Für Gourmets: 5 Sterne

Lily King: Vater des Regens

King„Manche Leute kann man besser aus der Ferne liebhaben“
Als Daley elf Jahre alt ist, verlässt ihre Mutter ihren Vater und nimmt sie mit. Den Sommer verbringt Daley im Haus ihrer Großeltern, und als sie zu Schulbeginn zurückkommt, ist alles anders: Sie zieht mit ihrer Mutter in eine kleine Wohnung, in ihrem Elternhaus wohnt immer noch der Vater – mit einer neuen Frau und deren Kindern. Von diesem Moment an ist Daley eine Zerrissene, sie erleidet das typische Schicksal von Scheidungskindern: Sie pendelt von einem Elternteil zum anderen, versucht, jedem gerecht zu werden, versucht auch, zu kitten, was nicht zu kitten ist. Ihr großer Bruder, der schon am College ist, hält sich raus und ist ihr keine Hilfe, er hat seine eigenen Probleme. Der Vater ist einer jener Alkoholiker, die ihre Sucht als Geselligkeit tarnen, die sich den 5-o’clock-drink genehmigen und danach immer weitertrinken, sieben starke Martinis an einem gemäßigten Abend, er spielt Golf, ist ein angesehener Bürger und alles andere als verwahrlost, aber dennoch alkoholkrank. Seinen Kindern gegenüber ist er gehässig, manipulativ und unberechenbar. Viele Jahre später, als Daley längst erwachsen ist und plant, mit ihrer großen Liebe Jonathan zusammen nach Kalifornien zu gehen und dort ihre erste Stelle als Professorin anzutreten, erreicht sie der Hilferuf ihres Bruders: Der Vater ist am Ende. Und obwohl Daley nichts mehr mit ihm zu tun hat, obwohl ihr eigenes Leben gerade beginnt, obwohl er es ihr nicht dankt, fährt sie den weiten Weg zu ihrem Vater, um für ihn da zu sein. Eine Entscheidung, die niemand verstehen kann. Und eine Entscheidung, die sie fast selbst in den Abgrund reißt.

Vater des Regens ist ein unfassbar gutes Buch. Manchmal liest man einen Roman, der genau auf ein kleines Loch im eigenen Herzen passt. Das ist sehr schön. Und es tut weh. Schon nach wenigen Seiten wusste ich: Das ist so ein Roman. Es ist nicht zwingend notwendig, dass man sich beim Lesen mit einer Figur identifiziert, aber wenn es geschieht, ist das ein berührendes Erlebnis. Als würde jemand zu dir sprechen, der dich versteht. Als würde jemand deine Sätze vollenden, weil er die gleichen Gedanken, die gleichen Gefühle hat. Auch ich bin ein Scheidungskind. Ich war ein wenig älter als Daley, und mein Vater ist kein Alkoholiker, aber ich weiß, wie das ist, wenn alles auseinanderreißt. Ich weiß, wie sehr man versucht, die auseinandergebrochenen Teile zu kleben, indem man selbst der Kleber ist, und wie schnell man als Kind im Wirbelsturm, den die Eltern entfachen, verloren geht. Ich kenne auch den immer wiederkehrenden Schmerz, verursacht von den kleinen Verletzungen, die väterliche Bemerkungen auslösen. Und während im Roman niemand Daley zur Seite steht, als sie alles liegen und stehen lässt, um einem Menschen zu helfen, der niemals einen Finger für sie gerührt hat, da gehe ich mit ihr. Ich kenne den Drang, nach Anerkennung, nach Liebe zu suchen, wo keine ist, und obwohl man selbst glaubt, es längst aufgegeben zu haben.

Aber wenn ihr nun denkt, man müsse ein Scheidungskind sein, um dieses Buch mögen zu können, seid euch versichert: Das ist nicht der Fall. Lily King ist eine herausragende Schriftstellerin. Sie hat mich vor einiger Zeit mit Euphoria begeistert – und mit Vater des Regens ist es ihr erneut gelungen. Ich hoffe sehr, dass der Verlag auch ihre anderen Romane übersetzen lassen wird – ansonsten lese ich sie einfach im Original. Aber lesen muss ich sie unbedingt. Und euch kann ich das ebenfalls nur empfehlen! Lily King ist eine Meisterin darin, mit Gefühlen zu jonglieren, ohne jemals kitschig zu werden. Ihre Bücher sind voller Emotion, aber frei von Pathos. Sie erzählt schlicht und schnörkellos, melancholisch, klar, mit Sätzen, die ihre Wucht erst nach und nach entfalten. Und ja, an einem Punkt hat sie mich erwischt: Kurz vor dem Ende gab es diesen Moment. Ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper und Tränen in den Augen. Ich war so erleichtert. Ich hab mich so gefreut. Das ist der Grund, warum ich lese: Weil Bücher manchmal etwas Derartiges bewirken können. Und weil sie manchmal genau auf ein kleines Loch im Herzen passen.

Vater des Regens von Lily King ist erschienen bei C. H. Beck (ISBN 978-3-406-69805-7, 399 Seiten, 21,95 Euro). Eine begeisterte Besprechung findet ihr auch bei Herzpotenzial.

 

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