Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Yoko Ogawa: Der Herr der kleinen Vögel

OgawaDie japanische Art der Entschleunigung
Sie sind Brüder, und sie verbringen schon ihr ganzes Leben zusammen: Der eine spricht eine Sprache, die nur der andere versteht. Sie ist vielleicht die Sprache der Vögel, vielleicht auch nicht, Tatsache ist, dass Menschen diese Laute nicht deuten können, dass Vögel dem Mann jedoch sehr zugetan sind. Er kennt sie alle und liebt sie sehr. Als der ältere stirbt, übernimmt der jüngere die Aufgabe, sich um eine große Voliere in einem Kindergarten zu kümmern. Er tut dies mit Sorgfalt und Hingabe, führt ein beschauliches, ruhiges, eigentlich auch einsames Leben – oft missverstanden von jenen, die nicht hinter die Fassade sehen können und wollen. Er ist ein behutsamer, vorsichtiger Mensch, sehr zurückgezogen und mit ganz wenig zufrieden.

Wer gestresst ist und sich oft aufregt, der könnte es mit Yoga versuchen oder einem Entspannungstee. Er könnte aber auch ein Buch von Yoko Ogawa lesen. Die japanische Schriftstellerin, die bereits zahlreiche wunderbar poetische Romane veröffentlicht hat, schreibt so bedächtig und sanft, dass ich wetten könnte: Wer ihre Zeilen liest, dessen Herzschlag beruhigt sich. Dazu gibt es keine statistischen Werte, aber ich rate euch einfach, es selbst auszuprobieren. Das vorliegende Buch, Der Herr der kleinen Vögel, hab ich im Urlaub gelesen – in einem lauten, wilden Aquapark mit zahlreichen Pools und Rutschen, umgeben von lärmenden Kindern, darunter meine eigenen. Aber das war mir alles egal. In Gedanken war ich in Japan, bei einem stillen Mann, dessen ganze Liebe seinem Bruder und den zarten, schützenswerten Vögeln gilt. Es gibt nicht viel Handlung in diesem Roman, und das spielt keine Rolle, im Gegenteil: Es ist fast essenziell, dass nicht viel geschieht.

Denn Yoko Ogawas Geschichten haben das Kleine zum Inhalt, das Vergängliche eines einzelnen Lebens, die Details daran, das Alltägliche – aus dem, durch das richtige Auge beobachtet, etwas Großes wird. Etwas Gefühlvolles. Und etwas Schönes. Man kann nicht Yoko Ogawa lesen und gleichzeitig gestresst sein. Vielmehr bringt sie einem durch den liebevollen Blick auf ihre Figuren vor Augen, wie wertvoll jene kleinen Dinge sind, die wir so oft übersehen. Ich mag Yoko Ogawa sehr, und ich weiß, dass es auch der Klappentexterin so geht. Ich habe bereits zwei Romane von ihr gelesen, Das Geheimnis der Eulerschen Formel sowie Schwimmen mit Elefanten, aber die meisten fehlen mir noch – und ich wünsche mir, dass sich das ändert. Ich möchte sie alle lesen, mit ihnen lächeln und nicken, angerührt sein, Tränen in den Augen haben. Ich möchte mit Yoko Ogawa alle Aufregung vergessen, meinen Herzschlag beruhigen. Es ist große Kunst, wenn Literatur so etwas vermag.

Der Herr der kleinen Vögel von Yoko Ogawa ist als Taschenbuch erschienen im Aufbau Verlag (ISBN 978-3746632636, 288 Seiten, 9,99 Euro).

4 Comments

  1. Vielen Dank für den Tipp und die Erinnerung. »Das Geheimnis der Eulerschen Formel« habe ich damals sehr gerne lesen, aber leider die Autorin aus den Augen verloren.

    Reply
  2. Das möchte ich auch, liebe Mareike … sie alle lesen, mit ihnen lächeln und nicken, angerührt sein, Tränen in den Augen haben … alle Aufregung vergessen, meinen Herzschlag beruhigen …
    Super schöner Text!

    Reply

Kommentar verfassen