschenkst. Oder im Park aussetzt. Auf der hintersten Bank. Im Schatten.
  14. Es wird nicht mehr besser!

*Diese Liste kann, wie immer, Spuren von Ironie enthalten.

Für Gourmets: 5 Sterne

IMG_9113„Ich mag dich zu sehr, sagte ich, ungeschickt, aber aufrichtig, und es tut mir nicht gut, dich so sehr zu mögen“

Er ist Amerikaner, unterrichtet jedoch in Sofia, wo er als Expat lebt, wo er die Sprache zwar spricht, aber nicht perfekt, wo er zuhause ist und doch sehr fremd. Auf der Suche nach Sex geht er zu einer öffentlichen Toilette, einem bekannten Treffpunkt für homosexuelle Männer, und dort lernt er Mitko kennen. Was dann beginnt, ist keine Liebesgeschichte, ein reiner Tausch von Geld gegen sexuelle Handlungen ist es aber auch nicht, vielmehr etwas dazwischen, das sich nur schwer oder gar nicht definieren lässt. Das ist in Ordnung, viele Beziehungen entziehen sich der gängigen Definition, und das macht sie anders, macht sie besonders. Die Frage bei der Beziehung in Was zu dir gehört ist nur, ob sie gut tut, ob sie gleichwertig ist und überhaupt sein kann, wo ihre Grenzen verlaufen und wer diese vielleicht längst überschritten hat. Dies ist ein Buch über Anziehungskraft und Abhängigkeit, über Scham und Sehnsucht und Leidenschaft und das, wonach wir alle suchen: diesen einen Moment, in dem wir uns verstanden und sicher und aufgehoben fühlen.

Was zu dir gehört hat mich gefordert. Ich habe es sehr aufmerksam gelesen, neugierig darauf, ob es anders ist zwischen Mann und Mann als zwischen Frau und Mann, wenn es um Macht geht und um Sex – und wenn ja, auf welche Art. Aber selbst nachdem ich es beendet hatte, konnte ich diese Frage für mich nicht beantworten. Ja. Und nein. Wer hat denn die Machtposition inne: der, der das Geld bezahlen kann, damit der andere ihm seinen Körper gibt, oder der, der über diesen Körper verfügt, den der andere so sehr begehrt? Vieles in der homosexuellen Welt ist mir fremd, nicht befremdlich, aber fremd, und vor allem hat der amerikanische Autor – der an der Harvard University und am bekannten Iowa Writers’ Workshop studiert hat – immer dann, wenn es brenzlig wurde und erotisch, ausgeblendet, wie man das eben so macht in Amerika. Dadurch bleibt eine aufgeladene, sehnsuchtsvolle Atmosphäre, ein dichter, schwerer Nebel, in dem ich den einzelnen Handlungen nicht immer ganz folgen konnte. Trotzdem hat die Sprache mich abgeholt, hat der Inhalt mich erschüttert, interessiert, beschäftigt.

Ich denke oft darüber nach, wie es wohl ist, nicht zu entsprechen – in Sachen sexueller Orientierung. Zu merken, dass man nicht heterosexuell ist, als Jugendlicher, als Kind vielleicht schon oder später als Erwachsener, den Erwartungen der Eltern nicht zu entsprechen, ausgegrenzt zu werden, sich zu schämen, sich zu verleugnen. Dazu gibt es in diesem Roman Szenen aus der Jugend des Protagonisten, mit seinem Vater, die sehr intensiv und eindringlich sind. Garth Greenwell hat ein wichtiges Buch geschrieben, das traurig ist und seltsam, verstörend und emotional, ein Buch über Menschen, die uns vorkommen wie die Richtigen und dabei doch die Falschen sind. Das Ende ist in meinen Augen zu dramatisch, ein wenig überzogen, doch nichtsdestotrotz hat Was zu dir gehört mich sehr berührt, mir Einblick gegeben in eine Welt, die gleich neben meiner existiert und vielleicht ja doch nicht so anders ist. Denn diese unstillbare Sehnsucht, die gibt es da wie dort.

Was zu dir gehört ist erschienen bei Hanser Berlin (ISBN 978-3-446-25852-5, 240 Seiten, 22 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

Cerha„Ich spüre mich nicht. Ich spüre meine Grenzen nicht. Ich weiß nicht, wo ich aufhöre“

„Der frühe Morgen war die einsamste Tageszeit. Der ganz frühe Morgen, wenn es im Sommer gerade hell wurde und die ersten Vögel vereinzelt gegen den Schlaf aufzwitscherten, wenn im Winter noch alles still war und er aus seinem intensiven Traum erwachte.“

Das Träumen wird für Dave zum Thema, als er immer seltsamere und intensivere Träume hat, die ihn auch am Tag beschäftigen. Er, der als Musiker gescheitert ist und sich sein Geld als frustrierter Lehrer verdient, er, der drei Kinder hat, von denen das Älteste nur noch vor dem Computer hängt und die Schule schwänzt, er, dessen Frau Karriere gemacht hat als Ärztin – und der nicht so genau weiß, wie es weitergehen soll mit ihm. War das alles? Was kann, was will er noch erreichen? Und wie viel von seiner Antriebslosigkeit liegt an seinen depressiven Schüben? Das sind Fragen, die in Daves Leben auftauchen, aber es gibt auch konkretere: Wer ist die Frau in seinen Träumen, was hat das alles mit seinem Vater zu tun, zu dem er kein gutes Verhältnis hat, und was ist damals in New York geschehen?

„Ich hasse es, mich nicht an meine Träume zu erinnern, sagte Dave mit Verve, es ist schrecklich, einzuschlafen und in dieses Nichts zu fallen, das nach dem Aufwachen nicht mehr ist als ein Loch im Bewusstsein.“

Deshalb versucht Dave, seinen Träumen auf die Spur zu kommen – und der Geschichte seiner Familie.

Ruth Cerha ist einfach großartig. Ich verehre sie schon lange, weil sie so wunderbare Bücher wie Kopf aus den Wolken und Bora. Eine Geschichte vom Wind geschrieben hat, und seit ich sie persönlich kenne, verehre ich sie noch mehr. Letztes Jahr im November, als ich zur ersten Vertreterkonferenz meines Lebens geladen war, um meinen Roman vorzustellen, hat Ruth mich unter ihre Fittiche genommen, und als wir diesen März in Leipzig waren, hatten wir trotz sibirischer Kälte und Zugausfall „a Gaudi“, wie wir in Österreich sagen, unsere Bücher haben wir auch getauscht, deswegen hat meine Ausgabe von Traumrakete eine sehr schöne Widmung – und ich konnte gleich auf der Heimreise anfangen zu lesen.

Träume sind, finde ich, schwer zu beschreiben, wenn man selbst einen Traum erzählen möchte, merkt man gleich, dass man das nicht so rüberbringen kann, wie es war, und wenn man einen Traum erzählt bekommt, kann man meistens nicht folgen, es nicht nachempfinden. Umso mehr Respekt habe ich davor, dass Ruth sich ausgerechnet an dieses Thema herangetraut – und es mit Bravour gemeistert hat. Daves Träume, die einen Großteil des Buchs ausmachen, sind tatsächlich surreal und der Realität enthoben, dabei aber nie zu wirr oder unverständlich. Sie sind wichtige Anhaltspunkte bei der Suche, auf die man sich als Leser gemeinsam mit Dave macht, der Suche nach Antworten. Ruth Cerha bleibt dabei stets sehr nah dran an ihrem Protagonisten, durchleuchtet ihn vollständig, macht ihn sicht- und greifbar, lässt ihn nie aus den Augen. Besonders gelungen finde ich ihre Beobachtungen, über den Alltag als Familienvater, als Lehrer, der sich etwas anderes vorgestellt hat im Leben, als Ehemann, als Träumender. Sie sind treffsicher und am Punkt.

„Dave sah ihr nach mit diesem auszehrenden Bedauern in der Brust, das man nur seinen eigenen Kindern gegenüber empfindet, eine ganz spezifische Kombination aus bedingungsloser Liebe, nagenden Schuldgefühlen und äußerster Hilflosigkeit.“

Ich weiß, wie sehr Ruth New York liebt, und man merkt es auch im Buch an den detaillierten Beschreibungen, die die Stadt lebendig machen – und noch mehr zu einem Sehnsuchtsort, den ich endlich besuchen will. Ich weiß auch, dass immer dann, wenn ein Roman sich sehr leicht und flüssig liest, sehr viel Arbeit dahintersteckt – was man aber, und das ist die Kunst, nicht merkt. Ich freue mich schon, und das ist wohl das Beste, was ich sagen kann, auf Ruths nächstes Werk.

„Aber es war so ein wunderbares Gefühl,  ohne Gewicht zu sein, sagte er schließlich. Diese Leichtigkeit.“

Traumrakete von Ruth Cerha ist erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt (ISBN 9783627002497, 480 Seiten, 24 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

Leky
„Man kann nicht für immer mit jemandem zusammen sein, der sich ständig fragt, ob er einen verlassen soll“

Luise hat einen besten Freund, der heißt Martin, und eine Oma hat sie auch, die heißt Selma. Wenn Oma Selma von einem Okapi träumt, stirbt jemand im Dorf, so heißt es, und deswegen sind die Dorfbewohner dann nervös. Zu Recht, denn die Legende ist tatsächlich wahr. Dabei ist ihnen – besonders der verträumten Luise – nicht klar, von welcher Seite der Tod zuschlagen wird. Verträumt ist Luise auch als Erwachsene noch, verstockt, schüchtern, sie würde die Heimat nie verlassen, bewegt sich nur auf den längst ausgetretenen Pfaden, wie ein Mäuschen, das hin und her huscht und keine Aufmerksamkeit erregen will. Was kein Problem wäre, wenn sie sich nicht verlieben würde in Frederik, der unglücklicherweise buddhistischer Mönch ist und in Japan lebt. Die Jahre vergehen langsam in Luises Leben und irgendwie auch schnell, bis es ihr endlich gelingt, Entscheidungen zu treffen, die etwas in Bewegung bringen.

Was man von hier aus sehen kann ist so ein Buch, das hat man eine Zeitlang überall gesehen, wirklich überall, wenn man sich, wie ich, in der Buchfilterblase bewegt, alle haben es gelesen, und viel wichtiger: Alle haben es geliebt. Wenn so etwas geschieht, dann bin ich manchmal zwar neugierig auf das Buch, will es aber partout nicht zur selben Zeit lesen, deshalb bin ich jetzt recht spät dran. Das macht aber nichts, denn sobald der Hype vorbei ist, haben das Buch und ich unsere Ruhe. So war es mit Mariana Lekys neuem Werk und mir. Diese Ruhe haben wir auch gebraucht, genau wie Zeit, denn obwohl ich, das sag ich gleich vorweg, diesen Roman sehr mochte, hat es ewig gedauert, bis ich damit durch war. Stellenweise habe ich das Verschrobene, Zarte, Seltsame gefeiert und geliebt, dann wieder hat es mich derart genervt, dass ich nicht weiterlesen konnte. Es war mir zu viel an Merkwürdigkeiten, es war mir alles zu langsam, zu ereignislos. Luise ist eine wahnsinnig passive Protagonistin, und da ich selbst so ein Hau-drauf-Typ bin, fällt es mir immer schwer, mit derart stummen, ängstlichen Figuren zu gehen. Mehr als einmal wollte ich Luise anschreien, schütteln, aufrütteln. Aber man braucht Geduld mit ihr, das hab ich eingesehen, mit ihr und mit diesem Buch.

Deshalb hat es lange gedauert und meine Geduld wurde strapaziert, aber auch das macht nichts, denn es hat sich gelohnt. Der Hype, die überschwänglichen Lobeshymnen, die begeisterten Kritiken, all das ist in meinen Augen absolut berechtigt. Was man von hier aus sehen kann ist ein fein ausbalanciertes, melodisch komponiertes Buch mit einer großen Portion Verrücktheit, es ist nicht alltäglich, und das macht es originell. Es ist bittersüß und zart, es hat liebenswerte, kauzige Charaktere, Handlung hat es nicht viel, aber eine meisterhafte, verspielte Sprache, die durchgängig bis zum Schluss den Ton hält. Am Ende ergibt alles einen Sinn, und das ist vielleicht das Beste, was man über einen Roman sagen kann.

Was man von hier aus sehen kann ist erschienen bei Dumont (ISBN 978-3-8321-9839-8, 320 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

Ich habe Vor dem Sturm von Jesmyn Ward geliebt. Lest dieses Buch, Leute! Und Was ich euch nicht erzählte von Celeste Ng – das ist ebenso grandios. Nur die zweiten Romane dieser beiden Autorinnen, soeben erschienen, die sind es in meinen Augen nicht. Und das ist tragisch, es spielt diesem alten Dilemma in die Hände, unter dem ich seit langer Zeit leide: Viele, viele Jahre lang hab ich, sobald mir ein Buch eines Autors gefallen hat, kein weiteres mehr von ihm gelesen. Und im Moment denke ich, ich sollte vielleicht wieder zu dieser Gewohnheit zurückkehren.

Ich schrecke nicht davor zurück, ein Buch abzubrechen. Wenn es mich nicht packt, verschwende ich keine Lebenszeit damit, ich gebe ihm 50 Seiten oder 70, ganz selten 100, und doch, ja, mit der Zeit lernt man: Wenn es bis dahin nicht funkt, funkt es auch später nicht mehr. Aber bei Ward und Ng wollte und wollte ich nicht aufgeben. Ich hab mich durchgequält, quergelesen, ich hab mich geärgert und geflucht, nur abgebrochen hab ich die Bücher nicht, weil ich dachte: Die anderen waren so gut. Da muss doch noch was kommen. Es kam aber nichts.

Und wie es aussieht, bin ich die Einzige, der es so ergangen ist – ich lese ausschließlich Lobeshymnen auf Kleine Feuer überall und Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt. Das macht es freilich jedes Mal noch schlimmer, als es eh schon ist. Wenn man weiß: Ich steh mit meiner Meinung ganz allein da. Alle haben dieses Buch verstanden, nur ich nicht. Alle haben sich verbunden gefühlt und sind begeistert, schreiben, dass das ihr Lesehighlight sei und eine großartige Empfehlung, bloß ich dachte Nein und Bitte nicht und Das kann doch nicht wahr sein.
IMG_8866Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt
Kennt ihr das, wenn ihr mit einem Buch beginnt und sofort wisst, dass das nichts wird mit euch? Als würdet ihr einen Menschen kennenlernen, der euch in der ersten Sekunde unsympathisch ist. So erging es mir mit Jesmyn Wards neuem Werk, und ich wollte es nicht wahrhaben, denn ich hatte mich richtig drauf gefreut, und meine Erwartungen waren hoch. Was also tun? Erst mal weitermachen. Das Gefühl ignorieren, den Verstand einschalten. Aber die Figuren bleiben unzugänglich, das Roughe daran viel zu übertrieben, die Handlung eindimensional und fad. Nur weil man zwischen Perspektiven wechselt, bedeutet das ja nicht, dass was passiert im Buch. Natürlich versucht mein Herz, Jojo zuzufliegen, weil er noch ein Kind ist, weil ich Mitleid habe mit ihm, weil ich ihn schützen will vor der lieblosen Umgebung, in der er aufwächst, aber es kommt nicht weit. Wie Jojo seine Schwester umhätschelt, dieses fast schon puppenhaft leblose Mädchen, das immer nur schluchzt, das ist mir too much, wie seine Mutter Leonie auf betont lässig und emotionslos macht, finde ich komplett unglaubwürdig, die Story mit den Drogen sehr klischeehaft. Und dann die Sache mit den Toten und den Geistern, nein, also ehrlich, da schwimmt so viel Zeug in dem Topf, dass ich es nicht auslöffeln kann und will. Der Ton strengt mich unheimlich an und stößt mich ab, ich komme nicht rein in das Buch, und was ihr alle daran gefunden habt, das weiß ich nicht.

 

NgLittle fires everywhere
Wenn ich etwas nicht ausstehen kann, dann ist das ein Roman, an dessen Anfang bereits das Ende steht – und an dessen Ende nichts Neues mehr kommt. Wozu soll ich das denn alles lesen, wenn ich sowieso schon weiß, was geschieht, wenn ich keinen Anreiz mehr habe, zu erfahren, was geschehen ist? Celeste Ng, die mit ihrem hochgelobten Buch Was ich euch nicht erzählte einen Riesenerfolg gelandet hat, hat anscheinend kurz vor ihrem zweiten Roman alles über Erzählstrategie verlernt. Am schlimmsten finde ich die Rückblenden in den Rückblenden, die nicht nur für völlige Verwirrung sorgen und mich immer mehr den roten Faden verlieren lassen, sondern auch stets etwas erzählen, das die Figur, um die es gerade geht, eigentlich nicht wissen kann. Und das ist auch der Autorin aufgefallen, denn ab und zu kommen Einschübe wie „Mrs. Richardson, of course, couldn’t know all of this.“ Ach nein? Aber dann schreib es doch bitte nicht über sie drüber, finde eine andere Möglichkeit! Und genauso schwach erscheint es mir, den Leser willkürlich mit Infos in Klammern zu füttern, also beispielsweise aus der Sicht der Teenagertochter zu schreiben und nebenbei zu sagen (ihr Freund, also der wird das später übrigens nicht mehr so sehen), sowas ärgert mich regelrecht, ich empfinde es als Faulheit der Autorin, sich nicht die Mühe zu machen, eine ordentliche Abfolge der Zeiten und Perspektiven zu finden. Davon abgesehen ist Little Fires everywhere eine uninteressante, langweilige Story mit typisch amerikanischer Moral, mit erhobenem Zeigefinger und klischeehaften Figuren: einer brotlosen Künstlerin und einer reichen Familie, in der die rich kids vor Langeweile nur Blödsinn machen. Nichts an diesem Buch hat mich auch nur in irgendeiner Weise angesprochen.

Und bald wird sich die Frage stellen: Lese ich ein drittes Buch von Ward und Ng oder lasse ich es endgültig bleiben?

Für Gourmets: 5 Sterne

IMG_8865„Es ist das Einzige, das sie nicht verhandeln können: die Realität. Sie leben, er ist tot“

„Mit seinem Tod zieht ein Gast ein. Wie ein Tier sieht das Wesen aus, sein Rücken mit Haaren, die Wirbel so krumm. Es hockt, seine Schienbeine gerade über dem Boden. So sitzt es da, bereit, nicht zum Sprung, auf der Lauer. Es ist hier, um zu bleiben.“

Milla hat ihren besten Freund Jan verloren. Jan, den sie schon als Kind kannte, Jan, mit dem sie einst zusammenwohnte und später nicht mehr, Jan, dem sie so viel nicht gesagt hat, was sie ihm hätte sagen müssen. Jan ist tot, seit bald fünf Jahren schon, und Milla hat jetzt ein Kind, auf das sie aufpasst, das sie versorgt und tröstet, dem sie vorliest und aufhilft. Ein Kind namens Emma, das bei Milla wohnt, aber nicht Mama zu ihr sagt, weil Emma nicht Millas Tochter ist. Und das ist der Punkt, an dem es nicht nur traurig wird, sondern auch kompliziert, so, wie es immer ist mit der Liebe und dem Tod.

Sina Pousset hat einen Debütroman geschrieben, der einem den Kopf unter Wasser drückt. Die Welt ist dann weg, außen vor, die Geräusche sind gedämpft, die Farben auch, der Blick ist trüb und vielleicht hat man ein bisschen Angst. Angst, dass dieses Buch einem wehtun wird, und dazu kann ich nur sagen: Das ist begründet. Schwimmen lässt garantiert niemanden kalt. Es ist ein Buch über die Freundschaft und jene Grenzen, an denen Freundschaft ausfranst, sich verwandelt, wenn man es zulässt, an denen sie aber auch zugrunde gehen kann, wenn man nicht aufpasst, wenn man den Zeitpunkt verpasst, immer wieder. Es ist außerdem ein Buch über die Unfähigkeit weiterzumachen nach einem Verlust, der so umfassend ist, dass man sich wie ausgehebelt fühlt danach, als sei oben unten und unten oben, als habe man kein Ziel mehr und keinen Anker.

„Das Problem haben die, die zurückbleiben und versuchen, einen Sinn darin zu finden.“

Bemerkenswert ist Sina Poussets Sprache. Sie holt mich ab, da, wo ich stehe, keine Minute dauert das, ich lese die erste Seite und weiß: Ja. Dir reiche ich die Hand, mit dir gehe ich mit, es macht nichts, wenn wir ins Wasser müssen, wenn wir tauchen müssen. Wenn du diese Sprache hast, dann folge ich dir. An den Strand und in das Haus, in dem Jan und Milla so eine gute Zeit hatten, dort in Frankreich. Zur Spurensuche nach dem Warum. Und zu jenem Menschen, der die Antworten kennt. Ich höre zu, ich nicke, und einmal weine ich vielleicht kurz, aber das kann man unter Wasser zum Glück ja nicht sehen.

„Alles ist hier. Nichts geht zu Ende.“

Schwimmen von Sina Pousset ist erschienen bei Ullstein fünf (ISBN  9783961010073, 224 Seiten, 18 Euro).