Bücherwurmloch

Wie ihr alle wisst, besitze ich nur ein einziges Bücherregal. Und behalte ausschließlich Bücher, die so besonders sind, dass ihnen ein Platz in diesem Regal gebührt. Aber welche sind das eigentlich? Seht selbst.

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Bücherwurmloch

Heike, du hast 2017 beim Blogbuster mitgemacht. Was hat dich dazu bewogen?

Das neue Konzept, dass Literaturblogger Manuskripte entdecken, das fand ich schon toll. Da steckt zum einen viel Fachkunde und Leseerfahrung dahinter, zum anderen sind Blogger aber auch ganz normale Leser, die erst einmal nicht den Markt und die Verwertbarkeit von Texten im Sinn haben. Da dachte ich mir, vielleicht hat mein etwas sperriges Romankonzept eine Chance, wenn ich die richtige Bloggerin erwische. Und das warst dann du, grins.

Wie hast du den Wettbewerb empfunden?

Es war eine sehr spannende Sache für mich. Erst einmal hast du das Gesamtmanuskript haben wollen, dann unser erster Mailkontakt, deine Nachfragen, damals war ich in Brasilien auf Reisen, habe immer wieder eine Internetverbindung gesucht und deiner Entscheidung entgegengefiebert. 170305_heike (166 von 243)Als die gute Nachricht kam, dass du mit den Rabenkindern ins Rennen gehst, hab ich so gejubelt! Das war wirklich einen Caipirinha wert. Wir haben es ja leider nicht auf die Shortlist geschafft, und das war schon arg. Ich war furchtbar enttäuscht. Ich dachte, das war’s dann, ich bin eben doch nur eine mittelmäßige Schreiberin. AutorInnenseelen sind einfach wahnsinnig sensibel, schlimm.

Was hat sich durch den Blogbuster für dich verändert?

Viel. Erst einmal sind wir beide uns begegnet. Das allein war es schon wert. Unser Treffen in Salzburg, unsere Mails und dass wir in Kontakt geblieben sind. Also ich möchte das nicht mehr missen. Außerdem bin ich mit meinem Manuskript wahrgenommen worden, habe viel Zuspruch bekommen, und eine tolle Tür hat sich für mich geöffnet.

Wie ist es den Rabenkindern seither auf ihrer Reise ergangen?

Ich habe nach dem Wettbewerb einen Wink bekommen, dass ich mich bei Elisabeth Ruge melden darf, dass Interesse von der Agentur an den Rabenkindern besteht. Und wir sind zusammengekommen! Wir haben am Manuskript gearbeitet, ich habe viel geschrieben und mich mit Unterstützung der Agentur noch einmal professionalisiert. Herausgekommen ist ein wunderbarer Vertrag mit einem wunderbaren Verlag. Was will ich mehr? Ich bin einfach nur glücklich über die Entwicklung.

Ich freu mich schon wahnsinnig darauf, die Rabenkinder in der
Buchhandlung zu sehen. Weißt du schon, wann es soweit sein wird?

170305_heike (124 von 243)Im Frühjahr 2019. Es dauert also noch. Der Buchmarkt ist so langsam! Zum Glück gehört Geduld zu meinen absoluten Stärken, haha.

Was rätst du denjenigen, die überlegen, 2017 beim Blogbuster mitzumachen?

Einfach probieren. Was kann schon schiefgehen? Na gut, Enttäuschung, Tränen und Selbstzweifel, wenn es nicht klappt, aber gehört das nicht zum Schreiben dazu, wenn man es ernst meint? Und ich kann nur sagen, insgesamt war der Umgang sehr wertschätzend und wohlwollend, niemand muss Angst haben, beschämt zu werden. Allerdings sollte man genau schauen, was die einzelnen BloggerInnen wollen und wo das Manuskript gut hin passt, das erhöht die Chancen.

Schreibst du an einem neuen Roman?

Noch nicht. Ich denke noch. Ich gehe mit meinem Hund spazieren und lasse Ideen, Figuren und Geschichten in meinem Kopf entstehen. Erst wenn ich noch etwas weiter bin damit, fange ich an zu schreiben. Vielleicht schon sehr bald.

Bis 3Bildschirmfoto 2017-10-22 um 14.03.571. Dezember habt ihr noch Zeit, eure Manuskripte einzureichen! Mehr Infos findet ihr hier. Ich bin schon sehr gespannt …

Für Gourmets: 5 Sterne

Moster„Es ist unser Dorf, wir haben kein anderes“

„Es gibt doch nichts Einfacheres, jedes Kind kann laufen, bevor es sprechen kann, und so hätten wir gehen sollen, laufen, wie Kinder.“

Aber sie sind alle noch da, die Mädchen, die Väter, die Mütter, in diesem Dorf, das sie nie verlassen haben, in diesem Dorf, in dem sie geboren sind. Ein Mädchen erzählt seine Geschichte, ein Mädchen an der Grenze zum Frauwerden, eines, das eigentlich fort möchte, aber nicht gehen kann. Dann kommt einer ins Dorf, der hier nicht hingehört, einer von außen, ein Fremder, und wie das manchmal so ist, zerstört er das Gefüge, das in dem Dorf besteht, und plötzlich fliegen ihm die Trümmer die Ohren, plötzlich liegt er selbst unter diesen Trümmern begraben.

„Etwas, jemand, ist hier gewesen. Die Steine liegen verkehrt herum auf der Mauer. Die Wände bröckeln. Ein Hund fehlt. Wir schauen uns an, ohne etwas zu sagen. Die Träume der letzten Nacht verlaufen als dunkle, harte Sehnen von Norden nach Süden durch unsere Körper, im Osten erhebt sich die Sonne über dem Hang und der Mauer, im Westen huschen die Eidechsen über das brachliegende Feld.“

Das Mädchen sieht zu und spürt und weiß, aber ändern kann es nichts. Es ist genauso gefangen wie seine Freundinnen, in dem Dorf, das sie einfach verlassen könnten, wie die Mütter, die Väter, die sich im Kalkbruch abschuften. Dem Kalkbruch, der leer ist, und der, wenn er stillgelegt wird, das ganze Leben im Dorf, nein, das ganze Dorf selbst beenden wird.

„Das Gewitter liegt geschlagen am Hang. Es hat die Gestalt eines Bocks, die Hufe ragen steif in die Straße hinein, der Kopf ruht in einer Mulde, die sich langsam mit Tränen und Speichel füllt. Die Hörner zerwehen im Mondlicht.“

So hört sich dieses Buch an. Es ist eine Urgewalt, ein Naturereignis, rau und archaisch und wild. Es ist der erste Roman, der Wildauge nahekommt, ein wenig zumindest, dem bisher sprachlich beeindruckendsten Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Ich war auf nichts Überwältigendes vorbereitet, saß im Flugzeug nach Frankfurt, blätterte in Andreas Mosters erstem Roman, und dann kam da dieser Strick aus den Seiten und schlang sich um mich. Immer wieder starrte ich das Foto des Autors an und dachte: Wo hast du diese Sprache gefunden? Warum ist sie so ungewöhnlich, so neu, so anders? Und warum kann ich nicht so schreiben? Ich war überwältigt und verliebt. Ich stehe auf Sätze, die wie Messer sind. Die keinen Sinn ergeben und irgendwie doch. Die man zweimal, dreimal lesen muss, und dann dazu dieses Ungestüme, Düstere, Verschlagene. Halleluja, was für ein Buch.

Die Geschichte selbst ist so schwarz wie die Herzen der Dorfbewohner. Sie handelt von Macht und Missbrauch, von alten Traditionen und Unterdrückung, von Angst und Mord. Sie handelt auch vom Wald und den Tieren, von Instinkten und der Sehnsucht nach Freiheit. Die Menschen denken sich Methoden aus, Rituale, Hierarchien, um zu überleben, gemeinsam. Und doch sind es oft genau diese Hierarchien, die Einzelne von ihnen das Leben kosten. Von ihnen erzählt dieser Roman, und gleichzeitig erzählt er noch so viel mehr. Er ist stark und ungezähmt, ein wildes Tier, ein kleines Beben. Wir leben hier, seit wir geboren sind – das übrigens auch noch einen genialen Umschlag hat – gehört definitiv zu den besten Büchern des Jahres 2017.

Wir leben hier, seit wir geboren sind von Andreas Moster ist erschienen im Eichborn Verlag (ISBN 978-3-8479-0627-8, 176 Seiten, 18 Euro).

 

 

Gut und sättigend: 3 Sterne

NouisainenEin Buch wie ein Mann

„Meiner Ansicht nach stellt das Leben uns vor drei große Fragen: Wer bin ich? Wohin gehe ich? Brauche ich eine Betäubung?“

Dass Esko das witzig findet, verwundert nicht: Er ist Zahnarzt. Und mit einem reichlich niedrigschwelligen Humor ausgestattet. Den braucht er auch, denn eines Tages kommt Pekka in seine Praxis – und bildet sich plötzlich ein, Esko sei sein Halbbruder. Der seltene Nachname und die Gesichtszüge, die die beiden Männer teilen, bringen ihn auf diese Idee. Und Pekka kann ganz schön nervig sein. Anfangs will Esko nichts davon wissen, doch schon bald befindet er sich auf einer Reise um die halbe Welt. Der gemeinsame Vater von Pekka und Esko war nämlich recht umtriebig und hat auf dem halben Erdball – von Schweden über Thailand bis Australien – Nachkommenschaft hinterlassen, die nun besucht und aufgeklärt wird. Und das große Geheimnis um den Verbleib des Vaters lässt sich schließlich auch klären.

Dieses Buch ist genau wie seine Protagonisten: sympathisch, ein bisschen wirr und sehr einfach gestrickt. Ein Roman, der es nicht bös mit einem meint und den man ruhig lesen kann, wenn man grad nichts Besseres hat. Das klingt fies, ist aber nicht so gemeint: Es ist völlig okay, mal ein naives Buch zu lesen, und mich hat die Geschichte durchaus unterhalten. Die schrägen Figuren, allen voran Zahnarzt Esko und Werbetexter Pekka (dessen Berufsalltag jedoch wenig mit dem eines echten Texters zu tun hat, das nur am Rande), sind sehr liebenswert. Während der eine von der neu entdeckten Verwandtschaft sofort begeistert ist wie ein spielbereites Kind, hält der andere sich bedeckt und muss erst lernen, aus sich rauszukommen. Entwicklungsroman ist das also gleichzeitig auch einer, und zwar für einen über 50-jährigen Mann. Der lernt, andere an sich ranzulassen, seine Einsamkeit aufzubrechen und Gefühle zuzulassen, sodass er sich zum ersten Mal verlieben kann. In einer sehr klischeehaften Situation, aber auch das nur am Rande. Es geht übrigens sehr viel um Zähne und deren Behandlung, man kann also auch noch was lernen.

Die Wurzel alles Guten ist ein Buch, mit dem man nicht so streng sein darf. Es ist recht platt und sprachlich wahrlich kein Highlight. Da wird viel erklärt, statt gespürt, ständig ist alles „super“ und „toll“, die Ängste der Männer klingen wie eins zu eins aus einem Lebensratgeber übernommen. Wäre ich gemein, würde ich sagen: wie für Männer geschrieben, damit die das auch verstehen. Bin ich aber nicht, deswegen sage ich: Eine Herausforderung ist dieser Roman nicht, aber auf angenehme Weise seicht. Und er hält Erkenntnisse bereit darüber, dass manche Menschen, so weit entfernt sie auch leben, uns näher sind als vermutet. Und dass manchmal Verbindungen, von denen man nicht einmal wusste, sehr stark sein können. Nice read.

Die Wurzel alles Guten von Miika Nousiainen ist erschienen bei Nagel & Kimche in den Hanser Literaturverlagen (ISBN 978-3-312-01038-7, 256 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

IMG_6552Vor ein paar Tagen hab ich darüber geschrieben, dass in meinen Augen ein Buch keine falschen Gefühle auslösen kann. Und dass meine Devise lautet: Je heftiger, desto besser. Dann stand ich vor meinem (einzigen) Regal und sah mir die Titel an. Sie alle haben eine Bedeutung für mich. Haben etwas bei mir ausgelöst, mich berührt, mich beschäftigt. Ich aber wollte jene Romane finden, die grenzwertig waren und die ihr vielleicht noch nicht kennt. Die mir nach dem Lesen nicht mehr aus dem Sinn gingen, weil sie tiefe Spuren hinterlassen haben.

IMG_6551Neben We need to talk about Kevin und Mr. Lamb, die ich beide nicht mehr bei mir habe, trifft das auf Die Glasfresser zu, eines der abartigsten, tiefgründigsten, verstörendsten Bücher, die ich JEMALS gelesen habe. In diese Reihe gehört auch Anima. Noch heute muss ich, wenn ich an bestimmte Szenen denke, fast kotzen. Das sind Bücher, die mich an meine Grenzen gebracht umd mich massiv herausgefordert haben. Die sogar mir fast ZU intensiv waren, zu schrecklich, zu aufwühlend. Romane, bei denen man nicht einmal mehr weinen kann, weil man innerlich vor Schock zu Eis gefroren ist. Und ich rede nicht von Thrillern oder Suspense. Sondern von der Unmenschlichkeit der Menschen, in Literatur gegossen.

Das gilt auch für Lovely Bones, ein (schon recht altes) Buch, in dem ein vergewaltigtes und ermordetes Mädchen aus seiner Sicht erzählt, und The narrow road to the deep North, das in einem Gulag spielt. Room ist ein Roman, der mich wahnsinnig beeindruckt hat: die Geschichte einer Frau, die jahrelang gefangengehalten und missbraucht wird, bis es ihrem Sohn, den sie in diesem Folterkeller bekommen hat, gelingt, zu fliehen. Ob Krieg und Konzentrationslager, Freude am Töten, Vergewaltigung und Unterdrückung, Vernachlässigung und Lieblosigkeit, Sklaverei oder Foltern: Es gibt nichts, wovor Menschen zurückschrecken. Es sollte deshalb auch nichts geben, wovor Literatur zurückschreckt.

IMG_6550Ich liebe Little Bee, trotz und vor allem weil es mich emotional sehr aufgewühlt hat. Das gilt auch für Gebete für dieVermissten, ein Buch über verschwundene Mädchen und mexikanische Drogenbosse, für das man starke Nerven braucht, dafür aber auf jeden Fall belohnt wird. Erschütternd und grandios sind auch Aquarium, das eine Kindheit erzählt, die alles andere ist als behütet, The Long Song, in dem die Grausamkeit der Sklaverei in unfassbar passende Worte gekleidet wird, und Winters Knochen, pure Einsamkeit zwischen zwei Buchdeckeln. Lauter Romane, die einem das Herz rausreißen. Jedes auf seine Art. Wenn man sie lässt.

IMG_6564Sehr besonders ist für mich Wildauge. Ein Buch, das mich vollkommen überwältigt hat. Mit einer Sprache, die anders ist und wild und rau, mit einer Protagonistin, die einer Naturgewalt gleichkommt, mit einer Geschichte über einen Krieg, von dem man alles zu wissen glaubt und der dann doch wieder eine neue grausame Facette zeigt. Dieser Roman bringt für mich persönlich auf den Punkt,
was ich mir von Literatur wünsche: weggespült zu werden. Etwas zu erfahren, das ich noch nicht wusste. So ein Ziehen im Herz zu spüren. Der Traurigkeit ins Gesicht zu schauen. Und eine Axt in der Hand zu halten für Kafkas gefrorenes Meer.

Bücherwurmloch

IMG_6550Vor einer Weile hat jemand bei mir im Blog einen Kommentar hinterlassen, der lautete: „Solche Bücher lösen finde ich die falschen Gefühle beim Lesen aus. Ein Buch sollte Spaß machen und Freude verbreiten!“ Seither ist mir diese Formulierung nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich frage mich: Kann ein Buch denn falsche Gefühle auslösen? Falsche Gefühle, gibt es die beim Lesen überhaupt? Was sollte denn richtig sein und was falsch – und wer bestimmt das?

Sicher, jeder wünscht sich von einer Lektüre etwas anderes. Es gibt Zeiten, da möchte selbst ich mich ein bisschen unterhalten lassen, möchte es leicht haben mit einem Buch, aber: Die sind sehr selten. Und sie haben viel zu tun mit Sonne, Sommer und Freibad. Wobei auch das keine Regel ist, denn letztes Jahr habe ich Alles Licht, das wir nicht sehen gelesen, ein wahnsinnig intensives, trauriges Buch über den Zweiten Weltkrieg – und zwar am Strand, umgeben von lachenden Kindern, sanften Wellen und Leuten, die Kokosnüsse verkauften. Tatsache ist jedoch, dass ich sie natürlich kenne, die Sehnsucht nach ein bisschen Leichtigkeit in der Literatur. Das beantwortet aber nicht die Frage, denn auch leichter Lesestoff kann ja Gefühle bei uns auslösen.

Wahrscheinlich muss jeder für sich selbst klären, WARUM er eigentlich liest. Um in fremde Welten zu reisen. Um Neues kennenzulernen, um Fantastisches zu sehen. Um bei der Suche nach einer Liebe mitzufiebern, Ablenkung vom Alltag zu finden, zum Lachen gebracht zu werden. Oder auch, um zum Weinen gebracht zu werden. Um in Sprache einzutauchen, poetische Sätze zu lesen, staunend zuzuschauen, wie Wörter sich zu melodiösen Formulierungen zusammentun. Um zu leiden, nachzudenken, sich zutiefst gefordert zu fühlen. Das Letzte trifft auf mich zu.

Ein Buch muss nicht sanft zu mir sein. Ich will, dass es mich schlägt. Ich will, dass es mich aufwühlt, mich aufrüttelt, mich aufschneidet. Nichts ist mir mehr zuwider als jene Romane, die – ob nun richtig oder falsch – GAR KEINE Gefühle bei mir auslösen. Die, die man liest, ohne etwas dabei zu empfinden. Die einem völlig gleichgültig bleiben. Auf die bin ich so richtig sauer. Weil sie meine Lebenszeit verschwenden. Dann schon lieber Wut, weil ein Buch furchtbar schlecht ist, Abscheu, Genervtheit. Irgendwas! Wo ich mich aufregen und so richtig motzen kann. Aus Gründen, natürlich.

Da ich nur ein einziges Regal für Bücher zur Verfügung habe, gebe ich alle weg – bis auf jene, die ich unbedingt behalten will. Deshalb findet man in meinem schmalen Regal keine Titel, die mir gleichgültig sind. Sondern nur solche, die sich einen Weg in mein Herz gebahnt, gefressen oder geschlagen haben. Ich habe keine Zeit für Gleichgültigkeit und keine Geduld für Mittelmaß. Was mich nicht berührt, fliegt raus.

Denn am liebsten ist es mir, wenn ein Roman mich direkt an der Wurzel des Menschseins packt. Wenn er mich traurig macht und nachdenklich. Wenn er mich dazu bringt, von seiner Geschichte zu träumen, weil sie mich nicht einmal nachts loslässt. Wenn ich Hass empfinde und Ekel, Abscheu, Zorn, Wehmut, Sehnsucht, Traurigkeit. Das kann manchmal sogar überraschend heilsam sein. Die wichtigsten Bücher meines Lebens sind jene, die mir die Knochen gebrochen haben. Ich erinnere mich an sie wie an Erlebnisse, die mich verändert haben. Ich weiß oft sogar noch, wo ich war, als ich sie gelesen habe. Die Gefühle, die sie in mir ausgelöst haben, haben sich eingebrannt in meinem Inneren – und kein einziges davon war falsch.

Eines der krassesten Bücher meines Lebens war We need to talk about Kevin. Dieser Roman hat mich, als ich Anfang zwanzig war, sprichwörtlich fertiggemacht. Ich konnte tagelang an nichts anderes denken. Ich war verstört. Ich hatte Angst, mir war übel. Und trotzdem bereue ich keinen Moment lang, es gelesen zu haben. Es ist ein wichtiges und herausragend gutes Buch. Zwei weitere Romane, die mir sofort einfallen, wenn es um die heftigsten Bücher, die ich je gelesen habe, geht, sind Mr. Lambund Die Glasfresser. Alle drei sind in Worte gepackter Wahnsinn. Und wenn das keine Gefühle auslöst, dann weiß ich auch nicht. Die Bücher, die ich lese, muss man aushalten können. Und viele davon halte ich selbst nicht aus. Oder nur sehr schwer. Aber das ist dann die Suppe, die ich mir eingebrockt habe. Da denke ich manchmal selbst: Ein bisschen mehr Leichtigkeit wär mal wieder gut.

Freilich gibt es Grenzen. Auch für mich. Seit ich Mutter bin, kann ich beispielsweise nichts mehr lesen, wo Kinder sterben oder ermordet werden. Das ist eine Hürde, die ich nicht mehr bewältigen kann und will. Passiert es unerwartet in einem Roman, heule ich garantiert. Aber es ist ja völlig okay, dass ich das nicht möchte. Denn: Unser Leseverhalten und vor allem die Gefühle, die wir beim Lesen haben, sind subjektiv. Ein Buch, das mich kalt lässt, ist für jemand anderen vielleicht die Erleuchtung. Und umgekehrt.

Es ist auch in Ordnung, wenn jemand sich von Büchern wünscht, dass sie ausschließlich Spaß und Freude verbreiten. Spaß und Freude sind super! Wir brauchen mehr davon. In meinem Regal sind sie allerdings nicht zu finden. Da reiht sich Wehmut an Schwermut und Trauer an Krieg, enttäuschte Liebe an Sehnsucht und Fremdenhass an Einsamkeit. Das Gute daran ist, dass sich niemand von mir Bücher ausleihen will. Und das zweite Gute ist, dass mir egal ist, was andere denken. In dieser Welt, in der ohnehin alles und jeder bewertet wird, sollten wir einander wenigstens bei der Wahl der Lektüre die Freiheit lassen – ohne zu urteilen. Hauptsache, jeder fühlt sich wohl mit dem, was er dabei empfindet. Denn ein Richtig oder Falsch gibt es beim Lesen nicht.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Leidenfrost„Jetzt suche ich noch einmal, ob ich etwas finden könnte auf dieser Welt, das mir Zuflucht gibt“

„Hör zu, ich erzähle dir eine Geschichte, damit du sie aufhebst. Für diese Geschichte brauch ich eine Zunge und einen Mund, um damit Laute zu formen, Hände, um die Geschichte mit Gesten zu schmücken, ein Gesicht, um Gefühle zu zeigen. Du brauchst Ohren und Augen, um mir zu folgen.“

Denn die Figuren, die in diesen Geschichten zu Wort kommen, haben lange nicht gesprochen – oft sogar ein Leben lang. Die müssen jetzt noch was sagen, jetzt, bevor es zu Ende geht, jetzt, bevor sie verstummen für immer. Sie erzählen von Geheimnissen und der Liebe, von Verrat und vom Leben, das viel zu schnell vergangen ist. Und vor allem von dem, über das nie geredet wurde: den Geschehnissen im Krieg. Nazis waren doch alle, aber herrje, wir wussten ja nichts. Was verschwiegen wurde, kommt nun ans Licht – was auch immer es gewesen sein mag.

„Geschichten sind wie Vögel, es gibt tausend Arten und die meisten kennen die halbe Welt.“

In ihrem ersten Buch gibt die österreichische Autorin Lucia Leidenfrost jenen eine Stimme, die ihre Stimme ein Leben lang nicht genutzt haben. Frauen sind das genauso wie Männer, die merken: Da gibt es noch etwas, das nicht gesagt wurde. Das mich belastet. Das ich noch loswerden muss. Wie Sterbebeichten wirken diese Geschichten, wie letzte Momentaufnahmen, denn die meisten – nicht alle – tauchen am Ende eines Lebens aus dem Morast der Erinnerung auf. Der drohende Tod ist es, der die Menschen dazu bringt, nicht länger zu schweigen. Lucia Leidenfrost verleiht jenen, die noch etwas erzählen müssen, nicht nur eine Stimme, sondern gibt ihnen auch die Worte als Handwerkszeug, gibt ihnen eine feine, kluge Sprache.

Mir ist die Zunge so schwer ist traurig, melancholisch und tiefgründig. Ein Buch voll Bedauern, voll Schwermut und später Erkenntnis. Ein Buch über die letzte Weltkriegsgeneration, wobei, eigentlich nicht ÜBER sie, sondern von ihr, mit ihr, durch ihre Augen, ihre Münder. Es ist nämlich nicht nur so, dass das alles endlich einmal ausgesprochen werden muss, es muss auch gehört werden. Aufgeschrieben werden, bewahrt werden, bevor es niemanden mehr gibt, der davon erzählen könnte. Wertfrei wird das aufbewahrt, ohne ein Urteil, und fast könnte man meinen, dass das nicht fiktive Stimmen sind, die da erklingen, sondern echte, dass Lucia Leidenfrost ein Aufnahmegerät in dunklen Stuben an faltige Gesichter gehalten hat. So authentisch und berührend sind ihre Geschichten. Ein sehr schönes, gefühlvolles, feinsinniges Buch, das den Gedanken in sich trägt, dass wir alle nicht so viel Zeit haben, wie wir immer glauben. Ich kann es euch nur ans Herz legen.

Mir ist die Zunge so schwer von Lucia Leidenfrost ist erschienen bei Kremayr & Scheriau (ISBN 978-3-218-01069-6, 192 Seiten, 19,90 Euro). Und hier findet ihr den Leseeindruck von Frank O. Rudkoffsky.

 

 

Netter Versuch: 2 Sterne

Prahs„Wir sind kurz vor dem Verfallsdatum, und deshalb wird jetzt noch einmal richtig gefeiert“

„Nun waren sie drei endgültig verschmolzen. Zu einem einzigen, aufrechten und stolzen Mittelfinger.“

Diese drei, das sind der arbeitslose Herr Kramer, die krebskranke Buttkies und die junge Studentin Jersey. Sie wohnen in einem „sanierungsbedürftigen“ Haus, einer absoluten Bruchbude, die „leergewohnt“ und abgerissen werden soll. Obwohl das Haus nicht mehr sehr wohnenswert sein kann, wollen die drei da nicht weg. Jeder von ihnen hat seine eigenen Schwierigkeiten, und sie können einander nicht ausstehen, aber um den Abbruch des Hauses zu verhindern, müssen sie sich zusammenraufen. Das ist jedoch einfacher gesagt als getan – ein Glück, dass das Haus das Problem schließlich einfach selbst löst.

Die junge Autorin Madeleine Prahs erzählt in ihrem zweiten Roman Die Letzten eine Geschichte, die in Ansätzen ganz witzig ist. Sie hat drei sehr klassische Figuren zusammengebracht: den Mittelalten, dem die Frau weggelaufen ist, weil er gar so langweilig ist, eine Alte, die sterben möchte und der eh schon alles egal ist, und die Junge mit der schweren Kindheit und dem leichten Drogenproblem. Wirklich interessant ist dagegen die außenstehende, alleswissende Erzählinstanz:

„Wenn nicht bald irgendwas passiert, was Gutes, ein Zauber vielleicht, ein Wunder, dann steuern wir hier auf ein Drama zu, und das wäre mir dann doch peinlich, weil ich mir eigentlich vorgenommen hatte, Ihnen eine Komödie zu erzählen.“

Aber: Komödie. Das ist halt so eine Sache mit dem Humor. Die Letzten ist gut geschrieben, mit einer netten Idee und liebenswerten Figuren, in die Tiefe geht’s auch ein bisschen, aber nicht viel, nur meinen Humor trifft’s nicht. Dazu ist es zu flach und bedient die Klischees zu sehr, statt mit ihnen zu spielen – allein der Einfall, der den drei Protagonisten kommt, um dem Hausbesitzer eins auszuwischen, ist derart unoriginell, dass das ganze Potenzial der Szene verschenkt ist. Ich könnte das auch nicht besser, denn es ist verflucht schwer, etwas Humoriges zu schreiben – das dann auch noch jeder witzig findet. Bei diesem Buch hab ich einen Gedanken, der mich sogar selbst überrascht: Es wäre anders, hätte ein Österreicher es geschrieben. Unser Humor ist viel niedrigschwelliger, böser, derber, damit hab ich in Deutschland immer wieder Probleme. Und Die Letzten ist für mich sehr deutsch: Es ist nur leicht sarkastisch, nicht wirklich fies, es übertritt keine Grenzen, bricht keine Tabus. Für mich als Österreicherin ist das noch kein richtiger schwarzer Humor, sondern Basisstufe 1, ein Anfang. Da einen Maßstab anzulegen, ist aber natürlich müßig, zu subjektiv ist das Humorempfinden. Für mich hätte es schärfer und schwärzer sein müssen, nicht so klamaukig. Aber ich weiß, ihr Deutschen, ihr mögt das ((insert wink emoticon here)).

Die Letzten von Madeleine Prahs ist erschienen bei dtv (ISBN ISBN 978-3-423-28134-8, 304 Seiten, 21 Euro). Gérard empfindet das Buch übrigens als schwarzhumorig (da seht ihr schon, was ich meine).

Für Gourmets: 5 Sterne

Cognetti„Wenn einer in die Berge geht, dann weil man ihn im Tal nicht in Frieden lässt“
Pietros Vater ist so einer, der in die Berge geht, in die Berge rennt, mit Verbissenheit, mit Obsession, als könnte er nur dort oben wirklich atmen. Das ganze Jahr über arbeitet er – die Familie lebt in Mailand –, doch kaum hat er Urlaub, zieht es ihn hinaus aufs Land und hinauf zu den Gipfeln.

„Gelassenheit gehörte nicht gerade zu den Tugenden meines Vaters, aber in der Stadt hätte er sie besser gebrauchen können als Ausdauer.“

Die Mutter findet ein Häuschen in einem winzigen Bergdorf, um das sich niemand mehr kümmert:

„Das war nicht bloße Nachlässigkeit, sondern fast schon so etwas wie Verachtung für diese Dinge, eine Lust daran, sie vergammeln zu lassen (…). Ganz so, als wäre das Schicksal dieser Orte längst besiegelt und jede Form von Instandhaltung vergebliche Liebesmüh.“

Hier lernt Pietro Bruno kennen, einen schweigsamen Jungen im selben Alter, der die Kühe hütet. Jahr für Jahr treffen sie sich im Sommer und erkunden gemeinsam die Berge. Doch wie kann sich eine solche Freundschaft, die geografisch derart beschränkt ist, weiterentwickeln, wenn Pietro und Bruno erwachsen sind? Oder muss sie das vielleicht gar nicht, kann sie ein Zufluchtsort bleiben, der sich nicht verändert?

„Als Erwachsener kann man einen Ort, den man als Kind geliebt hat, auf einmal ganz anders empfinden und von ihm enttäuscht sein. Oder aber er erinnert einen an denjenigen, der man einmal war, und machte einen unendlich traurig.“

Paolo Cognetti kennt sich aus in den Bergen: Seine Hütte im Aostatal befindet sich auf 2000 Metern Höhe. Zudem war er an der Filmhochschule und hat Dokumentarfilme produziert. Das bedeutet: Er hat das Wissen für beide seine Hauptfiguren – Bruno, der in den Bergen ist, Pietro, der Dokumentarfilme macht – in sich vereint. Besonders die Liebe zum Bergsteigen, die er selbst empfindet, spürt man in jeder Zeile des Buchs. Es ist ein schönes Gleichnis, das Paolo Cognetti zur zentralen Frage seines Romans macht: Wer hat mehr gesehen, derjenige, der zu allen acht Bergen reist, oder der, der den höchsten Gipfel besteigt? Der Autor kettet zwei Männer aneinander, von denen einer weg will und einer bleibt, von denen einer Perspektiven hat und einer nicht. Um das Scheitern geht es in diesem Buch, um Selbstfindung, um die Verbundenheit zur Natur und die Gründe, aus denen wir uns von ihr entfernen, um Freundschaft und die Erkenntnis, dass wir oft erst wissen, was richtig wäre, wenn es längst zu spät ist.

Acht Berge ist ein langsames, ruhiges, schlichtes und gerade deshalb wunderbares Buch. Es ist wie ein entspannender Ausflug, der den Leser runterkommen lässt. Es ist auch eine Zeitreise in jene Jahre, in denen Smartphones und Internet noch nicht unser Leben bestimmten – als Kinder noch frei von Apps waren und die Wälder ihr liebster Spielplatz. Paolo Cognetti hat seine zwei Protagonisten sehr fein gezeichnet, denn sie sind nicht perfekt, sondern glaubwürdig. Sie sind – jeder für sich – egozentrisch und blind, sie zerkrachen sich, entfremden sich, reden zu wenig und halten doch zueinander. Das zu lesen, ist sehr schön, und beim durchaus konsequenten, einzig logischen Ende hatte ich Tränen in den Augen. Der Autor schlägt keine sprachlichen Kapriolen, und das ist erholsam. Er erzählt so, wie die Geschichte nun einmal ist: raus, unkompliziert, menschlich. Eine absolute Leseempfehlung.

Acht Berge von Paolo Cognetti ist erschienen bei der DVA (ISBN 978-3-421-04778-6, 256 Seiten, 20 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Gowdy„Ja, ich bin noch immer traurig“

„Beim ersten Donnergrollen wurden die Buchstaben scharf. Die Flecken erschienen, die Festungen bauten sich auf und lösten die Übelkeit aus, die wiederum das Gefühl auslöste, als kristallisiere sich Harriets Knochengerüst aus dem Gerüst von Roses eigenem heraus.“

Denn Rose findet sich plötzlich bei Gewitter im Körper von Harriet wieder – einer Frau, die sie nicht kennt, von der sie jedoch bald regelrecht besessen ist. Warum verlässt sie auf einmal ihren eigenen Körper? Wer ist diese Harriet, die eine Affäre mit einem verheirateten Mann hat? Und was hat das alles mit Roses Schwester Ava zu tun, die gestorben ist, als sie beide noch Kinder waren? Hört sich gespenstisch an und wie ein Thriller, ist es aber nicht: Ruhig, gesittet, lakonisch erzählt Barbara Gowdy eine sehr ungewöhnliche Geschichte.

Kleine Schwester ist ein literarisches Buch, kein Genre. Das muss ich betonen, weil die Story, die die kanadische Autorin zu Papier gebracht hat, so nach Parallelwelten und Übernatürlichem klingt. Die „Episoden“, wie Hauptfigur Rose sie selbst nennt, werden im Roman einfach als gegeben hingenommen, sie können und sollen nicht erklärt werden. Vielmehr geht es in diesem Buch um unsere Sehnsucht, ein anderes Leben zu führen, um die Frage, wie es sich anfühlen würde, ein anderer zu sein. „Durch die Augen eines anderen sehen“ – das hat Barbara Gowdy, deren Kurzgeschichten bereits verfilmt wurden, zum Ausgangspunkt genommen und für ihre Figur möglich gemacht. Die wird durch den Kontakt mit einem fremden Leben zurückgeworfen auf ihr eigenes: Wo steht sie? Wollte sie dorthin, ist sie glücklich? Und werden die Wunden der Vergangenheit jemals heilen?

Die Themen, mit denen die Autorin sich in Kleine Schwester beschäftigt, sind also gar nicht so ungewöhnlich. Nur die Art, wie sie es tut, ist es. Und genau das macht dieses Buch so besonders. Für mich persönlich ist alles, was den Tod eines Kindes beinhaltet, schwer erträglich, seit ich selbst Kinder habe. Sehr spannend finde ich jedoch die Idee dieser außerkörperlichen Erfahrungen, um die sich alles dreht: Das ist unheimlich und faszinierend zugleich. Ich war sehr neugierig, wie die Autorin diese Situation am Ende lösen würde, und hm, ja, es ist ihr auf akzeptable Weise gelungen. Wenn ihr mal was Interessantes abseits vom Mainstream lesen wollt, kann ich euch Kleine Schwester auf jeden Fall empfehlen.

Kleine Schwester von Barbara Gowdy ist erschienen im Verlag Antje Kunstmann (ISBN ISBN: 978-3-95614-196-6, 240 Seiten, 22 Euro).