Für Gourmets: 5 Sterne

Gaël Faye: Kleines Land

Faye„Der Krieg findet für uns Feinde, ohne dass wir ihn darum gebeten haben“
Das lernt der kleine Gabriel, als plötzlich die Hölle über ihn und alle seine Landsleute hereinbricht. Bis zu dem Zeitpunkt, da der Krieg beginnt, hat er eine wilde, unkontrollierte, schöne Kindheit. Er klaut Mangos mit seinen Freunden, hört mit ihnen Musik, spielt draußen auf der Straße und ist in erster Linie eins: frei.

„In der Zeit davor, bevor das alles passierte, vor dem, was ich erzählen werde, und dem ganzen Rest, war es das Glück, das Leben, das man nicht erklären muss. (…) In der Zeit des Glücks antwortete ich auf die Frage „Wie geht’s?“ immer mit „Gut!“. Einfach so, zack.“

Später wird er das nicht mehr tun. Nie mehr. Denn später, das ist im Bürgerkrieg. Später, das ist während des Abschlachtens von Hutu und Tutsi, während der Massaker, während der Angst. Später weiß Gabriel nicht mehr, wie er jemals unbefangen und glücklich sein konnte. Und er weiß auch nicht, wie er diesem Schlachtfeld von einem Land entkommen soll.

„Wir wussten es noch nicht, aber die Zeit des Infernos war gekommen, und die Nacht ließ das Rudel der Hyänen und Wildhunde los.“

Gabriel hat keine Möglichkeit, zu verstehen, was in Burundi los ist. Warum töten Menschen einander, die gerade noch friedlich miteinander lebten? Was haben Leute wie sein Vater, der aus Frankreich stammt, damit zu tun? Und wie kann er sich fernhalten, sich in Sicherheit bringen?

„Obwohl ich neutral bleiben wollte, gelang es mir nicht. Ich war mit dieser Geschichte geboren. Sie lag mir im Blut. Ich gehörte ihr.“

Das zeigt sich auch, als der erst in der Ferne tobende Krieg näher kommt: Plötzlich ist Gabriels eigene Familie betroffen. Plötzlich werden Menschen ermordet, die ihm etwas bedeuten, und seine Mutter gerät zwischen die Fronten. Plötzlich ist von der Freundschaft, die ihn mit den Nachbarsjungen verband, nichts mehr übrig.

Gaël Faye ist nicht der Erste, der auf die Idee gekommen ist, aus der Sicht eines Kindes vom Krieg zu erzählen, natürlich nicht. Bestimmt fallen jedem von euch auf Anhieb mehrere Romane ein, die so funktionieren. Aber das ist unerheblich. Denn Kleines Land ist trotzdem anders und neu. Und es ist trotzdem sehr, sehr gut. Außerdem hat jede Geschichte, jedes Buch, jeder Roman über den Krieg eine Berechtigung, denn vom Krieg soll und muss erzählt werden, wieder und wieder. Gaël Faye findet dafür einen ganz eigenen Ton, einen leichten, melodischen Ton, durchbrochen von der Tiefsinnigkeit der Retrospektive. Denn er lässt seinen Protagonisten Gabriel, der wohl autobiografisch für den Autor selbst steht, aus der Ferne des Erwachsenenlebens von damals berichten. Dadurch sind wir zwar mit Gabriel in seiner Kindheit, sehen aber alles durch den Filter desjenigen, der viele Jahre später das nötige Wissen hat, das dem Kind einst fehlte. Und wir sehen durch den Filter Europas auf Afrika, aber mit jemandem, dessen Wurzeln dort liegen.

Es gibt keine Worte, um einen Krieg begreiflich zu machen. Aber Gaël Faye findet Worte, die beschreiben, wie zerstörerisch die Kräfte sind, die Menschen entfesseln. Wie schnell das Glück verschwinden kann, als hätte es nie existiert. Er berührt mich sehr mit diesem Roman, mit dieser großen Geschichte über sein kleines Land.

Kleines Land von Gaël Faye ist erschienen im Piper Verlag (ISBN 978-3-492-05838-4, 224 Seiten, 20 Euro).

 

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