Für Gourmets: 5 Sterne

Sylvie Schenk: Schnell, dein Leben

Schenk„Eltern stecken in ihren Kindern und können sie schwer und traurig machen“
Louise ist Französin, eine hübsche, aufgeweckte Frau mit Hunger auf das Leben. Sie wird gegen Ende des Zweiten Weltkriegs geboren, und obwohl sie ihn nicht richtig erlebt hat, überschattet dieser Krieg ihr Dasein. Vor allem, als sie sich in einen Deutschen verliebt und mit ihm in seine Heimat zieht. Louises Vater stimmt der Hochzeit zwar schweren Herzens zu, doch die Deutschen bleiben Feinde für ihn. Und wie geht es Louise in dem fremden Land? Ihr jugendlicher Überschwang weicht schnell, sie entdeckt viel Neues über ihren Mann und dessen Familie, nicht alles von positiv, und auch wenn die Ehe hält, verliert sie doch den Zauber des Anfangs. Louise unterrichtet in Deutschland Französisch:

„Alle machen Fortschritte, du vor allem in dieser Umwandlung, deine Muttersprache als Fremdsprache zu unterrichten. Du bist eine Herrin, die, gewohnt, durch weite Wälder zu reiten, auf einmal den Charme eines Gemüse- und Blumengartens entdecken muss.“

Die Jahre verfliegen, Louises Kinder werden groß, und es geht so schnell vorbei, dein Leben.

Im Begleitbrief zu diesem „Lebensbuch“ schreib Martin Kordic, er habe mit Sylvie Schenks Roman gegen Mitternacht begonnen – und das bereut, weil er in dieser Nacht keinen Schlaf bekam. Er musste es in einem Rutsch zu Ende lesen. Ganz so genötigt wie ihn hat diese Geschichte mit autobiografischen Zügen mich nicht, aber ja, doch, sie hat etwas Atemloses. Das liegt an der Hast, die in allem steckt, an dem Drängenden in der Erzählstimme, womit ich nicht sagen will, dass Sylvie Schenk ungenau erzählt. Sie lässt vielmehr ein Leben auf nur 158 Seiten vorbeiflirren, und sie zeigt, ohne es konkret sagen zu müssen, wie wenig Zeit wir haben. Wie sie uns zerrinnt.

Auch die Wahl der zweiten Person Singular sorgt dafür, dass Schnell, dein Leben ein intensives Leseerlebnis ist. Wer ständig mit Du angesprochen wird, bekommt natürlich automatisch das Gefühl, gemeint zu sein, beteiligt zu sein. Und auch wenn dies eine ungewöhnliche Erzählperspektive sein mag, erschien sie mir in diesem Fall sehr natürlich.

„Deine Kindheit ist eine kaum verblasste Musik. Man kann die Noten hintereinander staccato anklopfen oder jeder die Zeit lassen, sich zu einer gebundenen Melodie auszudehnen.“

Dies ist ein wunderbares Buch, poetisch und traurig, nicht verhärmt, nicht verbittert, offen für das, was geschehen ist, liebevoll sich selbst und den eigenen Fehlern gegenüber.

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk ist erschienen bei den Hanser Literaturverlagen (ISBN 978-3-446-25331-5, 160 Seiten, 16 Euro).

8 Comments

  1. Mir ging die Erzählperspektive bei diesem Buch sehr auf die Nerven. Das „Du“ gibt dem Text so etwas Neunmalkluges, versieht die persönlichen Betrachtungen und Ansichten einen Anstrich allgemeiner Gültigkeit.

    Reply
    1. Mariki Author

      Das kann ich gut verstehen! Ich hatte ja letztens schon ein Buch mit dieser Perspektive (Etwas bleibt immer von Edgar Rai), da hat mich das sehr irritiert. Bei Sylvie Schenk dagegen war ich nach wenigen Seiten drin. Ich finde es interessant, dass sie sich dafür entschieden hat. Es ist nicht so autobiografisch wie das Ich, aber auch nicht so distanziert wie die dritte Person.

      Reply

Kommentar verfassen