Bücherwurmloch

„Es gibt Seelen, die irgendwo einen geheimen Sprung haben, einen unsichtbaren Riss, der selbst denjenigen verborgen bleibt, die ihn in sich tragen“

„Ich fand ihn niedlich wie ein Kätzchen, das mit seinem eigenen Spiegelbild kämpft, die Oberfläche zerkratzt, ohne sich selbst zu erkennen.“

Das denkt Eleonora über Chirú, als sie ihn kennenlernt. Sie ist eine achtundreißigjährige, bekannte Schauspielerin, er ein achtzehnjähriger Musikstudent. Sie nimmt ihn als ihren Schüler an, wie sie es bereits einige Male getan hat in ihrem Leben: Es ist üblich, dass gestandene Künstler junge Talente unter ihre Fittiche nehmen, ihre Mentoren werden, sie den richtigen Leuten vorstellen und sie die Umgangsregeln lehren. Eleonora zeigt Chirú, wie man sich in gewissen Kreisen kleidet, lässt ihn ausgewählte Bücher lesen und bringt ihm das Netzwerken bei. Sie ist eine gebildete, erfolgreiche Frau, er ein ungestümer Jugendlicher, die zwanzig Jahre Altersunterschied sind stets spürbar:

„Es gelang mir nicht, mich an seine Jugend zu gewöhnen, die er versteckt in sich trug und die zuweilen plötzlich hervorkam, mit dem ängstlichen Satz eines Waldtiers. Ich wusste, dass er bald lernen würde, seinen emotionalen Hunger zu verstecken, wie jeder es tut mit den Dingen, die ihn nackt und schutzlos zeigen, doch an diesem Nachmittag schien mir, dass noch jede Art der Unschuld möglich war, sogar meine eigene.“

Und was sind das für Gefühle, die eine solche Verbindung mit sich bringt? Ist es nicht zwangsläufig so, dass sie sich, weil sie so viel Zeit miteinander verbringen, weil sie sich gegenseitig Einblick geben in ihre Seelen, ineinander verlieben müssen? Michela Murgia ist eine kluge, besonnene Autorin, die mich mit Accabadora tief beeindruckt hat, sie erzählt hier keine platte Cougar-Lovestory. Und doch muss man es wohl Liebe nennen, keine schwarz-weiße, klare Form der Liebe, vielmehr eine ihrer Spielarten, angesiedelt zwischen sexueller Begierde, Freundschaft und Ehrfurcht, beide bewundern am anderen das, was sie nicht haben: Eleonora an Chirú die Jugend, Chirú an Eleonora die Erfahrung. Durchdrungen ist dieser Roman von einem sehnsuchtsvollen, sardischen Lebensgefühl, einem fremden, zart klingenden Ton, genau wie von der seltsam anziehenden Arroganz, die den Italienern generell eigen ist. Denn was könnte es Anmaßenderes geben als die Überzeugung, man sei selbst so gut, dass man einen anderen teilhaben lassen kann am eigenen Sein, damit er davon profitiert? Michela Murgia hat über Abhängigkeit und Macht geschrieben, über Kunst und den Weg zum Erfolg, über Jungsein und Altern – und über die Liebe.

„Selbst jetzt erkannte ich, dass etwas Unwiderstehliches in der Macht lag, die seine Angst, mich zu verlieren, mir verlieh.“

Chirú von Michela Murgia ist erschienen bei Wagenbach (ISBN 978-3-8031-3287-1, 208 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Warum kannst du nicht auf seiner Seite sein, ganz und gar, mit Haut und Haaren?“

„Vielleicht braucht es Zeit, denkt er, um sich loszusagen von diesem Deutschsein, von den Jahren als Pimpf, von den Geschichten, den Liedern, von der Schönheit, die oft darin lag.“

Denn Franz hat Deutschland noch in den Knochen – obwohl er in Amerika ist. Als Kriegsgefangener wurde er über den Ozean gebracht, in einem riesigen Schiff, nun befindet er sich mit anderen deutschen Soldaten in einem Lager, weit entfernt von der Heimat, weit entfernt vom Krieg. Sie werden gut behandelt, sie arbeiten, sie bekommen zu essen. Franz freundet sich mit dem Halbamerikaner Paul an, der ihm eine neue Sicht auf den Nationalsozialismus eröffnet, für den er selbst so leidenschaftlich entbrannt war, dass er nach Europa ging, um zu kämpfen. Jetzt sieht er klarer, jetzt hat er die Fassade Hitler durchschaut – und öffnet auch Franz die Augen. Doch in einem Lager, in dem deutsche Soldaten leben, die der Sache treu sind, die an Deutschlands Sieg glauben, die all jene vernichten wollen, die anders denken, ist dies nicht unbedingt klug. Von all dem weiß Martin nichts. Martin ist der Enkel von Franz, der Sohn von Barbara, fast vierzig ist er, und Franz ein alter Mann. Der ein letztes Mal dorthin will, wo sein Leben sich verändert hat: nach Amerika, nach Texas, wo das Lager war. Martin begleitet ihn auf dieser Reise, die zugleich ein Abtauchen in die Vergangenheit ist – und ein neuer Weg, um zu verstehen.

Da denkt man, man habe schon alles gelesen über den Zweiten Weltkrieg, und dann kommt Hannes Köhler mit seinem Roman und man merkt: Da gibt es noch mehr, eine neue Sicht, eine andere Seite – deutsche Kriegsgefangene in Amerika. Wie haben sie gelebt, wie gingen sie mit ihrem Schicksal um? Hannes Köhler war vor Ort, hat im Staub der Archive eine Geschichte entdeckt, die echt ist und tief und authentisch. Er hat Ausgangsfragen gestellt, mit denen sich bisher in der Literatur kaum jemand beschäftigt hat, und fiktive Antworten darauf gefunden: Ein mögliches Lebenist ein Buch über den Krieg, der auch dort tobt, wo er gar nicht stattfindet. Geradezu meisterhaft hat der junge deutsche Autor, der mich bereits 2011 mit In Spurenbeeindruckt hat, aufgezeigt, wie die Deutschen ihren Kampf mitnehmen ins fremde Land, ins Lager. Wie sie eben unfähig sind, sich loszusagen vom Deutschsein, wie sie in ihrem Wahn bis ans Ende gehen. Köhlers Protagonist Franz gerät zwischen die Fronten, und später redet er nicht. Lebt sein Leben und redet nicht, jahrzehntelang, ist ein eher kühler, der eigenen Tochter kaum bekannter Mann, erzählt nicht von seinen Ängsten damals, von seinem Verlust, von seiner Hoffnung. Erst als es fast zu spät ist, erst als er bald sterben muss, spricht er. Und gibt seinem Enkel Martin dadurch die Möglichkeit, zu erkennen, zu sehen – und zu verzeihen.

Dies ist ein großartig recherchiertes, klug durchdachtes und von Wehmut durchwirktes Buch. Es hat einen Kern aus Sehnsucht, der alles leicht schief, leicht verkrüppelt wachsen lässt. Es kommt ohne Effektheischerei aus und wirkt gerade dadurch umso mehr. Letztlich eröffnet es jenen Raum, der uns Menschen ermöglicht, weiterzumachen, trotz allem: Vergebung.

Ein mögliches Leben ist erschienen bei Ullstein (ISBN 9783550081859, 352 Seiten, 22 Euro)

Bücherwurmloch

„Kann man seine Heimat auch in einem Menschen finden?“
Das erste Problem ist schon der Kuss. Weil er nicht stattfindet. Der Kuss, den es nicht gibt, ist symptomatisch für alles, was folgt. Sie hat es sich so schön vorgestellt, dass sie nach New York kommt nach dieser langen Zeit der Trennung, dass sie Gregor in die Arme fällt, dass er sie küsst. Doch dann vergeht der Moment, ohne dass es passiert, alles gerät in eine Schieflage, kaum spürbar, aber wenn man genau hinsieht, bemerkt man den ersten haarfeinen Riss. Die Erzählerin möchte nach New York ziehen, zu ihrem Freund Gregor, der dort bereits arbeitet und wohnt, sie hatten es so abgemacht, er holt sie nach, es war ihr gemeinsamer Traum.

Unsere Geschichte ist eine Geschichte von Sehnsucht und Aufbruch, eine Geschichte, die ihren Ursprung in den grellen Lichtern des Times Square und in einer irischen Kneipe hat, die eine Frau und ein Mann am letzten Abend ihrer USA-Reise besuchen.

Jetzt ist sie da, aber nichts ist wie erträumt. In der Wohnung fühlt sie sich fremd und in der Stadt, in der Beziehung auch. Wie konnte das geschehen? Liegt es an der Entfernung, an der Entfremdung? Kann man die überwinden, und wie?

Ich war der lebendige Beweis dafür, in welche Verzweiflung einen die Liebe stürzen kann.

Sie wandert durch die Straßen, fest entschlossen, einen Platz für sich zu finden, sie nimmt sich jeden Tag vor, zum Hörer zu greifen und Telefonate wegen eines Jobs zu führen. Sie will mit Gregor reden, ihn konfrontieren, ihn schütteln, anschreien. Die Liebe, die einmal da war zwischen ihnen, aufwecken, reanimieren. Es ist ein Moment, von dem Britta Boerdner erzählt, dieser Moment, in dem etwas fehlt – und in dem etwas zu Ende geht. Mit klaren, unaufgeregten Sätzen fängt sie das Gefühl der Hilflosigkeit ein, wenn man nur zusehen kann, wie einem etwas zustößt, das man nicht möchte, wie sich etwas auflöst und verflüchtigt. Es schmerzt und es brennt und es ist elendig traurig. Genau wie dieses schmale Buch, das wie ein Hauch auf einer Fensterscheibe ist, wie ein Regengeräusch, leise, poetisch, es erzählt von Vergänglichkeit und Verlust.

Am ersten Morgen in dieser Stadt bin ich erfroren, am zweiten Tag erstarrt, am dritten Tag erstickt, und noch immer liegt mein Körper ungesehen zwischen den moosfaulen Wänden.

Was verborgen bleibt von Britta Boerdner ist erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt (ISBN 9783627001858, 160 Seiten, 18,90 Euro).

 

Für Gourmets: 5 Sterne

„Ich bin aus Luft gemacht, sagt er. Mir passiert nichts“

Allmählich begreift er, wie man es machen kann. Seine Knie verstehen, die Schultern halten sich anders. Man muss dem Schwanken nachgeben, muss weich werden in den Knien und Hüften, muss dem Sturz einen Schritt zuvorkommen. Die Schwere greift nach einem, aber schon ist man weiter. Seiltanz: dem Fallen davonlaufen.

Und so lernt er diese Kunst, er, Tyll, dessen Vater, der Müller, nicht hierhergehört, an diesen Ort, in diese Zeit, weil er zu viel hinterfragt und deshalb in die Fängen der Inquisition gerät. Tyll lernt und hört zu, er beobachtet und weiß: Ich muss hier fort. Und so beginnt die Reise von Tyll, die zugleich die Reise des Lesers ist: durch Düsternis und mittelalterliches Unwissen, durch Krieg und Pest und Politik. Und was für eine unglaubliche, abenteuerliche, erlebnisreiche Reise das ist! Ausschließlich jeder, mit dem ich online und offline über dieses Buch gesprochen habe, hat nur Gutes darüber gesagt: weil es nun mal gut ist. Punkt. Das spürt man sofort auf den ersten Seiten, da wird nicht nur die Kunst Tylls erkennbar, sondern die Kunst Daniel Kehlmanns, der mit den Worten jongliert wie sein Protagonist mit den Bällen, der kichert und trällert und seinen Schabernack treibt mit dem Leser, der auf seiner Sprache tanzt wie auf einem Seil. Und keinen einzigen falschen Schritt macht dabei.

Aber ich hab zwei Füße, und ein Richter mit Robe oder ein Wächter mit Hellebarden, die haben auch nur zwei. Jeder von ihnen hat so viele Füße wie ich. Keiner hat mehr. Die können zusammen nicht schneller laufen als wir.

Er ist gewitzt: Tyll genauso wie Daniel. Das Buch umtänzelt den Leser, umgarnt ihn, zieht mal hier, mal da – und am Ende erkennt man das ganze Bild. Und möchte anerkennend klatschen. Es ist großartig geschrieben, es ist klug strukturiert. Man kann ganz ehrlich sagen, dass es Spaß macht, diesen Roman zu lesen, weil er die Freude am Lesen zurückgibt: Diese spielerische Leichtigkeit findet man selten in der Literatur. Und dabei handelt er von so Gewichtigem, von Tod und Verrat und nagendem Hunger, von Berge aus Kriegsleichen und Folter, ein bisschen von der Liebe, ohne sie geht es nicht.

Uns andere aber hört man dort, wo wir einst lebten, manchmal in den Bäumen. Man hört uns im Gras und im Grillenzirpen, man hört uns, wenn man den Kopf gegen das Astloch der alten Ulme legt, und zuweilen kommt es Kindern vor, als könnten sie unsere Gesichter im Wasser des Baches sehen. Unsere Kirche steht nicht mehr, aber die Kiesel, die das Wasser rund und weiß geschliffen hat, sind noch dieselben, wie auch die Bäume dieselben sind. Wir aber erinnern uns, auch wenn keiner sich an uns erinnert, denn wir haben uns noch nicht damit abgefunden, nicht zu sein.

Es ist ein Schelmenstück, dieses Buch, ein in sich geschlossener Beweis, es bietet sich selbst eine Bühne und unterhält jeden, der Platz nimmt vor dem Gauklerwagen. Es ist voller Anspielungen auf historische Ereignisse, die schmunzeln lassen, voller tiefgründigem Humor und grandiosen Formulierungen. Ich habe das Gefühl, dass es ohnehin schon jeder kennt, doch wer Tyll noch nicht gelesen hat, der möge es tun – sofort.

Zweifelnd blickte der König den Narren an. Die spitzen Lippen, das dünne Kinn, das gescheckte Wams, die Kappe aus Kälberfell; einmal hatte er ihn gefragt, warum er diesen Aufzug trage, ob er sich wohl als Tier verkleiden wolle, worauf der Narr geantwortet hatte: „O nein, als Mensch!“

Tyll von Daniel Kehlmann ist erschienen bei Rowohlt (ISBN  978-3-498-03567-9, 480 Seiten, 22,95 Euro).

 

 

Bücherwurmloch

„Die Welt lässt sich nicht retten. Aber einzelne Menschen schon“
Riva springt nicht mehr. Sie sitzt in ihrer Wohnung, sie ist apathisch, trainiert nicht und isst nicht. Das ist ein Problem, denn Riva ist als Hochhausspringerin an Verträge gebunden und muss funktionieren. Weil sie das nicht tut, zerbricht nicht nur ihr eigenes Leben – sondern auch das ihres Partners Aston und das einer völlig fremden Frau, die Riva nicht einmal kennt: Hitomi. Sie hat keinen Kontakt mit Riva und weiß trotzdem zu jeder Zeit, was die berühmte Sportlerin gerade macht: Von einem Büro aus überwacht Hitomi jede von Rivas Regungen. Es ist ihr Job, die Promi-Springerin aus ihrer Lethargie zu reißen, und sie hat dafür nicht viel Zeit. Unter immer größerem Druck, angetrieben von den Sponsoren und ihrem Chef, der Master genannt wird, versucht Hitomi das Unmögliche: einem Menschen nahe zu kommen, einem Menschen zu helfen, den sie nicht berühren, mit dem sie nicht einmal sprechen kann.

– Macht es dich nicht wütend, fragte sie, dass wir nichts selbst entscheiden können?
– Sie versuchen ja nur, unser Potenzial zu erkennen und zu fördern. Du kannst ja immer noch nein sagen.
– Wen kennst du, der schon mal nein gesagt hat?
– Aber sie zwingen dich nicht. Sie zeigen uns nur die bestmögliche Version unserer selbst, sagte ich.
– Bist du dir sicher?

Julia von Lucadou hat ein Zukunftsbuch geschrieben, das gar nicht so sehr Zukunft ist. Man möchte grinsen bei so manchem, was die Protagonisten tun, und doch gräbt das Grinsen sich nur halb ins Gesicht: weil es so real erscheint, nicht abwegig, sondern möglich, fast schon greifbar. In ihrem vielgelobten Roman kennt man seine Bio-Eltern nicht, wird permament überwacht und erhält für korrektes Verhalten credits, die man braucht, um eine Wohnung zu bekommen, einen Arbeitsplatz zu halten, Essen kaufen zu können. Man muss sich ausreichend bewegen, gesund ernähren und gute Bewertungen nach Dates bekommen, darf vom Arbeitgeber nicht kritisiert werden und sich keinen Fehltritt leisten. Sonst heißt es: raus aus der Stadt, ab ins Ghetto. Dort leben die, die es nicht geschafft haben, sich über ein Casting zu qualifizieren. Busweise werden die Ghetto-Kinder zu diesen Castings gekarrt, dort wird ausgesiebt, wer etwas taugt und wer nicht, und so weit weg von GNTM und DSDS ist die Vorstellung ja dann doch nicht.

„Es war eine der Grundüberzeugungen des Instituts, dass Persönlichkeit veränderbar war. Man müsse nur hart genug an sich arbeiten.“

Hitomi arbeitet hart, sie arbeitet bis zur Erschöpfung. Sie geht über sämtliche Grenzen und scheitert trotzdem, weil dies die wohl wichtigste Botschaft des Romans ist: Einer Welt, in der man nur etwas gilt, wenn man funktioniert und nach den Regeln spielt, kann man nur entkommen, indem man sich völlig verweigert – und das System verlässt. Großartig geschrieben, ich habe es atemlos verschlungen, starke Story.

Die Hochhausspringerin von Julia von Lucadou ist erschienen bei Hanser Berlin (ISBN 978-3-446-26039-9, 288 Seiten, 19 Euro).

 

 

Bücherwurmloch

„Of course, that is the problem with living things – they have a life span that cannot be exceeded“
Ruth Ozeki hat einen Roman geschrieben über Familie und Verlust, über zufällig entstandene Freundschaften, Kinderlosigkeit und die Unmöglichkeit zu verzeihen, über Gentechnik und Kartoffeln. Wie das alles zusammenpasst? Ja, gute Frage. Eine ihrer Hauptfiguren ist Yumi, Tochter eines amerikanischen Farmers und einer japanischen Mutter, die mit vierzehn Jahren von zuhause wegläuft. Jahrzehntelang kehrt sie nicht zurück – erst als der Ruf von Cass sie erreicht, die auf der Nachbarsfarm lebt, einst Yumis Freundin war und sich jetzt um Yumis alte, kranke Eltern kümmert, setzt Yumi aus Pflichtgefühl zum ersten Mal wieder Fuß auf heimatlichen Boden. Sie nimmt ihre drei Kinder mit, die alle einen anderen Vater haben, mit keinem davon lebt Yumi zusammen – sie ist auf den ersten Blick ein Freigeist, auf den zweiten Blick zutiefst kaputt. Sie kann keine Beziehung führen, sie ist ihren Kindern keine gute Mutter, als Freundin taugt sie wenig, und als Tochter kann sie nicht vergeben. Dann taucht auch noch Elliot Rhodes auf, der einst der Grund dafür war, dass Yumi und ihre Eltern sich entzweit haben. Der Konflikt bricht auf, die Familienstreitigkeiten entbrennen neu, und noch dazu geraten Yumi und Cass in den gefährlichen Streit zwischen Farmern, skrupellosen Gentechnikfirmen und Umweltschützern.

Ich habe beim Lesen von All over creation das Gefühl, dass dieses Buch zu viel will. Es ist alles in einem und alles nur halb: Familientwist und Anklage gegen die Zerstörung der Umwelt, Mutter-Kinder-Problematik und ungewollte Kinderlosigkeit, Liebesgeschichte, Emanzipation, eine Geschichte über schmierige PR, Lug und Trug, und dann gibt es auch noch Mord und Totschlag und ein Baby. Ruth Ozeki ist aber vielleicht eine Autorin, der ich das verzeihe. Während ich an vielen Stellen ziemlich genervt war von ihrem überladenen Roman, der mit der Hälfte der Ereignisse auch gut bedient gewesen wäre, haben mich an anderen Stellen die Gefühle, die sie so meisterhaft beschreibt, erreicht und angerührt. Ich mag ihren sorgfältigen Stil, ich mochte ihn schon bei A tale for the time being, das jedoch um Längen besser ist. Mit Yumi hatte ich zu kämpfen, weil sie eine instabile, unsympathische Protagonistin ist, der man ihr Gejammer irgendwann nicht mehr abkauft und deren Dilemmata wie aus einem SAT1-Film wirken. Was die Auseinandersetzung mit Gentechnik und der Zerstörung der Landschaft angeht, so merkt man Ruth Ozekis unbedingten Willen, den Lesern klarzumachen, wie viel Schaden hier angerichtet wird – sie hat viel recherchiert und will aufrütteln. Was ihr auch auf jeden Fall gelingt. Dennoch ist dies ein Roman, den ich euch nicht so dringend ans Herz legen würde – außer ihr interessiert euch sehr für Kartoffeln.

„You know how good-byes feel. How the air gets excited when all its ions and electrical charges are disrupted, first by the intent to leave and later by the leaving itself. Then, when the bodies move away through space, they create empty pockets where feelings get caught and eddy around in the vacuum, creating little vortices of relief or sadness or confusion.“

All over creation von Ruth Ozeki ist 2013 bei Canongate Books erschienen, bisher gibt es keine deutsche Übersetzung.

Bücherwurmloch

„Lebensphilosophie steht als einziges Wort zweimal auf meiner schwierigen Wörterliste“
Eine Annonce soll Hubert aufgeben, um endlich eine Frau zu finden. Der Meinung ist jedenfalls seine Mutter, Hubert dagegen findet alles gut so, wie es ist. Er arbeitet bei der Post.

„Das heißt, ich muss früh aufstehen und habe den ganzen Nachmittag Feierabend.“

Schön wäre, wenn er dann angeln gehen könnte, aber stattdessen muss er seiner Mutter helfen. Der Sommer ist nämlich da, und sie vermietet Zimmer 1, 2 und 3. Mehr Zimmer gibt es nicht im kleinen Haus, und die Gäste sind jedes Jahr die gleichen, Hubert kennt sie alle. Besonders Vera gefällt ihm, das ist die Frau von Herrn Olbricht. Hubert beobachtet sie und die anderen Paare, und in seiner schlichten Art erzählt er von ihnen, von der Mutter, von der Annonce, der Frau, die dann kommt – und von dem Unglück, das über ihn hereinbricht.

Barbara Handke hat ein wunderbar sanftes Buch über einen jungen Mann geschrieben, der ein wenig aus der Welt gefallen ist. Ich möchte keines der abwertenden Eigenschaftswörter benutzen, um ihn zu beschreiben, auch keine Euphemismen, Hubert ist einfach ein wenig langsamer. Doch er ist ein Hinschauer, er ist ein Spürer. Er denkt vor sich hin, er liebt seine Routine. Er hätte es gut im Leben, ließen die anderen ihn einfach in Ruhe. Aber so sind die Menschen, das können sie nicht, sie wollen ihn antreiben, verbessern, normaler machen – zu seinem eigenen Besten, versteht sich.

Sommergäste ist ein kleines, feines, intelligentes Buch, das sich ganz und gar einem besonderen Menschen widmet. Es liegt in der Natur der Sache, dass es ein paar eher zähe Stellen hat, weil die Autorin durch Huberts Erzählsicht eingeschränkt ist und stets in seiner einfachen Sprache bleiben muss – doch das alles gelingt ihr so hervorragend, dass ihre Figur absolut glaubwürdig ist und außerdem recht liebenswert. Ich habe mit Hubert den Kopf geschüttelt, mich mit ihm geärgert und mit ihm gelacht. Eine sehr liebevolle Erzählung, die zum Nachdenken über das Anderssein anregt.

Sommergäste von Barbara Handke ist erschienen bei Edition Überland (ISBN 978-3-948049-01-0, 144 Seiten, 18,50 Euro).

Bücherwurmloch

„In solchen Zeiten muss man wohl immer im Kopf behalten, dass die Hetero-Welt nichts für ihren Mangel an Fantasie kann“
Sie sind schrill. Sie sind laut und bunt und selbstbewusst. Sie sind queer und schwul und trans, sie sind schön. Joseph Cassara erzählt von New York 1980, von Glamour und Armut und Stolz und Tod, er hat ein Buch geschrieben über die LGBTQ-Ballroomszene, die damals im Kommen war, über Ausgrenzung und Verrat, über Gewalt und glitzernde Outfits. Vor allem aber hat er ein Buch geschrieben über die Liebe.

„Aber es ist ja nicht so, als hätten wir nur genug Liebe für einen Menschen in uns. Man kann im Laufe der Zeit mehrere Menschen lieben. Wenn du mich fragst, finde ich, jede Liebe fühlt sich anders an, sieht anders aus, klingt anders.“

Aus der Sicht verschiedener Protagonisten – darunter Angel, die man als Hauptcharakter des Romans bezeichnen könnte – schildert er das Leben in einer Subkultur, in der die schillernden Dragqueens ihre eigenen Regeln erschaffen. Sie lassen sich nicht kleinkriegen.

„Also sage ich immer: Wenn dich die Welt eine Schlampe nennt, spreiz die Beine und vögle und genieße es.“

Sie halten Bälle ab, treten beim sogenannten Voguing gegeneinander an und verteilen Shade. Sie gründen Häuser, denen sie exaltierte Namen geben, sie nehmen junge Männer von der Straße auf und kümmern sich umeinander, sie sind Familien – weil sie keine eigenen Familien mehr haben. Und das ist wichtig, weil sie sich stets in Gefahr befinden:

„Denn es gibt Queens, die kommen her und glauben, sie sind die Größten, weil wir ihnen einen Pokal gegeben haben, aber was kommt dann? Sie gehen nach Hause, und irgendwelche Schwulenhasser prügeln die Scheiße aus ihnen raus? Bitte. Das ist offenkundig nicht ganz ideal.“

Etwas seltsam ist, dass Joseph Cassara sich realer Personen für seinen fiktiven Roman bedient hat – Menschen, die nicht mehr leben und die nicht ihre Erlaubnis geben konnten. Auch vom echten Haus Xtravaganza, das tatsächlich existiert, hat er keine Zustimmung erhalten, dass er über sie schreiben darf – weil er gar nicht gefragt und mit den Mitgliedern des Hauses nicht einmal gesprochen hat. Das hat ihm Kritik eingebracht, es hat auch dazu geführt, dass der Verlag den Titel der deutschen Ausgabe ändern musste. Ich kann es nicht nachvollziehen, weil er ja ganz einfach erfundene Namen und fiktive Charaktere hätte verwenden können, das hätte der Geschichte keinen Abbruch getan. Aus Interesse habe ich im Anschluss an das Buch einige Artikel gelesen, außerdem hab ich mir die Doku „Paris is burning“ angesehen sowie einige Folgen der Serie „Pose“. Wenn ihr mehr über die Ballroom-Szene erfahren wollt, kann ich euch das nur empfehlen.

Auch Angel wird im Buch eine Hausmutter, leider aber nicht mit ihrer großen Liebe Hector. Denn bevor es dazu kommt, stirbt Hector an HIV. Das Virus, das wie ein Schlächter in der Szene wütet, dem sie nichts entgegenzusetzen haben, weil sie nicht wissen, was es ist, bringt sie nacheinander um.

„Die Leute starben wie die Fliegen, nicht durch Gewalt oder Hass, sondern an diesem Virus. Gott. Es war abscheulich. Natürlich hatten wir alle Angst. Todesangst, um Himmels willen.“

Und doch: Solange sie noch am Leben sind, tanzen sie. Sie feiern, sie lachen, sie nähen Kostüme, sie liefern sich spektakuläre Wettkämpfe, sie prostituieren sich, sie lieben.

„Nichts konnte ihnen etwas anhaben. Sie waren lauter als die Liebe. Die Liebe war so laut, dass sie sie nicht einmal mehr hören konnten. Sie konnten sie nur sehen, wie ein Licht, das vorwärtsströmte und sich einen Dreck darum scherte, was sich ihm in den Weg stellte. Da waren sie, er und sein Mann, Hand in Hand, so laut, dass man sie nur noch leuchten sah.“

Das Haus der unfassbar Schönen von Joseph Cassara ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (ISBN 978-3-462-31925-5, 448 Seiten, 19,99 Euro).

 

Bücherwurmloch

„Sie fürchtet nicht die Männer, sondern das Alleinsein“
Von außen betrachtet, ist es ein gutes Leben, das Adèle führt: Sie arbeitet bei einer Zeitung, ihr Mann ist Arzt, sie wohnen in einem schicken Viertel in Paris und haben einen süßen Sohn. Adèle ist aber nicht zufrieden und glücklich schon gar nicht, sie hätte gern mehr. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Bestätigung, mehr Sinn, mehr Sex. Sie schläft wahllos mit Männern, auch ungeschützt, sie tut es nicht unbedingt aus Gründen der Geilheit, sondern für den Egokick. Der aber nie so richtig einsetzt, der aber immer zu klein bleibt, weshalb sie erneut danach suchen muss. Es ist ein Spiel, freilich ist es das, Adèle ist die Jägerin und gleichzeitig die Beute. Sie möchte frei durch die Nacht treiben, tun können, was immer sie will, gleichzeitig wünscht sie sich, getragen zu werden, einen Anker zu haben. Sie ist rastlos, ruhelos, sie hasst die Menschen, die Welt, am meisten sich selbst. In die Mutterrolle kann sie sich nicht einfinden, nicht so, wie die Gesellschaft es von den Frauen verlangt, die aufgehen sollen darin.

„Lucien ist eine Last, eine Verpflichtung, an die sie sich einfach nicht gewöhnen kann. Adèle könnte nicht sagen, wo im Knäuel ihrer Gefühle sich die Liebe zu ihrem Sohn verbirgt. Irgendwo zwischen der Panik, ihn anderen anvertrauen zu müssen, der Gereiztheit, wenn sie ihn anzieht, der Erschöpfung, wenn sie seinen störrischen Buggy eine Steigung hochschiebt. Sie hat keinen Zweifel daran, dass die Liebe da ist. Eine unbeholfene Liebe, Opfer des Alltags. Eine Liebe, die keine Zeit für sich findet.“

Leïla Slimani hat ein Buch geschrieben, das als radikal und provokativ bezeichnet wird. In Wahrheit ist es einfach nur ehrlich. Es beschreibt Frauen, wie Frauen nun mal sind – nur wollte das in der Vergangenheit niemand hören. Es gäbe viele Bücher dieser Art, nur wollte sie auch niemand publizieren. Jetzt sind die Zeiten anders, jetzt mögen wir den Aufschrei, er ist medienwirksam und verkauft sich gut. Aber sagen wir doch, wie es ist: Frauen ficken herum, so what. Sie tun Dinge, die offiziell nur Männer tun, und davon überrascht zu sein, ist inzwischen bloß noch langweilig. Get over it! Sie sind deshalb nicht zerrissen, wie man so gern sagt, sie sind auch nicht innerlich leer, niemand würde das je über einen Mann sagen. Leïla Slimanis Roman dagegen ist alles andere als langweilig, er ist sehr gut. Weil die französische Autorin mit marokkanischen Wurzeln, die bereits mit ihrem Bestseller Dann schlaf auch du international die Leser begeistert hat, prägnant und gefühlsgenau schreibt. Sie hat keine Angst vor dem Unbequemen, und das macht ihre Bücher so messerscharf.

Noch besser, radikaler und interessanter hätte ich es gefunden, wenn Leïla Slimani bei Adèle geblieben wäre, die Geschichte aus ihrer Sicht zu Ende gebracht hätte. Wenn sie nicht die klassischen Gründe und Ausflüchte aufs Tapet gebracht hätte – eine schwierige Kindheit, eine lieblose Mutter – und wenn sie nicht gekippt wäre in die 08/15-Erklärung, dass eine Frau, die mit so vielen Männern schläft, natürlich krank sein und nach Heilung streben muss. Das hat der intensiven Geschichte in meinen Augen einen Dämpfer verpasst, aber ich weiß, das sieht nicht jeder so – in anderen Besprechungen war die Rede davon, wie großartig der Wechsel sei und wie nachvollziehbar die psychologischen Hintergründe. Adèle ist mit Sicherheit eine Protagonistin, mit der man sich nicht identifizieren kann oder will, und deshalb ist All das zu verlieren das Gegenteil von Wohlfühlliteratur. Was es in meinen Augen umso lesenswerter macht.

All das zu verlieren von Leïla Slimani ist erschienen bei Luchterhand (ISBN 978-3-630-87553-8, 225 Seiten, 22 Euro).

Bücherwurmloch

Stellt euch vor, jemand würde euch von einem Alptraum erzählen, den er hatte. Da sei eine Krankheit ausgebrochen, würde er sagen, ein Virus, Ebola, ausgelöst durch eine Suppe, die in einem Flüchtlingsheim gekocht und serviert wurde, ein Hundebein und ein Frauenfuß seien angeschwemmt worden am Seeufer, und außerdem habe es da noch Vampire gegeben. Vampirmädchen, um genau zu sein, die in einem Horrorfilm mitspielten, eh klar, und dann sei da noch was gewesen mit lesbischem Sex, aber … hm, daran kann sich der Träumende nicht mehr erinnern. Vermutlich würdet ihr lachen, denn ein Alptraum ist nun einmal verrückt, nicht wahr, keiner kann sich erklären, was da wirklich abläuft im Kopf, und vielleicht würdet ihr euch fragen, was ihr bitte für Leute kennt, die sowas träumen, und genau so ist es, Monster von Kurt Palm zu lesen.

Der österreichische Autor, der für den großartig verfilmten Bestseller Bad Fucking verantwortlich ist, hat mal wieder so richtig auf die Kacke gehauen, und ich bewundere ihn dafür, dass ihm alles wurscht ist. Trash as trash can, scheint sein Motto zu sein, und während man sich noch denkt: Also, Kurt, das kannst du doch jetzt nicht machen, wird einem schon klar: Der Kurt, der kann das. Der tut, was er will, und auf irgendwelche Regeln pfeift er sowieso. Er erzählt auch nicht alles fertig – wenn er keine Lust mehr hat, lässt er eine Figur verschwinden oder einen Handlungsstrang einfach auslaufen. Seine Charaktere beschreibt er gnadenlos direkt:

„Der Investor Alexander Prix war eine Drecksau vor dem Herrn.“

„Mit seinem rotkarierten Stofftaschentusch wischte er sich die Tränen aus den Augen. Dabei blieben ein paar Rotzreste an seinen buschigen Augenbrauen hängen. Bei näherer Betrachtung hätte man allerdings bemerkt, dass es sich bei der Substanz nicht um Rotz, sondern um Spermien handelte. Wie jeden Morgen hatte Gstöttner heimlich auf dem Hochstand in sein Taschentuch onaniert und mit seinem Gegrunze das ganze Wild verscheucht. Nur ein paar Wildschweine waren angetrabt gekommen, weil sie dachten, ein Artgenosse hätte etwas Interessantes entdeckt.“

Sehr österreichisch ist das, ein bisserl vulgär und deswegen lustig. Wie überhaupt das ganze Buch, bei dem man immer wieder, so grausig die Ereignisse auch sein mögen, lachen muss:

„Hans Gstöttner stand in seiner Jägertracht vor dem Gratis-Badetuch des Let’s-do-it-Fachmarkts Krautschneider und Eberhard, auf dem der abgetrennte Frauenfuß und das Hundebein lagen. Gertrude Pixner wusste, dass sie das Badetuch nie wieder verwenden würde. Ein paar Schmeißfliegen hatten sich auf den Frauenfuß gesetzt, um dort ihre Eier abzulegen. Das Stillleben sah aus wie die Werbung für ein veganes Restaurant.“

Ich kann mir nicht helfen, ich hab bei der Beschreibung das Bild sofort haargenau vor Augen. Es ist bissig, dieses Buch, es ist politisch, es ist grotesk. Und auch wenn ich mit diesen Augen immer mal wieder gerollt habe, weil es halt schon unglaubwürdig ist, was da so passiert in diesem Alptraum, weil es gestört ist und keinen Sinn ergibt, hat Monster mich sehr gut unterhalten. Ich hatte Spaß beim Lesen, das passiert mir ja eher selten, und ein bisserl Ehrfurcht auch: Einmal so wild schreiben wie der Kurt, einmal so mit allen Erwartungen brechen und richtig die Sau rauslassen.

„Drehen jetzt alle durch? Ein Monsterfisch, der wahllos Leute tötet. Ein Millionär, der einem Ritualmord zum Opfer fällt. Zwei russisches Statistinnen, die vermisst werden. Eine Innenministerin, die auf mysteriöse Weise verschwindet. Wer denkt sich denn sowas aus?“

Tja nun.

Monster von Kurt Palm ist erschienen bei Deuticke (ISBN 978-3-552-06394-5, 304 Seiten, 21 Euro).