Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Juli Zeh: Nullzeit

Zeh„Unter Wasser waren die Beziehungen einfach, Bedürfnisse eindeutig und Reaktionen radikal“

„Wer zehn Meter in die Tiefe tauchte, reiste zugleich zehn Millionen Jahre in die Evolutionsgeschichte zurück – oder an den Anfang der eigenen Biographie. Dorthin, wo das Leben begann, im Wasser schwebend und stumm. Ohne Sprache keine Begriffe. Ohne Begriffe keine Begründungen, ohne Begründungen kein Krieg. Ohne Krieg keine Angst. Nicht einmal die Fische fürchteten uns.“

Kein Wunder also, dass Tauchlehrer Sven so gern unter Wasser ist. Er ist ein Aussteiger, hat dem Leben in Deutschland schon in jungen Jahren den Rücken gekehrt und sich auf eine kleine, raue Insel zurückgezogen, keine Touristeninsel, sondern eine, die noch als Geheimtipp gilt. Dort führt er mit seiner Freundin Antje ein kleines Business, betreut Urlauber, die tauchen möchten, rund um die Uhr – und verdient damit gutes Geld. Als die Schauspielerin Jola mit ihrem Lebensgefährten, dem Schriftsteller Theo, für zwei Wochen einen Intensivkurs bucht, sagt Sven freilich nicht Nein, es geht um einen fünfstelligen Betrag. Jola ist Anfang dreißig und schön, Tochter eines reichen Unternehmers, Soap-Darstellerin, die den Sprung in die seriöse Schauspielerei noch schaffen will. Daher der Tauchunterricht: Sie möchte vorsprechen für die Rolle der Lotte Hass.

„Naja, Urlaub: Eigentlich bin ich hier, weil ich diese Rolle will. Ich brauche die Rolle. Lotte ist meine letzte Chance. Ich habe Lottes Foto aus dem Buch gerissen und im Schlafzimmer über das Bett gepinnt. Ich könnte sie die ganze Zeit anschauen. Das Mädchen auf dem Meeresgrund.“

Sven versucht, keine persönlichen Beziehungen zu seinen Kunden aufzubauen, doch schon bald begehrt er Jola, die mit ihm spielt, und verabscheut Theo, der seine Freundin zu schlagen und zu manipulieren scheint. Doch was davon ist wahr, was ist erfunden? Plötzlich sieht der Tauchlehrer sich gefangen in einem Netz, das ihm sehr gefährlich werden könnte.

Nullzeit von Juli Zeh ist ein meisterhaft erdachtes Buch. Auf gerade mal 250 Seiten gelingt es der hochgelobten deutschen Autorin, mehr Spannung zu erzeugen als anderen in einem 700-Seiten-Thriller. Und was noch besser ist: Ihr Roman bleibt dabei, im Gegensatz zu vielen ebendieser Thriller, stets glaubwürdig. Als Leser ergeht es einem wie Sven: Man genießt das schöne Wetter und die interessanten Tauchgänge, wundert sich über das kuriose Verhalten von Jola und Theo, glaubt sich in einem harmlosen, netten Flirt – und merkt dabei gar nicht, wie man hineingezogen wird in ein überraschend mörderisches Spiel. Und das, obwohl man im Gegensatz zu Sven Einblick hat in Jolas Tagebuch. Das ist das Perfide und das Perfekte an diesem Buch. Wirklich gut gemacht! Zufällig habe ich Nullzeit mit in den Urlaub genommen, weil ich da traditionell nur Taschenbücher mitnehme, und am Strand gelesen, was der Geschichte quasi noch die passende Kulisse gab – und ich habe Angst davor, unter Wasser zu sein, kann es mir im Leben nicht vorstellen, einen Tauchkurs zu machen, weshalb der Roman für mich noch beklemmender war. Faszinierend, wie eindringlich die Autorin die Tauchszenen beschrieben hat. Es war an meinen Fingern festgewachsen, so wenig konnte ich das Buch aus der Hand legen.

Ich kenne von Juli Zeh bisher nur Schilf, vor exakt sieben Jahren gelesen, ansonsten keinen ihrer vielfach ausgezeichneten Romane. Aber ich kann ihren Erfolg absolut nachvollziehen, er ist auf jeden Fall verdient: Sie hat wahnsinnig gute Ideen, ihre Plots sind schlau und durchdacht, und sie beherrscht das Handwerk des Schreibens. Seit vielen Jahren meide ich Spannungslektüre, aber nach Nullzeit kann ich nur sagen: Wenn, dann müsste sie so sein wie dieses Buch. Niveauvoll und hervorragend geschrieben, mit unerwarteten Wendungen und dunklen Motiven, zutiefst böse und doch glaubwürdig bis zum Schluss. Ein Roman, bis an den Rand angefüllt mit allem, was menschlich ist: Egoismus und Neid, Begehren, Angst, Hoffnung – und diese absurde Neigung, die wir haben, ausgerechnet jenen Menschen das Leben zur Hölle zu machen, die wir lieben.

Nullzeit von Juli Zeh ist als Taschenbuch erschienen bei btb (ISBN 978-3442745692, 256 Seiten, 9,99 Euro). Genauso begeistert wie ich ist übrigens Tobias vom Buchrevier.

One Comment

  1. Dieses Buch ist von einem noch kühleren, messerscharf analytischen Blick gekennzeichnet, als viele andere. Die neuesten kenne ich nicht, aber mein absoluter Favorit – übrigens ursprünglich als Theaterstück verfasst – ist „Corpus Delicti“, eine Dystopie. Danke für die Erinnerung an diese brillante Autorin!

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