Gut und sättigend: 3 Sterne

Garnett„Die Menschen wollen alles Schöne einfangen und wegsperren, um dann in Scharen herbeizueilen und mit anzusehen, wie es nach und nach verendet“
Am Anfang steht ein Streit: John und Josephine gehen durch den Zoo. Sie will ihn nicht heiraten, weil ihre Familie dagegen ist, er wirft ihr vor, sie nicht zu lieben – sonst würde sie sich seinetwegen mit ihrer Familie überwerfen. Wutentbrannt nennt Josephine ihren Verlobten einen Affen, einen Tarzan, der in den Zoo gehört – wohin er auch tatsächlich geht. In seiner Verzweiflung und voller Liebeskummer schlägt John dem Zoo vor, die Sammlung der Säugetiere zu vervollständigen und bietet an, in einen Käfig zu ziehen. Das sorgt natürlich für Aufregung, im Zoo klingelt die Kasse – und auch an Josephine geht Johns Entscheidung nicht spurlos vorbei. Zuerst erklärt sie ihn für verrückt, doch dann merkt sie, dass seine Tat der größte Liebesbeweis ist. Nur – wie kann sie jetzt noch mit einem Mann zusammen sein, der bei den Affen wohnt?

David Garnett, 1892 geboren, veröffentlichte 1922 seinen ersten Roman Dame zu Fuchs, für den er mehrere Preise erhielt. Der britische Schriftsteller war zudem Buchhändler, Verleger und Mitglied der Bloomsbury Group. Ein kurioses Detail aus seinem Privatleben besagt, dass er zuerst eine homosexuelle Beziehung mit einem Mann führte, dessen Tochter er später heiratete. David Garnett starb 1981 in Frankreich und wurde somit fast 100 Jahre alt. Wie in Dame zu Fuchs spielt er auch in Mann im Zoo mit der Gegenüberstellung von Mensch und Tier, um wie in einer Parabel geschickt versteckte Gesellschaftskritik zu üben. Das schmale Büchlein strotzt vor ebenso klugen wie gewitzten Gedanken, die der Schriftsteller seinem Protagonisten John zuschreibt. Zugleich ist dies auch eine Liebesgeschichte oder eher der Beweis einer Argumentation. Der Streit zu Beginn ist der Auslöser für alles folgende, und die beiden Liebenden gehen extreme Wege, um ihren jeweiligen Standpunkt zu untermauern. Das ebenso Knifflige wie Vergnügliche daran: Zuerst sind die Vernunftmenschen, doch je länger sie einander im Zoo begegnen müssen – umgeben von Affen –, umso mehr fallen Rationalität und Gesellschaftsdruck von ihnen ab, und die eigentlichen, tief innen schlummernden Gefühle kommen zum Vorschein. Die Zwänge, die gerade in jener Zeit vor allem für junge Frauen herrschten, spielen plötzlich keine Rolle mehr, als es ums nackte Dasein geht.

Mann im Zoo ist ein absurdes, groteskes Buch, das gerade deshalb großen Spaß macht. Auf kaum mehr als 150 Seiten entwirft David Garnett eine Szenerie, die eindeutig zeigt: Der Mensch ist und bleibt ein Tier – auch wenn er sich noch so sehr einbildet, den Tieren überlegen zu sein. Am Ende präsentiert er eine charmante Auflösung, die ein wenig kitschig ist, aber so gut passt, dass es ihm verziehen sei. Es ist außerdem herrlich amüsant, in die Sprache des letzten Jahrhunderts abzutauchen, in das Antiquierte, Verschrobene. Die Liebenden haben Pathos in der Stimme, die Dame wird bei allzu großen Gefühlswallungen selbstverständlich ohnmächtig, eine Blutvergiftung ist noch lebensgefährlich – all das macht Mann im Zoo zu einer kleinen Zeitreise. Doch inhaltlich hat das Buch nichts an Aktualität verloren: Immer noch führen sich Menschen schlimmer auf als Affen.

Mann im Zoo von David Garnett ist, wie Dame zu Fuchs, erschienen im Dörlemann Verlag (ISBN 9783038200406, 160 Seiten, 17 Euro). Hier findet ihr einen Eindruck von Leseschatz.

Gut und sättigend: 3 Sterne

Khemiri„Ein Abgrund tat sich unter uns auf. Wir klammerten uns aneinander und redeten uns ein, fliegen zu können“
Samuel ist tot. Er ist mit dem Auto seiner Oma gegen einen Baum geprallt. War es Absicht? Oder ein Unfall? Das versucht ein schwedischer Schriftsteller herauszufinden, indem er mit jenen Menschen redet, die Samuel kannten. Da ist Laide, seine große Liebe, die auch seine Ex-Freundin ist, weil sie Schluss machten, da ist Vandad, der große, starke Kerl, bei dem man nie sicher sein kann, ob er nun auf der schiefen Bahn ist oder nicht, da ist die Pantherin, eine alte Freundin und Künstlerin, da ist der Pfleger in dem Heim, in dem Samuels Oma untergebracht ist. Alle erzählen ihre eigene Version derselben Geschichte, und am Ende ergibt sich in vielen Facetten das Leben eines jungen Mannes, das vorbei ist.

Alles, was ich nicht erinnere war in Schweden ein Bestseller. Der vierte Roman des Schriftstellers Jonas Hassen Khemiri – Sohn eines tunesischen Vaters und einer schwedischen Mutter – wurde mit dem renommiertesten schwedischen Literaturpreis ausgezeichnet, auch die anderen Romane Khemiris sowie seine Theaterstücke fanden internationale Beachtung. Dass dieses Buch die Bestsellerlisten dominierte, wundert mich, weil es nicht gefällig ist. Es ist ein sehr schwieriges, anstrengendes, wahnsinnig trauriges Buch, das den Leser stark fordert. Das liegt vor allem an der Erzählweise: Das eigentliche Ich ist der schwedische Schriftsteller, der Antworten auf die Fragen nach Samuels Tod sucht. Dann gibt es aber viele andere Ichs, weil jeder, mit dem er spricht, als Ich antwortet. Und zwar abwechselnd, in kurzen Absätzen. Das könnt ihr euch so vorstellen: Laide erzählt zehn Zeilen lang etwas, dann ist Vandad dran. Beide Gespräche sind aber unabhängig voneinander. Und es steht auch nicht dabei, wer gerade spricht. Aus diesem Grund hab ich sehr, sehr lange gebraucht, um in diesen Roman hineinzufinden – ehrlich gesagt bin ich mir selbst jetzt nicht sicher, ob ich je wirklich „drin“ war. Zwischendrin, das muss ich gestehen, war ich mehrmals kurz davor, entnervt aufzugeben und das Buch abzubrechen.

Dass ich es nicht getan habe, liegt an der Faszination, die es trotz dieser Lesehürden ausübt – oder vielleicht deswegen. Es ist unüblich, es ist originell. Jonas Hassen Khemiri betont durch diesen permanenten raschen Perspektivenwechsel, wie subjektiv Meinungen und Eindrücke sind – und dass jeder Samuel auf andere Weise gesehen hat. Zudem kann der Leser nie wissen, ob derjenige, der gerade etwas preisgibt, lügt oder die Wahrheit sagt. Besonders Vandad und Laide sagen oft das exakte Gegenteil. Was hat sich wirklich abgespielt? Warum ist Samuel gestorben? Und wer hat daran Schuld? Das ganze Buch über war ich mir sicher, dass der Autor das nicht aufklären würde – doch er tut es, und das hat mich am Ende ein wenig mit diesem komplexen Roman versöhnt. Es geht um Freundschaft in diesem Buch, um das Ausnutzen anderer, um Einwanderung und die damit verbundenen Probleme, um eine Beziehung, die nicht funktioniert, auch wenn die Liebe groß ist. Es geht um einen jungen Mann, den keiner vergessen kann – obwohl er nicht mehr da ist. Oder genau deswegen.

Alles, was ich nicht erinnere von Jonas Hassen Khemiri ist erschienen bei der DVA (ISBN 978-3-421-04724-3, 336 Seiten, 19,99 Euro). Eine Besprechung findet ihr auch hier bei der Buchbloggerin.

Gut und sättigend: 3 Sterne

Heuchert„Das Land hat kein Gewissen. Wenn man den Menschen ihre Träume nimmt, haben sie auch kein Gewissen mehr“
Ich habe keine Ahnung, wo Altglück ist. Anscheinend ist das ein zutiefst abgefuckter Ort irgendwo bei euch in Deutschland. Anscheinend gibt es dort Chemiefabriken, stillgelegte Gelände, Säufer, Drogenköche und allerlei Leute, mit denen man es sich nicht verscherzen sollte. Ausgerechnet dorthin verschlägt es Richard Dunkel – eigentlich auch so ein Typ, dem man nicht im Finstern begegnen will, aber offenbar einer von den Guten. Er war Söldner, schleppt die Bilder, die er nicht vergessen kann, und die Traumata, die er erlitten hat, mit sich herum. Ein schweigsames Kerlchen, ich stell ihn mir verkniffen vor, mit Zigarette im Mundwinkel, voller Falten und Narben. Er soll Wache schieben, weil ein zehnjähriger Junge verunglückt ist – nur ist von Anfang an klar, dass das kein Unglück war. Da hat jemand nachgeholfen: Die Drogenmischer rund um Tankstellenbesitzer Achim. Der will das große Geld, träumt von einem besseren Leben. Skrupel kennt er keine, das bekommt auch seine Geliebte zu spüren. Und Marie, deren Tochter, die – weil sie jung ist und hübsch – ins Visier der Männer gerät. Aller Männer, um genau zu sein.

Nie zuvor habe ich am Entstehungsprozess eines Romans so teilgenommen wie an diesem. Seit ich Sven Heucherts in Asche versammelte Geschichten gelesen habe, sind wir in Kontakt. Ich weiß um die Herausforderungen, die er für Dunkels Gesetz gemeistert hat, um die Ideen dahinter, die Beweggründe für manche Entscheidung. Das Buch schlussendlich in seiner fertigen Form zu lesen, war ein merkwürdiges Gefühl: Stolz war dabei und Erstaunen, manches zufriedene Nicken, aber auch das eine oder andere Kopfschütteln. Eins ist klar: Dunkels Gesetz ist kein Buch für jedermann. Es ist auch kein Buch, das sich in eine Schublade stecken lässt. Das hätte dem Verlag bewusst sein müssen, als er einen Krimi genannt und damit komplett falsch gelabelt hat. Das ist kein Kriminalroman, Punkt. Natürlich verstehe ich, dass man im Klappentext mit Schlagwörtern um sich werfen muss, das ist auch okay, nur weckt die Inhaltsangabe eine falsche Erwartungshaltung – und es ist nicht die Schuld des Buchs, wenn diese nicht erfüllt wird. Zudem war es meiner Meinung nach eine schlechte Marketingentscheidung, den Roman so weit zu streuen – ohne darauf zu achten, wem er geschickt wird. Feenstaubblogger haben ihn ebenso bekommen wie Fantasy-Leser, und man merkt an den Reaktionen, dass sie ihn nicht verstanden haben: Das ist eben kein Buch für jeden.

Das mit dem Verstehen ist auch für mich so eine Sache: Ich habe große Schwierigkeiten mit den Dialogen. Ich spreche den Dialekt von Altglück nicht, ich habe keine Ahnung, was Wörter wie Zosse, Lulle, Bakschisch, ruppen oder Druffis bedeuten. Manchmal kann ich es mir zusammenreimen, manchmal nicht, und dann sitz ich eben da und lese, ohne zu begreifen, was zur Hölle die da treiben. Sven Heuchert war in diesem Fall rigoros: Substandard zu verwenden, um den Lokalkolorit zu verdeutlichen, ist freilich völlig in Ordnung – oft aber folgt darauf ein Nebensatz, der das Gesagte erklärt. Nicht bei ihm. Ob der Leser es versteht oder nicht, ist ihm egal. Und das nehmen ihm viele Leser übel. Ich dagegen bin eine, die dann denkt: Okay, dann ist es mir eben auch egal. Ein bisschen schade ist es, weil ich natürlich schon gern gewusst hätte, worüber denn so geredet wird. Aber gut, das gehört zum Noir, zum Milieu, wie es heißt, die sogenannte Sprache der Straße. Und es ist halt eine andere Straße als meine.

Dunkels Gesetz ist, man ahnt es schon, dunkel. Düster. Brutal und hart. So gesehen ein echter Heuchert. Auch Asche war schroff und schwarz, aber viel literarischer. Das ist jedoch, denke ich, der Form der Kurzgeschichten geschuldet: Über einen ganzen Roman trägt ein solcher Stil nicht. Ein Roman braucht Fülle, braucht Klebstoff, um die einzelnen Stränge gut zu verbinden. Da hat Sven Heuchert gespart, das kann man nicht anders sagen: Dunkels Gesetz hat 180 sehr großzügig gesetzte Seiten und besteht aus Versatzstücken, aus Miniaturstorys, die zwar miteinander verknüpft sind, eigentlich aber auch für sich stehen könnten. Zum Teil haben sie wirklich gute letzte Sätze, an denen man sieht, was Sven kann. Dass dieses Verknüpfen eine schwierige Sache ist, merkt man aber auch am Gesamtinhalt: Der Handlungsverlauf ist schon arg vorhersehbar, da gibt es nichts beschönigen. Die Szenen entfalten ihre Wucht vielmehr im Einzelnen als der Roman als Ganzes. Man kann dem Autor eine solche Sturheit, die eigene Linie, die er sich gesetzt hat, zu verfolgen, vorwerfen, man kann ihn aber auch für seinen Mut bewundern. Er hat sich nicht verbiegen lassen, er hat es gemacht wie seine großen amerikanischen Vorbilder, die Raubeine, die mit Zigarette in der Hand und Whiskey vor sich auf einer Schreibmaschine hämmerten, die sparsam mit Worten waren und mit Erklärungen.

Dunkels Gesetz von Sven Heuchert ist erschienen bei Ullstein (ISBN9783550081781, 192 Seiten, 14,99 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

Anselm16 Kurzgeschichten über Veränderungen im Leben
Eine Familie zieht in den Wald, und in der Nacht verschwindet ein Sohn. Eine Frau hütet die Häuser fremder Menschen und erhält die Nachricht einer Freundin, die sie vor langer Zeit kannte. Da ist eine, die alt ist und langsam anfängt zu vergessen, die mit sich selbst spricht, damit sie nicht so einsam ist. Und da ist ein Mädchen, das etwas tut, mit dem es eine Grenze überschreitet. Doris Anselms Geschichten widmen sich Figuren, denen etwas geschieht oder die etwas auslösen – nichts Großes, nichts Weltbewegendes, aber doch etwas, das eine Veränderung bewirkt. Auch diese Veränderung kann klein sein. Ein Tag, der nicht ist wie der andere. Ein Moment, der sich einbrennt ins Gedächtnis. Ein Mensch, an den man immer noch denken muss, so viele Jahre später.

Seit ein paar Jahren – seit ich Kinder habe – beschäftige ich mit Kurzgeschichten. Und die müssen, so scheint es, sich stets dem Kleinen widmen. Dem Moment. Der Alltagsbeobachtung. Ich weiß nicht, ob das der Form geschuldet ist, ob man von kleinen Dingen erzählen muss, wenn man nur wenige Seiten Platz hat, oder ob Kurzgeschichtenschreiber generell einfach gern von dem berichten, was im Alltag vorkommt, ohne sich einen Romanplot ausdenken zu wollen. Ausschlaggebend scheint stets zu sein: Was wird bei den Beteiligten ausgelöst und warum ist es für jeden etwas anderes? Eine weitere Frage, mit der ich mich herumschlage, seit ich Kurzgeschichten lese, ist jene nach ihrem Ende. Fast immer hören Short Storys einfach völlig unvermittelt auf. Sollen sie dadurch literarischer wirken, gewagter, mutiger? Oder ist der Moment, von dem erzählt wird, eben einfach vorbei – und hej, das war’s? Bei so gut wie jeder Geschichte von Doris Anselm denke ich beim letzten Satz: Wtf, was soll das jetzt, warum endet es hier, warum endet es so? Die deutsche Autorin, die in Hildesheim studiert und 2014 das open mike gewonnen hat, setzt Schlusspunkte überall dort, wo ich sie nicht erwarte. Wo sie für mich überhaupt nicht hingehören. Aber auch das ist etwas, das die Gattung Kurzgeschichte an sich spannend macht.

Wo beginnt der erzählenswerte Augenblick, wo endet er? Was kam davor, was danach? Da wir es ja nicht mit einem Roman zu tun haben, können und werden wir es nie erfahren. Manchmal ist das auch beruhigend: zu wissen, dass man gleich nicht mehr weiterlesen muss. Dass man gleich erlöst sein wird von dieser Story und ihren Figuren. Dass das gleich aufhören wird, einfach so, irgendwo mittendrin. Auch das ist ein Grund, warum ich Kurzgeschichten mag. Die von Doris Anselm sind sehr gut. Sie sind literarisch, gewagt und mutig. Sie sind merkwürdig, unverständlich, verstörend und raffiniert. Die Autorin beweist einen Blick für das Kleine, hinter dem – für uns nicht zu sehen – das große steht. Alltagsbeobachtungen eben.

und dann holt meine Liebe zum Gegenschlag aus von Doris Anselm ist erschienen bei Luchterhand (ISBN 978-3-630-87526-2, 192 Seiten, 18 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

Schmitzer„Gletschereis ist hier im Sommer schon lange keines mehr zu sehen“
Eine Fotografin macht sich auf den Weg in die Berge: Für einen Auftrag braucht sie Bilder, die das Schmelzen der Gletscher dokumentieren. Sie fotografiert für eine Umweltschutzorganisation das Heute, damit man es mit dem Gestern vergleichen kann, und trifft auf einen Professor, der seit fünfzig Jahren Messungen durchführt. Anhand seiner Daten und ihrer Bilder wird plötzlich klar: Da ist was faul. Das Schmelzen der Gletscher liegt nicht am Klimawandel allein. Aber was ist hier im Gange? Wer steckt dahinter und was haben die Drahtzieher dieser Verschwörung vor? Und warum musste eine Biologin auf dem Berg sterben? Die Fotografin macht sich auf die Suche nach Antworten – und schwebt bald selbst in größter Gefahr.

Das Setting klingt, als handle es sich bei Die Stille der Gletscher um einen Thriller, doch das ist nicht der Fall. Dazu schreibt die österreichische Autorin Ulrike Schmitzer, die Absolventin der Leondinger Akademie für Literatur ist und bereits zahlreiche Werke publiziert hat, erstens zu gut und zweitens zu ironisch. Es ist ein herrlicher Spaß, wenn der Fun- und Eventmanager der Fotografin die Erlebnismöglichkeiten für die Touristen auf dem Gletscher zeigt, wo es eine venezianische Gondel im Gletschersee und einen Skyglider gibt:

„Wir mussten den Sommer beleben, wenn der Winter wegbricht. Es braucht immer ein Highlight. Wandern ist eine mühsame Angelegenheit. Warum sollen wir dabei zusehen, wie die Gäste zu Fuß auf den Berg gehen, und wir haben nichts davon, haben sich die Bergbahnbetreiber gedacht.“

Vielleicht findet man das nur lustig, wenn man so nah dran ist wie wir Österreicher, wo sich bei uns alles ums Skifahren und um den Tourismus dreht – oder gar so nah wie ich, die ich jahrelang für Kunden wir Kitzsteinhorn Gletscher 3000, die Gasteiner Bergbahnen und den Nationalpark Hohe Tauern getextet habe: Ich habe so viel Werbung gemacht für all diese Events, damit Wanderer, Touristen und Urlauber kommen, um die Sensationen zu sehen, ich fühle mich vom euphorischen Funmanager quasi persönlich angesprochen. Und es ist ein Lachen, das im Hals stecken bleibt, weil das alles – die Bespaßung auf den sterbenden Gletschern, deren Tod wir Menschen verursachen – zutiefst pervers ist.

Einzigartig an Die Stille der Gletscher ist die Mischung aus realer Wissenschaft und fiktiver Geschichte, die Ulrike Schmitzer perfekt beherrscht. Das ist Information und Unterhaltung in einem. Man merkt an der Sicherheit, mit der sie schreibt, dass sie viel recherchiert hat, dass sie sich auskennt. Dem Buch sind zudem echte Fotos beigefügt, die das dokumentieren, was die Fotografin – die namenlose Ich-Erzählerin – mit ihrer Kamera aufnimmt: das Verschwinden des Gletschereises, das Gestern und das Heute. Die Geschichte nimmt rasant an Fahrt auf, ist spannend, bietet eine klassische Verschwörungstheorie, bleibt aber letztlich zu kurz und zu schmal, um wirklich Spannungsliteratur zu sein. Auf gerade einmal 140 Seiten lassen sich nicht mehrere Stränge entwickeln und zusammenführen, aber das ist auch nicht nötig: Das Buch will ja kein Thriller sein. Aufhorchen lassen will es, Interesse wecken, aufmerksam machen auf ein Umweltproblem, das per se unsexy ist: Mit dem Spaß ist es auf den Gletschern nämlich eigentlich vorbei. Davon wollen wir Menschen aber nichts hören, und wir wollen auch nichts dagegen unternehmen. Wir denken, das alles sei Zukunftsmusik, doch in Wahrheit hören wir schon längst das Lied des Todes. Ulrike Schmitzer hat ein kluges, böses, entlarvendes und vorausschauendes Buch geschrieben, das wie Fiktion anmutet – aber wenn sie mir sagte, dass jedes Wort davon wahr ist, dass alles so geschehen ist und geschieht, ich würde es sofort glauben.

Die Stille der Gletscher von Ulrike Schmitzer ist erschienen bei Edition Atelier (ISBN 978-3-903005-25-9, 144 Seiten, 18 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

Sujic„E-Mail ist die Geißel unserer Zeit. E-Mail und Krebs“

„Wie erklärt man, wie Verliebtheit beginnt? Es ist ein Zustand, der einen bis ins Letzte durchdringt, sodass man sich fast nicht mehr erinnern kann, wie es sich anfühlt, ohne ihn zu leben. Alles, was ihm vorausging, wird zu einem Weg, der nur dorthin führte.“

Die 23-jährige Alice ist auf der Suche, sie hat eine Leerstelle in sich, eine große Leerstelle, die dort ist, wo eigentlich Familienzusammenhalt sein sollte, Liebe, die eigene Identität. Bei Alice ist da nichts. Sie wurde adoptiert, der Adoptivvater ist unter mysteriösen Umständen gestorben, und nach dem Studium kommt sie zu ihrer Großmutter nach New York, wo sie nichts mit sich anzufangen weiß.

„Mein Gesicht fühlt sich gummiartig an. Entweder ist meine Haut dicker geworden, oder meine Fingerspitzen sind taub. Tief unter meiner Haut, wie ein schmaler unterirdischer Bachlauf, verbirgt sich irgendwo Blut, da bin ich mir sicher. Aber ich fühle mich nicht zu hundert Prozent lebendig.“

Ziellos geht sie durch die Stadt, geht und geht und macht Bilder, und als sie online auf die neun Jahre ältere Schriftstellerin Mizuko stößt, fällt sie hinein in eine ziehende, sich ausweitende, alles übergreifende Obsession. Es gelingt ihr, sich Mizuko im realen Leben zu nähern, und sie hat Glück: Mizuko und ihr Freund, den Alice zufällig kennt, haben sich gerade getrennt, Mizuko braucht Ablenkung, das gefügige, sie anhimmelnde Mädchen kommt ihr gerade recht. Alice macht sich keine Illusionen:

„Sie war meine erste Liebe, doch ich war nicht ihre.“

Ein Großteil des Lebens dieser beiden Frauen spielt sich online ab. Sie haben das Smartphone permanent in der Hand, posten und liken, folgen einander, schnüffeln den virtuellen Spuren der anderen nach, und all das wird noch intensiver, als Alice mit Dwight zusammenkommt, der als Innovationconsultant arbeitet und dessen gesamter Alltag aus Apps besteht. Die Beziehung zwischen Alice und Mizuko ist schwierig, nicht eindeutig sexuell, sehr ungleich, eine Achterbahnfahrt aus Zuneigung, Vertrauen, Missgunst und Hass. Die identitätslose Alice will zu sehr in Mizukos Nähe sein, mehr noch, sie will Mizuko sein. Natürlich ist klar, dass das nicht gut ausgehen kann. Natürlich ist klar, dass es am Ende sehr wehtun wird. Aber sie nimmt das in Kauf für jede Minute, die sie mit Mizuko verbringen kann.

„Meine niedergeschriebenen Gedanken ergeben eine Liebesgeschichte, die zum Großteil ausgedacht ist und aus Erinnerungen besteht, die zum Großteil falsch sind, und die zwischen zwei Menschen stattfand, die fast nie da waren.“

Es gibt im Deutschen den Ausdruck „das Objekt der Begierde“, und auf diese Geschichte passt er: Für Ich-Erzählerin Alice wird Mizuko zum Objekt. Sie möchte sie besitzen, mit ihr verschmelzen. Dazu musste ihr die britische Autorin Olivia Sudjic, die 1988 geboren wurde und als Journalistin unter anderem für die Times schreibt, jegliche Persönlichkeit absprechen, sie zu einer Hülle machen, zu einer Suchenden, Getriebenen. Das finde ich reichlich konstruiert, die Familiengeschichte wirkt eher mühsam, sehr gewollt, Alice ist als Figur leer. Davon abgesehen ist Sympathie – dessen deutscher Titel mir Rätsel aufgibt, bedeutet das englische Sympathy ja Mitleid, was wesentlich passender ist – ein durchaus glaubwürdiges Buch über eine ungesunde Freundschaft, die aus den falschen Gründen eingegangen wird. Sie basiert auf Lügen und Neid, auf dem Wunsch, sich an einem anderen Menschen festzusaugen, sich durch ihn zu verändern, sich an ihm zu erhöhen. Wir sprechen hier allerdings nicht von einer klar definierten erotischen Liebesbeziehung, vielmehr befinden wir uns im schwammigen Bereich zwischen freundschaftlichen und sexuellen Gefühlen, Besitzdenken, Eifersucht, gegenseitiger Manipulation.

Der Guardian hat dieses Buch als „den besten Roman über den Einfluss des Internets auf unser Inneres“ bezeichnet, und das stimmt soweit, weil es solche Romane bisher kaum gibt. Ich finde, das Internet muss hinein in die Literatur. Die Literatur vernachlässigt die virtuelle Welt bisher schändlich, dabei spielt sich unser halbes Leben online ab. In Sympathie hat Instagram eine wichtige Rolle, genau wie der Zugang zum Leben anderer über die Bilder, die sie davon posten, Followeranzahlen, die virtuellen Beziehungen, die Offenherzigkeit, die manchen zum Verhängnis wird. Und wenn wir ehrlich sind: Das ist die Realität. Olivia Sudjic hat nichts davon erfunden, sie hat sich nur als eine der Ersten getraut, davon zu erzählen. Ansonsten scheinen Autoren verschämt zu denken, sie dürften das Internet nur am Rande erwähnen, weil ihre Romane sonst nicht real seien, nicht ernstgenommen würden – abgesehen von Jarett Kobek, aber dessen Buch ist ein ganz anderes Kaliber. Mir persönlich war Sympathie zu verworren, es ist anstrengend, dass die Zeitebenen vermischt sind, dass viel hin und her gesprungen wird, dass die Protagonistin so wahnsinnig passiv ist und sich das Buch zwischendrin mit ereignislosen Passagen sehr zieht – es hat fast 500 Seiten und hätte davon gut einige einsparen können. Dennoch ist dies ein überaus scharfsinniger, wichtiger, intelligenter Roman, der zeigt: Um einander wehzutun, brauchen die Menschen das Internet nicht. Es ist jedoch sehr gut dafür geeignet, jedes menschliche Gefühl noch zu verstärken.

Sympathie von Olivia Sudjic ist erschienen bei Kein & Aber (ISBN 978-3-0369-5757-9, 496 Seiten, 24,70 Euro).

 

Gut und sättigend: 3 Sterne

IMG_3384„Es ist nicht immer klar, wann man die Menschen trifft, die einem am meisten schaden“

„Vermeintlich unbelebte Dinge haben mehr Macht, als die meisten Menschen zugeben wollen. Sie können einen verzehren oder einen befreien. Sie können einen für den Rest des Lebens herabziehen oder, wenn man es zulässt, einem die Bürde des Erinnerns abnehmen.“

Solche Dinge sammelt Cathy, und zwar schon seit ihrer Kindheit: Spielzeugsoldaten, Federn von seltenen Vögeln, Tierskelette. Alles, was eine Bedeutung hat für Cathy, befindet sich in dieser Sammlung, und es passt zu ihr, dass sie in einem Museum arbeitet. Sie ist Konservatorin und soll bei der 200-Jahr-Feier des Museums für Naturkunde in Berlin für ihre Forschung ausgezeichnet werden. Im selben Museum arbeitet auch ihr Verlobter Tom, mit dem sie nicht nur das Berufliche teilt, die beiden sind in enger Liebe verbunden. Doch dann bekommt Cathy ein Päckchen mit einer in Bernstein eingeschlossenen Raubwanze. Das wäre ein schönes Stück für ihre Sammlung, doch Cathy weiß auch ohne Absender, wer ihr die Wanze geschickt hat – und wer sie somit gefunden hat. Jemand aus ihrer Vergangenheit, den sie endlich hinter sich lassen möchte. Jemand, der ihr einst sehr wichtig war und dem viele der unbelebten Dinge in ihrer Sammlung zugeordnet sind. Und der eine Gefahr für sie ist.

Museum der Erinnerung von Anna Stothard, die in Los Angeles Drehbuch studiert hat, hat mich ziemlich überrascht. Es ist nämlich das, was man gemeinhin ein „Frauenbuch“ nennt, und das hatte ich nicht erwartet. Das Cover sieht nicht so aus, und ich kenne Diogenes viel tiefsinniger und literarischer. Damit will ich dieses Debüt nicht schlechtmachen, denn es ist durchaus gut geschrieben. Wer das Seichte, Leichte mag, für den ist dieser Roman sicher ein ganz besonderes Zuckerl. Es ist alles da, was man haben will: Liebe und gebrochene Herzen, eine verrückte Kindheit, intensive Gefühle und spannende Jetzt-tut-er-ihr-gleich-was-Szenen. Gekrönt wird das von einer süßen Dosis Kitsch, die das Zuckerl abrundet wie der Schlagobers den Eisbecher. Die Sache ist die: Hätte ich gewusst, dass dies ein Unterhaltungsbuch ist, das man am ehesten in den Urlaub mitnimmt, hätte ich es nicht gelesen. Aber: Zufälligerweise habe ich das Buch in den Urlaub mitgenommen, und deswegen war es genau das Richtige.

Museum der Erinnerung von Anna Stothard ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-30048-2, 304 Seiten, 16 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

IMG_3381„Es war unmöglich, eine Auszeit von sich selbst zu nehmen“

„Die Klinik war ein Schutzraum, in dem jeder nach und nach begann, sein zugeschüttetes Wesen freizuscharren. Ein gebrochenes Bein oder eine Platzwunde war leichter zu verstehen. Acht Wochen Gips, Pflaster drauf, alles war sichtbar. Die Ursache, die Symptome, auch die Heilung. Psychische Störungen dagegen waren unsichtbar.“

In einen solchen Schutzraum, eine Klinik, begibt sich die junge Juli. Sie hat lange auf den Therapieplatz gewartet und ist fest entschlossen, ihn zu nutzen. Jeden Morgen steht sie pünktlich auf, macht sich auf den Weg zur Klinik, nimmt an den Gruppensitzungen und Aktivitäten teil. Sie trifft dort den attraktiven Philipp, der schizophren sein soll, und die quirlige Sophie, bei der eine bipolare Störung diagnostiziert wurde. Sie alle haben ihr Päckchen zu tragen, jeder für sich, doch dann schweißt ein gemeinsames Erlebnis die drei zusammen, und es wird klar: Das Wochenende, das vor ihnen liegt, das müssen sie einfach zusammen verbringen. Juli, die eine bestimmte Form von Autismus hat, passt das nicht, sie will nachhause, in die Sicherheit ihrer vier Wände, und doch kann sie sich der seltsamen Dynamik, die zwischen ihr, Philipp und Sophie entsteht, nicht entziehen. Nicht einmal, als es gefährlich wird.

Wie verrückt ist verrückt genug? Das ist die zentrale Fragen von Niah Finniks erstem Roman Fuchsteufelsstill. Wer ist noch normal, wer ist es nicht mehr? Und wo genau verläuft die Grenze? Klar wird eigentlich nur, dass das völlig unklar ist. Ist das, was wir Therapie nennen, wirklich hilfreich? Medikamente, die den gesamten Geist auf Standby setzen, Stuhlkreise, Töpfern? Die Autorin, die im neuen Imprint Ullstein fünf debütiert hat, ist noch keine 30 Jahre alt und hat das Asperger-Syndrom. Anders gesagt: Schreib über das, was du kennst – und mit Autismus kennt Niah sich demzufolge aus. Ich war deshalb sehr gespannt auf ihr Buch. Wie würde jemand von Autismus erzählen, der nicht von außen draufsieht? Was für Einblicke würde sie mir geben können, welche neuen Erkenntnisse?

Wenn die Frage lautet, wie verrückt ist verrückt genug, muss ich gestehen, und es ist mir fast ein bisschen peinlich, dass mir Fuchsteufelsstill (wunderbarer Titel übrigens und sehr schönes, von der Autorin selbst designtes Cover) nicht verrückt genug war. Protagonistin Juli hat gewisse Spleens, eine Vorliebe für die Farbe Blau, für Zahlen und für Quantentheorie, sie steckt nicht gern in Menschenmassen, zählt mit, wie weit sie sich von ihrer Wohnung entfernt befindet, und hat Angst vor Nähe. Ist man damit schon nicht mehr normal, ist man damit schon krank? Ich kann das nicht beurteilen, nur denke ich während der Lektüre ständig: Das hab ich so alles schon gelesen. Solche Figuren sind mir bereits oft begegnet. Die leicht Beschädigten. Die, mit denen was nicht ganz stimmt. Die einsam sind und schrullig, die Stimmen hören oder keinen Grund mehr sehen, zu leben. Die überdrehte Sophie entspricht dem Stereotyp einer manischen Patientin, und dann taucht auch ein eiskalter Businesstyp auf, der sich, von Langeweile geplagt, gestörter verhält als unsere drei Klinikhasen zusammen. Klischee, ja, natürlich, und genau das hat mich sehr überrascht, weil ich erwartet hatte, dass eine Autorin, die eigene Erfahrungen einbringt, mit diesen Klischees aufräumen würde. Aber Niah Finnik kann auf jeden Fall sehr gut schreiben. Das ist es auch, was diesen Roman lesenswert macht – das und die Art, auf die er einen nachdenklich stimmt. Am Ende zeigt sich: Wir suchen doch alle eigentlich nur nach der Liebe. Und das ist wahrlich sehr verrückt.

Fuchsteufelsstill von Niah Finnik ist erschienen bei Ullstein (ISBN 9783961010035, 304 Seiten, 14,99 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

IMG_3822„Lasst uns auf unsere Freunde trinken und mögen wir alle mehr Freunde haben als Blätter an einem Apfelbaum“

Fünfzig Jahre ist es her, dass die kleine Rike gestorben ist. Dass sie aus dem Kirschbaum gefallen und Blut aus ihrem Ohr geflossen ist. Martina kann das nicht vergessen, und ihre Mutter Elena kann es auch nicht. Jetzt wird Elena 88 Jahre alt, ein rauschendes Fest gibt man ihretwegen, die Polka wird getanzt, der Honigschnaps wird getrunken, aber für Elena ist der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit schon fließend. Für Elena gäbe es noch viel zu sagen, nur hat sie nicht mehr viel Zeit. Aber jetzt, wenn man ehrlich ist, würde sie es wahrscheinlich auch nicht mehr aussprechen, fünfzig Jahre später. Wo doch jeder nur geschwiegen hat über alles, was wichtig war. Tochter Martina über das, was wirklich geschehen ist und was sie über Rike gedacht hat. Enkelsohn Daniel über seine komplizierten Gefühle seiner Freundin Sasha gegenüber. Sasha über das, was sie erlebt hat auf ihren wilden, gefährlichen Reisen in Kriegsgebiete und Ecken der Welt, die gut und gern das Ende sein könnten. Und Anja über das, was sie tatsächlich sucht, wenn sie ihrer kleinen Tochter Schlaftropfen in die Milch gibt, um sie nachts allein zu lassen.

Es ist nicht einfach, den Inhalt von Tina Pruschmanns Debüt wiederzugeben. Das liegt daran, dass es kaum möglich ist, das Buch nachzuerzählen, zu kurz sind die Erzählstränge, zu verwickelt das Gesamtbild. Die Kapitel sind episodenhaft, nicht chronologisch aneinandergereiht, sie hängen zwar zusammen, ja, sie haben teilweise dasselbe Figureninventar, und doch wirken sie mehr wie Interlinking Short Stories denn wie ein Roman. Die Autorin, die Soziale Verhaltenswissenschaft und Soziologie studiert hat, lässt die Handvoll Charaktere, die sie entworfen hat, Banales und Schreckliches erleben, lässt sie sich verlieben, sich trennen, lässt sie lachen, leiden und sterben. Es geht um ihre Schicksalsmomente, um jene Augenblicke, die etwas verändern, sofort oder erst, vielleicht unbemerkt, später. Kurze Einblicke bekommt der Leser in diesem langen Reigen von Mosaiksteinchen aus einer ungefähren Zeitspanne zwischen 2002 und 2015, mit Ausnahmen, die weiter zurückreichen, die Kapitel sind datiert, aber um wen es geht, das muss man herausfinden, indem man liest, sich wundert, grübelt, irgendwann draufkommt. Das ist gut, es ist herausfordernd, anstrengend ist es auch.

Im Klappentext steht „Mit großer Leichtigkeit erzählt Tina Pruschmann von diesen besonderen Momenten, den Lostagen im Leben“ – nein. Leicht ist an diesem Buch gar nichts. Mit bleierner Schwere, müsste es eher heißen, denn Lostage ist unfassbar deprimierend. Obwohl ich das Melancholische liebe, hat dieses Buch mich derart niedergedrückt, dass ich oft tagelang nicht weiterlesen konnte. In seiner Art, eine Familie darzustellen und zu beleuchten, durch das Gesplitterte, Vereinzelte, hat es mich sehr stark an Rabenkinder von Heike Duken erinnert, meinen Favorit für den Blogbuster-Preis. Die Romane ähneln sich sehr, zum Teil im Inhalt, aber mehr noch in der Aufmachung, dem Stil, der Idee, eine Familie nicht über ihren Zusammenhalt zu charakterisieren, sondern über die Erkenntnis, dass jeder für sich bleibt, dass jeder einsam ist, dass die Blutsverwandtschaft nichts weiter ist als ein locker geknüpftes Band, das der Zufall gewebt hat. Tina Pruschmann kann ohne Zweifel herausragend gut schreiben. Sie tanzt mit den Wörtern, sie gibt ihnen Befehle, denen die Wörter widerstandslos folgen. In seiner Gesamtheit ist Lostage komprimierte, elendige, bodenlose Traurigkeit. Es ist ein Buch, das man, um es lesen zu können, in erster Linie aushalten muss.

Lostage von Tina Pruschmann ist erschienen im Residenz Verlag (ISBN 9783701716807, 224 Seiten, 22 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

Zwicker„Manchmal würde ich auch gern die Erinnerung verlieren“

„Die meisten sehen es falsch. Sie glauben, die Alten würden abgehängt. Sie glauben, die Alten verlören den Anschluss, weil der Zahn der Zeit ihre Geister und Körper daran hindert, mit dem rasenden Fortschritt mitzuhalten. Das stimmt aber nicht. Der Fortschritt gestaltet nur die Kulisse. Und in diesem ewigen Trauerspiel liegen die Alten immer voran.“

Kehr ist alt, und viel, das ist ihm klar, wird nach dem Tod seiner Frau nicht mehr kommen. Er gibt vor, senil zu sein, an Demenz zu leiden, damit seine Familie ihn ins Pflegeheim bringt. Dort, so stellt er es sich vor, wird er ein ruhiges Leben haben in seinen letzten Jahren. In Wahrheit ist es jedoch anstrengend, den Demenzkranken zu spielen, herumzuschreien, in die Hose zu machen und vor allem kein Wort mit seiner geliebten Enkelin Sophie zu sprechen. Es bricht ihm das Herz, dass er so tun muss, als würde er sie nicht kennen. Sie ist die Einzige, die ihn besucht, die Einzige, die er liebt. Kehr rechnet ab mit dem Leben, mit seinen Fehlern und Verlusten, er beobachtet die anderen Pflegebedürftigen, manchmal spielt er ihnen Streiche. Und er büxt gern aus, aber nur, um sich vorn an der Ecke beim Türken was zu kaufen. Dann kommt seine Jugendliebe Annemarie in dasselbe Pflegeheim, und Kehr merkt, dass er sich mit seinen Lügen und Täuschungen in die Ecke manövriert hat, dass er sich nur noch im Kreis dreht.

Frédéric Zwicker hat als Zivildiener in einem Pflegeheim gearbeitet, und das merkt man seiner Erzählung an: Hier schreibt einer, der genau weiß, was Sache ist. Er berichtet über die Arbeit der Pfleger, über das Verhalten der zu Pflegenden – man möchte sie fast Insassen nennen, haben sie doch keinen Weg in die Freiheit mehr – und über den Alltag in einem solchen Heim. Was zuerst nach einer guten Idee klingt, einen alten Mann dort hinzubringen, der nur vorgibt, dement zu sein, der im Heim beobachten und entlarven, Schabernack treiben und den Leser unterhalten kann, stellt sich im Laufe des Romans als Spiegeltrick heraus. Es scheint, als habe der Protagonist eigentlich nur sich selbst getäuscht. So ganz, das muss ich gestehen, begreife ich nicht, warum er das tut. Weshalb lässt er sich einliefern, sich seiner Freiheit berauben, obwohl es nicht nötig wäre? Wieso verletzt er seine Enkelin derart tief, gibt vor, sie nicht zu erkennen, obwohl er sie so sehr liebt? Und warum gibt er seine Tarnung nicht einmal dann auf, als seine große Liebe Annemarie vor ihm steht? Ich hab mich gefragt, ob er vielleicht nur denkt, er sei nicht dement, und es in Wirklichkeit aber ist, nur: Das kommt mir dann doch zu kompliziert vor. Oder bedürfte zumindest einiger Erklärungen, die es nicht gibt.

Das ist die Schwachstelle an diesem Buch, das Unerklärliche, Fragwürdige, ansonsten ist es gut geschrieben, sehr authentisch, in Eigenerfahrung recherchiert und originell. Wer es liest, wird – vermutlich nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal denken –, dass er als alter Mensch hoffentlich nicht in einem Heim landen wird. Das Erste, was einem an der Tür abgenommen wird, scheint die Würde zu sein. Ein lesenswerter, aber wahrlich kein herausragender Roman.

Hier können Sie im Kreis gehen von Frédéric Zwicker ist erschienen bei Nagel & Kimche (ISBN 978-3-312-00999-2, 160 Seiten, 20 Euro).