Für Gourmets: 5 Sterne

Christopher Kloeble: Die unsterbliche Familie Salz

kloeble„Sich selbst wird ein Schatten nie verraten, aber seinen Menschen durchaus“
Jeder Mensch hat einen Schatten. Nicht wahr? Nein, sagt die Mutter von Lola Salz, und vor denen, die keinen haben, sollte man sich in Acht nehmen. Aber nicht nur vor denen – die Welt ist voller Dinge, die gefährlich werden können. Das merkt Lola spätestens, als sie erwachsen ist, selbst Kinder hat und verzweifelt versucht, gemeinsam mit ihnen den Zweiten Weltkrieg zu überleben. Das Familienhotel in Leipzig hat sie nach einem dramatischen Zwischenfall in ihrer Kindheit nie wieder betreten – und sie tut es nicht einmal, um sich und ihre Kinder zu retten. Als das Hotel, der Fürstenhof, später zur DDR gehört und beschlagnahmt ist, versucht Lolas Sohn Karl, ihn zurückzugewinnen. Stattdessen gewinnt er überraschend das Herz einer viel jüngeren Frau – und was die Schatten so treiben, ist auch Jahrzehnte nach dem Tod von Lolas Mutter noch rätselhaft …

Kennt ihr das, wenn ein Buch höchst merkwürdig ist und irgendwie anstrengend, aber trotzdem richtig gut? So ist es mit diesem hier. Mehrmals denke ich während der Lektüre: Whuuut?, und es hat auch seine Längen, aber ich mochte es dennoch, und zwar so gern, dass mich die Schwächen nicht gestört haben. Ich brauchte einfach nur eine Weile, um hineinzufinden in diese ungewöhnliche Geschichte. Christopher Kloeble führt eine Figur nach der anderen ein, lässt sie ausführlich zu Wort kommen – aber nur einmal. Er kehrt nie wieder zu ihr zurück. Er erzählt einfach chronologisch weiter, über Jahrzehnte hinweg.

Und schreiben kann er. Ich kannte Kloeble bereits von seinem Erstling, Unter Einzelgängern, das ich nicht so gut fand, das mir aber schon 2009 Anlass zu der Bemerkung gegeben hat:

Unter Einzelgängern ist eine Studie über eine Familie – und dabei bleibt es auch, ein Roman wird nicht daraus. Dazu hätte Kloeble seine Figuren besser herausbilden und mehr ins Detail gehen müssen. Ich traue ihm das sehr wohl zu und glaube auch, dass er sich als Autor noch stark weiterentwickeln wird.

Die unsterbliche Familie Salz gibt mir Recht. Christopher Kloeble hat sich zu einem gewieften, intelligenten und kreativen Schriftsteller gemausert, dem es mit spielerischer Leichtigkeit gelingt, die Fäden seiner vielschichtigen Story in der Hand zu behalten und konsequent abzuwickeln. Well done! Ein wirklich originelles, verstörendes und leicht seltsames Buch, das mich nachhaltig beeindruckt hat. Eines meiner liebsten Leseerlebnisse im Jahr 2016.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble ist erschienen bei dtv (ISBN 978-3-423-28092-1, 440 Seiten, 22 Euro). Auch Tobias vom Buchrevier fand es sehr gut.

2 Comments

  1. Kathi

    Danke für den tollen Lesetipp.
    Am Anfang dachte ich mir nur „ooooch, schon wieder Krieg“.. du hast es aber auch immer so mit dem 2. Weltkrieg 😉 aber der Aufbau, die verschiedenen Figuren und die Schatten-Thematik hat mich dann doch gefesselt, wirklich ein lesenswertes Buch.

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    1. Mariki Author

      Haha, und dabei mag ich Bücher über den Krieg überhaupt nicht. Ich such mir die nicht bewusst aus, eigentlich leg ich sehr oft eins in der Buchhandlung wieder weg, sobald ich seh, dass es um den zweiten WK geht. Aber ab und zu passiert’s … und beim Kloeble geht’s ja nicht nur darum. Ein total schräges Buch, find ich, aber gut!

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