Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Bengtsson„Ist wohl nicht so einfach als Klein Sus im Moment?“

„Sus weiß nicht viel, aber eins weiß sie. Wenn man Hasch anrührt, das man verkaufen soll, kann man genauso gut einen Hammer nehmen und sich eigenhändig die Kniescheiben zertrümmern, das spart anderen die Mühe.“

Dort, wo Sus herkommt, weiß man solche Dinge: Sie ist im Block aufgewachsen, einem sozial benachteiligten Viertel, wie man so schön sagt, sie war schon früh auf sich gestellt. Jetzt ist Sus neunzehn, ihr Bruder liegt im Koma, ihre Mutter ist tot und ihr Vater im Gefängnis. Ein Problem ist für Sus ihre Statur, denn sie sieht aus wie ein zwölfjähriger Junge, ist klein und wiegt zu wenig. Wie soll so jemand in der rauen Welt bestehen? Um eine Chance zu haben, gibt Sus sich selbst Aufgaben, die ihr die Angst abtrainieren sollen. Das funktioniert auch – fast. Denn das Leben hat immer einen noch härteren Schlag auf Lager.

Der dänische Autor Jonas T. Bengtsson ist ein ausgezeichneter Erzähler – einer von jenen, die nicht viele Worte brauchen. Die den Finger direkt in die Wunde legen, bäm. No nonsense. No Firlefanz. Vielleicht ist sein aktueller Roman Kugelfisch deshalb so dünn. Mehr gibt es nicht zu sagen, scheint er gefühlt zu haben, mehr müsst ihr nicht wissen. Und er hat schon Recht: Auch wenn ich durchaus gern mehr gewusst – und mehr von Susa gelesen – hätte, hinterlässt der schmale Band Eindruck. Ein Leben für viele: Der Autor hat sich eine Protagonistin ausgedacht, wie sie wirklich in einem dieser Blöcke leben könnte, wo stets Mangel herrscht – Mangel an Geld, an Perspektiven, an Zärtlichkeit. Kugelfisch ist authentisch, intensiv, kräftezehrend und schmerzhaft – und das trotz der nicht mal 190 kleinen Seiten.

Ich habe Wie keiner sonst von Jonas T. Bengtsson geliebt. 2013 war das, und bis heute hab ich diesen einzigartigen, berührenden Roman – den ihr unbedingt lesen solltet! – nicht vergessen. Kugelfisch ist ähnlich heftig, schneidet aber nicht so tief in die Schichten, die sich in einem umfangreicheren Roman öffnen können. Eine Art Sozialstudie ist dieses Buch, ein Porträt von jemandem, der nicht existiert und den es doch millionenfach gibt: ein junger Mensch, der nicht viele Möglichkeiten hat im Leben, für den es zur schiefen Bahn gar keine Alternativen gibt, der so tut, als sei er cool und abgehärtet, und dabei doch nur hungert nach Zuneigung. Sehr lesenswert.

Kugelfisch von Jonas T. Bengtsson ist erschienen bei Kein & Aber (ISBN 978-3-0369-5764-7, 192 Seiten, 18,50 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

Piuk„Im Heimatroman gibt es eine gerechte Welt“

„Dass ein Mädchen schön ist, ist eine überflüssige Information. Mädchen in Heimatromanen sind immer schön.“

Und Männer sind immer spitz, die Berge leuchten im Sonnenlicht, und es gibt Schnitzel. So weit, so gut. Aber: Gut ist in diesem Heimatroman gar nix. Eigentlich ist das ja nur ein Plan, nicht mal ein wirklicher Roman, die Autorin quält sich, die Lektorin mischt sich ein, nichts läuft so, wie es soll, nicht für den Heimatroman und für Toni und Moni schon gar nicht. Die sollen sich nämlich, wie es sich gehört, verlieben und heiraten. Aber die Moni hat, wie es sich überhaupt nicht gehört, einen eigenen Kopf und will was anderes für ihre Zukunft. Das kann die Autorin nur leider nicht zulassen. Und der Toni auch nicht …

Also, ich halte ja wirklich viel aus. Sarkasmus ist mein zweiter Vorname, Humor sollte mir schwarz und bitter serviert werden. Und dann kommt Petra Piuk – die schon mit Lucy fliegt einen scharfen, entlarvenden Blick bewiesen hat – und haut mir Toni und Moni um die Ohren. Das ist ein Buch, da bleibt einem das Lachen aber sowas von im Hals stecken, dass es nicht mal aus dem Bauch rauskommt. Aufgebaut wie eine nüchterne, ordentlich durchnummerierte und kategorisierte Anleitung, nimmt dieser Hammer von einem Buch die gesamte Bergidylle Österreichs auseinander. Von den geeigneten Erziehungsmaßnahmen über das traditionelle Liedgut bis hin zu den Dingen, die im Dorf jeder weiß und über die keiner redet, reißt Petra Piuk wie ein Wirbelsturm mit wenigen, sehr treffenden Worten alle Kulissen des Alpenkitsch ein und zeigt das ganze Grausige dahinter. Die abscheuliche Wahrheit. Und das, meine Damen und Herren, muss man erst mal aushalten können.

Jetzt weiß ich gar nicht, ob man dieses Buch verstehen kann, wenn man kein Österreicher (oder maximal ein Bayer) ist. Ich glaub nämlich nicht. Man muss schon mit diesem ganzen Alpenglühen aufgewachsen sein, man muss diese dörfliche Scheinheiligkeit am eigenen Leib gespürt haben und den Enzianschnaps im Blut haben, um zu begreifen, wie vielschichtig böse Toni und Moni wirklich ist. Wie abgrundtief ironisch. Das ist kein Roman, sondern eine Persiflage auf ein Genre – aber auch eine rabenschwarze Geschichte auf einer sehr komplizierten, konsequent durchgezogenen Metaebene. Als feierten Muttertag und Die Piefke-Saga gemeinsam ein bierseliges Fest, bei dem, das muss so sein, ein paar Menschen zu Tode kommen. Die Autorin packt uns direkt an unserem erlernten und ererbten Kulturgut und beutelt uns ordentlich durch. Ein beeindruckendes, heftiges, überaus zynisches Buch, das mich echt Nerven gekostet hat. Chapeau.

Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman von Petra Piuk ist erschienen bei Kremayr & Scheriau (ISBN ISBN: 978-3-218-01079-5, 208 Seiten, 19,99 Euro).

Bücherwurmloch

Bildschirmfoto 2017-10-22 um 14.03.57Erinnert ihr euch noch an Heike Duken und die Rabenkinder? Das war mein Gewinnermanuskript für 2017, das ich so sehr mochte, dass ich mich dafür eingesetzt habe, und: Heike Duken hat mittlerweile einen Agenturvertrag, das Buch könnt ihr mit Sicherheit demnächst lesen, sobald ein Verlag dafür gefunden wurde. Damit ist Heike, obwohl sie den Blogbuster nicht gewonnen hat, in bester Gesellschaft: Von den 14 ausgewählten Autoren sind die Hälfte bei einer Agentur oder einem Verlag untergekommen. Das Siegerbuch ist soeben bei Klett-Cotta erschienen. Das ist eine wahnsinnig gute Bilanz, die auch zeigt: Wir Blogger haben durchaus Ahnung von dem, was wir tun. Und es gibt irre viele gute Manuskripte da draußen. Die brauchen wir!

Warum ich euch das erzähle? Weil der Blogbuster in die zweite Runde geht — und ihr mitmachen könnt. Reicht bis 31. Dezember euer fertiges Manuskript ein, wählt einen der 15 Blogger aus, von dem ihr denkt, dass er euch am besten vertreten könnte, und reiht euch ein in den Reigen derer, die über dieses Format Erfolge feiern konnten. Das Gewinnerbuch erscheint bei Kein & Aber, einem meiner liebsten Verlage. Ich freue mich auf eure Romane, die Teilnahmebedingungen findet ihr hier!

Für Gourmets: 5 Sterne

Gill„Väter gingen fort, gelegentlich auch Mütter. Häuser hatten dazubleiben“
Doch das gilt nicht in New York, wie der dreizehnjährige Griffin in den 1970er-Jahren lernen muss: Die Stadt ist nicht nur im Wandel, sie IST der Wandel. Sie reißt sich selbst ab, baut sich wieder auf – Tag für Tag. Kahlschlagsanierung wird das genannt, ganze Viertel werden plattgewalzt, um Platz zu machen für neue Wolkenkratzer, Hotels, Bürogebäude. Wunderschöne gotische Ornamente müssen weichen, Wasserspeier werden zerschlagen, Sandsteinfiguren in den Schutt geworfen. Griffin selbst wäre das vielleicht nicht einmal aufgefallen. Aber sein Vater, der als Restaurator und Antiquitätenhändler arbeitet, ist verrückt nach der Geschichte der Stadt, um nicht zu sagen: Er ist von ihr besessen.

Die Stadt hatte ein reiches, vielfältiges Leben, lange bevor du dahergekommen bist, Griffin, mit deinen eigenen, persönlichen kleinen Vorstellungen. Sie ist größer als du.

Sein Dad würde am liebsten eine große Kuppel über New York stülpen und verhindern, dass die Stadt zerstört wird, dass sich etwas verändert. In seinem Familienleben gilt das jedoch nicht: Er hat Griffins Mom verlassen, die Familie ist zerbrochen. Eigentlich hat Griffin genug Probleme, die ihn beschäftigt halten – das Zusammenleben mit seiner Mutter, seiner Schwester und vielen wechselnden, schrulligen Untermietern, seine erste Schwärmerei für die fünfzehnjährige Dani, die Schule, die Pubertät –, doch er sucht verständlicherweise die Nähe seines Vaters, den er nur zu Gesicht bekommt, wenn er mit ihm auf Streifzug geht. Denn um New Yorks schönste Stücke zu bewahren, geht Griffins Dad an die Grenzen – und weit darüber hinaus: Nachts stehlen sie gemeinsam Ornamente von Fassaden. Mehr als einmal gerät Griffin dabei in Lebensgefahr. Doch sein Vater, so scheint es, schaut nur zurück in die Vergangenheit – und übersieht dabei alles, was jetzt geschieht.

Dieses Buch ist durchzogen von Wehmut. Es ist, wenn man so will, Wehmut in Worten. Es ist ein Roman über Vergänglichkeit und Verlust, über die Unerbittlichkeit des Lebens, das immer weitergeht und alle zurücklässt, die nicht Schritt halten. Es ist zudem ein wahnsinnig interessanter Roman über Architektur und eine faszinierende Stadt: New York. Ich war noch nie dort, und sie ist ein Sehnsuchtsort für mich. Eine Stadt, über die ich viel nachdenke, eine Stadt, die ich bereisen und erleben möchte, irgendwann, wenn ich es endlich kann. Wie muss es sein, dort aufzuwachsen? Was für ein Mensch wird man in New York? Und wie unterscheidet man sich dann von jenen, die hier aufwachsen, auf dem Land, zwischen Bergen und Seen? Das sind Fragen, die ich mir oft stelle. Umso neugieriger hat mich dieses Buch gemacht, das noch dazu in den Siebzigern spielt: einer Zeit, die offenbar so viel freier war als die heutige. Meistens läuft der dreizehnjährige Protagonist allein durch die Metropole, ohne Helikoptereltern, ohne Handy. Auch danach habe ich, obwohl ich ein Kind der Achtziger bin, eine heimliche Sehnsucht: nach diesem Leben ohne Überwachung. Und nach den Orten meiner Kindheit, die es allesamt nicht mehr gibt. Nach dem Geschäft, in dem ich mein Taschengeld gegen Sticker getauscht habe, nach dem Laden, in dem mein Opa Schrauben gekauft hat, nach dem alten Kramer, bei dem es die klebrigen Gummischlangen gab. Es hängen persönliche Erinnerungen an Gebäuden, und ich kann Griffins Vater gut verstehen, wenn er jenen Orten nachtrauert, an denen erste Küsse stattgefunden haben, an denen er mit seiner Mutter war, an denen er glücklich war. Sie alle wurden dem Erdboden gleich gemacht.

Diese Stadt hat kein Gedächtnis, und nach einiger Zeit verheilen gewissermaßen die Wunden in der Skyline, bis sich niemand mehr auch nur daran erinnert, was alles verloren gegangen ist.

Ich liebe melancholische Romane. Und es gab Momente im ersten Drittel dieses Buchs, da dachte ich: Das könnte es sein, das beste Buch, das ich in diesem Jahr lese. Eine Durststrecke in der Mitte hat das dann verhindert, da wird es doch recht langatmig und jugendbuchig, was mich kurzzeitig abgeschreckt hat. Fürs Durchhalten wird man aber mit einem fulminanten Schluss belohnt: Da präsentiert John Freeman Gill einen in jeder Hinsicht stürmischen Showdown.  Der amerikanische Autor, der als Spezialist für Architekturgeschichte für Zeitungen und Zeitschriften schreibt, ist selbst gebürtiger New Yorker. Das ist, wie mir scheint, Voraussetzung für ein solch engagiertes, elegisches Mammutwerk, das auf 450 Seiten nur so überfließt mit Informationen über die architektonische Geschichte der Stadt, ihre Bauwerke – jene, die vernichtet wurden, und jene, die noch existieren – und deren Entstehung. Er greift darin eine wichtige Frage auf: Was gilt es wirklich zu bewahren und wann ist es an der Zeit, weiterzumachen, sich von Altem zu trennen, auf den Zug der Zukunft aufzuspringen? Gleichzeitig ist dies aber auch eine sehr berührende Vater-Sohn- und Coming-of-Age-Geschichte. Klug, sentimental, voller Gefühl, Einsicht und Weitsicht – ein wirklich wunderbares Buch, das ich euch nur ans Herz legen kann.

Die Fassadendiebe von John Freeman Gill ist erschienen im Berlin Verlag (ISBN 978-3-8270-1320-0, 464 Seiten, 24 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Mitchell„How do three sisters write a single suicide note?“
Das ist es, was dieses Buch ist: ein Abschiedsbrief. Das Vermächtnis dreier Schwestern, die in den Tod gehen wollen. Warum tun sie das? Warum ist ihnen der Tod ein so naher Gefährte, warum fürchten sie ihn nicht einmal?

„I don’t do well with the dark, that’s true, but death doesn’t bother me. It’s getting to death, that’s the problem. Believe me, I know. I grew up in a family full of people busy dying.“

Und darin liegt die Antwort auf die Frage: in ihrer Familiengeschichte. Sie reicht zurück bis vor den Zweiten Weltkrieg, als die Ahnen dieser drei Schwestern in Deutschland lebten. Als einer von ihnen etwas erfand, das unendlich schreckliche Folgen hatte. Eine Erfindung, die den Tod gebracht hat – für Tausende und Abertausende Menschen. Als eine Frau sich das Leben nahm. Sie war die Erste in einer Reihe von Familienmitgliedern, die den Freitod wählten – die Schwestern haben eine Liste. Ist es wahr, dass die Schuld einer Generation sich überträgt auf die nächste und übernächste Generation? Ist es wahr, dass das eigene Leben überschattet werden kann von Ereignissen, die so lange schon vorbei sind?

„Just don’t give us any shit about it. Don’t call our lives melodrama. Don’t bring up the term soap opera. Don’t tell us how hard it is to believe that so many terrible things can befall a single family in such a short time. They can. They did. Shut up.“

Dieses Buch ist mir sehr ans Herz gewachsen. Kein Wunder, denn ich habe viel Zeit damit verbracht. Von Anfang an hat es mich fasziniert mit seinem melancholischen Ton, mit seiner rätselhaften Erzählperspektive und der unergründlichen Geschichte. Ein mysteriöses „Wir“ ist der Erzähler, ein Dreiergespann aus Schwestern, es existiert kein Ich und gleichzeitig doch: Jede Schwester wird beschrieben, es gibt Dialoge, es gibt Handlung, und dennoch ist da dieses Wir, das keinen Sinn zu ergeben scheint – wie können drei Menschen als Entität schreiben, wie können sie aus einer Sicht erzählen? Das ist merkwürdig und doch genial gelöst. Der Roman an sich ist düster, sehr zart, berührend, auch sarkastisch und witzig. Wäre er ein Film, hätte Wes Anderson ihn gedreht oder Sofia Coppola. Die historische Basis gründet auf wahren Ereignissen rund um den jüdischen Wissenschaftler Fritz Haber und seine Familie. Der Selbstmord seiner Frau hat bei der amerikanischen Autorin Judith Claire Mitchell einen derart bleibenden Eindruck hinterlassen, dass sie dieses Buch geschrieben hat.

Es ist schwierig, den Charakter von A reunion of ghosts in Worte zu fassen. Das Buch ist simpel und komplex zugleich. Es ist ebenso leichtfüßig wie anstrengend. Es ist traurig und eigenartig und verrückt. Ich konnte nicht lange am Stück darin lesen, deshalb lag es viele Wochen auf meinem Nachtkastl – aber losgelassen hat es mich nie. Immer wieder habe ich es zur Hand genommen und bin zurückgekehrt zu den drei Schwestern, die so eng miteinander und mit der Geschichte ihrer Vorfahren verbunden sind. Ein ganz besonderer Roman, der Töne anschlägt, die man nie zuvor gehört hat.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

DIPb_IBWAAEgnyR.jpg-large„Sind Sie jetzt zufrieden, Sie zartes Generation-Y-Pflänzchen?“
Patsy Logan, die aus Irland stammt und bei der Münchner Kripo arbeitet, bekommt einen neuen Fall: Die Managerin eines hippen Online-Unternehmens, das in Kürze an die Börse gehen soll, ist bei der Eröffnungsfeier aus dem Fenster gefallen. Oder gesprungen. Oder geschubst worden. Welche von den drei Möglichkeiten es war, das soll Patsy herausfinden. Die hat eigentlich gar keinen Kopf dafür und wollte Urlaub machen, den sie dringend benötigt: Sie hat erfahren, dass sie mit ihrem Mann keine Kinder bekommen kann, und hadert mit dieser Tatsache. Doch ihr bleibt keine Zeit, über die Leere in ihrer Gebärmutter zu grübeln: Zu rätselhaft sind die Leute, die bei der Online-Tauschbörse Skiller arbeiten, zu verdächtig verhalten sich Ehemann, Chef und Kollegen, und zu sexy ist der Partner, der ihr in Irland an die Seite gestellt wird. Patsy muss, um mehr herauszufinden, ins Skiller-Hauptquartier nach Dublin. Ausgerechnet jene Stadt, die sie seit vielen Jahren nicht betreten hat – aus gutem Grund …

Können wir bitte kurz dieses Buch feiern! Ich hab es an einem Nachmittag im Freibad innerhalb weniger Stunden praktisch inhaliert. Die Kinder und der Mann waren not amused, aber ich konnte einfach nicht aufhören zu lesen: Das ist es, was ein guter Krimi mit einem macht. Und Ellen Dunnes Krimi ist so gut. Er ist spannend, interessant, witzig, herrlich sarkastisch und mit einer originellen Story sowie einem glaubwürdigen Ende ausgestattet. Ein Jackpot sozusagen. Mit ihrer Heldin Patsy Logan hat die österreichische Autorin, die selbst seit Langem in Irland lebt, eine grandiose Frauenfigur geschaffen – kein Weibchen, kein Püppchen, sondern eine smarte, aufgeweckte, sehr sympathische und menschliche Ermittlerin. Patsy hat eine große Klappe, was die Lektüre noch spaßiger macht. Genial finde ich zudem die Kulisse: Die Handlung spielt in einem Online-Unternehmen, wie sie heute überall zugange sind, aber bisher viel zu selten in Romanen thematisiert werden. Man merkt, dass Ellen Dunne, die selbst für Google gearbeitet hat, sich auf diesem Feld auskennt: Ihre Beschreibung von Skiller ist treffend, sarkastisch und wahnsinnig amüsant zu lesen. Ich texte viel für Digitalagenturen und kann nur sagen: Man redet dort wirklich so. Und die Idee, einen Todesfall in dieses Milieu zu setzen, ist wunderbar, weil die Machenschaften hinter dieser Kulisse einem ohnehin immer irgendwie dubios vorkommen. Wahrscheinlich, weil sie es sind.

Es gab eine Zeit, da habe ich Krimis und Thriller nicht nur gelesen, sondern geliebt. Am meisten mochte ich jene Suspense-Titel, die über klassische Whodunnits hinausgingen und den ermittelnden Figuren eine neue, eigene Tiefe gaben. Ich war so ein großer Crime-Fan, ich habe sogar mit 18 Jahren Elizabeth Georges Bücher zum Spezialgebiet meiner Englisch-Matura gewählt. Später hab ich mich dann sattgelesen oder besser gesagt derart überfressen, dass ich keine Krimis mehr ertragen konnte. Zu vorhersehbar, zu schematisch, immer dasselbe. Ab und an versuche ich es mit einem Thriller, aber ich finde sie alle platt und lahm. Es ist sehr schwierig mit mir und diesem Genre. Doch dann kam Ellen Dunne. Sie hat mir ein paar Stunden größtes Lesevergnügen geschenkt, einen Rausch, ein Mitraten und Mitfiebern und zugleich die Erinnerung an die Zeit, die ich mit den früheren Kollegen von Patsy Logan verbracht habe. Dank Harte Landung wusste ich wieder, warum ich Krimis einst so sehr mochte. Und das ist das größte Kompliment, das ich ihr machen kann.

Harte Landung von Ellen Dunne ist erschienen bei Insel Taschenbuch (ISBN 978-3-458-36288-3, 441 Seiten, 10,95). Das Buch ist übrigens der erste Teil einer Serie. Und hier könnt ihr Ellen Dunne ein bisschen kennenlernen.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Bauer„Um ein Kind zu zeugen, muss man ein optimistischer Mensch sein“

„Es gibt sowieso schon zu viele Menschen. Wozu also noch einen auf diese Welt bringen?“ „Vielleicht gibt es nicht zu viele Menschen“, erwiderte Marko. „Sondern einfach zu wenig gute.“

Dass er so denkt, ist nicht verwunderlich, denn Marko fährt einen Tankwagen – und sieht jeden Tag das Schlechte im Menschen. Sein Tankwagen enthält Wasser, und das ist etwas, das es nur noch selten gibt auf dieser Welt. Es ist begehrt, weil es lebensnotwendig ist. Es ist rationiert, weil zu wenig davon da ist. Die Menschen haben Durst, die Menschen haben Angst. Marko ist gefangen in einem moralischen Zwiespalt: Er tut Dienst nach Vorschrift, spürt aber, dass Ungerechtigkeit herrscht – die er selbst weiter befeuert. Nur: Wie soll er diesen Konflikt lösen, was kann er schon tun? Seine Frau ist längst fortgegangen, und er vermisst sie sehr. Doch er will seinen Bruder, der auf dem Familienhof sitzt und Alkohol vernichtet, nicht allein lassen. Als eine Bewegung namens Dritte Wille dazu übergeht, bei großen Happenings Wasser zu verschwenden, aus Protest, aus Provokation, um die Apokalypse schneller herbeizuführen, als sie ohnehin kommt, droht das labile Gleichgewicht endgültig zu kippen – and hell breaks loose.

Wer wissen will, was man eigentlich unter einer Dystopie versteht, braucht nicht zu googeln – sondern sollte lieber dieses Buch lesen. Denn es ist sozusagen Anschauungsunterricht deluxe. Zukunftspessimismus ist dabei keine Möglichkeit von vielen, sondern die Basis für alles, was geschieht. Während manch andere Dystopien Horrorszenarien entwerfen, die man mit einem milden Lächeln als unrealistisch abtun kann, sodass man sich nicht fürchten muss, ist Ein guter Mensch so nah dran an der Realität, dass es erschreckend ist: Kurz nach Erscheinen dieses Romans wurde beispielsweise das Wasser in Rom rationiert. Da denkt man dann schon: Hu?! So weit weg ist das nicht, was Jürgen Bauer da beschreibt, weder geografisch noch zeitlich. Er holt nicht aus, es gibt keine komplizierte, unglaubwürdige Story rund um einen Dritten Weltkrieg oder ähnliches, nein: Das ist die bittere, nackte Realität. Die Rohstoffe dieser Erde sind endlich. Auch das Trinkwasser. Und im Gegensatz zu Erdöl brauchen wir es, um zu überleben.

Der österreichische Schriftsteller hat mit seinen beiden Romanen Das Fenster zur Welt und Was wir fürchten schon ordentlich vorgelegt. Mit seinem dritten Buch hat er sich jedoch selbst weit übertroffen: Es spielt, so scheint es, in einer ganz anderen Liga. Es ist klug, scharfzüngig, politisch brisant und hochaktuell. Es ist spannend, mitreißend, intelligent konstruiert und macht einem eine Scheißangst. Darüber hinaus ist es ausgezeichnet geschrieben. Es ist ein Buch, nach dem ich anfange nachzudenken: Okay, schön und gut, dann verdurste ich eben in fünfzehn oder zwanzig Jahren, muss ich wenigstens das Elend dieser Erde nicht mehr ertragen. Aber wieso habe ich Kinder in diese Welt gesetzt? Was ist dann mit ihnen? Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch Ulrike Schmitzers Buch Die Stille der Gletscher, in dem das schmelzende Gletscherwasser von profitgierigen Leuten abgezwackt wird, um später – in der Situation, die Jürgen Bauer entwirft – Wasser zu haben. Das man dann teuer verkaufen kann. Somit habe ich in kürzester Zeit zwei Romane gelesen, von denen ich mir wünschte, sie wären unrealistisch, eine pessimistische Fantasie – während ich aber genau weiß, dass in ihnen in Wirklichkeit die beschissene Wahrheit steht. LESEN!

Ein guter Mensch von Jürgen Bauer ist erschienen im Septime Verlag (ISBN 978-3-902711-64-9, 224 Seiten, 22 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

Erdrich„Wenn das Chaos, das Unheil in die Welt kommt, pflanzt es sich immer weiter und weiter fort“

„Ich bin dran gewöhnt“, sagte LaRose, „ich bin jetzt an alles gewöhnt.“

Und das ist nicht verwunderlich, denn: Der kleine Junge muss neuerdings bei einer anderen Familie leben. Sein Vater Landreaux hat aus Versehen bei der Jagd auf einen Hirsch Dusty erschossen, den Sohn ebendieser Familie, und so gibt er LaRose einer alten Indianertradition als Pfand, als Leben für ein Leben, fort. Es zerreißt ihm und seiner Frau Emmaline, LaRoses Mutter, genauso das Herz wie LaRoses Geschwistern. Aber auch für die Eltern des toten Dusty und dessen Schwester Maggie ist es nicht leicht: Sie nehmen LaRose an und spüren doch, dass er die Lücke nicht füllen kann, weil es nun einmal unmöglich ist, eine derartige Lücke zu füllen. Seinerseits hinterlässt er eine Leerstelle in seiner eigenen Familie. Die Häuser sind nicht weit voneinander entfernt, man begegnet sich fast täglich, die Wunden sind tief. Was können sie tun? Wie kann dieses Versehen, das einen Jungen das Leben gekostet hat, wiedergutgemacht werden? Wie kann Heilung geschehen? Und welche Rolle spielen dabei die Ereignisse der Vergangenheit, die über allen Indianern liegen wie eine erstickend schwere Decke, von der sie sich niemals mehr befreien können?

Louise Erdrich ist eine Schriftstellerin, die nicht den Finger in eine Wunde legt. Sondern die ganze Hand. Ihre Romane gehören zu den mutigsten, die ich kenne, und ich gestehe: Wann immer ein Buch von ihr in meinem Regal steht, habe ich sehr lange Angst davor. Ich umschleiche es. Ich sehe es immer wieder an und fürchte mich. Ich weiß, dass es mir wehtun wird. Dass es mich zwingen wird, an Dinge zu denken, die mich traurig machen, zu grübeln, mich mit dem Menschsein auseinanderzusetzen, mit der Geschichte, mit dem Leben. Dass ich vielleicht sogar weinen werde, wenn ich es lese. Man muss sehr stark sein, um Louise Erdrichs Romane auszuhalten – und deshalb mag ich sie so sehr. Dies ist das dritte Buch von ihr, an das ich mich schließlich herangewagt habe.

Über ihren Romane Spuren habe ich geschrieben:

Louise Erdrichs Wurzeln liegen in North Dakota, sie ist die Tochter einer Indianerin. In ihren zahlreichen Büchern lässt sie eine Welt erblühen und Menschen auferstehen, die längst ausgelöscht sind. Der Hunger und der drohende Tod kriechen mir aus jeder Zeile von Spuren entgegen, jeder Atemzug der Indianer ist ein verzweifeltes Ankämpfen gegen ihr Schicksal, das die Weißen ihnen bringen. Dies ist ein unruhiges, ein aufwühlendes Buch, dessen Seele gequält aufschreit, wenn man es berührt.

Und über Das Haus des Windes, in dem es um einen Jungen geht, dessen indianische Mutter brutal von einem Weißen vergewaltigt wurde:

Denn neben dem originellen und überaus interessanten kulturellen Background gibt es da noch das überragende Talent der Autorin. Und die packende Dramaturgie der Geschichte. Und die sympathischen, lebensnahen Figuren. Und die traurige, knisternde, angespannte Stimmung. Das Haus des Windes ist wie ein Ritt auf einem wilden Mustang – ein Abenteuer, von dem ich nicht weiß, wohin es mich führt, etwas Ungewöhnliches, Unvergessliches. Louise Erdrich ist eine begnadete Erzählerin, und davon abgesehen, dass ihre Bücher politisch und kulturell von Bedeutung sind, sind sie auch einfach gut zu lesen.

Ein Lied für die Geister ist moderner als manche ihrer anderen Romane, es spielt in der Jetztzeit. Dennoch schwingt die extrem schreckliche Geschichte der Indianer stets mit, nicht zuletzt in den Rückblenden, sondern auch in allem, was gesagt wird, in allem, was passiert. Das finde ich gut und richtig, weil es mit einer bewundernswerten Selbstverständlichkeit geschieht: Der Ton ist wertfrei, nicht jammernd, nicht anklagend, er berichtet und bohrt sich dem Leser dabei bis in die Knochen.

Was lässt sich also noch sagen über Louise Erdrich und ihr bedeutsames Werk? Dass ihre Stimme wie ein alter Gesang ist, in einer Sprache, die ich nicht spreche und die mich dennoch tief innen anrührt. Dass sie ein Urwissen in sich trägt, etwas Mystisches, Naturverbundenes, das mich wahnsinnig traurig macht. Dass sie den Schmerz nicht scheut und nicht das Tabu. Dass sie für mich tatsächlich zu den besten Schriftstellerinnen gehört, die ich kenne – weil sie etwas zu sagen hat, weil ihre Bücher scharfe Messer sind, Stolpersteine, Mahnmale, geflüsterte Worte im Wind. Dass ihr sie lesen solltet, unbedingt. Seid mutig.

Ein Lied für die Geister von Louise Erdrich ist erschienen im Aufbau Verlag (ISBN 978-3-351-03646-1, 444 Seiten, 21,95 Euro).

Bücherwurmloch

  1. IMG_5684Es kommen Berge darin vor.
  2. Ironie ist kein Stilelement, nichts, das effektheischend eingesetzt wird. Ironie ist ein selbstverständliches Grundrauschen.
  3. Das Buch hat einen Schmäh. Keine pointierten, affigen Gags, sondern eine gewitzte, humorvolle Einstellung zur Welt, zum Leben, zu allem, was so geschieht.
  4. Es kommt Skifahren darin vor.
  5. Der Blick auf die Deutschen ist liebevoll-spöttisch.
  6. Der Blick auf die Österreicher ist liebevoll-spöttisch.
  7. Die Sprache ist melodiös, ein Singsang, durchzogen von Sarkasmus und einer Spur Fatalismus. Das kann man eh alles nicht ändern, schwingt da mit, das kann uns eh alles wurscht sein.
  8. Überhaupt: das Wurschtigkeitsgefühl. Ohne ein bisserl Wurschtigkeitsgefühl ist es kein echter Österreicher. Ein bisserl who cares, aber auf Deutsch. Ein bisserl passt schon und ja mei und wird scho‘ werd’n.
  9. Es kommen Berge darin vor, auf denen man Skifahren kann.
  10. Die Handlung ist vielleicht irgendwie absurd, manches nicht so recht erklärbar, und niemanden scheint das zu stören.
  11. Das Buch ist makaber.
  12. Es geht darin um alles Mögliche, aber sicher nicht um die DDR.
  13. Es wird gestorben, weil, ja mei, so ist das halt.
  14. Über allem liegt eine leise Melancholie.
  15. In der Beziehung zu den Eltern gibt’s Probleme. In der Ehe gibt’s auch Probleme. Das Leben an sich ist ein problembehaftetes. Niemand hüpft fröhlich und unbeschwert durchs Bild.
  16. Es kommen Almhütten darin vor, die auf Bergen stehen, auf denen man Skifahren kann.
  17. Österreich selbst ist kein Sehnsuchtsort. Es ist ein Land, in dem man es halt aushalten muss, an dem man viel auszusetzen hat, die Politik, die Geschichte, die Leut, die Dummheit, aber naja, eigentlich ist es eh nicht so schlecht, eigentlich ist es eh ganz schön, aber woanders, da wär’s halt vielleicht doch noch schöner.
  18. Die Figuren haben nicht gestanden und haben nicht gesessen, sie sind gestanden und sind gesessen. Sie laufen auch sehr wenig,  sie gehen stattdessen. Sie gucken nicht, sie schauen. Sie essen keine Berliner, sondern Krapfen, in denen Marmelade ist und niemals Konfitüre. Sie tragen Sackerln, keine Tüten (schon gar nicht Jutebeutel).
  19. Es herrscht eine leichte Grundunzufriedenheit, ein Basisgrant.
  20. Der Autor/Die Autorin sieht sehr gut aus.
Bücherwurmloch

19225838_10158890121235578_729124526951754862_n„Wir kennen die Identität des Opfers nicht, aber vielleicht können wir die Identität des Schweins herausfinden“

Worum geht’s?
Um die EU und die Krise, in der sie steckt. Dies ist ein Gesellschaftsroman, der seine Zeit aufgreift und vielschichtig wiedergibt: Von Brüssel über Griechenland bist zurück nach Auschwitz reichen die Fühler, die er ausstreckt. Mit viel Ironie und Pointen, die nur Galgenhumor schafft, erzählt Robert Menasse von einer Institution, die ein Imageproblem hat, von Nationalismus und Bürokratie, von Globalisierung und dem, woran die EU wirklich krankt: dass sie von Menschen gemacht ist, und Menschen machen Fehler. Außerdem läuft ein Schwein durch Brüssel.

MenasseWer ist Robert Menasse?
Man könnte meinen, der Österreicher sei ein EU-Kritiker, einer derer, die dagegen sind, doch das Gegenteil ist der Fall: Robert Menasse, der mit Die Hauptstadt die erste EU-Satire liefert, ist ein Verfechter dieser Institution und hat sich in Essays, Sachbüchern und Reden mit ihr sowie seinen jüdischen Vorfahren beschäftigt. Viel Zeit hat er in Brüssel verbracht, und man merkt es am Roman: Er kennt sich aus. Nicht nur in dieser Stadt, sondern in der gesamten EU.

Ist Die Hauptstadt massetauglich und gefällig?
Ja. Es ist sehr gut geschrieben und konstruiert, leicht lesbar, mit einem Reigen an Figuren, deren Lebensgeschichten man folgen kann. Sie bestehen nebeneinander, paradoxerweise verbunden durch ein Schwein. Das auch noch sehr schnell zum Medienstar wird.

Ist es langweilig?
Nein! Sehr unterhaltsam. An manchen Stellen zieht es sich vielleicht ein wenig, aber generell hat es ein flottes Tempo.

Geht es darin um die DDR?
Nein! Sondern um die EU. Und das ist viel besser. Weil sorry, aber die DDR ist sooo 1989.

Ist es ein „großer deutscher Roman“?
Es ist der erste große und wichtige EU-Roman. Hochaktuell, um nicht zu sagen brisant, ein schlaues und fein ausbalanciertes Werk.

Ist es „tief bewegend“, „politisch akut“ oder „ein geniales Sprachkunstwerk“? (Jury-Zitate aus den Gewinnerbegründungen der letzten Jahre)
Nein, das nicht unbedingt. Aber thematisch am Puls der Zeit.

Wie hoch stehen die Chancen, den Buchpreis zu gewinnen?
Sehr hoch!

Die Hauptstadt von Robert Menasse ist erschienen bei Suhrkamp (ISBN 978-3-518-42758-3, 459 Seiten, 24 Euro).