Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

KureishiDie Schönheit von Mut

Ich meine, dass wir beide allein sind. Wir sind schon viel zu lange uns selbst überlassen. Seit Jahren. Ich bin einsam. Ich dachte, du vielleicht auch. Deshalb wollte ich fragen, ob du zu mir kommen und bei mir übernachten würdest. Und mit mir reden.

Das sagt Addie, eine Witwe im Alter von 70 Jahren, zu ihrem Nachbarn Louis, der ebenfalls alleinstehend ist. Eines Tages klingelt sie an seiner Tür, sie kennen sich nur vom Sehen, sind seit Jahrzehnten aneinander vorbeigelaufen, und sie macht ihm diesen ungewöhnlichen Vorschlag, der ihn verblüfft. Aber er geht darauf ein, und während es anfangs merkwürdig ist, weil sie einander fremd sind, sind beide froh über die Gesellschaft. Sie freunden sich an, schlafen in Addies Bett, unterhalten sich, erzählen einander aus ihrem Leben. Alles könnte richtig gut sein, wären da nicht noch die anderen Menschen.

Kent Haruf, der 2014 leider verstorben ist, hat fünf Romane geschrieben, die in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado spielen. So auch dieser, sein letzter Roman. Diese erfundene Stadt ist das perfekte Abziehbild, die ideale Kulisse für kleinkarierte amerikanische Spießbürgerlichkeit. Genau die wird den beiden Protagonisten Addie und Louis zum Verhängnis. Was sie tun, schadet niemandem, ganz im Gegenteil, und es ist außerdem ihre Privatsache. Sie leben auf, verbringen ihre letzte Zeit miteinander, um der Einsamkeit zu entkommen, sie helfen einander, sind füreinander da. Doch Nachbarn und Familie denken, sie müssten sich einmischen, müssten den beiden ihre eigenen, beengten Moralvorstellungen aufdrängen und sie verurteilen. Das ist ebenso glaubwürdig wie traurig.

Unsere Seelen bei Nacht ist ein schmaler Band, eine kleine Geschichte. Alles daran ist fiktiv, und doch habe ich bei jeder Zeile das Gefühl, sie könnte wahr sein. Kent Haruf schreibt sehr schlicht, schnörkellos, klar. Er zeichnet mit wenigen Linien ein Bild, das dennoch deutlich erkennbar wird, und ich mag so etwas sehr. Ich leide mit. Ich schließe Addie und Louis ins Herz, es geht nicht anders, sie sind alt und rührend, ich finde sie mutig, stark, unangepasst und wunderbar. Wie die anderen Menschen mit ihnen umgehen, zeigt einmal mehr, wenn auch nur im Fiktiven, wie unfähig wir sind. Unsere Gesellschaft kann niemanden leben lassen, wie er will. Nicht einmal zwei Alte, die sonst nichts mehr haben auf der Welt. Ein sehr nachdenklich stimmendes Buch mit einer originellen Story. Lesenswert!

Unsere Seelen bei Nacht von Kent Haruf ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-60785-7, 208 Seiten, 16,99 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne


Beijnum„Sie denken, dass wir dumm sind, Vater. Und wahrscheinlich haben sie recht“

Die Welt, in der sich der niederländische Richter Rem Brink befindet, ist tatsächlich zerbrochen. Wir schreiben das Jahr 1946, und er wird in das vom Krieg zerstörte Japan geschickt, als Teil des internationalen Tribunals, das über die japanischen Kriegsverbrecher urteilen soll. Obwohl er in den Niederlanden eine Frau und drei Kinder hat und weiß, dass er wohl jahrelang nicht nachhause kommen wird, ergreift Brink diese einmalige berufliche Chance. In Japan merkt er schnell, wie unglaublich fremd die Kultur und die Menschen ihm sind. Und dass es sehr schwer ist, allein zu sein: Als er die hübsche Sängerin Michiko kennenlernt, trifft er sich so oft wie möglich mit ihr – weil er ihre Gesellschaft und ihre Nähe genießt. Das Problem ist nur: Er zerstört dadurch ihr Leben.

Im Zuge der Frankfurter Buchmesse mit dem Gastland Niederlande bin ich auf dieses Buch aufmerksam geworden. Kees van Beijnum hat bereits elf erfolgreiche Romane veröffentlicht, von denen einige verfilmt wurden, hat zahlreiche Preise eingeheimst und gehört zu den bekanntesten Autoren seiner Heimat. Mit Die Zerbrechlichkeit der Welt hat er dort 2014 einen literarischen Skandal ausgelöst, in dem es um die Verwendung von Material ging, das dem Autor angeblich für ein Drehbuch anvertraut worden war – und zwar vom Sohn jenes Richters, auf dem die Figur des Rem Brink beruht. Unklar ist, was Fiktion ist und wo Kees van Beijnum sich tatsächlich an den Tagebüchern bedient hat. Der Richterssohn hat ebenfalls 2014 eine Biografie über seinen Vater veröffentlicht.

Der Roman an sich spielt nicht in den Niederlanden, sondern in Japan. Dem Japan nach dem Krieg, ruiniert, am Boden, mit Menschen, die traumatisiert sind, Verluste erlitten haben und gegen das Verhungern kämpfen. Zu ihnen gehören die Sängerin Michiko, der nichts auf dieser Welt geblieben ist, und der Soldat Hideki, die dritte Figur im Roman, der im Krieg verwundet wurde und nun ohne Zukunftsperspektiven in seinem Elternhaus in einem kleinen Dorf in den Bergen sitzt. Dorthin flieht auch Michiko, nachdem Richter Brink sie in jene Situation gebracht hat, in die solche Männer Frauen immer bringen.

Ich mag das Ruhige an diesem Roman, das Bedächtige und Überlegte. Kees van Beijnum erzählt langsam – wirklich sehr langsam. Das ist stellenweise ermüdend, und das Buch zieht sich über einen recht langen Zeitraum. Immer wieder denke ich, nun müsste es zu Ende sein, nun ist die Geschichte auserzählt, und doch ist das nicht der Fall. Inhaltlich verliert sich alles ein wenig, wird immer nichtssagender. Das hat folgenden Grund: Richter Brink hat sich in eine Ecke manövriert, ist festgefahren, kann nicht vor und nicht zurück. Er hat sich selbst schachmatt gesetzt, und das hat Auswirkungen auf die Geschichte: Wir stecken alle fest. Er ist der Moralapostel, der über andere urteilt, und doch ist es mit seiner eigenen Moral nicht weit her. So können wir nur darauf warten, dass Brinks Zeit in Japan zu Ende ist – und erleichtert aufatmen. Die Zerbrechlichkeit der Welt ist ein sehr gut recherchiertes (vermutlich wegen des oben erwähnten Materials), nüchternes und bis in seine Grundfesten doppelmoralisches Buch, das sich mit verschiedenen menschlichen Dilemmata befasst. Es ist intelligent, lesenswert und wahnsinnig deprimierend.

Die Zerbrechlichkeit der Welt von Kees van Beijnum ist erschienen bei C. Bertelsmann (ISBN 978-3-570-10281-7, 480 Seiten, 22,99 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Angerer„Die Sehnsucht nach Licht“
Eine Facebook-Freundschaftsanfrage an Weihnachten – das wäre eigentlich nichts Besonderes. Doch das Profilbild, das Valerie da sieht, ist nicht von irgendwem. Sondern von Bojan. Er ist der Vater ihrer Tochter. Er war ihre erste große Liebe. 30 Jahre lang hat sie ihn nicht gesehen. Und das hat einen Grund: Die Beziehung war keine gute. Sie hat ihre Spuren hinterlassen, sie hat vermutlich, das könnte man so sagen, Valeries Leben zerstört. Denn als sie Bojan traf, war sie jung und naiv, lieb, hübsch, sie wollte noch so viel. Plötzlich war sie verrückt nach diesem vermeintlichen Künstler, der dubiosen Geschäften nachging, an jeder Hand mindestens ein Mädchen hatte, Valerie abfällig „Madame“ nannte und sich nicht besonders um sie bemühte. Sie wollte ihm gefallen. Sie wollte, dass er sie liebte. Um seine Aufmerksamkeit zu bekommen, tat sie viel – und ließ sich viel gefallen. Denn der manipulative Bojan war nicht nur abschätzig, untreu und kriminell, sondern auch gewalttätig.

Ich hab dieses Buch in zwei Stunden inhaliert. Der Roman von Ela Angerer, die sich als Autorin, Theaterschreiberin und Kolumnistin einen Namen gemacht hat, ist scharf und intensiv. Er schmeckt nach einer leeren Wohnung, nach Wein und Blut. Sie erzählt darin die Geschichte einer Frau, die in jungen Jahren blind ins Verderben gelaufen ist, von Abhängigkeit und der seltsamen Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu belügen, die Augen zu verschließen vor der Wahrheit – selbst wenn diese einem direkt ins Gesicht schlägt. Im Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart wird klar, welch weitreichende Folgen die Begegnung mit Bojan für Valerie hatte und wie anders ihr Leben ohne ihn mit Sicherheit verlaufen wäre. Denn an dem Weihnachtsabend, an dem sie seine Freundschaftsanfrage erhält, ist Valerie ganz allein.

Wie blind sind wir, wenn wir lieben? Wie weit gehen wir, um zurückgeliebt zu werden? Und wann kommt der Moment, in dem der Wille, zu überleben, doch stärker ist als alles andere? Das sind die Fragen, auf die Und die Nacht prahlt mit Kometen Antworten gibt, fiktive Antworten aus dem Pool der Möglichkeiten, die das Leben bietet. Und beachtet bitte kurz das grandiose Cover, das mir wahnsinnig gut gefällt, weil es nicht nur ästhetisch schön ist, sondern zugleich, durch diese nicht vorhandene Schattenfigur, einen raffinierten Hinweis auf den Inhalt des Romans enthält. Sehr klar und geradlinig ist zudem Ela Angerers Sprache, angenehm zu lesen, einfühlsam und klug. Absolute Empfehlung!

Und die Nacht prahlt mit Kometen von Ela Angerer ist erschienen im Aufbau Verlag (ISBN 978-3-351-03647-8, 191 Seiten, 19,95 Euro). Und hier könnt ihr der Autorin beim Lesen zuschauen und zuhören.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Balzano„Sie sind spurlos verschwunden, denn die Mühe der armen Leute hinterlässt niemals Spuren“
Ninetto ist arm, sie nennen ihn Pelleossa, Haut und Knochen, so dünn ist er. In seinem Heimatdorf gibt es kaum was zu beißen, und als Ninettos Mutter einen Schlaganfall erleidet, schickt der Vater den Neunjährigen von Sizilien nach Mailand.

„Mailand ist eine Stadt voller Lichter, da ziehen Leute aus ganz Italien hin.“

Ninetto schlägt sich durch, er ist ein kleiner Überlebenskünstler, und meistens ist er allein.

„Ninè, es gibt keine Freunde. Es gibt nur Leute, mit denen man sich die Zeit vertreibt, wenn man nichts zu tun hat und nicht an seine Scheißsorgen denken will.“

Das hat ihm der Vater gesagt, und obwohl Ninetto ab und an bei Erwachsenen Unterschlupf findet – Freunde hat er wirklich keine. Dann verliebt er sich in Maddalena, und als sie fünfzehn sind, heiraten sie.

„Doch schon nach kurzer Zeit haben wir nicht mehr an unsere Träume gedacht. Wir haben vergessen, dass es sie gibt.“

Und so blickt Jahrzehnte später ein alter, resignierter Ninetto zurück auf das, was geschehen ist. Auf das, was er getan hat – und was er falsch gemacht hat.

„Ja, denn wenn ich mich in meinen Geschichten verliere, bin ich nicht mehr Haut, Knochen und Muskeln. Nur noch Seele und Stimme.“

Marco Balzano hat für diesen Roman mit vielen Menschen gesprochen, die in den 1950er- und 1960er-Jahren als Kinder unter zwölf Jahren emigriert sind. Auch seine eigenen Eltern sind Süditaliener, die ihr Glück im Norden gesucht (und offenbar gefunden) haben. Mit seinem Ich-Erzähler Ninetto gibt Marco Balzano in seinem dritten Roman diesen Kindern eine Stimme. Fasziniert war er davon, dass diese gefährliche, entbehrungsreiche Zeit für diese Menschen, die heute etwa siebzig sind, auch ein großes Abenteuer war – im Gegensatz zu den vierzig Jahren abstumpfender Fabriksarbeit, die darauf folgten.

Ich kannte Marco Balzano bereits von seinem wunderbaren Buch Damals, am Meer, das nichts anderes als grandios ist und das ihr unbedingt lesen solltet. Das Leben wartet nicht ist im Vergleich dazu nicht so lebendig, gewitzt und ausgeklügelt, es ist vielmehr ein recht eindimensionaler Erlebnisbericht, das liegt in der Natur der Sache. Für sich genommen, ohne diesen sowieso unnötigen Vergleich, ist dieser Roman die berührende Erzählung eines Zeitzeugen, gefüllt mit den klugen Aussagen derer, die wenig Bildung haben, aber viel Lebensweisheit. Ninetto schwelgt in Erinnerungen, denn im Alter bleibt ihm nichts anderes mehr. Er gehört zum alten Eisen, das keiner mehr will, und er denkt zurück an seine Anfänge. Er hatte vielleicht kein sehr gutes Leben – aber zuhause in Sizilien wäre er vermutlich verhungert. Marco Balzano ist sehr nah dran an seinem Erzähler, er blickt durch seine Augen, fühlt mit seinem Herzen, spricht mit seiner Stimme. Ein sehr besonderes und wichtiges Buch.

Das Leben wartet nicht von Marco Balzano ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-06983-9, 304 Seiten, 22 Euro). Hier findet ihr die Besprechung von novelero.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Lehane„Die Welt kann sich verändern, aber der Mensch bleibt immer gleich“
Im Boston der Prohibition ist der junge Joe in wilde Machenschaften rund um den Schmuggel von Alkohol verwickelt. Er treibt Geld ein, raubt Banken aus, geht in den geheimen Speakeasys – den Flüsterkneipen – ein und aus. Es ist eine gefährliche Zeit:

„In Charlestown rührten sich die Leute sogar mit ihren 38ern Zucker und Sahne in den Kaffee.“

So dauert es auch nicht lange, bis Joe in ernsthafte Schwierigkeiten gerät – und schuld daran ist natürlich eine Frau. Er verknallt sich in die schöne Emma Gould, und er vertraut den falschen Leuten. Doch das ist noch lange nicht das Ende der Geschichte, denn auch hier gilt: Man sieht sich immer zweimal im Leben …

In der Nacht von Dennis Lehane ist Action pur. Hinter dem – wie üblich – schlichten Cover von Diogenes wird gemordet und geraubt, geschmuggelt und geschossen. Es geht in diesem Roman, der soeben mit Ben Affleck in die deutschen Kinos kam, heiß her. Das sind Ganoven der alten Zeit, wie man sie sich vorstellt, Gangster im Nadelstreifanzug und mit Hut, Zigarre in der einen Hand, 38er in der anderen. Jeder bescheißt jeden, und so manch einer wird umgelegt, ehe er überhaupt den Mund aufmachen kann. Herrlich schwarze Gangster-Jargon-Sätze und -Dialoge vermitteln das dazugehörige Feeling, zum Beispiel:

„Nehmen Sie lieber den Zug, Gary. Sonst legen wir Sie drunter.“

Oder:

„Ein echtes Kunstwerk, die Frau. Wer in ihr einschläft, kommt dem Himmel bestimmt ziemlich nahe.“

Dennis Lehane und ich kennen uns schon lange. Als ich Anfang zwanzig war, war ich ein großer Fan seiner nervenzerfetzenden Storys. Ich habe die gesamte in den 1990ern erschienene Reihe rund um den Ermittler Kenzie Gennaro gelesen, darunter die Titel A drink before the war, Darkness, take my hand und Prayers for rain, das Dennis Lehane einen grandiosen Aufschwung brachte, weil Bill Clinton damit gesichtet wurde. Dennis Lehane hat zudem ein Händchen für filmreiche Stoffe: Mystic River wurde von Clint Eastwood verfilmt, in Shutter Island spielte Leonardo di Caprio unter der Regie von Martin Scorsese. In beiden Fällen gilt: Das Buch ist besser! (Das muss ich ja sagen.) Ich hab sie damals alle auf Englisch gelesen und bilde mir ein, dass Dennis Lehane im deutschsprachigen Raum noch nicht so bekannt war. Das haben die Filme mit Sicherheit geändert, und der Diogenes Verlag hat sich in der Zwischenzeit dieser amerikanischen Spannungsromane angenommen. Nun wollte ich also sehen, ob wir es noch können, der Dennis und ich, nach all den Jahren. Jaaa, durchaus! Zwar hat In der Nacht mit seinen fast 600 Seiten Längen, und ich gestehe, dass ich am Ende ein wenig sauer war, weil Dennis Lehane mir DAS, was ich euch nicht verraten kann, doch noch antut, aber alles in allem ist dies der perfekte Unterhaltungsroman: gewitzt und originell, fesselnd und gefühlvoll. Ein wilder Ritt im Nadelstreif.

In der Nacht von Dennis Lehane ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-06872-6, 592 Seiten, 10 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Tremain„Weil so das Leben ist. Man kann nie zurück, wenn etwas erst einmal vorbei ist“
Gustavs Kindheit ist grauenhaft. Er lebt mit seiner Mutter in den 1940er-Jahren in einer Schweizer Kleinstadt – und obwohl sie ihn nicht schlägt oder misshandelt, ist sie ihm gegenüber so lieblos, dass der kleine Gustav fast verkümmert. Verzweifelt klammert er sich an die Freundschaft zu Anton, dessen reiche Familie jüdisch ist. Anton ist alles für ihn, der Bruder, den er nicht hat, er möchte Antons Leben haben, er möchte Anton sein. Doch Gustavs Mutter ist diese Freundschaft ein Dorn im Auge, weil sie der Meinung ist, dass Gustavs Vater wegen der Juden gestorben ist. Da gibt es allerdings so einiges, was sie nicht weiß – und was auch Gustav erst viele Jahre später herausfindet.

Und damit fing es an von Rose Tremain ist ein Buch, bei dem ich nicht recht weiß, was ich davon halten soll. Wir haben ein paar Stunden miteinander verbracht, wir haben uns näher kennengelernt, doch als unsere gemeinsame Zeit vorbei ist, kann ich das Gefühl, das bleibt, nicht genau bestimmen. Vielleicht, weil es mehrere verschiedene Gefühle waren, die dieser Roman in mir ausgelöst hat. Zuallererst war da das Mitleid. Der erste Teil des Buchs, in dem Gustav ein kleiner Junge ist, ging mir richtig an die Nieren. Er hat kein Spielzeug, kein einziges Buch, er muss in der Kirche putzen und ist der Willkür seiner Mutter, die über seinen Kopf weg entscheidet, ausgeliefert, und als sie einmal für Wochen ins Krankenhaus muss, ist er auf sich gestellt und verhungert beinahe. Warum sie ihm ständig das Gefühl gibt, ungewollt zu sein, erklärt der zweite Teil, eine Rückblende, in der es um Gustavs verstorbenen Vater geht. Die Ehe war nicht so, wie Gustavs Mutter sie im Nachhinein dargestellt hat, und auch die Geschichte mit den Juden ist nur halb wahr. Hier spüre ich ein gewisses Feuer im Buch, sprühenden Ideenreichtum, den Funken der Originalität, und da ich es sehr gern mag, wenn offene Fragen beantwortet werden, fühle ich Zufriedenheit. Die kippt dann jedoch in Ärger um. Denn das Ende des Romans ist seltsam bitter, süß zugleich, allzu erwartbar und hohl wie alle Dinge im Leben, die einfach zu spät kommen: Irgendwann kann das Gute das Schlechte nicht mehr aufwiegen.

Ich kenne Rose Tremain von ihrem wunderbaren Buch Der weite Weg nachhause aus dem Jahr 2010. Daran reicht Und damit fing es an für mich nicht heran. Aber: Der kleine Gustav ist einer, den man einfach mögen muss. Mit dem man gehen, den man an der Hand nehmen und dem man helfen will. Er ist die Hauptfigur dieses Romans, er ist ein Grund, ihn zu lesen. Der andere ist Rose Tremains Sprache. Mit meisterhafter Lässigkeit geht sie damit um, nie wirkt ihr Schreiben sperrig, sie benutzt nicht zu viele Wörter und nicht zu wenig, sie fängt Gustavs Verzweiflung derart gut ein, dass sie einen aus dem Buch heraus packt und würgt. Dies ist ein facettenreicher Roman über Freundschaft, über Liebe und Untreue, über Musik, falsche Entscheidungen und die Tatsache, dass man manchmal im Leben einen Menschen trifft, von dem man nie wieder loskommt.

Und damit fing es an von Rose Tremain ist erschienen im Insel Verlag (ISBN 978-3-458-17684-8, 333 Seiten, 22 Euro). Hier könnt ihr euch den Buchtrailer anschauen, und hier findet ihr eine schöne Besprechung von Herzpotenzial.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

fuerstenberg„Das, was vor mir lag und Zukunft hieß, war eine Ansammlung hässlicher Wahrscheinlichkeiten“
Johanna stammt aus der DDR, aber eigentlich auch nicht. Sie war erst zwei Jahre alt, als die Mauer fiel, und hat keine Erinnerung an das Leben hinter dieser Mauer. Die DDR-Witze ihres Ausbildners Reiner findet sie deshalb nur bedingt lustig. Reiner bringt Johanna das Straßenbahnfahren bei, und das will sie eigentlich bloß lernen, weil ihr sonst nichts einfällt – und weil ihre Mutter es nicht gut findet. Die hat Johanna allein aufgezogen, nachdem der Vater Jens ohne ein Wort verschwunden ist. Hat er rübergemacht? Hatte er eine zweite Familie? Wieso hat er nie von sich hören lassen? Das sind Fragen, die Johanna ihm nun, so viele Jahre später, endlich stellen könnte, denn Jens hat angerufen. Zeit dafür bleibt ihr allerdings kaum noch, denn ihr Vater hat Krebs im Endstadium. Sie kann ihn also nur finden, um ihn gleich wieder zu verlieren. Und manche Fragen bringt man einfach nicht über die Lippen …

Wer die Story-Outline von Familie der geflügelten Tiger hört, könnte denken: Ach, schon wieder. Der verschwundene Vater, eine Leerstelle, der sich plötzlich meldet – weil er stirbt. Und dann auch noch die DDR! Alles schon so oft dagewesen. Aber: weit gefehlt! Die junge Autorin Paula Fürstenberg, die am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert hat, umschifft in ihrem Debütroman gekonnt die Klischees. Dazu bedient sie sich eines Kniffs, der mich erst überrascht, dann aber beeindruckt. Ohne zu spoilern, sei nur so viel gesagt: Von ihrem Vater kann Ich-Erzählerin Johanna die benötigten Antworten nicht bekommen. Dies ist ein Buch über das Suchen – die Suche nach der eigenen Geschichte, nach einem Weg für die Zukunft, nach Aha-Momenten und nach der Liebe. Manches davon wird gefunden, anderes nicht.

Ich habe Paula Fürstenberg auf der Frankfurter Buchmesse kennengelernt – zumindest aus der Ferne. Denn der KiWi Verlag hat ein Bloggertreffen organisiert, bei dem sie – wie auch Nele Pollacek – aus ihrem Roman gelesen hat, den ich zu diesem Zeitpunkt bereits zuhause hatte. Das hat sie ganz wunderbar gemacht, und man hat ihr die Zuneigung zu ihren Figuren angemerkt. Daran hab ich mich erinnert, und diese Zuneigung hab ich dann beim Lesen gleich übernommen. Als Österreicherin hab ich zur DDR noch weniger Bezug als Protagonistin Johanna, aber ich hab mich von diesem Buch trotzdem abgeholt und geleitet gefühlt. Es ist klug, gewitzt, interessant und voller unerwarteter Wendungen. Ich möchte es euch hiermit unbedingt empfehlen. Gut gemacht, liebe Paula.

Familie der geflügelten Tiger von Paula Fürstenberg ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (ISBN 978-3-462-04875-9, 240 Seiten, 18,99 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

img_1288Das Einzige, was dabei hilft, das Leben zu ertragen, ist, es nicht so ernst zu nehmen. Und wie das in Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war von Joachim Meyerhoff klingt, sieht er das genauso. Sein Buch hab ich auf dem Frankfurter Flughafen gekauft, und allein das ist schon ein bisschen witzig: Ich bin mit Handgepäck zur Messe gereist und konnte deshalb von dort kein einziges Buch mitnehmen. Aber dann hatte ich, angeregt durch die vielen tollen Messeerlebnisse, zum ersten Mal wieder Lust, Bücher zu kaufen, und musste diesem Impuls einfach folgen: Deshalb hab ich kurz vor dem Boarding noch vier neue Bücher in meinen Rucksack gestopft. Darunter: der Meyerhoff. Ich weiß, dass das der zweite Teil ist, und ich werde weder den ersten noch den dritten lesen, ehrlich gesagt mochte ich von diesem hier einfach den Titel am liebsten. Und das mit dem Irrenhaus hat mich interessiert. Zudem dachte ich: Lies mal was Lockeres, Leichtes, lass dich ein wenig aufheitern, vielleicht hilft auch das. Und ja, das hat es. Joachim Meyerhoff schreibt wirklich, wie allerorts von der Kritik festgestellt, sehr warmherzig und humorvoll, sogar von Dingen, die gar nicht lustig sind. Das ist große Kunst. Literarischer Oberflieger ist das Buch keiner, aber das passt so. Alles ist richtig an diesem Buch, alles ist gut. Und es war für mich das perfekte Mittel, aus meiner Lesedeprimiertheit herauszufinden. Oder anders gesagt: Immerhin eine Irre wurde dadurch geheilt.

Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war von Joachim Meyerhoff ist erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

14690982_1552281121454165_6272082350950412329_nCarson, Frankfurt und ich
So ein kleines Buch. So eine kleine Geschichte! Mit einer dennoch so großen Wucht. Eingepackt hab ich den schmalen Diogenes-Band, als ich zur Frankfurter Buchmesse geflogen bin, weil er so leicht ist und ich nur Handgepäck mitnehmen konnte. Dann war es in meiner Tasche an meinem ersten Tag in der Stadt, wo ich mir für ein paar Stunden eine Auszeit genommen habe, die – ich will euch nicht mit den Gründen dafür langweilen – ich dringend nötig hatte. Ich saß in einem Café in Sachsenhausen – wo sonst könnte man dieses Buch lesen, wenn nicht in einem Café – und niemand zerrte an mir, keiner musste aufs Klo, keiner aß mir den Apfelkuchen weg, kinderfreie Zeit, es war herrlich. Und dazu Carson McCullers schräge, eigenartige Story über eine starke Frau in einer kleinen Stadt, die auf höchst merkwürdige Weise ins Verderben gestürzt wird – zu einer Zeit, die so anders war als die heutige. Die Autorin, 1917 geboren, ging mit 18 Jahren nach New York und galt mit 23 als literarisches Wunderkind. In ihrem Haus ging die New Yorker Bohème ein und aus. Sie starb 1967, ihre Bücher gelten als Meisterwerke. Sie schreibt schnörkellos und direkt, ohne das Bemühen, möglichst schön klingende Worte zu finden, dafür mit Herz und einer Botschaft, so, wie heutzutage niemand mehr zu schreiben scheint. Und damit ihr euch ein bisschen mehr darunter vorstellen könnt, lasse ich euch hier ein paar ihrer eigenen Worte lesen. Ein wunderbar verrücktes, schmerzhaftes und in seiner Verschrobenheit poetisches Büchlein, das mich in einem besonderen Moment begleitet hat.

„Manche Menschen haben etwas an sich, das sie von den anderen, gewöhnlichen Leuten unterscheidet. Sie besitzen einen Instinkt, den man meistens nur bei Kindern antrifft, ein natürliches Gefühl dafür, zwischen sich und der übrigen Welt einen unmittelbaren und lebendigen Kontakt herzustellen.“

„Die merkwürdigsten Leute können Liebe auslösen. Ein Mann kann ein zittriger Urgroßvater sein und noch immer ein fremdes Mädchen lieben, das er eines Nachmittags vor zwanzig Jahren in den Straßen von Cheehaw sah. Der Prediger kann eine Gefallene lieben. Der Geliebte kann treulos sein, kann fettiges Haar haben oder schlechte Gewohnheiten, ja, und der Liebende mag das alles so deutlich wie alle anderen Menschen erkennen, doch das berührt das Wachstum der Liebe nicht im geringsten.“

„Doch das Herz kleiner Kinder ist ein empfindliches Organ. Ein grausamer Lebensbeginn kann es zu merkwürdigen Formen verkrüppeln. Das Herz eines verwundeten Kindes kann so verkümmern, dass es auf immer und ewig so hart und vernarbt wird wie ein Pfirsichkern.“

„Sie hatten so lange zusammengelebt, die beiden Alten, dass sie sich wie Zwillinge glichen. Sie waren braun und verhutzelt, zwei umherwandelnde Erdnüsse.“

„Das Leben wird oft zu einer einzigen langen, trübseligen Plackerei, um nur die zum nackten Leben notwendigsten Dinge zusammenzuscharren. Verwirrend ist nur, dass alle brauchbaren Dinge ihren Preis haben und nur mit Geld erworben werden können, denn so ist der Lauf der Welt. Ohne zu überlegen weiß man, wieviel ein Ballen Baumwolle oder ein Liter Sirup kostet. Doch das menschliche Leben hat keinen Geldwert, es wird uns umsonst gegeben, und es wird uns genommen, ohne dass wir dafür bezahlen. Wieviel ist es wert? Wenn man um sich blickt, könnte man meinen, dass es wenig oder gar nichts wert ist.“

Die Ballade vom traurigen Café von Carson McCullers (Erstveröffentlichung 1951) ist 1988 erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-20142-0, 128 Seiten, 8,90 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

dexter„Möglicherweise muss man verletzt werden, ehe man überhaupt etwas begreift“

„Niemand, der sich für die Frage interessiert, wo Journalisten ihre Storys herhaben, sollte glauben, dass die Kompassnadel jedes Mal neu ausgerichtet wird. Was sie fasziniert, das ändert sich nicht, nur der Ort, an dem sie es aufspüren.“

Für die Journalisten Yardley und Ward ist dieser Ort im Jahr 1965 eine Kleinstadt in Meat County, Florida, zufällig die Heimat von Ward. Hingelockt hat sie Charlotte Bess, die sich in den inhaftierten Mörder Hillary Van Wetter verliebt hat und seine Freilassung erwirken will. Er soll den Sheriff ermordet und ausgeweidet haben, den Sheriff, der in Ausübung seines Amtes zahlreiche Schwarze umgebracht hat. Yardley und Ward finden schnell heraus, dass Van Wetter ohne haltbare Beweise verurteilt wurde. Sie schreiben ihre Story. Doch das ist noch lange nicht das Ende der Geschichte …

Pete Dexter war selbst 15 Jahre lang Zeitungsreporter und hat sich mit Paperboy an den alten Grundsatz gehalten, über das zu schreiben, was man kennt. Sein Ich-Erzähler ist der Bruder von Journalist Ward und der Sohn eines Zeitungsinhabers. Er hat allerlei Probleme: Seit er von der Uni geflogen ist, kriegt er sein Leben nicht auf die Reihe – und spielt vorerst den Fahrer für Yardley und Ward, die betrunken am Steuer erwischt wurden. Deshalb ist er bei allen Recherchen live dabei – und die liefen in den 60er-Jahren noch sehr viel persönlicher ab als heute. Ohne Google, ohne Mails. Die Beziehung der Brüder zum Vater ist nicht gut, Mutter gibt es keine, aber immerhin nähern die beiden sich durch die Zeit, die sie zusammen verbringen, wieder an. Für den Ich-Erzähler geht es um das eigene sexuelle Erwachen, um das Nachahmen des Erwachsenenlebens, um das Sich-selbst-Finden. Für alle anderen geht es um eine gute Story, aber irgendwie auch um Leben und Tod.

Paperboy ist wild und rau und ungnädig. Sehr geil ist das Ambiente der 60er, es wird geraucht, gesoffen, geflucht, die Arbeit der Journalisten ist seltsam unstrukturiert und frei, sie sonnen sich noch im Glanz ihres Berufsstands, und so mancher, der sich einen Namen gemacht hat, tut einfach, was er will. Frauen sind Magneten, von denen die Männer angezogen, aber auch abgestoßen werden, alle spielen miteinander, umkreisen sich, treffen falsche Entscheidungen. Auch Homosexualität, damals noch stärker tabuisiert als heute, spielt eine entscheidende Rolle. Pete Dexter erzählt in einem coolen Matter-of-fact-Ton, der insofern typisch männlich wirkt, als dass er möglichst distanziert sein will und gerade dadurch etwas sehr Emotionales bekommt. Die Gefühle, über die keiner spricht, schimmern stets durch. Ein düsteres, dunkles, beklemmendes, sehr lesenswertes Buch aus einer Zeit, die erst 50 Jahre her ist – und doch längst vergangen.

Paperboy von Pete Dexter ist erschienen bei Liebeskind (ISBN 978-3-95438-008-4, 320 Seiten, 19,80 Euro). Das Buch wurde mit John Cusack, Matthew McMcConaughey und Nicole Kidman verfilmt.