Netter Versuch: 2 Sterne

Langer Bart, weiße Kutte, Oliven als Opfergabe: A. J. Jacobs is back
A. J. Jacobs ist ein Freak. Wer das noch nicht weiß, erfährt es spätestens beim Satz “Tonight I invited a Jehovah’s Witness into my home.” Sein erstes Buch handelt davon, wie er in einem Jahr die gesamte Encyclopedia Britannica gelesen hat. Und nun berichtet er von dem Jahr, in dem er streng nach der Bibel gelebt hat. Witzig gleich zu Beginn: Auf der ersten Seite sieht man die wundersame Wandlung des Normalo-Jacobs zum Jesus-Jacobs mit Terroristenbart. Der Typ hat echt einen Schatten.

In einem sehr genauen, täglichen Bericht gibt Jacobs zu Protokoll, was er aus der Bibel – im ersten halben Jahr aus dem Alten, im zweiten halben Jahr aus dem Neuen Testament – erfährt und wie er versucht, das in seinem modernen New Yorker Alltag umzusetzen. Das sieht dann so aus, dass Jacobs im Stadtpark Menschen mit Kieselsteinen steinigt, dass er Gott Oliven opfert und die Amish besucht. Man muss diesem Psycho zugute halten, dass er sich ernsthaft mit den verschiedenen Interpretationen der Bibel auseinandersetzt – er besucht Rabbis und Betgruppen, spricht mit einem Zeugen Jehovahs und reist sogar nach Isreal. Währenddessen plagt sich seine Frau Julie nicht nur mit einem zweijährigen Sohn und einer Schwangerschaft, sondern auch einem verrückten Ehemann, der eine Kutte trägt und sie nicht berührt, wenn sie unrein ist.

Stellenweise ist The year of living biblically wirklich sehr amüsant, stellenweise aber auch öde und langweilig. Während ich bei Britannica & ich den zusätzlichen Wissensgewinn sehr geschätzt habe, bietet die Bibel mir – die ich sieben Jahre ministriert habe – keine neuen Erkenntnisse. Interessant ist, zu sehen, wie Jacobs – während er sich mit dem Opium fürs Volk beschäftigt – selbst in eine Art Rausch gerät. So ist dieses Protokoll eines Wahnsinnigen zwar originell, man muss es aber definitiv nicht gelesen haben.

Netter Versuch: 2 Sterne

Ein Debüt mit Schwachstellen
Benedict Wells ist jung, zum Zeitpunkt seines Erstlings war er 23, und schnell stilisiert die Verlagswelt einen solchen Autor zum literarischen Wunderkind. Aber: literarisches Wunderkind my ass. Wells erster Roman über einen alternden, gescheiterten Musiker, der sich als Lehrer verdingt, und ein junges, unselbstständiges Musikgenie hat gute Ansätze – aber leider auch einige Schwächen. Für mich lassen besonders Sprache und Stil zu wünschen übrig. Ich mag die Idee des Buchs, die Gegenüberstellung von zwei Personen, von denen jeweils der andere hat oder bekommt, wonach der eine strebt, auch das Vorhaben, das Porträt eines frustrierten Enddreißigers zu zeichnen, finde ich gut.

Was die Formulierungen betrifft, so kann sich Wells meiner Meinung nach nicht aus der Mittelmäßigkeit herausheben. Schon auf Seite 111 muss ich den Satz lesen “Er fühlte sich leer und ausgebrannt”. Und ich will diesen abgeschmackten, inhaltslosen Satz nicht lesen, niemals, er sollte in keinem Buch mehr vorkommen, das ist in meinen Augen unterste Schublade. Auch mit der Grammatik scheint es zumindest stellenweise nicht so zu klappen, oder warum heißt es “Beck holte einen Lappen und wischte den Thunfischbatzen ärgerlich weg” und nicht “verärgert”? Ja, ich bin kleinlich, ich weiß es, aber in den Momenten, in denen ich das lese, wird mir ganz heiß und ich würde das Buch sehr gerne mit einem Knall zu Boden fallen lassen. Wenn ich mich nicht immer genötigt fühlen würde, weiterzulesen.

So gehen dann also der Deutsch- und Musiklehrer Beck, das musikalische Genie Rauli und der drogensüchtige Deutschafrikaner auf eine Reise, sie fahren mit einem gelben VW quer durch Europa nach Istanbul und erleben dabei so allerhand Action. Der Roadtrip kommt für meinen Geschmack viel zu spät im Buch, bis es endlich losgeht, zieht es sich ganz schön. Auch wird davor, währenddessen und danach viel philosophiert, über das Leben, die Liebe, die Musik. Das soll rasant sein, ich finde es aber leider einschläfernd. Dass der Autor sich als Ich-Erzähler selbst einmischt, mag originell sein, mir gefällt es aber – ganz subjektiv – nicht. Immerhin ist das Ende halbwegs stimmig.

Was also bleibt zu sagen? Vielleicht nur so viel:
“Wegen der ungefähr fünfzig Seiten, die mich als notgeilen Idioten dastehen lassen, der sich zu den Fotos seiner minderjährigen Schülerinnen einen runterholt und seine Kollegen hasst.”
“Ach, das ist nur Literatur.”
Achja.

Netter Versuch: 2 Sterne

Das Leben in Italien spielt sich in der Bar ab
Meine Freundin aus Mailand hat mir dieses Buch zum Geburtstag geschenkt – und obwohl ich grundsätzlich keine Kurzgeschichten mag, finde ich es gar nicht unangenehm, in einer Fremdsprache welche zu lesen, hier kommt mir das Kurze natürlich weniger zugute, weil es weniger kompliziert ist.

Was kommt alles in einer italienischen Bar vor? Der Fernseher, auf dem Sport läuft, das Kind, das Eis kaufen will, ein Telefon, ein schmieriger Kellner, ein betrunkener alter Mann und ein Flipper-Automat … Sie alle verpackt Stefano Benni in witzige und absurde Geschichten rund um den Alltag in einer italienischen Bar, in der sich das halbe Leben der Menschen abspielt. Es geht um Liebe, um Alkohol, um die kleinen Freuden und um Freundschaften. Dabei bedient sich der Autor liebend gern des Stilmittels der Übertreibung und lässt den Leser mehrmals schmunzeln.

Wenn man schon öfter in Italien war und sich in den landestypischen Bars und Cafés ein bisschen umgesehen hat, wird man in den abstrusen Geschichten von Bar Sport so manches Detail wiederentdecken. Gleichzeitig gilt aber der Umkehrschluss: Für jeden, der nicht weiß, dass die Italiener in ihren Bars frühstücken, fernsehen, sich verlieben und leben, wird dieses Buch eher verwirrend und weniger witzig sein. Es gibt aber auch zahlreiche Stories, die sich nicht in einer Bar abspielen, sondern in ganz Italien – und die genauso grotesk sind. Nette Unterhaltung für zwischendurch!

Netter Versuch: 2 Sterne

Bobo fürn Popo
Ich lese regelmäßig donnerstags die Kolumne von Frau Dusl in den Salzburger Nachrichten – im Kartoffeldruckblatt, wie sie es nennt – Korrektur, und da hat es mich ja doch interessiert, was sie denn so schreibt in ihrem Buch. Ich dachte nämlich, es handle sich um einen Roman. Ist aber nicht so. Vielmehr besteht Boboville aus aneinandergereihten Geschichten, Gedankenfetzen, vielen langen Komposita und manchen Einsichten in die Herzen der Bobovillains. Es ist ein bisschen wie ein Buch mit Kurzgeschichten. Und ich mag keine Kurzgeschichten.

Am Anfang bin ich ganz dabei, mir gefällt die originelle, metaphernumrankte Beschreibung Wiens, der Gassen, des Bonbongeschäfts, des Dusl’schen Kindergemüts. Vor allem, als ich das Wort Stollwerck lese, bin ich begeistert, auch mir hat das klebrigsüßbraune Karamellzuckerlstück 20 Jahre später die Pappn zusammengeklebt im Kindergarten bei den Nonnen. Leider aber bleibt Frau Dusl nicht bei ihren schönen, bemerkens- und lesenswerten Kindheitserinnerungen, sondern marschiert drauflos, hinein in die Intelligenzelite Wiens, wo Glavinic, Kehlmann und Maurer einander die Klinke in die Hand geben, Namedropping vielleicht, interessante Geschichten leider nicht. Es gibt keinen roten Faden, keine zusammenhängende Handlung – und ich bin in solchen Fällen ein sehr heikler Leser, ich will nicht hin und her springen und verwirrt sein, ich will an nachvollziehbaren Ereignissen zu einem halbwegs befriedigenden Schluss geführt werden. Und dann passiert es: Ich bin gelangweilt. Ich will nicht wissen, was Frau Dusl im Fernsehen sieht und auch nicht, was sie darüber denkt. Auch dass sie eine Gitarrenleidenschaft hat, mit einer Frau schläft, auf einer Dachterrasse koshere Würstchen grillt und keine Handys mag – es interessiert mich alles nicht.

Eine Wohltat für meine durch die Koppelungs-Wut der Menschen und Redakteure geschundene Korrektorenseele sind die vielen elendslangen Komposita, dafür und für das Stollwerck gibt es je einen Punkt. Der Rest ist in meinen Augen kaum lesenswert, Frau Dusl hat sich viele Urteile gebildet über Bobovillains und Nichtbobovillains, ich dagegen lebte gern urteilsfrei, vor allem frei vom Urteil anderer. Für nichtösterreichische Leser dürfte einiges noch dazu nicht so leicht zu verstehen sein.

Netter Versuch: 2 Sterne

Die Begeisterung ist schnell geschwunden
Ich ziehe schon einmal den Schutzpanzer an, den ich auch für Die Straße und Die Vermessung der Welt trage: Bücher, die weltweit bekannt sind, die begeisterte Kritiken abräumen, die Leser ohne Ende finden – und die mir nicht gefallen. Jetzt ist es raus. Schimpft nur los! Ich weiß doch, dass es ein Bestseller ist. Aber es ist ja nicht so, als würde ich mich nicht bemühen. Im Gegenteil! Auf den ersten 50 Seiten war ich von Die Entdeckung der Langsamkeit regelrecht begeistert. Der Autor erzählt sehr feinsinnig, sehr detailreich vom Innenleben eines Kindes, das langsamer ist als alle anderen und dagegen ankämpft. In einer ganz wunderbaren Sprache zieht er den Leser hinein in die Gefühlswelt von John. Das ist sehr lesenswert.

Und dann passiert das, was immer passiert: Kaum wird das Kind erwachsen, gehen Fantasie und Sprachzauber verloren. Der Leser hat keinen Einblick mehr in John, nein, aus ihm wird Franklin, und die Geschichte wird seltsam distanziert und blutleer. Ich kann mich nicht mehr hineinfinden in diesen Protagonisten, der mir zuvor noch so ans Herz gewachsen ist. Plötzlich wandelt sich das Buch von einer sehr liebevollen, weisen Erzählung hin zu einem langweiligen, öden Reisebericht, eine Expedition da, eine andere dort, am Nordpol frieren sie, man glaubt es kaum. Während Kindheit und Schulzeit diese Faszination des Besonderen ausstrahlen, sind gerade jene Zeiten im Leben Franklins, die ihm Ruhm und Anerkennung gebracht haben, einfach nur fad beschrieben. Mehrmals muss ich mich daran hindern, nicht einfach einige Seiten zu überspringen.

Vielleicht bin ich schneller enttäuscht als andere Leser, vielleicht bin ich intoleranter. Was auch immer der Grund sein mag: Spätestens nach der Hälfte hat Die Entdeckung der Langsamkeit mich unendlich gelangweilt. Was ich extrem schade finde, gerade, wo es doch so gut angefangen hat. Das ist eine Wende, die man erst einmal verdauen muss. Deshalb nur Mundwinkel-nach-unten-verzogene 2 Punkte.

Netter Versuch: 2 Sterne

Es fehlt der Schwung des argentinischen Tanzes
Das Leben hat mich schon oft gelehrt, dass es selten gut ist, das zweite Buch eines Autors zu lesen, dessen Erstling mir sehr gefallen hat … aber ich höre ja oft nicht hin. Nachdem Mister Pip für mich eines der besten Bücher 2008 war, habe ich mich heuer an das zweite Buch von Lloyd Jones gewagt. Und: Ja, es war ganz gut. Aber: Nein, es kann nicht mit Mister Pip mithalten. Die Frage ist natürlich, ob ich Here at the end of the world we learn to dance mehr gemocht hätte ohne den Vergleich. Doch das werden wir nie erfahren.

Das Ende der Welt, an dem getanzt wird, ist eine Höhle am Meer, wo die junge Louise sich gemeinsam mit dem Klavierstimmer Schmidt sowie Billy und Henry versteckt hält. Es ist Krieg, Billy und Henry wollen nicht eingezogen werden, Louise und Schmidt wurden verfolgt, weil man Schmidt für einen Deutschen hielt. Um sich die öde Zeit in der Höhle zu vertreiben, tanzen die vier: Schmidt bringt ihnen Tango bei. Sie leben nur noch für die Abende und das Tanzen, es hält sie aufrecht. Viele Jahre später erzählt uns der Tellerwäscher Lionel aus seiner Sicht die Geschichte: Er arbeitet im Restaurant von Rosa, Schmidts Tochter. Bald verbindet die beiden mehr als ein Arbeitsverhältnis: Sie tanzen gemeinsam Tango.

Die beiden parallel laufenden Handlungsstränge in Gegenwart und Vergangenheit sind beide für sich interessant. Jones springt mir jedoch zu viel hin und her und wählt mit dem Ich-Erzähler Lionel eine Figur, die einfach viel zu weit außerhalb der Geschichte steht. Für mich werden Louise und Schmidt nicht greifbar, viel weniger als Lionel und Rosa – die mich jedoch nicht so faszinieren. Es scheint, als wolle der Autor die Handlung von allen möglichen Seiten aufrollen – ich finde das verwirrend und unnötig. Mir fehlt außerdem die Glut, die ich mit argentinischem Tango verbinde, in der Geschichte und im Schreibstil.

Netter Versuch: 2 Sterne

Über einen Menschen, der auf der Intensivstation liegt
Übersetzt bedeutet der Titel so viel wie “Was träumen die roten Fische”, wobei diese “roten Fische” Menschen sind, die bewegungs- und sprechunfähig auf der Intensivstation liegen. So wie Pierluigi Tunesi, 45 Jahre alt und beruflich erfolgreich, eine Frau, eine Tochter, der nach einer Operation – er hatte einen Tumor in der Lunge – zur “Nummer sieben” auf der Intensiv geworden ist. Abwechselnd erzählen er und der Arzt Luca Gaobardi in der Ich-Perspektive vom Umgang mit dem nahenden Tod.

Venturino hält sich – wie viele italienische Schriftsteller – nicht lang auf mit Konventionen und Gepflogenheiten, er erzählt recht schonungslos vom Leben, das kaum noch ein Leben ist: Abgeschoben und von den Ärzten als “unglücklicher Fall” abgehakt, liegt Tunesi in seinem Bett, er kann nicht reden und sich nicht bewegen, er kann nur denken und sich erinnern. Er ist verzweifelt, am Ende, er quält sich mit unrealistischen Hoffnungen und macht sich Vorwürfe, weil er seine Frau und seine Tochter im Stich lässt. Gaobardi dagegen hat damit zu kämpfen, dass er dem Tod Tag für Tag ins Auge sehen muss und ihn nicht aufhalten kann. Gut gelungen sind die Beschreibungen der kleinen krankenhausinternen Sticheleien und Intrigen.

Cosa sognano i pesci rossi war mein erstes Klobuch – es hat sich dafür bestens geeignet, ich habe jedoch Monate gebraucht, um es endlich zu Ende zu bringen. Was auch daran liegt, dass es mich nie so fesseln konnte, dass ich es von seinem Dasein als Klobuch befreit hätte. Zwar finde ich Stil und Geschichte durchaus interessant, im Endeffekt lässt das Buch aber – was in der Natur seines Protagonisten liegt – an Handlung zu wünschen übrig. Es passiert halt recht wenig – es kann ja auch kaum was passieren. Tunesi kann nur darauf warten, dass er endlich stirbt. Das ist ganz schön deprimierend – und konfrontiert den Leser mit unangenehmen Vorstellungen. Immerhin dafür gibt es zwei Punkte.

Netter Versuch: 2 Sterne

So verwirrend wie ein Traum
Russell Hoban hat ein Buch über das Träumen geschrieben – über das Klarträumen, das Hineinziehen anderer Menschen mit dem eigenen Traum. Genau das tut nämlich Amaryllis, sie zieht den Maler Peter in ihren Traum von einem Bus aus Papier, in den er nicht einsteigen will. Dann – als wäre es kein Zufall – treffen sie sich im wirklichen Leben. Und das ist genauso absurd und surreal wie das Leben im Traum. Haben die beiden eine Liebesbeziehung? Was genau will Amaryllis eigentlich von Peter? Man weiß es nicht. Dass die beiden außerdem nicht von träumen sprechen, sondern von flübben, hat etwas sehr eigenartig Kindliches.

Ich bin mir bei diesem Autor auch am Ende des Romans nicht sicher, ob ich ihn mag oder ob er mich unheimlich nervt. Mir gefallen einige seiner schönen, feinsinnigen Metaphern, andere finde ich zu verstiegen – so hat etwa Amaryllis einen “präraffaelitischen Gang”, der mehrmals erwähnt wird. Dieses Buch zu lesen, ist so ähnlich, wie früher Dawson’s Creek zu schauen, wo man sich ständig fragen musste: Wer um alles in der Welt redet so?! Hoban lässt Amaryllis Sätze aussprechen wie: “Wir wollen doch nicht gleich unsere ganze Vergangeneit ausbreiten, Peter, okay? Lassen wir sie lieber im Laufe der Zeit allmählich aufgehen wie Wasserblumen.” Ja. Genau. Das sage ich auch ständig!

Ich kann aber nicht umhin, dem Roman Originalität zuzusprechen – ein für mich sehr wichtiges Kriterium. Man weiß bei diesem Autor nie, woran man ist, was im nächsten Kapitel passiert – und warum. Auf dieses Buch muss man sich einlassen wie auf einen Traum, den man nicht beeinflussen und vielleicht auch nicht verstehen kann. Was mich persönlich aber nicht gerade zufriedenstellt.

Netter Versuch: 2 Sterne

Warum müssen Protagonisten erwachsen werden?
Es ist ein Phänomen, das ich schon öfter beobachtet habe: Bücher, die mit einem Kind als Hauptdarsteller beginnen und dieses Kind dann erwachsen werden lassen, verlieren ihren Zauber. Das ist auch beim vorliegenden Roman der Fall: Die erste Hälfte ist gar wunderbar, voller liebevoller Sprachbilder. Der 9-jährige Giovanni erzählt vom Leben in einer italienischen Kleinstadt, in der die Männer sich jeden Tag in der Pasticceria Francese treffen und ohne Worte kommunizieren, in der Menschen verschwinden und Familien in Gefahr sind. Wir schreiben die 70er Jahre, es geht um die Mafia, es geht um die richtigen Freunde , um Schweigen und Ehre. Das alles schildert der kleine Giovanni durch seine Augen – er bewundert seinen Vater, einen korrupten Polizisten, und ärgert sich über seine Mutter, die “hys-te-risch” ist. Er liebt seinen Farbfernseher und amerikanische Serien, er mag Bonbons, aber er hört und sieht vieles, das ihm unheimlich erscheint.

Und dann gibt es diesen Bruch. Knapp nach der Hälfte ist Giovanni plötzlich erwachsen oder zumindest 16, was sich nur aus Randbemerkungen erkennen lässt, die Zeiten haben sich geändert, der Ton des Buches auch. Bereits zuvor blieb vieles ungesagt und daher unklar, nun wird das jedoch zu einem echten Problem – man kann den Ereignissen teilweise nicht mehr ganz folgen. Eine zweite Familie des Vaters taucht aus dem Nichts auf und es zeichnet sich ein Drama ab. Das ist verwirrend. Ich kann diesem erwachsenen Giovanni nichts mehr abgewinnen, im Kontrast zum kindlich-naiven Erzählen wirkt sein Blick nun abgestumpft, gelangweilt, desinteressiert. Seine Gefühle werden nicht mehr deutlich, es scheint, als hätte er keine – und das, wo gerade sein Leben völlig zerbricht. Gerade nach diesem vielversprechenden Anfang ist die zweite Hälfte des Buchs extrem enttäuschend. Ich wünsche mir nicht unbedingt, dass alle immer Kinder bleiben und nie erwachsen werden. Ich wünschte mir nur, dass ein Autor es schaffen würde, auch bei einem erwachsenen Erzähler den detailgenauen und lesenswerten Stil aufrechtzuerhalten.

Netter Versuch: 2 Sterne

Einzelne, lesenswerte Fragmente – aber kein fertiger Roman
Michael Ondaatje ist bekannt für seinen englischen Patienten, aber auch Divisadero wurde von Heidenreich & Co. über die Maßen gelobt. Jetzt, nachdem ich es gelesen habe, frage ich mich allerdings, warum. Von Anfang an irritiert mich, dass der Autor so oft von einer Perspektive zur nächsten springt – und zwar auch, was den Ich-Erzähler betrifft, dieser ist sicher fünf Mal jemand anderes. Einmal ist das Ich Anna, von der ich zu Beginn dachte, sie wäre die Protagonistin, dann ist das Ich der Schriftsteller Lucien Sagura, zu Annas Lebzeiten längst tot, auf dessen Spuren sie in Frankreich wandelt.

Die Ausgangssituation ist ein Ereignis vor vielen Jahren: Die 16-jährige Anna verliebt sich in Coop, der Vater trennt die beiden auf brutale Weise. Wir folgen dann Anna, ihrer Schwester Claire und Coop für kurze Episoden auf ihrem weiteren Weg, alles bleibt jedoch merkwürdig schemenhaft und distanziert. Ondaatja entwirft Skizzen seiner Charaktere, richtig greifbar werden sie nicht. Eine Rolle spielen auch Lucien und Annas französischer Liebhaber Rafael, mit Lucien gehen wir zurück in seine eigene Vergangenheit, zu seiner ersten Liebe, zum Krieg. Dies alles hat mit Anna, Claire und Coop aber nichts mehr zu tun … und hängt auch nicht mit ihrer Geschichte zusammen.

Ich bin womöglich ein äußerst unflexibler Leser. Aber mehrmals in einem Buch mit einem Ich-Erzähler konfrontiert zu sein, von dem ich zuerst nicht weiß, wer zur Hölle er diesmal ist, gefällt mir nicht. Überhaupt erscheint mir der ganze Roman wie ein unfertiger, unausgegorener Entwurf für ein Epos, das nie geschrieben wurde. Das Ende lässt mich extrem unzufrieden zurück – alles, was mich an der Geschichte interessiert hätte, wurde angeschnitten, aber nicht richtig thematisiert. Wie hängen die einzelnen Erzählstränge zusammen? Warum gibt es keine Auflösung? Was ist der Kern der Erzählung, was will sie mir sagen, wohin soll sie mich bringen? Dieser Roman ist wie ein Episodenfilm. Das kann man mögen – mir fehlt jedoch die zusammenhängende Handlung.
Obwohl Ondaatje gut schreiben kann, schöne Sprachbilder entwirft und einige Passagen sehr lesenswert sind, ist Divisadero insgesamt eine Enttäuschung.