Bücherwurmloch

14523272_1342675139083457_197248595740756655_nPhase zwei: Das Lesen der ausgewählten Manuskripte
So viele! So gute! So mutige Leute! Ich bin ehrlich erstaunt. Wir haben wesentlich mehr Einsendungen bekommen, als ich gedacht habe, und sie waren wesentlich besser, als ich befürchtet habe. 252 Schreibende haben sich getraut, beim Blogbuster mitzumachen und ihre Werke, die sie mit ihrem Herzblut geschrieben haben, unseren kritischen Augen auszusetzen. Das muss man erst einmal wagen, und davor habe ich viel Respekt. Ich weiß selbst, wie hart es ist, kritisiert zu werden. Vielen Dank an die 26 Autoren in spe, die mir ihre Manuskripte haben zukommen lassen.

Ich hab alle Leseproben sorgfältig durchgesehen, mich durch so manches wirre Exposé gekämpft (ein solches zu schreiben, ist aber auch wirklich schwierig) und bin letzten Endes bei der Entscheidung geblieben, die ich schon nach dem ersten Schwung getroffen hatte: Zu den drei Manuskripten, die ich damals ausgewählt hatte, sind zwei weitere gekommen. Alle fünf Autoren haben mir bereits ihre Manuskripte zugeschickt, die ich nun bis Ende Februar lesen werde. Ich habe selbst noch keine Ahnung, welches ich letztlich ins Rennen für den Blogbuster-Preis schicken werde und bin schon sehr gespannt. Mit von der Partie sind, und ich nenne sie hier bewusst, weil sie große Leistung erbracht haben und ihre Namen nicht untergehen sollen: Elisa Helm mit Stadtleuchten, Stella Stejskal mit Im Mezzanin, Corinna Laude mit Weg sehen, Olaf Lahayne mit Kaiserwasser und Heike Duken mit Rabenkinder. Merkt euch diese Schriftsteller, ich halte es für möglich, dass ihr noch von ihnen hören werdet!

Leider musste ich einige Manuskripte aussortieren, weil sie nicht den Kriterien entsprachen (unter anderen auch eine Sammlung mit Erzählungen, die mir wahnsinnig gut gefallen hätte). Da aber noch viele gute Leseproben dabei sind, die eine weitere Chance verdient haben, haben wir einen Pool eröffnet, in den jeder von uns Bloggern Manuskripte schieben kann. Das bedeutet: Zehn der Manuskripte, die ich bekommen habe, habe ich für meine Mit-Blogger freigegeben, damit sie hineinlesen können. Dadurch bekommt womöglich ein Teilnehmer doch noch einen Platz auf der Longlist, nur eben mit einem anderen Blogger. Es wäre einfach zu schade um die vielen schönen Ideen!

Hier könnt ihr übrigens lesen, wie es meinen Kollegen Sophie, Sandro und Sarah derweil ergangen ist.

Gut und sättigend: 3 Sterne

swanesEine Schifffahrt nah am Untergang
„Nachts sinkt die Umdrehungszahl der Schiffsmotoren, aber es wird niemals wirklich Nacht. Tag auch nicht. Sie sind die ganze Zeit von der gleichen anthrazitgrauen Masse umschlossen, egal, welche Tageszeit gerade ist.“ Sie ist jung, und sie ist auf einem Schiff voller Männer: Die Inspektorin Mari soll in der Eiswüste Grönlands den Robbenfang dokumentieren. Doch als das Töten beginnt, packt sie das kalte Grauen: Nicht nur, dass die Männer die Vorschriften nicht einhalten, sie verletzen die Tiere zum Spaß, morden und schlachten ohne Rücksicht auf Verluste. Als Mari das anspricht, sieht sie sich offenen Anfeindungen ausgesetzt, die zu Drohungen werden. Schnell erkennt sie: Sie ist in größter Gefahr. Und es gibt für sie keinen Ausweg.

Habt ihr schon mal ein Buch gelesen, das von der ersten bis zur letzten Seite aus Beklemmung bestand – in Worte gegossen? So ist Ins Westeis von Tor Even Svanes, der aus dem Oslofjord stammt. Er bringt darin seine Protagonistin Mari in eine unmögliche Situation: Er schickt sie mit dem Schiff gnadenloser Robbenjäger in eine unwirtliche, für Menschen tödliche Gegend. Dann nimmt er ihr nach und nach jede Schutzzone weg, bis sie völlig schutzlos ist, und das geht erstaunlich schnell. Die Regeln des Anstands, jegliches respektvolles Benehmen verschwinden rasch, wenn es niemanden mehr gibt, der darauf achtet, ob sie eingehalten werden. Keine höhere Instanz, keinen Gesetzeshüter. Schnell übernehmen Gier, Grausamkeit und Selbstjustiz das Ruder. Die Tiere sind den Männern herzlich egal – und Mari auch.

Dieses Buch ist eigentlich kein Roman, sondern eine Kurzgeschichte. Auf die Seitenzahl kommt es nur, weil es außerordentlich luftig gesetzt ist – oft nur ein Absatz pro Seite. Wenn man es als Short Story liest, ergibt es mehr Sinn und passt vom Tempo her besser. In seinem dritten Buch hat der Autor vieles unausgesprochen und unerklärt gelassen – das macht das beklemmende Gefühl natürlich nur umso größer. Sehr detailliert beschreibt er dagegen das skrupellose Morden der Tiere, die Methoden, die Geräusche, das Blut, das Leiden. Dies ist eine sehr eindringliche Geschichte, die ich in kurzer Zeit gelesen habe – dank des oben erwähnten luftigen Satzes –, die mir aber lange im Gedächtnis blieb. Ein Buch über die kälteste Kälte, die es gibt: die menschliche.

Ins Westeis von Tor Even Svanes ist erschienen im Osburg Verlag (ISBN 978-3-95510-115-2, 198 Seiten, 18 Euro). Hier gibt es auch einen Beitrag von Leseschatz.

Gut und sättigend: 3 Sterne

weijersIst das Kunst oder kann das weg?
Minnie hat sich in der Kunstszene einen Namen gemacht und kann – obwohl sie noch nicht mal dreißig ist – von ihren Installationen und Ausstellungen leben. Für ihre Projekte hat sie bereits ihren Müll fotografiert und sukzessive ihren gesamten Besitz verkauft. Nun hat sie eine neue Idee: Ein Mann, mit dem sie Sex hatte und der sie übel reingelegt hat, soll sie drei Wochen lang auf Schritt und Tritt verfolgen und fotografieren – bei allem, was sie tut. Und sie tut gar merkwürdige Dinge, denn in diesen Wochen findet Minnie viel über sich selbst heraus, über ihre Kindheit und die Gründe dafür, dass sie schon zweimal in ihrem Leben geräuschlos verschwunden ist.

Als ich in Frankfurt in der Schirn war und mit Rowohlt eine Exklusiv-Führung durch die Ausstellung von Ulay machen durfte, hab ich mit den bezaubernden Damen von Herzpotenzial über Die Konsequenzen von Niña Weijers gesprochen. Der Grund dafür: Im Buch kommt Marina Abramovic vor, die lange die Lebensgefährtin von Ulay war. Ich hatte den Roman zu diesem Zeitpunkt schon im Regal, allerdings noch ungelesen. Ich wusste also durch dieses Gespräch bereits, dass er seltsam ist und verrückt – aber dass er DERART crazy ist, das hatte ich dann doch nicht erwartet. Die niederländische Autorin hat für ihren Debütroman viele Preise eingeheimst. Das kann ich absolut nachvollziehen: Er ist ausgezeichnet geschrieben, distunguiert, eigentümlich und voller – teilweise sarkastischer – Anspielungen auf die Kunstszene. Und irgendwie ein bisschen gestört.

Es ist nicht ganz klar, was dieses Buch will. Unterhalten, informieren, performen? Ich weiß es nicht, aber das macht nichts – nicht jedes Buch muss eine klar erkennbare Botschaft transportieren. Dieses hier tut es fix nicht. Es erzählt von einer jungen Frau, die absolut verloren ist. Sie hat keinen Vater, die Beziehung zur Mutter ist von Distanz geprägt, sie schneidet sich mit jedem Kunstprojekt selbst bis in die Knochen, sie flieht vor der Liebe und sehnt sich zugleich nach ihr. Das Institut, an dem sie als Kind war, ist rein fiktiv und unglaubwürdig, aber sehr kurios und dadurch immerhin interessant. Ich hab dieses Buch gern gelesen, auch wenn es – besonders wegen des eigenartigen Endes – einen schalen Nachgeschmack bei mir hinterlassen hat. So ging es mir auch mit Ulay: Es hat mich fasziniert, was er gemacht hat, verstanden habe ich es nicht. Aber muss man das? Ich finde nicht.

Die Konsequenzen von Niña Weijers ist erschienen bei Suhrkamp (ISBN 978-3-518-42558-9, 359 Seiten, 22 Euro). Und hier ist die Besprechung von Herzpotenzial dazu.

Bücherwurmloch

bergmann-kopie-2Ein letzter Blick zurück
Ich will heute nicht jammern über dieses Jahr, das uns alle in Atem gehalten hat. Ein Jahr, das mit traurigem weltpolitischem Geschehen, vielen Abschieden und schockierenden Ereignissen in die Geschichte eingehen wird. Auch in literarischer Hinsicht war es für mich eine Katastrophe. Ich hab niemals zuvor in meinem Leben derart viele Bücher abgebrochen, sogar in eine kleine Lesesinnkrise bin ich gerutscht. Nur 91 Titel habe ich zu Ende gelesen. Da ich jedoch schon genug über die schlechten Romane in diesem Lesejahr gemotzt habe, möchte ich nochmal jene ins Gedächtnis rufen, die mich 2016 tatsächlich beeindruckt haben. Um das Jahr mit dem zu beenden, was gut war. Und nicht mehr nur an das Schlechte zu denken.

Zu den besten Büchern (5/5), die ich in diesem Jahr gelesen habe, gehören:

LGerkesen als Medizin. Die heilsame Wirkung der Literatur von Andrea Gerk

Der Trick von Emanuel Bergmann

Asche von Sven Heuchert

A tale for the time being von Ruth Ozeki

RosenfeldAdams Erbe von Astrid Rosenfeld

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Ein ganzes Leben von Robert Seethaler

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Und dann kam da kurz vor knapp noch dieses Buch daher, zu dem ich euch noch nichts verlinken kann, weil ich es gerade an Weihnachten erst gelesen habe, aber was ich sagen kann, ist: WOW! Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod von Gerhard Jäger hat mich umgehauen. Es ist grandios und herausragend gut und hat mir am Ende des Jahres gezeigt: Ja! Es gibt sie noch, die Bücher, für die sich das Lesen lohnt. Mehr dazu Anfang 2017, versprochen.

Zu den sehr guten Büchern (4/5), die ich in diesem Jahr gelesen habe, gehören:

FlorescuKaltes Wasser von Jakob Hein

Der Mann, der das Glück bringt von Catalin Dorian Florescu

Die Halbwertszeit der Liebe von Corinna T. Sievers

Am Rand von Hans Platzgumer

KingWas ich euch nicht erzählte von Celeste Ng

Eva schläft
von Francesca Melandri

Am Ende bleiben die Zedern von Pierre Jarawan

Euphoria von Lily King

saucierWeißes Meer von Roy Jacobsen

Ein Leben mehr von Jocelyne Saucier

Aquarium von David Vann

Die Ballade vom traurigen Café von Carson McCullers

Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war 
von Joachim Meyerhoff

dexterPaperboy von Pete Dexter

Familie der geflügelten Tiger von Paula Fürstenberg

Und wie ist es euch 2016 ergangen, ihr lieben Bücherwürmer? Welche Bücher haben euch begeistert?

Gut und sättigend: 3 Sterne

hurley„Der Tod hat das Timing eines grottenschlechten Komikers“
„Doch so öde und nichtssagend The Loney auch wirken mochte, es war ein gefährlicher Ort. Ein rauher, nutzloser englischer Küstenstreifen. Die tote Mündung einer Bucht.“ Dennoch kommt eine Handvoll gläubiger Katholiken jedes Jahr hierher, darunter der junge Tonto. Treibende Kraft ist seine Mutter, die durch das Aufsuchen der heiligen Stätten von The Loney erreichen will, dass Tontos Bruder Hanny von seiner Krankheit geheilt wird. Er spricht nicht, teilt sich nur durch Symbole mit, ist äußerlich fast ein Mann und innerlich noch ein Kind. Dieses Mal kommen sie mit ihrem neuen Pfarrer, weil Father Wilfred gestorben ist – unter mysteriösen Umständen. In den Augen von Tontos Mutter macht dieser neue Pfarrer jedoch alles falsch. Das ist aber längst nicht das Schlimmste, denn bei diesem Aufenthalt in The Loney läuft wirklich alles schief. Tonto und Hanny geraten in große Gefahr. Und dreißig Jahre später legt ein Erdrutsch plötzlich eine Babyleiche frei …

Was für ein beklemmendes und zutiefst aufwühlendes Buch! Allein der Ort, den der englische Autor Andrew Michael Hurley gewählt hat, und der Name, den er ihm gibt, geben Anlass für Gruselmomente. Ein trostloser Küstenstreifen, an dem die Flut regelmäßig Menschen in den Tod zieht, ein Haus mit einem verriegelten Zimmer, in dem Kinder gestorben sind, eine Mutter, deren Glaube schon an Wahn grenzt, ein toter Pfarrer, ein zurückgebliebener Sohn und mehrere zwielichtige Männer – das sind die Zutaten, aus denen Hurley sein Süppchen kocht. Was er serviert, könnte ein Thriller sein, ist aber keiner – zumindest kein klassischer, dazu ist das Buch zu melancholisch, zu sanft. Spannend, mitreißend, düster und rätselhaft ist es aber allemal.

Hurley hat einen Teenager zum Erzähler gemacht, der sich dreißig Jahre später an die Ereignisse von damals erinnert. Zwei Eigenschaften hat sein Roman an sich, die ich persönlich nicht mag: Er springt zwischen den Zeiten hin und her, wechselt abrupt von Vergangenheit zu Gegenwart und zurück, enthält aus dem Zusammenhang gerissene Vorausblenden, die in meinen Augen viel von der Spannung zerstören. Zudem werden nicht alle Fragen beantwortet, und ich kann es nicht leiden, wenn ein Buch mich ratlos zurücklässt. Nichtsdestotrotz ist Loney ein Roman, der mit Originalität und einer beeindruckend gespenstischen Atmosphäre punktet. Etwas in der Art hab ich noch nie gelesen, und ich geb es zu: Gegruselt hab ich mich auch.

Bestes Zitat:

„Pfarrer sind wie Ärzte. Sie wissen, dass man sie über Dinge belügt, von denen man meint, sie würden sie enttäuschen.“

Loney von Andrew Michael Hurley ist erschienen bei Ullstein (ISBN 9783550081378, 384 Seiten, 22 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

fuerstenberg„Das, was vor mir lag und Zukunft hieß, war eine Ansammlung hässlicher Wahrscheinlichkeiten“
Johanna stammt aus der DDR, aber eigentlich auch nicht. Sie war erst zwei Jahre alt, als die Mauer fiel, und hat keine Erinnerung an das Leben hinter dieser Mauer. Die DDR-Witze ihres Ausbildners Reiner findet sie deshalb nur bedingt lustig. Reiner bringt Johanna das Straßenbahnfahren bei, und das will sie eigentlich bloß lernen, weil ihr sonst nichts einfällt – und weil ihre Mutter es nicht gut findet. Die hat Johanna allein aufgezogen, nachdem der Vater Jens ohne ein Wort verschwunden ist. Hat er rübergemacht? Hatte er eine zweite Familie? Wieso hat er nie von sich hören lassen? Das sind Fragen, die Johanna ihm nun, so viele Jahre später, endlich stellen könnte, denn Jens hat angerufen. Zeit dafür bleibt ihr allerdings kaum noch, denn ihr Vater hat Krebs im Endstadium. Sie kann ihn also nur finden, um ihn gleich wieder zu verlieren. Und manche Fragen bringt man einfach nicht über die Lippen …

Wer die Story-Outline von Familie der geflügelten Tiger hört, könnte denken: Ach, schon wieder. Der verschwundene Vater, eine Leerstelle, der sich plötzlich meldet – weil er stirbt. Und dann auch noch die DDR! Alles schon so oft dagewesen. Aber: weit gefehlt! Die junge Autorin Paula Fürstenberg, die am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert hat, umschifft in ihrem Debütroman gekonnt die Klischees. Dazu bedient sie sich eines Kniffs, der mich erst überrascht, dann aber beeindruckt. Ohne zu spoilern, sei nur so viel gesagt: Von ihrem Vater kann Ich-Erzählerin Johanna die benötigten Antworten nicht bekommen. Dies ist ein Buch über das Suchen – die Suche nach der eigenen Geschichte, nach einem Weg für die Zukunft, nach Aha-Momenten und nach der Liebe. Manches davon wird gefunden, anderes nicht.

Ich habe Paula Fürstenberg auf der Frankfurter Buchmesse kennengelernt – zumindest aus der Ferne. Denn der KiWi Verlag hat ein Bloggertreffen organisiert, bei dem sie – wie auch Nele Pollacek – aus ihrem Roman gelesen hat, den ich zu diesem Zeitpunkt bereits zuhause hatte. Das hat sie ganz wunderbar gemacht, und man hat ihr die Zuneigung zu ihren Figuren angemerkt. Daran hab ich mich erinnert, und diese Zuneigung hab ich dann beim Lesen gleich übernommen. Als Österreicherin hab ich zur DDR noch weniger Bezug als Protagonistin Johanna, aber ich hab mich von diesem Buch trotzdem abgeholt und geleitet gefühlt. Es ist klug, gewitzt, interessant und voller unerwarteter Wendungen. Ich möchte es euch hiermit unbedingt empfehlen. Gut gemacht, liebe Paula.

Familie der geflügelten Tiger von Paula Fürstenberg ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (ISBN 978-3-462-04875-9, 240 Seiten, 18,99 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

kloeble„Sich selbst wird ein Schatten nie verraten, aber seinen Menschen durchaus“
Jeder Mensch hat einen Schatten. Nicht wahr? Nein, sagt die Mutter von Lola Salz, und vor denen, die keinen haben, sollte man sich in Acht nehmen. Aber nicht nur vor denen – die Welt ist voller Dinge, die gefährlich werden können. Das merkt Lola spätestens, als sie erwachsen ist, selbst Kinder hat und verzweifelt versucht, gemeinsam mit ihnen den Zweiten Weltkrieg zu überleben. Das Familienhotel in Leipzig hat sie nach einem dramatischen Zwischenfall in ihrer Kindheit nie wieder betreten – und sie tut es nicht einmal, um sich und ihre Kinder zu retten. Als das Hotel, der Fürstenhof, später zur DDR gehört und beschlagnahmt ist, versucht Lolas Sohn Karl, ihn zurückzugewinnen. Stattdessen gewinnt er überraschend das Herz einer viel jüngeren Frau – und was die Schatten so treiben, ist auch Jahrzehnte nach dem Tod von Lolas Mutter noch rätselhaft …

Kennt ihr das, wenn ein Buch höchst merkwürdig ist und irgendwie anstrengend, aber trotzdem richtig gut? So ist es mit diesem hier. Mehrmals denke ich während der Lektüre: Whuuut?, und es hat auch seine Längen, aber ich mochte es dennoch, und zwar so gern, dass mich die Schwächen nicht gestört haben. Ich brauchte einfach nur eine Weile, um hineinzufinden in diese ungewöhnliche Geschichte. Christopher Kloeble führt eine Figur nach der anderen ein, lässt sie ausführlich zu Wort kommen – aber nur einmal. Er kehrt nie wieder zu ihr zurück. Er erzählt einfach chronologisch weiter, über Jahrzehnte hinweg.

Und schreiben kann er. Ich kannte Kloeble bereits von seinem Erstling, Unter Einzelgängern, das ich nicht so gut fand, das mir aber schon 2009 Anlass zu der Bemerkung gegeben hat:

Unter Einzelgängern ist eine Studie über eine Familie – und dabei bleibt es auch, ein Roman wird nicht daraus. Dazu hätte Kloeble seine Figuren besser herausbilden und mehr ins Detail gehen müssen. Ich traue ihm das sehr wohl zu und glaube auch, dass er sich als Autor noch stark weiterentwickeln wird.

Die unsterbliche Familie Salz gibt mir Recht. Christopher Kloeble hat sich zu einem gewieften, intelligenten und kreativen Schriftsteller gemausert, dem es mit spielerischer Leichtigkeit gelingt, die Fäden seiner vielschichtigen Story in der Hand zu behalten und konsequent abzuwickeln. Well done! Ein wirklich originelles, verstörendes und leicht seltsames Buch, das mich nachhaltig beeindruckt hat. Eines meiner liebsten Leseerlebnisse im Jahr 2016.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble ist erschienen bei dtv (ISBN 978-3-423-28092-1, 440 Seiten, 22 Euro). Auch Tobias vom Buchrevier fand es sehr gut.

Bücherwurmloch

fullsizerenderNoch einen unveröffentlichten Roman in der Schublade? Schickt ihn uns und macht mit beim Blogbuster: Hier findet ihr alle Informationen über die Teilnahme und könnt euer Manuskript einreichen. Einsendeschluss ist nämlich der 31. Dezember, deshalb heißt es hiermit: Last call für alle, die Bock auf einen Buchvertrag haben! Ich freu mich auf eure Manuskripte.

Bücherwurmloch

Bücher verschenken? Sowieso! Nur: welche? Als kleine Orientierungshilfe hab ich euch fünf Titel, die ich 2016 gelesen habe, zusammengesucht. Die liegen ziemlich sicher nicht auf den weihnachtlichen Wühltischen, aber ihr könnt sie bestimmt in eurer lokalen Buchhandlung bestellen.

baumannManfred Baumann: Salbei, Dill und Totengrün
Bekannt wurde Manfred Baumann mit seinen Salzburg-Krimis rund um den Ermittler Merana, von denen einer, nämlich Drachenjungfrau, kürzlich vom ORF verfilmt wurde (anschauen am 15. Dezember!). In diesem Buch versammelt er Kurzkrimis verschiedenster Couleur, die ein verbindendes Element haben: Kräuter. Vor jeder spannenden Geschichte ist das jeweilige Kraut abgebildet und es gibt ein paar Infos zu seiner Wirkung. Was folgt, ist Rätselraten vom Feinsten: Wer hat beim Kräuterseminar im Kloster einen der Teilnehmer erdrosselt, und warum ausgerechnet im Salbeistrauch? Wieso hält eine erstochene Tote, die auf dem Friedhof gefunden wird, eine Alraune in der Hand? Und weshalb dekoriert ein Serienmörder alle seine Opfer mit Engelwurz? Sehr schmackhafte Bissen, diese Kräuterkrimis!
Für: Krimifans, Gourmets, Kräutergartenbesitzer, Freunde niveauvoller Spannung
Salbei, Dill und Totengrün ist erschienen im Gmeiner Verlag (ISBN 978-3-8392-1927-0, 283 Seiten, 12,99 Euro).

GerkAndrea Gerk: Lesen als Medizin. Die heilsame Wirkung der Literatur
Warum lesen wir Menschen eigentlich? Was ist das für eine merkwürdige Fähigkeit, die wir uns da angeeignet haben? Andrea Gerk beschäftigt sich in diesem überaus interessanten Sachbuch mit diesem Thema und bietet eine historische, wissenschaftliche und auch überraschend poetische Übersicht. „Bücher können Trost schenken, Mut machen, Spiegel vorhalten, Zuflucht sein, Erfahrungen vermitteln, Perspektiven ändern, Sinn stiften. Bücher amüsieren und berühren. Und sie können ablenken – nicht zuletzt von uns selbst“, heißt es darin, und: „Prosa und Gedichte sind wie Medikamente. Sie heilen den Riss, den die Wirklichkeit in die Vorstellungskraft schneidet.“ Der große Themenreichtum – von Neurowissenschaft über misshandelte Kinder bis zu Lesen in Klöstern und Gefängnissen – ist fantastisch.
Für: ein absolutes Muss für alle Bibliophilen! Wenn ihr jemanden kennt, der gern liest und dem ihr euch keinen Roman zu schenken traut, weil ihr nicht danebenhauen wollt, schenkt ihm dieses Buch.
Lesen als Medizin. Die heilsame Wirkung der Literatur von Andrea Gerk ist erschienen bei Rogner & Bernhard (ISBN 978-3-95403-084-2, 324 Seiten, 22,95 Euro).

bergmann-kopie-2Emanuel Bergmann: Der Trick
Ein Wunderwerk ist Der Trick von Emanuel Bergmann, ein Zauberding, ein Buch voll doppelter Böden und Überraschungen. Der Autor, der jahrelang für Filmproduktionen in LA tätig war, hat eine wunderbare Geschichte mit Tiefgang geschrieben, die sich trotzdem leicht liest. Zwei Handlungsstränge gibt es, einen vergangenen und einen gegenwärtigen, sowie zwei Buben, deren Leben verschiedener nicht sein könnte: Der eine ist ein Jude in höchster Gefahr, der andere ein verwöhntes Einzelkind. Als sie aufeinandertreffen, ist der eine ein alter Mann, kratzbürstig, egoistisch und versoffen, der andere ein kleiner Junge, der unbedingt einen Liebeszauber braucht, damit sein Vater wieder zurückkommt. Dieses Buch hat mich so begeistert, ich wünschte, ich könnte es nochmal neu lesen. Es ist vielschichtig und originell, raffiniert und gewitzt.
Für: alle, die gern Romane lesen und sich dabei auf hohem Level gut unterhalten lassen wollen. Von der Schwester über den Cousin bis zur Oma, mit diesem Buch könnt ihr nichts falsch machen.
Der Trick von Emanuel Bergmann ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN
978-3-257-06955-6, 400 Seiten, 22 Euro).

heuchertSven Heuchert: Asche
Sven Heuchert bildet in seinen Debütstorys eine Gesellschaftsschicht ab, die Arbeiterschicht, greift sich eine Handvoll Figuren aus der Masse der Hunderttausenden und zeigt, wie sie leben. Das tut er auf ebenso eindringliche wie authentische Weise: So knallhart und verdichtet ist seine Sprache, dass sie wirkt, als käme sie direkt aus den Mündern dieser Menschen. Wie Ohrfeigen sind die Worte, wie Schläge in den Magen, und wuchtiger noch sind ihre Inhalte: Von Einsamkeit erzählen sie und von Schmerz, von Alkoholismus und Brutalität. Hackler heißen diese Arbeiter auf Österreichisch, doch egal, wie man sie nennt: Ihr Leben ist hart. Ihre Hände sind rau und vernarbt, ihre Herzen sind es auch. Nochmal Kurzgeschichten? Ja, aber welche mit Wucht. Die klingen länger nach als so mancher Roman.
Für: alle Mutigen, Short-Story-Freunde, Abseits-vom-Mainstream-Leser, Indiebuch-Fans, Männer.
Asche von Sven Heuchert ist erschienen im Bernstein Verlag (ISBN 978-3-945426-13-5, 184 Seiten, 12,80 Euro).

OzekiRuth Ozeki: A tale of the time being
Dies ist ein herausragend gute Buch mit der Ich-Stimme eines sechzehnjährigen japanischen Mädchens, das seine Geschichte aufschreibt. Aufgewachsen ist Nao in Sunnydale in den USA, doch als ihr Vater seinen Job verlor, musste sie zurück nach Tokyo. Sie spricht die Sprache, aber mehr auch nicht, und so wird Nao schnell zum Ziel grausamster Mobbingattacken. Der Vater schämt sich wegen des Gesichtsverlusts und versucht mehrfach, sich umzubringen. Das Familienleben besteht nur noch aus Schande und brodelndem Schweigen. Ein Lichtblick in Naos Leben ist ihre Urgroßmutter Jiko, buddhistische Nonne und 104 Jahre alt, die ihr zeigt, wie unwichtig vieles von dem ist, was Nao sich so zu Herzen nimmt. Das Buch, dem Nao sich anvertraut, behält wirft sie ins Meer. Und im Zuge des wirbelnden Tsunami landet es an einem weit entfernten Strand, wo die Schriftstellerin Ruth es findet,  im kleinen Ort Whaletown. Sie ist fasziniert von Naos Geschichte, recherchiert und sucht und sorgt sich: Ist Nao noch am Leben?
Für: alle, die auf Englisch lesen können (das Buch gibt es allerdings auch auf Deutsch!), Hobby-Philosophen, Japan-Interessierte, Buddhisten und solche, die gern Buddhisten wären, alle, die Herausforderungen zu bewältigen haben, und alle, die was spüren wollen, wenn sie ein Buch lesen.
Auf Deutsch ist A tale for the time being unter dem Titel Geschichte für einen Augenblick bei den S. Fischer Verlagen erschienen.

Für Gourmets: 5 Sterne

img_1289Ich mag den Seethaler. Ich mag den sogar sehr. Bisher hab ich allerdings nur zwei eher unbekannte Romane von ihm gelesen, Die weiteren Aussichten sowie Die Biene und der Kurt. Als ich nach Idee 1 und 2 nur noch so halb im Lesetief steckte, dachte ich: Nimm den Seethaler, der zieht dich da raus. Der kann das, der ist gut, wirklich jeder fand das Buch toll. Und was soll ich sagen, Schritt 3 hat mich endgültig gerettet. Das war eine sichere Nummer, da wusste ich, damit kann ich einfach nicht falsch liegen. Weil Ein ganzes Leben so unaufgeregt ist und leise, aber überhaupt nicht flach. Mich verbindet natürlich auch viel mit dem Österreichischen, ich bin selbst auf einem Berg aufgewachsen, ich verstehe die Sprache und alles, was nicht gesagt wird. Ein ganzes Leben ist ein großartiges Buch, und es war gut, dass ich dem Seethaler vertraut habe: Nach diesem Roman war die Leseflaute vorbei. Ich hatte sie übertaucht.

Es ist eine Sauerei mit dem Sterben. Man wird einfach weniger mit der Zeit.

So schreibt der da, und das find ich schon gut, es wird allerdings beständig noch besser.

Wenn man schon zur Hölle fuhr, müsse man mit den Teufeln lachen.

Das passt irgendwie, kommt mir vor. Galgenhumor. Ein bisserl Tiefsinnigkeit. Was Melancholisches. Ja, denke ich da, davon will ich mehr. Ich will wieder lesen. Ich bin zurück!