Für Gourmets: 5 Sterne

„The art of saumensching“
„Saumensch, dreckigs“ wird Liesl von ihrer Pflegemutter genannt – aber das ist nicht so böse gemeint, wie es klingt. Denn eigentlich hat Liesl es gut bei ihren Pflegeeltern in der Nähe von München. Jede Nacht lässt ein Traum sie aufschrecken – und ihr Pflegevater Hans ist immer da, um ihr beizustehen. Alles könnte gut sein – wären das nicht die Jahre ab 1938, in denen es finster wurde in Deutschland. Liesl lernt die Liebe zu Büchern kennen, Freundschaft und Toleranz – aber auch Ausgrenzung, Hass und den Tod. Dieser ist ihr stets näher, als sie ahnt … denn er ist es, der uns Liesls Geschichte erzählt.

Wenn jemand stirbt, kommt der Tod, um ihn zu holen, und er sieht dabei Farben. Vorsichtig nimmt er die Seele mit sich. Während die Nazis in Europa wüten, hat er alle Hände voll zu tun. „The bombs were coming – and so was I.“ Und es lässt ihn nicht kalt, was in dieser Zeit geschieht: „For me, the sky was the colour of Jews.“ Er macht sich Gedanken, der Tod, Gedanken über das Sterben und über die Menschen. Er tut dies auf eine sehr distanzierte und herrlich sarkastische Weise: „Proof again of the contradictory human being. So much good, so much evil. Just add water.“

Über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust zu schreiben, ist schwer – denn man hat das Gefühl, dass darüber schon unendlich viel erzählt wurde. Markus Zusak nähert sich dem Thema auf originelle und mutige Weise: Den Tod von dieser düsteren Zeit berichten zu lassen, ist ein genialer Schachzug. Es gelingt ihm, eine neue Sicht zu eröffnen auf das Schicksal der Menschen, er nähert sich den Ereignissen ein wenig zynisch, aber nie ohne Herz. Er gibt dem Tod Gefühle, er vermenschlicht ihn – und wird dennoch nie kitschig. The Book Thief ist so berührend und traurig, dass ich an einer Stelle tatsächlich nicht mehr anders konnte als zu weinen. Und doch ist es ein Buch, das lächeln macht, das den Humor durchglitzern lässt durch alles Leid. Wunderbar sind die kurzen, in einer anderen Schrift gesetzten Einschübe und die gezeichneten kleinen Geschichten. Besonders erwähnenswert sind auch die vielen deutschen Ausdrücke in der englischen Version – wer kann, sollte den Roman unbedingt im Original lesen, das macht noch viel mehr Spaß.

The Book Thief ist ein Buch, das wehtut, das sich nach innen bohrt. „Imagine smiling after a slap in the face. Then think of doing it twenty-four hours a day. That was the business of hiding a Jew.“ LESEN!!!

Für Gourmets: 5 Sterne

In jeder Hinsicht eine Überraschung
Edward Carey hat schon zwei Romane veröffentlicht und ist dennoch unbekannt. Einer davon, nämlich Alva & Irva, wurde auf Deutsch im kleinen, feinen Münchner Verlag liebeskind publiziert und geriet in meine Finger. Zum Glück! Denn die fantasievolle, skurrile und berührende Geschichte hat mich begeistert. Alva und Irva sind Zwillinge, die einander gleichen innen und außen. Sie sind so eng miteinander verbunden, dass sie sich nicht trennen können, nicht einmal für einen Augenblick, und dass sie keinen Zugang finden zu den anderen Menschen. Als sie heranwachsen, stellt sich allerdings heraus, dass das Bedürfnis, am Geschehen in der Außenwelt teilzunehmen, ungleich zwischen den Zwillingsschwestern verteilt ist: Die extrovertierte Alva hat alles abbekommen, die introvertierte Irva nichts. Als sie beginnen, die Stadt Entralla, in der sie leben, aus Plastilin nachzubauen, ist das von Vorteil: Alva erkundet die Stadt, Irva bildet sie zu Hause ab. „Alvairvalla ist eine Stadt aus Plastilin und daher sehr geduldig.“ Doch um sich von Irva zu unterscheiden, greift Alva zu radikalen Methoden. Und die Risse zwischen den beiden gehen einher mit noch viel größeren Rissen in der Stadt …

Als Leser wandert man durch dieses Buch wie ein Tourist durch eine Stadt. Zu jedem Kapitelanfang gibt es eine Einführung mit Foto zu einem Gebäude von Entralla, Hinweise auf Öffnungszeiten und Rabatte vervollständigen den Eindruck eines Reiseführers. Dann folgt die Erzählung aus Alvas Sicht. Das ist originell und bringt mir den Spaß am Lesen zurück, den ich allzu oft verliere. Die Sprache von Edward Carey ist hinreißend, gefühlvoll, ausufernd und meisterhaft. Er beschreibt zwei Mädchen, die verrückt und schrullig sind, einsam und doch nie allein. Sie scheren sich nicht um Konventionen, sondern nur um sich selbst. Sie werfen einen staunenden und befremdlichen Blick auf andere. „Unser Vater, Waisenjunge Linas, gehörte zu den Menschen, die wissen, was Leiden bedeutet. Der Schrei eines gestürzten Kindes, ein alter Mann, der um jeden Atemzug kämpft, die Courage, die eine fette Frau täglich aufbringen muss, um sich zu setzen: Die Traurigkeit all dieser Dinge raubte ihm den Schlaf.“ Die Zwillinge können nicht in Interaktion treten mit der Welt, sie formen sie und bilden sie nach aus Plastilin. „Man weiß, daß man die Sprache des Plasitilins fließend beherrscht, wenn man sich zu fragen beginnt: Rieche ich nach Plastilin oder riecht das Plastilin nach mir?“

Alva & Irva ist ein ungewöhnliches, ein böses, witziges, unterhaltsames und völlig absurdes Buch. Es ragt heraus aus der Masse und wird mir in Erinnerung bleiben. Wenn es sich irgendwo auftreiben lässt – unbedingt zugreifen!

Für Gourmets: 5 Sterne

Von der Hilflosigkeit der Menschen
Zwei Juden in Afghanistan – dass dieses Buch ein trauriges sein wird, das ist von Anfang an klar. Alfred und Simon sind die letzten beiden Juden in Kabul, und sie können einander nicht ausstehen. Da es aber immer noch besser ist, mit jemandem, den man nicht mag, den Shabbat zu feiern, als allein, sehen sie einander regelmäßig. Natürlich steckt hinter dem vermeintlichen Hass aufeinander nichts anderes als Brüderlichkeit, doch keiner der beiden mag es zugeben. Sie führen ein unbehelligtes Dasein als Nachbarn in der Chicken Street. Doch dann braucht Naema, ein junges afghanisches Mädchen, Alfreds Hilfe: Sie hat sich in einen amerikanischen Journalisten, Peter, der längst zurück in Amerika ist, verliebt und erwartet ein Kind von ihm. Als unverheiratete Frau in diesem unfreien Land bedeutet das für Naema nichts anderes als das Todesurteil.

Erzählt wird diese einzigartige Geschichte von Simon, und er sagt uns gleich im ersten Satz, dass Alfred tot ist. Ich mag das und halte es für einen genialen Schachzug der jungen Amanda Sthers, das Unausweichliche vorwegzunehmen, denn der Roman wäre ansonsten zu vorhersehbar geworden. Dass diese Geschichte niemals gut ausgehen kann, verrät das Setting, denn in Afghanistan gibt es keine Happy Ends, nicht für Frauen, nicht für Juden. In kurzen, sehr reinen Sätzen beschreibt die Autorin eine Begebenheit in einem von Fanatikern beherrschten Land, wie sie sich mit Sicherheit in Tausenden Fällen tatsächlich abgespielt hat. Warum also ein Buch lesen, bei dem man von Vornherein weiß, dass es bedrückend sein wird? Weil es so wunderbar, kraftvoll und hervorragend erzählt ist. Während mich die Romane, die ich lese, viel zu oft kalt lassen, berührt dieser mich so sehr, dass ich mir wünsche, ich könnte hineingreifen in die Handlung und das Unvermeidbare vermeiden, die Figuren warnen, mich beteiligen. Das Schicksal hält die Charaktere – Alfred und Simon, Naema, Peter und seine Frau Jenny – fest im Griff, zerbricht sie ohne Weiteres.

Sprachlich gesehen ist Die Geisterstraße sehr reduziert, was mir extrem gut gefällt: Ich habe ohnehin keine Geduld und keine Nerven mehr für ausschweifenden Firlefanz. Amanda Sthers Sätze sind prägnant und sie treffen genau. Sie reiht sich ein neben Milena Agus und Per Petterson, die sich beide einen Platz in meinem Bücherwurmherzen erschrieben haben. Dies ist ein schönes, trauriges, schmerzhaftes Buch, in dem kein Wort zu viel und keins zu wenig ist, und was ungesagt bleibt, dröhnt nur umso lauter. Gut gelungen ist die Konzentration auf die „falschen“ Details: Dass Alfred sein Freund ist, sagt Simon nie, viel lieber unterhalten sie sich über Simons bunte, polierte Cowboystiefel. Das ist unpathetisch, authentisch, bewegend. Ich kann diesen Roman nicht weglegen und lese ihn weit nach Mitternacht zu Ende, was für mich eine absolute Ausnahme ist. Aber die ungewöhnlichen Formulierungen sind einfach zu schön: „Sein Körper hatte wie wild um sein Herz herum geklopft“, heißt es beispielsweise und: „Man konnte fühlen, dass sein Inneres mit Finsternis ausgekleidet war.“ Lesen.

Für Gourmets: 5 Sterne

„Ein Mann mag weit reisen, aber sein Herz hält nicht Schritt“
Lev ist 43 Jahre alt und Witwer. Seine Frau Marina ist mit nur 36 Jahren gestorben. Im Sägewerk von Baryn in der Ukraine gibt es keine Arbeit mehr für ihn – alle Bäume wurden abgeholzt. Um seine Mutter Ina und seine fünfjährige Tochter Maya versorgen zu können, bricht er auf nach London. Auf der Reise lernt er Lydia kennen, die in England als Übersetzerin arbeiten will und ihm hilft, dort Fuß zu fassen. In der Fremde Londons ist Lev so einsam, dass ihm alles wehtut. Aber er hat Glück, er findet einen Job als Tellerwäscher und ein Zimmer bei Klempner Christy, der wegen seiner Alkoholsucht seine Frau und seine Tochter Frankie verloren hat. Ständig denkt Lev an seinen besten Freund Rudi, einen Draufgänger und Witzbold, der dem Leben so viel abringt wie möglich. Lev arbeitet wie verrückt, um Geld nach hause schicken zu können. Und er findet eine neue Liebe … Doch damit ist noch lange nicht alles zu Ende: Denn es kommt in der Arbeit und in der Liebe anders als erwartet. Und als ihn aus Baryn schlechte Nachrichten erreichen, muss Lev sich etwas einfallen lassen, um Rudi, Maya, seiner Mutter und sich selbst eine Zukunft bieten zu können.

Der weite Weg nach hause ist die Geschichte eines „Ausländers“, der sich in einem fremden Land ausbeuten lassen muss, damit seine Familie eine Chance hat, der geschlagen und verachtet wird und dem sein Zuhause fehlt. Er ist ganz unten, er ist in der Gesellschaft nichts wert. In London begegnen Lev aber auch hilfsbereite Menschen, die in ihm keinen „Asylantenabschaum“ sehen und ihn unterstützen. Lev ist ein sanfter, geduldiger Mann, der aber – was sehr sympathisch und menschlich ist – auch nicht alles richtig macht und sich aus Verzweiflung und Wut zu schockierenden Handlungen hinreißen lässt. Die Autorin hat mit ihm einen authentischen Protagonisten geschaffen, dem ich glaube, was er erlebt und fühlt. Die Erzählung plätschert angenehm dahin – und nimmt jedes Mal, wenn ich denke, ich könnte die nächsten Ereignisse vorhersehen, eine überraschende Wendung. Die Protagonisten tun immer etwas, womit ich nicht gerechnet habe. Und das mag ich. Ebenso mag ich, wie Rose Tremain mit einfachen, klaren Worten diese Geschichte erzählt, die das Leben abbildet, das viele Menschen in der Fremde führen. Noch mehr mag ich das Ende, an dem sich alles gut, aber unkitschig zusammenfügt und das mich zufrieden zurücklässt. Der weite Weg nach hause ist ein schönes, melancholisches, stimmiges Buch, an dem ich ganz einfach nichts auszusetzen habe.

Für Gourmets: 5 Sterne

Einen „uralten Akkord der Zärtlichkeit“ …
… schlägt Zoli auch in mir an. Dass dies ein trauriges Buch ist, sagt einem sofort der Inhalt: Es geht um die Roma. Ich weiß wenig über dieses geächtete, vertriebene und zu Tode geprügelte Volk – aber in Zoli wird es lebendig, seine Sitten, Gesetze und Erlebnisse werden greifbar. Man muss schon ein Herz aus Stein haben, um von diesem Buch nicht getroffen zu werden: In einer eindrucksvollen Sprache mit herrlich schönen Metaphern beschreibt Colum McCann, wie das junge Zigeunermädchen Zoli zur Frau und – weil sie versucht, ihrem Volk eine Stimme zu geben – ausgestoßen und verflucht wird. Die Befehlshaber wechseln – von den Hlinka-Gardisten und Nazis zu den Kommunisten – doch die Situation für die Roma bleibt immer gleich: Sie gelten als Lügner und Diebe, als schmutzig und dumm, sie sind unerwünscht und verhasst. „Es gab natürlich keine Radiosendung in Romani“, sagt die junge Zoli, „nicht einmal für eine halbe Stunde, und so erfuhren wir nicht, was mit unserem Volk geschah.“ Zoli hat auf der Welt nur noch ihren Großvater, einen rauen, sturen Mann, und ihre Verwandten im Geiste, das fahrende Volk. Sie wächst in einem alten, wunderschön geschnitzten Wagen auf, sie näht sich nach alter Tradition Münzen ins Haar, sie wäscht sich in fließenden Gewässern und ernährt sich von dem, was sie findet. Und sie singt. Sie singt die alten Lieder eines Volks, dem der Tod stets auf den Fersen ist.

Erzählt wird diese starke, wilde Geschichte von Zoli selbst, vom jungen Engländer Swann, der in den frühen Sechzigerjahren in die Slowakei kommt und maßgeblich daran beteiligt ist, dass Zoli für immer von den Zigeunern verstoßen wird, sowie von einem Journalisten, der im Jahr 2003 auf Zolis Spuren wandelt. Überraschend dabei ist, dass Colum McCann Zoli sowohl in der ersten Person berichten lässt als auch in der dritten Person über sie schreibt. Während mich dieser Perspektivenwechsel zuerst irritiert hat, scheint er mir am Ende plötzlich logisch und wichtig: Es ist, als würde sie aus der Distanz von etwas erzählen, bei dem sie sich so fühlt, als hätte jemand anderes es erlebt – denn sie ist diese Person nicht mehr. Zoli ist ein Buch mit einer nicht (ganz) linearen Handlungskette,  ein mutiges, stolzes, anklagendes Buch, das doch niemals wehleidig wird. „Lass die Menschen vier verschiedene Meinungen über dich haben“, sagt Zoli, „und alle falsch sein.“

Zoli zu lesen, tut weh. Colum McCann hat ausgezeichnet recherchiert und erweckt die zum Leben, die tot sind: in ihren Gesten und in ihrem Lachen, in ihrem Anderssein. Mit Zolis Stimme verurteilt er alle, die intolerant und grausam sind. Er spielt mit Klischees, aber er zeichnet nicht in Schwarz und Weiß: Auch die Roma haben in seinem Buch ihre schlechten Seiten. Sein Stil ist dabei beeindruckend scharf und gleichzeitig verspielt, durchsetzt mit grandiosen Sprachbildern wie „Elena, eine Polin mit Haaren so schwarz wie ein Fingerabdruck“. Meisterhaft gelungen ist das Ende, das mich versöhnt, aber dennoch wehmütig zurücklässt. Ein schmerzhafter, großartiger, unvergesslicher Roman – vielleicht nicht „das perfekte Buch“, aber zumindest eins der wenigen, die ich nicht vergessen werde.

Lieblingszitat: Es gibt ein altes Roma-Lied, in dem es heißt, dass wir anderen Menschen kleine Teile unseres Herzens geben, und je weiter wir im Leben voranschreiten, desto weniger vom Herzen bleibt für uns selbst, bis schließlich nicht mehr genug da ist. Man nennt es Reise, man nennt es auch Tod, und weil es uns allen so ergeht, gibt es nichts Gewöhnlicheres als das.

Für Gourmets: 5 Sterne

„Ein Märchen aus heutiger Zeit“, sagen die Kritiker …
… und sie haben recht: In ihrer fantastisch leichten, verspielten Sprache schafft es Milena Agus mit Die Flügel meines Vaters, mir ein Gefühl zu vermitteln wie damals als Kind, als alle Geschichten noch spannend und neu waren und ich nicht genug bekommen konnte von den Fantasiewelten zwischen zwei Buchdeckeln. In diesem Roman entführt die Schriftstellerin den willigen Leser nach Sardinien, an einen kleinen, verlorenen Küstenort, den Tourismusbosse gern in ein 08/15-Feriendorf verwandeln würden. Die Dorfbewohner sind einverstanden – die Pläne scheitern jedoch an der Madame, die das Grundstück besitzt, das zwischen den anderen liegt und ans Meer führt. Sie will nicht verkaufen, sie will nicht reich werden. Sie liebt das Leben auf der Insel und hat ein kleines, schwer erreichbares Hotel. Die Nachbarn halten sie für verrückt – bis auf eine Familie, zu der die 14-jährige Ich-Erzählerin gehört. Sie und ihr Großvater sind Freunde der Madame, die so genannt wird, weil das Französische ihr gefällt, und die trotz ihrer wilden Locken und ihrer gutmütigen Art keinen Mann findet. Die Liebe fehlt in ihrem Leben, und deshalb versucht sie es mit Magie – denn ohne Magie „ist das Leben nur ein einziger großer Schrecken“.

Mit Die Frau im Mond hat Milena Agus mir Appettit gemacht – mit Die Flügel meines Vaters hat sie mich begeistert. Es handelt sich dabei um ein schmales Büchlein von gerade mal 157 Seiten, das einen – leider nur – für ein paar Stunden ins duftende Sardinien bringt. Ihre Sprache ist anmutig, sie tanzt beim Beschreiben, sie ist märchenhaft – aber mit viel Lebensweisheit und niemals oberflächlich. In kurzen Kapiteln, die selbst wie kleine, feine Geschichten sind, beleuchtet die Ich-Erzählerin eine ungewöhnliche Frau, die in ihrer Art so unverständlich und zugleich so liebenswert ist. Vor Sex und derben Szenen schreckt sie dabei genauso wenig zurück wie vor Andeutungen auf Gespenster, Erscheinungen und Magie. Das alles wirkt authentisch für die raue Insel und die abergläubische Mentalität ihrer Bewohner, die so unberechenbar sind. Schön ist, dass man bei Milena Agus nie weiß, was passieren wird – nur, dass es etwas Originelles, Schönes oder Trauriges und immer sehr, sehr Lesenswertes sein wird. Ein zauberhaftes Buch.

Für Gourmets: 5 Sterne

Wunderbare Literatur hört auf den Namen Per Petterson
Ich hab’s gar nicht mit Lieblingsbüchern und Lieblingsautoren. Aber hätte ich einen liebsten Autor, es wäre Per Petterson. Er gehört zu den wenigen Schriftstellern, bei denen ich zur Wiederholungstäterin werde. Umso größer meine Freudeals sein neuestes Buch Ich verfluche den Fluss der Zeit unterm Christbaum lag. Und: Es ist so wunderbar, wie ich es erwartet habe. Nach Im Kielwasser, dem Roman, indem Petterson eine Vater-Sohn-Beziehung durchleuchtet hat, kehren wir zurück zur Hauptfigur Arvid: Nur steht dieses Mal seine Mutter im Mittelpunkt. Als sie die Diagnose Krebs erhält, bricht sie als gebürtige Dänin sofort auf in das Ferienhaus der Familie nach Dänemark – mitten im Winter. Und Arvid reist ihr nach.

Per Petterson findet die richtigen Worte für alles, was ungesagt bleibt. Und das ist zwischen Arvid, den seine bevorstehende Scheidung unendlich schmerzt, und seiner Mutter, die diesen ihrer vier Söhne für schwach und wehleidig hält, viel. Ich verfluche den Fluss der Zeit, dessen Titel aus einem Gedich von Mao stammt, ist ein melancholisches Buch mit wenig Handlung, aber umso mehr Inhalt. In Rückblenden erfahren wir, warum Arvid so sehr davon gequält wird, dass seine Frau ihn nicht mehr mag, warum die Konflikte zwischen ihm und der Mutter entstanden sind und wie sich sein Alltag als praktizierender Kommunist in den letzten Jahren gestaltet hat.

Per Pettersons Bücher sind für mich ein Phänomen: Denn ich kann es nicht ausstehen, wenn in einem Roman so wenig passiert. Aber der Norweger entwickelt mit seiner sagenhaft schönen Sprache einen Sog, dem ich mich nicht entziehen kann. Ein großes Lob soll an dieser Stelle auch für die hervorragende Übersetzung ausgesprochen werden. Dabei benutzt er keine pathetischen, großen Worte, vielmehr konzentriert er sich auf das Kleine, webt es zusammen zu einem Netz aus Literatur, die man nicht vergessen kann. Das Einzige, was an Pettersons Romanen schade ist, ist, dass sie so schnell ausgelesen sind und es so lange dauert, bis ein neuer erscheint. Ich hätte so gern noch weitergelesen.

Für Gourmets: 5 Sterne

Drei Leben, verbunden durch eine große Traurigkeit
Zsuzsa Bánk hat für ihr Erstlingswerk Der Schwimmer allerbeste Kritiken bekommen – zu Recht, wie ich finde. Ich-Erzählerin Kata ist noch ein junges Mädchen, als ihre Mutter die Familie verlässt und aus Ungarn flieht. Zusammen mit ihrem kleinen Bruder Isti und ihrem Vater Kálmán zieht Kata daraufhin ziellos durch das Land. Die drei kommen bei verschiedenen entfernten Verwandten unter, die sie mehr oder weniger gern aufnehmen. Sie freunden sich mit neuen Menschen an, sie lassen sich nieder – nur um erneut aufzubrechen. Am besten gefällt es ihnen in einem kleinen Ort am See, wo sie längere Zeit bleiben. Isti liebt das Schwimmen und beide hängen sehr an ihrer Cousine Virág. Die Kinder gehen nur sporadisch in die Schule, der Vater kümmert sich kaum um sie. Besonders Isti verliert sich immer mehr in einer anderen Welt, er hört, was gar kein Geräusch macht, und spricht nur wenig. Über die verschwundene Mutter redet niemand – und doch denken alle nur an sie.

Dieses wunderbare Buch ist durchtränkt von einer großen Traurigkeit. In einer unvergleichlich schönen Sprache erzählt Zsuzsa Bánk von drei einzelnen Menschen, die eine Familie sein sollen und doch keine sind, weil die Verbindungen zwischen ihnen durchtrennt wurden. Der Vater und seine beiden Kinder haben kein Zuhause mehr, weder innen noch außen. „Ich hatte das Gefühl“, sagt Kata, „Isti und ich, wir waren bloß zwei Zusätze, die an unserem Vater, an seinem Leben klebten und die er nicht mehr loswurde.“ Der erschütternde Schluss wirkt erst übermäßig tragisch, doch eigentlich kann ein solcher Roman gar nicht anders enden. Und obwohl so viel erzählt wird, ist Der Schwimmer ein Buch, das vom Ungesagten lebt, von den leisen Zwischentönen, von den Gefühlen. In der Mitte des Buchs erfährt man auch, was mit der Mutter von Kata und Isti geschehen ist, wohin es sie verschlagen hat. Hier kippt die Perspektive ins Schräge, weil die Ich-Erzählerin über die Worte ihrer Großmutter von ihrer Mutter berichtet – so detailreich, wie keine der beiden davon wissen kann. Das ist wunderbar, originell und schön zu lesen.

In Der Schwimmer steht weniger die Handlung und mehr die Sprache im Vordergrund. Zsuzsa Bánk bedient sich kleiner Begebenheiten, um ein großes Ganzes zu schildern. Der Ton ist entspannt und freundlich, der Inhalt traurig und melancholisch. Dies ist der Bericht von zwei Kindern, die anders sind, weil sie zerbrochen sind. Es geht um Verlassenwerden, um Familienbeziehungen, um das Kindsein und ums Schwimmen. Ein großartiges Buch.

Bücherwurmloch, Für Gourmets: 5 Sterne

41HwsZHEMWL__SL500_AA240_Meine sprachwissenschaftliche Diplomarbeit wurde soeben im VDM Verlag veröffentlicht.

Der Witz als Tabubruch. Eine linguistische Untersuchung im Sinnbezirk der Sexualität gibt es ab sofort in allen Onlineshops zu kaufen! Zum Beispiel bei Amazon.

Worum es geht? Um dreckige Witze, Tabus, Euphemismen, Humor und Sigmund Freud. Oder genauer gesagt:

Mummy, Mummy, the dog is fucking! Then look away! But it hurts!
Schockierend oder witzig? Es gibt Witze, die gehen unter die Gürtellinie und unter die Haut. Sie sind grausam, provokant, ekelhaft und abstoßend. Sie brechen Tabus. Nichts, aber auch wirklich gar nichts ist heilig, tabuisiert oder eklig genug, dass niemand sich darüber lustig macht. Es ist das Andere, das Extreme, das der Witz sucht: Im Bereich der Sexualität thematisiert er das Abartige wie Inzest, Pädophilie oder Nekrophilie. Wie aber ist das möglich? Wie kann es sein, dass der Witz zur Sprache bringt, was man nicht sagt ? Es erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich, dass der Witz Themen verlachen darf, über die wir nicht einmal sprechen. Was hinter dem dreckigen Lachen steckt, versucht dieses Buch aufzudecken: durch Einblicke in die Funktionsweise von Tabus und Euphemismen, die Erkenntnis, dass Humor und Lachen für den Menschen überlebensnotwendig sind, und schließlich durch die sprachwissenschaftliche Analyse tabubrechender Witze. Eine interessante Reise durch die Abgründe des menschlichen Humors.

Für Gourmets: 5 Sterne

EnrightEin Bruder hat sich umgebracht, da waren’s nur noch 11
Man stelle sich folgende Szene vor: Die Mutter öffnet einem die Tür und sagt “Hello Darling” – weil sie sich nicht an den Namen ihres Kindes erinnern kann. So geht es Veronica mit ihrer Mutter, die 12 Kinder geboren und 7 Fehlgeburten erlitten hat. Und Veronica kommt mit einer schlimmen Nachricht: Bruder Liam hat sich umgebracht.

Wie mit einem Skalpell seziert Anne Enright eine Familie, in der es so viele Mitglieder gibt, dass der Zusammenhalt alle überfordert. Die Beziehungen der Geschwister untereinander sind kompliziert und vielschichtig, alle haben sie ihre Schwierigkeiten im Leben. Veronica hat Liam von allen am meisten geliebt – und konnte ihn doch nicht retten. Sie will die Geschichte erzählen, die zu Liams Selbstmord geführt hat, und setzt sich mit schmerzhaften Erinnerungen auseinander. Das beschreibt Anne Enright mit so viel Einsicht und Klugheit, dass es beinahe weh tut. Sie ist in ihrer Figurenskizzierung so ehrlich, dass die Protagonisten so wirken, als könnte man sie anfassen. Dieses Buch ist richtig gut geschrieben, wartet mit interessanten Wendungen auf und geht mir noch lange nach der letzten Seite nicht aus dem Kopf. Ein Highlight.