Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Carson McCullers: Die Ballade vom traurigen Café

14690982_1552281121454165_6272082350950412329_nCarson, Frankfurt und ich
So ein kleines Buch. So eine kleine Geschichte! Mit einer dennoch so großen Wucht. Eingepackt hab ich den schmalen Diogenes-Band, als ich zur Frankfurter Buchmesse geflogen bin, weil er so leicht ist und ich nur Handgepäck mitnehmen konnte. Dann war es in meiner Tasche an meinem ersten Tag in der Stadt, wo ich mir für ein paar Stunden eine Auszeit genommen habe, die – ich will euch nicht mit den Gründen dafür langweilen – ich dringend nötig hatte. Ich saß in einem Café in Sachsenhausen – wo sonst könnte man dieses Buch lesen, wenn nicht in einem Café – und niemand zerrte an mir, keiner musste aufs Klo, keiner aß mir den Apfelkuchen weg, kinderfreie Zeit, es war herrlich. Und dazu Carson McCullers schräge, eigenartige Story über eine starke Frau in einer kleinen Stadt, die auf höchst merkwürdige Weise ins Verderben gestürzt wird – zu einer Zeit, die so anders war als die heutige. Die Autorin, 1917 geboren, ging mit 18 Jahren nach New York und galt mit 23 als literarisches Wunderkind. In ihrem Haus ging die New Yorker Bohème ein und aus. Sie starb 1967, ihre Bücher gelten als Meisterwerke. Sie schreibt schnörkellos und direkt, ohne das Bemühen, möglichst schön klingende Worte zu finden, dafür mit Herz und einer Botschaft, so, wie heutzutage niemand mehr zu schreiben scheint. Und damit ihr euch ein bisschen mehr darunter vorstellen könnt, lasse ich euch hier ein paar ihrer eigenen Worte lesen. Ein wunderbar verrücktes, schmerzhaftes und in seiner Verschrobenheit poetisches Büchlein, das mich in einem besonderen Moment begleitet hat.

„Manche Menschen haben etwas an sich, das sie von den anderen, gewöhnlichen Leuten unterscheidet. Sie besitzen einen Instinkt, den man meistens nur bei Kindern antrifft, ein natürliches Gefühl dafür, zwischen sich und der übrigen Welt einen unmittelbaren und lebendigen Kontakt herzustellen.“

„Die merkwürdigsten Leute können Liebe auslösen. Ein Mann kann ein zittriger Urgroßvater sein und noch immer ein fremdes Mädchen lieben, das er eines Nachmittags vor zwanzig Jahren in den Straßen von Cheehaw sah. Der Prediger kann eine Gefallene lieben. Der Geliebte kann treulos sein, kann fettiges Haar haben oder schlechte Gewohnheiten, ja, und der Liebende mag das alles so deutlich wie alle anderen Menschen erkennen, doch das berührt das Wachstum der Liebe nicht im geringsten.“

„Doch das Herz kleiner Kinder ist ein empfindliches Organ. Ein grausamer Lebensbeginn kann es zu merkwürdigen Formen verkrüppeln. Das Herz eines verwundeten Kindes kann so verkümmern, dass es auf immer und ewig so hart und vernarbt wird wie ein Pfirsichkern.“

„Sie hatten so lange zusammengelebt, die beiden Alten, dass sie sich wie Zwillinge glichen. Sie waren braun und verhutzelt, zwei umherwandelnde Erdnüsse.“

„Das Leben wird oft zu einer einzigen langen, trübseligen Plackerei, um nur die zum nackten Leben notwendigsten Dinge zusammenzuscharren. Verwirrend ist nur, dass alle brauchbaren Dinge ihren Preis haben und nur mit Geld erworben werden können, denn so ist der Lauf der Welt. Ohne zu überlegen weiß man, wieviel ein Ballen Baumwolle oder ein Liter Sirup kostet. Doch das menschliche Leben hat keinen Geldwert, es wird uns umsonst gegeben, und es wird uns genommen, ohne dass wir dafür bezahlen. Wieviel ist es wert? Wenn man um sich blickt, könnte man meinen, dass es wenig oder gar nichts wert ist.“

Die Ballade vom traurigen Café von Carson McCullers (Erstveröffentlichung 1951) ist 1988 erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-20142-0, 128 Seiten, 8,90 Euro).

2 Comments

  1. Eine wirklich schöne Rezension! Ich lese gerade „Leidenschaften. 99 Autorinnen der Weltliteratur“ wo Carson McCullers auch porträtiert wird und habe seitdem unglaublich Lust etwas von ihr zu lesen. Jetzt weiß ich auch mit welchem Buch ich anfange :-)

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