Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Balzano„Sie sind spurlos verschwunden, denn die Mühe der armen Leute hinterlässt niemals Spuren“
Ninetto ist arm, sie nennen ihn Pelleossa, Haut und Knochen, so dünn ist er. In seinem Heimatdorf gibt es kaum was zu beißen, und als Ninettos Mutter einen Schlaganfall erleidet, schickt der Vater den Neunjährigen von Sizilien nach Mailand.

„Mailand ist eine Stadt voller Lichter, da ziehen Leute aus ganz Italien hin.“

Ninetto schlägt sich durch, er ist ein kleiner Überlebenskünstler, und meistens ist er allein.

„Ninè, es gibt keine Freunde. Es gibt nur Leute, mit denen man sich die Zeit vertreibt, wenn man nichts zu tun hat und nicht an seine Scheißsorgen denken will.“

Das hat ihm der Vater gesagt, und obwohl Ninetto ab und an bei Erwachsenen Unterschlupf findet – Freunde hat er wirklich keine. Dann verliebt er sich in Maddalena, und als sie fünfzehn sind, heiraten sie.

„Doch schon nach kurzer Zeit haben wir nicht mehr an unsere Träume gedacht. Wir haben vergessen, dass es sie gibt.“

Und so blickt Jahrzehnte später ein alter, resignierter Ninetto zurück auf das, was geschehen ist. Auf das, was er getan hat – und was er falsch gemacht hat.

„Ja, denn wenn ich mich in meinen Geschichten verliere, bin ich nicht mehr Haut, Knochen und Muskeln. Nur noch Seele und Stimme.“

Marco Balzano hat für diesen Roman mit vielen Menschen gesprochen, die in den 1950er- und 1960er-Jahren als Kinder unter zwölf Jahren emigriert sind. Auch seine eigenen Eltern sind Süditaliener, die ihr Glück im Norden gesucht (und offenbar gefunden) haben. Mit seinem Ich-Erzähler Ninetto gibt Marco Balzano in seinem dritten Roman diesen Kindern eine Stimme. Fasziniert war er davon, dass diese gefährliche, entbehrungsreiche Zeit für diese Menschen, die heute etwa siebzig sind, auch ein großes Abenteuer war – im Gegensatz zu den vierzig Jahren abstumpfender Fabriksarbeit, die darauf folgten.

Ich kannte Marco Balzano bereits von seinem wunderbaren Buch Damals, am Meer, das nichts anderes als grandios ist und das ihr unbedingt lesen solltet. Das Leben wartet nicht ist im Vergleich dazu nicht so lebendig, gewitzt und ausgeklügelt, es ist vielmehr ein recht eindimensionaler Erlebnisbericht, das liegt in der Natur der Sache. Für sich genommen, ohne diesen sowieso unnötigen Vergleich, ist dieser Roman die berührende Erzählung eines Zeitzeugen, gefüllt mit den klugen Aussagen derer, die wenig Bildung haben, aber viel Lebensweisheit. Ninetto schwelgt in Erinnerungen, denn im Alter bleibt ihm nichts anderes mehr. Er gehört zum alten Eisen, das keiner mehr will, und er denkt zurück an seine Anfänge. Er hatte vielleicht kein sehr gutes Leben – aber zuhause in Sizilien wäre er vermutlich verhungert. Marco Balzano ist sehr nah dran an seinem Erzähler, er blickt durch seine Augen, fühlt mit seinem Herzen, spricht mit seiner Stimme. Ein sehr besonderes und wichtiges Buch.

Das Leben wartet nicht von Marco Balzano ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-06983-9, 304 Seiten, 22 Euro). Hier findet ihr die Besprechung von novelero.

Gut und sättigend: 3 Sterne

Aydemir„Es geht nur darum, den anderen überzeugende Lügen zu erzählen und sich nicht erwischen zu lassen“
„Wenn wir in der Familie miteinander reden, tun wir nämlich immer so, als gäbe es einen Gott und die Hölle und so. Das hilft dabei, irgendwelche Begründungen für irgendwas zu finden und weniger Angst vor dem Tod zu haben, und vor allem hilft es dabei, uns Dinge zu verbieten.“ Für Hazal, Tochter türkischer Einwanderer in Berlin, ist ziemlich viel verboten: Abends darf sie nicht raus, sondern schaut doofe türkische Serien mit ihren Eltern und kocht ihnen Tee, einen Freund darf sie nicht haben, bei ihren Freundinnen darf sie nicht übernachten. Außerdem findet sie keinen Ausbildungsjob, hat keine Perspektiven, und deswegen ist Hazals Leben einfach kacke. Als sie gemeinsam mit drei anderen Mädchen an ihrem Geburtstag an der Tür eines Clubs abgewiesen wird, entlädt sich ihr Frust, und die Situation gerät völlig außer Kontrolle. Hazal flieht nach Istanbul und muss dort erkennen: Nur weil du vor deinen Problemen wegläufst, lösen sie sich nicht in Luft auf.

Ellbogen ist ein höchst aktueller und ebenso brisanter Roman. Bestimmt habt auch ihr die Bilder im Kopf, die durch die sozialen Medien gingen und gehen, von Jugendlichen, die in der U-Bahn wehrlose Menschen niedertreten, verprügeln, anpinkeln. Fatma Aydemir, die 1986 in Deutschland geboren wurde und als freie Autorin für diverse Zeitungen und Magazine schreibt, hat diese Gewalt zum Thema ihres Debüts gemacht, die so viele in Angst versetzt. Woher kommt sie, wo liegt ihr Ursprung? Dabei will sie das Verhalten der Einwandererkinder, die orientierungslos sind und wütend, nicht rechtfertigen, nicht einmal erklären. Sie erzählt vielmehr eine fiktive Geschichte – die real sein könnte. Sie gibt durch ihre Ich-Erzählerin Hazal Einblick in das Leben einer jungen Türkin, die in Berlin wohnt, also in einer freien Welt lebt, und dennoch gefangen ist. Zwischen veraltetem Türkisch, ebenso veralteten Traditionen und einem Deutschland, das es ihr in ihren Augen unmöglich macht, gut zu leben, befindet sie sich in einem Niemandsland. Dort sammelt sich der Zorn. Dort sammelt sich die Sehnsucht. Dort sammelt sich der Hass.

Was Fatma Aydemir grenzgenial gelungen ist, ist der Ton dieses Buchs. Es hört sich wirklich an wie eine junge Deutschtürkin. Das Rotzige, das Bissige hat mich, ich geb es zu, sehr genervt – was absolut dafür spricht, dass es authentisch ist. Dass Hazal keine Identifikationsfigur ist, stört mich nicht weiter, weil ich es gut finde, wenn ein Buch Charaktere hat, die verachtenswert sind. Denn so sind auch die Menschen. Hazals Perspektive ist stark eingeschränkt und dadurch sowohl glaubwürdig als auch problematisch. Hazal ist ungebildet und egozentrisch, das merkt man vor allem im zweiten Teil des Buchs, als sie in der Türkei in die politischen Unruhen gerät. Sie versteht nicht einmal, was vor sich geht, und es ist ihr auch egal. Natürlich wäre es falsch gewesen, hätte Fatma Aydemir hier plötzlich begonnen, zu kommentieren und zu erläutern. Gleichzeitig aber wirkt es auf mich, als sei sie selbst in ihrer Protagonistin gefangen, sie kann aus dieser Perspektive heraus nichts begreiflich machen, nur mitschwimmen und versuchen, den Kopf oben zu behalten. Alles verliert sich, und auch dadurch wird die Kernbotschaft erneut klar: Aus ihrem eigenen Ich, der Art, wie sie aufgewachsen und sozialisiert ist, gibt es für Hazal keinen Ausweg.

Im Klappentext des Romans steht: „… stellt Fatma Aydemirs Debütroman eine große Frage: Was kann in dieser Welt aus einem Mädchen wie Hazal schon werden? Und gibt eine ebenso große Antwort: Alles.“ Als Texterin erkenne ich die pathetische Schönheit dieses Satzes, doch die Wahrheit – das zeigt der Roman sehr deutlich – ist: Nichts kann aus einem Mädchen wie Hazal in dieser Welt werden. Gar nichts.

Ellbogen von Fatma Aydemir ist erschienen in den Hanser Literaturverlagen (ISBN 978-3-446-25441-1, 272 Seiten, 20 Euro). Hier findet ihr eine Besprechung bei Caterina von SchöneSeiten.

Bücherwurmloch

Foto VerlagInterview und Leseprobe
Ich hab euch ja schon verraten, dass „Rabenkinder“ richtig gut ist. Das Manuskript von Heike Duken ist mein Favorit für den Blogbuster 2017 und steht nun auf der Longlist. Was ihr aber noch nicht wisst, ist, dass Heike Duken auch überaus sympathisch ist. Davon könnt ihr euch im folgenden kurzen Interview überzeugen. (Ich musste natürlich über die Sache mit den Österreichern sehr lachen.) Sie hat die Fragen beantwortet, die allen Longlist-Autoren gestellt werden (die anderen findet ihr hier). Und wer weit genug runterscrollt, wird mit dem Link zur Leseprobe von „Rabenkinder“ belohnt – damit ihr selbst seht, dass das Buch es verdient hat, ganz vorn mit dabei zu sein.

Du stehst auf der Longlist des Blogbuster-Preises. Hättest Du damit gerechnet?
Nein. Aber ich hatte so ein Gefühl: Das ist eine Chance. Vor allem, als ich gelesen hatte, was die Bloggerin vom Bücherwurmloch sich von den Texten erwartet. Ich dachte, das könnte tatsächlich klappen. Aber ich wusste natürlich nicht, wie gut die anderen Manuskripte sind, und habe pausenlos meine Mails gecheckt. Ich freue mich riesig. Danke, Mareike Fallwickl!

Warum hast Du Dich gerade bei dem Blog „Bücherwurmloch“ beworben?
Erst einmal ist die Bloggerin Österreicherin. Österreicherinnen ist literarisch alles zuzutrauen, wirklich. Meine Vorurteile haben sich immer wieder bestätigt. Und dann ihre Vorstellung bei Blogbuster: Von guter Literatur erwarte ich: dass sie mich rausreißt, mich wach macht, im Idealfall richtiggehend aufschneidet, mir ins Gesicht schlägt. Da wusste ich, diese Bloggerin hält was aus. Das war wichtig. Ich habe dann sehr gehofft, mein Roman könnte sie tatsächlich herausreißen und berühren, und das hat er geschafft.

 Blogbuster ist ein etwas anderer Literaturwettbewerb. Was hat Dich gereizt, daran teilzunehmen?
Hier wird nicht zuerst die Marktfähigkeit geprüft, die Blogger gehen anders an die Texte heran, denke ich. Mein Roman hat keinen Protagonisten im herkömmlichen Sinne, wechselt die Perspektiven wie ansonsten Helden ihre Hemden, nimmt Abkürzungen und lässt Leerstellen. Mich hat gereizt, damit erst einmal diese eine kompetente Leserin einzufangen und nicht gleich einen ganzen Betrieb, der auch betriebswirtschaftlich denken muss. Der Preis an sich ist außerdem so etwas wie ein Sechser im Lotto und die Jury der Hammer.

14523272_1342675139083457_197248595740756655_nDie erste Hürde ist genommen, welche Chancen rechnest Du Dir aus, auch die Fachjury zu überzeugen?
Keine Ahnung! Ich schwanke zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex, aber die meiste Zeit denke ich: das wäre ja ZU SCHÖN. Mein Roman wird vielleicht polarisieren. Die Fachjury möge einfach eine weise Entscheidung treffen.

Wie lange hast Du an dem Romanmanuskript geschrieben und was hast Du bisher schon unternommen, um einen Verlag zu finden?
Ich habe etwa zwei Jahre an diesem kurzen Roman geschrieben, teils mit Unterbrechungen, teils sehr intensiv. Mir ist jedes Wort wichtig. Und was ich schon unternommen habe? Viel. Wirklich. Nächste Frage, bitte. 

Was wirst Du zusammen mit Deinem Blogger noch unternehmen, um Dich und Dein Manuskript zu promoten?
Es wird ein Video geben, in dem ich eine Passage lese. Oder wir machen aus mir die Kandidatin mit Schicksal? Die gibt es in jeder Casting-Show, gerne Drogen, Mobbing oder schwere Kindheit. Nein, das war ein Scherz. Gemacht von der schwarzen Seite meiner Seele.

Wie versprochen, könnt ihr hier nun mehr von meinem Favoriten lesen. Ich bin sicher: Ihr werdet das auch als Nicht-Österreicher gut finden!

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Lehane„Die Welt kann sich verändern, aber der Mensch bleibt immer gleich“
Im Boston der Prohibition ist der junge Joe in wilde Machenschaften rund um den Schmuggel von Alkohol verwickelt. Er treibt Geld ein, raubt Banken aus, geht in den geheimen Speakeasys – den Flüsterkneipen – ein und aus. Es ist eine gefährliche Zeit:

„In Charlestown rührten sich die Leute sogar mit ihren 38ern Zucker und Sahne in den Kaffee.“

So dauert es auch nicht lange, bis Joe in ernsthafte Schwierigkeiten gerät – und schuld daran ist natürlich eine Frau. Er verknallt sich in die schöne Emma Gould, und er vertraut den falschen Leuten. Doch das ist noch lange nicht das Ende der Geschichte, denn auch hier gilt: Man sieht sich immer zweimal im Leben …

In der Nacht von Dennis Lehane ist Action pur. Hinter dem – wie üblich – schlichten Cover von Diogenes wird gemordet und geraubt, geschmuggelt und geschossen. Es geht in diesem Roman, der soeben mit Ben Affleck in die deutschen Kinos kam, heiß her. Das sind Ganoven der alten Zeit, wie man sie sich vorstellt, Gangster im Nadelstreifanzug und mit Hut, Zigarre in der einen Hand, 38er in der anderen. Jeder bescheißt jeden, und so manch einer wird umgelegt, ehe er überhaupt den Mund aufmachen kann. Herrlich schwarze Gangster-Jargon-Sätze und -Dialoge vermitteln das dazugehörige Feeling, zum Beispiel:

„Nehmen Sie lieber den Zug, Gary. Sonst legen wir Sie drunter.“

Oder:

„Ein echtes Kunstwerk, die Frau. Wer in ihr einschläft, kommt dem Himmel bestimmt ziemlich nahe.“

Dennis Lehane und ich kennen uns schon lange. Als ich Anfang zwanzig war, war ich ein großer Fan seiner nervenzerfetzenden Storys. Ich habe die gesamte in den 1990ern erschienene Reihe rund um den Ermittler Kenzie Gennaro gelesen, darunter die Titel A drink before the war, Darkness, take my hand und Prayers for rain, das Dennis Lehane einen grandiosen Aufschwung brachte, weil Bill Clinton damit gesichtet wurde. Dennis Lehane hat zudem ein Händchen für filmreiche Stoffe: Mystic River wurde von Clint Eastwood verfilmt, in Shutter Island spielte Leonardo di Caprio unter der Regie von Martin Scorsese. In beiden Fällen gilt: Das Buch ist besser! (Das muss ich ja sagen.) Ich hab sie damals alle auf Englisch gelesen und bilde mir ein, dass Dennis Lehane im deutschsprachigen Raum noch nicht so bekannt war. Das haben die Filme mit Sicherheit geändert, und der Diogenes Verlag hat sich in der Zwischenzeit dieser amerikanischen Spannungsromane angenommen. Nun wollte ich also sehen, ob wir es noch können, der Dennis und ich, nach all den Jahren. Jaaa, durchaus! Zwar hat In der Nacht mit seinen fast 600 Seiten Längen, und ich gestehe, dass ich am Ende ein wenig sauer war, weil Dennis Lehane mir DAS, was ich euch nicht verraten kann, doch noch antut, aber alles in allem ist dies der perfekte Unterhaltungsroman: gewitzt und originell, fesselnd und gefühlvoll. Ein wilder Ritt im Nadelstreif.

In der Nacht von Dennis Lehane ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-06872-6, 592 Seiten, 10 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

Pollatschek„Der Vorteil einer beschissenen Kindheit ist, dass man lernt, routiniert mit Katastrophen umzugehen“
Thene hat’s jetzt nicht unbedingt sehr schwer, aber sehr leicht auch nicht. Die 25-Jährige aus Heidelberg studiert in Oxford, hat zuhause einen Freund, mit dem sie regelmäßig gemütliche Ausflüge in den Odenwald macht, und es wäre alles gut, wäre da nicht Thenes Mutter. Die ist gelinge gesagt ein wenig anstrengend.

„Es gibt Menschen, die liebt man, aber man kann sie nicht leiden.“

Das trifft es ganz gut: Thenes Mutter ist eine, die man nicht leiden kann. Sie streitet. Sie schreit. Sie manipuliert alle. Sie verschleudert ihr Geld, braucht wahnsinnig viel Aufmerksamkeit, macht die gesamte Familie verrückt und vernachlässigt jedes ihrer Kinder von unterschiedlichen Männern auf andere Weise. Thenes Eltern sind lange schon getrennt, sie hat noch zwei Halbgeschwister, der Vater ist inzwischen schwul. Es gelingt Thene, obwohl sie sich der Dynamik bewusst ist und ihr Mantra „Du bist nicht das Opfer deiner Familie“ nicht, sich von ihrer Mutter abzugrenzen. Und dann wird es schräg. Sehr schräg. Richtig, richtig schräg. So schräg, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen.

Ich habe Nele Pollatschek letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse Auszüge aus diesem Buch lesen gehört, und Leute, sie hat das hervorragend gemacht. Sie war entzückend und überzeugend, wie eine Schauspielerin hat sie den Text vorgetragen. Umso neugieriger war ich auf das gesamte Buch. Und es hat mich verblüfft, denn ich hatte nicht erwartet, dass es derart abstrus sein würde, bitterböse, schnoddrig, humorvoll.

Im ersten Teil fühle ich mich sehr angesprochen, besonders in den Szenen mit den passiv-aggressiven Vorwürfen der Mutter. Das ist etwas, das ich bestens kenne, und der bissige Ton, die fetzigen Dialoge, der wilde Sarkasmus sind ein absolutes Vergnügen. Ja, denke ich da, ja, so geht’s mir auch. Ich frage mich natürlich auch gleich, ob da was Autobiografisches dran ist, und suche in Neles Danksagung nach einer Erwähnung ihrer Mutter, die es nicht gibt. Mit der Zeit wird mir dann klar, dass Nele Pollatschek nicht viel von einer glaubwürdigen, realistischen Handlung hält. Und das muss man mögen oder darauf muss man sich zumindest einlassen können. Sie lässt alles völlig ausarten, entgleisen, und das ist so überzogen, dass es auf eigenartige Weise schon wieder ironisch wirkt. Die ultimative Befreiung. Und vielleicht, ja, doch wünscht sich das jeder insgeheim, dass er sich derart von seiner Familie befreien könnte, von denen, mit denen man untrennbar verbunden ist, egal, was man tut. Ich werde nicht spoilern, aber wenn ihr dieses Buch lest, muss euch klar sein, dass es gestört ist. Völlig crazy. Rasant, merkwürdig, lustig, launisch, absolut originell und hochgradig ungewöhnlich. Es ist ein Abenteuer, das mich amüsiert zurückgelassen hat – und mit einem großen WTF auf meiner Stirn.

Das Unglück anderer Leute von Nele Pollatschek ist erschienen im Galiani Verlag (ISBN 978-3-86971-137-9, 224 Seiten, 18,99 Euro). Hier könnt ihr Nele auch ein bisschen lesen sehen, hier könnt ihr ihr beim Marschieren und Kaffeetrinken zuschauen.

Bücherwurmloch

Bildschirmfoto 2017-02-20 um 09.55.24„Sie sagt, du brauchst keine Angst zu haben. Du hast nur geträumt. Aber das stimmt nicht“
Charly ist gestorben. Die Schildkröte, die 1976 zu Nele, Karen und Hannes ins Haus kam, ist vierzig Jahre alt geworden – die drei Geschwister sind lange schon fort. Die Eltern, Mutter Frieda und Stiefvater Heinrich, wollen Charly beerdigen und laden dazu die ganze Familie ein. Doch das ist nicht einfach irgendein Familientreffen, denn dies ist keine Familie, die jeden Sonntag beim Braten zusammensitzt. Sie ist vielmehr eine zufällige Ansammlung von Menschen, die alle auf ihre Art zerbrochen sind. Heinrich, der aus seiner Kindheit voller Gewalt heraus dagegen angekämpft hat, selbst zu verletzen, was ihm nicht gelungen ist. Alexander, Heinrichs Sohn aus erster Ehe, den er verlassen, aber nie vergessen hat. Nele, die nach mehreren Fehlgeburten ein beeinträchtigtes Kind in China adoptiert hat, Max, der keinen Vater hat und so viel Wut in sich. Karen, die riskiert, dass ihr drogensüchtiger Sohn Tim vor ihrer eigenen Haustür erfriert. Hannes, der viel fühlt und wenig spricht, dessen Sohn Jan verzweifelt ist, weil seine Freundin Meytab vergewaltigt wurde. Sie alle tragen schwer an ihren Geschichten, an ihren seelischen Wunden. Sie alle kommen, um sich von Charly zu verabschieden. Und als sie einander sehen, blicken sie in ihre eigenen Abgründe. Aber so ist es in allen Familien: Erst muss etwas aufbrechen, um dann vielleicht endlich heilen zu können.

Rabenkinder von Heike Duken hat für mich von Anfang an geleuchtet. Angefunkelt hat es mich, schon nach der ersten Seite, nach dem Prolog, ich war sofort angefixt. Von allen 26 Leseproben war dies die eine, die mich ganz innen drin getroffen hat. Ich wusste schon da, dass das gut sein würde. Ich wusste, dass das mein Buch war. Ich wollte es unbedingt lesen, und nach zwei atemlosen Stunden am Bildschirm mit hektischem Scrollen war mir klar, dass ich mein Siegermanuskript gefunden hatte. Als wir mit dem Blogbuster begonnen haben, habe ich geschrieben: Ich langweile mich schnell, und von guter Literatur erwarte ich genau das Gegenteil: dass sie mich rausreißt, mich wach macht, im Idealfall richtiggehend aufschneidet, mir ins Gesicht schlägt. Etwas in mir anrührt, Empfindungen auslöst – die gar nicht nur positiv sein müssen. Und genau das hat Rabenkinder geschafft. Es hat mich traurig gemacht und nachdenklich, es hat mich verzweifeln lassen, aber auch zum Lächeln gebracht.

Bildschirmfoto 2017-02-20 um 09.55.46Was mich an Heike Duken so fasziniert, ist nicht nur, dass sie schreiben kann. Sondern dass sie sich traut, mit dem Schreiben aufzuhören. Sie hat den Mut, zu schweigen. Nicht alles auszuerzählen. Den Leser selbst hineinfühlen zu lassen. Sie glaubt an ihn und daran, dass er die leisen Zwischentöne hören kann. An vielen Kapitelenden hängen starke Sätze in der Luft, die lange nachklingen, die gar nicht wuchtig sind und doch wie Wurfsterne wirken, wie Schläge. Das ist großartig und macht Rabenkinder zu einem harten, intensiven Buch, das man aushalten muss. Der Roman setzt sich zusammen aus lauter Splittern, aus der Vergangenheit und Gegenwart, in verschiedenen Perspektiven, wie ein Mosaik. Und erst einmal macht nichts daran Sinn, man braucht Geduld. Aber wenn man sie aufbringt, dann lohnt es sich – sogar sehr.

Foto Verlag
Foto von Alexander Blanke

„Ich glaube nämlich, dass wir einander nicht kennen und vieles nicht voneinander wissen, gerade in Familien. Eine Ausbilderin sagte einmal: Kinder kennen ihre Eltern überhaupt nicht. Sie sehen sie nur als Mutter und Vater und auf sich selbst bezogen“,

sagt Heike Duken, die an Schreibwerkstätten mit Josef Haslinger und Thomas Hettche teilgenommen und mit einem Auszug aus diesem Manuskript das Stipendium des Deutschen Literaturfonds erhalten hat.

„Und was mich immer wieder beschäftigte, waren diese Geschichten von Kindern, die ihre Eltern nicht glücklich machen. Frauen, die zwischen anderen Müttern sitzen und wissen, dass sie anders sind, gezeichnet, weil ihre Kinder sich verweigern und ihren Weg und ihr Glück nicht finden.“

Das ist ein Aspekt von Rabenkinder, der auch im Titel steckt. Und doch ist da noch mehr:

„Es ist auch eine Geschichte über das, was ich beruflich so in mich hineinnehme, und was dann wieder heraus muss“,

erklärt Heike Duken, die als Psychotherapeutin mit eigener Praxis arbeitet.

„Ich hatte eine Zeit lang viele vergewaltigte Frauen bei mir in Therapie. Es war grauenhaft. Die Taten zerstörten so viel im Leben dieser Frauen, und ich habe ihren Überlebenswillen versucht zu unterstützen, und sie waren so stark. Ich wollte etwas über die Dissoziationen schreiben und über das Überleben. Über das wahrhaft Zerstörerische von Gewalt in jeder Hinsicht. Ohne mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, sondern um das Geschlagene und Zerbrochene zu verstehen und zu beschreiben.“

Das ist ihr gelungen. Und doch zeigt Heike Duken auf gerade mal 233 Seiten nicht nur Gewalt und ihre Folgen, sondern auch Positives. Ein bisschen Hoffnung. Das Bemühen jedes Einzelnen, etwas Gutes einzubringen, etwas zu verändern, selbst wenn es nur sehr kleine Dinge sind. Im letzten Teil des Romans folgt keine kitschige Hollywood-Versöhnung, sie wäre völlig fehl am Platze, und doch gibt es mancherorts ein Gespräch, wo vorher Schweigen war, oder Hilfe, wo vorher Unverständnis war. Es gibt die Aussicht, dass die Kinder es besser machen werden als ihre Eltern, eine Chance, die jede Generation aufs Neue bekommt. Nichts davon spricht Heike Duken aus, aber das muss sie auch nicht. Man kann es sehr deutlich spüren.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Tremain„Weil so das Leben ist. Man kann nie zurück, wenn etwas erst einmal vorbei ist“
Gustavs Kindheit ist grauenhaft. Er lebt mit seiner Mutter in den 1940er-Jahren in einer Schweizer Kleinstadt – und obwohl sie ihn nicht schlägt oder misshandelt, ist sie ihm gegenüber so lieblos, dass der kleine Gustav fast verkümmert. Verzweifelt klammert er sich an die Freundschaft zu Anton, dessen reiche Familie jüdisch ist. Anton ist alles für ihn, der Bruder, den er nicht hat, er möchte Antons Leben haben, er möchte Anton sein. Doch Gustavs Mutter ist diese Freundschaft ein Dorn im Auge, weil sie der Meinung ist, dass Gustavs Vater wegen der Juden gestorben ist. Da gibt es allerdings so einiges, was sie nicht weiß – und was auch Gustav erst viele Jahre später herausfindet.

Und damit fing es an von Rose Tremain ist ein Buch, bei dem ich nicht recht weiß, was ich davon halten soll. Wir haben ein paar Stunden miteinander verbracht, wir haben uns näher kennengelernt, doch als unsere gemeinsame Zeit vorbei ist, kann ich das Gefühl, das bleibt, nicht genau bestimmen. Vielleicht, weil es mehrere verschiedene Gefühle waren, die dieser Roman in mir ausgelöst hat. Zuallererst war da das Mitleid. Der erste Teil des Buchs, in dem Gustav ein kleiner Junge ist, ging mir richtig an die Nieren. Er hat kein Spielzeug, kein einziges Buch, er muss in der Kirche putzen und ist der Willkür seiner Mutter, die über seinen Kopf weg entscheidet, ausgeliefert, und als sie einmal für Wochen ins Krankenhaus muss, ist er auf sich gestellt und verhungert beinahe. Warum sie ihm ständig das Gefühl gibt, ungewollt zu sein, erklärt der zweite Teil, eine Rückblende, in der es um Gustavs verstorbenen Vater geht. Die Ehe war nicht so, wie Gustavs Mutter sie im Nachhinein dargestellt hat, und auch die Geschichte mit den Juden ist nur halb wahr. Hier spüre ich ein gewisses Feuer im Buch, sprühenden Ideenreichtum, den Funken der Originalität, und da ich es sehr gern mag, wenn offene Fragen beantwortet werden, fühle ich Zufriedenheit. Die kippt dann jedoch in Ärger um. Denn das Ende des Romans ist seltsam bitter, süß zugleich, allzu erwartbar und hohl wie alle Dinge im Leben, die einfach zu spät kommen: Irgendwann kann das Gute das Schlechte nicht mehr aufwiegen.

Ich kenne Rose Tremain von ihrem wunderbaren Buch Der weite Weg nachhause aus dem Jahr 2010. Daran reicht Und damit fing es an für mich nicht heran. Aber: Der kleine Gustav ist einer, den man einfach mögen muss. Mit dem man gehen, den man an der Hand nehmen und dem man helfen will. Er ist die Hauptfigur dieses Romans, er ist ein Grund, ihn zu lesen. Der andere ist Rose Tremains Sprache. Mit meisterhafter Lässigkeit geht sie damit um, nie wirkt ihr Schreiben sperrig, sie benutzt nicht zu viele Wörter und nicht zu wenig, sie fängt Gustavs Verzweiflung derart gut ein, dass sie einen aus dem Buch heraus packt und würgt. Dies ist ein facettenreicher Roman über Freundschaft, über Liebe und Untreue, über Musik, falsche Entscheidungen und die Tatsache, dass man manchmal im Leben einen Menschen trifft, von dem man nie wieder loskommt.

Und damit fing es an von Rose Tremain ist erschienen im Insel Verlag (ISBN 978-3-458-17684-8, 333 Seiten, 22 Euro). Hier könnt ihr euch den Buchtrailer anschauen, und hier findet ihr eine schöne Besprechung von Herzpotenzial.

Für Gourmets: 5 Sterne

Wells besser„Die Einsamkeit in uns können wir nur gemeinsam überwinden“
Drei Geschwister, die nach einem Unfall allein zurückbleiben: Als die Eltern von Jules, Marty und Liz ums Leben kommen, verlieren die drei auch einander. Denn obwohl sie die Jahre bis zu ihrem Schulabschluss im selben Internat verbringen, gehen sie sich großteils aus dem Weg. Jeder versucht auf seine Weise, mit dem Schmerz fertigzuwerden, jedem gelingt es mehr schlecht als recht. Eine Zeitlang fühlt Jules sich nicht ganz so einsam, er freundet sich mit der geheimnisvollen Alva an, die ihm sehr wichtig wird. Alva hat allerdings ihr eigenes Päckchen zu tragen, sie verlieren sich aus den Augen. Doch damit ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende – und auch mit seinen Geschwistern wird Jules‘ Weg sich erneut kreuzen …

Wie geht es euch, wenn ihr ein Buch zur Hand nehmt, das jeder, also wirklich jeder, der es gelesen hat, gut fand? Seid ihr skeptisch? Ich war es, als ich angefangen habe, Vom Ende der Einsamkeit zu lesen. Ich wollte wachsam sein. Doppelt so streng wie sonst. Mich nicht gleich einlullen lassen, nicht sofort auf den Zug aufspringen, in dem schon alle saßen. Aber ach, der Benedict. Er hat’s einfach drauf. Er ist ja ein bisschen sowas wie ein literarisches Wunderkind, sein Debüt Becks letzter Sommer wurde ein Wahnsinnserfolg, als er gerade 24 war. Schon nach wenigen Seiten war mir klar: Das mit der Skepsis, das kann ich gleich lassen. Und der Zug hat mich schon mitgenommen. Dieses Buch ist einfach gut.

Gefühlvoll ist es und klug und natürlich – das ist logisch bei der Story – sehr traurig. Einsamkeit ist das Thema, das sich durchzieht, in all ihren Facetten zeigt sie sich und bleibt dabei immer eins: eine Leerstelle in der Seele. Benedict Wells setzt seine drei Figuren einem schweren Schicksalsschlag aus und begleitet sie dann ein Leben lang, um zu sehen, wie es ihnen ergeht. Was macht der Schmerz mit ihnen, wie ertragen sie die Erinnerung? Manchmal meint er es gut mit ihnen, sie dürfen Versöhnung erleben und Glück, aber meist schlägt er ihnen im vollen Lauf die Füße unter dem Körper weg. Und das mitanzusehen, ist gar nicht so einfach. Es wühlt auf, es lässt einen nicht in Ruh, und als Jules dann noch einmal getroffen wird, richtig hart getroffen wird, bin ich regelrecht sauer auf den guten Ben. Wie kann er Jules und mir das antun? Und wie kann sein Buch trotzdem – oder genau deswegen – so herausragend sein? Das ist eine Frechheit. Aber manchmal stimmt eben doch, was die anderen sagen, und man sollte auf sie hören. Ich sage euch deshalb: Lest dieses Buch, es ist grandios. Ihr solltet auf mich hören.

Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-06958-7, 368 Seiten, 22 Euro). Eine sehr schöne Rezension findet ihr bei Literaturen.

Bücherwurmloch

Zitat„In uns gibt es etwas, das keinen Namen hat, das ist das, was wir sind.“
José Saramago: Die Stadt der Blinden

„All of us are better when we’re loved.“
Alistar MacLeod: No Great Mischief

„Die Sehnsucht erschafft sich Kindheitserinnerungen. Manchmal erschafft sie alle Arten von Erinnerungen.“
Kerstin Ekman: Stadt aus Licht

„Ich denke zuviel, und neunundneunzig Komma neun Prozent aller Männer wollen mit denkenden Frauen nichts zu tun haben.“
Wei Hui: Shanghai Baby

„Happiness comes in moments, and then it’s gone until the next time. Could be years. But sadness – sadness settles in.“
Dennis Lehane: Mystic River

„Nicht die Notwendigkeit, sondern der Zufall ist voller Zauber. Soll eine Liebe unvergeßlich sein, so müssen sich vom ersten Augenblick an Zufälle auf ihr niederlassen wie die Vögel auf den Schultern des Franz von Assisi.“
Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

„Frauen achten mehr aufs Herz und weniger auf Dummheiten. Darum leben sie länger.“
Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes

„Wenn man weint, ist man schon nicht mehr ehrlich. Da hat man die Sache schon hinter sich. Ich glaube den Tränen nicht. Schmerz hat weder Tränen noch Worte.“
Sándor Márai: Wandlungen einer Ehe

„Irgendwann fragte Bonpland, ob sie noch am Leben seien. Wisse er auch nicht, sagte Humboldt, aber so oder so, was könne man tun als weitergehen?“
Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

„I hope the whole world goes to hell, to be honest.“
Gary Shteyngart: Absurdistan

Gut und sättigend: 3 Sterne

Ramqvist„Angst ist kein wirksamer Bannspruch“
„Es stimmt nicht, dass das, was einem am meisten Sorgen bereitet, nicht eintrifft. Eher wird es das höchstwahrscheinlich tun.“ Das ist Karin spätestens jetzt klar. Jetzt, da sie gar nichts mehr hat. Jetzt, da sie in dem riesigen, aber eiskalten Haus am See sitzt, ohne Heizung, ohne Essen, ohne Geld. Dafür mit einem Baby, das Baby heißt Dream. Karin hat das Baby nicht gewollt, und nun ist es alles, was ihr noch von der Liebe ihres Lebens geblieben ist, dem Gangsterkönig John. Er ist tot, und bald wird Karin auch das Haus verlieren, das Auto, den letzten Rest Würde. Ihre Tage bestehen daraus, Dream zu stillen und zu wickeln, zu schlafen, der Kälte zu trotzen. Karin ist unten, ganz unten, und in ihrer Verzweiflung wendet sie sich an Johns Freunde, die einst behaupteten, ihre Familie zu sein, und sie nun behandeln wie eine Aussätzige.

Karolina Ramqvist, heißt es, sei eine der wichtigsten feministischen Autorinnen Schwedens, und sie beschäftige sich, sagt der Klappentext, mit Themen wie Einsamkeit, Konsum und Rollenmodelle. Das mag zutreffen, denn um alle drei Aspekte geht es auch in Die weiße Stadt. Das Buch, das als Erstes von Ramqvists acht Büchern ins Deutsche übertragen wurde, konzentriert sich sehr stark auf Protagonistin Karin, auf ihre Welt, die einst luxuriös und groß war, nach dem Tod ihres Mannes jedoch empfindlich geschrumpft ist. Sie war nichts weiter als ein Dummchen mit vielen Schuhen und Taschen, hat sich abhängig gemacht und steht plötzlich vor dem Aus. Sie könnte gehen, neu anfangen, doch das Baby fesselt sie, muss versorgt werden, ist auf sie angewiesen. Dass Ramqvist ihre Heldin aufbegehren und kämpfen lässt, wie die Buchbeschreibung ankündigt – jein. In Ansätzen vielleicht. Wobei sie nichts Eigenes auf die Beine stellt, sondern sich erneut abhängig macht von jemand anderem. Und genau dadurch zeigt die Autorin, dass eine solche Frau ihre Rolle nicht verlassen kann, nicht einmal, wenn sie es will.

Die weiße Stadt ist ein kluges, interessantes, wirklich gut geschriebenes Büchlein, aber eben – mit knapp 180 luftig gesetzten Seiten – ein Büchlein. Mir war das zu wenig, muss ich gestehen, was ja andererseits wieder ein gutes Zeichen ist: Ich hätte gern weitergelesen. Ich hätte mir mehr Ausarbeitung, Tiefgang, Handlung gewünscht, mehr Seiten, mehr Einblick in die Figuren. In der vorliegenden Form wirkt der Roman eher wie eine Kurzgeschichte auf mich – dafür allerdings eine sehr gute.

Die weiße Stadt von Karolina Ramqvist ist erschienen bei Ullstein (ISBN 9783550081330, 192 Seiten, 18 Euro). Übersetzt wurde es von Antje Rávic Strubel.