Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

KobekDer Roman der Stunde
Jarett Kobek hat I hate the internet im Selbstverlag bei Amazon eingestellt – und etwas geschafft, das von diesen Selbstverlagautoren so gut wie keiner schafft: Sein Buch wurde von einem Verlag aufgegriffen und publiziert, in diverse Sprachen übersetzt, ein Superseller. Dass dieser Roman im Internet seinen Anfang nimmt, das passt, denn das Internet hat er auch zum Inhalt. Nichts als das Internet. Um es einmal klar zu sagen: Dies ist ein wirklich schlechtes Buch. Eigentlich. Das betont der Autor selbst auch immer wieder, er macht daraus kein Geheimnis. Vielmehr spielt er damit, stellt sich selbst dadurch einen Freibrief aus. Dies ist ein mieser Roman, schreibt er, und deswegen kann er darin tun, was er will. I hate the internet ist ein wahnsinnig sarkastisches, fieses, böses, lustiges, grausiges Buch mit vielen Gedanken, die wir alle wohl schon hatten, und ohne Handlung. Ich hab gelacht mit diesem Roman, ich hab genickt, mich gegruselt, mich abgeholt gefühlt – und dass er schlecht ist, war mir vollkommen egal.

Irgendwie, am Rande, geht es um eine Frauenfigur namens Adeline, Comiczeichnerin und Internet-Unwissende, die einen Vortrag hält und dabei Meinungen äußert, die ihr einen gepflegten Shitstorm einbringen. Der Autor bleibt aber nicht bei seiner Figur, sondern mäandert ziellos herum, kommt von einem zum anderen, springt, spottet und witzelt – stets mit ernstem Hintergrund. Sein Buch zu lesen, ist, als würde man im Internet surfen: Man klickt sich durch, kommt von einem Wikipedia-Eintrag zu einem anderen zu einem Youtube-Video zu einer Band-Website zu Facebook und dann hat man längst vergessen, was man ursprünglich gesucht hat.

I hate the internet löst ein Lachen aus, das einem im Hals stecken bleibt. Silicon Valley, Hipster, Google, Gentrifizierung, Rants und Grids und Likes, geistiges Eigentum und dessen Diebstahl, Geld, Banken, Lug und Trug, Hatespeech: Das ist unsere Welt. Jarett Kobek analysiert sie nicht, er bildet sie ab, und das ist wahrlich schlimm, denn: Alles, was er schreibt, ist wahr. Und damit ihr euch besser vorstellen könnt, wie sich I hate the internet liest, soll das Buch hier selbst zu Wort kommen:

The internet was a wonderful invention. It was a computer network which people used to remind other people that they were awful pieces of shit.

Some of her other mistakes: She was a woman in a culture that hated women. She’d become kind of famous. She’s expressed unpopular opinions.

The One True God was an idea that took many forms and shapes. The One True God was a potent weapon used by sexually repressed members of society to inflict misery on everyone else.

Automobiles were mechanized vehicles which transported human beings from one point to another while destroying the atmosphere and the planet.

The formalized systems in which grown men threw around balls were called sports. Sports were big money for men who threw around balls, and even bigger money for the men who paid other men to throw around balls. Typically the men who paid other men to throw around balls would find their employees among the poor and ill-educated, as the poor and ill-educated were more likely to sign bad contracts.

It was the twenty-first century. It was the internet. Fame was everything. There was nothing left to buy. Fame was everything because traditional money had failed. Fame was everything because fame was the world’s last valid currency.

Adeline’s real error was critizising both Beyoncé and Rihanna and their fans’ relationship to their achievements. Beyoncé and Rihanna were pop stars. Pop stars were musical performers whose celebrity had exploded tot he point where they could be identified by single words. You could say BEYONCÉ or RIHANNA to almost anyone anywhere in the industrialized world and it would conjure a vague neurological image of either Beyoncé or Rihanna. Their songs were about the same six subjects of all songs by all pop stars: love, celebrity, fucking, heatbreak, money and buying ugly shit.

All the while, Google was making money.

Sometimes it feels like there are only eleven people in the world and that the rest are paste.

Weirdly, anywhere in America, gay people could marry other gay people of the opposite gender. This tended to defeat the purpose of marriage, a social tradition by which sex is legitimized through shared bank accounts.

The illusion of the internet was the idea that the opinion of powerless people, freely offered, had some impact on the world. This was, of course, total bullshit and a crzy idea of who ran the world. The world was not run by its governments. The world was not run by its celebrities. The world was run by its bankers. The history of human destiny was money, the men who controlled it, and nothing more.

I hate the internet von Jarett Kobek ist auf Deutsch unter dem Titel Ich hasse dieses Internet bei S. Fischer erschienen.

 

 

Bücherwurmloch

Zitat„Aber im Rückblick ist es billig, Vorboten zu sehen. In der Fülle dessen, was man miteinander macht, gibt es für alles, was später kommt, Vorboten – und auch für alles, was später nicht kommt.“
Lloyd Jones: Mister Pip

„Erinnerung ist ein tröstlicher Phantomschmerz des Lebens, eine Art höherer Nachgeburt. Erst wenn die Erinnerung ganz vertrocknet ist, tritt der Tod vollständig ein.“
Dimitri Verhulst: Die Beschissenheit der Dinge

„Noch zuckende Bücher, aus denen die Sätze schossen wie frisches Blut.“
Pierre Péju: Die kleine Kartäuserin

„Dann trat Stille ein, so durchsichtig, daß über dem Tumult der Vögel und den Silben des Wassers auf dem Stein der trostlose Atem des Meeres zu vernehmen war.“
Gabriel García Márquez: Die Liebe in den Zeiten der Cholera

„Die Lebensgeschichte eines Menschen ist gleich dem, was er erreicht hat, plus das, was er noch erreichen möchte, minus das, was er bereit ist, dafür zu opfern.“
Craig Clevenger: Der geniale Mister Fletcher

„Und die Sehnsucht ist eine traurige Sache, aber ein wenig Freude ist auch dabei.“
Milena Agus: Die Frau im Mond

„Als ob es auf der Welt einen Gott gäbe! Gott ist ein Wahn, geboren aus der Einsamkeit der Menschen.“
Hitonari Tsuji: Warten auf die Sonne

„For some, the most difficult thing in life is knowing what they are surviving for.“
Eliot Pattison: Prayer of the Dragon

„Zuletzt öffnete er die Wohnungstür und fand sein Wohnzimmer im proportionalen Verhältnis zu seiner Lebenslust zu klein.“
David Foenkinos: Nathalie küsst

„Konjunktiv ist die schönere Welt. Das weiß in Österreich jeder.“
Verena Roßbacher: Schwätzen und schlachten

Für Gourmets: 5 Sterne

Janosch„Ich habe die Kinderwelt nie verlassen und die Erwachsenenwelt nie erreicht“

„Ich weiß so gut wie nichts, Bildung: null. Allgemein gutes Benehmen, Essen mit Besteck, die Hauptstadt von Estland – alles null. Ich fiel bisher durch jede Prüfung, das ist echt wahr, heiliger Schwur.“

Umgekehrt weiß aber jedes Kind, wer Janosch ist. Im gesamten deutschsprachigen Raum ist er bekannt für seine wunderbaren Bücher, für den kleinen Tiger und den kleinen Bären. Aber was ist das eigentlich für ein Mann, der diese fantasievollen, stets leicht schrägen Geschichten erdacht hat? Was ist seine eigene Geschichte, wie war sein Leben? Janosch wurde 1931 als Horst Eckert in jenem Zwischengebiet geboren, in dem Polnisch, Deutsch und Schlesisch zu hören war, und der Vater, der zum Zeitpunkt der Geburt im Gefängnis saß, suchte einen möglichst NSDAP-tauglichen Namen aus, denn eine polnische Herkunft war zu jener Zeit schon nicht mehr ratsam. Janosch litt unter diesem Namen und schuf ihn selbst ab, benannte sich um, als er es konnte. Er litt auch an seinen Eltern, an diesen zwei Menschen, die ihn schlugen, traten, beschimpften und bespuckten, die ihn drangsalierten und quälten. Stellt euch eine schlimme Kindheit vor, und dann noch schlimmer, dann wisst ihr, wie es Janosch erging, aber ihr wisst es nur theoretisch – es erlebt zu haben, muss die Hölle gewesen sein. Der Vater soff wie ein Loch, die Mutter wahrte den schönen Schein, verprügelte ihren Sohn jedoch so sehr, dass er mehrmals im Krankenhaus landete und auch Jahrzehnte später noch Probleme mit dem Herzen und der Lunge hatte. Allen erging es damals so, von den Eltern geschlagen zu werden, das war normal. Kein Wunder also, dass Janosch bei der ersten Gelegenheit nach dem Krieg die Flucht ergriff. Er wollte Maler werden, „hauptsächlich, um Mädels zu kriegen“, aber er scheiterte an den Kunstakademien und Galerien. Was später sein Markenzeichen werden sollte – die Ungenauigkeit, der zittrige Strich, – wurde ihm erst einmal zum Verhängnis. Aber er gab nicht auf, arbeitete wie ein Wilder, verdiente sich sein Geld durch das Entwerfen grafischer Muster, wanderte sehr früh nach Ibiza aus, als die Insel noch rau war und untouristisch, als niemand sich dafür interessierte. Er wollte sich nicht binden, das Wichtigste war ihm seine Freiheit, „schon Blumen gießen zu müssen, ist mir zu viel Zwang“. Seine traumatische Kindheit arbeitete er in Büchern auf, trank sich fast zu Tode in der Zeit, in der er sie schrieb. Die Romane wurden veröffentlicht, doch es sollte noch dauern, bis der Name Janosch ein Begriff für jedes Kind wurde:

„Mit dem fulminanten Erfolg des Bestsellers „Oh, wie schön ist Panama“ schaffte Janosch 1978 seinen endgültigen Durchbruch – zwanzig Jahre nach Erscheinen seines ersten Buches. Bevor Janosch diese Geschichte schrieb, war Panama kaum jemandem ein Begriff. Er selbst kam drauf, als er im Radio eine Reportage über Manuel Noriega hörte, den berüchtigten südamerikanischen Machthaber und Drogenboss. Das Land, das von Noriega aufgrund gefälschter Wahlen regiert wurde, schien Janosch ein Symbol für absolute Anarchie – sein Panama als Traumland hat jedoch mit dem realen Staat nicht das Geringste zu tun.“

Und dann? Janosch zeichnete, schrieb, dachte, dichtete, lag in der Hängematte. Er trieb die Schrecken der Kindheit aus sich hinaus, aber noch heute träumt er nachts davon, erstickt beinahe daran. Über 80 Jahre ist er alt, er hat eine Frau gefunden und auch mit Schlesien seinen Frieden geschlossen. Reich geworden ist er trotz der Tigerente nicht, weil er über den Tisch gezogen wurde, weil er zu weich war für den Streit rund um Lizenzen und Rechte. Aber das Gute ist: Glücklich ist er trotzdem. Weil er, wie er sagt, fast nichts braucht, und deswegen alles hat.

Ich bin kein Janosch-Kind. Theoretisch wäre ich, geboren in den Achtzigern, im richtigen Alter, aber an meiner Kindheit ging die Tigerente vorbei. Entdeckt habe ich Oh, wie schön ist Panama erst, als mein Sohn es von einer meiner besten Freundinnen geschenkt bekam. Freilich wusste ich, dass es Janosch und seine Geschichten gab, nur gelesen hatte ich sie nicht. Dadurch konnte ich sie gemeinsam mit meinen Kindern entdecken – und war tief beeindruckt von der schelmischen, direkten Art, von den aneckenden, liebenswerten Figuren und davon, dass Janosch Kindern etwas zutraut, sie nicht durch verschleiernde Märchen beschützt vor der Welt. Als ich seine Biografie in der Bücherei stehen sah, hab ich zugegriffen, aus Interesse an dem Menschen hinter der Tigerente. Mit dreizehn hatte ich ein großes Faible für Biografien, hab sie reihenweise gelesen – und mit dem Buch über Janosch hab ich mich wieder erinnert, warum: Gewisse Persönlichkeiten üben eine große Faszination aus, und es macht Spaß, einzutauchen in die einzige Geschichte, die nicht erfunden ist – jene ihres Lebens. Angela Bajorek, die sich ursprünglich an der Universität mit Janoschs Werken beschäftigt hat, hat über viele Jahre hinweg langsam Zugang zu dem Eigenbrötler gefunden und erreicht, dass er sich ihr geöffnet hat. Man merkt ihrem Buch eine große Zuneigung zu Janosch an, viel Einfühlungsvermögen und den Willen, ihn in all seinen Facetten zu zeigen – den guten wie den schlechten. Das ist ihr gelungen. Dies ist ein ausgezeichnetes Porträt eines lebensklugen Mannes.

Wer fast nichts braucht, hat alles. Janosch, die Biographie von Angela Bajorek ist erschienen im Ullstein Verlag (ISBN 9783550081255, 320 Seiten, 22 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

IMG_3384„Es ist nicht immer klar, wann man die Menschen trifft, die einem am meisten schaden“

„Vermeintlich unbelebte Dinge haben mehr Macht, als die meisten Menschen zugeben wollen. Sie können einen verzehren oder einen befreien. Sie können einen für den Rest des Lebens herabziehen oder, wenn man es zulässt, einem die Bürde des Erinnerns abnehmen.“

Solche Dinge sammelt Cathy, und zwar schon seit ihrer Kindheit: Spielzeugsoldaten, Federn von seltenen Vögeln, Tierskelette. Alles, was eine Bedeutung hat für Cathy, befindet sich in dieser Sammlung, und es passt zu ihr, dass sie in einem Museum arbeitet. Sie ist Konservatorin und soll bei der 200-Jahr-Feier des Museums für Naturkunde in Berlin für ihre Forschung ausgezeichnet werden. Im selben Museum arbeitet auch ihr Verlobter Tom, mit dem sie nicht nur das Berufliche teilt, die beiden sind in enger Liebe verbunden. Doch dann bekommt Cathy ein Päckchen mit einer in Bernstein eingeschlossenen Raubwanze. Das wäre ein schönes Stück für ihre Sammlung, doch Cathy weiß auch ohne Absender, wer ihr die Wanze geschickt hat – und wer sie somit gefunden hat. Jemand aus ihrer Vergangenheit, den sie endlich hinter sich lassen möchte. Jemand, der ihr einst sehr wichtig war und dem viele der unbelebten Dinge in ihrer Sammlung zugeordnet sind. Und der eine Gefahr für sie ist.

Museum der Erinnerung von Anna Stothard, die in Los Angeles Drehbuch studiert hat, hat mich ziemlich überrascht. Es ist nämlich das, was man gemeinhin ein „Frauenbuch“ nennt, und das hatte ich nicht erwartet. Das Cover sieht nicht so aus, und ich kenne Diogenes viel tiefsinniger und literarischer. Damit will ich dieses Debüt nicht schlechtmachen, denn es ist durchaus gut geschrieben. Wer das Seichte, Leichte mag, für den ist dieser Roman sicher ein ganz besonderes Zuckerl. Es ist alles da, was man haben will: Liebe und gebrochene Herzen, eine verrückte Kindheit, intensive Gefühle und spannende Jetzt-tut-er-ihr-gleich-was-Szenen. Gekrönt wird das von einer süßen Dosis Kitsch, die das Zuckerl abrundet wie der Schlagobers den Eisbecher. Die Sache ist die: Hätte ich gewusst, dass dies ein Unterhaltungsbuch ist, das man am ehesten in den Urlaub mitnimmt, hätte ich es nicht gelesen. Aber: Zufälligerweise habe ich das Buch in den Urlaub mitgenommen, und deswegen war es genau das Richtige.

Museum der Erinnerung von Anna Stothard ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-30048-2, 304 Seiten, 16 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

IMG_3381„Es war unmöglich, eine Auszeit von sich selbst zu nehmen“

„Die Klinik war ein Schutzraum, in dem jeder nach und nach begann, sein zugeschüttetes Wesen freizuscharren. Ein gebrochenes Bein oder eine Platzwunde war leichter zu verstehen. Acht Wochen Gips, Pflaster drauf, alles war sichtbar. Die Ursache, die Symptome, auch die Heilung. Psychische Störungen dagegen waren unsichtbar.“

In einen solchen Schutzraum, eine Klinik, begibt sich die junge Juli. Sie hat lange auf den Therapieplatz gewartet und ist fest entschlossen, ihn zu nutzen. Jeden Morgen steht sie pünktlich auf, macht sich auf den Weg zur Klinik, nimmt an den Gruppensitzungen und Aktivitäten teil. Sie trifft dort den attraktiven Philipp, der schizophren sein soll, und die quirlige Sophie, bei der eine bipolare Störung diagnostiziert wurde. Sie alle haben ihr Päckchen zu tragen, jeder für sich, doch dann schweißt ein gemeinsames Erlebnis die drei zusammen, und es wird klar: Das Wochenende, das vor ihnen liegt, das müssen sie einfach zusammen verbringen. Juli, die eine bestimmte Form von Autismus hat, passt das nicht, sie will nachhause, in die Sicherheit ihrer vier Wände, und doch kann sie sich der seltsamen Dynamik, die zwischen ihr, Philipp und Sophie entsteht, nicht entziehen. Nicht einmal, als es gefährlich wird.

Wie verrückt ist verrückt genug? Das ist die zentrale Fragen von Niah Finniks erstem Roman Fuchsteufelsstill. Wer ist noch normal, wer ist es nicht mehr? Und wo genau verläuft die Grenze? Klar wird eigentlich nur, dass das völlig unklar ist. Ist das, was wir Therapie nennen, wirklich hilfreich? Medikamente, die den gesamten Geist auf Standby setzen, Stuhlkreise, Töpfern? Die Autorin, die im neuen Imprint Ullstein fünf debütiert hat, ist noch keine 30 Jahre alt und hat das Asperger-Syndrom. Anders gesagt: Schreib über das, was du kennst – und mit Autismus kennt Niah sich demzufolge aus. Ich war deshalb sehr gespannt auf ihr Buch. Wie würde jemand von Autismus erzählen, der nicht von außen draufsieht? Was für Einblicke würde sie mir geben können, welche neuen Erkenntnisse?

Wenn die Frage lautet, wie verrückt ist verrückt genug, muss ich gestehen, und es ist mir fast ein bisschen peinlich, dass mir Fuchsteufelsstill (wunderbarer Titel übrigens und sehr schönes, von der Autorin selbst designtes Cover) nicht verrückt genug war. Protagonistin Juli hat gewisse Spleens, eine Vorliebe für die Farbe Blau, für Zahlen und für Quantentheorie, sie steckt nicht gern in Menschenmassen, zählt mit, wie weit sie sich von ihrer Wohnung entfernt befindet, und hat Angst vor Nähe. Ist man damit schon nicht mehr normal, ist man damit schon krank? Ich kann das nicht beurteilen, nur denke ich während der Lektüre ständig: Das hab ich so alles schon gelesen. Solche Figuren sind mir bereits oft begegnet. Die leicht Beschädigten. Die, mit denen was nicht ganz stimmt. Die einsam sind und schrullig, die Stimmen hören oder keinen Grund mehr sehen, zu leben. Die überdrehte Sophie entspricht dem Stereotyp einer manischen Patientin, und dann taucht auch ein eiskalter Businesstyp auf, der sich, von Langeweile geplagt, gestörter verhält als unsere drei Klinikhasen zusammen. Klischee, ja, natürlich, und genau das hat mich sehr überrascht, weil ich erwartet hatte, dass eine Autorin, die eigene Erfahrungen einbringt, mit diesen Klischees aufräumen würde. Aber Niah Finnik kann auf jeden Fall sehr gut schreiben. Das ist es auch, was diesen Roman lesenswert macht – das und die Art, auf die er einen nachdenklich stimmt. Am Ende zeigt sich: Wir suchen doch alle eigentlich nur nach der Liebe. Und das ist wahrlich sehr verrückt.

Fuchsteufelsstill von Niah Finnik ist erschienen bei Ullstein (ISBN 9783961010035, 304 Seiten, 14,99 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

IMG_3822„Lasst uns auf unsere Freunde trinken und mögen wir alle mehr Freunde haben als Blätter an einem Apfelbaum“

Fünfzig Jahre ist es her, dass die kleine Rike gestorben ist. Dass sie aus dem Kirschbaum gefallen und Blut aus ihrem Ohr geflossen ist. Martina kann das nicht vergessen, und ihre Mutter Elena kann es auch nicht. Jetzt wird Elena 88 Jahre alt, ein rauschendes Fest gibt man ihretwegen, die Polka wird getanzt, der Honigschnaps wird getrunken, aber für Elena ist der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit schon fließend. Für Elena gäbe es noch viel zu sagen, nur hat sie nicht mehr viel Zeit. Aber jetzt, wenn man ehrlich ist, würde sie es wahrscheinlich auch nicht mehr aussprechen, fünfzig Jahre später. Wo doch jeder nur geschwiegen hat über alles, was wichtig war. Tochter Martina über das, was wirklich geschehen ist und was sie über Rike gedacht hat. Enkelsohn Daniel über seine komplizierten Gefühle seiner Freundin Sasha gegenüber. Sasha über das, was sie erlebt hat auf ihren wilden, gefährlichen Reisen in Kriegsgebiete und Ecken der Welt, die gut und gern das Ende sein könnten. Und Anja über das, was sie tatsächlich sucht, wenn sie ihrer kleinen Tochter Schlaftropfen in die Milch gibt, um sie nachts allein zu lassen.

Es ist nicht einfach, den Inhalt von Tina Pruschmanns Debüt wiederzugeben. Das liegt daran, dass es kaum möglich ist, das Buch nachzuerzählen, zu kurz sind die Erzählstränge, zu verwickelt das Gesamtbild. Die Kapitel sind episodenhaft, nicht chronologisch aneinandergereiht, sie hängen zwar zusammen, ja, sie haben teilweise dasselbe Figureninventar, und doch wirken sie mehr wie Interlinking Short Stories denn wie ein Roman. Die Autorin, die Soziale Verhaltenswissenschaft und Soziologie studiert hat, lässt die Handvoll Charaktere, die sie entworfen hat, Banales und Schreckliches erleben, lässt sie sich verlieben, sich trennen, lässt sie lachen, leiden und sterben. Es geht um ihre Schicksalsmomente, um jene Augenblicke, die etwas verändern, sofort oder erst, vielleicht unbemerkt, später. Kurze Einblicke bekommt der Leser in diesem langen Reigen von Mosaiksteinchen aus einer ungefähren Zeitspanne zwischen 2002 und 2015, mit Ausnahmen, die weiter zurückreichen, die Kapitel sind datiert, aber um wen es geht, das muss man herausfinden, indem man liest, sich wundert, grübelt, irgendwann draufkommt. Das ist gut, es ist herausfordernd, anstrengend ist es auch.

Im Klappentext steht „Mit großer Leichtigkeit erzählt Tina Pruschmann von diesen besonderen Momenten, den Lostagen im Leben“ – nein. Leicht ist an diesem Buch gar nichts. Mit bleierner Schwere, müsste es eher heißen, denn Lostage ist unfassbar deprimierend. Obwohl ich das Melancholische liebe, hat dieses Buch mich derart niedergedrückt, dass ich oft tagelang nicht weiterlesen konnte. In seiner Art, eine Familie darzustellen und zu beleuchten, durch das Gesplitterte, Vereinzelte, hat es mich sehr stark an Rabenkinder von Heike Duken erinnert, meinen Favorit für den Blogbuster-Preis. Die Romane ähneln sich sehr, zum Teil im Inhalt, aber mehr noch in der Aufmachung, dem Stil, der Idee, eine Familie nicht über ihren Zusammenhalt zu charakterisieren, sondern über die Erkenntnis, dass jeder für sich bleibt, dass jeder einsam ist, dass die Blutsverwandtschaft nichts weiter ist als ein locker geknüpftes Band, das der Zufall gewebt hat. Tina Pruschmann kann ohne Zweifel herausragend gut schreiben. Sie tanzt mit den Wörtern, sie gibt ihnen Befehle, denen die Wörter widerstandslos folgen. In seiner Gesamtheit ist Lostage komprimierte, elendige, bodenlose Traurigkeit. Es ist ein Buch, das man, um es lesen zu können, in erster Linie aushalten muss.

Lostage von Tina Pruschmann ist erschienen im Residenz Verlag (ISBN 9783701716807, 224 Seiten, 22 Euro).

Bücherwurmloch

  1. 19225838_10158890121235578_729124526951754862_n
    Endlich bin ich dabei! Natürlich hab ich jedes Jahr auf die Buchpreisblogger geschielt, ihre Beiträge gelesen und die Diskussionen verfolgt. Umso grandioser finde ich es, dass ich 2017 mit von der Partie sein darf. Und hoffe freilich, dass auch irgendjemand dann zu mir rüberschielt.
  2. Ich werde die Buchpreis-Bücher lesen! Alle Jahre wieder werden Longlist und Shortlist mit Spannung erwartet, die nominierten Titel wirbeln die Literaturbranche und den Buchhandel auf, und ich bin wahnsinnig gespannt, welche Romane das 2017 sein werden.
  3. Bisher hab ich den Buchpreis eher aus der Ferne betrachtet, als große Aktion, die im Spätsommer über die Literaturbühne geht, mich aber wenig betrifft. Dieses Mal werde ich mittendrin und live dabei sein. Das große Lesen beginnt am 15. August, verliehen wird der Preis am 9. Oktober.
  4. Diskussionen, die Sinn machen und gleichzeitig auch noch friedvoll ablaufen, sind ja im Internet nicht unbedingt häufig zu finden. Ich stelle mir vor, dass wir Buchpreisblogger das in diesem Fall hinbekommen. Ich bin neugierig auf die Meinung der anderen und freu mich auf die Möglichkeit, mich mit Gleichgesinnten über Bücher auszutauschen, denn in meinem Umfeld gibt es kaum Lesende, und somit hab ich zu sowas selten die Gelegenheit.
  5. Die, mit denen ich diskutieren werde, sind auch ein Grund zur Freude: meine werten Kollegen! Fünf sind es an der Zahl, und ich schätze sie alle sehr: Sandro Abbate novelero, Isabella Caldart novellieren, Sarah Reul Pinkfisch, Frank Rudkoffsky Frank O. Rudkoffsky, Ilke Sayan (Booktuberin) BuchGeschichten.
  6. Letztes Jahr hat mit Bodo Kirchhoff ein Autor der FVA den Buchpreis gewonnen, wo auch mein Roman im Frühjahr 2018 erscheinen wird. Das tut eigentlich nichts zur Sache, verstärkt meine Freude aber trotzdem noch zusätzlich.

Der Hashtag zum Buchpreisspaß lautet #dbp17, das ist der neue Blog des Deutschen Buchpreises, und hier findet ihr alles auf Facebook. Das Logo ist von Jochen Kienbaum.

Gut und sättigend: 3 Sterne

Zwicker„Manchmal würde ich auch gern die Erinnerung verlieren“

„Die meisten sehen es falsch. Sie glauben, die Alten würden abgehängt. Sie glauben, die Alten verlören den Anschluss, weil der Zahn der Zeit ihre Geister und Körper daran hindert, mit dem rasenden Fortschritt mitzuhalten. Das stimmt aber nicht. Der Fortschritt gestaltet nur die Kulisse. Und in diesem ewigen Trauerspiel liegen die Alten immer voran.“

Kehr ist alt, und viel, das ist ihm klar, wird nach dem Tod seiner Frau nicht mehr kommen. Er gibt vor, senil zu sein, an Demenz zu leiden, damit seine Familie ihn ins Pflegeheim bringt. Dort, so stellt er es sich vor, wird er ein ruhiges Leben haben in seinen letzten Jahren. In Wahrheit ist es jedoch anstrengend, den Demenzkranken zu spielen, herumzuschreien, in die Hose zu machen und vor allem kein Wort mit seiner geliebten Enkelin Sophie zu sprechen. Es bricht ihm das Herz, dass er so tun muss, als würde er sie nicht kennen. Sie ist die Einzige, die ihn besucht, die Einzige, die er liebt. Kehr rechnet ab mit dem Leben, mit seinen Fehlern und Verlusten, er beobachtet die anderen Pflegebedürftigen, manchmal spielt er ihnen Streiche. Und er büxt gern aus, aber nur, um sich vorn an der Ecke beim Türken was zu kaufen. Dann kommt seine Jugendliebe Annemarie in dasselbe Pflegeheim, und Kehr merkt, dass er sich mit seinen Lügen und Täuschungen in die Ecke manövriert hat, dass er sich nur noch im Kreis dreht.

Frédéric Zwicker hat als Zivildiener in einem Pflegeheim gearbeitet, und das merkt man seiner Erzählung an: Hier schreibt einer, der genau weiß, was Sache ist. Er berichtet über die Arbeit der Pfleger, über das Verhalten der zu Pflegenden – man möchte sie fast Insassen nennen, haben sie doch keinen Weg in die Freiheit mehr – und über den Alltag in einem solchen Heim. Was zuerst nach einer guten Idee klingt, einen alten Mann dort hinzubringen, der nur vorgibt, dement zu sein, der im Heim beobachten und entlarven, Schabernack treiben und den Leser unterhalten kann, stellt sich im Laufe des Romans als Spiegeltrick heraus. Es scheint, als habe der Protagonist eigentlich nur sich selbst getäuscht. So ganz, das muss ich gestehen, begreife ich nicht, warum er das tut. Weshalb lässt er sich einliefern, sich seiner Freiheit berauben, obwohl es nicht nötig wäre? Wieso verletzt er seine Enkelin derart tief, gibt vor, sie nicht zu erkennen, obwohl er sie so sehr liebt? Und warum gibt er seine Tarnung nicht einmal dann auf, als seine große Liebe Annemarie vor ihm steht? Ich hab mich gefragt, ob er vielleicht nur denkt, er sei nicht dement, und es in Wirklichkeit aber ist, nur: Das kommt mir dann doch zu kompliziert vor. Oder bedürfte zumindest einiger Erklärungen, die es nicht gibt.

Das ist die Schwachstelle an diesem Buch, das Unerklärliche, Fragwürdige, ansonsten ist es gut geschrieben, sehr authentisch, in Eigenerfahrung recherchiert und originell. Wer es liest, wird – vermutlich nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal denken –, dass er als alter Mensch hoffentlich nicht in einem Heim landen wird. Das Erste, was einem an der Tür abgenommen wird, scheint die Würde zu sein. Ein lesenswerter, aber wahrlich kein herausragender Roman.

Hier können Sie im Kreis gehen von Frédéric Zwicker ist erschienen bei Nagel & Kimche (ISBN 978-3-312-00999-2, 160 Seiten, 20 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Bronsky„Wir sind den Menschen unheimlich. Sie scheinen zu glauben, dass die Todeszone sich an die Grenzen hält, die Menschen auf Landkarten einzeichnen“

„Es gibt Tage, da treten sich in unserer Hauptstraße die Toten auf die Füße. Sie reden durcheinander und merken nicht, welchen Unsinn sie erzählen. Das Stimmengewirr hängt über ihren Köpfen. Dann wiederum gibt es Tage, da sind sie alle weg. Wohin es sie dann verschlägt, weiß ich nicht. Vielleicht erfahre ich es, wenn ich eine von ihnen bin.“

Und eine von ihnen könnte Baba Dunja bald sein: Sie ist alt, und sie lebt in Tschernowo. Das ist ein Gebiet um Tschernobyl, so verstrahlt, dass niemand es betreten will, sogar der Bus hält an einer Stelle zwei Stunden Fußmarsch von Tschernowo entfernt. Baba Dunja ist heimgekehrt. Sie weiß genau – zumal sie ihr Leben lang Krankenschwester war –, was für eine Gefahr das Gemüse darstellt, das sie in ihrem kleinen Garten erntet, wie tödlich jeder Schluck Wasser sein kann, doch es kümmert sie nicht. Sie will zuhause sein, sie will hier ihre letzten Jahre verbringen, sie will hier sterben. Und sie ist nicht allein: Die Gavrilovs sind da, der alte Petrov, die dicke Marja. Ein paar andere Alte haben sich wieder niedergelassen in Tschernowo, sie alle sind eine kleine Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig die meiste Zeit in Ruhe lässt, aber zusammenhält, wenn es drauf ankommt. Dass die Öffentlichkeit sie für verrückt hält, ist Baba Dunja und ihren Nachbarn egal:

„Meine Arbeit hat mich gelehrt, dass Menschen immer und ausschließlich das tun, was sie wollen. Sie fragen nach Ratschlägen, aber eigentlich brauchen sie fremde Meinungen nicht. Aus jedem Satz filtern sie nur das heraus, was ihnen gefällt. Den Rest ignorieren sie.“

Baba Dunjas Kinder sind weit fort, ihr Sohn lebt am anderen Ende der Welt, ihre Tochter in Deutschland. Manchmal bekommt Baba Dunja ein Paket mit praktischen Dingen, manchmal einen Brief. Doch dann erhält sie zum ersten Mal einen Brief von Laura, ihrer Enkelin, und das macht Baba Dunja Sorgen: Was steht drin? Warum hat Laura ihr geschrieben? Sie hat keine Möglichkeit, die Worte zu entschlüsseln, versteht sie doch weder Deutsch noch Englisch. Klar ist nur: Etwas ist passiert. Und obwohl Baba Dunja nur ihre Ruhe möchte, weitab der Zivilisation, im giftigen Herzen des nuklearen Katastrophengebiets, wird ihr genau diese Ruhe nicht gewährt …

Alina Bronsky ist ziemlich großartig, das wusste ich schon nach Scherbenpark vor vielen Jahren – mit Baba Dunjas große Liebe ist es mir wieder eingefallen. Es ist gut möglich, dass ich nun auch die Bücher lesen werde, die sie dazwischen geschrieben hat, und ihr wisst, ein größeres Kompliment kann ich kaum aussprechen. Alina Bronsky hat die seltene Gabe, gewitzt, schlau und ohne großes Drama über Themen zu schreiben, die eigentlich großes Drama bedeuten. Ihre Idee, eine Geschichte rund um eine alte Tschernobyl-Heimkehrerin zu erfinden, ist schlichtweg genial. Sie hat eine Protagonistin erschaffen, die lebensklug ist und erfinderisch, einfallsreich und entspannt, eine gute Beobachterin, jemand, der schon viel gesehen und erlebt hat, den nichts mehr erschüttern kann. Das würde man denken, denn dann – und das macht den kurzen Roman durchaus spannend – geschehen sehr wohl Dinge, die Baba Dunja erschüttern. Sie ist eine von den Heldinnen, die gar keine Heldinnen sein wollen, und denen gerade deshalb das Herz des Lesers zufliegt. Sie ist kein weicher, manipulierbarer Mensch, im Gegenteil, mit ihr sollte man es sich nicht verscherzen. Das alles macht sie einerseits sympathisch und interessant, zugleich auch sehr authentisch: Baba Dunja ist die Oma, die dich liebevoll mit Kuchen füttert, dir aber auch spöttisch in den Speck zwickt.

Dieses Buch ist eine Geschichte über Außenseiterdasein und das Glück derer, die sich nicht mehr den Zwängen der Gesellschaft unterwerfen müssen.

„Was ich an Tschernowo niemals gegen fließend Wasser und eine Telefonleitung eintauschen würde, ist die Sache mit der Zeit. Bei uns gibt es keine Zeit. Es gibt keine Fristen und keine Termine. Im Grunde sind unsere täglichen Abläufe eine Art Spiel. Wir stellen nach, was Menschen normalerweise tun. Von uns erwartet niemand etwas.“

Es ist auch ein Buch über das Altern und Loslassen, über Mut, Zusammenhalt und die Bindungen innerhalb einer Familie. Über Tote, die nicht gehen wollen, die Dummheit der Menschen und über Lügen, die Folgen haben. Wer es noch nicht kennt: Unbedingt lesen!

Baba Dunjas letzte Liebe von Alina Bronsky ist als Taschenbuch erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (ISBN 978-3-462-05028-8, 160 Seiten, 8 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Swift„Es ging darum, dem, was das Leben ausmachte, treu zu sein, zu versuchen, genau das einzufangen, was Lebendigsein bedeutete“
Sie ist jung, sie ist hübsch, und sie ist eine Bedienstete: Jane hat ein Verhältnis mit Paul. Er ist reich, sie ist es nicht, er muss bald des Standes wegen heiraten, sie wird allein zurückbleiben. Schon seit Jahren hegen die beiden eine heimliche Zuneigung zueinander, treffen sich zu Stelldicheins, wann immer es möglich ist. An diesem einen Tag, das wissen beide, ohne dass es ausgesprochen wurde, wird es das letzte Mal sein, dass sie miteinander im Bett liegen. Und Jane genießt dieses letzte Mal, denn sie darf, weil die Herrschaften nicht da sind, das Haus durch die Vordertür betreten, ihren Geliebten in seinem Gemach besuchen, mit ihm schlafen, mit ihm reden, ungezwungen und frei von all der gewohnten Heimlichtuerei. Sie beobachtet ihn, versucht, sich die Details zu merken, die sie bald schon vermissen wird, seinen Bauchnabel, die Art, wie er raucht, wie er spricht. Sie ist eifersüchtig auf seine Verlobte, natürlich, aber es ist keine rasende, sondern eine resignierte Eifersucht, denn Jane weiß, dass für sie keine Möglichkeit besteht, so weit oberhalb ihres Standes zu heiraten. Später, sehr viel später, wird sie auf diesen einen Tag zurückschauen, wird sich erinnern, wie es war, als ihr Leben sich völlig verändert hat – allerdings auf andere Weise als gedacht.

Graham Swift ist eine bekannte Größe der britischen Literatur. Er hat bereits den Man Booker Prize abgestaubt, wird in siebzehn Sprachen übersetzt und liefert internationale Bestseller. Dieser Roman, Mothering Sunday im Original, ist wunderbar unaufgeregt und feinsinnig. Graham Swift erzählt darin so klug, zurückhaltend und doch emotional, dass wieder einmal bewiesen ist: Gute Schriftsteller brauchen nicht viele Worte. Sie brauchen nur die richtigen. Mit viel Einfühlungsvermögen hat er sich hineinversetzt in seine junge Jane, die vor dem ersten großen Verlust ihres Lebens steht, sie ist traurig, ja, aber auch voller Lebensmut und Lebensfreude, sie lässt ihren Geliebten nicht gern gehen, dennoch ist ihr Herz, so scheint es, leicht. Sie weiß: Es muss sein. Sie weiß: Es ist jetzt Zeit. Nur wenige Stunden beschreibt der Roman, einen einzigen Tag, und doch entfaltet sich sehr viel darin: das Standesdenken einer vergangenen Zeit, eine heimliche Liebschaft, die Zuversicht der Jugend, noch viele Jahre zur Verfügung zu haben. Graham Swift stellt diese junge Jane außerdem der gealterten, lebenserfahreneren Frau gegenüber, zu der sie später wird, und das verleiht den Ereignissen, von denen er berichtet, zusätzliche Tiefe. Der schmale Band mit gerade mal 140 luftig gesetzen Seiten ist schnell gelesen, doch das macht nichts, die Geschichte ist stimmig, rund, in sich geschlossen. Kein aufregendes Leseereignis, aber ein sehr empfehlenswertes, das gerade durch seine stille Schönheit und schlichte Eleganz beeindruckt.

„Und was muss man noch haben, wenn man Schriftstellerin werden will?“
„Na, man muss verstehen, dass Wörter nichts als Wörter sind. Einfach Luft …“

Ein Festtag von Graham Swift ist erschienen im dtv Verlag (ISBN 978-3-423-28110-2, 142 Seiten, 18 Euro).