Gut und sättigend: 3 Sterne

Karolina Ramqvist: Die weiße Stadt

Ramqvist„Angst ist kein wirksamer Bannspruch“
„Es stimmt nicht, dass das, was einem am meisten Sorgen bereitet, nicht eintrifft. Eher wird es das höchstwahrscheinlich tun.“ Das ist Karin spätestens jetzt klar. Jetzt, da sie gar nichts mehr hat. Jetzt, da sie in dem riesigen, aber eiskalten Haus am See sitzt, ohne Heizung, ohne Essen, ohne Geld. Dafür mit einem Baby, das Baby heißt Dream. Karin hat das Baby nicht gewollt, und nun ist es alles, was ihr noch von der Liebe ihres Lebens geblieben ist, dem Gangsterkönig John. Er ist tot, und bald wird Karin auch das Haus verlieren, das Auto, den letzten Rest Würde. Ihre Tage bestehen daraus, Dream zu stillen und zu wickeln, zu schlafen, der Kälte zu trotzen. Karin ist unten, ganz unten, und in ihrer Verzweiflung wendet sie sich an Johns Freunde, die einst behaupteten, ihre Familie zu sein, und sie nun behandeln wie eine Aussätzige.

Karolina Ramqvist, heißt es, sei eine der wichtigsten feministischen Autorinnen Schwedens, und sie beschäftige sich, sagt der Klappentext, mit Themen wie Einsamkeit, Konsum und Rollenmodelle. Das mag zutreffen, denn um alle drei Aspekte geht es auch in Die weiße Stadt. Das Buch, das als Erstes von Ramqvists acht Büchern ins Deutsche übertragen wurde, konzentriert sich sehr stark auf Protagonistin Karin, auf ihre Welt, die einst luxuriös und groß war, nach dem Tod ihres Mannes jedoch empfindlich geschrumpft ist. Sie war nichts weiter als ein Dummchen mit vielen Schuhen und Taschen, hat sich abhängig gemacht und steht plötzlich vor dem Aus. Sie könnte gehen, neu anfangen, doch das Baby fesselt sie, muss versorgt werden, ist auf sie angewiesen. Dass Ramqvist ihre Heldin aufbegehren und kämpfen lässt, wie die Buchbeschreibung ankündigt – jein. In Ansätzen vielleicht. Wobei sie nichts Eigenes auf die Beine stellt, sondern sich erneut abhängig macht von jemand anderem. Und genau dadurch zeigt die Autorin, dass eine solche Frau ihre Rolle nicht verlassen kann, nicht einmal, wenn sie es will.

Die weiße Stadt ist ein kluges, interessantes, wirklich gut geschriebenes Büchlein, aber eben – mit knapp 180 luftig gesetzten Seiten – ein Büchlein. Mir war das zu wenig, muss ich gestehen, was ja andererseits wieder ein gutes Zeichen ist: Ich hätte gern weitergelesen. Ich hätte mir mehr Ausarbeitung, Tiefgang, Handlung gewünscht, mehr Seiten, mehr Einblick in die Figuren. In der vorliegenden Form wirkt der Roman eher wie eine Kurzgeschichte auf mich – dafür allerdings eine sehr gute.

Die weiße Stadt von Karolina Ramqvist ist erschienen bei Ullstein (ISBN 9783550081330, 192 Seiten, 18 Euro). Übersetzt wurde es von Antje Rávic Strubel.

4 Comments

  1. Ich mag deine Rezensionen wirklich gerne. Hört sich nach einem interessanten „Büchlein“ an, das ein ebenso interessantes Thema behandelt. Gibt es von der Autorin nur dieses Buch auf Deutsch?
    Wünsche dir einen wundervollen Tag! ♥

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  2. Ich lese sehr gerne „Büchlein“. Nicht aus Angst vor vielen Seiten, sondern voller Hochachtung vor Autoren, die es schaffen, auf knapp 200 Seiten das Seelenleben ihrer Charaktere auszubreiten und mich zu packen. Für mich ist das große Kunst und deshalb kommt „Die weiße Stadt“ auf meine Merkliste!

    Danke dafür!

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