Gut und sättigend: 3 Sterne

Pollatschek„Der Vorteil einer beschissenen Kindheit ist, dass man lernt, routiniert mit Katastrophen umzugehen“
Thene hat’s jetzt nicht unbedingt sehr schwer, aber sehr leicht auch nicht. Die 25-Jährige aus Heidelberg studiert in Oxford, hat zuhause einen Freund, mit dem sie regelmäßig gemütliche Ausflüge in den Odenwald macht, und es wäre alles gut, wäre da nicht Thenes Mutter. Die ist gelinge gesagt ein wenig anstrengend.

„Es gibt Menschen, die liebt man, aber man kann sie nicht leiden.“

Das trifft es ganz gut: Thenes Mutter ist eine, die man nicht leiden kann. Sie streitet. Sie schreit. Sie manipuliert alle. Sie verschleudert ihr Geld, braucht wahnsinnig viel Aufmerksamkeit, macht die gesamte Familie verrückt und vernachlässigt jedes ihrer Kinder von unterschiedlichen Männern auf andere Weise. Thenes Eltern sind lange schon getrennt, sie hat noch zwei Halbgeschwister, der Vater ist inzwischen schwul. Es gelingt Thene, obwohl sie sich der Dynamik bewusst ist und ihr Mantra „Du bist nicht das Opfer deiner Familie“ nicht, sich von ihrer Mutter abzugrenzen. Und dann wird es schräg. Sehr schräg. Richtig, richtig schräg. So schräg, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen.

Ich habe Nele Pollatschek letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse Auszüge aus diesem Buch lesen gehört, und Leute, sie hat das hervorragend gemacht. Sie war entzückend und überzeugend, wie eine Schauspielerin hat sie den Text vorgetragen. Umso neugieriger war ich auf das gesamte Buch. Und es hat mich verblüfft, denn ich hatte nicht erwartet, dass es derart abstrus sein würde, bitterböse, schnoddrig, humorvoll.

Im ersten Teil fühle ich mich sehr angesprochen, besonders in den Szenen mit den passiv-aggressiven Vorwürfen der Mutter. Das ist etwas, das ich bestens kenne, und der bissige Ton, die fetzigen Dialoge, der wilde Sarkasmus sind ein absolutes Vergnügen. Ja, denke ich da, ja, so geht’s mir auch. Ich frage mich natürlich auch gleich, ob da was Autobiografisches dran ist, und suche in Neles Danksagung nach einer Erwähnung ihrer Mutter, die es nicht gibt. Mit der Zeit wird mir dann klar, dass Nele Pollatschek nicht viel von einer glaubwürdigen, realistischen Handlung hält. Und das muss man mögen oder darauf muss man sich zumindest einlassen können. Sie lässt alles völlig ausarten, entgleisen, und das ist so überzogen, dass es auf eigenartige Weise schon wieder ironisch wirkt. Die ultimative Befreiung. Und vielleicht, ja, doch wünscht sich das jeder insgeheim, dass er sich derart von seiner Familie befreien könnte, von denen, mit denen man untrennbar verbunden ist, egal, was man tut. Ich werde nicht spoilern, aber wenn ihr dieses Buch lest, muss euch klar sein, dass es gestört ist. Völlig crazy. Rasant, merkwürdig, lustig, launisch, absolut originell und hochgradig ungewöhnlich. Es ist ein Abenteuer, das mich amüsiert zurückgelassen hat – und mit einem großen WTF auf meiner Stirn.

Das Unglück anderer Leute von Nele Pollatschek ist erschienen im Galiani Verlag (ISBN 978-3-86971-137-9, 224 Seiten, 18,99 Euro). Hier könnt ihr Nele auch ein bisschen lesen sehen, hier könnt ihr ihr beim Marschieren und Kaffeetrinken zuschauen.

Bücherwurmloch

Bildschirmfoto 2017-02-20 um 09.55.24„Sie sagt, du brauchst keine Angst zu haben. Du hast nur geträumt. Aber das stimmt nicht“
Charly ist gestorben. Die Schildkröte, die 1976 zu Nele, Karen und Hannes ins Haus kam, ist vierzig Jahre alt geworden – die drei Geschwister sind lange schon fort. Die Eltern, Mutter Frieda und Stiefvater Heinrich, wollen Charly beerdigen und laden dazu die ganze Familie ein. Doch das ist nicht einfach irgendein Familientreffen, denn dies ist keine Familie, die jeden Sonntag beim Braten zusammensitzt. Sie ist vielmehr eine zufällige Ansammlung von Menschen, die alle auf ihre Art zerbrochen sind. Heinrich, der aus seiner Kindheit voller Gewalt heraus dagegen angekämpft hat, selbst zu verletzen, was ihm nicht gelungen ist. Alexander, Heinrichs Sohn aus erster Ehe, den er verlassen, aber nie vergessen hat. Nele, die nach mehreren Fehlgeburten ein beeinträchtigtes Kind in China adoptiert hat, Max, der keinen Vater hat und so viel Wut in sich. Karen, die riskiert, dass ihr drogensüchtiger Sohn Tim vor ihrer eigenen Haustür erfriert. Hannes, der viel fühlt und wenig spricht, dessen Sohn Jan verzweifelt ist, weil seine Freundin Meytab vergewaltigt wurde. Sie alle tragen schwer an ihren Geschichten, an ihren seelischen Wunden. Sie alle kommen, um sich von Charly zu verabschieden. Und als sie einander sehen, blicken sie in ihre eigenen Abgründe. Aber so ist es in allen Familien: Erst muss etwas aufbrechen, um dann vielleicht endlich heilen zu können.

Rabenkinder von Heike Duken hat für mich von Anfang an geleuchtet. Angefunkelt hat es mich, schon nach der ersten Seite, nach dem Prolog, ich war sofort angefixt. Von allen 26 Leseproben war dies die eine, die mich ganz innen drin getroffen hat. Ich wusste schon da, dass das gut sein würde. Ich wusste, dass das mein Buch war. Ich wollte es unbedingt lesen, und nach zwei atemlosen Stunden am Bildschirm mit hektischem Scrollen war mir klar, dass ich mein Siegermanuskript gefunden hatte. Als wir mit dem Blogbuster begonnen haben, habe ich geschrieben: Ich langweile mich schnell, und von guter Literatur erwarte ich genau das Gegenteil: dass sie mich rausreißt, mich wach macht, im Idealfall richtiggehend aufschneidet, mir ins Gesicht schlägt. Etwas in mir anrührt, Empfindungen auslöst – die gar nicht nur positiv sein müssen. Und genau das hat Rabenkinder geschafft. Es hat mich traurig gemacht und nachdenklich, es hat mich verzweifeln lassen, aber auch zum Lächeln gebracht.

Bildschirmfoto 2017-02-20 um 09.55.46Was mich an Heike Duken so fasziniert, ist nicht nur, dass sie schreiben kann. Sondern dass sie sich traut, mit dem Schreiben aufzuhören. Sie hat den Mut, zu schweigen. Nicht alles auszuerzählen. Den Leser selbst hineinfühlen zu lassen. Sie glaubt an ihn und daran, dass er die leisen Zwischentöne hören kann. An vielen Kapitelenden hängen starke Sätze in der Luft, die lange nachklingen, die gar nicht wuchtig sind und doch wie Wurfsterne wirken, wie Schläge. Das ist großartig und macht Rabenkinder zu einem harten, intensiven Buch, das man aushalten muss. Der Roman setzt sich zusammen aus lauter Splittern, aus der Vergangenheit und Gegenwart, in verschiedenen Perspektiven, wie ein Mosaik. Und erst einmal macht nichts daran Sinn, man braucht Geduld. Aber wenn man sie aufbringt, dann lohnt es sich – sogar sehr.

Foto Verlag
Foto von Alexander Blanke

„Ich glaube nämlich, dass wir einander nicht kennen und vieles nicht voneinander wissen, gerade in Familien. Eine Ausbilderin sagte einmal: Kinder kennen ihre Eltern überhaupt nicht. Sie sehen sie nur als Mutter und Vater und auf sich selbst bezogen“,

sagt Heike Duken, die an Schreibwerkstätten mit Josef Haslinger und Thomas Hettche teilgenommen und mit einem Auszug aus diesem Manuskript das Stipendium des Deutschen Literaturfonds erhalten hat.

„Und was mich immer wieder beschäftigte, waren diese Geschichten von Kindern, die ihre Eltern nicht glücklich machen. Frauen, die zwischen anderen Müttern sitzen und wissen, dass sie anders sind, gezeichnet, weil ihre Kinder sich verweigern und ihren Weg und ihr Glück nicht finden.“

Das ist ein Aspekt von Rabenkinder, der auch im Titel steckt. Und doch ist da noch mehr:

„Es ist auch eine Geschichte über das, was ich beruflich so in mich hineinnehme, und was dann wieder heraus muss“,

erklärt Heike Duken, die als Psychotherapeutin mit eigener Praxis arbeitet.

„Ich hatte eine Zeit lang viele vergewaltigte Frauen bei mir in Therapie. Es war grauenhaft. Die Taten zerstörten so viel im Leben dieser Frauen, und ich habe ihren Überlebenswillen versucht zu unterstützen, und sie waren so stark. Ich wollte etwas über die Dissoziationen schreiben und über das Überleben. Über das wahrhaft Zerstörerische von Gewalt in jeder Hinsicht. Ohne mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, sondern um das Geschlagene und Zerbrochene zu verstehen und zu beschreiben.“

Das ist ihr gelungen. Und doch zeigt Heike Duken auf gerade mal 233 Seiten nicht nur Gewalt und ihre Folgen, sondern auch Positives. Ein bisschen Hoffnung. Das Bemühen jedes Einzelnen, etwas Gutes einzubringen, etwas zu verändern, selbst wenn es nur sehr kleine Dinge sind. Im letzten Teil des Romans folgt keine kitschige Hollywood-Versöhnung, sie wäre völlig fehl am Platze, und doch gibt es mancherorts ein Gespräch, wo vorher Schweigen war, oder Hilfe, wo vorher Unverständnis war. Es gibt die Aussicht, dass die Kinder es besser machen werden als ihre Eltern, eine Chance, die jede Generation aufs Neue bekommt. Nichts davon spricht Heike Duken aus, aber das muss sie auch nicht. Man kann es sehr deutlich spüren.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Tremain„Weil so das Leben ist. Man kann nie zurück, wenn etwas erst einmal vorbei ist“
Gustavs Kindheit ist grauenhaft. Er lebt mit seiner Mutter in den 1940er-Jahren in einer Schweizer Kleinstadt – und obwohl sie ihn nicht schlägt oder misshandelt, ist sie ihm gegenüber so lieblos, dass der kleine Gustav fast verkümmert. Verzweifelt klammert er sich an die Freundschaft zu Anton, dessen reiche Familie jüdisch ist. Anton ist alles für ihn, der Bruder, den er nicht hat, er möchte Antons Leben haben, er möchte Anton sein. Doch Gustavs Mutter ist diese Freundschaft ein Dorn im Auge, weil sie der Meinung ist, dass Gustavs Vater wegen der Juden gestorben ist. Da gibt es allerdings so einiges, was sie nicht weiß – und was auch Gustav erst viele Jahre später herausfindet.

Und damit fing es an von Rose Tremain ist ein Buch, bei dem ich nicht recht weiß, was ich davon halten soll. Wir haben ein paar Stunden miteinander verbracht, wir haben uns näher kennengelernt, doch als unsere gemeinsame Zeit vorbei ist, kann ich das Gefühl, das bleibt, nicht genau bestimmen. Vielleicht, weil es mehrere verschiedene Gefühle waren, die dieser Roman in mir ausgelöst hat. Zuallererst war da das Mitleid. Der erste Teil des Buchs, in dem Gustav ein kleiner Junge ist, ging mir richtig an die Nieren. Er hat kein Spielzeug, kein einziges Buch, er muss in der Kirche putzen und ist der Willkür seiner Mutter, die über seinen Kopf weg entscheidet, ausgeliefert, und als sie einmal für Wochen ins Krankenhaus muss, ist er auf sich gestellt und verhungert beinahe. Warum sie ihm ständig das Gefühl gibt, ungewollt zu sein, erklärt der zweite Teil, eine Rückblende, in der es um Gustavs verstorbenen Vater geht. Die Ehe war nicht so, wie Gustavs Mutter sie im Nachhinein dargestellt hat, und auch die Geschichte mit den Juden ist nur halb wahr. Hier spüre ich ein gewisses Feuer im Buch, sprühenden Ideenreichtum, den Funken der Originalität, und da ich es sehr gern mag, wenn offene Fragen beantwortet werden, fühle ich Zufriedenheit. Die kippt dann jedoch in Ärger um. Denn das Ende des Romans ist seltsam bitter, süß zugleich, allzu erwartbar und hohl wie alle Dinge im Leben, die einfach zu spät kommen: Irgendwann kann das Gute das Schlechte nicht mehr aufwiegen.

Ich kenne Rose Tremain von ihrem wunderbaren Buch Der weite Weg nachhause aus dem Jahr 2010. Daran reicht Und damit fing es an für mich nicht heran. Aber: Der kleine Gustav ist einer, den man einfach mögen muss. Mit dem man gehen, den man an der Hand nehmen und dem man helfen will. Er ist die Hauptfigur dieses Romans, er ist ein Grund, ihn zu lesen. Der andere ist Rose Tremains Sprache. Mit meisterhafter Lässigkeit geht sie damit um, nie wirkt ihr Schreiben sperrig, sie benutzt nicht zu viele Wörter und nicht zu wenig, sie fängt Gustavs Verzweiflung derart gut ein, dass sie einen aus dem Buch heraus packt und würgt. Dies ist ein facettenreicher Roman über Freundschaft, über Liebe und Untreue, über Musik, falsche Entscheidungen und die Tatsache, dass man manchmal im Leben einen Menschen trifft, von dem man nie wieder loskommt.

Und damit fing es an von Rose Tremain ist erschienen im Insel Verlag (ISBN 978-3-458-17684-8, 333 Seiten, 22 Euro). Hier könnt ihr euch den Buchtrailer anschauen, und hier findet ihr eine schöne Besprechung von Herzpotenzial.

Für Gourmets: 5 Sterne

Wells besser„Die Einsamkeit in uns können wir nur gemeinsam überwinden“
Drei Geschwister, die nach einem Unfall allein zurückbleiben: Als die Eltern von Jules, Marty und Liz ums Leben kommen, verlieren die drei auch einander. Denn obwohl sie die Jahre bis zu ihrem Schulabschluss im selben Internat verbringen, gehen sie sich großteils aus dem Weg. Jeder versucht auf seine Weise, mit dem Schmerz fertigzuwerden, jedem gelingt es mehr schlecht als recht. Eine Zeitlang fühlt Jules sich nicht ganz so einsam, er freundet sich mit der geheimnisvollen Alva an, die ihm sehr wichtig wird. Alva hat allerdings ihr eigenes Päckchen zu tragen, sie verlieren sich aus den Augen. Doch damit ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende – und auch mit seinen Geschwistern wird Jules‘ Weg sich erneut kreuzen …

Wie geht es euch, wenn ihr ein Buch zur Hand nehmt, das jeder, also wirklich jeder, der es gelesen hat, gut fand? Seid ihr skeptisch? Ich war es, als ich angefangen habe, Vom Ende der Einsamkeit zu lesen. Ich wollte wachsam sein. Doppelt so streng wie sonst. Mich nicht gleich einlullen lassen, nicht sofort auf den Zug aufspringen, in dem schon alle saßen. Aber ach, der Benedict. Er hat’s einfach drauf. Er ist ja ein bisschen sowas wie ein literarisches Wunderkind, sein Debüt Becks letzter Sommer wurde ein Wahnsinnserfolg, als er gerade 24 war. Schon nach wenigen Seiten war mir klar: Das mit der Skepsis, das kann ich gleich lassen. Und der Zug hat mich schon mitgenommen. Dieses Buch ist einfach gut.

Gefühlvoll ist es und klug und natürlich – das ist logisch bei der Story – sehr traurig. Einsamkeit ist das Thema, das sich durchzieht, in all ihren Facetten zeigt sie sich und bleibt dabei immer eins: eine Leerstelle in der Seele. Benedict Wells setzt seine drei Figuren einem schweren Schicksalsschlag aus und begleitet sie dann ein Leben lang, um zu sehen, wie es ihnen ergeht. Was macht der Schmerz mit ihnen, wie ertragen sie die Erinnerung? Manchmal meint er es gut mit ihnen, sie dürfen Versöhnung erleben und Glück, aber meist schlägt er ihnen im vollen Lauf die Füße unter dem Körper weg. Und das mitanzusehen, ist gar nicht so einfach. Es wühlt auf, es lässt einen nicht in Ruh, und als Jules dann noch einmal getroffen wird, richtig hart getroffen wird, bin ich regelrecht sauer auf den guten Ben. Wie kann er Jules und mir das antun? Und wie kann sein Buch trotzdem – oder genau deswegen – so herausragend sein? Das ist eine Frechheit. Aber manchmal stimmt eben doch, was die anderen sagen, und man sollte auf sie hören. Ich sage euch deshalb: Lest dieses Buch, es ist grandios. Ihr solltet auf mich hören.

Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-06958-7, 368 Seiten, 22 Euro). Eine sehr schöne Rezension findet ihr bei Literaturen.

Bücherwurmloch

Zitat„In uns gibt es etwas, das keinen Namen hat, das ist das, was wir sind.“
José Saramago: Die Stadt der Blinden

„All of us are better when we’re loved.“
Alistar MacLeod: No Great Mischief

„Die Sehnsucht erschafft sich Kindheitserinnerungen. Manchmal erschafft sie alle Arten von Erinnerungen.“
Kerstin Ekman: Stadt aus Licht

„Ich denke zuviel, und neunundneunzig Komma neun Prozent aller Männer wollen mit denkenden Frauen nichts zu tun haben.“
Wei Hui: Shanghai Baby

„Happiness comes in moments, and then it’s gone until the next time. Could be years. But sadness – sadness settles in.“
Dennis Lehane: Mystic River

„Nicht die Notwendigkeit, sondern der Zufall ist voller Zauber. Soll eine Liebe unvergeßlich sein, so müssen sich vom ersten Augenblick an Zufälle auf ihr niederlassen wie die Vögel auf den Schultern des Franz von Assisi.“
Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

„Frauen achten mehr aufs Herz und weniger auf Dummheiten. Darum leben sie länger.“
Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes

„Wenn man weint, ist man schon nicht mehr ehrlich. Da hat man die Sache schon hinter sich. Ich glaube den Tränen nicht. Schmerz hat weder Tränen noch Worte.“
Sándor Márai: Wandlungen einer Ehe

„Irgendwann fragte Bonpland, ob sie noch am Leben seien. Wisse er auch nicht, sagte Humboldt, aber so oder so, was könne man tun als weitergehen?“
Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

„I hope the whole world goes to hell, to be honest.“
Gary Shteyngart: Absurdistan

Gut und sättigend: 3 Sterne

Ramqvist„Angst ist kein wirksamer Bannspruch“
„Es stimmt nicht, dass das, was einem am meisten Sorgen bereitet, nicht eintrifft. Eher wird es das höchstwahrscheinlich tun.“ Das ist Karin spätestens jetzt klar. Jetzt, da sie gar nichts mehr hat. Jetzt, da sie in dem riesigen, aber eiskalten Haus am See sitzt, ohne Heizung, ohne Essen, ohne Geld. Dafür mit einem Baby, das Baby heißt Dream. Karin hat das Baby nicht gewollt, und nun ist es alles, was ihr noch von der Liebe ihres Lebens geblieben ist, dem Gangsterkönig John. Er ist tot, und bald wird Karin auch das Haus verlieren, das Auto, den letzten Rest Würde. Ihre Tage bestehen daraus, Dream zu stillen und zu wickeln, zu schlafen, der Kälte zu trotzen. Karin ist unten, ganz unten, und in ihrer Verzweiflung wendet sie sich an Johns Freunde, die einst behaupteten, ihre Familie zu sein, und sie nun behandeln wie eine Aussätzige.

Karolina Ramqvist, heißt es, sei eine der wichtigsten feministischen Autorinnen Schwedens, und sie beschäftige sich, sagt der Klappentext, mit Themen wie Einsamkeit, Konsum und Rollenmodelle. Das mag zutreffen, denn um alle drei Aspekte geht es auch in Die weiße Stadt. Das Buch, das als Erstes von Ramqvists acht Büchern ins Deutsche übertragen wurde, konzentriert sich sehr stark auf Protagonistin Karin, auf ihre Welt, die einst luxuriös und groß war, nach dem Tod ihres Mannes jedoch empfindlich geschrumpft ist. Sie war nichts weiter als ein Dummchen mit vielen Schuhen und Taschen, hat sich abhängig gemacht und steht plötzlich vor dem Aus. Sie könnte gehen, neu anfangen, doch das Baby fesselt sie, muss versorgt werden, ist auf sie angewiesen. Dass Ramqvist ihre Heldin aufbegehren und kämpfen lässt, wie die Buchbeschreibung ankündigt – jein. In Ansätzen vielleicht. Wobei sie nichts Eigenes auf die Beine stellt, sondern sich erneut abhängig macht von jemand anderem. Und genau dadurch zeigt die Autorin, dass eine solche Frau ihre Rolle nicht verlassen kann, nicht einmal, wenn sie es will.

Die weiße Stadt ist ein kluges, interessantes, wirklich gut geschriebenes Büchlein, aber eben – mit knapp 180 luftig gesetzten Seiten – ein Büchlein. Mir war das zu wenig, muss ich gestehen, was ja andererseits wieder ein gutes Zeichen ist: Ich hätte gern weitergelesen. Ich hätte mir mehr Ausarbeitung, Tiefgang, Handlung gewünscht, mehr Seiten, mehr Einblick in die Figuren. In der vorliegenden Form wirkt der Roman eher wie eine Kurzgeschichte auf mich – dafür allerdings eine sehr gute.

Die weiße Stadt von Karolina Ramqvist ist erschienen bei Ullstein (ISBN 9783550081330, 192 Seiten, 18 Euro). Übersetzt wurde es von Antje Rávic Strubel.

Bücherwurmloch

IMG_1906Im Zuge meiner (nicht sehr tiefgehenden) literarischen Selbstanalyse über mein Faible für Bücher aus dem Norden hab ich über noch was nachgedacht: über meine Angst vor dicken Schwarten. Definieren wir zuerst einmal DICK: Bis 700 Seiten ist alles noch halbwegs okay. Ab 600 wird es zwar grenzwertig, aber es geht noch, mehr als 800 machen mir schon schwer zu schaffen und bei 1000 gerate ich endgültig ins Schwitzen. Woher kommt das? Es war nicht immer so. Ganz im Gegenteil: Früher konnte ein Buch für mich gar nicht genug Seiten haben. Ich habe es GELIEBT, in einem fetten Schmöker zu versinken, als ich zehn war, zwölf, dreizehn, ich war ein großer Fan von Wolfgang Hohlbein und seinen Fantasy-Wälzern, habe wuchtige Biografien über Mozart, die russischen Zaren und Kronprinz Rudolf verschlungen. Am liebsten habe ich mich in den Weihnachtsferien mit den neuen Büchern, die unterm Christbaum gelegen waren, vergraben, und später, während des Studiums, hatte ich einen Job, bei dem man, wenn nicht viel los war, wunderbar lernen und lesen konnte, ich habe dicke Romane immer noch gemocht, sie praktisch inhaliert. Ich habe fieberhaft gelesen, aufgeregt, begeistert, ich wollte Geschichten, die sich vor mir ausbreiteten, die weitläufig waren und viele Figuren enthielten. Genau das ist mir heute ein Graus. Was ist der Unterschied? Damals hatte ich Zeit. Viel Zeit. Unfassbar viel Zeit. Heute ist Zeit so ungefähr das Einzige, was mir fehlt.

Ich lese immer noch gern, aber ich zwacke mir die Minuten dafür ab von allem, was meine Tage ausfüllt, Kinder versorgen, arbeiten, einkaufen, kochen, waschen, putzen, Kinder bespaßen, arbeiten, schreiben, bloggen und so weiter, und wir reden wirklich von Minuten, nicht von Stunden. In das Ausufernde finde ich nicht mehr hinein, ich habe keine Muße, ich hab keinen Bock mehr, mich lange mit einer Story zu beschäftigen. Nicht die Bücher haben sich verändert. Sondern ich. Und auch wenn ich immer noch für gute Geschichten brenne, müssen sie doch schneller auf den Punkt kommen. Denn da ich keine Zeit habe, will ich sie nicht verschwenden. Und über die Jahre (mit vielen, vielen Büchern) ist bei mir der Eindruck entstanden, dass zahlreiche Romane mit mehr als 600 Seiten sich so einige davon hätten sparen können. Dass sie Längen haben und mich stellenweise langweilen. Ich frage mich dann: Ist das viele Papier wirklich berechtigt? Warum hat der Autor es nicht geschafft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, Überflüssiges wegzulassen, den Kern seiner Geschichte herauszuschälen? Das ist anmaßend, ich weiß das, und wer ein Freund der Klassiker à la Krieg und Frieden ist, möge bitte keinen Stein in meine Richtung werfen.

IMG_2019Ich arbeite daran. Ich versuche oft, wenn ich einen gewissen Spleen an mir bemerke, dagegen anzukämpfen. Ich finde es zudem schade, dass mir wegen meiner merkwürdigen, mit den Lebensumständen gewachsenen Phobie viele Bücher entgehen. Bezeichnend ist, dass in meinem Regenbogenregal kein einziges Buch mit mehr als 850 Seiten steht, die wenigen dicken Schwarten, die ihr hier auf den Bildern seht, habe ich alle geschenkt oder geschickt bekommen, und ich hab sie vor allem noch nicht gelesen. Besonders schlimm war das Gefühl, etwas zu verpassen, in den letzten Jahren bei Brilka. Das achte Leben von Nino Haratischwili, das ich so gern lesen würde. Wenn es halt nicht 1000 Seiten hätte. Also hab ich letztes Jahr beschlossen, jedes Jahr einen Tausender zu bewältigen. Wenigstens einen! Und bin gleich grandios an diesem Vorhaben gescheitert. Ich hab mit Die Gestirne von Eleanor Cotton begonnen, angeblich ein sehr gutes Buch, und ich hab auch fast bis zur Hälfte durchgehalten. Auf Seite 450 hab ich dann allerdings entnervt aufgegeben. Ich hatte den langen Atem nicht, fand alles lahm und fad, die Geduld ging mir aus. Aber: neues Jahr, neuer Versuch! Diesmal wage ich mich an City on Fire von Garth Risk Hallberg. Bisher hab ich 240 Seiten gelesen (und bin sehr stolz auf mich), und ich merke schon: Da lässt sich einer Zeit beim Erzählen. Da werde auch ich mir Zeit nehmen müssen, irgendwie.

IMG_2021Dicke Bücher machen mich müde. Wenn ich sie nur ansehe, bin ich schon erschöpft. Sie rauben mir, wie bereits festgehalten, Zeit, aber auch Kraft. Allein das Gewicht! Und die vielen Charaktere und Nebenstränge und all das Blabla! Uff. Ich lese und lese und komme nicht weiter, mache keinen Fortschritt, keinen erkennbaren. Dicke Bücher setzen mich unter Druck, ich sehe dann all die Seiten, die noch vor mir liegen, als seien sie die Kilometer eines Marathons, und ich frage mich: Wann soll ich die alle lesen, wann, das schaffe ich nie, was wollt ihr von mir! Ich denke an all die luftigen, schmalen Bücher, die ich in derselben Zeit lesen könnte, die vielen verschiedenen Geschichten. Wäre das nicht besser, sinnvoller, erkenntnisreicher, abwechslungsreicher? Aber gleichzeitig frage ich mich: Ist Lesen an sich etwas, das man bewusst effizienter gestalten soll und darf? Entscheide ich mich bei mehr Quantität automatisch gegen die Qualität? Ist es nicht vielleicht gar der verrückte Zeitgeist der Hektik, der da durchschimmert und dem ich eigentlich nicht folgen will? Oder wird sich meine Abneigung wieder legen, wenn meine Kinder aus dem Haus sind und die Zeit zu mir zurückkommt?

Für Gourmets: 5 Sterne

Jäger„Wenn Menschen gehen, suchen sie etwas, wenn sie nichts suchen, rennen sie weg vor etwas“
„… wie als Zeichen, dass der Winter begonnen hatte, sein Terrain abzustecken, seine Gebietsansprüche zu stellen, und so, als ob er sagen wollte, wer sich so weit in die Berge vorwagt mit seiner Familie, seinem Vieh, wer so weit oben Häuser und Bestallungen errichtet, es wagt, so weit oben sein Leben zu leben, der muss sehr früh mit mir rechnen, dem lege ich als Erstem die kalte Hand auf die Schulter, blase ich als Erstem den kalten Atem ins Gesicht, während die, die unten geblieben sind, noch Zeit haben …“ Und er ist brutal, dieser Winter in den Tiroler Bergen im Jahr 1950, der in die Geschichte eingehen wird als Lawinenwinter mit 260 Toten und den der junge Wiener Historiker Max Schreiber in einem Dorf verbringt, in dem er nicht willkommen ist. Ein Buch will er schreiben über eine, die verbrannt ist in ihrem eigenen Haus, die vielleicht eine Hexe war, die man vielleicht brennen sehen wollte, und sobald er dieses Ansinnen äußert, begegnet man ihm mit noch mehr Misstrauen als ohnehin schon. Er ist ein Fremder, er hat hier nichts verloren. Doch Schreiber lässt sich nicht verjagen, und das liegt nicht so sehr an dem Buch, für das er noch keine Zeile geschrieben hat, sondern an Maria. Die junge Frau, die nicht spricht, fasziniert ihn, zieht ihn an, doch das Problem ist: So ergeht es nicht nur ihm. Auch Kühbauer liebt Maria, ein Bauerssohn, verspottet, weil sie ihn nicht erhört, der umso mehr in sturer Liebe entbrennt. Dann kommt der Schnee. Dann kommen die Lawinen. Dann kommt der Tod. Doch nicht bei allen, die sterben, trägt der Winter die Schuld …

Ich hatte 2016 ein übles Lesejahr, habe mich ständig vergriffen und halb die Lust am Lesen verloren. Endlich kam dieser Roman, und er kam reichlich spät. Als ich begonnen habe, ihn zu lesen, war ich schon resigniert. Da war ich schon fertig mit der literarischen Welt (und mit der restlichen auch ein bisschen). Es hat eine Weile gedauert, diese Resignation aufzubrechen, zu mir durchzudringen. Erst nach etwa einem Drittel wurde ich plötzlich hellhörig. Etwas hat sich gerührt in mir. Etwas hat sich verschoben. Sehr langsam, in einem steten, gleichbleibenden Rhythmus, hat sich dieses Buch reingearbeitet in mein Inneres, durch den Panzer der Enttäuschung und des Unwillens. Diesen Rhythmus erzeugt die eigenwillige, betörende, fesselnde Sprache. Gerhard Jäger spielt mit Wiederholungen, babam, babam, sanft, beständig, beharrlich, babam, und wenn du da erst einmal drin bist, im Dickicht dieser Sprache, dann findest du nicht mehr raus. Pathetisch ist das manchmal, und lang sind die Sätze, aber es passt, es ist stimmig, es ist gut, und deswegen darf der das, der Jäger. Sein Setting ist eine vergangene Zeit, ein archaisches Dorf, und von Anfang an ist eine bedrohliche Stimmung spürbar, die sich nicht zuletzt in den Naturkatastrophen entlädt, denen der Mensch so hilflos gegenübersteht. Jede Figur ist fein ausgearbeitet, jeder Dialog hat seine Berechtigung, jede Beschreibung lässt mich selbst sehen, was es zu sehen gibt.

Der Berg, auf dem ich aufgewachsen bin, steht nicht in Tirol, aber sehr wohl in Österreich, und selbst wenn es Jahrzehnte später war, hab ich doch eine Heimat in dem Schnee, ich kenne das Dem-Winter-ausgeliefert-Sein, ich kenne das Abweisende einer Dorfgemeinschaft, und ich fühle mit dem Protagonisten. Vielleicht packt mich dieses Buch deshalb so sehr. Es zieht mich an und in sich hinein, ganz atemlos lese ich es zu Ende, ich kann nicht anders, bin süchtig geworden nach der Geschichte, nach den mit Bedacht gewählten Worten. Und die Rahmenhandlung, von der ich mich noch gefragt hab, wozu braucht’s die eigentlich, ergibt auf einmal Sinn, alles fügt sich, und ich hab’s, obwohl es doch die ganze Zeit da war, nicht kommen sehen. In dem Moment weiß ich es: Das ist mein Buch des Jahres, das ist das beste, was ich 2016 gelesen habe. Spät ist es gekommen, aber nicht zu spät, und eigentlich macht das nichts, denn so herausragend gute Bücher wie dieses, die werden nicht schlecht, ganz egal, wann man sie liest. Wichtig ist also allein, DASS ihr es lest. Lasst euch reinfallen in die Geschichte, in den Rhythmus, in die Sprache, in den Schnee. Babam!

Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod von Gerhard Jäger ist erschienen im Blessing Verlag (ISBN 978-3-89667-571-2, 400 Seiten, 22,99 Euro). Hier könnt ihr euch den Buchtrailer anschauen, und hier findet ihr die wunderbare Besprechung vom Kaffeehaussitzer, der das Buch so gut fand wie ich und diesen wunderbaren Satz geschrieben hat: Und mitten in der Naturkatastrophe bricht sich eine Lawine menschlicher Leidenschaft Bahn. Eine Lawine aus Wahn, Hass und Eifersucht.

Für Gourmets: 5 Sterne

Schenk„Eltern stecken in ihren Kindern und können sie schwer und traurig machen“
Louise ist Französin, eine hübsche, aufgeweckte Frau mit Hunger auf das Leben. Sie wird gegen Ende des Zweiten Weltkriegs geboren, und obwohl sie ihn nicht richtig erlebt hat, überschattet dieser Krieg ihr Dasein. Vor allem, als sie sich in einen Deutschen verliebt und mit ihm in seine Heimat zieht. Louises Vater stimmt der Hochzeit zwar schweren Herzens zu, doch die Deutschen bleiben Feinde für ihn. Und wie geht es Louise in dem fremden Land? Ihr jugendlicher Überschwang weicht schnell, sie entdeckt viel Neues über ihren Mann und dessen Familie, nicht alles von positiv, und auch wenn die Ehe hält, verliert sie doch den Zauber des Anfangs. Louise unterrichtet in Deutschland Französisch:

„Alle machen Fortschritte, du vor allem in dieser Umwandlung, deine Muttersprache als Fremdsprache zu unterrichten. Du bist eine Herrin, die, gewohnt, durch weite Wälder zu reiten, auf einmal den Charme eines Gemüse- und Blumengartens entdecken muss.“

Die Jahre verfliegen, Louises Kinder werden groß, und es geht so schnell vorbei, dein Leben.

Im Begleitbrief zu diesem „Lebensbuch“ schreib Martin Kordic, er habe mit Sylvie Schenks Roman gegen Mitternacht begonnen – und das bereut, weil er in dieser Nacht keinen Schlaf bekam. Er musste es in einem Rutsch zu Ende lesen. Ganz so genötigt wie ihn hat diese Geschichte mit autobiografischen Zügen mich nicht, aber ja, doch, sie hat etwas Atemloses. Das liegt an der Hast, die in allem steckt, an dem Drängenden in der Erzählstimme, womit ich nicht sagen will, dass Sylvie Schenk ungenau erzählt. Sie lässt vielmehr ein Leben auf nur 158 Seiten vorbeiflirren, und sie zeigt, ohne es konkret sagen zu müssen, wie wenig Zeit wir haben. Wie sie uns zerrinnt.

Auch die Wahl der zweiten Person Singular sorgt dafür, dass Schnell, dein Leben ein intensives Leseerlebnis ist. Wer ständig mit Du angesprochen wird, bekommt natürlich automatisch das Gefühl, gemeint zu sein, beteiligt zu sein. Und auch wenn dies eine ungewöhnliche Erzählperspektive sein mag, erschien sie mir in diesem Fall sehr natürlich.

„Deine Kindheit ist eine kaum verblasste Musik. Man kann die Noten hintereinander staccato anklopfen oder jeder die Zeit lassen, sich zu einer gebundenen Melodie auszudehnen.“

Dies ist ein wunderbares Buch, poetisch und traurig, nicht verhärmt, nicht verbittert, offen für das, was geschehen ist, liebevoll sich selbst und den eigenen Fehlern gegenüber.

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk ist erschienen bei den Hanser Literaturverlagen (ISBN 978-3-446-25331-5, 160 Seiten, 16 Euro).

Bücherwurmloch

Nord1Es gibt eine Frage, die mich beschäftigt: Woher stammen eigentlich die Autoren der Romane, die ich mag? Und in welchen Ländern spielen diese Bücher? Besteht da überhaupt einen Zusammenhang, lässt sich eine Vorliebe feststellen? Ich sag’s gleich vorweg: Ich hab das nicht fachfrauisch statistisch ausgewertet. Aufgefallen ist mir zuerst eher, was mir NICHT zusagt: Bücher aus Afrika zum Beispiel. Ich hab’s oft genug mit ihnen versucht, um sagen zu können: Ich mach einen Bogen um Literatur aus Afrika (einen Bogen, der mal größer und mal kleiner ist). Hin und wieder versuche ich, diese Abneigung aufzubrechen, und manchmal klappt das, aber meistens stelle ich erneut fest, dass ich nichts anfangen kann mit dem Afrikanischen. Es ist mir (Achtung, Pauschalisierung!) zu ausufernd und schwafelig, zu aufgeblasen und bedeutungsschwanger, zu sehr mit Symbolen und Mystischem beladen. Aus diesem Grund lese ich auch fast nichts (mehr) aus Südamerika: Ich mag den magischen Realismus nicht, das Paranormale, Verschnörkelte. (Ausnahmen bestätigen die Regel, ich finde Carla Guelfenbein gut, habe auch meine Allende und meinen Márquez gelesen.)

Ich hab’s offenbar gern klar. Und kühl. Und kurz angebunden. Ich hab definitiv ein Faible für Bücher aus dem Norden. Freilich nicht für alle, nein, nur weil ein Roman von „dort oben“ kommt, bedeutet das noch nicht, dass ich davon angetan bin. Die Wahrscheinlichkeit ist aber höher als bei anderen Romanen, zumindest lässt sich das an meinem Regal erkennen. Darin stehen ja, wie ihr inzwischen wisst, nur sehr wenige Bücher, knapp 300, mehr besitze ich nicht. Auch anhand meines Interesses an Neuerscheinungen merke ich: Ich tendiere zu Finnland, Schweden, Norwegen, Island, Norddeutschland und den Niederlanden.

Nord2Ich bin beispielsweise ein großer Fan von Per Pettersson, dessen Roman Pferde stehlen zu den besten gehört, die ich jemals gelesen habe. Hätte ich einen Lieblingsschriftsteller, es wäre Per. Ich mag Roy Jacobsen und Jan Christophersen, Jón Kalman Stefansson, Majgull Axelsson, Leo Ǻgren, Niels Fredrik Dahl, Anna Enquist und Kerstin Ekman. Mit 17 hab ich Peter Høeg verschlungen, ich liebe Oben ist es still von Gerbrand Bakker und Wie keiner sonst von Jonas T. Bengtsson. Katja Kettus Wildauge steht auf meiner Liste der beeindruckensten Bücher ever. Ich finde Angerichtet von Herman Koch genial, genau wie Fegefeuer von Sofi Oksanen, Altes Land von Dörte Hansen und Wahr von Riikka Pulkkinen. Fasziniert haben mich auch Dorte Nors, Arto Paasilinna, Kjell Westö, Per Olov Enquist, Philip Teir, Leena Parkkinen, Toine Heijmans, Matthias Jügler, Mikael Niemi und Hannah Kent.

Nord3Das sind nur Schriftsteller und Titel, die mir spontan einfallen bzw. die noch „übrig“ sind, denn seit einigen Jahren behalte ich ja kaum noch Bücher. Woher diese Vorliebe kommt? Keine Ahnung. Vielleicht von einer durch Astrid Lindgren geprägten Kindheit? Okay, kleiner Scherz. Aber ich habe das Gefühl: Das Nordische, Kühle, wenig Verschwurbelte zieht mich an, die Geschichten sind oft sehr schlicht, nah an der Essenz des Menschlichen. Ein Patentrezept für das, was mir gefällt, gibt es dabei nicht, allein die oben genannten Beispiele sind in ihrer Handlung und Thematik sehr unterschiedlich. Sicher ist auf jeden Fall: Sie sind niemals kitschig.

Nord4Weitere literarisch-geografische Überlegungen habe ich vorerst nicht angestellt. Ich muss genauer erforschen, welche Länder sich noch in meinem Regenbogenregal finden. Ich habe früher sehr viel über Tibet gelesen, ich mag Bücher aus und über Japan, Italien, Frankreich, natürlich Deutschland, Österreich, Schweiz, das ist naheliegend, Spanien, Portugal, England, das ehemalige Jugoslawien, mit den Great American Novels hab ich so meine Probleme, und ich weiß: Ich vernachlässige ungefähr die halbe Welt. Das hier soll nun aber keine Selbst-Challenge werden, in der ich mich zwinge, jeden Monat ein Buch aus einem anderen Erdteil zu lesen. Interessant ist das jedoch durchaus: Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, aus welchen Ländern eure Lieblingsautoren stammen? Über welche Orte lest ihr gerne? Und noch viel wichtiger: Könnt ihr mir gute Schriftsteller aus dem Norden empfehlen?