Gut und sättigend: 3 Sterne

Mackintosh„Wenn man lange genug über eine Sache redet, kommt irgendwann der Zeitpunkt, wo man sie tatsächlich will“
Gretchen ist ganz schön am Arsch. Sie trinkt zu viel, hat Narben vom Ritzen, kann keinen ihrer Freunde behalten und hat versucht, sich umzubringen. Sie hat Borderline, zumindest denkt das ihr Freund. Oder Ex-Freund. Oder einer der vielen Männer eben. Woher das kommt, dass Gretchen so am Arsch ist, das ist irgendwie unklar, denn ihre Kindheit – in der ja immer die Wurzeln für sämtliches gestörtes Verhalten liegen – war eigentlich sehr schön. Sie hat mit ihren Eltern und ihrer Schwester am Ende von England gelebt, mit Schafen und vielen wissenschaftlichen Vorträgen des schrulligen Vaters. Die Eltern haben einander geliebt und sie haben ihre Kinder geliebt, aber jetzt hat Gretchens Schwester noch viel öfter versucht, sich umzubringen, als Gretchen selbst, und der Vater ist tot. Die Leere in Gretchens Inneren lässt sich nicht füllen, nicht mit Sex, nicht mit Alkohol, also schreit Gretchen auf einer Theaterbühne verzweifelt und schreibt tragisch-traurige Geschichten.

Wenn in einem Buch viel gesoffen und gefickt wird, sind alle immer gleich so: Ohooo und Ach du meine Güte und Oh Gott. Das erklärt zu einem Teil den Hype um Anneliese Mackintosh und ihren rotzigen Stil. Da kotzt eine aufs Papier. Sie durchtränkt ihr Buch mit Tränen, Sperma, Schweiß und billigem Whisky. Die Ich-Erzählerin Gretchen ist ein Mädchen, das eigentlich alles hat und dennoch vor Unglück fast umkommt. Hat sie wirklich das Borderline-Syndrom? Woher kommt all der Selbsthass in ihr? Sind das einfach nur fette First World Problems? Sie sucht die Schuld bei den Eltern, bei den Männern, bei sich selbst, schiebt die Schuld von einem zum anderen, nirgends bleibt sie haften. Die Autorin, die wie ihre Protagonistin in Nottingham studiert hat, hat einen Master in Creative Writing, und bei manchen Sätzen merkt man das. Generell soll die Sprache aber ganz klar nicht schön sein, sondern knallig, hart, direkt und verroht. Das gelingt streckenweise gut, dann wieder weniger. Der jammernde Ton klingt manchmal auch einfach wie das Tagebuch einer Fünfzehnjährigen. In der Pubertät hasst man ja auch alle, einschließlich sich selbst.

So bin ich nicht ist kein Roman im eigentlichen Sinn. Es ist ein Sammelsurium aus Einzelstücken, fast kolumnenartig, ein Mix mit Ansichten über die Welt ohne erkennbare Reihenfolge. In Gretas Storys – wie der Untertitel sagt – geht es um Sex und Alkohol, um den Versuch, die Liebe zu finden, um den Tod eines Vaters und um Weihnachten, um das Vermissen, um Wut und ums Lesbischsein. Irgendwie geht’s halt um alles, was einer jungen Frau mal so einfallen kann. Der Klappentext schubst den Leser ein wenig in die falsche Richtung, weil er vermuten lässt, das Buch sei auf freche Art witzig. „Greta will nur Liebe, Glück, Mittag essen mit Margaret Atwood und endlich einen richtigen Orgasmus.“ Hört sich an wie heitere, leichte Ach-wir-Frauen-wieder-Unterhaltung. Aber So bin ich nicht ist nicht witzig. Nicht einmal ein bisschen. Von leichter Kost ist Anneliese Mackintosh so weit entfernt wie ich von der Victoria’s-Secret-Modelfigur, und glaubt mir, das ist weit. Dieses Buch ist fies und übel und es stinkt. Es ist Kotze und Pisse und Gehirnwichserei, und zwar so viel davon, dass ich zwischendrin manchmal entnervt dachte: Ist ja schon gut, ey, ich hab’s verstanden! Das ist vielleicht nicht sehr feinfühlig von mir, aber nun ja – so bin ich nicht.

So bin ich nicht von Anneliese Mackintosh ist erschienen im Aufbau Verlag (ISBN 978-3-351-03628-7, 256 Seiten, 19,95 Euro).

Netter Versuch: 2 Sterne

Sasa„Es geht in Unterhaltungen nicht unbedingt darum, einander zu verstehen, sondern es miteinander auszuhalten“
Mo ist immer sehr schnell verliebt, und wenn Mo verliebt ist, dann gibt er alles. Dann schwimmt er zum Beispiel zum Floß von christlichen Menschenrechtsaktivisten, um seinem Schwarm Rebekka nahe zu sein. Ihretwegen fliegt er auch nach Stockholm, wo er das Gemälde einer syrischen Surrealistin stiehlt, das leider sehr hässlich ist. Auf der Romanija steht eine Fabrik, die von Hirten bewacht wird und vielleicht Jahreszeiten produziert. Die Hirten essen am liebsten Mars, und der kleinste Hirte hat, wenn er singt, die Stimme einer alten Frau. Georg Horwath fliegt nach Brasilien und steigt in das Auto von Ali, dem falschen Chauffeur auf dem Weg zum falschen Ort, was sich für Georg Horwath absolut richtig anfühlt. Und dann ist da noch die Uckermark, wo man sich an den Schriftsteller erinnert, der mal da war, und wo alle noch anzutreffen sind: Lada, der jetzt selbst schreibt, Zieschke und Ulli. Neu dazugekommen ist der Fallensteller, der angeblich alles fangen kann, Mäuse und Menschen, und der nur in Reimen spricht. Er ist geheimnisvoll, titelgebend und unergründlich – wie alle Geschichten in diesem Band.

Die Geschichte von Saša Stanišić und mir geht so: Vor acht Jahren las ich seinen hochgelobten Erstling Wie der Soldat das Grammofon repariert und den mochte ich so, dass ich beschloss, dass Saša Stanišić jetzt mein Freund ist. Es ist halt eher eine einseitige Freundschaft, von der er nichts weiß. Darauf folgte Vor dem Fest, ein Buch, das so anders war und wirr und verrückt, irgendwie manisch, aber Saša Stanišić da schon mein Freund war, hab ich ganz genau hingeschaut und hingespürt und hab mich reinfallen lassen in die Verschwurbeltheit. Und wie das so ist mit Freunden, manchmal siehst du sie nach Jahren wieder, und wenn sie den Mund aufmachen und reden, verstehst du nichts. Dann schaust du hin und spürst du hin und lächelst freundlich, aber innerlich denkst du dir: What the fuck? So ging’s mir nun mit dem Fallensteller. Während der Lektüre hab ich mich gefragt, ob das noch Genie ist oder schon Wahnsinn. Ich würde sagen: beides. Da sind Storys drin, die sind grandios und märchenhaft und tief. Es sind aber auch Storys drin, die sind einfach nur blöd, und welche, die klingen wie arabischer Singsang, unverständlich, einschläfernd, fremdartig.

Wenn ich mich als kleine Bloggerin nun negativ äußere über ein Buch, das gerade einen Staffellauf durch das Feuilleton macht, gelte ich, das hatten wir ja alles schon, als unwissend und unverständig. Eventuell bringt dann die Zeit wieder einen Artikel über die stumpfsinnigen Blogger, die keine Ahnung haben von Literaturkritik und nur Feenstaub verspritzen, und zitiert mich. Möglich. Und unerheblich. Denn auch wenn mir manche Metapher imponiert hat und manche Geschichte sehr poetisch war: Insgesamt ist der Fallensteller ein bisschen wie Porridge. Kann man mögen. Ist jetzt angeblich DER Trend. Schmeckt aber halt einfach nicht. Der Zauber, den alle dem Buch zusprechen, hat mich nicht mit Knistern überzogen, ganz nüchtern war ich, befremdet, abgestoßen. Viele Sätze sehen aus, als hätten sie sich einfach nur herausgeputzt mit schmucken Wörtern, ohne Gefühl. Vielleicht lag es an mir, denn bei allen anderen kam die Botschaft ja offenbar an. Vielleicht ist das aber auch nur eine Phase in der Freundschaft von Saša Stanišić und mir, und ich bin, wenn ich mich erst einmal für jemanden entschieden habe, eine sehr treue Freundin, mit der man solche Phasen durchaus überstehen kann. Vielleicht ist es auch so wie in dem Zitat, das ich für den Titel gewählt habe: Wir müssen uns nicht immer verstehen und halten das auch aus.

Fallensteller von Saša Stanišić ist erschienen im Luchterhand Literaturverlag (ISBN 978-3-630-87471-5, 288 Seiten, 19,99 Euro). Nicht ganz so begeistert wie alle anderen ist übrigens die Besprechung von Zeilensprünge, nur so am Rande.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

King„Schon damals glaubte sie fest daran, dass es irgendwo auf der Erde eine bessere Art zu leben gab und dass sie sie finden würde“
Die Amerikanerin Nell Stone ist Ethnologin. Anfang der 1930er-Jahre erforscht sie gemeinsam mit ihrem Mann Fen verschiedene Stämme in Neuguinea. Die Arbeit ist gefährlich, die Eingeborenen sind den Weißen selten wohlgesonnen, Kannibalismus ist keine Seltenheit und die Malaria sucht sie mit Fieberschüben heim, von denen jeder der tödliche sein könnte. Aber Nell liebt das, was sie tut, es ist ihre Leidenschaft, ihr ganzes Leben. Sie freundet sich mit den Kindern an, baut Beziehungen zu den Frauen auf, lernt die Sprache.

„Im Grunde behindert die Sprache die Kommunikation, merke ich immer wieder, sie steht im Weg wie ein zu dominanter Sinn. Man achtet viel stärker auf alles Übrige, wenn man keine Worte versteht. Sobald das Verstehen einsetzt, fällt so viel anderes weg. Man beginnt sich ganz auf die Worte zu verlassen, aber Worte sind nur bedingt verlässlich.“

Nell ist hart im Nehmen, frei von Vorurteilen und wahnsinnig interessiert. Es ist jedoch nicht einfach, zu beurteilen, ob das, was die Frauen und Kinder ihr erzählen, auch tatsächlich die Wahrheit ist.

„Ich glaube, mehr als alles andere ist es die Freiheit, nach der ich in meiner Arbeit suche, in all diesen entlegenen Gegenden der Welt – nach einer Gruppe von Menschen, die einander den Raum geben, so zu sein, wie es den Bedürfnissen eines jeden entspricht.“

Schwieriger als der Umgang mit den Stammesangehörigen ist Nells Beziehung zu Fen. Er neidet ihr den Erfolg, sabotiert ihre Arbeit, gibt ihr allein die Schuld an ihrer Kinderlosigkeit. Er ist besitzergreifend und aggressiv. Fen will die „Wilden“ nicht erforschen, er will einer von ihnen sein.

„Nichts in der primitiven Welt schockiert mich“, sagt er, „Ich hatte schon immer einen Blick für die Barbarei unter dem Firnis der Zivilisiertheit. Sie liegt gar nicht tief unter der Oberfläche, egal, wo du hinkommst.“

Und dann begegnen sie Andrew Bankson. Der junge Forscher ist vor Einsamkeit derart ausgehungert, dass er Nell und Fen braucht wie ein Stück Brot. Aber auch sie brauchen ihn, als Gegengewicht, als Inspiration. Tief im malariaverseuchten Urwald entspinnt sich eine Dreiecksgeschichte, die letztlich gefährlicher ist als alles andere.

Ich mag, ganz platt gesagt, Bücher, bei denen ich etwas lerne. Die mir nicht nur Unterhaltung bieten, sondern auch ein Plus an Wissen. Darin kann ich mich so richtig verlieren, ein Aha-Effekt tritt ein, Information und Fiktion vermengen sich und sorgen für den perfekten Kitzel im Hirn. So ist Euphoria von Lily King. Inspiriert wurde das Buch von den wahren Ereignissen rund um die weltberühmte Ethnologin Margaret Mead. Die New York Times hat es 2014 unter die besten fünf literarischen Bücher des Jahres gewählt, und obwohl ich lange gebraucht habe, um in die Geschichte hineinzufinden, kann ich sagen: absolut zu Recht! Euphoria ist wild, ungezähmt, fantastisch und sehr ungewöhnlich. Die merkwürdigen, wechselnden Erzählperspektiven haben es mir anfangs schwer gemacht, dann aber wusste ich ihre originelle Aufstellung zu schätzen. Der Reigen aus Liebe und Neid, Gefahr, Fremdheit und Betrug ist wie ein wirbelnder Sturm, der mich mitgerissen hat, und er ist ebenso lehrreich wie unterhaltsam. Über Neuguinea der 1930er-Jahre wusste ich nichts, über die Feldarbeit der damals lebenden Ethnologen wenig. Ihnen standen nicht im Geringsten die heutigen Mittel zur Verfügung, und sie waren, natürlich, nicht frei von menschlicher Gier. Etwas abrupt kommt in meinen Augen der Schluss daher, was ich schade fand – denn kaum waren meine Anfangsschwierigkeiten überwunden, wollte ich gar nicht mehr, dass der Roman zu Ende geht. Euphoria ist spannend und sinnlich, faszinierend und fantasievoll. Ein Buch über Begierde, Macht, die Unterschiede zwischen den Kulturen und den Tod. Ihr solltet es unbedingt lesen.

Euphoria von Lily King ist erschienen bei C. H. Beck (ISBN 978-3-406-68203-2, 262 Seiten, 19,95 Euro). Eine begeisterte Besprechung findet ihr auch bei Mara.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

MelandriZwei stolze Frauen und ein umkämpftes Land
„Auch hier in den Bergen machten die Menschen, wenn die Emotionen überhandnahmen, den Mund fest zu, während der Blick offen blieb, so, als flehe man darum, vom Schweigen erlöst zu werden.“ Genau wie zuhause in Südtirol. Das fällt Gerda auf, als sie mit 16 Jahren in den Norden geschickt wird, um in einem Hotel zu arbeiten. Mädchen wie sie werden gemeinhin „Matratze“ genannt, doch Gerda ist keine Matratze. Sie ist von solcher Schönheit, dass niemand im Hotel es wagt, sie anzurühren. Schwanger wird Gerda aber trotzdem, von einem von zuhaus, einem Reichen, der nichts zu tun haben will mit ihr. Das Kind nennt Gerda Eva, und in ihrer Verzweiflung bringt sie es heim nach Südtirol, lässt es dort bei Verwandten zurück, die sie kaum kennt, um ihre Arbeit nicht zu verlieren. Heute ist Eva vierzig Jahre alt, und sie erinnert sich. Sie macht sich auf den Weg zu einem Mann, der ihr Vater hätte sein können vor all den Jahren, einem Mann, der im Sterben liegt und sie gebeten hat zu kommen. Auf ihrer Fahrt durch ganz Italien reist Eva zurück in die Vergangenheit: in ihre Kindheit, in der sie immer gewartet hat auf den Bus, der die Mama bringt, zu ihrem besten Freund Uli, der ihr so sehr fehlt, in die Zeit, in der sie eine Familie hätten sein können, sowie in die Geschichte Südtirols, dieses ebenso stolzen wie gepeinigten Landes, in dem die Menschen von Freund zu Feind zu Freund wurden und dabei aufs Glücklichsein vergaßen.

Ich kenne Francesca Melandri durch ihr großartiges Buch Über Meereshöhe. Als mir irgendwann in einer Buchhandlung ihr Erstling unterkam, hab ich trotz der Nur-ein-Buch-pro-Autor-Beklemmung, unter der ich leide, zugegriffen. Eva schläft ist ein Roman über Südtirol. Er enthält sehr viele Informationen und Hintergrundwissen, er erläutert und setzt in Bezug, ohne dabei je langweilig und belehrend zu werden. Ganz im Gegenteil. Vieles weiß ich noch aus der Schule und von der Uni, doch Francesca Melandri – die selbst lange in Südtirol gelebt hat – füllt die harten Fakten mit dem weichen Zauber der Fantasie, sie lässt Historie und Fiktion verschmelzen. Das ist sehr interessant und wirklich gelungen. Das Verhalten ihrer Figuren erklärt sich durch die Umstände, durch Krieg, Zwangsumsiedelung und Verrat. Die Menschen sind hart, schweigsam und zum Großteil sehr arm. Viele wollen etwas verändern, viele haben Angst.

Eva schläft ist zudem ein Buch über zwei Frauen: Eva selbst, eine abgeklärte, emotional stabile Frau Anfang vierzig, und Gerda, ihre Mutter, die ihr Leben lang schwer gearbeitet hat und immer allein geblieben ist – trotz ihrer überwältigenden Schönheit. Eva weiß viel über ihre Mutter, aber sie weiß eben nicht alles. Und das, was sie nicht weiß, betrifft auch sie selbst, hätte ihr Leben verändern können vor langer Zeit. Manche Entscheidungen haben so weitreichende Konsequenzen, dass auch Generationen nach uns sie spüren. Francesca Melandri ist eine grandiose Erzählerin. Die beiden Romane, die ich nun von ihr kenne, unterscheiden sich sehr stark. Beide sind auf ihre Weise über die Maßen lesenswert, beide kann ich euch absolut empfehlen. Ich würde mir sogar ein drittes Buch von dieser Autorin kaufen, und wer mich ein bisschen kennt, der weiß: Das heißt was!

Eva schläft von Francesca Melandri ist als Taschenbuch erschienen im Heyne Verlag (ISBN 978-3-453-40936-1, 448 Seiten, 9,99 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Glavinic„Solange ich lebe, bin ich ewig“
Dass das Leben des jungen Jonas ungewöhnlich ist, hat folgende Gründe:

– Er hat einen Zwillingsbruder namens Mike, mit dem bei der Geburt was schiefgegangen ist.
– Seine Mutter säuft und kümmert sich nicht.
– Er kommt bei seinem Freund Werner unter und wächst dort auf.
– Er kann sich mit Werner telepathisch unterhalten.
– Werner lebt bei Picco in einer riesigen Villa, hat Privatlehrer, einen Chaffeur und den Arsch voll Geld.
– Dieses Geld kommt aus dubiosen Quellen.
– Als Jonas volljährig wird, gehört all das Geld ihm.

Jetzt ist Jonas erwachsen und mitten auf dem Mount Everest. Er will auf den Gipfel, trotz aller tödlichen Risiken, denn ob er bei dem Versuch, ganz hinaufzukommen, stirbt, ist ihm egal. Denn Jonas vermisst Marie, und ohne Marie hat nichts einen Wert. Dies sind weitere interessante Fakten über Jonas:

– Er hat ein großes Baumhaus in einem Wald in Oslo.
– Der Frau, die es für ihn gebaut hat, hat er höchstwahrscheinlich das Herz gebrochen.
– Er kann Sprachen verstehen, ohne sie je gelernt zu haben.
– Marie ist seine Seelenverwandte.
– Marie ist fort.

Thomas Glavinic ist einer der bekanntesten Autoren Österreichs, und trotzdem hat es lang gedauert, bis ich endlich ein Buch von ihm gelesen habe. Allerlei Gutes hatte ich über Das größere Wunder gehört, das 2013 auch für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Eine konkrete Vorstellung hatte ich allerdings nicht von diesem Roman, und so war ich doppelt überrascht: zum einen von der sprachlichen Schlichtheit, zum anderen von der verrückten Geschichte. Da erzählt einer einfach so, wie es ihm Spaß macht, kümmert sich wenig darum, dass mancher Dialog eher seicht ist, manche Idee ein wenig haarsträubend. Und das ist bei Buchpreiskandidaten, seien wir ehrlich, ja doch eher ungewöhnlich, denn da wird normalerweise moralisiert und geschichtelt, gewusst und übertrumpft. Es bewirkt außerdem, dass auch das Lesen Spaß macht, hat man sich erst einmal auf Glavinics Wellenlänge eingestellt. Ich wusste nicht, dass man Thomas Glavinic nicht ernst nehmen darf, dass er experimentiert, der Realität ausweicht, Dinge tut, die man in Wirklichkeit nicht tun kann. Erstaunt bin ich auch über die Vielzahl an sprachlichen Misstönen, über das Danebenhauen und Schludrigsein, damit hatte ich wahrlich nicht gerechnet. Das größere Wunder ist erstaunlich leicht, fantasievoll, originell und amüsant. Seine großen Gedanken kommen nicht aufg’mascherlt, sondern schüchtern lächelnd daher, und das Buch ist genau das, was man niveauvolle Unterhaltung nennt. Es ist ein Todeskampf auf einem Berg, auf dem Menschen nicht sein sollten, es ist ein Erwachsenwerden, ein Nachdenken, ein Sichfinden und ein Sichverlieben, und eigentlich ist es auch die ganze Zeit die Frage: Was soll das alles, wozu sind wir hier? Bestes Zitat:

„Elend wird nach Richter gemessen.“
„Wovon reden Sie da?“
„Von Erdbeben. Oder eigentlich davon, wie man Erdbeben und Elend misst. Die Mercalli-Skala endet bei 12. Richter ist prinzipiell nach oben offen. Übelkeit, Elend, Depression – alles Richter. Freude, Lust, Glück – alles Mercalli.“

Das größere Wunder von Thomas Glavinic ist als Taschenbuch erschienen bei dtv (ISBN 978-3-423-14389-9, 528 Seiten, 11,90 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

Rosenfeld„Hört man auf zu existieren, Anna, wenn niemand mehr weiß, wer man eigentlich ist?“
„Man ist immer zu jung, um nicht mehr zu hoffen.“ Und deshalb tut Adam alles, um Anna zu finden. Sie hatten nur einen einzigen Kuss, nur so wenig Zeit zusammen, bevor die Nationalsozialisten damit begannen, die Juden ins Ghetto zu treiben oder in Zügen fortzubringen. Adam, selbst Jude, soll mit seiner Familie fliehen, mit seinem großen Bruder Moses, der Mutter sowie der Großmutter – einer resoluten Frau, die das Familienvermögen in Diamanten eingetauscht hat, um sie alle nach England zu bringen. Doch stattdessen geht Adam nach Osten, mitten hinein in die Gefahr, und zwei Dinge helfen im dabei: sein arisches Aussehen und der Oberkommandant Bussler, der schon seit vielen Jahren mit Adams Großmutter befreundet ist – obwohl er sich der Sache verschrieben hat und Tötungen im großen Stil verantwortet. Direkt vor der Nase derer, die ihn tot sehen wollen, bewegt Adam sich mit dem Mut der Verzweifelten, und um Anna zu erreichen, schreibt er ihr diese Geschichte,

„deshalb gibt es diese Seiten, Anna, der einzige Ort, an dem mein Name neben deinem steht“,

und viele Jahre später erreicht sie jemanden, der ihm sehr ähnlich sieht.

„Manchmal weiß man nicht, ob man den Sprung über den reißenden Strom geschafft hat oder ob das der Grund des Flusses ist, den man unter den Füßen spürt.“

Dieses Zitat fängt die Stimmung dieses Buchs perfekt ein: die stetige Gefahr. Den Mut, zu springen. Und den Galgenhumor, die Selbstironie, mit der Protagonist Adam seine Situation betrachtet. Euch jetzt zu sagen, dass ein Buch wie dieses, das zur Zeit der Judenverfolgung spielt, traurig ist, ist mit Sicherheit überflüssig. Aber Adams Erbe ist nicht einfach nur traurig, es ist erschütternd. Es bohrt sich in eure Knochen wie ein zugespitzter Eiszapfen. Weil es um einen geht, der verliebt ist, der so gern leben möchte, der nicht versteht, warum ihm verwehrt wird, was für alle anderen eine Selbstverständlichkeit ist. Er bangt und hofft und sucht, und selbst in der größten Not, bis zum bitteren Ende, kämpft er um seine Zuversicht. Das zu lesen, tut einfach nur weh. Und es erinnert mich stellenweise sehr stark an den La vita è bella von Roberto Benigni, ein Wahnsinnsfilm, mit Sicherheit einer der besten, die jemals gedreht wurden. Vorenthalten habe ich euch jetzt die Rahmenhandlung, in die Adams Story eingebettet ist und die – auf ihre eigene Art – ebenso wunderbar zu lesen ist. Dies ist ein Roman, aber auch ein historisches Dokument, eine Geschichte, die genau so geschehen sein könnte. Alles daran ist erfunden und zugleich nichts. Umso bedeutsamer ist dieses Buch, und umso dringender solltet ihr es lesen.

„Aber ich hoffe, das man nicht vergessen wird, dass es Menschen waren, die uns vertrieben haben, dass es Menschen waren, die dieses Ghetto errichtet haben, dass es Menschen sind, die da draußen schießen, dass es Menschen sind, die diese Züge in Bewegung setzen.“

Adams Erbe von Astrid Rosenfeld ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-06772-9, 400 Seiten, 21,90 Euro). Hier könnt ihr lesen, was die Autorin selbst über ihr Debüt von 2011 sagt.

High Five

Jungmaier, Marianne_C_www.detailsinn.atWenn ich eine Figur aus einem Roman wäre, dann Bastian Balthasar Bux (Die unendliche Geschichte).

Ich ordne meine Bücher nach Sprachen und Themen. Manchmal nach Größen.

Das Cover meines aktuellen Buchs habe ich selbst entworfen. (Das Tortenprotokoll)

Viel zu selten verwendet wird das Wort zauberhaft. Was magisch oder bezaubernd ist, darf scheinbar keinen Platz haben, in dieser Realität.

Das Buch meines Lebens, da kann ich mich nicht auf eines festlegen. Prägendstes Kindheitsbuch: Marianne träumt von Catherine Storr. Bücher, die ich immer wieder zur Hand nehme, sind Maramba von Paula Köhlmeier, Quittenstunden von Marica Bodrociz, Peter Handkes Gewicht der Welt, Arbeit und Struktur von Wolfgang Herrndorf. Meine große Heldin: Marguerite Duras.

JungmairMarianne Jungmaier wurde 1985 in Linz geboren und ist seit 2011 freischaffende Autorin. Sie reist viel und lebt in Berlin und Oberösterreich. 2015 erschien ihr Roman Das Tortenprotokoll im Verlag Kremayr & Scheriau, dort veröffentlicht sie im Herbst 2016 auch ihr viertes Buch Sommernomaden. Foto von www.detailsinn.at.
Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Jerewan„Wenn eine Zeder sprechen könnte, würde sie uns Geschichten erzählen, die wir niemals vergessen“
„Ich glaube, alle Söhne lieben ihre Väter. Aber ich habe meinen verehrt. Weil er mich so oft teilhaben ließ an seinen beflügelnden Gedanken. Weil er mich mitnahm in Wunderwelten, die er in seinem Kopf erschuf. Weil er mich berauschte mit seinen Worten.“ Die Beziehung zwischen Samir und seinem Vater ist sehr eng, hier im fremden Deutschland, wohin die Eltern vor dem Krieg aus dem Libanon geflohen sind. Der Vater ist liebevoll und klug, stets gut gelaunt, beliebt bei allen Menschen. Er feiert spontane Feste, hat sich schnell integriert, immer lacht er, und er erzählt wunderbare Geschichten. Samir, so scheint es, ist für ihn das Wichtigste auf der Welt. Umso unverständlicher ist es, dass der Vater eines Tages spurlos verschwindet. Er geht und kommt nicht zurück. Der Schmerz ist so groß, dass Samir erstarrt. Er verliert alles, den Vater, die Mutter, die Schwester, die engste Vertraute, den Lebenswillen. Statt sich etwas aufzubauen, wühlt er in dem Trauerschlamm, der ihn umgibt, lässt sich erdrücken von den Schuldgefühlen und findet keinen Ausweg. Bis er zwanzig Jahre später erkennt: Er wird erst frei sein können, wenn er erfährt, was damals geschehen ist – und dazu muss er in den Libanon reisen, ein Land, das er nicht kennt, das immer noch zerrissen ist vom Bürgerkrieg der 1980er-Jahre. Im Gepäck hat er nichts weiter als das Tagebuch seines Vaters – und Hoffnung.

Ich sag es euch gleich rundheraus: Am Ende bleiben die Zedern ist ein wahnsinnig kitschiges Buch. Das könnt ihr euch wahrscheinlich wegen des Titels schon irgendwie denken. Lesen solltet ihr es trotzdem, denn wahnsinnig gut ist es auch. Der Autor, selbst Sohn eines Libanesen, geboren in Jordanien und aufgewachsen in Deutschland, war schon mal Internationaler Deutschsprachiger Meister im Poetry Slam. Das hat, ich geb es zu, in mir die Erwartung geweckt, dass mir sein erster Roman mit einer flotten, modernen, slammigen Sprache gegenübertreten würde. Weit gefehlt. Pierre Jarawan greift tief hinein ins Pathos und schöpft aus dem Vollen. Mit jedem zweiten Satz kitzelt er die Tränendrüse, mit voller Absicht. Er traut sich, kitschig zu sein, und nachdem ich meinen anfänglichen Schock überwunden habe, finde ich das gut. Da liebt ein Junge seinen Vater, vergöttert ihn, himmelt ihn an, mit einer Hingabe, die mir zu Beginn völlig übertrieben vorkommt. Dann lasse ich mich darauf ein. Auf die überschwängliche, gefühlvolle Sprache, auf die Sehnsucht nach einer unbekannten Heimat, auf die traurige Geschichte.

Jetzt sag ich euch noch was: Mit dem Ende des Romans, mit der Erklärung, bin ich wahrlich nicht einverstanden. Da hätte ich gern die Nummer des Autors gehabt, um ihn anzurufen und zu fragen: Was soll DAS denn, bitte? Das kann ich euch jetzt aber nicht näher erläutern, ohne zu spoilern, deshalb konzentrieren wir uns lieber darauf, dass Pierre Jarawan ein fantastischer Erzähler ist. Er gibt seiner Figur und ihren Emotionen viel Raum. Er schwelgt in den Gefühlen, den schönen wie den schrecklichen, kostet sie aus – ganz in der Tradition eines orientalischen Geschichtenerzählers. Er berichtet mir vom Libanon, vom Krieg zwischen Christen, Drusen und Muslimen, von Angst und Flucht und von einer Entscheidung, die so viele Leben für immer verändert hat. Nicht jede Metapher ist stimmig, und manchmal ist mir der Überschwang zu viel, aber ich hab das Buch trotzdem inhaliert und aufgesaugt. Es ist wundervoll, herzergreifend, betörend, intensiv. Hat man sich erst einmal in die Geschichte hineingewagt, entkommt man ihr nicht mehr so schnell. Und meine Tränendrüse? Die hat dem Reiz auch irgendwann nicht mehr standgehalten.

Am Ende bleiben die Zedern von Pierre Jarawan ist erschienen im Berlin Verlag (ISBN 978-3-8270-1302-6, 448 Seiten, 22 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Ng„Wie schwer es ist, die Träume der Eltern zu erben“
Als Lydias Familie eines Morgens das Verschwinden der Sechzehnjährigen bemerkt, weiß noch niemand, dass Lydia tot ist. Sie, die nicht schwimmen konnte, liegt ertrunken am Ufer des Sees. Die Tragödie erschüttert jedes einzelne Familienmitglied auf eigene Weise: Die Mutter, eine Amerikanerin, muss sich fragen, ob ihr Lieblingskind tatsächlich so glücklich war wie gedacht. Sie selbst wollte stets Medizin studieren,  bekam stattdessen Kinder und übertrug den unerfüllten Traum auf Lydia. Der Vater, der chinesischer Abstammung ist und sein Leben lang ausgegrenzt wurde, erstickt fast an den Details des Obduktionsberichts und an seinen Schuldgefühlen. Ihm war am wichtigsten, dass seine Kinder so sind wie alle anderen, dass ihr Aussehen sie nicht zu Außenseitern macht. Lydias großer Bruder verdächtigt den gleichaltrigen Jack, mit dem sie viel Zeit verbracht und der sie als Letzter gesehen hat. Ihre kleine Schwester, die wenig beachtet wird und gerade deshalb stets alles sieht und hört, ist ein Geheimnisgrab. Was ist geschehen? War es Mord? Oder Selbstmord? Und wie können die Übriggebliebenen ohne Lydia weiterleben?

Manche Bücher sind wie ein Botanischer Garten. Da blüht es und wurlt, alles wächst, ist ineinander verschlungen – und hat irgendwo einen gemeinsamen Ursprung. So ist auch Was ich euch nicht erzählte von Celeste Ng. Es ist ein komplexes und vielschichtiges Buch, verschlungen und düster – und irgendwo liegt die Wurzel, die alles begründet und alles zusammenhält. Die amerikanische Autorin mit chinesischen Vorfahren, die in Harvard studiert hat, hat mit ihrem ersten Roman einen großen Clou gelandet, der in 20 Sprachen übersetzt und verfilmt wird. Zu Recht, kann ich da nur sagen, denn ihr Debüt ist großartig: klug, melancholisch, berührend und unendlich traurig.

Ein Roman über die Geheimnisse einer Familie und über die ätzende Säure, die Unausgesprochenes verspritzt, ist nicht ungewöhnlich. Was ich euch nicht erzählte ist es aber doch. Weil die Geheimnisse an sich ungewöhnlich sind, scharfkantig und fremd. Nahm der Tod von Lydia seinen Anfang, als eine Amerikanerin und ein Chinese heirateten, als sie Kinder zeugten, die nicht aussahen wie ihre Klassenkameraden? Oder liegt sein Ursprung in den Träumen, die sich für die Eltern nicht erfüllt haben? Wo beginnt Schuld? Wer ist verantwortlich für die lähmenden Erwartungen, die Eltern an ihre Kinder haben – und umgekehrt? Die Antwort, die Celeste Ng auf alle diese Fragen gibt, ist auf stille und eindringliche Weise niederschmetternd. Manchmal wird aus bedingungsloser Liebe eine Liebe voller Forderungen. Niemand wollte, was geschehen ist, und doch hat jeder dazu beigetragen. Ein elegant geschriebenes, überaus beeindruckendes Buch.

Was ich euch nicht erzählte von Celeste Ng ist erschienen bei dtv (ISBN 978-3-423-28075-4, 288 Seiten, 19,90 Euro). Eine Besprechung dazu findet ihr auch bei Literaturen.

Für Gourmets: 5 Sterne

OzekiDas Leben ist eine Welle, du kannst nicht dagegen ankämpfen
„Hi! My name is Nao, and I am a time being. Do you know what a time being is? Well, if you give me a moment, I will tell you. A time being is someine who lives in time, and that means you, and me, and every one who is, or was, or ever will be.“ So beginnt dieses herausragend gute Buch mit der Ich-Stimme eines sechzehnjährigen japanischen Mädchens, das seine Geschichte aufschreibt – in ein leeres Notizbuch mit dem Umschlag von À la recherche du temps perdu. Und was für eine Geschichte das ist! Aufgewachsen ist Nao in Sunnydale in den USA, doch als ihr Vater seinen Job verlor, musste sie zurück nach Tokyo – ohne Geld, ohne Zuflucht, ohne Perspektive und vor allem ohne das Rüstzeug, um an einer japanischen Schule zu bestehen. Sie spricht die Sprache, aber mehr auch nicht, und so wird Nao schnell zum Ziel grausamster Mobbingattacken. Niemandem erzählt sie davon. Der Vater schämt sich wegen des Gesichtsverlusts zu Tode und versucht mehrfach, sich umzubringen. Das Familienleben besteht nur noch aus Schande und brodelndem Schweigen:

„The important thing was that we were being polite and not saying all the things that were making us unhappy, which was the only way we knew how to love each other.“

Ein Lichtblick in Naos Leben ist ihre Urgroßmutter Jiko, buddhistische Nonne und 104 Jahre alt, die ihr zeigt, wie unwichtig vieles von dem ist, was Nao sich so zu Herzen nimmt. Das Buch, dem Nao sich anvertraut, behält sie nicht. Sie wirft es ins Meer. Und im Zuge des wirbelnden Tsunami landet es an einem weit entfernten Strand, wo die Schriftstellerin Ruth es findet, auf einer abgelegenen Insel, im kleinen Ort Whaletown. Sie ist fasziniert von Naos Geschichte, recherchiert und sucht und sorgt sich: Ist Nao noch am Leben? Was ist mit ihr geschehen? Ist von ihr nur noch die Erinnerung geblieben?

„Memories are time beings, too, like cherry blossoms or gingko leaves, for a while they are beautiful, and then they fade and die.“

Schon von den ersten Seiten an war ich ganz verrückt nach diesem Buch. Es hat mich sofort umwickelt, umgarnt, an sich gezogen und mitgenommen auf eine Reise an einen Sehnsuchtsort: Japan. Seit ich vor vielen Jahren an der Uni versucht habe, Japanisch zu lernen, übt dieses Land eine große Faszination auf mich aus. Ruth Ozeki hat selbst eine japanische Mutter – und sie hat sich auch selbst in dieses Buch eingebracht, zumindest vermute ich das. Ob die Kapitel aus Sicht von Ruth authentisch und autobiografisch sind, kann ich nicht beurteilen, aber die Parallelen und Ähnlichkeiten sind groß. Ihr Stil, mit dem sie die Nöte und Ängste des Teenagermädchens Nao einfängt, ist sicher und elegant. Keinen Augenblick lang habe ich das Gefühl, dass hier nicht tatsächlich eine Sechzehnjährige mit mir spricht. Nao ist ehrlich und direkt, sie sehnt sich und leidet und sucht. Was sie erlebt, zeigt erneut, was für ein Scheißhaufen diese Welt ist. Welchen Sinn gibt es für sie? Wie kann sie ihren Vater retten? Und wie wird man so gelassen wie eine 104-jährige buddhistische Nonne? A tale for the time being ist ein trauriges Buch und dennoch überraschend heiter. Es zieht mich nicht runter, es ist lebensklug und gewitzt und voller wunderschöner Botschaften. Sie treffen mich, überall im Buch, ich schreibe sie mir auf, möchte sie nicht vergessen. Genau wie diesen ganz besonderen Roman.

Auf Deutsch ist A tale for the time being unter dem Titel Geschichte für einen Augenblick bei den S. Fischer Verlagen erschienen.