Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Leidenfrost„Jetzt suche ich noch einmal, ob ich etwas finden könnte auf dieser Welt, das mir Zuflucht gibt“

„Hör zu, ich erzähle dir eine Geschichte, damit du sie aufhebst. Für diese Geschichte brauch ich eine Zunge und einen Mund, um damit Laute zu formen, Hände, um die Geschichte mit Gesten zu schmücken, ein Gesicht, um Gefühle zu zeigen. Du brauchst Ohren und Augen, um mir zu folgen.“

Denn die Figuren, die in diesen Geschichten zu Wort kommen, haben lange nicht gesprochen – oft sogar ein Leben lang. Die müssen jetzt noch was sagen, jetzt, bevor es zu Ende geht, jetzt, bevor sie verstummen für immer. Sie erzählen von Geheimnissen und der Liebe, von Verrat und vom Leben, das viel zu schnell vergangen ist. Und vor allem von dem, über das nie geredet wurde: den Geschehnissen im Krieg. Nazis waren doch alle, aber herrje, wir wussten ja nichts. Was verschwiegen wurde, kommt nun ans Licht – was auch immer es gewesen sein mag.

„Geschichten sind wie Vögel, es gibt tausend Arten und die meisten kennen die halbe Welt.“

In ihrem ersten Buch gibt die österreichische Autorin Lucia Leidenfrost jenen eine Stimme, die ihre Stimme ein Leben lang nicht genutzt haben. Frauen sind das genauso wie Männer, die merken: Da gibt es noch etwas, das nicht gesagt wurde. Das mich belastet. Das ich noch loswerden muss. Wie Sterbebeichten wirken diese Geschichten, wie letzte Momentaufnahmen, denn die meisten – nicht alle – tauchen am Ende eines Lebens aus dem Morast der Erinnerung auf. Der drohende Tod ist es, der die Menschen dazu bringt, nicht länger zu schweigen. Lucia Leidenfrost verleiht jenen, die noch etwas erzählen müssen, nicht nur eine Stimme, sondern gibt ihnen auch die Worte als Handwerkszeug, gibt ihnen eine feine, kluge Sprache.

Mir ist die Zunge so schwer ist traurig, melancholisch und tiefgründig. Ein Buch voll Bedauern, voll Schwermut und später Erkenntnis. Ein Buch über die letzte Weltkriegsgeneration, wobei, eigentlich nicht ÜBER sie, sondern von ihr, mit ihr, durch ihre Augen, ihre Münder. Es ist nämlich nicht nur so, dass das alles endlich einmal ausgesprochen werden muss, es muss auch gehört werden. Aufgeschrieben werden, bewahrt werden, bevor es niemanden mehr gibt, der davon erzählen könnte. Wertfrei wird das aufbewahrt, ohne ein Urteil, und fast könnte man meinen, dass das nicht fiktive Stimmen sind, die da erklingen, sondern echte, dass Lucia Leidenfrost ein Aufnahmegerät in dunklen Stuben an faltige Gesichter gehalten hat. So authentisch und berührend sind ihre Geschichten. Ein sehr schönes, gefühlvolles, feinsinniges Buch, das den Gedanken in sich trägt, dass wir alle nicht so viel Zeit haben, wie wir immer glauben. Ich kann es euch nur ans Herz legen.

Mir ist die Zunge so schwer von Lucia Leidenfrost ist erschienen bei Kremayr & Scheriau (ISBN 978-3-218-01069-6, 192 Seiten, 19,90 Euro). Und hier findet ihr den Leseeindruck von Frank O. Rudkoffsky.

 

 

Netter Versuch: 2 Sterne

Prahs„Wir sind kurz vor dem Verfallsdatum, und deshalb wird jetzt noch einmal richtig gefeiert“

„Nun waren sie drei endgültig verschmolzen. Zu einem einzigen, aufrechten und stolzen Mittelfinger.“

Diese drei, das sind der arbeitslose Herr Kramer, die krebskranke Buttkies und die junge Studentin Jersey. Sie wohnen in einem „sanierungsbedürftigen“ Haus, einer absoluten Bruchbude, die „leergewohnt“ und abgerissen werden soll. Obwohl das Haus nicht mehr sehr wohnenswert sein kann, wollen die drei da nicht weg. Jeder von ihnen hat seine eigenen Schwierigkeiten, und sie können einander nicht ausstehen, aber um den Abbruch des Hauses zu verhindern, müssen sie sich zusammenraufen. Das ist jedoch einfacher gesagt als getan – ein Glück, dass das Haus das Problem schließlich einfach selbst löst.

Die junge Autorin Madeleine Prahs erzählt in ihrem zweiten Roman Die Letzten eine Geschichte, die in Ansätzen ganz witzig ist. Sie hat drei sehr klassische Figuren zusammengebracht: den Mittelalten, dem die Frau weggelaufen ist, weil er gar so langweilig ist, eine Alte, die sterben möchte und der eh schon alles egal ist, und die Junge mit der schweren Kindheit und dem leichten Drogenproblem. Wirklich interessant ist dagegen die außenstehende, alleswissende Erzählinstanz:

„Wenn nicht bald irgendwas passiert, was Gutes, ein Zauber vielleicht, ein Wunder, dann steuern wir hier auf ein Drama zu, und das wäre mir dann doch peinlich, weil ich mir eigentlich vorgenommen hatte, Ihnen eine Komödie zu erzählen.“

Aber: Komödie. Das ist halt so eine Sache mit dem Humor. Die Letzten ist gut geschrieben, mit einer netten Idee und liebenswerten Figuren, in die Tiefe geht’s auch ein bisschen, aber nicht viel, nur meinen Humor trifft’s nicht. Dazu ist es zu flach und bedient die Klischees zu sehr, statt mit ihnen zu spielen – allein der Einfall, der den drei Protagonisten kommt, um dem Hausbesitzer eins auszuwischen, ist derart unoriginell, dass das ganze Potenzial der Szene verschenkt ist. Ich könnte das auch nicht besser, denn es ist verflucht schwer, etwas Humoriges zu schreiben – das dann auch noch jeder witzig findet. Bei diesem Buch hab ich einen Gedanken, der mich sogar selbst überrascht: Es wäre anders, hätte ein Österreicher es geschrieben. Unser Humor ist viel niedrigschwelliger, böser, derber, damit hab ich in Deutschland immer wieder Probleme. Und Die Letzten ist für mich sehr deutsch: Es ist nur leicht sarkastisch, nicht wirklich fies, es übertritt keine Grenzen, bricht keine Tabus. Für mich als Österreicherin ist das noch kein richtiger schwarzer Humor, sondern Basisstufe 1, ein Anfang. Da einen Maßstab anzulegen, ist aber natürlich müßig, zu subjektiv ist das Humorempfinden. Für mich hätte es schärfer und schwärzer sein müssen, nicht so klamaukig. Aber ich weiß, ihr Deutschen, ihr mögt das ((insert wink emoticon here)).

Die Letzten von Madeleine Prahs ist erschienen bei dtv (ISBN ISBN 978-3-423-28134-8, 304 Seiten, 21 Euro). Gérard empfindet das Buch übrigens als schwarzhumorig (da seht ihr schon, was ich meine).

Für Gourmets: 5 Sterne

Cognetti„Wenn einer in die Berge geht, dann weil man ihn im Tal nicht in Frieden lässt“
Pietros Vater ist so einer, der in die Berge geht, in die Berge rennt, mit Verbissenheit, mit Obsession, als könnte er nur dort oben wirklich atmen. Das ganze Jahr über arbeitet er – die Familie lebt in Mailand –, doch kaum hat er Urlaub, zieht es ihn hinaus aufs Land und hinauf zu den Gipfeln.

„Gelassenheit gehörte nicht gerade zu den Tugenden meines Vaters, aber in der Stadt hätte er sie besser gebrauchen können als Ausdauer.“

Die Mutter findet ein Häuschen in einem winzigen Bergdorf, um das sich niemand mehr kümmert:

„Das war nicht bloße Nachlässigkeit, sondern fast schon so etwas wie Verachtung für diese Dinge, eine Lust daran, sie vergammeln zu lassen (…). Ganz so, als wäre das Schicksal dieser Orte längst besiegelt und jede Form von Instandhaltung vergebliche Liebesmüh.“

Hier lernt Pietro Bruno kennen, einen schweigsamen Jungen im selben Alter, der die Kühe hütet. Jahr für Jahr treffen sie sich im Sommer und erkunden gemeinsam die Berge. Doch wie kann sich eine solche Freundschaft, die geografisch derart beschränkt ist, weiterentwickeln, wenn Pietro und Bruno erwachsen sind? Oder muss sie das vielleicht gar nicht, kann sie ein Zufluchtsort bleiben, der sich nicht verändert?

„Als Erwachsener kann man einen Ort, den man als Kind geliebt hat, auf einmal ganz anders empfinden und von ihm enttäuscht sein. Oder aber er erinnert einen an denjenigen, der man einmal war, und machte einen unendlich traurig.“

Paolo Cognetti kennt sich aus in den Bergen: Seine Hütte im Aostatal befindet sich auf 2000 Metern Höhe. Zudem war er an der Filmhochschule und hat Dokumentarfilme produziert. Das bedeutet: Er hat das Wissen für beide seine Hauptfiguren – Bruno, der in den Bergen ist, Pietro, der Dokumentarfilme macht – in sich vereint. Besonders die Liebe zum Bergsteigen, die er selbst empfindet, spürt man in jeder Zeile des Buchs. Es ist ein schönes Gleichnis, das Paolo Cognetti zur zentralen Frage seines Romans macht: Wer hat mehr gesehen, derjenige, der zu allen acht Bergen reist, oder der, der den höchsten Gipfel besteigt? Der Autor kettet zwei Männer aneinander, von denen einer weg will und einer bleibt, von denen einer Perspektiven hat und einer nicht. Um das Scheitern geht es in diesem Buch, um Selbstfindung, um die Verbundenheit zur Natur und die Gründe, aus denen wir uns von ihr entfernen, um Freundschaft und die Erkenntnis, dass wir oft erst wissen, was richtig wäre, wenn es längst zu spät ist.

Acht Berge ist ein langsames, ruhiges, schlichtes und gerade deshalb wunderbares Buch. Es ist wie ein entspannender Ausflug, der den Leser runterkommen lässt. Es ist auch eine Zeitreise in jene Jahre, in denen Smartphones und Internet noch nicht unser Leben bestimmten – als Kinder noch frei von Apps waren und die Wälder ihr liebster Spielplatz. Paolo Cognetti hat seine zwei Protagonisten sehr fein gezeichnet, denn sie sind nicht perfekt, sondern glaubwürdig. Sie sind – jeder für sich – egozentrisch und blind, sie zerkrachen sich, entfremden sich, reden zu wenig und halten doch zueinander. Das zu lesen, ist sehr schön, und beim durchaus konsequenten, einzig logischen Ende hatte ich Tränen in den Augen. Der Autor schlägt keine sprachlichen Kapriolen, und das ist erholsam. Er erzählt so, wie die Geschichte nun einmal ist: raus, unkompliziert, menschlich. Eine absolute Leseempfehlung.

Acht Berge von Paolo Cognetti ist erschienen bei der DVA (ISBN 978-3-421-04778-6, 256 Seiten, 20 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Gowdy„Ja, ich bin noch immer traurig“

„Beim ersten Donnergrollen wurden die Buchstaben scharf. Die Flecken erschienen, die Festungen bauten sich auf und lösten die Übelkeit aus, die wiederum das Gefühl auslöste, als kristallisiere sich Harriets Knochengerüst aus dem Gerüst von Roses eigenem heraus.“

Denn Rose findet sich plötzlich bei Gewitter im Körper von Harriet wieder – einer Frau, die sie nicht kennt, von der sie jedoch bald regelrecht besessen ist. Warum verlässt sie auf einmal ihren eigenen Körper? Wer ist diese Harriet, die eine Affäre mit einem verheirateten Mann hat? Und was hat das alles mit Roses Schwester Ava zu tun, die gestorben ist, als sie beide noch Kinder waren? Hört sich gespenstisch an und wie ein Thriller, ist es aber nicht: Ruhig, gesittet, lakonisch erzählt Barbara Gowdy eine sehr ungewöhnliche Geschichte.

Kleine Schwester ist ein literarisches Buch, kein Genre. Das muss ich betonen, weil die Story, die die kanadische Autorin zu Papier gebracht hat, so nach Parallelwelten und Übernatürlichem klingt. Die „Episoden“, wie Hauptfigur Rose sie selbst nennt, werden im Roman einfach als gegeben hingenommen, sie können und sollen nicht erklärt werden. Vielmehr geht es in diesem Buch um unsere Sehnsucht, ein anderes Leben zu führen, um die Frage, wie es sich anfühlen würde, ein anderer zu sein. „Durch die Augen eines anderen sehen“ – das hat Barbara Gowdy, deren Kurzgeschichten bereits verfilmt wurden, zum Ausgangspunkt genommen und für ihre Figur möglich gemacht. Die wird durch den Kontakt mit einem fremden Leben zurückgeworfen auf ihr eigenes: Wo steht sie? Wollte sie dorthin, ist sie glücklich? Und werden die Wunden der Vergangenheit jemals heilen?

Die Themen, mit denen die Autorin sich in Kleine Schwester beschäftigt, sind also gar nicht so ungewöhnlich. Nur die Art, wie sie es tut, ist es. Und genau das macht dieses Buch so besonders. Für mich persönlich ist alles, was den Tod eines Kindes beinhaltet, schwer erträglich, seit ich selbst Kinder habe. Sehr spannend finde ich jedoch die Idee dieser außerkörperlichen Erfahrungen, um die sich alles dreht: Das ist unheimlich und faszinierend zugleich. Ich war sehr neugierig, wie die Autorin diese Situation am Ende lösen würde, und hm, ja, es ist ihr auf akzeptable Weise gelungen. Wenn ihr mal was Interessantes abseits vom Mainstream lesen wollt, kann ich euch Kleine Schwester auf jeden Fall empfehlen.

Kleine Schwester von Barbara Gowdy ist erschienen im Verlag Antje Kunstmann (ISBN ISBN: 978-3-95614-196-6, 240 Seiten, 22 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Bengtsson„Ist wohl nicht so einfach als Klein Sus im Moment?“

„Sus weiß nicht viel, aber eins weiß sie. Wenn man Hasch anrührt, das man verkaufen soll, kann man genauso gut einen Hammer nehmen und sich eigenhändig die Kniescheiben zertrümmern, das spart anderen die Mühe.“

Dort, wo Sus herkommt, weiß man solche Dinge: Sie ist im Block aufgewachsen, einem sozial benachteiligten Viertel, wie man so schön sagt, sie war schon früh auf sich gestellt. Jetzt ist Sus neunzehn, ihr Bruder liegt im Koma, ihre Mutter ist tot und ihr Vater im Gefängnis. Ein Problem ist für Sus ihre Statur, denn sie sieht aus wie ein zwölfjähriger Junge, ist klein und wiegt zu wenig. Wie soll so jemand in der rauen Welt bestehen? Um eine Chance zu haben, gibt Sus sich selbst Aufgaben, die ihr die Angst abtrainieren sollen. Das funktioniert auch – fast. Denn das Leben hat immer einen noch härteren Schlag auf Lager.

Der dänische Autor Jonas T. Bengtsson ist ein ausgezeichneter Erzähler – einer von jenen, die nicht viele Worte brauchen. Die den Finger direkt in die Wunde legen, bäm. No nonsense. No Firlefanz. Vielleicht ist sein aktueller Roman Kugelfisch deshalb so dünn. Mehr gibt es nicht zu sagen, scheint er gefühlt zu haben, mehr müsst ihr nicht wissen. Und er hat schon Recht: Auch wenn ich durchaus gern mehr gewusst – und mehr von Susa gelesen – hätte, hinterlässt der schmale Band Eindruck. Ein Leben für viele: Der Autor hat sich eine Protagonistin ausgedacht, wie sie wirklich in einem dieser Blöcke leben könnte, wo stets Mangel herrscht – Mangel an Geld, an Perspektiven, an Zärtlichkeit. Kugelfisch ist authentisch, intensiv, kräftezehrend und schmerzhaft – und das trotz der nicht mal 190 kleinen Seiten.

Ich habe Wie keiner sonst von Jonas T. Bengtsson geliebt. 2013 war das, und bis heute hab ich diesen einzigartigen, berührenden Roman – den ihr unbedingt lesen solltet! – nicht vergessen. Kugelfisch ist ähnlich heftig, schneidet aber nicht so tief in die Schichten, die sich in einem umfangreicheren Roman öffnen können. Eine Art Sozialstudie ist dieses Buch, ein Porträt von jemandem, der nicht existiert und den es doch millionenfach gibt: ein junger Mensch, der nicht viele Möglichkeiten hat im Leben, für den es zur schiefen Bahn gar keine Alternativen gibt, der so tut, als sei er cool und abgehärtet, und dabei doch nur hungert nach Zuneigung. Sehr lesenswert.

Kugelfisch von Jonas T. Bengtsson ist erschienen bei Kein & Aber (ISBN 978-3-0369-5764-7, 192 Seiten, 18,50 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

Piuk„Im Heimatroman gibt es eine gerechte Welt“

„Dass ein Mädchen schön ist, ist eine überflüssige Information. Mädchen in Heimatromanen sind immer schön.“

Und Männer sind immer spitz, die Berge leuchten im Sonnenlicht, und es gibt Schnitzel. So weit, so gut. Aber: Gut ist in diesem Heimatroman gar nix. Eigentlich ist das ja nur ein Plan, nicht mal ein wirklicher Roman, die Autorin quält sich, die Lektorin mischt sich ein, nichts läuft so, wie es soll, nicht für den Heimatroman und für Toni und Moni schon gar nicht. Die sollen sich nämlich, wie es sich gehört, verlieben und heiraten. Aber die Moni hat, wie es sich überhaupt nicht gehört, einen eigenen Kopf und will was anderes für ihre Zukunft. Das kann die Autorin nur leider nicht zulassen. Und der Toni auch nicht …

Also, ich halte ja wirklich viel aus. Sarkasmus ist mein zweiter Vorname, Humor sollte mir schwarz und bitter serviert werden. Und dann kommt Petra Piuk – die schon mit Lucy fliegt einen scharfen, entlarvenden Blick bewiesen hat – und haut mir Toni und Moni um die Ohren. Das ist ein Buch, da bleibt einem das Lachen aber sowas von im Hals stecken, dass es nicht mal aus dem Bauch rauskommt. Aufgebaut wie eine nüchterne, ordentlich durchnummerierte und kategorisierte Anleitung, nimmt dieser Hammer von einem Buch die gesamte Bergidylle Österreichs auseinander. Von den geeigneten Erziehungsmaßnahmen über das traditionelle Liedgut bis hin zu den Dingen, die im Dorf jeder weiß und über die keiner redet, reißt Petra Piuk wie ein Wirbelsturm mit wenigen, sehr treffenden Worten alle Kulissen des Alpenkitsch ein und zeigt das ganze Grausige dahinter. Die abscheuliche Wahrheit. Und das, meine Damen und Herren, muss man erst mal aushalten können.

Jetzt weiß ich gar nicht, ob man dieses Buch verstehen kann, wenn man kein Österreicher (oder maximal ein Bayer) ist. Ich glaub nämlich nicht. Man muss schon mit diesem ganzen Alpenglühen aufgewachsen sein, man muss diese dörfliche Scheinheiligkeit am eigenen Leib gespürt haben und den Enzianschnaps im Blut haben, um zu begreifen, wie vielschichtig böse Toni und Moni wirklich ist. Wie abgrundtief ironisch. Das ist kein Roman, sondern eine Persiflage auf ein Genre – aber auch eine rabenschwarze Geschichte auf einer sehr komplizierten, konsequent durchgezogenen Metaebene. Als feierten Muttertag und Die Piefke-Saga gemeinsam ein bierseliges Fest, bei dem, das muss so sein, ein paar Menschen zu Tode kommen. Die Autorin packt uns direkt an unserem erlernten und ererbten Kulturgut und beutelt uns ordentlich durch. Ein beeindruckendes, heftiges, überaus zynisches Buch, das mich echt Nerven gekostet hat. Chapeau.

Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman von Petra Piuk ist erschienen bei Kremayr & Scheriau (ISBN ISBN: 978-3-218-01079-5, 208 Seiten, 19,99 Euro).

Bücherwurmloch

Bildschirmfoto 2017-10-22 um 14.03.57Erinnert ihr euch noch an Heike Duken und die Rabenkinder? Das war mein Gewinnermanuskript für 2017, das ich so sehr mochte, dass ich mich dafür eingesetzt habe, und: Heike Duken hat mittlerweile einen Agenturvertrag, das Buch könnt ihr mit Sicherheit demnächst lesen, sobald ein Verlag dafür gefunden wurde. Damit ist Heike, obwohl sie den Blogbuster nicht gewonnen hat, in bester Gesellschaft: Von den 14 ausgewählten Autoren sind die Hälfte bei einer Agentur oder einem Verlag untergekommen. Das Siegerbuch ist soeben bei Klett-Cotta erschienen. Das ist eine wahnsinnig gute Bilanz, die auch zeigt: Wir Blogger haben durchaus Ahnung von dem, was wir tun. Und es gibt irre viele gute Manuskripte da draußen. Die brauchen wir!

Warum ich euch das erzähle? Weil der Blogbuster in die zweite Runde geht — und ihr mitmachen könnt. Reicht bis 31. Dezember euer fertiges Manuskript ein, wählt einen der 15 Blogger aus, von dem ihr denkt, dass er euch am besten vertreten könnte, und reiht euch ein in den Reigen derer, die über dieses Format Erfolge feiern konnten. Das Gewinnerbuch erscheint bei Kein & Aber, einem meiner liebsten Verlage. Ich freue mich auf eure Romane, die Teilnahmebedingungen findet ihr hier!

Für Gourmets: 5 Sterne

Gill„Väter gingen fort, gelegentlich auch Mütter. Häuser hatten dazubleiben“
Doch das gilt nicht in New York, wie der dreizehnjährige Griffin in den 1970er-Jahren lernen muss: Die Stadt ist nicht nur im Wandel, sie IST der Wandel. Sie reißt sich selbst ab, baut sich wieder auf – Tag für Tag. Kahlschlagsanierung wird das genannt, ganze Viertel werden plattgewalzt, um Platz zu machen für neue Wolkenkratzer, Hotels, Bürogebäude. Wunderschöne gotische Ornamente müssen weichen, Wasserspeier werden zerschlagen, Sandsteinfiguren in den Schutt geworfen. Griffin selbst wäre das vielleicht nicht einmal aufgefallen. Aber sein Vater, der als Restaurator und Antiquitätenhändler arbeitet, ist verrückt nach der Geschichte der Stadt, um nicht zu sagen: Er ist von ihr besessen.

Die Stadt hatte ein reiches, vielfältiges Leben, lange bevor du dahergekommen bist, Griffin, mit deinen eigenen, persönlichen kleinen Vorstellungen. Sie ist größer als du.

Sein Dad würde am liebsten eine große Kuppel über New York stülpen und verhindern, dass die Stadt zerstört wird, dass sich etwas verändert. In seinem Familienleben gilt das jedoch nicht: Er hat Griffins Mom verlassen, die Familie ist zerbrochen. Eigentlich hat Griffin genug Probleme, die ihn beschäftigt halten – das Zusammenleben mit seiner Mutter, seiner Schwester und vielen wechselnden, schrulligen Untermietern, seine erste Schwärmerei für die fünfzehnjährige Dani, die Schule, die Pubertät –, doch er sucht verständlicherweise die Nähe seines Vaters, den er nur zu Gesicht bekommt, wenn er mit ihm auf Streifzug geht. Denn um New Yorks schönste Stücke zu bewahren, geht Griffins Dad an die Grenzen – und weit darüber hinaus: Nachts stehlen sie gemeinsam Ornamente von Fassaden. Mehr als einmal gerät Griffin dabei in Lebensgefahr. Doch sein Vater, so scheint es, schaut nur zurück in die Vergangenheit – und übersieht dabei alles, was jetzt geschieht.

Dieses Buch ist durchzogen von Wehmut. Es ist, wenn man so will, Wehmut in Worten. Es ist ein Roman über Vergänglichkeit und Verlust, über die Unerbittlichkeit des Lebens, das immer weitergeht und alle zurücklässt, die nicht Schritt halten. Es ist zudem ein wahnsinnig interessanter Roman über Architektur und eine faszinierende Stadt: New York. Ich war noch nie dort, und sie ist ein Sehnsuchtsort für mich. Eine Stadt, über die ich viel nachdenke, eine Stadt, die ich bereisen und erleben möchte, irgendwann, wenn ich es endlich kann. Wie muss es sein, dort aufzuwachsen? Was für ein Mensch wird man in New York? Und wie unterscheidet man sich dann von jenen, die hier aufwachsen, auf dem Land, zwischen Bergen und Seen? Das sind Fragen, die ich mir oft stelle. Umso neugieriger hat mich dieses Buch gemacht, das noch dazu in den Siebzigern spielt: einer Zeit, die offenbar so viel freier war als die heutige. Meistens läuft der dreizehnjährige Protagonist allein durch die Metropole, ohne Helikoptereltern, ohne Handy. Auch danach habe ich, obwohl ich ein Kind der Achtziger bin, eine heimliche Sehnsucht: nach diesem Leben ohne Überwachung. Und nach den Orten meiner Kindheit, die es allesamt nicht mehr gibt. Nach dem Geschäft, in dem ich mein Taschengeld gegen Sticker getauscht habe, nach dem Laden, in dem mein Opa Schrauben gekauft hat, nach dem alten Kramer, bei dem es die klebrigen Gummischlangen gab. Es hängen persönliche Erinnerungen an Gebäuden, und ich kann Griffins Vater gut verstehen, wenn er jenen Orten nachtrauert, an denen erste Küsse stattgefunden haben, an denen er mit seiner Mutter war, an denen er glücklich war. Sie alle wurden dem Erdboden gleich gemacht.

Diese Stadt hat kein Gedächtnis, und nach einiger Zeit verheilen gewissermaßen die Wunden in der Skyline, bis sich niemand mehr auch nur daran erinnert, was alles verloren gegangen ist.

Ich liebe melancholische Romane. Und es gab Momente im ersten Drittel dieses Buchs, da dachte ich: Das könnte es sein, das beste Buch, das ich in diesem Jahr lese. Eine Durststrecke in der Mitte hat das dann verhindert, da wird es doch recht langatmig und jugendbuchig, was mich kurzzeitig abgeschreckt hat. Fürs Durchhalten wird man aber mit einem fulminanten Schluss belohnt: Da präsentiert John Freeman Gill einen in jeder Hinsicht stürmischen Showdown.  Der amerikanische Autor, der als Spezialist für Architekturgeschichte für Zeitungen und Zeitschriften schreibt, ist selbst gebürtiger New Yorker. Das ist, wie mir scheint, Voraussetzung für ein solch engagiertes, elegisches Mammutwerk, das auf 450 Seiten nur so überfließt mit Informationen über die architektonische Geschichte der Stadt, ihre Bauwerke – jene, die vernichtet wurden, und jene, die noch existieren – und deren Entstehung. Er greift darin eine wichtige Frage auf: Was gilt es wirklich zu bewahren und wann ist es an der Zeit, weiterzumachen, sich von Altem zu trennen, auf den Zug der Zukunft aufzuspringen? Gleichzeitig ist dies aber auch eine sehr berührende Vater-Sohn- und Coming-of-Age-Geschichte. Klug, sentimental, voller Gefühl, Einsicht und Weitsicht – ein wirklich wunderbares Buch, das ich euch nur ans Herz legen kann.

Die Fassadendiebe von John Freeman Gill ist erschienen im Berlin Verlag (ISBN 978-3-8270-1320-0, 464 Seiten, 24 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Mitchell„How do three sisters write a single suicide note?“
Das ist es, was dieses Buch ist: ein Abschiedsbrief. Das Vermächtnis dreier Schwestern, die in den Tod gehen wollen. Warum tun sie das? Warum ist ihnen der Tod ein so naher Gefährte, warum fürchten sie ihn nicht einmal?

„I don’t do well with the dark, that’s true, but death doesn’t bother me. It’s getting to death, that’s the problem. Believe me, I know. I grew up in a family full of people busy dying.“

Und darin liegt die Antwort auf die Frage: in ihrer Familiengeschichte. Sie reicht zurück bis vor den Zweiten Weltkrieg, als die Ahnen dieser drei Schwestern in Deutschland lebten. Als einer von ihnen etwas erfand, das unendlich schreckliche Folgen hatte. Eine Erfindung, die den Tod gebracht hat – für Tausende und Abertausende Menschen. Als eine Frau sich das Leben nahm. Sie war die Erste in einer Reihe von Familienmitgliedern, die den Freitod wählten – die Schwestern haben eine Liste. Ist es wahr, dass die Schuld einer Generation sich überträgt auf die nächste und übernächste Generation? Ist es wahr, dass das eigene Leben überschattet werden kann von Ereignissen, die so lange schon vorbei sind?

„Just don’t give us any shit about it. Don’t call our lives melodrama. Don’t bring up the term soap opera. Don’t tell us how hard it is to believe that so many terrible things can befall a single family in such a short time. They can. They did. Shut up.“

Dieses Buch ist mir sehr ans Herz gewachsen. Kein Wunder, denn ich habe viel Zeit damit verbracht. Von Anfang an hat es mich fasziniert mit seinem melancholischen Ton, mit seiner rätselhaften Erzählperspektive und der unergründlichen Geschichte. Ein mysteriöses „Wir“ ist der Erzähler, ein Dreiergespann aus Schwestern, es existiert kein Ich und gleichzeitig doch: Jede Schwester wird beschrieben, es gibt Dialoge, es gibt Handlung, und dennoch ist da dieses Wir, das keinen Sinn zu ergeben scheint – wie können drei Menschen als Entität schreiben, wie können sie aus einer Sicht erzählen? Das ist merkwürdig und doch genial gelöst. Der Roman an sich ist düster, sehr zart, berührend, auch sarkastisch und witzig. Wäre er ein Film, hätte Wes Anderson ihn gedreht oder Sofia Coppola. Die historische Basis gründet auf wahren Ereignissen rund um den jüdischen Wissenschaftler Fritz Haber und seine Familie. Der Selbstmord seiner Frau hat bei der amerikanischen Autorin Judith Claire Mitchell einen derart bleibenden Eindruck hinterlassen, dass sie dieses Buch geschrieben hat.

Es ist schwierig, den Charakter von A reunion of ghosts in Worte zu fassen. Das Buch ist simpel und komplex zugleich. Es ist ebenso leichtfüßig wie anstrengend. Es ist traurig und eigenartig und verrückt. Ich konnte nicht lange am Stück darin lesen, deshalb lag es viele Wochen auf meinem Nachtkastl – aber losgelassen hat es mich nie. Immer wieder habe ich es zur Hand genommen und bin zurückgekehrt zu den drei Schwestern, die so eng miteinander und mit der Geschichte ihrer Vorfahren verbunden sind. Ein ganz besonderer Roman, der Töne anschlägt, die man nie zuvor gehört hat.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

DIPb_IBWAAEgnyR.jpg-large„Sind Sie jetzt zufrieden, Sie zartes Generation-Y-Pflänzchen?“
Patsy Logan, die aus Irland stammt und bei der Münchner Kripo arbeitet, bekommt einen neuen Fall: Die Managerin eines hippen Online-Unternehmens, das in Kürze an die Börse gehen soll, ist bei der Eröffnungsfeier aus dem Fenster gefallen. Oder gesprungen. Oder geschubst worden. Welche von den drei Möglichkeiten es war, das soll Patsy herausfinden. Die hat eigentlich gar keinen Kopf dafür und wollte Urlaub machen, den sie dringend benötigt: Sie hat erfahren, dass sie mit ihrem Mann keine Kinder bekommen kann, und hadert mit dieser Tatsache. Doch ihr bleibt keine Zeit, über die Leere in ihrer Gebärmutter zu grübeln: Zu rätselhaft sind die Leute, die bei der Online-Tauschbörse Skiller arbeiten, zu verdächtig verhalten sich Ehemann, Chef und Kollegen, und zu sexy ist der Partner, der ihr in Irland an die Seite gestellt wird. Patsy muss, um mehr herauszufinden, ins Skiller-Hauptquartier nach Dublin. Ausgerechnet jene Stadt, die sie seit vielen Jahren nicht betreten hat – aus gutem Grund …

Können wir bitte kurz dieses Buch feiern! Ich hab es an einem Nachmittag im Freibad innerhalb weniger Stunden praktisch inhaliert. Die Kinder und der Mann waren not amused, aber ich konnte einfach nicht aufhören zu lesen: Das ist es, was ein guter Krimi mit einem macht. Und Ellen Dunnes Krimi ist so gut. Er ist spannend, interessant, witzig, herrlich sarkastisch und mit einer originellen Story sowie einem glaubwürdigen Ende ausgestattet. Ein Jackpot sozusagen. Mit ihrer Heldin Patsy Logan hat die österreichische Autorin, die selbst seit Langem in Irland lebt, eine grandiose Frauenfigur geschaffen – kein Weibchen, kein Püppchen, sondern eine smarte, aufgeweckte, sehr sympathische und menschliche Ermittlerin. Patsy hat eine große Klappe, was die Lektüre noch spaßiger macht. Genial finde ich zudem die Kulisse: Die Handlung spielt in einem Online-Unternehmen, wie sie heute überall zugange sind, aber bisher viel zu selten in Romanen thematisiert werden. Man merkt, dass Ellen Dunne, die selbst für Google gearbeitet hat, sich auf diesem Feld auskennt: Ihre Beschreibung von Skiller ist treffend, sarkastisch und wahnsinnig amüsant zu lesen. Ich texte viel für Digitalagenturen und kann nur sagen: Man redet dort wirklich so. Und die Idee, einen Todesfall in dieses Milieu zu setzen, ist wunderbar, weil die Machenschaften hinter dieser Kulisse einem ohnehin immer irgendwie dubios vorkommen. Wahrscheinlich, weil sie es sind.

Es gab eine Zeit, da habe ich Krimis und Thriller nicht nur gelesen, sondern geliebt. Am meisten mochte ich jene Suspense-Titel, die über klassische Whodunnits hinausgingen und den ermittelnden Figuren eine neue, eigene Tiefe gaben. Ich war so ein großer Crime-Fan, ich habe sogar mit 18 Jahren Elizabeth Georges Bücher zum Spezialgebiet meiner Englisch-Matura gewählt. Später hab ich mich dann sattgelesen oder besser gesagt derart überfressen, dass ich keine Krimis mehr ertragen konnte. Zu vorhersehbar, zu schematisch, immer dasselbe. Ab und an versuche ich es mit einem Thriller, aber ich finde sie alle platt und lahm. Es ist sehr schwierig mit mir und diesem Genre. Doch dann kam Ellen Dunne. Sie hat mir ein paar Stunden größtes Lesevergnügen geschenkt, einen Rausch, ein Mitraten und Mitfiebern und zugleich die Erinnerung an die Zeit, die ich mit den früheren Kollegen von Patsy Logan verbracht habe. Dank Harte Landung wusste ich wieder, warum ich Krimis einst so sehr mochte. Und das ist das größte Kompliment, das ich ihr machen kann.

Harte Landung von Ellen Dunne ist erschienen bei Insel Taschenbuch (ISBN 978-3-458-36288-3, 441 Seiten, 10,95). Das Buch ist übrigens der erste Teil einer Serie. Und hier könnt ihr Ellen Dunne ein bisschen kennenlernen.