Gut und sättigend: 3 Sterne

cherryman-jagt-mister-white-9783257067552„Nach meiner Beobachtung ist Familie oft ein Platz, wo die Leute meinen, sie müssten sich nicht benehmen“
Eine beklemmende Geschichte über einen 18-jährigen Nazi-Mitläufer aus Ostdeutschland auf gerade mal 160 Seiten? Bitte sehr: Sowas wie das hier habt ihr bestimmt noch nicht gelesen. Im rasanten Tempo einer Short Story erzählt der deutsche Autor Jakob Arjouni von einem, der eigentlich nur seine Ruhe will – und quasi genau das Gegenteil bekommt. Der junge Rick hat keine Eltern und keine Perspektiven, weil er in Ostdeutschland lebt und keinen Ausbildungsplatz findet. Da bieten ihm die Neonazis, die ihn sonst nur traktieren, eine Lehrstelle in einer Gärtnerei in Berlin. Und obwohl er Bedenken hat, sagt er zu, denn die Alternative wäre: gar nichts. Er liebt es, Pflanzen zu hegen und zu pflegen, nach Berlin zu fahren, im Zug mit der attraktiven Marilyn zu flirten. Doch die Nazi-Bande verlangt von ihm, einen jüdischen Kindergarten auszuspionieren. Und als sie Rick einen Auftrag geben, den er nicht ausführen will, eskaliert die Situation. Aber nicht nur ein bisschen. Sondern so richtig.

Cherryman jagt Mr. White ist eins jener Büchlein, die rasch gelesen sind, aber lange nachwirken, was vor allem an seinem überaus drastischen Ende liegt. Es wirft viele Fragen auf, von denen es keine einzige beantwortet. Was soll man Schlimmes tun, um Schlimmeres zu verhindern? Wo beginnt Notwehr, wo hört sie auf? Und vor allem: Was hättest du getan? In einem Deutschland, in dem erneut ein alter Hass aufflammt, ist dieser Miniaturroman von schmerzhafter Aktualität. Und zeigt: Manchmal gibt es im Leben keinen Ausweg, und alles ist einfach grauenhaft.

Cherryman jagt Mr. White von Jakob Arjouni ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-60134-3, 176 Seiten, 7,99 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

KossdorfAuf der Bühne des Lebens
Mischa ist ein Schauspieler, der nicht mehr schauspielert. Er hat beschlossen, diese Leidenschaft aufzugeben, und das war eine bescheuerte Idee, denn nun geht es ihm schlecht. Er ist unausgeglichen und orientierungslos. Da er nichts von sich preisgeben will, verlaufen seine ersten Zusammentreffen mit der Floristin Valerie, die ihm gut gefällt, katastrophal. Erst als er sich öffnet und ihr von seiner Berufung, der er nicht mehr folgen will, erzählt, werden sie ein Paar. Und dann hat Mischas Freund Sebastian eine ungewöhnliche Idee: Er will Mischa und Valerie engagieren, um für Privatkunden Szenen zu spielen, die diese sich wünschen. Das kann beispielsweise ein alter Mann sein, der noch an seine Jugendliebe denkt, oder eine Mutter, die das Kennenlernen mit dem verstorbenen Vater ihrer Tochter nachspielt, und viele andere Klienten – denn die Idee wird hervorragend angenommen. Und daraus entstehen so einige kuriose Begebenheiten.

Als ich letztens mit meinen Kindern in der Bücherei war, musste ich sehr lange auf die beiden warten, die sich mit Asterix-Comics in ein Zelt gesetzt hatten. Also hab ich mich nach einer Beschäftigung umgesehen – Bücher gibt es dort ja genug – und mit Leben spielen von Jan Kossdorff angefangen, aus einem einzigen Grund: weil es ein Buch war, das ich noch nicht kannte. Davon gibt’s nämlich nicht so viele. Nach 20 Minuten hatte ich mich festgelesen und hab das Buch mitgenommen. Es handelt sich dabei um leichte Unterhaltung, bei der nicht die Sprache im Mittelpunkt steht, sondern die Story. Das soll heißen: Besonders gut geschrieben ist dieses Buch nicht. Es macht aber wegen der originellen Geschichte auf jeden Fall Spaß, es zu lesen. Die Figuren sind ein wenig verrückt und teilweise echt nervig, doch zugleich ist die Art, wie Jan Kossdorff so unbedarft und frei von der Leber erzählt, sehr erfrischend. Ein harmloses, aber sehr angenehmes Buch.

Leben spielen von Jan Kossdorff ist erschienen im Deuticke Verlag (ISBN 978-3-552-06312-9, 384 Seiten, 19,99 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

Aydemir„Es geht nur darum, den anderen überzeugende Lügen zu erzählen und sich nicht erwischen zu lassen“
„Wenn wir in der Familie miteinander reden, tun wir nämlich immer so, als gäbe es einen Gott und die Hölle und so. Das hilft dabei, irgendwelche Begründungen für irgendwas zu finden und weniger Angst vor dem Tod zu haben, und vor allem hilft es dabei, uns Dinge zu verbieten.“ Für Hazal, Tochter türkischer Einwanderer in Berlin, ist ziemlich viel verboten: Abends darf sie nicht raus, sondern schaut doofe türkische Serien mit ihren Eltern und kocht ihnen Tee, einen Freund darf sie nicht haben, bei ihren Freundinnen darf sie nicht übernachten. Außerdem findet sie keinen Ausbildungsjob, hat keine Perspektiven, und deswegen ist Hazals Leben einfach kacke. Als sie gemeinsam mit drei anderen Mädchen an ihrem Geburtstag an der Tür eines Clubs abgewiesen wird, entlädt sich ihr Frust, und die Situation gerät völlig außer Kontrolle. Hazal flieht nach Istanbul und muss dort erkennen: Nur weil du vor deinen Problemen wegläufst, lösen sie sich nicht in Luft auf.

Ellbogen ist ein höchst aktueller und ebenso brisanter Roman. Bestimmt habt auch ihr die Bilder im Kopf, die durch die sozialen Medien gingen und gehen, von Jugendlichen, die in der U-Bahn wehrlose Menschen niedertreten, verprügeln, anpinkeln. Fatma Aydemir, die 1986 in Deutschland geboren wurde und als freie Autorin für diverse Zeitungen und Magazine schreibt, hat diese Gewalt zum Thema ihres Debüts gemacht, die so viele in Angst versetzt. Woher kommt sie, wo liegt ihr Ursprung? Dabei will sie das Verhalten der Einwandererkinder, die orientierungslos sind und wütend, nicht rechtfertigen, nicht einmal erklären. Sie erzählt vielmehr eine fiktive Geschichte – die real sein könnte. Sie gibt durch ihre Ich-Erzählerin Hazal Einblick in das Leben einer jungen Türkin, die in Berlin wohnt, also in einer freien Welt lebt, und dennoch gefangen ist. Zwischen veraltetem Türkisch, ebenso veralteten Traditionen und einem Deutschland, das es ihr in ihren Augen unmöglich macht, gut zu leben, befindet sie sich in einem Niemandsland. Dort sammelt sich der Zorn. Dort sammelt sich die Sehnsucht. Dort sammelt sich der Hass.

Was Fatma Aydemir grenzgenial gelungen ist, ist der Ton dieses Buchs. Es hört sich wirklich an wie eine junge Deutschtürkin. Das Rotzige, das Bissige hat mich, ich geb es zu, sehr genervt – was absolut dafür spricht, dass es authentisch ist. Dass Hazal keine Identifikationsfigur ist, stört mich nicht weiter, weil ich es gut finde, wenn ein Buch Charaktere hat, die verachtenswert sind. Denn so sind auch die Menschen. Hazals Perspektive ist stark eingeschränkt und dadurch sowohl glaubwürdig als auch problematisch. Hazal ist ungebildet und egozentrisch, das merkt man vor allem im zweiten Teil des Buchs, als sie in der Türkei in die politischen Unruhen gerät. Sie versteht nicht einmal, was vor sich geht, und es ist ihr auch egal. Natürlich wäre es falsch gewesen, hätte Fatma Aydemir hier plötzlich begonnen, zu kommentieren und zu erläutern. Gleichzeitig aber wirkt es auf mich, als sei sie selbst in ihrer Protagonistin gefangen, sie kann aus dieser Perspektive heraus nichts begreiflich machen, nur mitschwimmen und versuchen, den Kopf oben zu behalten. Alles verliert sich, und auch dadurch wird die Kernbotschaft erneut klar: Aus ihrem eigenen Ich, der Art, wie sie aufgewachsen und sozialisiert ist, gibt es für Hazal keinen Ausweg.

Im Klappentext des Romans steht: „… stellt Fatma Aydemirs Debütroman eine große Frage: Was kann in dieser Welt aus einem Mädchen wie Hazal schon werden? Und gibt eine ebenso große Antwort: Alles.“ Als Texterin erkenne ich die pathetische Schönheit dieses Satzes, doch die Wahrheit – das zeigt der Roman sehr deutlich – ist: Nichts kann aus einem Mädchen wie Hazal in dieser Welt werden. Gar nichts.

Ellbogen von Fatma Aydemir ist erschienen in den Hanser Literaturverlagen (ISBN 978-3-446-25441-1, 272 Seiten, 20 Euro). Hier findet ihr eine Besprechung bei Caterina von SchöneSeiten.

Gut und sättigend: 3 Sterne

Pollatschek„Der Vorteil einer beschissenen Kindheit ist, dass man lernt, routiniert mit Katastrophen umzugehen“
Thene hat’s jetzt nicht unbedingt sehr schwer, aber sehr leicht auch nicht. Die 25-Jährige aus Heidelberg studiert in Oxford, hat zuhause einen Freund, mit dem sie regelmäßig gemütliche Ausflüge in den Odenwald macht, und es wäre alles gut, wäre da nicht Thenes Mutter. Die ist gelinge gesagt ein wenig anstrengend.

„Es gibt Menschen, die liebt man, aber man kann sie nicht leiden.“

Das trifft es ganz gut: Thenes Mutter ist eine, die man nicht leiden kann. Sie streitet. Sie schreit. Sie manipuliert alle. Sie verschleudert ihr Geld, braucht wahnsinnig viel Aufmerksamkeit, macht die gesamte Familie verrückt und vernachlässigt jedes ihrer Kinder von unterschiedlichen Männern auf andere Weise. Thenes Eltern sind lange schon getrennt, sie hat noch zwei Halbgeschwister, der Vater ist inzwischen schwul. Es gelingt Thene, obwohl sie sich der Dynamik bewusst ist und ihr Mantra „Du bist nicht das Opfer deiner Familie“ nicht, sich von ihrer Mutter abzugrenzen. Und dann wird es schräg. Sehr schräg. Richtig, richtig schräg. So schräg, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen.

Ich habe Nele Pollatschek letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse Auszüge aus diesem Buch lesen gehört, und Leute, sie hat das hervorragend gemacht. Sie war entzückend und überzeugend, wie eine Schauspielerin hat sie den Text vorgetragen. Umso neugieriger war ich auf das gesamte Buch. Und es hat mich verblüfft, denn ich hatte nicht erwartet, dass es derart abstrus sein würde, bitterböse, schnoddrig, humorvoll.

Im ersten Teil fühle ich mich sehr angesprochen, besonders in den Szenen mit den passiv-aggressiven Vorwürfen der Mutter. Das ist etwas, das ich bestens kenne, und der bissige Ton, die fetzigen Dialoge, der wilde Sarkasmus sind ein absolutes Vergnügen. Ja, denke ich da, ja, so geht’s mir auch. Ich frage mich natürlich auch gleich, ob da was Autobiografisches dran ist, und suche in Neles Danksagung nach einer Erwähnung ihrer Mutter, die es nicht gibt. Mit der Zeit wird mir dann klar, dass Nele Pollatschek nicht viel von einer glaubwürdigen, realistischen Handlung hält. Und das muss man mögen oder darauf muss man sich zumindest einlassen können. Sie lässt alles völlig ausarten, entgleisen, und das ist so überzogen, dass es auf eigenartige Weise schon wieder ironisch wirkt. Die ultimative Befreiung. Und vielleicht, ja, doch wünscht sich das jeder insgeheim, dass er sich derart von seiner Familie befreien könnte, von denen, mit denen man untrennbar verbunden ist, egal, was man tut. Ich werde nicht spoilern, aber wenn ihr dieses Buch lest, muss euch klar sein, dass es gestört ist. Völlig crazy. Rasant, merkwürdig, lustig, launisch, absolut originell und hochgradig ungewöhnlich. Es ist ein Abenteuer, das mich amüsiert zurückgelassen hat – und mit einem großen WTF auf meiner Stirn.

Das Unglück anderer Leute von Nele Pollatschek ist erschienen im Galiani Verlag (ISBN 978-3-86971-137-9, 224 Seiten, 18,99 Euro). Hier könnt ihr Nele auch ein bisschen lesen sehen, hier könnt ihr ihr beim Marschieren und Kaffeetrinken zuschauen.

Gut und sättigend: 3 Sterne

Ramqvist„Angst ist kein wirksamer Bannspruch“
„Es stimmt nicht, dass das, was einem am meisten Sorgen bereitet, nicht eintrifft. Eher wird es das höchstwahrscheinlich tun.“ Das ist Karin spätestens jetzt klar. Jetzt, da sie gar nichts mehr hat. Jetzt, da sie in dem riesigen, aber eiskalten Haus am See sitzt, ohne Heizung, ohne Essen, ohne Geld. Dafür mit einem Baby, das Baby heißt Dream. Karin hat das Baby nicht gewollt, und nun ist es alles, was ihr noch von der Liebe ihres Lebens geblieben ist, dem Gangsterkönig John. Er ist tot, und bald wird Karin auch das Haus verlieren, das Auto, den letzten Rest Würde. Ihre Tage bestehen daraus, Dream zu stillen und zu wickeln, zu schlafen, der Kälte zu trotzen. Karin ist unten, ganz unten, und in ihrer Verzweiflung wendet sie sich an Johns Freunde, die einst behaupteten, ihre Familie zu sein, und sie nun behandeln wie eine Aussätzige.

Karolina Ramqvist, heißt es, sei eine der wichtigsten feministischen Autorinnen Schwedens, und sie beschäftige sich, sagt der Klappentext, mit Themen wie Einsamkeit, Konsum und Rollenmodelle. Das mag zutreffen, denn um alle drei Aspekte geht es auch in Die weiße Stadt. Das Buch, das als Erstes von Ramqvists acht Büchern ins Deutsche übertragen wurde, konzentriert sich sehr stark auf Protagonistin Karin, auf ihre Welt, die einst luxuriös und groß war, nach dem Tod ihres Mannes jedoch empfindlich geschrumpft ist. Sie war nichts weiter als ein Dummchen mit vielen Schuhen und Taschen, hat sich abhängig gemacht und steht plötzlich vor dem Aus. Sie könnte gehen, neu anfangen, doch das Baby fesselt sie, muss versorgt werden, ist auf sie angewiesen. Dass Ramqvist ihre Heldin aufbegehren und kämpfen lässt, wie die Buchbeschreibung ankündigt – jein. In Ansätzen vielleicht. Wobei sie nichts Eigenes auf die Beine stellt, sondern sich erneut abhängig macht von jemand anderem. Und genau dadurch zeigt die Autorin, dass eine solche Frau ihre Rolle nicht verlassen kann, nicht einmal, wenn sie es will.

Die weiße Stadt ist ein kluges, interessantes, wirklich gut geschriebenes Büchlein, aber eben – mit knapp 180 luftig gesetzten Seiten – ein Büchlein. Mir war das zu wenig, muss ich gestehen, was ja andererseits wieder ein gutes Zeichen ist: Ich hätte gern weitergelesen. Ich hätte mir mehr Ausarbeitung, Tiefgang, Handlung gewünscht, mehr Seiten, mehr Einblick in die Figuren. In der vorliegenden Form wirkt der Roman eher wie eine Kurzgeschichte auf mich – dafür allerdings eine sehr gute.

Die weiße Stadt von Karolina Ramqvist ist erschienen bei Ullstein (ISBN 9783550081330, 192 Seiten, 18 Euro). Übersetzt wurde es von Antje Rávic Strubel.

Gut und sättigend: 3 Sterne

swanesEine Schifffahrt nah am Untergang
„Nachts sinkt die Umdrehungszahl der Schiffsmotoren, aber es wird niemals wirklich Nacht. Tag auch nicht. Sie sind die ganze Zeit von der gleichen anthrazitgrauen Masse umschlossen, egal, welche Tageszeit gerade ist.“ Sie ist jung, und sie ist auf einem Schiff voller Männer: Die Inspektorin Mari soll in der Eiswüste Grönlands den Robbenfang dokumentieren. Doch als das Töten beginnt, packt sie das kalte Grauen: Nicht nur, dass die Männer die Vorschriften nicht einhalten, sie verletzen die Tiere zum Spaß, morden und schlachten ohne Rücksicht auf Verluste. Als Mari das anspricht, sieht sie sich offenen Anfeindungen ausgesetzt, die zu Drohungen werden. Schnell erkennt sie: Sie ist in größter Gefahr. Und es gibt für sie keinen Ausweg.

Habt ihr schon mal ein Buch gelesen, das von der ersten bis zur letzten Seite aus Beklemmung bestand – in Worte gegossen? So ist Ins Westeis von Tor Even Svanes, der aus dem Oslofjord stammt. Er bringt darin seine Protagonistin Mari in eine unmögliche Situation: Er schickt sie mit dem Schiff gnadenloser Robbenjäger in eine unwirtliche, für Menschen tödliche Gegend. Dann nimmt er ihr nach und nach jede Schutzzone weg, bis sie völlig schutzlos ist, und das geht erstaunlich schnell. Die Regeln des Anstands, jegliches respektvolles Benehmen verschwinden rasch, wenn es niemanden mehr gibt, der darauf achtet, ob sie eingehalten werden. Keine höhere Instanz, keinen Gesetzeshüter. Schnell übernehmen Gier, Grausamkeit und Selbstjustiz das Ruder. Die Tiere sind den Männern herzlich egal – und Mari auch.

Dieses Buch ist eigentlich kein Roman, sondern eine Kurzgeschichte. Auf die Seitenzahl kommt es nur, weil es außerordentlich luftig gesetzt ist – oft nur ein Absatz pro Seite. Wenn man es als Short Story liest, ergibt es mehr Sinn und passt vom Tempo her besser. In seinem dritten Buch hat der Autor vieles unausgesprochen und unerklärt gelassen – das macht das beklemmende Gefühl natürlich nur umso größer. Sehr detailliert beschreibt er dagegen das skrupellose Morden der Tiere, die Methoden, die Geräusche, das Blut, das Leiden. Dies ist eine sehr eindringliche Geschichte, die ich in kurzer Zeit gelesen habe – dank des oben erwähnten luftigen Satzes –, die mir aber lange im Gedächtnis blieb. Ein Buch über die kälteste Kälte, die es gibt: die menschliche.

Ins Westeis von Tor Even Svanes ist erschienen im Osburg Verlag (ISBN 978-3-95510-115-2, 198 Seiten, 18 Euro). Hier gibt es auch einen Beitrag von Leseschatz.

Gut und sättigend: 3 Sterne

weijersIst das Kunst oder kann das weg?
Minnie hat sich in der Kunstszene einen Namen gemacht und kann – obwohl sie noch nicht mal dreißig ist – von ihren Installationen und Ausstellungen leben. Für ihre Projekte hat sie bereits ihren Müll fotografiert und sukzessive ihren gesamten Besitz verkauft. Nun hat sie eine neue Idee: Ein Mann, mit dem sie Sex hatte und der sie übel reingelegt hat, soll sie drei Wochen lang auf Schritt und Tritt verfolgen und fotografieren – bei allem, was sie tut. Und sie tut gar merkwürdige Dinge, denn in diesen Wochen findet Minnie viel über sich selbst heraus, über ihre Kindheit und die Gründe dafür, dass sie schon zweimal in ihrem Leben geräuschlos verschwunden ist.

Als ich in Frankfurt in der Schirn war und mit Rowohlt eine Exklusiv-Führung durch die Ausstellung von Ulay machen durfte, hab ich mit den bezaubernden Damen von Herzpotenzial über Die Konsequenzen von Niña Weijers gesprochen. Der Grund dafür: Im Buch kommt Marina Abramovic vor, die lange die Lebensgefährtin von Ulay war. Ich hatte den Roman zu diesem Zeitpunkt schon im Regal, allerdings noch ungelesen. Ich wusste also durch dieses Gespräch bereits, dass er seltsam ist und verrückt – aber dass er DERART crazy ist, das hatte ich dann doch nicht erwartet. Die niederländische Autorin hat für ihren Debütroman viele Preise eingeheimst. Das kann ich absolut nachvollziehen: Er ist ausgezeichnet geschrieben, distunguiert, eigentümlich und voller – teilweise sarkastischer – Anspielungen auf die Kunstszene. Und irgendwie ein bisschen gestört.

Es ist nicht ganz klar, was dieses Buch will. Unterhalten, informieren, performen? Ich weiß es nicht, aber das macht nichts – nicht jedes Buch muss eine klar erkennbare Botschaft transportieren. Dieses hier tut es fix nicht. Es erzählt von einer jungen Frau, die absolut verloren ist. Sie hat keinen Vater, die Beziehung zur Mutter ist von Distanz geprägt, sie schneidet sich mit jedem Kunstprojekt selbst bis in die Knochen, sie flieht vor der Liebe und sehnt sich zugleich nach ihr. Das Institut, an dem sie als Kind war, ist rein fiktiv und unglaubwürdig, aber sehr kurios und dadurch immerhin interessant. Ich hab dieses Buch gern gelesen, auch wenn es – besonders wegen des eigenartigen Endes – einen schalen Nachgeschmack bei mir hinterlassen hat. So ging es mir auch mit Ulay: Es hat mich fasziniert, was er gemacht hat, verstanden habe ich es nicht. Aber muss man das? Ich finde nicht.

Die Konsequenzen von Niña Weijers ist erschienen bei Suhrkamp (ISBN 978-3-518-42558-9, 359 Seiten, 22 Euro). Und hier ist die Besprechung von Herzpotenzial dazu.

Gut und sättigend: 3 Sterne

hurley„Der Tod hat das Timing eines grottenschlechten Komikers“
„Doch so öde und nichtssagend The Loney auch wirken mochte, es war ein gefährlicher Ort. Ein rauher, nutzloser englischer Küstenstreifen. Die tote Mündung einer Bucht.“ Dennoch kommt eine Handvoll gläubiger Katholiken jedes Jahr hierher, darunter der junge Tonto. Treibende Kraft ist seine Mutter, die durch das Aufsuchen der heiligen Stätten von The Loney erreichen will, dass Tontos Bruder Hanny von seiner Krankheit geheilt wird. Er spricht nicht, teilt sich nur durch Symbole mit, ist äußerlich fast ein Mann und innerlich noch ein Kind. Dieses Mal kommen sie mit ihrem neuen Pfarrer, weil Father Wilfred gestorben ist – unter mysteriösen Umständen. In den Augen von Tontos Mutter macht dieser neue Pfarrer jedoch alles falsch. Das ist aber längst nicht das Schlimmste, denn bei diesem Aufenthalt in The Loney läuft wirklich alles schief. Tonto und Hanny geraten in große Gefahr. Und dreißig Jahre später legt ein Erdrutsch plötzlich eine Babyleiche frei …

Was für ein beklemmendes und zutiefst aufwühlendes Buch! Allein der Ort, den der englische Autor Andrew Michael Hurley gewählt hat, und der Name, den er ihm gibt, geben Anlass für Gruselmomente. Ein trostloser Küstenstreifen, an dem die Flut regelmäßig Menschen in den Tod zieht, ein Haus mit einem verriegelten Zimmer, in dem Kinder gestorben sind, eine Mutter, deren Glaube schon an Wahn grenzt, ein toter Pfarrer, ein zurückgebliebener Sohn und mehrere zwielichtige Männer – das sind die Zutaten, aus denen Hurley sein Süppchen kocht. Was er serviert, könnte ein Thriller sein, ist aber keiner – zumindest kein klassischer, dazu ist das Buch zu melancholisch, zu sanft. Spannend, mitreißend, düster und rätselhaft ist es aber allemal.

Hurley hat einen Teenager zum Erzähler gemacht, der sich dreißig Jahre später an die Ereignisse von damals erinnert. Zwei Eigenschaften hat sein Roman an sich, die ich persönlich nicht mag: Er springt zwischen den Zeiten hin und her, wechselt abrupt von Vergangenheit zu Gegenwart und zurück, enthält aus dem Zusammenhang gerissene Vorausblenden, die in meinen Augen viel von der Spannung zerstören. Zudem werden nicht alle Fragen beantwortet, und ich kann es nicht leiden, wenn ein Buch mich ratlos zurücklässt. Nichtsdestotrotz ist Loney ein Roman, der mit Originalität und einer beeindruckend gespenstischen Atmosphäre punktet. Etwas in der Art hab ich noch nie gelesen, und ich geb es zu: Gegruselt hab ich mich auch.

Bestes Zitat:

„Pfarrer sind wie Ärzte. Sie wissen, dass man sie über Dinge belügt, von denen man meint, sie würden sie enttäuschen.“

Loney von Andrew Michael Hurley ist erschienen bei Ullstein (ISBN 9783550081378, 384 Seiten, 22 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

img_0851„Wahnsinn ist ein Land, zu dem nicht jeder Zutritt hat“
1952. In Deutschland sind die Kriegsfeuer ausgebrannt, im Nahen Osten – im neuen Staat Israel – werden sie gerade erst entzündet. Rosa Silbermann kennt sich aus mit beiden, sie konnte den Nazis entfliehen, lebt mit ihrem Sohn und vielen Verbündeten auf einem Fleckchen israelischem Land, dem sie jeden Tag genug zum Leben abringen. Dann wird Rosa als Agentin in das Nobelhotel Bühlerhöhle geschickt, weil sie Orts- und Sprachkenntnis hat. Gemeinsam mit einem männlichen Agenten namens Ariel soll sie den Kanzler Adenauer vor einem Anschlag schützen. Besagter Ariel taucht aber nicht auf, Rosa macht einen Fehler nach dem anderen und stößt mit Sophie Reisacher auf eine ausgefuchste Gegenspielerin, die das Hotel fest im Griff und ihre Nase in allen Angelegenheiten hat. Und schon bald stürzt das Auto des Kanzlers in eine Schlucht …

Bühlerhöhle ist kein Krimi. Brigitte Glaser schreibt aber welche. Und dass sie das kann, merkt man ihrem Roman aus dem Schwarzwald deutlich an: Er ist sehr spannend konstruiert und wartet mit einem Ende auf, das eines James-Bond-Streifens würdig wäre. Zwar treten Rosa und „die Reisacher“, wie sie das ganze Buch über genannt wird, als Gegnerinnen auf, geprägt und bestimmt wird die Geschichte aber eigentlich von drei Frauen. Da gibt es nämlich noch die junge Agnes, die am benachbarten Hundseck arbeitet – wobei der Begriff Nachbarschaft weit gefasst ist, denn das sind gut 45 Minuten zu Fuß. Die Neunzehnjährige gerät in große Gefahr, weil sie einen arabischen Hotelgast von früher erkennt, als jemanden, der ihr etwas angetan hat. Helfen kann ihr da nur ihre bärenstarke Schwester Walburga, die im Wald lebt. Wer was mit wem zu tun hat, das verwebt und klärt Brigitte Glaser auf gar meisterliche und sehr lesenswerte Weise. Wie ein alter Schwarz-Weiß-Film ist das Buch, ein Schelmenstück, ein Verwirrspiel mit fulminantem Schlussakt.

Mir persönlich war der Roman stellenweise sprachlich zu gewöhnlich und lieb, die Figuren waren mir – obwohl ich sie gern mochte – gar zu sehr dem Klischee verfallen: das ängstliche Mädel, das kaum bis drei zählen kann, die vermeintlich mutigen, unabhängigen Frauen, die sich dann doch nur ganz erhitzt dem erstbesten Mann an die Brust werfen, natürlich ohne zu merken, dass er ein Schwindler ist. Insgesamt aber ein gut recherchiertes, originelles und mitreißendes Lesevergnügen, das ich euch auf jeden Fall empfehlen kann.

Bühlerhöhle von Brigitte Glaser ist erschienen im List Verlag (ISBN 13 9783471351260, 448 Seiten, 20 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

bayer„Man kann nicht lieben, ohne zu lernen“

„Das, was ich von der Liebe weiß, ist nur der halbe Apfel. Die andere Hälfte kenne ich nur als Zaungast aus dem Leben meines Bruders.“

Denn Peters Zwillingsbruder Paul ist verheiratet mit Anne – der einzigen Frau die Peter je geliebt hat. Einen Ersatz für sie zu finden, ist ihm in all den Jahrzehnten nicht gelungen. Er begnügt sich mit Affären, gibt vor, dass ihm nichts fehlt. Von Montag bis Donnerstag führt er ein beliebtes Restaurant in Frankreich, den Rest der Woche verbringt er in einer Wohnung in Deutschland und schreibt. Doch auch in diesem Bereich seines Lebens steht er im Schatten seines Bruders: Peters Geschichten erscheinen unter Pauls Namen, der als Schriftsteller erfolgreich ist. Peters Leben ist streng strukturiert, recht langweilig und eigentlich zutiefst einsam.

Thommie Bayer hat schon erstaunlich viele Romane geschrieben – von denen ich keinen kannte. Sein Buch Seltene Affären ist wie das Leben seines Protagonisten: Es könnte interessanter sein. Er erzählt von einem, der eigentlich zufrieden ist, irgendwie, der aber weiß: Da wär noch mehr drin gewesen. Er berichtet von einer eingefahrenen, geliebten Routine, die Tag für Tag, Woche für Woche die gleiche ist. Das Einzige, was diese Routine von Protagonist Peter für eine Weile durchbricht, ist seine neue Putzfrau. Er träumt von ihr. Er hinterlässt ihr Schokoladen und seine Geschichten, von denen er hofft, dass sie sie liest. Diese eigentlich kaum nennenswerte Abwechslung von seinem Alltag durchmischt er mit Erinnerungen – an seine Kindheit und Studienzeit, an das eine Mal, als er Anne näherkam. Die Zwillinge verstehen sich gut, sind aber nicht unbedingt besonders eng. Das alles macht aus Seltene Affären ein angenehmes, unspektakuläres Buch, über das es nicht allzu viel zu sagen gibt. Ich habe auf ein Aufbrechen der Ordnung gewartet, auf einen Konflikt, einen Höhepunkt – nichts davon gibt es. Vielleicht bin ich aber auch nur die falsche Zielgruppe für diesen Roman. Richtet sich das Buch an ältere, rührselige Männer, die sich mit Peter identifizieren können? Ich persönlich konnte wenig Griffiges und Greifbares darin finden. Deshalb wird mir auch nur wenig davon in Erinnerung bleiben.

Seltene Affären von Thommie Bayer ist erschienen im Piper Verlag (ISBN 978-3-492-05611-3, 192 Seiten, 18 Euro).