Gut und sättigend: 3 Sterne

J. Ryan Stradal: Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens

stradalEine höchst ungewöhnliche Menüabfolge
Da gibt es Eva Thorwald, und um sie dreht sich alles. Sie ist die Hauptfigur dieses Buchs – obwohl sie darin nur in einem einzigen Kapitel selbst zu Wort kommt. Aber Moment. Alles von Anfang an. Und der sieht für Eva nicht gut aus: Ihre Mutter merkt nämlich, kaum dass Eva da ist, dass sie gar keine Mutter sein will, und sucht das Weite. Der Vater will sehr wohl Vater sein, kann aber nicht, weil er **beep** und leider **beep** (aufgrund von Spoilergefahr wurden manche Teile dieses Satzes unkenntlich gemacht). Eva ist noch zu klein, um davon was mitzubekommen, und wächst fortan durchaus behütet auf. Als sie elf ist, sind selbstgezüchtete Chilis ihre größte Leidenschaft, und als Erwachsene gehören ihre Restaurant-Events zu den angesagtesten der Welt. Es gibt lange Wartelisten dafür, voll mit Leuten, die wahnsinnig viel Geld zahlen, um einmal bei einem dieser sagenumwobenen Geschmackshappenings dabei zu sein. Und auf eine solche Liste hat sich Evas Mutter setzen lassen …

In diesem Roman geht es um jemanden namens Eva und eigentlich auch nicht. J. Ryan Stradal erzählt seine Geschichte nämlich auf höchst unorthodoxe Weise: In jedem Kapitel kommt eine andere Figur vor, die mal mehr, mal weniger mit Eva zu tun hat. Das kann beispielsweise ihre Cousine sein, ein Typ, der mal auf der Highschool in sie verknallt war, oder dessen spätere Stiefmutter. Dazwischen liegen meistens mehrere Jahre. Über Eva erfährt man manchmal nur ein bisschen was in zwei, drei Nebensätzen. Auf diese Raffinesse weist der Klappentext nicht hin, und somit war ich sehr überrascht – ich musste mich mit Stradals Erzählweise erst einmal anfreunden. Nachdem mir das gelungen war, fand ich durchaus Vergnügen daran, weil ich Interlinking Short Stories sehr mag – und die einzelnen Kapitel in Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens eigentlich nichts anderes sind. Jedes für sich erzählt die Story einer Figur, und Eva ist die Schnur, die alle miteinander verknüpft. Irgendwo am Rande taucht immer mal wieder einer auf, den ich schon kenne, und dann freue ich mich, ihn wiederzusehen und zu erfahren, wie es ihm in der Zwischenzeit ergangen ist.

J. Ryan Stradals Debüt hat mir gut getan. Ich hab’s ja normalerweise gern schwermütig und melancholisch, aber im Sommer sehne ich mich nach etwas Leichtem, das zur strahlenden Freibadstimmung passt. Dann stehe ich ratlos vor meinem Zu-lesen-Regal und finde nichts. Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens kam mir da gerade recht: Es hat mich wunderbar unterhalten, war niemals langweilig, und ich konnte mit jedem Kapitel ein Bruchstück von diesem Kosmos rund um gutes Essen, eine merkwürdige Familie und eine geheimnisvolle Frau einfangen. Das passte perfekt zu meinem Zeitbudget, das in den Ferien der Kinder ebenfalls bruchstückhaft ist, denn eigentlich muss ich im Freibad ja in erster Linie im #teamtanga die Wasserrutsche runtersausen, aufpassen, dass keiner absäuft, und Pommes spendieren. Dieser Roman ist heiter und schlau, amüsant und fantasievoll. Das perfekte Sommerbuch, so gesehen, aber ich bin sicher, es wird euch auch im Herbst gefallen. Und im Winter und …

Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens von J. Ryan Stradal ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-06975-4, 432 Seiten, 24 Euro).

2 Comments

  1. Hallöchen :)
    eine wunderschöne Rezension. :)
    Ich habe mich am Anfang auch etwas mit der Erzählweise schwer getan, weil man es eben gewohnt ist, stets in der Nähe der Hauptperson zu sein. Für mich war das völlig neu, schon allein deswegen, weil ich sonst keine Kurzgeschichten lese… aber mir hat das Buch ebenfalls sehr gefallen.
    Liebe Grüße
    Jule

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