Gut und sättigend: 3 Sterne

IMG_3381„Es war unmöglich, eine Auszeit von sich selbst zu nehmen“

„Die Klinik war ein Schutzraum, in dem jeder nach und nach begann, sein zugeschüttetes Wesen freizuscharren. Ein gebrochenes Bein oder eine Platzwunde war leichter zu verstehen. Acht Wochen Gips, Pflaster drauf, alles war sichtbar. Die Ursache, die Symptome, auch die Heilung. Psychische Störungen dagegen waren unsichtbar.“

In einen solchen Schutzraum, eine Klinik, begibt sich die junge Juli. Sie hat lange auf den Therapieplatz gewartet und ist fest entschlossen, ihn zu nutzen. Jeden Morgen steht sie pünktlich auf, macht sich auf den Weg zur Klinik, nimmt an den Gruppensitzungen und Aktivitäten teil. Sie trifft dort den attraktiven Philipp, der schizophren sein soll, und die quirlige Sophie, bei der eine bipolare Störung diagnostiziert wurde. Sie alle haben ihr Päckchen zu tragen, jeder für sich, doch dann schweißt ein gemeinsames Erlebnis die drei zusammen, und es wird klar: Das Wochenende, das vor ihnen liegt, das müssen sie einfach zusammen verbringen. Juli, die eine bestimmte Form von Autismus hat, passt das nicht, sie will nachhause, in die Sicherheit ihrer vier Wände, und doch kann sie sich der seltsamen Dynamik, die zwischen ihr, Philipp und Sophie entsteht, nicht entziehen. Nicht einmal, als es gefährlich wird.

Wie verrückt ist verrückt genug? Das ist die zentrale Fragen von Niah Finniks erstem Roman Fuchsteufelsstill. Wer ist noch normal, wer ist es nicht mehr? Und wo genau verläuft die Grenze? Klar wird eigentlich nur, dass das völlig unklar ist. Ist das, was wir Therapie nennen, wirklich hilfreich? Medikamente, die den gesamten Geist auf Standby setzen, Stuhlkreise, Töpfern? Die Autorin, die im neuen Imprint Ullstein fünf debütiert hat, ist noch keine 30 Jahre alt und hat das Asperger-Syndrom. Anders gesagt: Schreib über das, was du kennst – und mit Autismus kennt Niah sich demzufolge aus. Ich war deshalb sehr gespannt auf ihr Buch. Wie würde jemand von Autismus erzählen, der nicht von außen draufsieht? Was für Einblicke würde sie mir geben können, welche neuen Erkenntnisse?

Wenn die Frage lautet, wie verrückt ist verrückt genug, muss ich gestehen, und es ist mir fast ein bisschen peinlich, dass mir Fuchsteufelsstill (wunderbarer Titel übrigens und sehr schönes, von der Autorin selbst designtes Cover) nicht verrückt genug war. Protagonistin Juli hat gewisse Spleens, eine Vorliebe für die Farbe Blau, für Zahlen und für Quantentheorie, sie steckt nicht gern in Menschenmassen, zählt mit, wie weit sie sich von ihrer Wohnung entfernt befindet, und hat Angst vor Nähe. Ist man damit schon nicht mehr normal, ist man damit schon krank? Ich kann das nicht beurteilen, nur denke ich während der Lektüre ständig: Das hab ich so alles schon gelesen. Solche Figuren sind mir bereits oft begegnet. Die leicht Beschädigten. Die, mit denen was nicht ganz stimmt. Die einsam sind und schrullig, die Stimmen hören oder keinen Grund mehr sehen, zu leben. Die überdrehte Sophie entspricht dem Stereotyp einer manischen Patientin, und dann taucht auch ein eiskalter Businesstyp auf, der sich, von Langeweile geplagt, gestörter verhält als unsere drei Klinikhasen zusammen. Klischee, ja, natürlich, und genau das hat mich sehr überrascht, weil ich erwartet hatte, dass eine Autorin, die eigene Erfahrungen einbringt, mit diesen Klischees aufräumen würde. Aber Niah Finnik kann auf jeden Fall sehr gut schreiben. Das ist es auch, was diesen Roman lesenswert macht – das und die Art, auf die er einen nachdenklich stimmt. Am Ende zeigt sich: Wir suchen doch alle eigentlich nur nach der Liebe. Und das ist wahrlich sehr verrückt.

Fuchsteufelsstill von Niah Finnik ist erschienen bei Ullstein (ISBN 9783961010035, 304 Seiten, 14,99 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

IMG_3822„Lasst uns auf unsere Freunde trinken und mögen wir alle mehr Freunde haben als Blätter an einem Apfelbaum“

Fünfzig Jahre ist es her, dass die kleine Rike gestorben ist. Dass sie aus dem Kirschbaum gefallen und Blut aus ihrem Ohr geflossen ist. Martina kann das nicht vergessen, und ihre Mutter Elena kann es auch nicht. Jetzt wird Elena 88 Jahre alt, ein rauschendes Fest gibt man ihretwegen, die Polka wird getanzt, der Honigschnaps wird getrunken, aber für Elena ist der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit schon fließend. Für Elena gäbe es noch viel zu sagen, nur hat sie nicht mehr viel Zeit. Aber jetzt, wenn man ehrlich ist, würde sie es wahrscheinlich auch nicht mehr aussprechen, fünfzig Jahre später. Wo doch jeder nur geschwiegen hat über alles, was wichtig war. Tochter Martina über das, was wirklich geschehen ist und was sie über Rike gedacht hat. Enkelsohn Daniel über seine komplizierten Gefühle seiner Freundin Sasha gegenüber. Sasha über das, was sie erlebt hat auf ihren wilden, gefährlichen Reisen in Kriegsgebiete und Ecken der Welt, die gut und gern das Ende sein könnten. Und Anja über das, was sie tatsächlich sucht, wenn sie ihrer kleinen Tochter Schlaftropfen in die Milch gibt, um sie nachts allein zu lassen.

Es ist nicht einfach, den Inhalt von Tina Pruschmanns Debüt wiederzugeben. Das liegt daran, dass es kaum möglich ist, das Buch nachzuerzählen, zu kurz sind die Erzählstränge, zu verwickelt das Gesamtbild. Die Kapitel sind episodenhaft, nicht chronologisch aneinandergereiht, sie hängen zwar zusammen, ja, sie haben teilweise dasselbe Figureninventar, und doch wirken sie mehr wie Interlinking Short Stories denn wie ein Roman. Die Autorin, die Soziale Verhaltenswissenschaft und Soziologie studiert hat, lässt die Handvoll Charaktere, die sie entworfen hat, Banales und Schreckliches erleben, lässt sie sich verlieben, sich trennen, lässt sie lachen, leiden und sterben. Es geht um ihre Schicksalsmomente, um jene Augenblicke, die etwas verändern, sofort oder erst, vielleicht unbemerkt, später. Kurze Einblicke bekommt der Leser in diesem langen Reigen von Mosaiksteinchen aus einer ungefähren Zeitspanne zwischen 2002 und 2015, mit Ausnahmen, die weiter zurückreichen, die Kapitel sind datiert, aber um wen es geht, das muss man herausfinden, indem man liest, sich wundert, grübelt, irgendwann draufkommt. Das ist gut, es ist herausfordernd, anstrengend ist es auch.

Im Klappentext steht „Mit großer Leichtigkeit erzählt Tina Pruschmann von diesen besonderen Momenten, den Lostagen im Leben“ – nein. Leicht ist an diesem Buch gar nichts. Mit bleierner Schwere, müsste es eher heißen, denn Lostage ist unfassbar deprimierend. Obwohl ich das Melancholische liebe, hat dieses Buch mich derart niedergedrückt, dass ich oft tagelang nicht weiterlesen konnte. In seiner Art, eine Familie darzustellen und zu beleuchten, durch das Gesplitterte, Vereinzelte, hat es mich sehr stark an Rabenkinder von Heike Duken erinnert, meinen Favorit für den Blogbuster-Preis. Die Romane ähneln sich sehr, zum Teil im Inhalt, aber mehr noch in der Aufmachung, dem Stil, der Idee, eine Familie nicht über ihren Zusammenhalt zu charakterisieren, sondern über die Erkenntnis, dass jeder für sich bleibt, dass jeder einsam ist, dass die Blutsverwandtschaft nichts weiter ist als ein locker geknüpftes Band, das der Zufall gewebt hat. Tina Pruschmann kann ohne Zweifel herausragend gut schreiben. Sie tanzt mit den Wörtern, sie gibt ihnen Befehle, denen die Wörter widerstandslos folgen. In seiner Gesamtheit ist Lostage komprimierte, elendige, bodenlose Traurigkeit. Es ist ein Buch, das man, um es lesen zu können, in erster Linie aushalten muss.

Lostage von Tina Pruschmann ist erschienen im Residenz Verlag (ISBN 9783701716807, 224 Seiten, 22 Euro).

Bücherwurmloch

  1. 19225838_10158890121235578_729124526951754862_n
    Endlich bin ich dabei! Natürlich hab ich jedes Jahr auf die Buchpreisblogger geschielt, ihre Beiträge gelesen und die Diskussionen verfolgt. Umso grandioser finde ich es, dass ich 2017 mit von der Partie sein darf. Und hoffe freilich, dass auch irgendjemand dann zu mir rüberschielt.
  2. Ich werde die Buchpreis-Bücher lesen! Alle Jahre wieder werden Longlist und Shortlist mit Spannung erwartet, die nominierten Titel wirbeln die Literaturbranche und den Buchhandel auf, und ich bin wahnsinnig gespannt, welche Romane das 2017 sein werden.
  3. Bisher hab ich den Buchpreis eher aus der Ferne betrachtet, als große Aktion, die im Spätsommer über die Literaturbühne geht, mich aber wenig betrifft. Dieses Mal werde ich mittendrin und live dabei sein. Das große Lesen beginnt am 15. August, verliehen wird der Preis am 9. Oktober.
  4. Diskussionen, die Sinn machen und gleichzeitig auch noch friedvoll ablaufen, sind ja im Internet nicht unbedingt häufig zu finden. Ich stelle mir vor, dass wir Buchpreisblogger das in diesem Fall hinbekommen. Ich bin neugierig auf die Meinung der anderen und freu mich auf die Möglichkeit, mich mit Gleichgesinnten über Bücher auszutauschen, denn in meinem Umfeld gibt es kaum Lesende, und somit hab ich zu sowas selten die Gelegenheit.
  5. Die, mit denen ich diskutieren werde, sind auch ein Grund zur Freude: meine werten Kollegen! Fünf sind es an der Zahl, und ich schätze sie alle sehr: Sandro Abbate novelero, Isabella Caldart novellieren, Sarah Reul Pinkfisch, Frank Rudkoffsky Frank O. Rudkoffsky, Ilke Sayan (Booktuberin) BuchGeschichten.
  6. Letztes Jahr hat mit Bodo Kirchhoff ein Autor der FVA den Buchpreis gewonnen, wo auch mein Roman im Frühjahr 2018 erscheinen wird. Das tut eigentlich nichts zur Sache, verstärkt meine Freude aber trotzdem noch zusätzlich.

Der Hashtag zum Buchpreisspaß lautet #dbp17, das ist der neue Blog des Deutschen Buchpreises, und hier findet ihr alles auf Facebook. Das Logo ist von Jochen Kienbaum.

Gut und sättigend: 3 Sterne

Zwicker„Manchmal würde ich auch gern die Erinnerung verlieren“

„Die meisten sehen es falsch. Sie glauben, die Alten würden abgehängt. Sie glauben, die Alten verlören den Anschluss, weil der Zahn der Zeit ihre Geister und Körper daran hindert, mit dem rasenden Fortschritt mitzuhalten. Das stimmt aber nicht. Der Fortschritt gestaltet nur die Kulisse. Und in diesem ewigen Trauerspiel liegen die Alten immer voran.“

Kehr ist alt, und viel, das ist ihm klar, wird nach dem Tod seiner Frau nicht mehr kommen. Er gibt vor, senil zu sein, an Demenz zu leiden, damit seine Familie ihn ins Pflegeheim bringt. Dort, so stellt er es sich vor, wird er ein ruhiges Leben haben in seinen letzten Jahren. In Wahrheit ist es jedoch anstrengend, den Demenzkranken zu spielen, herumzuschreien, in die Hose zu machen und vor allem kein Wort mit seiner geliebten Enkelin Sophie zu sprechen. Es bricht ihm das Herz, dass er so tun muss, als würde er sie nicht kennen. Sie ist die Einzige, die ihn besucht, die Einzige, die er liebt. Kehr rechnet ab mit dem Leben, mit seinen Fehlern und Verlusten, er beobachtet die anderen Pflegebedürftigen, manchmal spielt er ihnen Streiche. Und er büxt gern aus, aber nur, um sich vorn an der Ecke beim Türken was zu kaufen. Dann kommt seine Jugendliebe Annemarie in dasselbe Pflegeheim, und Kehr merkt, dass er sich mit seinen Lügen und Täuschungen in die Ecke manövriert hat, dass er sich nur noch im Kreis dreht.

Frédéric Zwicker hat als Zivildiener in einem Pflegeheim gearbeitet, und das merkt man seiner Erzählung an: Hier schreibt einer, der genau weiß, was Sache ist. Er berichtet über die Arbeit der Pfleger, über das Verhalten der zu Pflegenden – man möchte sie fast Insassen nennen, haben sie doch keinen Weg in die Freiheit mehr – und über den Alltag in einem solchen Heim. Was zuerst nach einer guten Idee klingt, einen alten Mann dort hinzubringen, der nur vorgibt, dement zu sein, der im Heim beobachten und entlarven, Schabernack treiben und den Leser unterhalten kann, stellt sich im Laufe des Romans als Spiegeltrick heraus. Es scheint, als habe der Protagonist eigentlich nur sich selbst getäuscht. So ganz, das muss ich gestehen, begreife ich nicht, warum er das tut. Weshalb lässt er sich einliefern, sich seiner Freiheit berauben, obwohl es nicht nötig wäre? Wieso verletzt er seine Enkelin derart tief, gibt vor, sie nicht zu erkennen, obwohl er sie so sehr liebt? Und warum gibt er seine Tarnung nicht einmal dann auf, als seine große Liebe Annemarie vor ihm steht? Ich hab mich gefragt, ob er vielleicht nur denkt, er sei nicht dement, und es in Wirklichkeit aber ist, nur: Das kommt mir dann doch zu kompliziert vor. Oder bedürfte zumindest einiger Erklärungen, die es nicht gibt.

Das ist die Schwachstelle an diesem Buch, das Unerklärliche, Fragwürdige, ansonsten ist es gut geschrieben, sehr authentisch, in Eigenerfahrung recherchiert und originell. Wer es liest, wird – vermutlich nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal denken –, dass er als alter Mensch hoffentlich nicht in einem Heim landen wird. Das Erste, was einem an der Tür abgenommen wird, scheint die Würde zu sein. Ein lesenswerter, aber wahrlich kein herausragender Roman.

Hier können Sie im Kreis gehen von Frédéric Zwicker ist erschienen bei Nagel & Kimche (ISBN 978-3-312-00999-2, 160 Seiten, 20 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Bronsky„Wir sind den Menschen unheimlich. Sie scheinen zu glauben, dass die Todeszone sich an die Grenzen hält, die Menschen auf Landkarten einzeichnen“

„Es gibt Tage, da treten sich in unserer Hauptstraße die Toten auf die Füße. Sie reden durcheinander und merken nicht, welchen Unsinn sie erzählen. Das Stimmengewirr hängt über ihren Köpfen. Dann wiederum gibt es Tage, da sind sie alle weg. Wohin es sie dann verschlägt, weiß ich nicht. Vielleicht erfahre ich es, wenn ich eine von ihnen bin.“

Und eine von ihnen könnte Baba Dunja bald sein: Sie ist alt, und sie lebt in Tschernowo. Das ist ein Gebiet um Tschernobyl, so verstrahlt, dass niemand es betreten will, sogar der Bus hält an einer Stelle zwei Stunden Fußmarsch von Tschernowo entfernt. Baba Dunja ist heimgekehrt. Sie weiß genau – zumal sie ihr Leben lang Krankenschwester war –, was für eine Gefahr das Gemüse darstellt, das sie in ihrem kleinen Garten erntet, wie tödlich jeder Schluck Wasser sein kann, doch es kümmert sie nicht. Sie will zuhause sein, sie will hier ihre letzten Jahre verbringen, sie will hier sterben. Und sie ist nicht allein: Die Gavrilovs sind da, der alte Petrov, die dicke Marja. Ein paar andere Alte haben sich wieder niedergelassen in Tschernowo, sie alle sind eine kleine Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig die meiste Zeit in Ruhe lässt, aber zusammenhält, wenn es drauf ankommt. Dass die Öffentlichkeit sie für verrückt hält, ist Baba Dunja und ihren Nachbarn egal:

„Meine Arbeit hat mich gelehrt, dass Menschen immer und ausschließlich das tun, was sie wollen. Sie fragen nach Ratschlägen, aber eigentlich brauchen sie fremde Meinungen nicht. Aus jedem Satz filtern sie nur das heraus, was ihnen gefällt. Den Rest ignorieren sie.“

Baba Dunjas Kinder sind weit fort, ihr Sohn lebt am anderen Ende der Welt, ihre Tochter in Deutschland. Manchmal bekommt Baba Dunja ein Paket mit praktischen Dingen, manchmal einen Brief. Doch dann erhält sie zum ersten Mal einen Brief von Laura, ihrer Enkelin, und das macht Baba Dunja Sorgen: Was steht drin? Warum hat Laura ihr geschrieben? Sie hat keine Möglichkeit, die Worte zu entschlüsseln, versteht sie doch weder Deutsch noch Englisch. Klar ist nur: Etwas ist passiert. Und obwohl Baba Dunja nur ihre Ruhe möchte, weitab der Zivilisation, im giftigen Herzen des nuklearen Katastrophengebiets, wird ihr genau diese Ruhe nicht gewährt …

Alina Bronsky ist ziemlich großartig, das wusste ich schon nach Scherbenpark vor vielen Jahren – mit Baba Dunjas große Liebe ist es mir wieder eingefallen. Es ist gut möglich, dass ich nun auch die Bücher lesen werde, die sie dazwischen geschrieben hat, und ihr wisst, ein größeres Kompliment kann ich kaum aussprechen. Alina Bronsky hat die seltene Gabe, gewitzt, schlau und ohne großes Drama über Themen zu schreiben, die eigentlich großes Drama bedeuten. Ihre Idee, eine Geschichte rund um eine alte Tschernobyl-Heimkehrerin zu erfinden, ist schlichtweg genial. Sie hat eine Protagonistin erschaffen, die lebensklug ist und erfinderisch, einfallsreich und entspannt, eine gute Beobachterin, jemand, der schon viel gesehen und erlebt hat, den nichts mehr erschüttern kann. Das würde man denken, denn dann – und das macht den kurzen Roman durchaus spannend – geschehen sehr wohl Dinge, die Baba Dunja erschüttern. Sie ist eine von den Heldinnen, die gar keine Heldinnen sein wollen, und denen gerade deshalb das Herz des Lesers zufliegt. Sie ist kein weicher, manipulierbarer Mensch, im Gegenteil, mit ihr sollte man es sich nicht verscherzen. Das alles macht sie einerseits sympathisch und interessant, zugleich auch sehr authentisch: Baba Dunja ist die Oma, die dich liebevoll mit Kuchen füttert, dir aber auch spöttisch in den Speck zwickt.

Dieses Buch ist eine Geschichte über Außenseiterdasein und das Glück derer, die sich nicht mehr den Zwängen der Gesellschaft unterwerfen müssen.

„Was ich an Tschernowo niemals gegen fließend Wasser und eine Telefonleitung eintauschen würde, ist die Sache mit der Zeit. Bei uns gibt es keine Zeit. Es gibt keine Fristen und keine Termine. Im Grunde sind unsere täglichen Abläufe eine Art Spiel. Wir stellen nach, was Menschen normalerweise tun. Von uns erwartet niemand etwas.“

Es ist auch ein Buch über das Altern und Loslassen, über Mut, Zusammenhalt und die Bindungen innerhalb einer Familie. Über Tote, die nicht gehen wollen, die Dummheit der Menschen und über Lügen, die Folgen haben. Wer es noch nicht kennt: Unbedingt lesen!

Baba Dunjas letzte Liebe von Alina Bronsky ist als Taschenbuch erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (ISBN 978-3-462-05028-8, 160 Seiten, 8 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Swift„Es ging darum, dem, was das Leben ausmachte, treu zu sein, zu versuchen, genau das einzufangen, was Lebendigsein bedeutete“
Sie ist jung, sie ist hübsch, und sie ist eine Bedienstete: Jane hat ein Verhältnis mit Paul. Er ist reich, sie ist es nicht, er muss bald des Standes wegen heiraten, sie wird allein zurückbleiben. Schon seit Jahren hegen die beiden eine heimliche Zuneigung zueinander, treffen sich zu Stelldicheins, wann immer es möglich ist. An diesem einen Tag, das wissen beide, ohne dass es ausgesprochen wurde, wird es das letzte Mal sein, dass sie miteinander im Bett liegen. Und Jane genießt dieses letzte Mal, denn sie darf, weil die Herrschaften nicht da sind, das Haus durch die Vordertür betreten, ihren Geliebten in seinem Gemach besuchen, mit ihm schlafen, mit ihm reden, ungezwungen und frei von all der gewohnten Heimlichtuerei. Sie beobachtet ihn, versucht, sich die Details zu merken, die sie bald schon vermissen wird, seinen Bauchnabel, die Art, wie er raucht, wie er spricht. Sie ist eifersüchtig auf seine Verlobte, natürlich, aber es ist keine rasende, sondern eine resignierte Eifersucht, denn Jane weiß, dass für sie keine Möglichkeit besteht, so weit oberhalb ihres Standes zu heiraten. Später, sehr viel später, wird sie auf diesen einen Tag zurückschauen, wird sich erinnern, wie es war, als ihr Leben sich völlig verändert hat – allerdings auf andere Weise als gedacht.

Graham Swift ist eine bekannte Größe der britischen Literatur. Er hat bereits den Man Booker Prize abgestaubt, wird in siebzehn Sprachen übersetzt und liefert internationale Bestseller. Dieser Roman, Mothering Sunday im Original, ist wunderbar unaufgeregt und feinsinnig. Graham Swift erzählt darin so klug, zurückhaltend und doch emotional, dass wieder einmal bewiesen ist: Gute Schriftsteller brauchen nicht viele Worte. Sie brauchen nur die richtigen. Mit viel Einfühlungsvermögen hat er sich hineinversetzt in seine junge Jane, die vor dem ersten großen Verlust ihres Lebens steht, sie ist traurig, ja, aber auch voller Lebensmut und Lebensfreude, sie lässt ihren Geliebten nicht gern gehen, dennoch ist ihr Herz, so scheint es, leicht. Sie weiß: Es muss sein. Sie weiß: Es ist jetzt Zeit. Nur wenige Stunden beschreibt der Roman, einen einzigen Tag, und doch entfaltet sich sehr viel darin: das Standesdenken einer vergangenen Zeit, eine heimliche Liebschaft, die Zuversicht der Jugend, noch viele Jahre zur Verfügung zu haben. Graham Swift stellt diese junge Jane außerdem der gealterten, lebenserfahreneren Frau gegenüber, zu der sie später wird, und das verleiht den Ereignissen, von denen er berichtet, zusätzliche Tiefe. Der schmale Band mit gerade mal 140 luftig gesetzen Seiten ist schnell gelesen, doch das macht nichts, die Geschichte ist stimmig, rund, in sich geschlossen. Kein aufregendes Leseereignis, aber ein sehr empfehlenswertes, das gerade durch seine stille Schönheit und schlichte Eleganz beeindruckt.

„Und was muss man noch haben, wenn man Schriftstellerin werden will?“
„Na, man muss verstehen, dass Wörter nichts als Wörter sind. Einfach Luft …“

Ein Festtag von Graham Swift ist erschienen im dtv Verlag (ISBN 978-3-423-28110-2, 142 Seiten, 18 Euro).

Prost Mahlzeit: 1 Stern

FullSizeRender„Ich dachte, ich sei im Schreiben besser als im Leben“

„Eines Tages verwandeln sich alle in Dämonen, und uns fällt nicht mehr ein, wie wir etwas anderes in ihnen hatten sehen können“,

das schreibt die Schriftstellerin Márta ihrer Freundin Johanna, die Lehrerin ist im Schwarzwald, und sie meint mit diesem Satz eigentlich Menschen, ihren eigenen Mann, aber für mich passt er auch auf dieses Buch. Obwohl ich ein großer Fan von Zsuzsa Bánk bin und ihre Bücher Der Schwimmer sowie Die hellen Tage liebe, hätte ich mir ihren neuesten Roman nicht gekauft, schlicht deshalb, weil er so viele Seiten hat – ich hab ihn geschickt bekommen, und dachte dann: Ja, doch, ich lese ihn, die Seiten schaffe ich, irgendwie schaff ich die, und ich freu mich drauf. Doch dann wurde dieses Buch zu einem Dämon für mich, und mir fällt nicht mehr ein, wie ich etwas anderes in ihm hatte sehen können.

Die Sprache ist nicht das Problem, die Sätze sind lang und schwurbelig, es ist schwierig, da reinzufinden, aber es nicht unmöglich, und irgendwann packt der Rhythmus zu, zieht an, umwickelt, hämmert und pocht, durchwirkt mit den vielen Zitaten von Annette von Droste-Hülshoff, über die Johanna eine Doktorarbeit schreibt. Eins der Probleme ist die Handlung oder besser ihr Fehlen, das Buch zieht sich über fast siebenhundert Seiten und drei Jahre, dicht abgedeckt von E-Mails und Alltagsberichten, aber es bewegt sich nichts. Die beiden Frauen, die einander schreiben und eng befreundet sind, verändern sich nicht, entwickeln sich nicht, ihre Leben bleiben im Grunde gleich, die Kinder werden größer, natürlich, ansonsten – nichts. Es gibt keine Geschichte, vielmehr ist das alles ein Widerkäuen, ein Sich-Wiederholen, ein Auf-der-Stelle-Treten, und ich kann es nicht ertragen, mir schläft beim Lesen das Gehirn ein. Mehrfach überblättere ich die Seiten dutzendweise, und es macht nichts, ich komme trotzdem mit, mir fehlt keine wichtige Info, weil es die kaum gibt.

Ein anderes Problem, das mir dieser Roman bereitet, ist der Inhalt der Mails, der Inhalt dieser zwei Lebensentwürfe. Sie sollen zueinander konträr sein, auf der einen Seite die dreifache Mutter, auf der anderen Seite die Kinderlose, sie schreiben sich freundliche Mails, doch scheint diese Freundlichkeit manchmal einen gewissen Hass aufeinander kaum zu übertünchen, sie halten den Kontakt stets aufrecht, schreiben sich, rufen einander an, helfen sich aber nicht wirklich, sind nur mit Worten füreinander da, nicht mit Taten.

„Dein dralles, überdralles Leben scheint grell auf mein lächerlich sortiertes. Mein übersichtlich festgezurrtes. In dem ich nur um mich selbst kreisen muss. Um keine Kinder. Keinen Mann. Das ist ja auch nicht so schön, wie Du Dir ständig ausmalst. Durch vorgegebene Bahnen immerzu um mich selbst. Summ-summ. In meinem Johanna-Orbit. Kometen und Monde nur für mich.“

Und Johanna hat völlig Recht: Das ist unfassbar langweilig. Wenigstens kann sie mich dadurch nicht so wahnsinnig ärgern wie ihre Freundin Márta. Márta, die nur schreiben will. Die aber unglücklicherweise Kinder hat. Und die deshalb jetzt jeden einzelnen Tag ihres Lebens ganz fürchterlich jammern muss.

Es wurde schon viel geschrieben über Schlafen werden wir später, und ich hab mir sagen lassen, dass nicht alle Besprechungen positiv sind. Ich gehöre zu jenen, die von diesem Roman schrecklich genervt sind. Dabei hatte ich gedacht, ich würde mich identifizieren können mit Márta. Weil ich auch zwei Kinder habe, weil ich auch arbeite, weil ich versucht habe, neben dem Muttersein einen Roman zu schreiben, weil ich weiß, wie schwierig es ist, alles davon. Stattdessen haben Mártas Denkweise und Verhalten mich befremdet.

„Die Kinder saugen mein Leben weg, Johanna, wer ungestört arbeiten will, darf keine Kinder haben, wer etwas anderes erzählt, lügt, aber das weiß ich erst jetzt, niemand hat mir das früher gesagt, alle haben geschwiegen.“

So klingen Mártas Mails, und zwar alle ihre Mails, und ich frage mich: Wie kann das sein? Sie ist als Figur, als Mutter, völlig unglaubwürdig. Beim ersten Kind, ja, vielleicht, da lass ich mir das einreden, dass man vorher nicht weiß, wie anstrengend das wird, aber beim zweiten – niemals, nie, das wusste sie, und keiner, also wirklich keiner, kriegt ein drittes Kind, ohne genau zu wissen, worauf er sich einlässt. Das dritte Kind ist für Profis. Woher kamen diese Kinder denn? Márta hat sie offenbar nicht gewollt, sie klingt, als hätte jemand sie vor ihrer Tür abgestellt und sie gezwungen, sich um die Gschrappen zu kümmern, friss oder stirb, schreiben wirst du nicht mehr. Wieso hat Márta Kinder bekommen, nicht nur eins, sondern drei, wieso hat sie sich nicht vorher – spätestens, als sie zum dritten Mal schwanger war – überlegt, wie das gehen soll mit der Betreuung, mit der Vereinbarkeit, mit dem Schreiben? Wieso kann sie nicht denken: Gut, das ist jetzt so, aber nur für wenige Jahre, dann sind die Kinder größer, ich sollte diese Zeit genießen, die Zeit zum Schreiben kommt von selbst zu mir zurück? Und zu guter Letzt: Was ist das für ein Frauenbild, das Zsuzsa Bánk da vermittelt? Völlige Abhängigkeit, Unfähigkeit, selbst zu entscheiden und zu handeln, eine moderne Gefangenschaft ist das. Und gleichzeitig sind es First World Problems, nichts anderes, Mártas Kinder sind gesund, sie hat ein Haus, einen Mann, Aufträge, Geld, und dennoch wird sie nicht müde, sich zu beklagen. Genau wie ich mich endlos über dieses Buch beklagen könnte, diesen Dämon.

Schlafen werden wir später von Zsuzsa Bánk ist erschienen bei den S. Fischer Verlagen (ISBN 978-3-10-005224-7, 690 Seiten, 24,99 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

KnechtAch, die Frauen! Immer wollen sie was.
Und vor allem wollen sie was von ihm, Viktor. Es ist halt schon anstrengend, wenn man so ein Frauenmagnet ist wie er, erfolgreich, charmant, ein Hengst im Bett, einer von denen, die viele Eisen im Feuer haben. Sein Handy steht nie still, und er muss aufpassen, dass die vielen Nachrichten, Mails und Anrufe nicht von der einen gesehen werden, mit der er vorgeblich monogam lebt: Magda, die Mutter seiner Kinder. Wenn die wüsste, was Viktor wirklich treibt, dann wär die Kacke am Dampfen. Er ist ein Fixpunkt im Wiener Kulturkreis, er leitet ein Theaterfestival, scheucht Schauspieler herum, trinkt ein Glaserl mit wichtigen Leuten, zieht ein Naserl mit wichtigen Leuten, man kennt das ja. Schon sehr lang hat Viktor was mit Josi, mit ihr ist es unkompliziert, sie hat selbst zwei Kinder und vögelt ihn, wann es grad in ihren Zeitplan passt. Mit Helen hat Viktor auch was, die ist eigentlich eine Freundin der Familie, verheiratet mit dem alkoholkranken Paul, eine wunderschöne Frau, viel zu schön für Viktor, aber sie gibt sich eben zufrieden. Dann sind da aber noch Frauen, mit denen ist es für Viktor viel komplizierter. Mit denen hätte er, vernünftig betrachtet, wirklich nichts anfangen dürfen. Weil die ihm vielleicht irgendwann doch zum Verhängnis werden.

Doris Knecht ist eine bekannte österreichische Autorin und Kolumnistin. Ich hab bisher alle ihre Bücher gelesen – was bei meinem Nur-ein-Buch-pro-Autor-Spleen etwas Besonderes ist – und erst letztens den großartigen Film Gruber geht mit Manuel Rubey, für den ich heimlich schwärme, angeschaut. Doris Knecht schreibt genial böse, sarkastisch, entlarvend, österreichisch, witzig. Ich liebe ihre Bücher, und doch muss ich sagen: Alles über Beziehungen – von dem ich aufgrund des Titels erst dachte, es handle sich um ein Sachbuch – ist nicht ihr bester Roman. Wald ist weitaus grandioser, genauso Besser. Für ihren neuesten Clou hat sie einen Protagonisten erdacht, der als Figur so kurios ist, dass es für ein ganzes Buch reicht: Einer, der bescheißt, einer, der sich selber geil findet, in Wahrheit an tiefen Selbstzweifeln leidet, einer, der ein so großes Ego hat, dass nichts, aber wirklich gar nichts, daneben Platz hat. Viktor gehört zu jenen Männern, die permanent Bestätigung durch Frauen brauchen – und sie sich auch holen, obwohl sie eine feste Partnerin haben. Wir alle kennen diese Männer, und Doris Knecht hat ihre Eigenheiten, ihre Denkweise, ihr verrücktes Verhalten und ihre noch verrückteren Selbstrechtfertigungen bestens eingefangen. Trotzdem hätte ich mir für das Buch eine Handlung gewünscht. Denn wenn man ganz genau hinsieht, stellt man fest: Es hat keine.

Der gesamte Roman zieht sich über einen einzigen Tag und folgt Viktor bei allem, was er tut. Das ist nicht viel, denn in erster Linie sind wir in Viktors Gedankenwelt unterwegs. In der Welt, die er sich aufgebaut hat, um das ständige Lügen und Betrügen mit seinem Gewissen zu vereinbaren. Zweimal wechseln wir zu Frauen, erfahren kurz, wie sich das Ganze aus ihrer Perspektive darstellt, wie sie Viktor sehen – von Josi und Helen. Das ist natürlich erheiternd, zeigt, wie Viktor von seinen Betthäschen wahrgenommen wird, war mir aber zu kurz. Warum nur für ein paar Seiten in die Sicht der Frauen springen, warum das nicht vertiefen? Und wieso sind es nur zwei seiner vielen Weiber, was ist mit all den anderen? Das hat sich für mich unausgegoren und halbherzig angefühlt. Ein weiterer Kritikpunkt ist der Ton, der mir an sich gut gefällt, ich mag das Bissige, das Zynische, aber: Irgendwann war es mir zu viel. Es ist, als würde man an einem Tisch sitzen in geselliger Runde, und einer muss permanent lästern. Er zieht über die anderen her, er kotzt sich aus, er erhöht sich selbst, kann nichts ohne gehässige Ironie sagen. Es kommt der Moment, da erträgt man diesen Jemand nicht mehr. Im Fall von Alles über Beziehungen ist natürlich die Autorin die, die sich über ihre eigene Figur lustig macht. Zu Recht! Aber das zu lesen, ermüdet auch. Und es ist zu einseitig. Im Vergleich zu Gruber geht, dessen Protagonist auch einer ist, über den man sich lustig machen könnte, der dann aber so viel an Tiefe gewinnt, bleibt der neue Roman sehr flach. Wer daher noch nichts von Doris Knecht kennt, sollte unbedingt zu einem ihrer anderen Bücher greifen. Oder auf das nächste warten, vielleicht wird es wieder besser. Ich werde es auf jeden Fall trotzdem lesen.

Alles über Beziehungen von Doris Knecht ist erschienen im Rowohlt Verlag (ISBN  978-3871341687, 288 Seiten, 22,95 Euro).

Nicht mein Geschmack

IMG_3532Stefan Slupetzky: Der letzte große Trost
Daniel erhält einen Brief, in dem es um das Haus geht, das er als Kind mit seinen Eltern und seinem Bruder bewohnt hat. Deswegen fährt er dorthin, taucht ein in die Vergangenheit, findet natürlich was im Keller – dieses altbekannte Setting zielt immer darauf ab, dass das inzwischen erwachsene Kind sich erinnert plus was findet – und stellt darum alles in Frage, was er über den Vater zu wissen glaubt. Er spinnt sich seine eigene Version der Geschichte zusammen, die so absurd wie unglaubwürdig ist. Dann will er das, was er sich da zurechtgedacht hat, auch noch nachmachen, was umso bescheuerter ist. Was ich zudem an diesem Buch nicht mag: dass alles erklärt wird. Also wirklich alles. Wer wann wo geboren ist, was seine Eltern gemacht haben, mit wem er geschlafen hat, blabla schnarch. Es ist viel zu viel tell und viel zu wenig show. Dabei kann Stefan Slupetzky sehr gut schreiben, das wusste ich nach Der Fall des Lemming von 2005, ein origineller Krimi war das, aber was dieser Roman hier sein soll, ich versteh es nicht. Der Versuch, auch mal so eine Geschichte zu schreiben, wie sie jeder schreibt, über den Erwachsenen, der den Nachlass der Eltern durchschauen muss? Ich schwöre mir jedenfalls hiermit selbst, dass ich endlich wirklich, wie schon oft beschlossen, aufhören werde, Bücher mit diesem Handlungsverlauf überhaupt nur in Erwägung zu ziehen. Sie sind alle grottig, alle!

Freeman MotzCastle Freeman: Auf die sanfte Tour
Ein sehr ähnliches Problem hatte ich mit diesem Buch: Es erklärt und erklärt und erklärt. Die eigentliche Geschichte geht dabei völlig unter, ich konnte ihr auch nach 80 Seiten nicht auf die Spur kommen und habe – was ich ja nur selten tue – entnervt abgebrochen. Was so ein Deputy macht, wie der Vater seiner Freundin zu ihm steht, wer wann was gesagt hat, all das erfahre ich, aber die Handlung selbst bleibt auf der Strecke. Ich habe absolut nichts gegen sehr männliche, schnörkellose, schlichte Bücher, ich finde Daniel Woodrell gut und Pete Dexter, aber das hier, das ist für mich einfach nur unglaublich öde. So langweilig, dass ich nicht mal mehr wissen wollte, was denn nun eigentlich mit dem an den Baum gebundenen nackten Russen passiert ist. Und das will ja wohl was heißen! Ein Buch, so fad wie ein leiser Furz.

Mark Watson: Hotel Alpha
Das ist kein Buch, über das ich lästern könnte, aber Lobenswertes fällt mir auch nicht viel ein. Es ist wohl das, was man seichte Unterhaltung nennt, es ist nett und harmlos, dabei halt sehr unbedeutend. Mark Watson hat zusätzlich dazu hundert Kurzgeschichten geschrieben, die den „Kosmos des Romans“ erweitern, an denen ich aber null Interesse hatte und über die ich deshalb nichts sagen kann. Hauptfiguren gibt es zwei: Graham, der jahrzehntelang an der Rezeption des Hotel Alpha arbeitet und dem vermeintlichen Zauber des Hauses völlig verfallen ist, und Chaz, der als Kind bei einem Brand im Hotel erblindet und fortan dort aufwächst. Beide bekommen von der Außenwelt wenig mit, eine heile Welt ist die ihre aber auch nicht so ganz. Das alles klingt, als hätte Wes Anderson einen Film darüber machen können, nur wäre der mit Sicherheit viel besser.

MotzAdrian Barnes: Nod
Was wäre, wenn die Menschen plötzlich nicht mehr schlafen könnten? Was würde mit ihren Körpern geschehen nach drei Tagen, nach zehn, nach dreißig? Wie würden sie sich verhalten und wann würden sie sterben? Das sind die Fragen, denen sich dieses freakige englische Buch stellt, das mich genau aus diesem Grund interessiert hat. Die Antworten, die es liefert, sind allerdings reichlich enttäuschend, denn der Autor hat das Naheliegendste gemacht, was möglich war: Die Menschen werden nicht unbedingt zu Zombies, aber zu etwas Ähnlichem, sie verfallen dem religiösen Wahn, gründen eine Art Kult. Die Zivilisation zerfällt innerhalb kürzester Zeit, Strom und Internet werden abgedreht, alle plündern, alle morden. Das war zu erwarten, und das finde ich schade – ich hätte mir mehr Originalität erhofft.

 

 

Gut und sättigend: 3 Sterne

Albert„Und das Herz rollt sich ja auch nicht zum Sterben ein, es will immer noch und will und will“
Es war nur ein Schnitt, doch für Ari war es ein tiefer Einschnitt: Vor einem Jahr wurde ihr Sohn Walker per Notkaiserschnitt aus ihr herausgeholt, und damit kommt sie nicht klar. Sie fühlt sich wie eine Versagerin, sie fühlt sich vergewaltigt. An manchen Tagen ist sie schwer depressiv, mit ihrer feministischen Doktorarbeit geht nichts weiter, obwohl sie Walker zur Tagesmutter bringt, und das Muttersein macht ihr generell zu schaffen:

Wieder ein Tag vorbei, okay, ich kapier’s, ich hab’s kapiert: Ich bin vorbei. Mich gibt es nicht mehr. Daher die uralte Übereinkunft, dass Kinderlose nicht die Voraussetzung mitbringen, sich mit religiöser Mystik zu befassen. Daher die weitverbreitete Überzeugung, Kinderkriegen sei der Expresszug zur Erleuchtung. Es gibt Meditation, Medizin, Peyote in der Wüste bei Sonnenaufgang und die Selbstopferung, und dann gibt es noch das Kinderkriegen, damit kann man auch verschwinden.

Verheiratet ist Ari mit dem gutmütigen, harmlosen, spießigen Paul, der sie, so gut er kann, unterstützt. Sie liebt ihn, obwohl er langweilig ist, fühlt sich aber eingesperrt in der Monogamie:

Die Ehe ist hart. Man muss sich rund um die Uhr bemühen, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Der grausige, jämmerlche, verlogene Sack Scheiße, der man eigentlich ist, muss täglich niedergerungen werden.

Dann zieht im Haus nebenan die bekannte und hochschwangere Rocksängerin Mina ein, und Ari findet eine Verbündete. Doch die Frage in Aris Doktorarbeit wie in ihrem Leben ist: Können Frauen wirklich Freundinnen sein?

Elisa Albert macht’s derb. Sie scheut Tabuthemen nicht, im Gegenteil: Sie stürzt sich hinein. Und dann wühlt sie so richtig darin herum. In ihrem Roman Das Buch Dahlia nahm sie eine Krebserkrankung auseinander und beschäftigte sich eingehend mit dem Schrecken dieser Krankheit. In Ein Schnitt – dessen deutschen Titel ich genial finde – widmet sie sich mehreren Themen zugleich: dem Muttersein, dem Frausein, der Beziehung zwischen Frauen und Männern, der Beziehung zwischen Frauen und Frauen. Für alles, was gesagt wird, findet Protagonistin Ari harte, stark tabuisierte Worte, beispielsweise:

Ich hatte schon immer Mühe, zwischen Leuten zu unterscheiden, die mich hassen, und Leuten, die mich ficken wollen. Weil es da nämlich, wie mir irgendwann dämmerte, oft erhebliche Überschneidungen gibt.

Wer, wie ich, kein Problem mit einer so derben Sprache hat, wird nicht gleich verschreckt sein, aber: Auf Dauer ist das sehr anstrengend zu lesen. Ari ist eine Bitch. Sie lästert über jeden, am liebsten über andere Frauen, und hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Für ihre Doktorarbeit beschäftigt Ari sich mit der Tatsache, dass Frauen einander die größten Feindinnen sind, sich gegenseitig manipulieren und es nicht schaffen, sich gegen die Männer zu behaupten, weil sie nicht zusammenhalten. Der Witz ist: Ari ist für ihre eigene Theorie der beste Beweis. Und das macht sie als Person schwer erträglich, genau wie das gesamte Buch. Es ist lustig, ja, schonungslos, ehrlich, entlarvend, aber es ist auch eine einzige, alles umfassende Hasstirade.

Ein Schnitt von Elisa Albert ist erschienen bei dtv (ISBN 978-3-423-26090-9, 216 Seiten, 15,90 Euro).