Bücherwurmloch

Philipp Winkler: Carnival

„Dies ist ein letztes Hurra auf die Kirmes und die, die sie bevölkerten und lebendig machten“
Jahrmärkte, Kirmes, Rummelplätze: Sie waren einmal das Größte. Sie haben die Menschen fasziniert und begeistert, sie unterhalten, sie waren ihnen Vergnügen und Sehnsuchtsort. Wen hat es dorthin gezogen? Wer ist einen Tag lang geblieben und wer für immer? Was waren das für Leute, die dort gearbeitet haben? Philipp Winkler widmet ihnen diesen sehr schmalen kleinen Band von nicht ganz 120 sehr luftig gesetzten Seiten. „Wir“, das sind bei ihm die Kirmeser, die Schausteller, die Popcornverkäufer und Attraktionenaufbauer, „wir“, das sind alle, die auf dem Jahrmarkt geboren und aufgewachsen sind oder dort Zuflucht gefunden haben. Und „ihr“, das sind alle anderen. Die früher gern kamen, um sich das Geld aus der Tasche ziehen zu lassen, um gebrannte Mandeln zu essen und mit dem Riesenrad zu fahren. „Ihr“, das sind die, die heute lieber Netflix schauen und im Internet sind oder andere Möglichkeiten nutzen, sich die Zeit zu vertreiben. Das wilde Leben auf der Kirmes, es ist mehr oder weniger vorbei.

Schön ist er, der Ausflug, den dieses Buch darstellt. Ein kurzer, etwa einstündiger Spaziergang, vorbei an den Wagen und Fahrgeschäften, an Goldie, dem Alten Kuut und dem kleinen Pit, zu all diesen Leuten, die versuchen, sich irgendwie durchzuschlagen, die ein Leben ohne feste Heimat gewöhnt sind, eh nett, wie wir Österreicher sagen würden. Das ist alles gut zu lesen, aber ich vermisse natürlich eine Geschichte, ich vermisse eine Handlung. Immer wieder werden kurz Figuren vorgestellt, mehr nicht, und mir ist aufgefallen, dass momentan viele solche dünnen Bücher erscheinen, die mir gefallen (siehe auch „Land in Sicht“ von Ilona Hartmann oder „Hitze“ von Victor Jestin), mich aber unbefriedigt zurücklassen, wie ein Appetithäppchen, das nicht satt macht. Warum nicht mehr in die Tiefe gehen, warum keine Story ausarbeiten? Ich hätte das gern von Philipp Winkler gelesen, und zugetraut hätte ich es ihm auch.

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