Netter Versuch: 2 Sterne

Eggers„Manchmal fordert ein Ort dich auf, zu bleiben, nirgendwohin zu hasten“
Josie ist Zahnärztin, hat aber nach einer Klage keine Praxis mehr. Josie ist Mutter, hat aber nach ihrer Scheidung keinen Mann mehr. Und weil sie plötzlich Panik bekommt, ihr Ex könnte ihr die Kinder wegnehmen, packt sie diese kurzerhand ein und flieht mit ihnen nach Alaska – das ist der einzige Ort, der ihr einfällt, der weit weg ist und für den sie keine Pässe brauchen. Also gurken Josie und ihre Kinder mit einem ranzigen Wohnmobil durch Alaska, ohne Plan, ohne konkretes Ziel, mit wenig Geld und wenig Geduld. Es kommt nicht so schlimm, wie es kommen könnte, aber richtig gut ist das alles auch nicht.

Bis an die Grenze von Dave Eggers ist ein selten dämliches Buch. Ich kann gar nicht glauben, dass der Autor, der für Romane wie The Circle und Hologramm für den König international mit Lob und Preisen überhäuft wurde, einen so schlechten Roman geschrieben hat. Wie ist das möglich? Hab ich mir einfach nur von all seinen bisherigen Werken das falsche ausgesucht? Dabei klingt das eigentlich interessant: Eine Mutter, die mit ihren Kindern auf der Flucht ist – die neu anfangen, sich neu sortieren muss, die sich wegen der Kinder nicht so von ihrem alten Leben lösen kann, wie sie es gern tun würde, die in der Weite Alaskas zu sich selbst findet. Bloß ist es das nicht. Protagonistin Josie ist eine wahnsinnig unglaubwürdige Figur, bei der ich mir eine Frage stelle, die für mich beim Lesen sonst nie eine Rolle spielt: Liegt es daran, dass Dave Eggers ein Mann ist? Kann er sich deshalb nicht in seine weibliche Mutterfigur hineinversetzen? Sie bleibt hölzern, unzugänglich, ist als Identifikationsfigur nicht mal ansatzweise geeignet. Es liegt nicht nur daran, dass Josie sich höchst merkwürdig verhält – es gibt schließlich keinen Standard für das Muttersein, es gibt eben Mütter, die machen es gut, und andere, die sind überfordert, all das ist menschlich, all das ist verständlich, all das ist nachvollziehbar. Allein: An Josies Handlungen ist überhaupt nichts nachvollziehbar. Dave Eggers stellt sie dar als eine Frau, die ihr Leben im Griff hat, da gab es die Praxis, die sie unverschuldet verloren hat, da gibt es ein Haus, Geld, Perspektiven, gesunde Kinder, keine Drogen, kein Alkohol (wobei Josie im Wohnwagen natürlich öfters Wein trinken muss, man hält das ja sonst nicht aus als alleinerziehende Mutter, grüß dich, Klischee, schön, dass du auch wieder da bist). Wir reden nicht von einer Familie, die völlig aus dem Lot gerät, nicht im Geringsten. Das Problem mit dem Vater der Kinder war, dass er ständig auf dem Klo saß. Kein Scherz. Wenn Josie an ihn denkt, sieht sie ihn auf dem Klo beim Pinkeln und Kacken. Das wird oft erwähnt, darauf reitet sie herum, und das macht die Vaterfigur einerseits lächerlich und nimmt andererseits jeglichem Konflikt den möglichen Tiefgang. Der Vater mit der schwachen Blase interessiert sich nicht für seine Kinder, sieht sie nie, ruft sie nie an. Aber wir sollen glauben, dass er Josie die Kinder wegnehmen will? Wir sollen es für realistisch halten, dass sie mit ihnen quer durch die Fremde fährt, sich und die Kinder in Gefahr bringt – ohne Grund? Das ist wirklich lahm.

Um Josies Verrücktheiten irgendwie zu erklären, zaubert der Autor plötzlich eine Kindheit aus dem Ärmel, die nicht ganz geglückt war, und das finde ich noch viel furchtbarer, weil: noch mehr Klischee. Zudem frage ich mich, ob er selbst Kinder hat bzw. die aufwachsen sieht, denn Ana und Paul – die Kinder im Buch – machen permanent unverhältnismäßige Sachen, die überhaupt nicht zu ihrem Alter passen. Es wirkt, als hätte ein kinderloser Mann sich gedacht: Ah, ich schreib mal über eine Mutter und ihre zwei Kinder, lasse alles einfließen, was ich über Mütter und Kinder so gehört habe, was soll schiefgehen? Alles!

„Anas niemals schwankendes Vertrauen in sich selbst, darin, wie ihre Gliedmaßen funktionieren würden, verriet, dass sie immer alles so machen würde, wie sie es für richtig hielt, und sich niemals fragen würde, ob es so richtig war – was bedeutete, dass sie Präsidentin werden könnte und garantiert immer glücklich sein würde.“

Ach nein! Vertrauen in meine Gliedmaßen bedeutet also, dass ich a) Präsidentin werden kann und b) immer glücklich sein werde? Eine Schlussfolgerung, die mir, gelinde gesagt, nicht unbedingt logisch vorkommt. Und so, meine Damen und Herren, klingt alles in Josies wirrem Hirn.

Am schrecklichsten aber finde ich, dass Dave Eggers derart langweilig schreibt, dass ich fast eingehe. So ein Roadtrip durch Alaska könnte spannend sein, inspirierend, aufregend, bei ihm ist er aber nur fad. Andauernd muss ich banalste Alltagsbeschreibungen lesen, die von Tanken über Autofahren bis hin zum Essen reichen:

„Ana hatte Hunger, also machte Josie sich auf die Suche. Sie fand Joghurt, und sie aßen zusammen einen Becher. Sie fanden Trauben und Cracker und aßen sie. Sie fanden Eier, und Josie machte Omeletts. Während Ana ihre zweite Portion aß, bemerkte sie das Schaukelgerüst im Garten und lief hin. Paul schlief noch, deshalb ging Josie wieder zum Kühlschrank, fand Schokoküsse und aß sechs von acht.“

Da schreit eine Stimme in mir schon: WEN INTERESSIERT DAS! Und: Weil Paul noch schläft, geht Josie wieder zum Kühlschrank? Konsekutivsätze, in denen das eine die Folge des anderen ist, sind anscheinend nicht so Dave Eggers’ Ding. Das gesamte Buch strotzt vor sprachlichen Schludrigkeiten. Das Feuilleton gibt daran zum Teil den Übersetzern die Schuld, was ich nicht fair finde: Wo waren denn das orginal und später das deutsche Lektorat?

Abschätzig und missbilligend hat der Autor seine Protagonistin gemacht, eine Frau, die aus unerfindlichen Gründen über jeden schlecht denkt. Die sich mit wildfremden Leuten anlegt, an Tankstellen, in Restaurants, in Supermärkten, die über jeden herzieht und ein Urteil fällt.

„Robert war garantiert ein schlechter Mann. Irgendwas an ihm, alles an ihm, war unsympathisch, unglaubwürdig, lüstern und frivol. Sein Hemd stand offen bis zu der Falte, wo die Trichterbrust auf den prallen Bauch traf.“

Ja, ja, die Intelligenzler rufen jetzt: Das muss so sein, das ist wichtig, der Autor repräsentiert dadurch die weiße amerikanische Mittelschicht. Dass Josie voller Vorurteile ist und nicht über den Tellerrand schauen kann, ist gesellschaftskritisch. Nun, wenn ihr meint, Aaber: Das macht das Buch auch nicht besser. Lückenhaft, unrealistisch, verkitscht, viel zu banal und letzten Endes ohne einen einzigen klugen Gedanken: Bis an die Grenze geht an die Grenze dessen, was ein Leser ertragen kann.

Bis an die Grenze von Dave Eggers ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (ISBN 978-3-462-04946-6, 496 Seiten, 23 Euro).

Netter Versuch: 2 Sterne

Cline„Mein Schweigen hielt mich im Reich des Unsichtbaren“
Im Kalifornien des Jahres 1969 ist Evie Boyd 14 Jahre alt und weiß noch nicht so recht, wo ihr eigenes Ich aufhört und die Welt beginnt. Sie sucht nach ihren Konturen und glaubt, sie nur durch Blicke anderer bekommen zu können. Sie hungert nach Aufmerksamkeit. Doch ihre Mutter ist nach ihrer Scheidung mit sich selbst beschäftigt, die beste Freundin serviert Evie ab. Da kommen ihr diese langhaarigen, entrückt wirkenden Mädchen gerade recht, die in einer Art Kommune rund um den Aussteiger Russell leben. Hier gehört niemand niemandem und jeder jedem, es gibt wenig Lebensmittel, aber umso mehr Marihuana. Besonders fasziniert ist Evie von der unnahbaren, gleichgültigen Suzanne, der sie wie ein Hündchen folgt. Sie lässt sich von ihr und Russell zu Sexpraktiken überreden, die sie eigentlich gar nicht will, sie ist leicht zu manipulieren, keine eigenständige Persönlichkeit und viel zu jung, um zu verstehen. Sie kann sich nicht vorstellen, dass ihre neue Ersatzfamilie Böses im Sinn hat. Doch genau das ist der Fall.

Wie ihr sicher mitbekommen habt, ist dies ein Buch, das einen Hype hat. Die Verlage battelten sich angeblich mit Millionenbeträgen um das Manuskript, auch hierzulande gab es bereits zahlreiche hymnische Besprechungen. Das Buch soll verfilmt werden, und allerorts gibt es ein großes Huch wegen der angedeuteten inhaltlichen Verbindungen zu Charles Manson. Ich hinke wie immer der großen Welle der Aufmerksamkeit hinterher, aber das macht ja nichts, so gehe ich wenigstens nicht darin unter. In solchen Fällen stellt sich ja dann immer die Frage: Ist der Hype berechtigt? Ich sage: Nein. Das sollte ich jetzt freilich begründen. Here we go.

Grund 1: The Girls beruht auf einer spannenden Idee, hat aber einen beschissenen Aufbau. Die Rahmenhandlung, in der Evie mittelalt ist, ist völlig unnötig und abartig langweilig. Da das Buch damit beginnt, hätte ich beinahe schon aufgehört zu lesen vor Fadesse. Irgendwann habe ich diese Kapitel nur noch überflogen, sie hatten ohnehin nur eine einzige wichtige Aussage, und dafür hätten auch zwei Sätze gereicht. Ich habe zudem Schwierigkeiten mit Romanen, die schon zu Beginn ihre gesamte Handlung offenbaren und sich immer wieder selbst kommentieren: „Ich hätte schon damals merken müssen, dass …“, heißt es dann, und: „Später, als ich alles wusste, dachte ich …“ Da bekomme ich den Eindruck, dass eh schon alles gelaufen ist – und zwar ohne mich. Das nimmt der Story jegliche Dynamik.

Grund 2: Emma Cline übertreibt es. Sie hat die Sache mit dem Schönschreiben zu ernst genommen und jeden einzelnen Satz herausgeputzt wie einen König. Voller Glanz und Prunk und Mäntelchen, geschmückt mit Adjektiven. Schon auf den ersten Seiten fühle ich mich erschlagen von all den bedeutungsschwangeren Ausdrücken. Es gibt kaum Ruhepausen, wenig Informationspolster, deshalb können gute Sätze kaum herausstechen, nicht leuchten. Wüchsen Adjektive auf einer Wiese, Emma Cline hätte sie vollständig abgegrast, und die anderen Autoren müssten jetzt warten, bis neue nachkommen. Diese verschwurbelte, überladene, metaphernbelastete Art des Schreibens hat mich furchtbar genervt. Damit ihr euch selbst ein Bild machen könnt, hier ein paar Beispiele:

„Kultivierte eine vornehme Unsichtbarkeit in geschlechtslosen Kleidern, mein Gesicht verschleiert vom anmutigen, vieldeutigen Ausdruck einer Gartendekoration.“

„Wie unpersönlich und habgierig unsere Liebe war, wie sie das Universum absuchte und auf einen Wirt hoffte, der unseren Wünschen Form geben würde.“

„Seine Atemzüge wie Perlen eines Rosenkranzes, jedes Ein und Aus ein Trost.“

„Ich war wie ein Kind, das nur verkürzte Gefühle rechtfertigte.“

„Der Tod kam mir vor wie die Eingangshalle eines Hotels.“

„Ein altes Holzhaus, das einer durchweichten Hochzeitstorte glich.“

 

Gleichzeitig muss ich aber sagen: Diese absolute Gefühlsgenauigkeit ist beeindruckend. Ich war ja selbst irgendwann ein vierzehnjähriges Mädchen, und an einigen Stellen im Buch dachte ich: Oh, wow, ja, ganz genau so hat sich das angefühlt. Das ist ein Aspekt, der mir an The Girls ausnehmend gut gefallen hat. Andererseits ist diese Nabelschau einer Vierzehnjährigen, die derart eng um sich selbst kreist und dabei so schrecklich dumm und verblendet ist, wie Teenager eben sind, über 350 Seiten auch recht anstrengend und flach. Selbst die alte Evie in der Rahmenhandlung erzählt von nichts anderem als ihrem eigenen Empfinden. Das war übrigens Grund 3. Von dem angekündigten Charles-Manson-Drama ist wenig zu lesen, Sektenführer Russell ist eine Nebenfigur, die nur eine Funktion hat und keinen ausgeprägten eigenen Charakter. Zu guter Letzt: die Atmosphäre. Es gelingt Emma Cline ausgezeichnet, das Bedrohliche, Unangenehme einzuweben. Das ist wohl nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sie schon zu Beginn verrät, dass alles grausam endet. Dennoch ist es eine Kunst, diese drückende Unabwendbarkeit der Gefahr über so viele Seiten hinweg spürbar zu machen. Ich kann also durchaus verstehen, warum so viele Leser von The Girls begeistert sind. Nur teilen kann ich die Begeisterung nicht.

The Girls von Emma Cline ist erschienen bei den Hanser Literaturverlagen (ISBN 978-3-446-25404-6, 352 Seiten, 22 Euro). Es gibt ausschließlich positive Meldungen zu diesem Buch, zum Beispiel bei Herzpotenzial, der Buchbloggerin und der Klappentexterin sowie natürlich in allen großen und kleinen Feuilletons.

Netter Versuch: 2 Sterne

Russo„Ich bin vielleicht alt, aber ein Arschloch erkenne ich, wenn ich einem begegne“
Miles Roby arbeitet schon seit 20 Jahren im Diner von Empire Falls. Eines Tages, so die Hoffnung, könnte es ihm gehören. Fragt sich nur, ob er es dann überhaupt noch will, denn Empire Falls ist ein trauriges, halbverfallenes Kaff, das seine besten Zeiten längst hinter sich hat. Beteiligt an diesen besten Zeiten waren die Whitings, denen die großen Fabriken der Stadt gehörten und auch sonst ungefähr alles. Von ihnen ist nur noch eine alte Witwe übrig, die Miles Jahr für Jahr vertröstet. Das eben hat es mittelgut mit ihm gemeint: Er ist geschieden, seine Exfrau heiratet bald einen Fitnessguru, der jeden Tag bei ihm im Diner rumhängt, die gemeinsame Tochter quält sich durch die Highschool. Dort begegnet sie einem jener Teenies, bei denen eine Sicherung wackelt und die knapp vorm Ausrasten sind. Richtig glücklich ist Miles nicht, die großen Wünsche haben sich nicht erfüllt, und klar ist eigentlich nur: Er wird noch viel unglücklicher werden.

2002 hat Richard Russo, der an Universitäten lehrte, für dieses Buch den Pulitzer Preis bekommen. Es wurde mit Paul Newman und Philip Seymour Hoffman verfilmt. Diese gottverdammten Träume ist das Porträt eines Mannes und zugleich das Porträt einer amerikanischen Kleinstadt in einem klassischen Neuengland-Setting. Beide haben ihre Glanzzeiten hinter sich, beide hätten vielleicht Größeres erreichen können – doch der Zug ist abgefahren. Jetzt betreiben sie Tag für Tag Schadensbegrenzung, schlagen sich so durch. Sie tragen ihre Geschichte mit sich, ihr Päckchen, ihre Wunden. Eigentlich geht’s ihnen nicht so richtig schlecht, so richtig gut aber auch nicht. Das ist der Grundtenor des Buchs, das sich dem Alltäglichen widmet, dem Kleinen, dem Unauffälligen. Die Zeit ist ein rücksichtsloser Hund, sie vergeht und lässt dich alt werden, ehe du deine Jugend voll ausgekostet hast.

Richard Russo nimmt sich Zeit für dieses Buch. Und Seiten. Sehr viel Zeit und sehr viele Seiten. Ich gestehe: Für mich hätte es die Hälfte auch getan. Er aber ist akribisch, dreht jeden Stein in Empire Falls um, analysiert jede Gefühlsregung, schreibt detailliert und ausführlich und wahnsinnig langatmig. „Für Burgerbrater Miles fließt das Leben so zäh dahin wie der schmutzige Fluss durch seine einstige Textilindustriestadt“, schreibt der Spiegel, und ich finde auch das ganze Buch sehr zäh. Über weite Strecken verliere ich die Geduld mit diesem Roman, in dessen Zentrum eine Stadt steht, in der nie etwas passiert – und genau das ist mein Problem. Die Träume waren nicht sehr groß, die Enttäuschungen sind es auch nicht, genauso wenig wie die Gefühle. Alles ist Mittelmaß. Man arrangiert sich halt. Als dann doch mal was geschieht, was sehr Schlimmes sogar, sind wir schon fast auf Seite 700, und zwischendurch hab ich viel gegähnt. Man merkt, dass der Autor seinen Protagonisten sehr mag, dass er viel Gefühl aufbringt für das Scheitern im Kleinen. Ich jedoch hätte mir doch noch mehr Großes, Bewegendes, Aufrührendes gewünscht.

Diese gottverdammten Träume von Richard Russo ist erschienen im Dumont Buchverlag (ISBN 978-3-8321-9824-4, 752 Seiten, 24,99 Euro).

 

 

 

Netter Versuch: 2 Sterne

Sasa„Es geht in Unterhaltungen nicht unbedingt darum, einander zu verstehen, sondern es miteinander auszuhalten“
Mo ist immer sehr schnell verliebt, und wenn Mo verliebt ist, dann gibt er alles. Dann schwimmt er zum Beispiel zum Floß von christlichen Menschenrechtsaktivisten, um seinem Schwarm Rebekka nahe zu sein. Ihretwegen fliegt er auch nach Stockholm, wo er das Gemälde einer syrischen Surrealistin stiehlt, das leider sehr hässlich ist. Auf der Romanija steht eine Fabrik, die von Hirten bewacht wird und vielleicht Jahreszeiten produziert. Die Hirten essen am liebsten Mars, und der kleinste Hirte hat, wenn er singt, die Stimme einer alten Frau. Georg Horwath fliegt nach Brasilien und steigt in das Auto von Ali, dem falschen Chauffeur auf dem Weg zum falschen Ort, was sich für Georg Horwath absolut richtig anfühlt. Und dann ist da noch die Uckermark, wo man sich an den Schriftsteller erinnert, der mal da war, und wo alle noch anzutreffen sind: Lada, der jetzt selbst schreibt, Zieschke und Ulli. Neu dazugekommen ist der Fallensteller, der angeblich alles fangen kann, Mäuse und Menschen, und der nur in Reimen spricht. Er ist geheimnisvoll, titelgebend und unergründlich – wie alle Geschichten in diesem Band.

Die Geschichte von Saša Stanišić und mir geht so: Vor acht Jahren las ich seinen hochgelobten Erstling Wie der Soldat das Grammofon repariert und den mochte ich so, dass ich beschloss, dass Saša Stanišić jetzt mein Freund ist. Es ist halt eher eine einseitige Freundschaft, von der er nichts weiß. Darauf folgte Vor dem Fest, ein Buch, das so anders war und wirr und verrückt, irgendwie manisch, aber Saša Stanišić da schon mein Freund war, hab ich ganz genau hingeschaut und hingespürt und hab mich reinfallen lassen in die Verschwurbeltheit. Und wie das so ist mit Freunden, manchmal siehst du sie nach Jahren wieder, und wenn sie den Mund aufmachen und reden, verstehst du nichts. Dann schaust du hin und spürst du hin und lächelst freundlich, aber innerlich denkst du dir: What the fuck? So ging’s mir nun mit dem Fallensteller. Während der Lektüre hab ich mich gefragt, ob das noch Genie ist oder schon Wahnsinn. Ich würde sagen: beides. Da sind Storys drin, die sind grandios und märchenhaft und tief. Es sind aber auch Storys drin, die sind einfach nur blöd, und welche, die klingen wie arabischer Singsang, unverständlich, einschläfernd, fremdartig.

Wenn ich mich als kleine Bloggerin nun negativ äußere über ein Buch, das gerade einen Staffellauf durch das Feuilleton macht, gelte ich, das hatten wir ja alles schon, als unwissend und unverständig. Eventuell bringt dann die Zeit wieder einen Artikel über die stumpfsinnigen Blogger, die keine Ahnung haben von Literaturkritik und nur Feenstaub verspritzen, und zitiert mich. Möglich. Und unerheblich. Denn auch wenn mir manche Metapher imponiert hat und manche Geschichte sehr poetisch war: Insgesamt ist der Fallensteller ein bisschen wie Porridge. Kann man mögen. Ist jetzt angeblich DER Trend. Schmeckt aber halt einfach nicht. Der Zauber, den alle dem Buch zusprechen, hat mich nicht mit Knistern überzogen, ganz nüchtern war ich, befremdet, abgestoßen. Viele Sätze sehen aus, als hätten sie sich einfach nur herausgeputzt mit schmucken Wörtern, ohne Gefühl. Vielleicht lag es an mir, denn bei allen anderen kam die Botschaft ja offenbar an. Vielleicht ist das aber auch nur eine Phase in der Freundschaft von Saša Stanišić und mir, und ich bin, wenn ich mich erst einmal für jemanden entschieden habe, eine sehr treue Freundin, mit der man solche Phasen durchaus überstehen kann. Vielleicht ist es auch so wie in dem Zitat, das ich für den Titel gewählt habe: Wir müssen uns nicht immer verstehen und halten das auch aus.

Fallensteller von Saša Stanišić ist erschienen im Luchterhand Literaturverlag (ISBN 978-3-630-87471-5, 288 Seiten, 19,99 Euro). Nicht ganz so begeistert wie alle anderen ist übrigens die Besprechung von Zeilensprünge, nur so am Rande.

Netter Versuch: 2 Sterne

LuiselliVerrückt, verrückter, Luiselli
„Ich bin der beste Auktionator der Welt. Das weiß aber keiner, denn ich bin ein zurückhaltender Mensch. Ich heiße Gustavo Sánchez Sánchez, und man nennt mich, liebevoll, wie ich meine, Carretera.“ So stellt er sich vor, und dann erzählt er seine Geschichte: Von seinem Plan, Auktionator zu werden, berichtet er, von dem Weg dorthin, von seiner Besessenheit, sein eigenes Gebiss durch ein wesentlich besseres zu ersetzen. Doch er will nicht irgendwelche Zähne, sondern die von Marilyn Monroe. Auch eine Frau findet Carretera, nicht nur eine, sondern eine nach der anderen, er lässt sich stets aufs Neue scheiden. Seinen Sohn Ratzinger – benannt nach dem Papst, bevor der ein Papst war – darf er nicht sehen. Und genau dieser Sohn wird ihm viele Jahre später zum Verhängnis …

Valeria Luiselli hat dieses Buch als modernen Fortsetzungsroman geschrieben für die Arbeiter einer Saftfabrik in Jumex. Er ist entstanden im Rahmen eines Kunstprojekts, und er ist auch als solches zu lesen: Kunst. Manches daran ist amüsant und anregend, manches schwer verständlich und sinnentleert. Mir persönlich sagt der Beginn des Buchs am meisten zu: die Geschichte, wie Carretera zu Marilyn Monroes Zähnen kommt, ist in sich geschlossen und wäre eine wunderbar unterhaltsame Short Story. Was danach folgt, verwirrt mich zusehends, ich verliere ein wenig den Faden und die Geduld. Es geht um das Versteigern von Objekten, die je nachdem, welche Geschichte über sie verbreitet wird, mehr oder weniger wert sind, um Kunst, die zur Ware wird, um das Verzerren der Wahrheit. Valeria Luiselli bietet eine Art Collage, keine stringente Erzählung. Als am Ende viele Fotos in Kombination mit fiktiven Zitaten auftauchen, bin ich längst ratlos: Mit den zehn parabolischen Stücken kann ich wenig anfangen, genauso wie mit den Verwicklungen rund um den ominösen Ratzinger. Der abrupte Perspektivenwechsel am Ende, der noch eine völlig neue Figur zu Wort kommen lässt, erklärt zumindest so einiges und löst manches Rätsel. Trotzdem lässt das Buch mich unbefriedigt und nachdenklich zurück. Da könnte man jetzt auch sagen: So ist das eben mit Kunst. Sie muss und will nicht verstanden werden.

Die Geschichte meiner Zähne von Valeria Luiselli ist erschienen im Verlag Antje Kunstmann (ISBN ISBN 978-3-95614-092-1, 192 Seiten, 18,95 Euro).

Netter Versuch: 2 Sterne

thumb_IMG_9182_1024„Nie spürt man die eigene Macht so sehr wie in jenen Momenten, in denen man sie missbraucht“
Im Jahr 2031 bezahlt die Menschheit die Rechnung für die Ausbeutung des Planeten: Die Welt geht unter. Zumindest fängt sie damit an. Wirbelstürme, Überschwemmungen, CO2-Kontingente für Benzin und Fleisch sind an der Tagesordnung. Die Regierung besteht aus Frauen – doch die Männer haben ihnen das Ruder nur überlassen, weil es unmöglich ist, das sinkende Schiff noch zu retten. In dieser Endzeitstimmung geht Sebastian Bürger in einem Hamburger Vorort zu einem 50-Jahre-Klassentreffen:

„Auf Klassentreffen geht es überhaupt nicht darum, was aus einem geworden ist, sondern es geht um das, was man einmal war. Je älter man wird, desto wichtiger ist es, Menschen zu treffen, die einen schon gekannt haben, als man noch jung war, ich meine echt-jung.“

Echt-jung ist hier nämlich niemand: Alle schlucken das Verjüngungsmittel Ephebo, das sie aussehen lässt wie Mitte zwanzig. Dass es Krebs auslöst, ist ihnen scheißegal – die Welt gibt es ohnehin nicht mehr lang. Als Sebastian auf seine Jugendliebe Elli trifft, erwidert sie endlich, Jahrzehnte später, seine Gefühle. Alles könnte für die letzten Jahre auf Erden so schön sein! Wenn da nicht Christine wäre – Sebastians Ex-Frau und Mutter seiner Kinder. Die hält er nämlich seit zwei Jahren in seinem Keller gefangen, wo sie – in dem Radius, den ihre Halskette zulässt – Kekse für ihn backen und seinen Schwanz lutschen muss. Sebastians Meinung nach ist dies die natürliche „Haltung“ einer Frau:

„Wieso sollte ich Rücksicht darauf nehmen, dass jemand körperlich schwächer ist als ich? Das ist evolutionäres Pech. Damit hat das Schicksal demjenigen seinen Platz zugewiesen: unter meinen Stiefeln. Alles, was Frauen tun, können sie nur mit der Erlaubnis von uns Männern tun.“

Um mit Elli die frische Liebe zu leben, muss Sebastian Christine loswerden. Doch das ist schwieriger als gedacht …

Macht von Karen Duve ist ein höchst merkwürdiges Buch. Es spaltet die Leser und Kritiker – und auch mich. Während ich zu Beginn sehr angetan bin von der Idee, dem Setting und der gedanklichen Weiterführung gesellschaftlich relevanter Themen, denke ich zum Schluss: WHAT THE FUCK?! Karen Duves Plan von der Abschaffung der Welt ist prinzipiell genial: Sie zeigt, was geschehen wird, wenn wir weitermachen wie bisher. Der Klimawandel wird der Menschheit zum Verhängnis, der Point of no return ist überschritten, die Verjüngungspille Ephebo treibt den gegenwärtigen Jugendwahn auf die Spitze. Das ist herrlich perfide und sarkastisch – und derart realistisch, dass es mir Angst macht. So weit ist 2031 schließlich nicht mehr weg. Was all diese Ideen, Überlegungen und Weltuntergangsmomente angeht, merke ich jedoch ungefähr nach der Hälfte des Romans: Diese Welt des Jahres 2031 zu entwerfen, war bereits der ganze Geniestreich, der nicht weiter umgesetzt und entwickelt wird. Nun gut, vielleicht muss er das auch nicht. Er ist ja schon scharf genug.

Protagonist Sebastian ist ein Arschloch, wie es im Buche steht (Entschuldigung). Selbstherrlich, besessen, voller Hass auf Frauen im Allgemeinen und Christine im Speziellen. Er hält sie wie ein Tier, vergewaltigt und misshandelt sie und fühlt sich dabei stets im Recht. Für den Mut und das Einfühlungsvermögen, aus einer derart abartigen Perspektive zu schreiben, bewundere ich Karen Duve. Es zu lesen, ist jedoch schwer erträglich. Sehr schwer. Ich wechsle von Abscheu zu Übelkeit und zurück. Und dann? Hm. Es kommt mir vor, als hätte die Autorin sich mit ihrer psychisch kranken Figur, dem Kellergefängnis und dem Ende der Welt in eine Ecke geschrieben, aus der sie nicht mehr herauskommt. Also hat sie vielleicht beschlossen, einfach aufzuhören. Anders kann ich mir den abrupten, sinnlosen und irrsinnig langweiligen Schluss nicht erklären. Pffft, macht das Buch, als ihm die Luft ausgeht. Und ähnlich klingt auch das Geräusch meiner Enttäuschung.

Diesen Roman zu lesen, ist, als würde man angekotzt werden. Ein bitterer Schwall aus Hass und Intoleranz, Überheblichkeit und Gewalt geht auf mir nieder. Das nährt die Verachtung, die ich für die gesamte Menschheit hege. Ich hoffe, Karen Duve hat Recht und unsere Zeit auf Erden hat bald ein Ende, damit der Planet befreit wird von dem schlimmsten Parasiten, den er sich jemals eingefangen hat: uns.

Macht von Karen Duve ist erschienen bei Galiani Berlin (ISBN 978-3-86971-008-2, 416 Seiten, 21,99 Euro). Viele weitere kluge Worte über das Buch findet ihr bei Sätze & Schätze, auf zeit.de, faz.net und sueddeutsche.de, außerdem ein Interview mit der Autorin auf welt.de.

Netter Versuch: 2 Sterne

Waldman.JPG„Manche Tage sind wie manche Menschen. Man kann sie nur schwer vergessen“
Nach endlosen Diskussionen hat sich die Jury endlich auf einen Entwurf für die Gedenkstätte an der Stelle des World Trade Centers geeinigt: Ein symbolträchtiger Garten soll dort in Zukunft an die Anschläge vom 11. September 2001 erinnern. Doch als der anonyme Umschlag mit dem Namen des Architekten geöffnet wird, sind alle schockiert. Es ist ein Moslem. Was sollen sie nun machen? Während die Jurymitglieder noch vor Ratlosigkeit gelähmt sind, dringt die Nachricht bereits nach draußen und löst einen Sturm der Erregung aus. Die Presse überschlägt sich, die Angehörigen der Opfer gehen auf die Barrikaden, die Situation gerät völlig außer Kontrolle. Auch der Architekt bekommt vor der eigentlichen Bekanntmachung Wind davon und gerät ins Kreuzfeuer: Mohammed Khan ist Amerikaner und nicht religiös. Doch das nützt ihm mitten in der losbrechenden Hetze wenig. Die reiche und schöne Claire, die im WTC ihren Mann verloren hat und als Stellvertreterin der Angehörigen in der Jury saß, sieht sich ebenfalls Anfeindungen und offenem Hass ausgesetzt. Ist Amerika ein Land der Toleranz, in dem jeder einen offenen Wettbewerb gewinnen kann, unabhängig von seiner Nationalität und Religion? Wäre ein muslimischer Architekt ein Sieg über den Terror oder doch eine Genugtuung für die Attentäter und ein Schlag ins Gesicht für alle, die jemanden verloren haben? Darüber denkt jeder anders.

Das Beste an Der amerikanische Architekt von Amy Waldman ist die Idee hinter der Geschichte: Die Ausgangslage fand ich derart originell, dass ich das Buch schon lange auf der Wunschliste hatte. Was wäre denn wirklich, wenn man in eine derart konfliktreiche Situation gelangen würde? Das klang in der Theorie überaus spannend. In der Praxis ist es das jedoch nur bedingt. Zwar hat die amerikanische Autorin, die als Journalistin für die New York Times in Südasien war, das vermeintlich Beste aus ihrer Idee an sich gemacht: Sie lässt einen Tornado der Empörung losbrechen, bringt eine skrupellose kleine Reporterin ins Spiel, zeigt die berechnende Vorgehensweise jeder einzelnen gegnerischen Gruppe, beleuchtet die Gefühle der Witwe Claire und gibt auch dem Architekten Mo eine eigene Perspektive. Bloß führt das alles nirgendwo hin. Auf über 500 Seiten schafft sie es nicht, aus ihrem Ausgangsszenario eine gute Geschichte zu weben, sie tritt die ganze Zeit auf der Stelle. Keine der Parteien ist zu einem Kompromiss bereit, nein, ein Kompromiss ist in dieser Lage gar nicht möglich. Seiten über Seiten gehen alle einen Schritt vor und einen zurück.

Die Protagonisten sind extrem unsympathisch und treten auf wie blasse Pappfiguren. Claire als traurige Hinterbliebene fühlt ganz klischeehaft alles, was man an ihrer Stelle eben so fühlen muss. Architekt Mohammed ist ein extrem undurchsichtiger Charakter, dessen Verhalten nicht im Geringsten nachvollziehbar ist und der alles nur noch schlimmer und schlimmer macht, sich dabei selbst unendlich leidtut und mir schlichtweg wahnsinnig auf die Nerven geht. Die platten Dialoge sind fad und öd, das ganze zündende Pulver der Konfliktsituation verpufft irgendwann ungenutzt. Diese meine Meinung ist freilich subjektiv, denn es wurde über Der amerikanische Architekt allerlei Gutes geschrieben: bei Literaturen, Standard, Spiegel und FAZ. Ich konnte jedenfalls nichts damit anfangen, gar nichts, nicht einmal ein bisschen was. Ich hab mich gelangweilt, gewundert und geärgert. Ein selten schlechtes Buch.

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Der amerikanische Architekt von Amy Waldman ist erschienen bei Schöffling & Co. (ISBN 978-3-89561-491-0, 512 Seiten, 24,95 Euro).

Netter Versuch: 2 Sterne

SchweblinDas Bedrohliche an der Merkwürdigkeit
Eine Frau lebt mit ihrer Tochter in einem kleinen Ort, vier Stunden von der Hauptstadt entfernt, wo der Mann arbeitet. Die Tochter heißt Nina. Die Frau bleibt namenlos. Eine Nachbarin Carla erzählt ihr eine eigenartige Geschichte: Ihr kleiner Sohn David litt an einer schweren Vergiftung, an der das gesamte Vieh gestorben war. Um ihn zu retten, teilte die Heilerin Davids Vergiftung mit einem anderen Körper – wodurch er eine andere Persönlichkeit bekam. Carla fürchtet sich vor diesem unbekannten Sohn. Auch die Frau ist inzwischen krank und wird in Kürze sterben. Nur David ist bei ihr, spricht mit ihr, rekonstruiert mit ihr, was geschehen ist. Er redet von Würmern, von einem Moment der Ansteckung. Woran leidet die Frau? Warum berichtet sie David wieder und wieder dasselbe, ohne sich erinnern zu können? Wo ist Nina? Was ist geschehen mit den Kindern des Ortes? „Es sind merkwürdige Kinder. Es sind, keine Ahnung, meine Augen brennen so. Sie haben keine Wimpern und auch keine Augenbrauen, ihre Haut ist rot, sehr rot, und schuppig.“ Müssen sie etwa alle sterben?

Es gibt Bücher, die derart rätselhaft sind, dass man nicht das Geringste versteht. Dazu gehört für mich Das Gift von Samanta Schweblin, angeblich „die beste Erzählerin ihrer Generation“. Ihre drei Erzählbände wurden mit Preisen bedacht, ihr erster Roman erschien nun in 20 Ländern. Worum es darin geht? Um eine nicht greifbare Bedrohung, um ein Gift – womöglich in Zusammenhang mit einem Chemiekonzern der Gegend? – und um seltsame Heilmethoden sowie den Tod. Eine Mutter lässt ihr Kind von einer Heilerin behandeln und hat danach Angst vor ihm. Dieses Kind stellt der Protagonistin Fragen, redet immer wieder von Würmern und will die Ursache für eine mysteriöse tödliche Krankheit aufdecken. Aber wozu, wenn sie ohnehin nicht heilbar ist? Was soll das bringen? Und wenn er all das ohnehin schon mehrfach erzählt bekommen hat, wieso fragt er erneut?

Das Gift ist ein derart rätselhaftes Buch, dass man das Rätselhafte daran nicht einmal erklären kann. Genau das soll wohl die Bedrohung auslösen – was durchaus gelingt. All die kleinen Informationsfetzen, die keinen Sinn und kein großes Ganzes ergeben, sorgen für eine verrückt beklemmende Atmosphäre. Es ist zum Fürchten. Und überaus unheimlich. Ich bin angeekelt und fasziniert zugleich und kann am Ende nicht einmal sagen, ob ich den schmalen Roman mit gerade mal 126 Seiten gut oder schlecht fand, weil die üblichen Beurteilungsparameter überhaupt nicht anwendbar sind. Ich bin schlicht und ergreifend völlig verstört. Und beunruhigt. Ein wenig verängstigt. Und ratlos. Wer sich einmal so fühlen möchte, der greife zu diesem Buch.

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Das Gift von Samanta Schweblin ist erschienen im Suhrkamp Verlag (ISBN 978-3-518-42503-9, 127 Seiten, 16,95 Euro), hier könnt ihr euch den gruseligen Buchtrailer ansehen.

Netter Versuch: 2 Sterne

Hjorth„Es gibt viele, die nicht den Menschen bekommen, den sie lieben. Und dagegen lässt sich nur schwer etwas tun“
Alma lebt allein in einem kleinen Haus auf dem Land irgendwo in Norwegen. Sie ist geschieden, ihre Kinder sind erwachsen und leben ihr eigenes Leben. Sie arbeitet als Künstlerin, ist bekannt für ihre prachtvollen Wandteppiche und Fahnen. Doch damit das Geld zum Leben reicht, muss sie die Einliegerwohnung, die zu ihrem Häuschen gehört, vermieten. Da diese nicht den modernen Standards entspricht, gibt Alma die Wohnung billig her und ohne Kaution. Mit dem polnischen Paar, das dort einzieht, will sie nichts zu tun haben. Und als der Mann wegen häuslicher Gewalt ins Gefängnis muss, hat Alma angeblich nie etwas gehört oder gesehen. Fortan lebt die polnische Frau mit ihrer kleinen Tochter in Almas Haus, und sie gehen sich alle aus dem Weg – der Kontakt beschränkt sich auf das Mindeste, es geht um die Post, ums Schneeschaufeln, um die Miete. Mit den Jahren wird der Umgang der beiden immer frostiger – bis es schließlich soweit ist, die Mietvereinbarung aufzulösen.

Vigdis Hjorth ist in Norwegen bekannt für ihre Kinderbücher, Romane, Essays und Diskussionsbeiträge. In Ein norwegisches Haus erzählt sie eine Geschichte, die ich nicht recht deuten kann. Denn ich hatte mir eine Auseinandersetzung mit Ausländerfeindlichkeit und Rassismus erwartet, hatte gedacht, Protagonistin Alma gerade mit ihren Mietern aneinander, weil diese Polen seien. Das spielt durchaus eine Rolle. Alma bemängelt das schlechte Norwegisch in den Briefen ihrer Mieterin, sie stört sich daran, wenn deren Verwandtschaft zu Besuch kommt und fremde Sitten mitbringt, und sie mag die Polen ganz einfach nicht. Allerdings mag Alma überhaupt niemanden. Sie ist eine miesepetrige, egozentrische, alleinstehende Frau. Und im Buch geht es vielmehr um Mietrecht, Umgangsprobleme und das allgemeine Gestalten eines friedlichen Zusammenlebens. Da gibt es kein Flüchtlingsschicksal, keine polnische Geschichte, kein Aufbrechen der Fronten, kein Annähern über die Nationalitäten hinweg. Über die Polen erfahre ich schlicht und ergreifend nichts. Und ihr Polnischsein hat derart wenig Einfluss auf den Roman, sie könnten auch Norweger sein.

All dies führt dazu, dass Ein norwegisches Haus mich unglaublich langweilt. Denn tatsächlich ist meist das einzig Interessante Almas Arbeit – wie sie Geschichten stickt und eigenbrötlerisch vor sich hin werkt. Auch am Ende kommt kein aufrüttelnder Knall, das Buch schließt ebenso ruhig und fast schon öde, wie es begonnen hat. Da wäre viel mehr Zündstoff und Potenzial für echte Konflikte und größere Gefühle als Ärger über die Miethöhe enthalten gewesen. Dieses gesamte Potenzial hat Vigdis Hjorth verschenkt – und das im Klappentext anklingende Thema hat sie in meinen Augen komplett verfehlt.

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Ein norwegisches Haus von Vigdis Hjorth ist erschienen im Osburg Verlag (ISBN 9783955100919, 235 Seiten, 20 Euro).

Netter Versuch: 2 Sterne

Delacourt„Ich werde dafür bezahlt, weder Herz noch Mitgefühl zu haben“
„Manchmal war ich wie berauscht von der Vorstellung, das Leben der anderen verändern zu können“, sagt Antoine, der als Gutachter für eine Versicherung arbeitet. Er muss im Schadensfall bewerten, ob jemand Geld bekommt – und wie viel. Er entscheidet über Existenzen. Als er einmal seinem Herzen statt seinem Verstand folgt, ist er prompt seinen Job los. Seine Frau verlässt ihn auch, und seinen Kindern war er nie ein guter Vater. Antoine muss erkennen, dass er am Boden ist. Kann er überhaupt noch tiefer sinken? Ohja, er kann. Denn in seiner Verzweiflung lässt er sich zu einer unfassbar grausamen, egozentrischen Tat hinreißen, für die er ins Gefängnis muss. Als er Jahre später freikommt, beginnt er ein neues Leben. Doch wie das eben oft so ist mit der Vergangenheit – sie lässt ihn nicht los …

Grégoire Delacourt ist ein erfolgreicher französischer Schriftsteller, und dies ist bereits sein fünftes Buch. Mit Alle meine Wünsche hat er mich völlig verzaubert, ich denke noch heute gern an diese Geschichte zurück. Dann kam sein neues Werk – und da habe ich von jenem Zauber leider nichts gespürt. Nicht mal ein winziges Fünklein. Das ist in erster Linie natürlich reichlich schade. Und bestärkt mich erneut in meiner Ein-Buch-pro-Autor-Philosophie, um solche Enttäuschungen zu vermeiden. Protagonist Antoine ist ein zutiefst langweiliger Held, der zugleich einen an der Waffel hat, und zwar so richtig. Er ergeht sich in einem langen inneren Monolog, er lamentiert vor sich hin, leidet an sich selbst, erzählt von seiner lieblosen Kindheit und seinem eigenen Versagen als Vater. Das ist … nun ja, nicht allzu aufregend, sagen wir es so. Es folgt ein spektakulärer, krasser und überraschender Vorfall, der das Buch zweiteilt – und der Rest ist dann ebenso langatmig und dröge wie der Beginn. Denn jetzt hat Antoine wirklich einen Grund, sich schlecht zu fühlen und sich Vorwürfe zu machen. Das tut er auch ausgiebig.

Es widerstrebt mir, schlecht über ein Buch zu sprechen. Weil viel Arbeit drinsteckt. Weil es anderen Lesern vielleicht durchaus gefällt. Ahahahaber: Ich habe mich mit Wir sahen nur das Glück schrecklich fadisiert. Die Story hat mich nicht gepackt, nicht einmal ein bisschen, der Protagonist war mir zutiefst unsympathisch und über die Maßen egal. Und natürlich waren meine Erwartungen nach „Alle meine Wünsche“ reichlich hoch, was fast immer problematisch ist. So kann ich nur hoffen, dass irgendjemand da draußen den Roman mehr mag als ich. Auch wenn es mich sehr wundern würde.

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Wir sahen nur das Glück von Grégoire Delacourt ist erschienen im Atlantik Verlag (ISBN 978-3-455-60021-6, 272 Seiten, 20 Euro).