Gut und sättigend: 3 Sterne

David Monteagudo: Wolfsland

Monteagudo„Sollten nicht Tiere hinter diesen Gewaltakten stecken, würde ich am ehesten auf die aggressive Natur des Menschen tippen“

„Der Mensch ist zu den schrecklichsten Grausamkeiten fähig, dazu müssen ihm keine Haare, Nägel und Reißzähne wachsen“,

sagt Enrique, Vater des jungen Ich-Erzählers Orlando. Sie leben in einem abgelegenen Dorf in den galicischen Bergen, Orlandos schwangere Mutter ist die Lehrerin. Doch während der Waldhüter nicht an Werwölfe glaubt, tut die restliche Dorfgemeinschaft es sehr wohl: Nach mehreren bestialischen Morden in Vollmondnächten manifestiert sich langsam, aber sicher Panik in den Menschen. Die Opfer sind allesamt Frauen, die misshandelt und blutrünstig zerfetzt wurden. Orlando schwankt zwischen Ängstlichkeit und dem unerschütterlichen Glauben eines Kindes daran, dass der eigene Vater es besser weiß. Doch bald merkt Orlando, dass sein Vater ein Geheimnis hat …

Wolfsland von David Monteagudo ist ein merkwürdiges Buch. Der galicische Autor, der viele Jahre als Mechaniker gearbeitet hat, hat es mittlerweile zu Berühmtheit gebracht, da sein Debütroman in zehn Sprachen übersetzt und verfilmt wurde. Er lässt in seinem zweiten Buch ein Kind erzählen, einen Jungen, der mit der Aufmerksamkeit und Neugier von Kindern beobachtet – dann aber nicht weiß, was er mit diesen Beobachtungen anfangen soll. Darauf beruht die Spannung: Alles ist schon da, nur kann ich als Leser, der durch Orlandos Augen blickt, nicht alles erkennen und es nicht richtig deuten. Erst am Ende, als Orlando erwachsen ist, kommt ans Licht, was damals geschehen ist. Wer für sich selbst die Spannung aufrechterhalten will, darf den Klappentext nicht lesen, denn er verrät alles. Er ist der schlechteste Super-Spoiler-Klappentext aller Zeiten, er enthält und zitiert das Ende des Buchs.

Ich nehme es David Monteagudo übel, dass er sich nicht klar positioniert. Er schreibt hervorragend, atmosphärisch dicht, geheimnisvoll. Aber er beginnt den Roman sehr rational, stellt klar, dass das, was da umgeht, kein Werwolf sein kann. Diese Rationalität fetzt er mir dann um die Ohren, wie einer, der dich halt verarscht hat, doch ebenso schnell kehrt er zu ihr zurück – als sei nichts gewesen. Da denke ich: Entscheide dich, Mann! Da frag ich mich: Ist das nun ein surrealer Roman mit mystischen Elementen – oder doch nicht? Ich bin der Meinung: Er kann nicht beides sein. So oder so ist Wolfsland aber eine literarisch hochwertige Gruselgeschichte.

Lieblingszitat:

„Wenn jemand sich fragt, ob er verliebt ist oder nicht, wenn er sich das immer wieder fragt, vielleicht sogar einen Freund zu Rate zieht, dann ist er wahrscheinlich nicht verliebt, denn die Liebe lässt keinen Raum für Zweifel. So erging es mir mit meiner ersten wahren Lektüre.“

Wolfsland von David Monteagudo ist erschienen im Rowohlt Verlag (ISBN 978-3-499-26950-9, 272 Seiten, 9,99 Euro als Taschenbuch).

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