Prost Mahlzeit: 1 Stern

Wie unheimlich nett ich 2004 noch war, zeigt sich daran, dass es kein Buch mit 0 Punkten in der Wertung gibt. Sagenhaft! Dabei habe ich – wie ich mich erinnere – in der U-Bahn auch unglaublich viel Schrott gelesen. Diese Bücher sind jedenfalls nicht zum Verzehr geeignet:

1. Ha Jin: The Crazed (völlig sinnlose Geschichte ohne Hand und Fuß)
2. Nicci French: Ein sicheres Haus (scheißverdammte Krimiphase)
3.  Malachy McCourt: Der Junge aus Limerick (Es reicht doch, wenn einer in der Familie schreibt!)
4. John Knowles: Ein anderer Frieden (bitte einfach ignorieren)

So, das war das Jahr 2004. Ich wundere mich gerade darüber, wie ich das literaturtechnisch halbwegs überleben konnte. Wobei es definitiv Spuren hinterlassen hat …

Geschmacklos: 0 Sterne

Gute Idee, schlechte Ausführung
Welcher Teufel hat mich geritten, als ich dieses Buch gekauft habe? Man sollte nicht auf andere hören, die einem was empfehlen. Und schon gar nicht sollte man den Klappentexten glauben: Ich weiß das, ich schreibe selbst ständig welche. Dieses Buch wird seinem Klappentext jedenfalls alles andere als gerecht. Bereits nach drei Seiten weiß ich, dass ich dieses Ding aus Papier mit Buchstaben drauf nicht mag. Und dass sich das bis zum Ende nicht ändern wird. Was also tun? Das Dilemma beginnt: So sehr es mich quält, ich schaffe es nicht, einen Roman wegzulegen. Nein, ich nehme eine stoische Haltung ein und lasse die Folter über mich ergehen. Völlig sinnlos! Ich sollte mir das endlich abgewöhnen.

Die Geschichte ist so unendlich langweilig, dass ich sie nicht einmal nacherzählen kann. In einem kleinen Dorf irgendwo an einem abgelegenen Ort, an dem es immer kalt ist, wird einer ermordet – und der Sohn einer Frau wird verdächtigt. Er ist verschwunden, sie will ihn suchen. Sie geht aber nicht allein und sie findet ihren Sohn, der gar nicht von ihr ist, auch sehr schnell. Spannung verflogen. Die Suche nach dem Mörder ist öde, nichts an der Geschichte interessiert mich – die Dialoge sind flach, die verschiedenen Charaktere spiegeln nichts wider. Ich kann mich nicht hineinfinden in dieses Buch – und will es sehr schnell auch gar nicht. Ich fange an, den Text, die Absätze, die Seiten zu überfliegen, und bin erleichtert, als es endlich vorbei ist. Langeweile pur, inhaltloses Geschwätz, nichts Neues, null Originalität und daher null Punkte.

Geschmacklos: 0 Sterne

Mit dem Buch, das mich 2008 am meisten enttäuscht hat, setze ich mich wahrscheinlich schon wieder in die Nesseln:

Simon Beckett: Die Chemie des Todes

Über alle Maßen gehypt, hat dieses Buch weder Spannung noch Inhalt noch ein schlüssiges Ende zu bieten. Wer so viele Krimis gelesen hat wie ich, durchschaut das Muster sehr schnell – und raucht vor Wut. Die Chemie des Todes ist extrem vorhersehbar, unwahrscheinlich schlecht geschrieben und einfach durch und durch grottig.

Geschmacklos: 0 Sterne

Was das Jahr 2007 an literarischem Müll für mich zu bieten hatte:

1. Stephen Fry: Das Nilpferd (schwerstens uninteressant)

Ganz schön wenig, nur eins. Das war wohl das Ich-hab-keine-Zeit-für-schlechte-Bücher-Jahr. Das sich jedes Jahr wiederholt.

Geschmacklos: 0 Sterne

Was das Jahr 2006 an Abscheulichem zu bieten hatte? Unter anderem vier Bücher:

1. Susan Hill: The various haunts of men (das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt wurde!)
2. Giorgio Scerbanenco: Der lombardische Kurier (unendlich dröge)
3. David Guterson: Östlich der Berge (eine Enttäuschung neben seinen anderen Werken)
4. Heleen van Royen: Göttin der Jagd (unterste Schublade)

Geschmacklos: 0 Sterne

Offensichtlich war ich 2005 schon ein bisschen kritischer als im Jahr davor. Immerhin drei Bücher haben es geschafft, ganze 0 Punkte zu bekommen, und zwar:

1. Martin Walser: Tod eines Kritikers (ha! so unendlich öde und uninteressant …)
2. Federica Bosca: Mi piaci da morire/Du gefällst mir zum Sterben (Die Chance, dass jemand dieses Buch in die Hände bekommt, ist zum Glück eh verschwindend gering.)
3. Alessandra Appiano: Domani ti perdono/Morgen vergebe ich dir (siehe eins weiter oben)

Für Gourmets: 5 Sterne

EnrightEin Bruder hat sich umgebracht, da waren’s nur noch 11
Man stelle sich folgende Szene vor: Die Mutter öffnet einem die Tür und sagt “Hello Darling” – weil sie sich nicht an den Namen ihres Kindes erinnern kann. So geht es Veronica mit ihrer Mutter, die 12 Kinder geboren und 7 Fehlgeburten erlitten hat. Und Veronica kommt mit einer schlimmen Nachricht: Bruder Liam hat sich umgebracht.

Wie mit einem Skalpell seziert Anne Enright eine Familie, in der es so viele Mitglieder gibt, dass der Zusammenhalt alle überfordert. Die Beziehungen der Geschwister untereinander sind kompliziert und vielschichtig, alle haben sie ihre Schwierigkeiten im Leben. Veronica hat Liam von allen am meisten geliebt – und konnte ihn doch nicht retten. Sie will die Geschichte erzählen, die zu Liams Selbstmord geführt hat, und setzt sich mit schmerzhaften Erinnerungen auseinander. Das beschreibt Anne Enright mit so viel Einsicht und Klugheit, dass es beinahe weh tut. Sie ist in ihrer Figurenskizzierung so ehrlich, dass die Protagonisten so wirken, als könnte man sie anfassen. Dieses Buch ist richtig gut geschrieben, wartet mit interessanten Wendungen auf und geht mir noch lange nach der letzten Seite nicht aus dem Kopf. Ein Highlight.

Für Gourmets: 5 Sterne

GiordanoÜber die Einsamkeit von Menschen, die einander nie berühren können
Die Italiener sind bekannt dafür, sehr melancholische, fast schon depressiv machende Bücher zu schreiben und zu lesen. Das trifft nicht immer meinen Geschmack. In diesem Fall aber passt es sehr genau – denn Paolo Giordano, jüngster Preisträger des renommierten Premio Strega ever, würzt die Realität in seinem Buch Die Einsamkeit der Primzahlen mit einer erträglichen und schmackhaften Prise Melancholie. Der Ton seines Romans ist ebenso traurig wie der seiner Schriftstellerkollegen – aber er schreibt dabei so anschaulich und glaubhaft, dass man Zugang findet zu seinen Protagonisten und mit ihnen mitleidet.

Alice und Mattia haben beide in jungem Alter etwas erlebt, das sie aus der Bahn des normalen Erwachsenwerdens geworfen hat, das sie abgeschnitten hat von sich selbst und das ihnen das Zusammensein mit anderen erschwert. Bei Alice war es ein Skiunfall, Mattia dagegen ist für das Verschwinden seiner Zwillingsschwester verantwortlich. Mit großen Zeitsprüngen zwischen den einzelnen Kapiteln erzählt Giordano davon, wie Alice und Mattia einander umkreisen, einander Halt geben und einander brauchen – ohne den Moment zu finden, in dem sie die unsichtbare Mauer zwischen ihnen überwinden könnten. Es ist ein schönes Bild, das Giordano zeichnet, jenes der Primzahlzwillinge, die sich immer nahe sind, einander aber nie berühren können.

Unverkrampft und ohne die jungen Autoren oft eigene Coolness erzählt Giordano von zwei zerstörten Individuen und gibt seinem Roman ein Ende, das wohl unausweichlich ist, das ich mir aber dennoch anders gewünscht hätte. Er findet wundervolle, unbeugsame Metaphern und passt sich sprachlich an die traurigen Ereignisse an. Das ist Melancholie in ihrer schönsten Form. Fünf Punkte.

Für Gourmets: 5 Sterne

AppelfeldEin nachdenkliches, kluges Buch über das Schicksal der Juden
Ich hab lang überlegt, ob ich mir Elternland zu Gemüte führen soll – denn, ich gebe es zu, der Gedanke “schon wieder ein Buch über das Schicksal der Juden” zu lesen, hat mich abgeschreckt. Nun aber bin ich froh, dass ich es doch gewagt habe. Denn auch wenn Elternland “schon wieder ein Buch über das Schicksal der Juden” ist, so beleuchtet es das Leid der Juden im Zweiten Weltkrieg doch von einer mir bisher verborgenen und daher recht interessanten Seite: in einem winzigen Dorf am Ende der Welt von Polen. Hier leben einfache Bauern, die sich früher das Dorf mit vielen Juden geteilt haben. Davon ist kein einziger mehr übrig.

Jakob ist in Tel Aviv aufgewachsen und hat nie Zugang zu seinen Eltern gefunden – als sie gestorben sind, hat er all ihre Besitztümer verschenkt und ihren Stoffladen in ein modernes Bekleidungsgeschäft umgewandelt. Er ist unglücklich verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Der Wunsch, das Heimatdorf seiner Eltern kennenzulernen, in dem sie nur knapp überlebt haben, überfällt ihn eines Tages mit einer solchen Macht, dass er losfährt: nach Schidowze im Nirgendwo von Polen. Dort findet Jakob viel über seine Eltern, über sich selbst, über das Schicksal der Juden, die ermordet wurden, und den Hass unter Menschen heraus. Seine Weggefährtin ist dabei die aufrichtige, vom Leben gezeichnete, liebevolle Magda, bei der er unterkommt und die seine Familie als Kind kannte.

Wie Jakob durch Schidowze und damit nicht nur durch eine grausame Vergangenheit, sondern auch eine nach wie vor antisemitische Gegenwart wandert, das ist berührend, es macht nachdenklich und traurig, gleichzeitig aber ist allen Sätzen eine gewisse Lebensfreude anzumerken. Aharon Appelfeld ist es geradezu meisterhaft gelungen, sich in seinen Protagonisten einzufühlen, in den Juden, der so wenig weiß von seinen Vorfahren, der nicht religiös ist und doch den typischen Vorurteilen gegenübersteht – auch nach so vielen Jahren. Ich bewundere es, dass er dabei nie offen anklagt, sondern lächelnd den Kopf schüttelt über die Dummheit der Menschen. Appelfelds Sprache ist schräg, er benutzt merkwürdige Metaphern und lässt seine Figuren kurze, lebensschlaue Sätze sagen, die für sich genommen in einem Lexikon stehen könnten, so klug sind sie. Natürlich redet niemand so, und ich bin hier für gewöhnlich sehr kritisch. Ich mag es auch nicht, wenn Menschen in Büchern ständig wirre Träume haben. Und doch – Elternland hat mich sehr fasziniert, interessiert, begeistert und gefesselt. Unbedingt empfehlenswert!

Lieblingszitat: Ein Ort zeigt einem Menschen nichts als das, was er dahin mitbringt.

Für Gourmets: 5 Sterne

PettersonEin Mann, der am Leben scheitert
Per Pettersons Buch Pferde stehlen war eins der besten, die ich im letzten Jahr gelesen habe. Es geht darin um die Beziehung zwischen Vater und Sohn – und dies scheint das zentrale Thema von Petterson zu sein, denn auch Im Kielwasser handelt davon. Arvid, 43 Jahre alt und mehr oder weniger erfolgreich als Schriftsteller, setzt sich 6 Jahre nach dem Unfalltod seines Vaters (und seiner Mutter sowie seiner zwei jüngeren Brüder) mit den Erinnerungen an ihn auseinander. Es geht ihm nicht gut, er ist müde, verwirrt, er ist, wie er selbst sagt, fort von der Welt. Da gibt es vieles, das ihm zu schaffen macht, seine Kindheit, seine Scheidung, sein älterer Bruder, der (unfreiwillig) noch am Leben, dem er aber nicht genug ist.

Im Kielwasser ist ein sehr melancholisches Buch über einen dominanten Vater und einen am Leben scheiternden Sohn. Wie bei Pferde stehlen (das mir noch ein bisschen besser gefallen hat) fasziniert mich weniger die spärliche Handlung als mehr Pettersons eindringliche Sprache, die Arvids Gefühle derart präzise auf den Punkt bringt. In Pettersons Büchern ist kein Wort zu viel – aber auch keines zu wenig. Wie Arvid gegen die Erinnerungen und die Einsamkeit kämpft, beschreibt Petterson lebensklug, mit einem traurigen Lächeln in den Mundwinkeln. Im Kielwasser wirkt auf mich mehr wie eine Erzählung, ein Fragment aus dem Leben von Arvid – das ist etwas, was ich für gewöhnlich nicht leiden kann. Ich will in einem Roman eine ausgefeilte Erzählstruktur und eine gut überlegte Handlung haben. Doch hier, ich kann nicht anders, gefällt es mir, das Herausgerissene, das Offenbleibende. Fünf Punkte daher für diese beeindruckende Sogwirkung von Pettersons Sprache. Sehr lesenswert.

Lieblingszitat: Noch war keiner geschieden, keiner war tot, wir fuhren mit der Fähre, wie wir es immer getan hatten, und schliefen in einer Nacht, die wir kannten.