Bücherwurmloch

5 ungewöhnliche Weihnachtsbuchtipps aus meinem Lesejahr 2016

Bücher verschenken? Sowieso! Nur: welche? Als kleine Orientierungshilfe hab ich euch fünf Titel, die ich 2016 gelesen habe, zusammengesucht. Die liegen ziemlich sicher nicht auf den weihnachtlichen Wühltischen, aber ihr könnt sie bestimmt in eurer lokalen Buchhandlung bestellen.

baumannManfred Baumann: Salbei, Dill und Totengrün
Bekannt wurde Manfred Baumann mit seinen Salzburg-Krimis rund um den Ermittler Merana, von denen einer, nämlich Drachenjungfrau, kürzlich vom ORF verfilmt wurde (anschauen am 15. Dezember!). In diesem Buch versammelt er Kurzkrimis verschiedenster Couleur, die ein verbindendes Element haben: Kräuter. Vor jeder spannenden Geschichte ist das jeweilige Kraut abgebildet und es gibt ein paar Infos zu seiner Wirkung. Was folgt, ist Rätselraten vom Feinsten: Wer hat beim Kräuterseminar im Kloster einen der Teilnehmer erdrosselt, und warum ausgerechnet im Salbeistrauch? Wieso hält eine erstochene Tote, die auf dem Friedhof gefunden wird, eine Alraune in der Hand? Und weshalb dekoriert ein Serienmörder alle seine Opfer mit Engelwurz? Sehr schmackhafte Bissen, diese Kräuterkrimis!
Für: Krimifans, Gourmets, Kräutergartenbesitzer, Freunde niveauvoller Spannung
Salbei, Dill und Totengrün ist erschienen im Gmeiner Verlag (ISBN 978-3-8392-1927-0, 283 Seiten, 12,99 Euro).

GerkAndrea Gerk: Lesen als Medizin. Die heilsame Wirkung der Literatur
Warum lesen wir Menschen eigentlich? Was ist das für eine merkwürdige Fähigkeit, die wir uns da angeeignet haben? Andrea Gerk beschäftigt sich in diesem überaus interessanten Sachbuch mit diesem Thema und bietet eine historische, wissenschaftliche und auch überraschend poetische Übersicht. „Bücher können Trost schenken, Mut machen, Spiegel vorhalten, Zuflucht sein, Erfahrungen vermitteln, Perspektiven ändern, Sinn stiften. Bücher amüsieren und berühren. Und sie können ablenken – nicht zuletzt von uns selbst“, heißt es darin, und: „Prosa und Gedichte sind wie Medikamente. Sie heilen den Riss, den die Wirklichkeit in die Vorstellungskraft schneidet.“ Der große Themenreichtum – von Neurowissenschaft über misshandelte Kinder bis zu Lesen in Klöstern und Gefängnissen – ist fantastisch.
Für: ein absolutes Muss für alle Bibliophilen! Wenn ihr jemanden kennt, der gern liest und dem ihr euch keinen Roman zu schenken traut, weil ihr nicht danebenhauen wollt, schenkt ihm dieses Buch.
Lesen als Medizin. Die heilsame Wirkung der Literatur von Andrea Gerk ist erschienen bei Rogner & Bernhard (ISBN 978-3-95403-084-2, 324 Seiten, 22,95 Euro).

bergmann-kopie-2Emanuel Bergmann: Der Trick
Ein Wunderwerk ist Der Trick von Emanuel Bergmann, ein Zauberding, ein Buch voll doppelter Böden und Überraschungen. Der Autor, der jahrelang für Filmproduktionen in LA tätig war, hat eine wunderbare Geschichte mit Tiefgang geschrieben, die sich trotzdem leicht liest. Zwei Handlungsstränge gibt es, einen vergangenen und einen gegenwärtigen, sowie zwei Buben, deren Leben verschiedener nicht sein könnte: Der eine ist ein Jude in höchster Gefahr, der andere ein verwöhntes Einzelkind. Als sie aufeinandertreffen, ist der eine ein alter Mann, kratzbürstig, egoistisch und versoffen, der andere ein kleiner Junge, der unbedingt einen Liebeszauber braucht, damit sein Vater wieder zurückkommt. Dieses Buch hat mich so begeistert, ich wünschte, ich könnte es nochmal neu lesen. Es ist vielschichtig und originell, raffiniert und gewitzt.
Für: alle, die gern Romane lesen und sich dabei auf hohem Level gut unterhalten lassen wollen. Von der Schwester über den Cousin bis zur Oma, mit diesem Buch könnt ihr nichts falsch machen.
Der Trick von Emanuel Bergmann ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN
978-3-257-06955-6, 400 Seiten, 22 Euro).

heuchertSven Heuchert: Asche
Sven Heuchert bildet in seinen Debütstorys eine Gesellschaftsschicht ab, die Arbeiterschicht, greift sich eine Handvoll Figuren aus der Masse der Hunderttausenden und zeigt, wie sie leben. Das tut er auf ebenso eindringliche wie authentische Weise: So knallhart und verdichtet ist seine Sprache, dass sie wirkt, als käme sie direkt aus den Mündern dieser Menschen. Wie Ohrfeigen sind die Worte, wie Schläge in den Magen, und wuchtiger noch sind ihre Inhalte: Von Einsamkeit erzählen sie und von Schmerz, von Alkoholismus und Brutalität. Hackler heißen diese Arbeiter auf Österreichisch, doch egal, wie man sie nennt: Ihr Leben ist hart. Ihre Hände sind rau und vernarbt, ihre Herzen sind es auch. Nochmal Kurzgeschichten? Ja, aber welche mit Wucht. Die klingen länger nach als so mancher Roman.
Für: alle Mutigen, Short-Story-Freunde, Abseits-vom-Mainstream-Leser, Indiebuch-Fans, Männer.
Asche von Sven Heuchert ist erschienen im Bernstein Verlag (ISBN 978-3-945426-13-5, 184 Seiten, 12,80 Euro).

OzekiRuth Ozeki: A tale of the time being
Dies ist ein herausragend gute Buch mit der Ich-Stimme eines sechzehnjährigen japanischen Mädchens, das seine Geschichte aufschreibt. Aufgewachsen ist Nao in Sunnydale in den USA, doch als ihr Vater seinen Job verlor, musste sie zurück nach Tokyo. Sie spricht die Sprache, aber mehr auch nicht, und so wird Nao schnell zum Ziel grausamster Mobbingattacken. Der Vater schämt sich wegen des Gesichtsverlusts und versucht mehrfach, sich umzubringen. Das Familienleben besteht nur noch aus Schande und brodelndem Schweigen. Ein Lichtblick in Naos Leben ist ihre Urgroßmutter Jiko, buddhistische Nonne und 104 Jahre alt, die ihr zeigt, wie unwichtig vieles von dem ist, was Nao sich so zu Herzen nimmt. Das Buch, dem Nao sich anvertraut, behält wirft sie ins Meer. Und im Zuge des wirbelnden Tsunami landet es an einem weit entfernten Strand, wo die Schriftstellerin Ruth es findet,  im kleinen Ort Whaletown. Sie ist fasziniert von Naos Geschichte, recherchiert und sucht und sorgt sich: Ist Nao noch am Leben?
Für: alle, die auf Englisch lesen können (das Buch gibt es allerdings auch auf Deutsch!), Hobby-Philosophen, Japan-Interessierte, Buddhisten und solche, die gern Buddhisten wären, alle, die Herausforderungen zu bewältigen haben, und alle, die was spüren wollen, wenn sie ein Buch lesen.
Auf Deutsch ist A tale for the time being unter dem Titel Geschichte für einen Augenblick bei den S. Fischer Verlagen erschienen.

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