Gut und sättigend: 3 Sterne

Tilman Rammstedt: Morgen mehr

RammstedtWährend er schrieb …
… veröffentlichte er schon: Tilman Rammstedts Roman Morgen mehr ist ein Experiment und ein Wagnis. Der Autor, der ungefähr die coolste Socke der Welt sein muss, hat sich getraut, dieses Buch während des Schreibprozesses sukzessive über ein Online-Abo an seine Leser zu verfüttern. Bei diesem Peu-à-peu-Lesen hab ich nicht mitgemacht, aber was aus Tilman Rammstedts mutiger Aktion letztlich geworden ist, das wollte ich dann doch wissen. Und das Buch ist erstaunlich. Dass der Autor – der übrigens schon so einiges veröffentlicht hat, wovon ich nur Der Kaiser von China aus dem Jahr 2008 kannte und sehr mochte – einfach so und ohne Konzept drauflosgeschrieben hat, das kauf ich ihm nicht ganz ab. Zumindest die Rahmenhandlung und ein ungefähres Storyboard wird er schon im Kopf gehabt haben. Generell aber hat er sich für eine geniale Strategie entschieden: mit offenen Karten zu spielen. Da sitzt also einer und muss jeden Tag weitergeben, was er geschrieben hat, kann nicht ändern, umschreiben, löschen, und denkt sich: Ich weiß nicht, wie das gehen soll. Deswegen erschafft er einen Protagonisten, der in der gleichen Lage ist: Er will was erreichen und hat keine Ahnung, wie. Dann beginnt die Reise, von der keiner sagen kann, wo sie enden wird.

Der Ich-Erzähler hat nämlich das Problem, dass er noch gar nicht geboren ist. Würde er aber gern. Um seine Eltern zusammenzubringen und zu seiner Zeugung zu animieren, dazu hat er jedoch nur noch einen einzigen Tag Zeit. Zu allem Übel ahnen die beiden nichts von der Existenz des jeweils anderen, der potenzielle Vater wird gerade im Main versenkt, die potenzielle Mutter hat Sex mit einem Franzosen. Das sind nicht unbedingt die idealen Voraussetzungen für ein spontanes Zusammentreffen der beiden. Aber erstens kommt es ja immer anders und zweitens als man denkt – und das Schicksal hat in diesem Sommer 1972 noch so einiges vor mit diesen Figuren, die erst einmal quer durch Europa fahren, eine frische Ehe sabotieren, vor Ganoven flüchten, den Eiffelturm erklettern und dabei allerlei Überraschungen erleben.

Morgen mehr ist ein Buch, das in großer Eile geschrieben wurde – und mit großer Fabulierkunst. Es hat mich gut unterhalten, war mir aber, das muss ich gestehen, stellenweise viel zu klamaukig. Die Slapstickszenen haben zwar Drive, treffen aber leider nicht meinen Humor. Es liegt in der Natur der Sache, dass das Buch sich rasant und hektisch liest, Atemlosigkeit, Ungeduld und Chaos quellen aus jeder Seite. Darauf muss man sich einstellen und das muss man mögen, um mit Morgen mehr – das optisch ja wohl das schönste Buch des Jahres sein dürfte – seinen Spaß zu haben. Dass Tilman Rammstedt so oft wiederholt, was geschehen ist und was noch nicht, hatte wahrscheinlich den Zweck, den häppchenweise gefütterten Leser nicht zu verlieren, mich hat das ein bisschen genervt. Aber: Chapeau! Der Mann hat Nerven. Außerdem viel Witz, Fantasie und Talent. Von Tilman Rammstedt hören wir sicher bald noch mehr.

Morgen mehr von Tilman Rammstedt ist erschienen bei den Hanser Literaturverlagen (ISBN 978-3-446-25096-3, 224 Seiten, 20 Euro). Eine Besprechung dazu könnt ihr bei Leseschatz und ein Interview mit dem Autor bei Literaturen lesen.

6 Comments

      1. Kathi

        Hab es dir ja eh schon persölich gesagt 😉
        Schließe mich deiner Meinung an. Ist ganz ok – Mir auch etwas zu sehr Slapstick und unrealistisch, aber ein nettes kurzweiliges Lesevergnügen.

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